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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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42 Der Gefangene

Während seiner ganzen wechselvollen Laufbahn als Soldat und als Seemann hatte sich der Herzog von Armada niemals in einer schrecklicheren Gefahr befunden, als diejenige war, die ihn jetzt bedrohte. Die Ebene bot ihm keinen Schutz gegen die Büchsen des kanadischen Jägers und des Spaniers. Was waren die Feuerwaffen seiner Reiter in ihren ungeschickten Händen gegen Büchsen mit gezogenem Lauf und doppelt so großer Tragweite in den Händen zweier Schützen, deren Auge untrüglich war, deren Arm niemals zitterte?

Diese furchtbaren Gegner hatten noch den Vorteil einer uneinnehmbaren Stellung voraus: sie hatten Felsenzinnen, hinter denen sie geschützt standen. Sobald ein Reiter eine Bewegung machte, eine feindliche Gebärde, so war es wenigstens um zwei von ihnen geschehen.

Don Antonio übersah die ganze Größe der Gefahr, der er ausgesetzt war; aber wir müssen ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sein Mut darum nicht kleiner wurde. Indes konnte diese Lage nicht lange dauern. Alle fühlten das – auf dem Gipfel des Felsens und unten in der Ebene. »Auf! Machen wir endlich der Sache ein Ende!« rief die donnernde Stimme des Kanadiers, dessen Hochherzigkeit nur mit Widerstreben die Vorteile seiner Stellung benützte, während sein Gewissen ihm Vorwürfe machte, Blut zu vergießen, wenn es sich vermeiden ließ. »Ihr habt alle gehört, daß wir es nur mit eurem Chef zu tun haben; ihr müßt euch nun entschließen – ich will nicht sagen, ihn uns auszuliefern, wohl aber ihn durch uns gefangennehmen zu lassen. Zieht euch also in Güte zurück, wenn ihr nicht wollt, daß wir euch wie Apachen oder Jaguare behandeln.«

»Niemals!« rief Diaz. »Wir werden keine solche Feigheit begehen. Ihr seid zuerst gekommen – gut; wir wollen das Feld räumen. Aber Don Estévan wird sich wie wir mit allen Kriegsehren zurückziehen!«

»Abgeschlagen!« rief Pepe. »Wir müssen den haben, den ihr Don Estévan nennt.«

»Widersetzt euch nicht der Gerechtigkeit Gottes«, fügte Fabian hinzu; »die Sache dieses Mannes kann nicht die eurige sein. Wir geben euch fünf Minuten zum Überlegen, dann werden unsere Büchsen und das gute Recht zwischen uns entscheiden.«

»Sagt doch, Don Tiburcio«, rief Oroche Fabian zu; »sofern wir nun einwilligen, uns in Güte zurückzuziehen, soll es uns dann nicht gestattet sein, eine Ladung von diesem Gold mitzunehmen?«

»Jeder etwa einen Hut voll?« fuhr Baraja fort.

»Auch nicht das kleinste Stückchen!« antwortete Pepe.

»Dieses Gold gehört Don Fabian ganz allein!«

»Und wer ist dieser glückliche Sterbliche, den Ihr Don Fabian nennt?« fragte Oroche.

»Dieser hier«, entgegnete Bois-Rosé und zeigte auf Tiburcio.

»Jedem Señor, was ihm gehört«, sagte Oroche und grüßte Fabian mit einem Ausdruck von Haß und Neid, die wegen dieses fabelhaften Glücks in ihm rege wurden.

Pepe nützte diesen Augenblick des Schweigens, das diesen letzten Worten des langhaarigen Gambusinos folgte, um leise zum Kanadier zu sagen: »Deine Großmut kann dich teuer zu stehen kommen, Bois-Rosé! Diese beutegierigen Geier in ihr Lager zurückkehren lassen, heißt uns die ganze Meute auf den Hals ziehen, denn es scheint, daß die Indianer von ihnen geschlagen worden sind. Ich sage dir, diese Menschen dürfen nicht von hier fort. Gebe Gott, daß sie nicht einwilligen, sich zurückzuziehen! Das ist der Grund, warum ich nicht will, daß sie das kleinste Körnchen von diesem Gold mitnehmen.«

»Du hast vielleicht recht«, antwortete Bois-Rosé mit nachdenklicher Miene, »aber sie haben mein Wort, und ich nehme es nicht wieder zurück.«

Pepe hatte sich nicht getäuscht. Die wankende Treue Oroches und Barajas hätte nicht lange standgehalten, wenn sie sich von dem wunderbaren Schatz, den sie halb gesehen hatten, ihren Anteil hätten mitnehmen dürfen, und die abschlägige Antwort des Spaniers brachte die beiden Abenteurer in grenzenlose Wut, die ihre Treue gegen ihren Chef ersetzte.

