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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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35 Der Schwarze Falke

Der Tod schien in den Augen der Indianer mitten in der stillen Dunkelheit über der Insel zu schweben, denn die Jäger hielten selbst ihren Atem zurück – und doch näherten sich die Apachen nur mit unendlicher Vorsicht. Der erste, der an der Spitze der Reihe marschierte, war an eine Stelle gekommen, wo das Wasser anfing tiefer zu werden. Es war der Schwarze Falke. Der letzte verließ eben das gegenüberliegende Ufer. Der Augenblick war da, die Befehle des Kanadiers auszuführen.

Aber als Fabian auf den Indianerhäuptling Feuer geben wollte – zum großen Bedauern Pepes, der selbst mit ihm Abrechnung zu halten wünschte – tauchte der Schwarze Falke – sei es, daß er eine Ahnung von irgendwelcher Gefahr hatte, sei es, daß der Widerschein des Mondlichts vom Büchsenlauf eines Jägers ihn gewarnt hatte – plötzlich unters Wasser.

»Feuer!« rief Bois-Rosé.

Zur selben Zeit stürzte der Indianer, der zuletzt marschierte, in den Fluß, um nicht wieder aufzustehen; zwei andere, die Fabian und der Spanier sich ausgesucht hatten, wälzten sich noch einige Augenblicke mitten im Wasser, das bald ihre schon bewegungslosen Körper mit sich fortriß.

Pepe und der Kanadier hatten rasch ihre Büchsen hinter sich geworfen, damit Fabian sie dem Übereinkommen gemäß wieder laden könne, und standen diesmal aufrecht am Rand der Insel, den Fuß vorgestreckt, das Messer in der Hand, in Erwartung eines Angriffs Mann gegen Mann.

»Die Apachen sind noch sieben!« rief der Kanadier mit Donnerstimme; er wollte gern mit einem Mal mit ihnen fertig werden, und sein Widerwille gegen sie war bei ihrem Anblick aufs neue erwacht. »Werden sie es wagen, die Skalpe von zwei Weißen zu nehmen?«

Aber das plötzliche Verschwinden ihres Häuptlings und der Tod dreier Krieger hatte die Indianer aus der Fassung gebracht. Sie flohen nicht, aber sie blieben unentschlossen stehen – bewegungslos wie schwarze Felsen, die halb vom glänzenden Wasser des Flusses bespült werden. »Verstehen die roten Krieger nur Leichname zu skalpieren?« fügte Pepe mit verächtlichem Lachen hinzu. »Sind die Apachen wie die Geier, die nur die Toten zerhacken? Heran doch, ihr Hunde, Geier, ihr memmenhaften Weiber!« brüllte der Spanier beim Anblick seiner Feinde, die diesmal rasch das Ufer erreichten.

Plötzlich bemerkte er in einiger Entfernung einen schwarzen, auf dem Rücken treibenden Körper. Aber noch schwärzere, funkelnde Augen bewiesen, daß es kein Leichnam war, obgleich die herabhängenden Arme und die Bewegungslosigkeit des Körpers den Glauben hätten hervorrufen können.

»Don Fabian, um Gottes willen, meine Büchse! Das ist der Schwarze Falke, der sich tot stellt und sich vom Strom forttreiben läßt. Der Hund konnte mir keine bessere Gelegenheit zur Abrechnung geben.«

Pepe nahm die Büchse aus Fabians Händen und zielte auf den schwimmenden Körper, aber mit Ausnahme der Augen des Kriegers, die wie glühende Kohlen in ihren Höhlungen funkelten, bewegte sich kein Muskel. Pepe senkte die Büchse. »Ich habe mich getäuscht«, sagte er mit lauter Stimme; »die Weißen verschwenden nicht wie die Indianer ihr Pulver auf Leichname.«

Der Körper trieb immer noch auf dem Rücken, die Füße auseinander, die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt; der Strom trug ihn sanft mit sich fort; Pepe nahm wiederum seine Büchse, zielte mit noch größerer Sorgfalt als das erstemal und ließ dann abermals den Kolben sinken. Erst nachdem er glaubte, dem indianischen Häuptling Angst für Angst vergolten zu haben, gab der Spanier Feuer, und der Körper schwamm nicht mehr auf dem Wasser.

»Hast du ihn getötet?« fragte der Kanadier.

»Nein; ich habe ihm nur die Schulter zerschmettern wollen, damit er sich immer an den Schauder erinnere, den er mir verursachte, und an die Verräterei, die er uns vorgeschlagen hat. Wenn er tot wäre, so würde er an der Oberfläche treiben.«

»Du hättest besser daran getan, ihn zu töten!« erwiderte Bois-Rosé. »Ach«, sagte er, mit dem Fuß auf die Erde stampfend, »was ist jetzt zu tun? Ich hoffte der Sache ein Ende zu machen, indem ich diesem Dämon in einem Kampf Mann gegen Mann den Leib aufschlitzte, und nun müssen wir alles wieder von vorn anfangen. Wir können nicht über die Insel hinaus, um sie anzugreifen!«

»Und doch würden wir am besten daran tun.« »Mit Fabian würde ich mich niemals dafür entscheiden«, erwiderte Bois-Rosé mit leiser Stimme; »sonst wäre ich schon auf das entgegengesetzte Ufer geflüchtet, da dieses von den Indianern besetzt ist; denn du kennst sie zu gut, um nicht zu wissen, daß sie dort nach Rache schnauben wie heißhungrige Wölfe.«

