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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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46 Das Gottesurteil

Ein Augenblick der Bestürzung folgte diesem so rasch vollbrachten Mord. Don Antonio rührte sich nicht mehr.

Fabian schien zu vergessen, daß der Bandit nur die Vollziehung des von ihm selbst verkündeten Urteilsspruchs beschleunigt hatte. »Unglücklicher!« rief er aus und stürzte auf Cuchillo los, den Lauf seiner Büchse in der Hand, als ob er nur die Absicht hätte, sich ihres Kolbens gegen den Henker zu bedienen.

»La, la«, sagte Cuchillo zurückweichend, während Pepe, der geneigter war, dem Mörder Don Antonios zu verzeihen, sich zwischen beide warf. »Ihr seid lebhaft und aufbrausend wie ein wildes Füllen und jeden Augenblick bereit, wie ein Novillo die Hörner zu gebrauchen. Die Indianer sind zu sehr beschäftigt, um an uns zu denken. Es war eine Kriegslist, um Euch schneller den ausgezeichneten Dienst zu leisten, den Ihr von mir verlangt habt. Seid doch nicht undankbar; warum es nicht eingestehen? Ihr wart eben noch in betreff Eures Onkels in der größten Verlegenheit, in die jemals ein Neffe geraten ist... Ihr seid gut, edel, großmütig: Ihr hättet es Euer ganzes Leben hindurch bedauert, diesem Onkel nicht verziehen zu haben, während ich den Knoten zerhauen habe. Ich habe die Gewissensbisse auf mich genommen – das ist alles.«

»Der Schelm hat einen raschen Verstand und eine sichere Hand«, sagte der frühere Grenzjäger.

»Ja«, erwiderte Cuchillo, offenbar geschmeichelt, »ich bin stolz darauf, kein Dummkopf zu sein und mich auf ein zartfühlendes Gewissen zu verstehen; ich habe Eure Gewissensskrupel auf mich genommen. Wenn ich jemand liebe, so vergesse ich mich immer für ihn, das ist mein Fehler. Als ich sah, daß Ihr mir so edelmütig den Dolchst ..., die Schramme verziehen habt, die ich Euch gemacht hatte, habe ich Euch einen neuen Dienst leisten wollen. Und wahrhaftig, ich habe mein Bestes getan, ihn auszuführen; das übrige muß zwischen meinem Gewissen und mir abgemacht werden.«

»Ach«, seufzte Fabian, »ich hoffte immer noch, ihm verzeihen zu können.«

»Was ist dabei zu tun?« unterbrach ihn der frühere Grenzjäger. »Dem Mörder Eurer Mutter zu verzeihen, Don Fabian, wäre eine Feigheit gewesen; einen wehrlosen Mann töten – ich gestehe es zu, selbst nach einem fünfjährigen Aufenthalt im Presidio –, wäre fast einem Verbrechen gleichgekommen. Unser Freund Cuchillo hat uns die Verlegenheit, zu wählen, erspart. Das ist seine Sache. Was denkst du davon, Bois-Rosé?«

»Mit solchen Beweisen wie denen, in deren Besitz wir sind, würde der Gerichtshof einer Stadt den Mörder zur Strafe der Wiedervergeltung verurteilt haben; die indianische Gerechtigkeitspflege hätte ihn ebensowenig geschont. Gott hat gewollt, daß wir nicht das Blut eines Weißen vergießen sollten. Ich sage wie Pepe, das ist Cuchillos Sache.«

Vor diesem Ausspruch des alten Jägers beugte sich Fabian, aber immer noch schweigend, als ob er unter den einander widersprechenden Stimmen, die sich in der Tiefe seines Herzens vernehmen ließen, nicht hätte zur Gewißheit kommen können, ob er sich über diese unerwartete Entwicklung freuen oder darüber trauern sollte. Immer jedoch lagerte eine Wolke tiefer Traurigkeit auf seiner Stirn. Er war weniger als seine beiden wilden Begleiter an blutige Szenen gewöhnt und konnte darum nur seufzend ihren unbarmherzigen Entschlüssen zustimmen.

Während dieser Zeit hatte Cuchillo seine ganze Keckheit wiedergewonnen. Seine Angelegenheiten nahmen die beste Wendung für ihn. Er warf auf die Leiche dessen, der nun nicht mehr sprechen konnte, einen Blick befriedigten Hasses und murmelte halblaut: »Woran hängt doch das Schicksal der Menschen! Vor zwanzig Jahren war mein Leben nur von der Abwesenheit eines Baumes abhängig.« Dann wandte er sich an Fabian: »Es ist also vollständig erwiesen, daß ich Euch einen großen Dienst geleistet habe. Ach, Don Tiburcio, Ihr müßt Euch entschließen, für immer mein Schuldner zu bleiben – aber halt, ich habe da einen Gedanken, Euch die Mittel an die Hand zu geben, Eure Schuld zu bezahlen. Dort liegen unermeßliche Reichtümer, und es handelt sich nur darum, ob Ihr Euch Eures gegebenen Wortes erinnert. Ihr habt es einem Mann gegeben, der – ich wage es zu sagen – sich nicht fürchtet, zum erstenmal für Euch in offenen Zwist mit seinem Gewissen zu geraten.«

Und Cuchillo, der trotz des Versprechens Fabians, ihm das Gold, den Gegenstand seiner Habgier, zu überlassen, recht wohl wußte, daß Versprechen und Halten zweierlei Dinge sind, erwartete mit Unruhe Fabians Antwort.