»Lieber auf der Stelle sterben, als einen Fußbreit zurückweichen!« rief Oroche wütend. »Gut«, sagte Pepe leise.

»Ihr habt nur noch zwei Minuten, um euch zu entscheiden!« rief Bois-Rosé, dessen Büchsenlauf sich genau auf die drei Reiter richtete und das trockene Kraut zerquetschte. »Glaubt mir, erspart uns ein unnützes Blutvergießen; es ist noch Zeit dazu.«

»Zurück, zurück! Die Zeit drängt!«

Mediana bewahrte mit stets erhobener Stirn ein düsteres Schweigen.

Pedro Diaz war unerschütterlich in seinen Gefühlen von ritterlicher Ehre; er war entschlossen, mit dem Chef, dessen Leben ihm für die Wiedergeburt seines Vaterlands so kostbar war, zu sterben, und warf einen fragenden Blick auf Don Estévan.

»Kehrt ins Lager zurück!« sagte der spanische Señor. »Überlaßt einen Mann seinem Geschick, der von nun an Eurer Sache nichts mehr nützen kann, und kehrt zurück, meinen Tod zu rächen!«

Aber Diaz blieb unbeweglich wie eine Reiterstatue; bald darauf aber näherte sich der gewandte Reiter Don Estévan, ohne daß man sah, wie sein Fuß oder seine Hand sein Pferd berührte. Als sein Knie an das des Spaniers stieß, nahm er seine frühere Regungslosigkeit wieder an. Den Blick auf den kanadischen Jäger geheftet und ohne daß seine Lippen sich zu bewegen schienen, fand er Gelegenheit, seinem Chef ins Ohr zu flüstern: »Tretet fest in die Bügel...; nehmt Euer Pferd zusammen ... und laßt mir freie Hand!«

Der frühere Grenzjäger folgte unterdessen mit wachsamen Augen den verschiedenen Bewegungen seiner Gegner.

Don Estévan machte ein Zeichen mit der Hand, als ob er einen Aufschub verlangen wollte. »Oroche und Baraja«, sagte er zu ihnen so laut, daß seine Worte bis auf die Plattform des Felsens gehört wurden, »das Lager bedarf aller seiner Verteidiger; kehrt mit dem edlen und braven Diaz dahin zurück, er soll von nun an euer Chef sein! Ihr werdet den Männern, die ich befehligte, sagen, daß dies mein letzter Wille ist.«

Oroche und Baraja hörten mit scheinbarer Unentschiedenheit die Aufforderung Don Estévans; aber auf dem Grund ihrer Seele bedachten die beiden Abenteurer, daß es freilich ein schreckliches Herzeleid sei, mit ihren gierigen Händen nicht in den fast vor ihren Füßen liegenden Goldklumpen wühlen zu können; daß es aber doch besser sei, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben und das Leben mit der Hoffnung zu erhalten, an einem oder dem anderen Tag zum Val d'Or zurückzukehren. Sie waren also entschlossen, sich womöglich nicht töten zu lassen; beide wollten aber, ohne sich verabredet zu haben, anstandshalber ihr scheinbar edles Zögern wenigstens so lange wie möglich verlängern.

»Ich will wetten, daß dieser Schelm, der mit der Hand durch seine langen Haare fährt, als ob es ihm widerstrebte, Reißaus zu nehmen, ebenso wie sein Gefährte in der Lederweste den Befehlen seines Führers niemals mit größerem Eifer gehorcht hat. Aber bei allen Teufeln! Ist das nicht einer von den beiden Schelmen, die im Wald bei der Hacienda auf uns geschossen haben?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Bois-Rosé. »Ich war zu weit von ihnen entfernt, um ihr Gesicht zu erkennen; was liegt auch daran?«

In diesem Augenblick machte Baraja auch ein Zeichen mit der Hand. »Wir können nur den Befehlen unseres Führers gehorchen«, sagte er. »Wir kapitulieren, sosehr sich auch unser Stolz dagegen sträubt.«