Der Spanier zuckte mit stoischem Gleichmut die Schultern; er kannte ebensogut wie der Kanadier die Hartnäckigkeit der Rachgier bei den Indianern. »Ohne Zweifel«, erwiderte er; »aber wir müssen uns entschließen, zu fliehen oder zu bleiben.«

»Bei Gott! Wenn wir beide allein wären, so sollte es das Werk nur einer einzigen Minute sein, die andere Seite des Flusses zu gewinnen. Die sieben Reiter, die jetzt noch übrig sind, würden uns ohne Zweifel einholen; zu zweit jedoch würden wir mit ihnen sicherlich fertig werden – wir haben früher wohl schwierigere Taten zu Ende gebracht.«

»Es würde immer besser sein, als hier belagert zu bleiben wie Füchse, die man in ihrer Höhle ausräuchern kann.«

»Einverstanden!« erwiderte Bois-Rosé mit nachdenklicher Miene. »Aber Fabian und der unglückliche Skalpierte, den wir nicht so der Willkür seiner Henker, die ihn schon so verstümmelt haben, überlassen können? Warten wir mit dem Fluchtversuch wenigstens so lange, bis der Mond untergegangen und die Nacht mit ihrer gewöhnlichen Dunkelheit eingetreten ist.«

Und der Jäger beugte sein Haupt auf sein Knie mit einer Miene der Mutlosigkeit, die auf den Spanier einen traurigen und peinlichen Eindruck machte. Der Kanadier gab seine düstere Haltung nur auf, um einen besorgten Blick auf den Himmel zu werfen. Aber der Mond glitt nur langsam wie immer über die azurene, sternenbedeckte Fläche.

»Gut, es bleibt dabei«, sagte Pepe, indem er sich an die Seite seines Gefährten setzte. »Doch halt – hier stehen fünf Holzstückchen in der Erde, das sind fünf tote Apachen; drei dazu macht acht. Es müssen also zwölf übrigbleiben; warum haben wir nur zehn im Fluß gezählt? Ich glaube dennoch mich nicht zu irren, wenn ich denke, daß der Schwarze Falke die beiden Abwesenden nach Verstärkung ausgesandt hat.«

»Das ist möglich«, antwortete Bois-Rosé. »Ob wir bleiben oder fliehen – die Wahl zwischen beidem ist schrecklich.«

Als jedoch die drei Jäger ein einfaches Abendessen, bestehend aus Fleisch, das in der Sonne getrocknet war, und aus ein wenig grobem Maismehl, zu sich genommen hatten, fielen die Strahlen des Mondes schon schräger auf die leichten Wirbel des Flusses; schon war ein Teil der Baumwipfel in Schatten gehüllt. Mehr als eine Stunde war schon seit dem Versuch der Indianer verflossen, und obwohl kein Geräusch die Stille der Nacht störte, so lauschte doch Pepe, der weniger in Gedanken vertieft war als Bois-Rosé, zuweilen mit einem Gefühl, das an Unruhe grenzte. »Dieser verdammte Mond wird niemals untergehen«, sagte er. »Ich bin unruhig; es ist mir, als ob ich das Wasser von irgendwelchen Füßen rauschen hörte, und das Geräusch ist nicht das der Wirbel im Fluß. Die Büffel kommen ebenfalls nicht, um zu dieser Stunde der Nacht ihren Durst zu löschen.« Bei diesen Worten erhob sich der Spanier, beugte sich vor, um stromauf- und stromabwärts zu blicken – das heißt, rechts und links der ganzen Ausdehnung seines Laufs mit den Augen zu folgen –, aber oben wie unten breiteten Nebelschichten, die sich wirbelnd erhoben, schon in kurzer Entfernung einen undurchdringlichen Schleier vor dem Auge des Jägers aus. Die Kühle der amerikanischen Nächte, die auf die glühende Hitze des Tages folgt, ballt so die Ausdünstungen der Erde und des von der Sonne erwärmten Wassers zu dichten Wolken zusammen. »Ich sehe nur Nebel!« sagte Pepe ärgerlich.

Nach und nach jedoch erstarb dieses ungewisse Geräusch im Ohr des spanischen Jägers, und die Luft war wieder ruhig und still. Abermals verging eine lange Zeit; der Mond neigte sich immer mehr seinem Untergang zu; die wandernden Sternbilder befanden sich nicht mehr mitten am Himmel; die Natur schlief unter ihrer Decke von weißen Dünsten, als die Verteidiger der Insel plötzlich erbebten und einander bestürzt ansahen.

Ein Geheul hatte sich auf beiden Seiten des Flusses zugleich mit so anhaltendem und durchdringendem Klang erhoben, daß, als der Mund derer, die es ausgestoßen hatten, schon geschlossen war, es die Echos von beiden Ufern wiederholten. Von nun an wurde die Flucht unmöglich; die Indianer schlossen die Insel auf jeder Seite zugleich ein. Die beiden Jäger hatten zuviel Erfahrung, um noch daran zu zweifeln.