»Ach, es ist wahr! Ich schulde Euch noch den Blutlohn«, sagte Fabian zum Banditen.

Cuchillo nahm eine beleidigte Haltung an.

»Wohlan, dieses Blut wird Euch prachtvoll bezahlt werden«, fuhr der junge Mann mit verächtlicher Miene fort. »Aber man soll nicht sagen, daß ich mit Euch geteilt hätte; das Gold dieser Mine gehört Euch!«

»Alles?« rief Cuchillo, der seinen Ohren nicht glauben konnte.

»Habe ich es Euch nicht gesagt?«

»Ihr seid toll!« warfen der frühere Soldat und der Jäger ein. »Der Taugenichts hätte ihn für gar nichts getötet! »Ihr seid ein Gott!« rief Cuchillo. »Und Ihr allein schätzt meine Gewissensangst nach ihrer ganzen Größe. – Wie? Alles Gold?«

»Alles bis auf das kleinste Stückchen«, erwiderte Fabian einfach. »Ich will nichts mit Euch gemein haben; nicht einmal dieses Gold.« Und er gab Cuchillo ein Zeichen.

Der Bandit stürzte, anstatt durch die Hecke von Baumwollstauden zu dringen, zu der Stelle hin, wo er sein Pferd angebunden hatte. Einige Minuten nachher kam er mit seiner Zarapa in der Hand zurück. Er bog die ineinandergeschlungenen Zweige, die das Val d'Or umgaben, auseinander und verschwand bald aus Fabians Augen. –

Die Sonne stand im Mittag. Sie verbreitete ein strahlendes Licht und ließ das im Tal verstreute Gold in tausend Farben leuchten. Ein Schauder lief durch die Adern Cuchillos. Sein Herz pochte beim Anblick dieses gelblichen Lichts, das von dem strahlenden Gold ausging; er glich dem Tiger, der in eine Schafhürde einbricht und nicht weiß, welches Opfer er wählen soll; sein verstörtes Auge flog über die zu seinen Füßen ausgebreiteten Schätze, und wenig fehlte, so hätte er in einem Anfall unsinniger Freude sich in diesen Goldwellen gewälzt wie der zu Tode gehetzte Hirsch im Wasser eines Sees. Dessenungeachtet gab ihm die Stärke der habgierigen Leidenschaften selbst, die in seinem Herzen kochten, bald etwas Kaltblütigkeit zurück. Er breitete seinen Mantel auf den Sand, und da er unmöglich alle Reichtümer des Val d'Or mitnehmen konnte, so warf er einen ruhigeren Blick um sich her. Cuchillo traf seine Wahl mit den Augen.

Während dieser Zeit hatte Diaz, der in einiger Entfernung haltgemacht hatte, fast nichts von dieser Szene verloren. Er hatte das plötzliche Erscheinen Cuchillos bemerkt; er hatte die Rolle, die dieser spielen sollte, geahnt; er hatte den falschen Alarmruf des Banditen gehört – endlich war ihm auch der blutige Schluß des Dramas nicht entgangen. Bis dahin hatte er unbeweglich wie die Statue eines Mausoleums in der Ebene angehalten; er beweinte das Schicksal seines Chefs und die Hoffnungen, die sein Tod vernichtete.

Cuchillo war eben im Val d'Or verschwunden, als die drei Jäger Diaz sich erheben und herankommen sahen. Er näherte sich langsamen Schrittes wie die Gerechtigkeit Gottes, deren Werkzeug er auch sein sollte.

Der Zügel seines Pferdes war um seinen Arm geschlungen und seine Stirn, vom Schmerz verdüstert, gegen die Erde gebeugt. Der Abenteurer warf einen trauervollen Blick auf den Herzog von Armada, der in seinem Blut schwimmend dalag; der Tod hatte den Ausdruck unveränderlichen Stolzes auf seinem Antlitz nicht verwischt.

»Ich tadle Euch nicht«, sagte er. »Ich hätte an Eurer Stelle ebenso gehandelt. Wieviel indianisches Blut habe ich nicht schon vergossen, um meinen Rachedurst zu stillen.«

»Das ist der beste Anblick, den man haben kann«, unterbrach ihn Bois-Rosé, indem er mit der Hand in seine dichten grauen Haare fuhr und einen Blick, der von gleichen Gefühlen zeugte, auf den Abenteurer warf. »Pepe und ich können sagen, daß unsererseits ...«

»Ich tadle also nicht, aber ich weine darüber, daß ich fast vor meinen Augen einen Mann mit festem Herzen, einen Mann, der die Zukunft Sonoras in seiner Hand hielt, habe fallen sehen und daß der Ruhm meines Landes mit ihm gestorben ist.« »Er war, wie Ihr sagt, ein Mann mit festem Herzen – aber mit einem Felsenherzen«, sagte Bois-Rosé. »Gott möge seiner Seele gnädig sein!«

Ein schmerzliches Beben ergriff Fabians Herz.