»Die Geschichte ist voll von Kapitulationen«, fügte Oroche hinzu, »und ich wüßte nicht, daß man sich dadurch entehrt hätte, wenn man sich dem Feind ergibt, sobald das Los der Waffen gegen die eine Partei entschieden hat. Wir sagen also Euch, Don Fabian, und Euren beiden Freunden ergebenst Lebewohl.«

Ohne den Anschein zu haben, als bemerkten sie den verächtlichen Blick, den ihnen Diaz zuschleuderte, schwenkten die beiden würdigen Männer mit der einen Hand ihren Hut, wandten mit der anderen ihre Pferde und entfernten sich, als Pepe seine Büchse mit unheimlichem Geräusch auf die Plattform stieß.

»Con mil rayos!« rief der frühere Grenzsoldat mit furchterregender Stimme. »Lautet denn unser Vertrag, daß ihr euch mit Waffen und Gepäck zurückziehen sollt?«

»So haben wir es verstanden!« rief Oroche. »Wenn es anders gemeint ist, wollt ihr dann vielleicht herabkommen und unsere Waffen in Empfang nehmen?«

»Werft sie in den See dort unten, und macht euch davon!« antwortete Pepe.

»So sei es!« antwortete Baraja, der seine Büchse mit einer Hand ergriff, als ob er sie fortwerfen wollte, sie jedoch schnell an die Schulter brachte und auf den Gipfel der Anhöhe Feuer gab.

»Seht ihr?« rief Pepe mit spöttischer Miene, ohne nur eine Bewegung zu machen, als auch Oroche Anstalten machte, dem Beispiel seines Gefährten zu folgen.

Der Gambusino jedoch verlor seine Zeit nicht mit Zielen, sondern spornte sein Tier heftig dem Pferd Barajas nach, das eben zur Seite gesprungen war, und beide verschwanden hinter dem Felsenwall, der sich auf der einen Seite des Val d`Or erhob.

»Das ist deine Schuld, Bois-Rosé! Du bist zu großmütig, und wir werden nun diese beiden Schelme früher oder später aus ihrer Festung vertreiben müssen. Ach, hätte ich doch nur auf mich gehört!«

Der Kanadier zuckte mit den Schultern und murmelte einige Worte von Gesindel und trauriger Rache, als plötzlich Don Estévan einen verzweifelten Entschluß zu fassen schien.

»Bücke dich, um Gottes willen, Fabian!« rief Bois-Rosé. »Der Schelm will Feuer geben!«

»Vor dem Mörder meiner Mutter niemals!« sagte Fabian und blieb aufrecht stehen.

Aber rasch wie der Gedanke senkte sich der Arm des Kanadiers schwer auf seine Schulter und ließ ihn aufs Knie niedersinken.

Don Estévan suchte vergebens ein Ziel für sein doppelläufiges Gewehr. Man sah außer der furchtbaren, auf ihn gerichteten Büchse Bois-Rosés niemand mehr auf der Plattform, obgleich der Jäger, den Befehlen Fabians gehorsam, den Kampf nicht dadurch beenden wollte, daß er den Mann vom Pferd schoß, den sein Sohn lebendig haben wollte.

Diaz beschloß diese Lage der Dinge, von der er nur das Resultat sah, den schrecklichen Beweggrund aber nicht ahnte, zu nützen. Er schwang sich mit ebensoviel Mut als Verstand und Gewandtheit hinter Don Estévan, der seinem Rat gemäß an seiner Seite geblieben war, auf die Kruppe. Der unerschrockene Parteigänger schlang seine Arme um den Reiter, den der Stoß erschüttert hatte, ergriff die Zügel des Pferdes, ließ es rasch sich bäumen und umwenden und entfloh, indem er mit seinem Leib wie mit einem Schild den Führer deckte, den er mit Gefahr seines Lebens retten wollte.