»Der Mond kann nun untergehen!« sagte Pepe, indem er wütend die Fäuste ballte. »Ach, ich sagte es wohl, daß ich den beiden Absendern und dem Geräusch, das ich vernahm, mißtraute; es waren nur die Indianer, die nach dem anderen Ufer übersetzten. Wer weiß nun, wie viele Feinde wir um uns haben?«

»Was schadet es«, antwortete der Kanadier mit düsterer Miene, »daß hundert Geier da sind, unsere Leichname zu zerreißen, wenn wir nicht mehr sein werden, daß hundert Indianer um sie herum heulen?«

»Es ist wahr, die Zahl tut unter solchen Umständen nichts zur Sache; aber wenn dieser Tag ein Tag des Triumphes für die Indianer sein soll, so werden die Geier gewiß dabei verlieren.«

»Willst du nicht deinen Todesgesang wie die Indianer anstimmen, die, an den Pfahl gebunden, die Skalpe zählen, die sie genommen haben?«

»Und warum nicht? Das ist eine sehr gute Sitte; die Erinnerung, daß wir als Männer gelebt haben, hilft uns, als Helden zu sterben.«

»Denken wir vielmehr daran, als Christen zu sterben«, entgegnete Bois-Rosé. Dann zog er Fabian zu sich heran und fuhr fort: »Ich kann mir nicht recht klar darüber werden, mein vielgeliebtes Kind, was ich alles für dich geträumt hatte. Ich bin halb wild, halb zivilisiert, und meine Träume zeugen davon. Bald wollte ich dir deine weltliche Größe, deine Ehren und deine Titel wiedergeben und damit noch die Schätze des Val d'Or verbinden. Bald träumte ich für dich nur von den glänzenden Erscheinungen der Steppe, von jenem erhabenen Zusammenklang in der Natur, der den Menschen in Schlaf wiegt und ihn bei seinem Erwachen freudig begrüßt; aber alles, was ich zu sagen vermag, ist, daß der vorherrschende Gedanke meines Herzens war, dich niemals zu verlassen. Muß es nun im Tod geschehen, den wir vereint finden? Sollst du – so jung, so kühn, so schön – dasselbe Los mit einem Mann teilen, der morgen in dieser Welt nutzlos sein würde?«

»Wer würde mich lieben, wenn du nicht mehr da bist?« erwiderte Fabian mit einer Stimme, der diese verzweifelte Lage nichts von ihrer Zärtlichkeit und Festigkeit raubte. »Ehe ich dich wiedergefunden hatte, deckte das Grab alles, was ich liebte; der einzige Überlebende, der es mir ersetzen konnte, das warst – du. Was sollte ich noch in dieser Welt bedauern?«

»Die Zukunft, mein Kind, die Zukunft, in die die Jugend hineinzustürzen strebt wie der durstige Hirsch in das Wasser eines Sees ...«

Der dumpfe Knall entfernter Schüsse unterbrach diese melancholischen Betrachtungen des alten Jägers. Es war die Stunde, wo die Indianer das Lager Don Estevans angriffen. Sie zeugten von einem heftigen Kampf zwischen den Weißen und den Indianern. Der Leser kennt dessen Ausgang.

Eine laute Stimme, die vom gegenüberliegenden Ufer erscholl, mischte sich in die wiederholten Salven: »Mögen die Weißen ihre Ohren öffnen!«

»Das ist wieder dieser Hund, der Schwarze Falke!« sagte Pepe, der die Stimme des von ihm verwundeten Häuptlings wiedererkannte.

In der Tat unterstützten ihn zwei Krieger mit ihren Armen.

»Wozu nützt es, die Ohren zu öffnen?« rief Pepe mit Stentorstimme, indem er sich des Gemischs aus der spanischen und der Apachensprache bediente. »Die Weißen lachen über die Drohungen des Schwarzen Falken und verachten seine Versprechungen.«

»Gut«, antwortete der Indianer; »die Weißen sind mutig, und sie werden auch ihres ganzen Mutes bedürfen. Die weißen Männer aus dem Süden werden jetzt angegriffen; warum stehen die Männer aus dem Norden ihnen nicht gegenüber?«

»Weil ihr schon gegen sie kämpft, du Vogel mit traurigem Gefieder; weil die Löwen nicht mit den Schakalen jagen; weil die Schakale nur heulen können, wenn der Löwe seine Beute verschlingt. – Bedanke dich für das Kompliment, du Schelm; es ist die schönste Blüte indianischer Redekunst!« fügte Pepe aufgeregt hinzu.

»Es ist gut!« antwortete der Häuptling. »Die Weißen machen es wie der Indianer, der besiegt seinen Sieger verhöhnt. Aber der Adler lacht über die Schmähungen des Spottvogels, der alle Stimmen nachahmt; der Spottvogel ist es auch nicht, den der Adler seiner Anrede würdigt.«

»Wer denn?« rief Pepe, den dieses Gleichnis nicht gerade besänftigte.

»Der Riese ist es, sein Bruder! Der Adler von den schneebedeckten Bergen, der es verschmäht, die Sprache anderer Vögel nachzuahmen.«

»Was wollt ihr von ihm?« rief die Stimme Bois-Rosés dazwischen.

»Der Indianer möchte hören, daß der Krieger des Nordens um sein Leben bittet«, erwiderte der Häuptling.

»Ich habe eine entgegengesetzte Forderung an Euch zu stellen!« sagte der Kanadier.

»Ich höre«, erwiderte der Indianer.