Diaz fuhr in der Leichenrede des Herzogs von Armada fort: »Er und ich, wir hatten von der Befreiung einer mächtigen Provinz, von Tagen des Glanzes geträumt; weder er noch ich, noch irgend jemand wird sie anbrechen sehen. Ach, warum habe ich nicht an seiner Stelle getötet werden können! Niemand würde jetzt noch daran denken, daß ich nicht mehr am Leben sei! Ein Streiter weniger hätte die Sache, der wir beide dienten, nicht gefährdet; der Tod des Chefs aber hat sie für immer zugrunde gerichtet. Die Schätze, die hier im Sand verborgen sein sollen, waren zur Wiedergeburt Sonoras bestimmt; denn ihr wißt vielleicht nicht, daß nahe bei dieser ...«

»Wir wissen es«, unterbrach ihn Fabian.

»Gut«, antwortete Diaz. »Ich habe mit dieser unermeßlichen Goldmine nichts mehr zu tun; ich habe immer den Anblick eines von meiner Hand getöteten Indianers einem Sack voll Goldstaub vorgezogen.«

Dieser gemeinsame Haß gegen die Indianer steigerte noch Bois-Rosés Gefühle für Diaz, der ihm schon durch seinen Mut und seine Uneigennützigkeit soviel Achtung eingeflößt hatte.

»Wir sind im Hafen gescheitert«, fuhr Diaz im Ton bitteren Grolls fort; »und das alles durch die Schuld eines Verräters, den ich Eurer Gerechtigkeit überliefern will – nicht, weil er euch täuschte, sondern weil er das Werkzeug zerstört hat, das in Gottes Hand aus meinem Vaterland ein mächtiges Königreich gemacht hätte.«

»Was wollt Ihr damit sagen?« fragte Fabian. »Soll das heißen, daß Cuchillo ...«

»Dieser Verräter, der zweimal versucht hat, Euch zu ermorden – das erstemal in der Hacienda del Venado, das zweitemal in dem Wald in der Nähe –, er war es, der uns ins Val d'Or führte.«

»Also Cuchillo hat euch dessen Geheimnis verkauft? Ich war dessen beinahe gewiß; aber Ihr, wißt Ihr es auch genau?«

»So genau, als ich eines Tages vor Gott erscheinen werde. Der arme Don Estévan hat mir erzählt, wie das Dasein und die Lage des Schatzes zur Kenntnis Cuchillos gekommen sind: dadurch nämlich, daß er seinen Gefährten, der ihn zuerst entdeckt hatte, ermordete. Wenn Ihr nun der Meinung seid, daß der Mann, der Euch zweimal nach dem Leben getrachtet hat, eine exemplarische Strafe verdient, so liegt die Entscheidung darüber in Eurer Hand.« Nachdem Pedro Diaz diese Erklärung gegeben hatte, machte er sich zum Aufbruch bereit.

»Noch ein Wort!« rief Fabian. »Ist dieser Grauschimmel, der auf dem rechten Vorderfuß strauchelt, schon lange in Cuchillos Besitz?«

»Länger als zwei Jahre, wie ich ihn habe sagen hören.« Diese letzte Szene war Cuchillo entgangen; die Einfassung von Baumwollstauden war dicht genug, um ihm die Aussicht zu rauben! Aber der Blitz hätte vor seinen Füßen einschlagen können, ohne daß er seine Blicke von dem Goldlager abgewandt hätte, das seine Sinne berauschte. Im Sand kniend kroch er über den mit Goldkieseln bedeckten Boden, die dicht nebeneinander lagen wie die Sterne am Himmelsgewölbe. Die Adern seiner Stirn waren angeschwollen, sein Gesicht mit Schweiß bedeckt; er schien mehr das Opfer irgendeiner Seelenqual als der unumschränkte Herr so großer Reichtümer zu sein – ein Ziel, nach dem seine Phantasie unaufhörlich gestrebt hatte.

Diaz beendete seine schreckliche Enthüllung gerade in dem Augenblick, als Cuchillo einigermaßen Herr seiner Gefühle geworden war und auf seinem Mantel eine strahlende Pyramide aufzubauen begann.

»Ach, das ist ein schrecklicher, verderbenbringender Tag«, sagte Fabian, in dessen Herzen der letzte Teil von Diaz' Enthüllung keinen Zweifel mehr zurückgelassen hatte. »Was soll ich mit diesem Mann tun? Sprecht, ihr beide, die ihr wißt, was er mit meinem Adoptivvater getan hat! Pepe, Bois-Rosé, gebt mir Rat, denn meine Kraft und meine Entschlossenheit sind zu Ende; die Aufregung ist zu groß für einen einzigen Tag!«

»Verdient der feige Hund, der deinen Vater ermordete, etwa mehr Nachsicht als der Edelmann, der deine Mutter getötet hatte, mein Sohn?« antwortete entschlossen der Kanadier.