Während Fabian und Pepe, von gleicher Leidenschaft getrieben, sich auf die Gefahr hin, ihre Glieder zu zerschmettern, die abschüssigen Seiten des Hügels hinabgleiten ließen, folgte Bois-Rosé mit seiner Büchse, deren langer, schwerer Lauf in seinen Händen wie auf einer eisernen Gabel ruhte, den Sprüngen des Pferdes in der Ebene. Die beiden Reiter flohen in gerader Linie vor ihm und schienen nur aus einem Leib zu bestehen. Die Kruppe des Pferdes oder Diaz' Schultern – das war das einzige Ziel für seine Kugel. Kaum war einmal von Minute zu Minute der Kopf des Tieres vor ihnen sichtbar. Diaz zu opfern, war ein unnützer Mord, denn Don Estévan entkam doch; noch einen Augenblick mehr, und die Flüchtlinge waren außer Schußweite. Aber der Kanadier gehörte zu jenen Schützen, die einen Fischotter oder einen Biber mit der Kugel ins Auge treffen, um den Balg zu schonen – und hier sollte er den Kopf eines Pferdes treffen!

Nur eine Sekunde bog der edle Renner, der die beiden Reiter davontrug, den Kopf unter dem Einfluß des Zügels leicht zur Seite – diese Sekunde genügte dem Kanadier. Ein plötzlicher Schuß, eine Kugel, die so nahe an ihren Wangen vorbeipfiff, daß die Haut schauerte, das war alles, was die beiden Reiter vernahmen, die kopfüber vom Pferd rollten, das tödlich getroffen zusammenstürzte.

Don Antonio von Mediana und Pedro Diaz erhoben sich kaum, zerstoßen und zerquetscht von ihrem Fall, als Fabian und der Spanier – den Dolch zwischen den Zähnen, die Büchse in der Hand – auf sie zuliefen; ziemlich weit hinter seinen Freunden kam der Kanadier in gigantischen Sprüngen, indem er zugleich wieder seine Büchse lud.

Als dies geschehen war, stand der Kanadier unbeweglich wie eine zweiglose Eiche.

Pedro Diaz war treu bis zum letzten Augenblick; er lief zum Gewehr, das der Hand Don Estévans entfallen und weit weggerollt war, und brachte es ihm zurück. »Verteidigen wir uns bis auf den Tod!« sagte er und zog aus dem Knieband seiner Reitgamaschen ein langes Messer.

Der spanische Señor stand wieder fest auf den Füßen, legte sein Gewehr an und schien einen Augenblick unentschlossen, ob der erste Schuß Fabian oder Pepe gelten sollte; aber der Kanadier wachte in der Ferne. Don Estévan hatte Fabian, den er sich als Opfer ausersehen hatte, noch nicht aufs Korn genommen, als eine Kugel aus Bois-Rosés Büchse die Waffe in seinen Händen traf, von der er eben Gebrauch machen wollte. Das Blei zerbrach das Gewehr an der Stelle, wo der Lauf am Schaft befestigt ist. Die Büchse entschlüpfte den Händen Don Estévans; er selbst verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Sand.

»Endlich! Nach fünfzehn Jahren!« rief Pepe, indem er sich auf Don Antonio stürzte und ein Knie auf seine Brust setzte.

Vergebens wollte der Spanier Widerstand leisten. Sein Arm war durch die Heftigkeit des Stoßes, wodurch ihm seine Büchse aus der Hand gerissen wurde, betäubt und versagte ihm jeden Dienst. In einem Augenblick hatte Pepe den wollenen Gürtel, der mehrmals um seinen Leib geschlungen war, aufgeknüpft und band damit die Hände und Füße seines Feindes fest zusammen. Diaz konnte ihm nicht zu Hilfe kommen, er mußte sich gegen Fabian verteidigen.

Fabian kannte Pedro Diaz kaum. Er hatte ihn nur einige Stunden in der Hacienda del Venado gesehen; aber sein hochherziges Benehmen hatte ein warmes Mitgefühl im Herzen des jungen Mannes erweckt – er wollte sein Leben schonen. »Ergebt Euch, Diaz!« rief er, indem er einem Dolchstoß auswich, den ihm der Abenteurer bestimmt hatte, der entschlossen war, zu sterben und sich nicht zu ergeben.