»Wenn Ihr bei der Ehre eines Kriegers, bei den Gebeinen Eurer Väter schwören wollt, meine drei Gefährten unverletzt ziehen zu lassen, so will ich hinüberkommen – ganz allein, ohne Waffen – und Euch meinen zuckenden Skalp auf meinem Kopf überbringen. Das wird ihn in Versuchung führen«, schloß Bois-Rosé leiser.

»Aber bist du toll geworden, Bois-Rosé?« rief Pepe, wie ein verwundeter Tiger aufspringend.

Fabian stürzte auf den Kanadier zu. »Beim ersten Schritt, den Ihr nach den Indianern hin tut, durchbohre ich mich mit diesem Dolch!« sagte der junge Mann heftig.

Der rauhe Jäger fühlte, wie sein Herz sich beim Klang dieser beiden Stimmen öffnete, die er so sehr liebte. Der Indianer hatte nicht geantwortet und bedachte sich ohne Zweifel. Ein kurzes Schweigen herrschte einen Augenblick lang, wurde aber bald von der Antwort des Indianers unterbrochen.

»Der Schwarze Falke will, daß der Weiße aus dem Norden sein Leben von ihm fordert, und er fordert den Tod. Sie verstehen einander nicht. Mein Wille ist folgender: Der Mann aus dem Norden verlasse seine Gefährten, und ich schwöre bei der Ehre eines Kriegers, bei den Gebeinen meiner Väter, daß sein Leben sicher ist; aber nur sein Leben allein – die drei anderen müssen sterben!«

Bois-Rosé würdigte dieses Anerbieten, das noch schimpflicher war als das, sich mit ihm gegen die Mexikaner zu verbinden, keiner Antwort.

Der indianische Häuptling wartete also vergeblich, daß der Kanadier seine Vorschläge annahm oder zurückwies. Er fuhr darauf fort: »Bis zu ihrer Todesstunde hören die Weißen jetzt die Stimme eines Häuptlings zum letztenmal. Meine Krieger haben sich auf allen vier Seiten der Insel am Fluß aufgestellt. Indianisches Blut ist geflossen; es muß gerächt werden – das Blut der Weißen muß ebenfalls fließen. Aber der Indianer will dieses Blut nicht, wenn es von der Hitze des Kampfes durchglüht ist; er will es, wenn der Schrecken es zu Eis erstarrt, wenn der Hunger es spärlich gemacht hat. Er wird die Weißen lebendig fangen – aber erst, wenn er sie in seinen Krallen hält; nicht mehr als Krieger, sondern als verhungerte Hunde, die nach einem dürren Büffelknochen heulen. Dann wird der Indianer sehen, was in den Herzen von Männern wohnt, die durch Entbehrung und Furcht zu Hunden geworden sind; er wird aus ihrer Haut einen Sattel für sein Schlachtroß machen, und jeder ihrer Skalpe wird an seinen Bügeln und am Sattelriemen wehen als ein Zeichen seiner Rache. Meine Krieger werden die Insel, wenn es nötig ist, vierzehn Tage, und ebenso viele Nächte einschließen, um den Auswurf der weißen Rasse gefangenzunehmen!« Nach diesen schrecklichen Drohungen verschwand der Indianer hinter den Bäumen.

Aber Pepe wollte den Indianer nicht glauben lassen, daß er sie eingeschüchtert habe; er rief darum so kaltblütig, als es der in ihm brausende Zorn gestattete, hinüber: »Du Hund, der du nur bellen kannst – die Weißen verachten deine eitlen Drohungen; der Anblick ihres Skeletts allein könnte dich im Schlaf stören! Du Schakal, du schmutziger Iltis, ich verachte dich! Ich ...« Die Wut erstickte seine Stimme, und er ergänzte die Worte, die er nicht mehr hervorbringen konnte, dadurch, daß er dem Schwarzen Falken die verächtlichste Gebärde machte, die ihm einfiel.

Ein schallendes Gelächter begleitete diese Antwort Pepes, den diese beleidigende Gebärde ein wenig beruhigt hatte und der, zufrieden damit, das letzte Wort gehabt zu haben, sich ganz getröstet niederlegte.

Bois-Rosé sah in den Drohungen des Indianers nur die Ablehnung seines heroischen Opfers. »Ach«, seufzte er, »wärt ihr nicht dazwischengetreten, so hätte ich noch alles zur allgemeinen Zufriedenheit beigelegt. Nun ist es zu spät; sprechen wir nicht mehr davon.« Der Mond war jetzt untergegangen, der ferne Lärm des Gewehrfeuers hatte sich verloren; Schweigen und Dunkelheit herrschten überall, und die drei Freunde fühlten um so lebhafter, daß es ihnen ohne diese Verstärkung der Indianer leicht gewesen wäre, das entgegengesetzte Ufer zu erreichen und selbst den verstümmelten Goldsucher mitzunehmen. Dieser lag immer noch, unempfindlich für alles, was um ihn herum vorging, in seinem todesähnlichen Schlaf.

»Wir haben also vierzehn Tage vor uns«, sagte Pepe, indem er zuerst das traurige Schweigen brach, das unter ihnen herrschte. »Freilich haben wir keine Lebensmittel. Wahrhaftig, wir werden fischen, um essen zu können und Zerstreuung zu haben.«

Aber Pepes Scherze waren nicht imstande, die sorgenvolle Stirn des Kanadiers aufzuheitern. »Bemühen wir uns nur, die wenigen Stunden, die uns noch bis zum Tagesanbruch übrigbleiben, nützlich anzuwenden.«

»Wozu?« fragte Pepe.