»Möge nun Euer Stiefvater oder irgend jemand anderer sein Opfer gewesen sein – dieser Räuber verdient auf jeden Fall den Tod«, fügte Diaz hinzu, indem er sich in den Sattel schwang, »und ich überlasse ihn Eurer Gerechtigkeit.«

»Ich sehe Euch ungern aufbrechen«, sagte Bois-Rosé zum Abenteurer. »Ein Mann, der wie Ihr der erbitterte Feind der Indianer ist, wäre ein Gefährte gewesen, dessen Gesellschaft ich hochgeschätzt haben würde.«

»Meine Pflicht ruft mich zum Lager zurück, das ich unter dem Einfluß des bösen Sterns des unglücklichen Don Estévan verlassen habe«, antwortete der Abenteurer; »aber es gibt zwei Dinge, die ich niemals vergessen werde: nämlich das Verfahren edelmütiger Feinde und den Eid, den ich in Eure Hände niedergelegt habe, das Geheimnis dieser unermeßlichen Reichtümer niemandem in der Welt zu offenbaren.«

Nach diesen Worten entfernte sich der biedere Diaz in größter Eile, indem er über die Mittel nachdachte, sein gegebenes Wort mit der Sorge für die Sicherheit der Expedition zu vereinen, deren Chef vor seinem Tod das Kommando in seine Hände niedergelegt hatte. Die drei Freunde hatten ihn bald aus den Augen verloren.

Während er sich entfernte, schlug auch noch ein anderer Reiter, den sie ebenfalls nicht sehen konnten, den Weg zu dem mexikanischen Lager ein, indem er einem Arm des Flusses folgte: es war Baraja. Dieser hatte endlich, das Herz noch voll von den abscheulichen Leidenschaften, die ihn seinen Gefährten hatten opfern lassen, und mehr als je vom Golddurst gequält, den Entschluß gefaßt, seine Beute zu teilen, und sprengte zum Lager, um Verstärkung zu holen, weit entfernt, zu vermuten, daß er dort nur Feuer und Schwert – das Ende der Expedition – vorfinden würde.

Die Sonne stieg immer höher und warf ihre Strahlen in dem Tal nur noch auf Cuchillo, der sich gierig über seine Goldernte bückte, und die drei Jäger, die miteinander über sein Schicksal berieten. Fabian hatte schweigend die Ansicht angehört, die Bois-Rosé und der eben marschfertige Diaz ausgesprochen hatten; er wartete noch auf die des früheren Grenzjägers.

»Ihr habt ein Gelübde getan«, begann dieser, »von dem Euch nichts entbinden kann. Arellanos' Frau hat Euch dieses Gelübde auf ihrem Totenbett abgenommen; der Mörder ihres Mannes ist in Eurer Gewalt; Ihr dürft nicht ausweichen!« Als er darauf eine angstvolle Unentschiedenheit auf Fabians Antlitz bemerkte, fügte er mit dem beißenden Spott, der den Grundzug seines Charakters ausmachte, hinzu: »Wenn Euch jedoch diese Rolle so sehr zuwider ist, so will ich sie übernehmen; denn da ich gegen Cuchillo nicht den geringsten Groll habe, so kann ich ihn ohne irgendwelche Gewissensskrupel henken; Ihr werdet sehen, Don Fabian, daß der Schelm nicht über das bestürzt sein wird, was ich ihm sagen werde. Leute, die ein solches Gesicht haben wie Cuchillo, müssen von einem Augenblick zum anderen darauf gefaßt sein, gehenkt zu werden.«

Mit dieser scharfsinnigen Bemerkung näherte sich Pepe der grünen Hecke, die sie von Cuchillo trennte.

Dieser hatte sich um nichts gekümmert, was um ihn her vorgegangen war; er war bezaubert und geblendet von dem goldigen Schein, der unter den Strahlen der Sonne von der Oberfläche des Tals ausströmte; er hatte nichts gesehen, nichts gehört. Seine gekrümmten Finger wühlten im Sand mit der Gier eines verhungerten Schakals, der einen Leichnam ausgräbt.

»Señor Cuchillo! Ein Wort, wenn's gefällig ist«, sagte Pepe, indem er die Zweige der Baumwollstauden halb zurückbog, »Señor Cuchillo!«

Aber Cuchillo hörte nicht. Erst beim dritten Anruf wandte er den Kopf, nachdem er mit einer unwillkürlichen Bewegung des Mißtrauens einen Zipfel seines Mantels über das Gold, das er eingesammelt hatte, geworfen hatte.