Während der kurzen Zeit, wo der spanische Jäger Don Antonio knebelte, kämpften Fabian und Diaz mit gleicher Geschicklichkeit und Gewandtheit. Fabian war zu großmütig, um von seiner Feuerwaffe gegen einen Feind Gebrauch zu machen, der zu seiner Verteidigung nur einen Dolch hatte; er suchte nur seinen Gegner zu entwaffnen. Diaz aber war blind vor Rachsucht und sah die edelmütige Anstrengung des jungen Grafen von Mediana nicht. Er hatte den Lauf des Gewehrs in der Hand, und mit dem Kolben suchte er wie mit einer Keule den Arm mit dem Dolch zu treffen, dessen rasche Bewegungen ihn jeden Augenblick bedrohten; aber er hatte es mit einem nicht weniger gewandten und kräftigen Gegner, als er selbst war, zu tun. Diaz sprang rechts und links, wich den Schlägen Fabians aus, und in dem Augenblick, wo der junge Mann den Arm des Mexikaners zu lähmen dachte, fuhr sein Hieb durch die Luft, und abermals blitzte das Messer wie ein Blitzstrahl dicht an seinem Körper.

Bois-Rosé lud seine Büchse nicht wieder, sondern lief hinzu, um einen Kampf zu beenden, in dem Fabian durch seine Großmut eben dabei war, den kürzeren zu ziehen. Auch Pepe, der Don Antonio unfähig gemacht hatte, am Kampf teilzunehmen, stürzte auf die Kämpfenden zu.

Der Mexikaner war nun von drei Männern bedroht, die ihre Kräfte gegen ihn vereinten; er wollte nicht ohne Rache sterben. Er zog den Arm lebhaft zurück und schleuderte das Messer, mit dem er bewaffnet war, wie einen Pfeil auf Fabian los.

Aber Fabian hatte die Bewegung seines Gegners nicht aus dem Auge verloren, und in dem Augenblick, wo der Dolch pfeifend Diaz' Hand entfuhr, begegnete die Büchse Fabians, die er zu gleicher Zeit nach seines Gegners Brust geschleudert hatte, im Flug der mörderischen Waffe des Mexikaners. Der Dolch verlor seine Richtung und bohrte sich nicht weit von Fabian in den Sand; der Kolben des Gewehrs aber traf wie eine gewichtige Waffe mitten auf die Brust.

»Demonio!« rief Pepe und umfaßte kräftig Diaz' nunmehr machtlose Arme. »Muß man Euch denn töten, wenn Ihr Euch gefangengeben sollt ... Ihr seid nicht verwundet, Don Fabian, Gott sei Dank! Sonst ... sagt, was machen wir wohl mit Euch, Freund?«

»Was Ihr mit dem edlen Kavalier dort machen werdet«, antwortete der Mexikaner keuchend und sah dabei auf Don Estévan, der auf dem Sand lag und seine Bande schüttelte.

»Fordert nicht, sein Los mit ihm zu teilen«, erwiderte Fabian; »die Tage dieses Mannes sind gezählt!«

»Welches auch sein Schicksal sein mag – ich will es teilen«, sagte Diaz, der sich vergebens der überlegenen Kraft des spanischen Jägers zu entziehen suchte. »Ich nehme von euch weder Schonung noch Gnade!«

»Spielt nicht mit unserem Zorn!« rief Pepe, dessen heftige Leidenschaften sich entzündet hatten. »Ich bin wenig daran gewöhnt, meinen Feinden zweimal Schonung anzubieten.«

»Ich kenne das Mittel, das ihn geneigt machen wird, Gnade anzunehmen«, sagte Fabian, der Diaz' Messer wieder aufhob. »Laßt ihn los, Pepe; es gibt ein Mittel, sich mit einem mutigen Mann zu verständigen.«

Fabians Ton ließ keine Widerrede zu; Pepe öffnete die Arme und löste so das Eisenband, das den Mexikaner fesselte. Dieser richtete erstaunt, aber mit verächtlichem Mund seine Augen der Reihe nach auf seine drei Gegner.

»Hier, Diaz«, fuhr Fabian fort, indem er seine Büchse weit von sich warf, »nehmt Eure Waffe zurück, und hört mich an!«

Bei diesen Worten reichte Fabian dem Abenteurer mit so edlem Ausdruck seinen Dolch hin, daß dieser davon betroffen wurde; unbewaffnet ging er auf ihn zu, die Brust im Bereich seines Arms. Diaz nahm sein Messer zurück, aber sein Gegner hatte ihm nicht zuviel zugetraut. Die edle Einfachheit hatte seinen Zorn überwunden.

»Ich höre Euch«, sagte er und ließ seinen Dolch zu seinen Füßen fallen.