»Zur Flucht, bei Gott!«

»Wieso?« »Ach, das ist es ja eben, was mich in Verlegenheit setzt«, erwiderte Bois-Rosé. »Du kannst doch ohne Zweifel schwimmen, Fabian?«

»Hätte ich mich sonst aus der ungestümen Flut des Salto de Agua retten können?«

»Es ist wahr! Ich glaube, die Furcht macht mich verwirrt! Nun, vielleicht wäre es nicht unmöglich, ein Loch mitten in dieser Insel zu machen und uns von da aus dem Strom zu überlassen. Die Nacht ist jetzt schwarz genug, um unbemerkt von den Indianern eine ferne Stelle zu erreichen, da sie nicht sehen, daß wir uns in den Fluß werfen. Wartet, ich will erst einen Versuch machen, ehe wir es selbst unternehmen.«

Mit diesen Worten riß der Kanadier einen Weidenstamm von dem natürlichen Floß los, auf dem sie eine Zufluchtsstätte gefunden hatten; das knotige Ende dieses Stammes war einem menschlichen Kopf ziemlich ähnlich. Der alte Jäger legte diesen Holzblock vorsichtig auf die Oberfläche des Flusses, und bald trieb die schwarze Masse sanft stromabwärts.

Die Freunde folgten gespannt einige Augenblicke der geräuschlosen Fahrt, und erst nachdem das Holz in der Dunkelheit verschwunden war, nahm der Kanadier das Wort: »Ihr seht, ein vorsichtiger Schwimmer würde unbemerkt wie dieser Baum vorbeikommen. Kein Indianer hat sich gerührt.«

»Das ist richtig«, sagte Pepe; »wer steht uns aber dafür, daß das Auge des Apachen keinen Menschen von einem Stück Holz unterscheiden kann? Und dann ist auch jemand unter uns, der nicht schwimmen kann.«

»Wer denn?«

Der Spanier zeigte auf den Verwundeten, der im Schlaf auf seinem Schmerzenslager seufzte, als ob sein Schutzengel ihn benachrichtigte, daß die Rede davon sei, ihn allein seinen Feinden zu überlassen.

»Was liegt daran?« antwortete Bois-Rosé zögernd. »Ist das Leben dieses Mannes so viel wert wie das Leben des letzten Sprößlings der Mediana?«

»Nein!« erwiderte der Spanier. »Ich war eben fast entschlossen, diesen Unglücklichen zurückzulassen, aber ich glaube jetzt, daß es eine Feigheit wäre.«

»Dieser Mann«, fügte Fabian hinzu, »hat vielleicht Kinder, die gerade ebenso ihren Vater beweinen, wie ich den meinigen in solchem Fall beweinen würde.«

»Es wäre schlecht gehandelt und würde uns Unglück bringen, Bois-Rosé«, fuhr der Spanier fort.

Die abergläubische Zärtlichkeit des Kanadiers wurde bei diesen Worten seines Gefährten plötzlich unruhig; er bestand nicht mehr darauf, sagte aber: »Gut, Fabian! Du bist ein guter Schwimmer; folge dem Weg, der offen vor dir liegt. Pepe und ich, wir werden zum Schutz dieses Mannes hierbleiben, und wenn wir unser Leben verlieren, so fallen wir als Opfer unserer Pflicht und mit dem freudigen Gedanken, daß du wenigstens gerettet bist.«

Fabian schüttelte den Kopf. »Ich wiederhole es noch einmal«, sagte er: »Ich will das Leben nicht ohne euch und bleibe bei euch.«

»Aber was ist dann zu tun?« fragte der Kanadier.

»Wir müssen suchen«, erwiderten Fabian und Pepe zu gleicher Zeit.

Unglücklicherweise war es einer von den Fällen, wo alle menschlichen Hilfsmittel machtlos sind. Es war eine jener verzweifelten Lagen, aus denen nur eine höhere Macht als die menschliche sie retten konnte. Vergeblich wurde der Nebel immer dichter, die Nacht immer finsterer; der erste Entschluß, den Verwundeten nicht zu verlassen, stellte sich der Flucht der drei Jäger als ein unüberwindliches Hindernis entgegen. Bald wurden von allen Seiten auf beiden Ufern des Flusses von den Indianern Feuer angezündet, die auf das Wasser ein rötliches Licht warfen, von dem der ganze Strom in ziemlich großer Entfernung erleuchtet wurde.

Mit diesem Lichtschimmer wurde auch die letzte Aussicht auf Rettung, die der Kanadier vorgeschlagen hatte, unmöglich, wenn sie auch den Versuch dazu hätten machen wollen. Aber niemand dachte mehr daran. Wären die Feuer nicht gewesen, von denen der Fluß sich rötete, so hätte man sie bei der Stille, die auf den beiden gegenüberliegenden Ufern herrschte, für gänzlich verlassen halten können; denn kein Feind war am Feuer sichtbar, keine menschliche Stimme unterbrach das Schweigen der Nacht.

Unterdessen verdichteten sich die aus dem Fluß emporsteigenden Dünste nach und nach immer mehr und schlossen sich um die Insel immer enger zusammen. Die Ufer des Flusses schienen sich immer weiter zu entfernen; endlich verschwanden sie ganz, und bald glänzten die Feuer mitten im wallenden Nebel nur noch wie undeutliche, blasse Lichtpunkte unter dem Schattenriß der in Nebel gehüllten Bäume.