»Señor Cuchillo«, fuhr Pepe fort, »ich habe Euch soeben einen philosophischen Satz aussprechen hören, der mir eine hohe Idee von Eurem Charakter gibt.« Sieh da, dachte Cuchillo, indem er seine schweißtriefende Stirn trocknete, da ist noch jemand, der meiner bedarf. Diese Menschen werden unbescheiden; aber, bei Gott, sie bezahlen freigebig! Dann sagte er laut: »Einen philosophischen Satz?« und warf dabei verächtlich eine Handvoll Sand hin, die an jedem anderen Ort die Freude eines Goldsuchers erregt hätte. »Welchen? Ich sage oft dergleichen und immer die besten; die Philosophie ist meine starke Seite!«

Pepe, auf der einen Seite der Hecke, stützte sich in einer Stellung stolzer Nachlässigkeit mit der unerschütterlichsten Kaltblütigkeit auf seine Büchse; er und Cuchillo, dessen Kopf auf der anderen Seite die grüne Einfassung des kleinen Tals überragte, sahen aus wie zwei Nachbarn auf dem Land, die sich über den Wechsel der Witterung unterhalten. Niemand, der sie beide so gesehen hätte, würde den schrecklichen Schluß dieser friedlichen Unterhaltung geahnt haben.

Der frühere Grenzjäger ließ auf seinem Gesicht ein anmutiges Lächeln sehen. »Ich sagte es wohl«, antwortete er. »Woran hängt doch‹, habt Ihr gesagt, ›das Schicksal der Menschen! Vor zwanzig Jahren war mein Leben nur von der Abwesenheit eines Baumes abhängig.«

»Das ist wahr«, erwiderte Cuchillo zerstreut, »ich habe lange Zeit eine Vorliebe für die Gesträuche gehabt, mich seitdem jedoch mit den größten Bäumen wieder ausgesöhnt. Und dann habe ich auch noch einen Lieblingsgrundsatz: nämlich, daß der weise Mann sich über sehr viele kleine Unannehmlichkeiten hinwegsetzen muß.«

»Dabei fällt mir ein«, fügte Pepe nachlässig hinzu, »daß es oben auf diesem abschüssigen Hügel zwei herrliche Tannen gibt, die sich über den Abgrund neigen und die Euch vor etwa zwanzig Jahren viel ernstliche Unruhe verursacht haben würden!«

»Ich sage nicht nein; doch heute mache ich mir geradesoviel daraus wie aus einem Oreganobusch.«

»Ich sagte es wohl.«

»Ich sagte es wohl?« wiederholte Cuchillo etwas ungeduldig. »Ach so, Ihr erzeigtet mir also die Ehre, von mir zu reden? Und zu welchem Zweck?«

»Oh, es war eine einfache Bemerkung. Meine beiden Freunde und ich, wir hatten einige Gründe, zu vermuten, daß in der Nähe dieser Berge sich ein gewisses Val d'Or finden müsse; nichtsdestoweniger jedoch haben wir es erst nach langem Suchen entdeckt. Ihr kennt es also ebenfalls und selbst besser als wir, da Ihr Euch ohne zu zögern und ohne einen Augenblick zu verlieren gerade mitten in eine Goldmine, wie Ihr es nennt, begeben und wahrhaftig schon so viel gesammelt habt, daß Ihr davon eine Kirche für Euren Schutzpatron erbauen könntet.«

Cuchillo dachte jetzt an die Unvorsichtigkeit, die er begangen hatte, und fühlte bei diesem unverdeckten Angriff seine Knie unter sich erbeben. »Es ist auch meine Absicht, dieses Gold nur zu frommen Zwecken anzuwenden«, sagte er, indem er seine Herzensangst, so gut er konnte, verbarg. »Was die Kenntnis dieses wundervollen Tales anlangt, so ist es ein ... so ist es ein Zufall, dem ich sie verdanke.«

»Der Zufall kommt immer der Tugend zu Hilfe«, erwiderte Pepe phlegmatisch. »Wohlan! In Eurer Lage würde ich doch nicht ohne einige Unruhe in betreff der Nähe dieser beiden Tannen sein.«

»Was meint Ihr damit?« sagte Cuchillo erbleichend.

»Nichts weiter, als daß diese Bäume eine von den kleinen Unbequemlichkeiten sind, über die, wie Ihr eben sagtet, der Mensch sich nicht weiter den Kopf zerbrechen müsse. Bei Gott, Ihr habt eine Beute, die einen König neidisch machen könnte!«

»Aber ich habe dieses Gold ehrlich verdient. Um es zu verdienen, habe ich einen Mord begangen; was ich getan habe, ist gewiß nichts Geringes ... Zum Teufel, ich bin nicht gewohnt, umsonst zu morden!« sagte Cuchillo aufgebracht, der sich in den Absichten des Grenzjägers irrte und in seinen beunruhigenden Auslassungen nur das Bedauern einer getäuschten Habgier sah. Wie der Kaufmann, der im Sturm einen Teil seiner Ladung opfert, um den anderen zu retten, so entschloß sich Cuchillo seufzend, auf seine Kosten die Gefahr zu beschwören, von der er sich dunkel und unbestimmt bedroht fühlte. »Ich wiederhole es Euch«, sagte er mit leiser Stimme: »Nur der Zufall hat mir diese Goldmine gezeigt. Ich fühle jedoch die ganze Selbstsucht meines Betragens; meine Absicht geht nicht dahin, Euren Teil mitzunehmen. Hört«, fuhr er fort, »an einer anderen Stelle befindet sich ein Goldblock von unschätzbarem Wert; ehrliche Leute verständigen sich leicht, und dieser Block soll Euch gehören. Ach, Euer Los wird schöner sein als das meinige.«

»Ich hoffe es«, sagte Pepe. »Und wo habt Ihr mir meinen Anteil aufbewahrt?«

»Dort oben!« sagte Cuchillo, indem er auf den Gipfel der Pyramide zeigte.