»Gut«, sagte Fabian mit einem Lächeln, das ihm Diaz' Herz gewann; »ich wußte, daß es so kommen würde.« Und er fuhr bald darauf fort: »Ihr stellt Euch, ohne es zu wissen, zwischen das Verbrechen und die gerechte Rache, die darauf folgt. Wißt Ihr denn, wer der Mann ist, für dessen Rettung Ihr Euer Leben aufs Spiel setzt, und wer diejenigen sind, die es edelmütig schonen wollen? Wißt Ihr nicht, ob wir nicht das Recht haben, von dem Chef, den Ihr ohne Zweifel nur unter dem Namen Don Estévan de Arechiza kennt, eine schreckliche Rechenschaft für eine Vergangenheit zu fordern, von der Ihr nichts wißt? Antwortet mir mit der ganzen Ehrlichkeit Eures Gewissens auf die Fragen, die ich Euch vorlegen will, und entscheidet dann, auf welcher Seite sich Gerechtigkeit und gutes Recht befinden.«

Von solcher Sprache überrascht, hörte Diaz schweigend zu.

Fabian fuhr fort: »Wenn der Zufall Euch in einem bevorzugten Stand hätte geboren werden lassen; wenn Ihr Erbe eines großen Vermögens, Träger eines berühmten Namens gewesen wärt, und ein Mann hätte Euch, um Euch dieses Vermögen und diesen Namen zu rauben und beides selbst zu besitzen, wider Euer Wissen unter den Haufen derer geworfen, die nicht einmal im Schweiße ihres Angesichts ihr täglich Brot sicher verdienen – würdet Ihr der Freund dieses Mannes sein?«

»Ich würde sein Feind sein!« erwiderte Diaz.

»Wenn dieser Mann«, fuhr Fabian fort, »Eure Mutter ermordet hätte, um bis auf die Erinnerung das zu verwischen, was die Natur aus Euch gemacht hatte, was würde er verdient haben?«

»Die Strafe der Wiedervergeltung. Schlag für Schlag, Blut für Blut; so lautet das Gesetz.«

»Wenn Ihr nun den Räuber Eures Namens und den Mörder Eurer Mutter lange Tage hindurch mitten unter stets sich erneuernden Gefahren hitzig verfolgt hättet, und das Los der Waffen hätte ihn endlich in Eure Hände fallen lassen, würdet Ihr das Gesetz, das Ihr anführt, auf ihn anwenden?«

»Ich würde mich schuldig vor Gott und den Menschen glauben, wenn ich es nicht täte.«

»Wohlan, Diaz«, fuhr Fabian nachdrücklich fort; »man hat mir meinen Namen, mein Vermögen geraubt, und man hat meine Mutter ermordet; aus der Tiefe des Abgrunds, in den man mich gestoßen hat, habe ich erst seit kurzer Zeit die Höhe messen können, von der man mich gestürzt hat; ich habe den Mörder meiner Mutter und den Räuber meines Namens verfolgt. Das Los der Waffen hat ihn in meine Hände gegeben, und dort ist er!«

Als Fabian diese Worte gesprochen hatte, deren Ton nicht in die Ohren des Gefangenen klang, zeigte er Diaz mit dem Finger den Grafen von Mediana als den, den die Vorsehung eben in seine Hand gegeben hatte.

Eine Wolke von Schmerz verdunkelte die Augen des Abenteurers beim Anblick des Chefs, dessen Todesurteil er, ohne es zu wissen, ausgesprochen hatte; denn das unerbittliche Rechtsgefühl, das Gott in das Herz des Menschen geprägt hat, sagte ihm, daß Don Estevan sein Schicksal verdient hatte, sofern Fabian ihn nicht mit Unrecht anklagte. Diaz senkte traurig das Haupt, erstickte einen Seufzer und schwieg.

Während sich diese Ereignisse in diesem Winkel der unermeßlichen Steppe zutrugen, hätten die handelnden Personen des Dramas, das aufgeführt werden sollte, sehen können, wie Cuchillo die schwammige Decke über seinem Haupt emporhob, einen gierigen Blick auf das Val d'Or warf und triefend den See verließ; wie einer von den bösen Geistern, denen der indianische Aberglaube diese düsteren Berge zur Wohnung gab.

Aber die feierliche Lage nahm die ganze Aufmerksamkeit Diaz', Bois-Rosés und seiner beiden Gefährten in Anspruch.

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