Werfen wir nun einen raschen Blick auf das Ufer des Flusses, das der Schwarze Falke besetzt hatte.

Die von den Indianern auf beiden Ufern angezündeten Feuer warfen auf das Wasser ein so lebhaftes und so weit ausgedehntes Licht, daß die Feinde, die sie so streng belagerten, keinen Versuch machen konnten, sie zu täuschen. Bei jeder Feuerstelle wachte ein Indianer, unterhielt das Feuer und durfte keine Bewegung, die auf der Insel gemacht werden konnte, übersehen.

Der Schwarze Falke saß auf dem Boden und lehnte sich an den Fuß eines Baumes. Seine von Pepes Kugel zerschmetterte Schulter war mit Lederstreifen verbunden; auf seinem Gesicht lag der Ausdruck befriedigter Grausamkeit. Was den Schmerz anlangt, den seine Wunde ihm verursachte, so verschmähte er es wie jener Philosoph des Altertums, der den Schmerz entweder leugnete oder wirklich gar nicht kannte, irgendein Gefühl davon laut werden zu lassen. Seine funkelnden Augen richteten sich ständig auf die dunkle Masse der Insel, auf der, wie er glaubte, die drei Männer, nach deren Blut er so sehr dürstete, schrecklichen Ängsten preisgegeben seien.

Während der ersten Stunden der Nacht konnten die Indianer leicht alles überwachen. Aber in dem Maße, als der Nebelschleier die Insel immer dichter umhüllte, wurde der Lichtkreis, den der Glanz des Feuers über den Fluß verbreitete, nach und nach immer enger. Bald wurden die Dünste so dicht, daß die Wachen zuerst das gegenüberliegende Ufer nicht mehr erblicken konnten; dann sahen sie auch die Feuer dort nicht mehr leuchten; endlich verschwand die Insel im Nebel.

Der indianische Häuptling fühlte, daß es nötig war, die Wachsamkeit zu verdoppeln. Er rief zwei Krieger heran, auf deren Ergebenheit er rechnen konnte. Dem einen befahl er, über den Fluß zu setzen, dem anderen, am Ufer, auf dem er sich befand, entlangzugehen, um so den Wachen auf beiden Ufern dieselben Befehle und dieselben Drohungen zukommen zu lassen. »Geht«, schärfte ihnen der Häuptling ein, »und sagt denjenigen von meinen Kriegern, die die Bewachung dieser Christen übernommen haben, deren Skalp und Haut ein Schmuck unserer Pferde sein wird, daß jeder von den Söhnen des Waldes vier Ohren haben muß, um die Augen, die der Nebel blendet, zu ersetzen. Sagt ihnen, daß sie in diesem Fall auf die Dankbarkeit ihres Häuptlings rechnen können; daß aber, wenn der Schlaf ihre Ohren taub macht, die Streitaxt des Schwarzen Falken sie zum ewigen Schlaf in das Land der Geister senden wird.«

Die beiden Boten entfernten sich, um sich ihres Auftrags zu entledigen, und kehrten bald mit der Versicherung zurück, daß der Schwarze Falke auf eine pünktliche Befolgung seiner Befehle rechnen könne.

Wirklich verdoppelten auch die Wachen ihre Aufmerksamkeit. sie wurden zugleich durch ihren eigenen Haß gegen die weiße Rasse und durch die Aussicht auf eine Belohnung angefeuert. Sie erschraken, im Fall der Schlaf sie überraschte, nicht vor dem Tod – ein Indianer fürchtet ihn selten –, wohl aber vor dem Erwachen in den Jagdgefilden des Landes der Geister, wo ein Krieger die Stirn unter der Schmach beugen muß, wenn er sich vom Schlaf hat überwältigen lassen.

Es gibt kaum ein Geräusch in der Nacht, das dem bewunderungswürdigen Gehör des Indianers entginge – ebenso wie nur wenige Dinge von ihren scharfen Augen nicht entdeckt werden –, in diesem Fall jedoch dämpfte der Nebel jeden Ton in der Luft und entzog dem Auge die Erscheinung aller äußeren Dinge. Nur die angestrengteste Aufmerksamkeit konnte die Sinne ersetzen, die durch den Nebel und durch die Dunkelheit der Nacht ganz unbrauchbar geworden waren. Mit geschlossenen Augen und offenen Ohren standen die indianischen Krieger unbeweglich neben dem Feuer; sie standen, um den Schlaf, den die Natur gebieterisch forderte, von sich abzuschütteln. Nur warf jeder dann und wann einen Baumzweig in die Glut, um sie wiederzubeleben, und nahm darauf seine schweigende, aufmerksame Stellung wieder ein.

So verfloß ein ziemlich langer Zeitraum, währenddessen an den Ufern wie auf der Insel das schwache Murmeln eines fernen Wasserfalls und das Rauschen des Schilfs, das sich unter dem Andrang des Wassers beugte, die einzigen Töne waren, die sich hören ließen.