»Dort oben? In der Nähe jener Tannen? Ach, Señor Cuchillo, wie freue ich mich, daß Ihr einen dummen Scherz nicht übelgenommen habt und daß diese Bäume Euch nicht mehr bekümmern als ein Oreganostrauch. Unter uns gesagt: Don Tiburcio, der scheinbar so in Gedanken versunken ist, bedauert in der Tat nur die ungeheure Belohnung, die er Euch für eine Tat gegeben hat, die er ebenso selbst würde vollbracht haben.«

»Eine ungeheure Belohnung? Es war wohl nur der genaueste Preis; billiger würde ich Verlust gehabt haben!« sagte Cuchillo, der seine gewöhnliche Unverschämtheit beim Anblick der Veränderung wiederbekam, die sich im Wesen und im Ton des ehemaligen Grenzjägers kundgab.

»Einverstanden«, erwiderte dieser; »aber er könnte doch den eingegangenen Handel bereuen, und ich muß gestehen, wenn er mir den Befehl erteilte, Euch den Kopf zu zerschmettern, um Euch loszusein, so würde ich gezwungen sein, ihm zu gehorchen. Erlaubt mir also, ihn herzurufen und ihn zu beruhigen, oder – noch besser – kommt und zeigt mir den Anteil, den Eure Freigebigkeit mir bestimmt hat. Darauf wird jeder seines Weges ziehen, und was Ihr auch sagen mögt – der Anteil, der Euch zufällt, wird alle Eure Erwartungen übertreffen!«

»Vorwärts also!« sagte Cuchillo, der sich glücklich fühlte, eine Unterhandlung, deren Resultat ihn ernstlich zu beunruhigen begann, so vorteilhaft für sich beendet zu sehen. Und indem er auf den Goldhaufen, den er auf seinem Mantel aufgetürmt hatte, einen Blick leidenschaftlicher Zärtlichkeit warf, stieg er zum Gipfel der Anhöhe hinauf.

Er war kaum dort angelangt, als auf Pepes Wink Fabian und Bois-Rosé die steile andere Seite zu erklimmen begannen.

»Niemand kann seinem Schicksal entgehen«, sagte Pepe zu Fabian; »und ich habe es Euch schon vorher gesagt, daß der Schelm keine Miene verziehen würde. Wie es auch kommen mag – denkt daran, daß Ihr geschworen habt, den Tod Eures Adoptivvaters zu rächen, und daß Ihr in diesen Steppen die Gerechtigkeit der Städte, die die Straflosigkeit duldet, beschämen müßt. Bei solchen Taugenichtsen ist Nachsicht ein Verbrechen gegen die Gesellschaft. Bois-Rosé, ich werde die Hilfe deiner Arme nötig haben.«

Der Kanadier befragte mit dem Blick denjenigen, für den seine Ergebenheit keine Grenzen kannte.

»Marcos Arellanos hat um Gnade gefleht und sie nicht erhalten«, sagte Fabian, dessen Ungewißheit aufgehört hatte; »möge diesem da auch geschehen, was er anderen getan hat!«

Und die drei unerbittlichen Männer setzten sich feierlich auf dem Gipfel der Pyramide nieder, wo Cuchillo sie schon erwartete.

Beim Anblick der ernsten Haltung derer, die zu fürchten er in seinem Inneren so viele Gründe hatte, fühlte Cuchillo alle seine Besorgnisse wiederum erwachen. Er versuchte indessen, sein zuversichtliches Betragen wieder anzunehmen. »Seht!« sagte er, indem er hinter der Wasserfläche, deren ehrfurchtgebietendes Rauschen an ihre Ohren schlug, auf die Stelle zeigte, wo bisher der Goldblock seine glänzenden Strahlen ausgesprüht hatte, jetzt aber nur die Spur davon am Ufer des Flusses übriggeblieben war. Das gierige Auge des Banditen hatte bald das Fehlen des Goldblocks bemerkt, und er stieß einen sogleich wieder erstickten Schrei der Wut aus.