Der indianische Häuptling war auf dem linken Ufer. Die Nachtluft verschlimmerte die Wunde an seiner Schulter und vermehrte noch Haß und Groll in seinem Herzen. Der Schein des Feuers, das neben dem Baum, an dem er lehnte, angezündet war, beleuchtete seine trotz der schwärzlichen Haut vom Blutverlust bleichen Züge. Sein Gesicht war mit gräßlichen Malereien bedeckt und vom Schmerz, den er unterdrückte, verzerrt; seine Augen blitzten mit wildem Glanz und gaben ihm Ähnlichkeit mit einem blutdürstigen Götzenbild aus einem rohen Zeitalter. Bald jedoch schlossen sich trotz der Herrschaft, die ein Indianer über seine Sinne auszuüben vermag, seine schlaftrunkenen Augenlider, und eine fast unüberwindliche Betäubung bemächtigte sich des Schwarzen Falken. Nach einigen Augenblicken verfiel er in einen so tiefen Schlaf, daß er nicht hörte, wie ein Mokassin die trockenen Zweige erkrachen ließ, und nicht sah, daß ein Indianer seines Stammes sich ihm näherte.

Unbeweglich und gerade wie ein Bambusrohr wartete ein Apachenläufer, mit Blut bedeckt, die Nasenflügel geschwellt, die Brust keuchend wie nach einem langen Lauf, zwei Schritte von dem eingeschlafenen Indianer, bis der gefürchtete Häuptling, vor dem er stand, die Augen öffnen und ihn befragen würde. Als der Läufer aber bemerkte, daß der Kopf des Häuptlings sich immer mehr auf die Brust neigte, entschloß er sich, ihm seine Gegenwart bemerkbar zu machen. In hoch klingenden Kehltönen sprach er folgende Worte: »Wenn der Schwarze Falke seine Augen öffnen will, so wird er aus meinem Mund eine Botschaft hören, die den Schlaf weithin verjagen wird.«

Der Indianer hob seine Lider beim Ton der Stimme, die in seine Ohren klang, und eine Anstrengung seines Willens entfernte plötzlich den Schlaf, dem er unterlegen war. Voll Scham, daß ein Häuptling wie ein ruhmloser Krieger im Schlaf überrascht worden war, glaubte der Indianer, sich entschuldigen zu müssen.

»Der Schwarze Falke hat viel Blut verloren; er hat genug verloren, daß die Sonne des nächsten Tages es nicht auf der Erde trocknen kann; sein Körper ist schwächer als sein Wille.«

»So ist der Mensch«, erwiderte der Bote spruchreich.

Der Schwarze Falke nahm wieder das Wort: »Ohne Zweifel erhalte ich eine wichtige Botschaft, da die Pantherkatze den schnellsten ihrer Läufer gewählt hat, sie mir zu überbringen.«

»Die Pantherkatze wird keine Botschaften mehr senden«, antwortete der Indianer mit seiner tiefen Stimme.

»Die Lanze eines Weißen hat seine Brust durchbohrt, und der Häuptling jagt jetzt mit seinen Vätern im Land der Geister.«

»Was liegt daran! Er ist siegend gefallen; er hat, ehe er starb, gesehen, wie die weißen Hunde sich in der Ebene zerstreuten.«

»Er ist besiegt gefallen; die Apachen haben im Gegenteil fliehen müssen, nachdem sie ihren Häuptling und fünfzig berühmte Krieger verloren!«

Es fehlte nicht wenig daran, so wäre der Schwarze Falke trotz des brennenden Schmerzes seiner Wunde und ungeachtet der Herrschaft, die ein indianischer Häuptling über sich selbst haben muß, bei dieser unerwarteten Nachricht auf die Füße gesprungen. Er hielt aber an sich und erwiderte fest, wenngleich mit zitternden Lippen: »Wer sendet dich dann also zu mir, du Bote mit so traurigen Nachrichten?«

»Krieger, die eines Häuptlings bedürfen, um ihre Niederlage wiedergutzumachen. Der Schwarze Falke war nur der Häuptling einer Abteilung; heute ist er der Häuptling eines ganzen Stammes.«

Befriedigter Stolz leuchtete in den schwarzen Augen des Indianers. Erstens wuchs sein Ansehen, und dann bewies auch die Niederlage, von der man ihn benachrichtigte, die Weisheit des Rates, den er gegeben und den die Häuptlinge zurückgewiesen hatten. »Wenn die Büchsen aus dem Norden mit denen unserer Krieger vereinigt gewesen wären, so würden die Weißen aus dem Süden nicht gesiegt haben.« Dann aber erinnerte er sich an die beleidigende Weise, mit der die beiden Jäger seine Vorschläge verworfen hatten; ein Blitz des Hasses mischte sich mit dem stolzen Blick seiner Augen, und er begann abermals, indem er mit dem Finger auf seine Wunde zeigte: »Was kann ein verwundeter Häuptling tun? Seine Füße versagen ihm den Dienst; kaum wird er sich auf seinem Pferd im Sattel halten können.«

»Man wird ihn daran festbinden«, antwortete der Indianer. »Ein Häuptling ist zugleich Kopf und Arm: Wenn der Arm machtlos ist, wird der Kopf handeln; der Anblick des Blutes ihres Häuptlings wird immer die Krieger anfeuern. Das Beratungsfeuer ist nach unserer kopflosen Flucht abermals angezündet worden; man erwartet, daß der Schwarze Falke seine Stimme dort vernehmen läßt. Sein Schlachtroß steht bereit – brechen wir auf!«

»Nein«, erwiderte der Schwarze Falke; »meine Krieger halten auf beiden Ufern des Flusses die weißen Krieger umzingelt, die ich zu Verbündeten machen wollte; jetzt sind sie Feinde! Die Kugel des einen unter ihnen hat auf sechs Monde den Arm zerschmettert, der so rasch bereit war zum Kampf; und böte man mir den Befehl über zehn Stämme an, so würde ich ihn zurückweisen, um hier auf die Stunde zu warten, wo das Blut, nach dem ich dürste, vor meinen Augen fließen wird.«

Der Schwarze Falke erzählte kurz Gayferos' Gefangennahme, seine Befreiung durch den Kanadier, das Verwerfen seiner Angebote und endlich das Rachegelübde, das er getan hatte.