Aber die Augen seiner Richter folgten nicht der Richtung, die er angegeben hatte. Fabian erhob sich langsam; sein Blick machte Cuchillos Körper schauern. »Cuchillo«, sagte er, »Ihr habt es verhindert, daß ich vor Durst gestorben bin, und habt Euch keinen Undankbaren verpflichtet. Ich habe Euch den Dolchstoß verziehen, mit dem Ihr mich in der Hacienda del Venado verwundet habt. Ich habe Euch neue Versuche in der Nähe des Salto de Agua, ich habe Euch den Büchsenschuß vergeben, den Ihr allein vom Gipfel der Pyramide habt auf uns abfeuern können. So hätte ich Euch denn alle Versuche verziehen, deren Zweck war, mir das Leben, das Ihr gerettet hattet, zu nehmen. Ich habe sogar noch mehr getan, als Euch Verzeihung zu gewähren: Ich habe Euch auch bezahlt, wie kein König den Vollstrecker seiner Gerechtigkeit bezahlt.«

»Ich leugne es nicht; aber dieser geschätzte Jäger, der mir mit aller nur möglichen Schonung den zarten Punkt auseinandergesetzt hat, auf den Ihr kommen wollt, hätte Euch auch sagen müssen, wie vernünftig er mich in dieser Beziehung gefunden hat.«

»Ich habe Euch vergeben«, fuhr Fabian fort; »aber es gibt außer den anderen noch ein Verbrechen, von dem Euer Gewissen Euch nicht hat freisprechen können.«

»Mein Gewissen und ich, wir verstehen einander sehr gut«, erwiderte Cuchillo mit unheimlichem Lächeln; »wir scheinen uns jedoch von unserem Gegenstand zu entfernen.«

»Jener Freund, den Ihr in feiger Weise ermordet habt ...«

»Er bestritt mir, daß ich die Partie gewonnen hätte, und – wahrhaftig! – wir hatten zuviel Branntwein getrunken«, unterbrach Cuchillo. »Aber erlaubt ...«

»Gebt Euch nicht den Schein, mich nicht zu verstehen!« sagte Fabian, erzürnt über die Unverschämtheit des Banditen.

Cuchillo schien sich zu besinnen: »Wenn Ihr von Tio Tomas sprecht, so ist das eine Sache, von der man niemals recht viel gewußt hat, aber ...« Fabian öffnete den Mund, um kurz und bündig die Anklage auf Arellanos' Ermordung auszusprechen, als Pepe dazwischentrat. »Ich wäre doch neugierig«, sagte er, »die Geschichte von Tio Tomas genau zu erfahren; vielleicht möchte Señor Cuchillo nicht Muße genug haben, seine Memoiren zu schreiben.«

»Ich bin auch stolz darauf«, erwiderte Cuchillo, durch das Kompliment geschmeichelt, »daß ich beweisen kann, wie nur wenige Menschen ein empfindlicheres Gewissen haben als ich. Die Geschichte ist folgende: Tio Tomas, mein Freund, hatte einen Neffen, der den Augenblick, die Erbschaft anzutreten, gern beschleunigen wollte. Ich erhielt von ihm zu diesem Zweck hundert Piaster; das war doch gewiß wenig für ein so schönes Testament! Es war so wenig, daß ich Tio Tomas davon benachrichtigte, und ich erhielt zweihundert Piaster, damit sein Neffe niemals von ihm erben sollte. Ich beging den Fehler ... den Neffen abzufertigen, ohne ihn – wie ich es vielleicht hätte tun sollen – davon zu benachrichtigen. Da fühlte ich denn, wie unbequem ein unzufriedenes Gewissen ist, wie ich es besitze; ich ergriff also das einzige Mittel, das mir noch blieb, mich mit ihm abzufinden. Das Geld des Neffen war ein Gewissensbiß für mich; ich faßte den Entschluß, mich dessen zu entledigen.«

»Des Geldes? Nicht doch! – Und Ihr schicktet nun auch den Onkel dem Neffen nach?« fragte Pepe.

Cuchillo verbeugte sich. »Mein Gewissen hatte mir seitdem auch nicht den kleinsten Vorwurf zu machen. Ich hatte dreihundert Piaster mit der feinsten Ehrenhaftigkeit gewonnen.«

Cuchillo lächelte noch, als Fabian sagte: »Hatte man Euch denn auch für Marcos Arellanos' Ermordung bezahlt?«

Bei dieser Anklage, die wie ein Blitzstrahl auf ihn niederfuhr, entstellte die Blässe des Todes Cuchillos Züge. Er konnte sich nicht länger das Schicksal verhehlen, das ihn erwartete. Die Binde, die seine Augen verhüllte, fiel plötzlich herab, und den Träumen, denen er sich hingegeben hatte, folgte plötzlich eine schreckliche Wirklichkeit. »Marcos Arellanos?« stammelte er mit erloschener Stimme. »Wer hat Euch das gesagt? Ich habe ihn nicht getötet!«

Fabian lächelte bitter. »Wer sagt dem Hirten«, rief er aus, »wo die Höhle des Jaguars ist, der seine Herden zerreißt? Wer sagt dem Vaquero, wohin das Pferd geflüchtet ist, das er verfolgt? Wer zeigt dem Indianer den Feind, den er sucht? Wer dem Goldsucher das Gold, das Gott verbirgt? Nur die Oberfläche des Sees läßt nicht die Spur des Vogels, der über seine Gewässer hinfliegt, nicht die Spur der Wolke zurück, die sich darin spiegelt. Aber die Erde, das Gras, das Moos – alles läßt für unsere Augen, für uns Söhne der Steppe, die Spur des Jaguars, des Pferdes, des Indianers zurück. Wißt Ihr das nicht ebensogut wie ich?«

»Ich habe Arellanos nicht getötet«, wiederholte der Mörder.

»Ihr habt ihn getötet! Ihr habt ihn an dem gemeinschaftlichen Feuer ermordet; Ihr habt seinen Körper in den Fluß geworfen! Die Erde hat mir alles gesagt: von dem Straucheln des Pferdes, das Ihr rittet, bis zu der Wunde am Fuß, die Ihr im Kampf empfangen habt.« »Gnade, Don Tiburcio!« rief Cuchillo, der von der plötzlichen Enthüllung dieser Tatsachen, von denen Gott allein Zeuge gewesen war, sich ganz zu Boden geschmettert fühlte. »Nehmt alles Gold, das Ihr mir gegeben habt, aber laßt mir das Leben; und um Euch dafür zu danken, will ich alle Eure Feinde töten, ich will überall und immer auf einen Wink von Euch ... umsonst ... meinen Vater sogar töten, wenn Ihr es befehlt – aber beim Namen des allmächtigen Gottes, dessen Sonne uns bescheint, laßt mir das Leben, laßt mir das Leben!« wiederholte er, indem er Fabian zu Füßen fiel.

»Arellanos bat Euch auch um Gnade; habt Ihr ihn gehört?« sagte Fabian, sich abwendend.

»Aber ich habe ihn getötet, um all dieses Gold allein zu besitzen. Ich gebe dieses Gold heute für mein Leben – was wollt Ihr mehr?« fuhr er fort, indem er Pepe Widerstand leistete, der ihn hindern wollte, Fabians Füße zu küssen.

Mit schreckentstellten Zügen, den weißen Schaum vor dem Mund, die Augen übermäßig weit, aber ohne Ausdruck geöffnet, flehte Cuchillo noch und suchte bis zu Fabian hinzukriechen. Der Bandit war unter stetem Ringen bis an den Rand der Plattform gekommen. Hinter seinem Haupt stürzte sich der Wasserfall schäumend in die Tiefe.

»Gnade! Gnade!« wiederholte er. »Gnade im Namen Eurer Mutter, im Namen Doña Rosaritas, die Euch liebt! Ich weiß es, daß sie Euch liebt, ich habe es gehört ...«

»Was?« rief Fabian aus, indem er nun ebenfalls auf Cuchillo losstürzte.

Aber die Frage erstarb auf seinen Lippen. Ein Fußstoß des Grenzjägers schleuderte Cuchillo von der Plattform – er stürzte rücklings kopfüber in den Abgrund.

»Was habt Ihr getan, Pepe?« rief Fabian.

»Der Schurke«, sagte der frühere Grenzjäger, »war weder einen Strick noch einen Schuß Pulver wert.«

Ein herzzerreißender Schrei – ein Schrei, der aus dem Abgrund erscholl – übertönte ihre Stimmen und das Rauschen des Wasserfalls. Fabian beugte sich vornüber, wich aber sogleich wie von Entsetzen ergriffen zurück. Er hatte an den Zweigen eines Strauchs, dessen Wurzeln sich nach und nach unter dem Gewicht, das an ihnen lastete, aus dem Felsen lösten, Cuchillo hängen sehen, der, über dem Abgrund schwebend, vor Angst heulte.

»Zu Hilfe!« schrie er. »Zu Hilfe, wenn Ihr noch ein menschliches Herz in der Brust tragt!«

Die drei Freunde wechselten einen unbeschreiblichen Blick. Jeder von ihnen trocknete den Schweiß von seiner Stirn. Alle drei horchten ängstlich. Ein kurzes Schweigen folgte den flehentlichen Bitten Cuchillos. Der übermäßige Schreck erstickte ohne Zweifel seine Stimme, oder sein Verstand war unter einer so schrecklichen Erschütterung erloschen. In der Tat machte ein lautes, noch viel gräßlicheres Gelächter sie fast starr vor Schreck.

»Ah ...! Ah ...!« rief die Stimme des Banditen. »Warum funkeln die Augen Don Estévans so sehr ...? Warum strahlt dieser Goldblock so glänzenden Schein aus ...? Ah, ich habe es ... Don Estévan ... Das Gold ... Seine Augen ... Ah ...! Ah ...!«

Es rauschte einen Augenblick stärker im Abgrund; das war das Zeichen, daß der Körper eben bis auf den Grund des Sees gefallen war, der durch den Wasserfall gebildet wurde, der bald die ganze feierliche Einförmigkeit seiner Stimme wiedergewonnen hatte.

»Ach«, sagte Fabian, »Ihr habt dem menschlichen Gericht seinen erhabenen Charakter genommen.«

»Vielleicht«, antwortete Pepe. »Aber das Gottesgericht, das eben vollzogen wurde, war noch schrecklicher.«

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