Der Abgesandte hatte ihn ernst angehört. Er fühlte ganz, wie wichtig es sei, noch einmal die Goldsucher in dem Augenblick anzugreifen, wo diese siegestrunken glauben mußten, vor einem so nahe bevorstehenden Angriff sicher zu sein; er drang also eifrig in den Schwarzen Falken und machte ihm den Vorschlag, sich bei der Belagerung durch einen Häuptling seiner Wahl ersetzen zu lassen.

Der Schwarze Falke war unerschütterlich.

Der Läufer jedoch hielt sich noch nicht für geschlagen. »Es ist gut«, sagte er. »Der Augenblick ist nicht mehr fern, wo die Sonne aufgehen wird; ich werde warten, bis es Tag ist, und den Apachen die Nachricht zurückbringen, daß der Schwarze Falke die Sorge für seine eigene Rache höher schätzt als die Ehre seiner ganzen Nation. Unsere Krieger werden dann weniger Zeit haben, den Verlust des Bravsten unter ihnen zu bedauern.«

»So sei es«, sagte der Schwarze Falke mit einer um so ernsteren Stimme, je mehr diese geschickte Schmeichelei seinen Stolz angenehm kitzelte; »aber ein Läufer ist nach einer Schlacht und einem darauffolgenden langen Lauf der Ruhe bedürftig. Während dieser Zeit werde ich den Bericht über den Kampf anhören, in dem die Pantherkatze das Leben verloren hat.«

Der Abgesandte setzte sich mit gekreuzten Beinen ans Feuer, stützte einen Ellbogen auf das Knie und legte den Kopf in die flache Hand. Nach einigen Minuten des Schweigens und der Ruhe, währenddessen sich das heftige Klopfen seines Herzens mäßigte, begann der Indianer einen umständlichen Bericht über den Angriff, den sein Stamm auf das Lager der Weißen gemacht hatte. Er vergaß keine Tat, die den Haß des Schwarzen Falken gegen die Mexikaner zu wecken vermochte.

Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, streckte sich der Läufer am Feuer nieder und schlief ein oder schien wenigstens einzuschlafen. Diesmal aber hielten die stürmischen, entgegengesetzten Leidenschaften, die im Herzen des Schwarzen Falken siedeten – der Ehrgeiz auf der einen, die Rachsucht auf der anderen Seite –, den Häuptling wach, ohne daß er irgendeine Anstrengung zu machen brauchte, den Schlaf zu bewältigen.

Das Ufer, auf dem der Schwarze Falke lagerte, wurde ebenso ruhig wie die mitten im Nebel verlorene Insel. Nach Verlauf von ungefähr einer Stunde erhob sich der Läufer halb von seinem Lager auf dem Rasen; er schlug den Zipfel des Mantels aus Büffelhaut, den er über den Kopf gezogen hatte, um den Nebel abzuhalten, zurück und bemerkte den Schwarzen Falken unbeweglich in derselben Stellung und mit offenen Augen. »Die Stille der Nacht hat in meine Ohren geflüstert«, sagte er. »und ich habe gedacht, daß ein berühmter Häuptling wie der Schwarze Falke bei Sonnenaufgang seine Feinde in seiner Gewalt haben und ihren Todesgesang hören muß.«

»Meine Krieger können nicht auf dem Wasser gehen wie auf dem Kriegspfad«, entgegnete der Häuptling. »Die Männer aus dem Norden gleichen nicht denen aus dem Süden, in deren Händen die Büchsen nur hohles Schilf sind!«

»Der Blutverlust des Schwarzen Falken hat seinen Geist verwirrt und seine Augen verdunkelt. Wenn er es erlauben will, so werde ich für ihn handeln, und morgen soll seine Rache vollständig sein.«

»Tu es!« antwortete der Häuptling. »Von welcher Seite auch die Rache komme – sie wird ein gerngesehener Gast an meinem Feuer sein.«

»Gut; ich werde bald die drei Jäger samt demjenigen hierherbringen, dessen Skalp sie nicht haben retten können.« Mit diesen Worten erhob sich der Läufer und verlor sich bald im Nebel aus den Augen des Schwarzen Falken, die immer fest auf die Insel gerichtet waren. – Dort wenigstens waren edlere Leidenschaften tätig. Während das feierliche Schweigen der Nacht die ganze Natur ringsumher deckte, floh der Schlaf auch die Augenlider der drei Jäger.

Wenn es entscheidende Augenblicke im Leben gibt, wo auch das Herz der bravsten Männer schwach wird, so gehörte die gegenwärtige Lage gewiß zu solchen Augenblicken. Die Gefahr war schrecklich und unvermeidlich und bot außerdem weder die Aussicht, in der Hitze des Kampfes zu fallen, noch die Hoffnung, sein Leben teuer zu verkaufen – eine Hoffnung, die wie ein letzter Trost erscheint.

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