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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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31 Der Fatalist

Unterdessen erhob sich mitten in dieser augenblicklichen Ruhe, die auf den Lärm des Gefechts gefolgt war, während der durstige Boden alles auf ihm vergossene Blut trank, ein einziger Mann leise etwa nach einer Stunde. Einen Feuerbrand in der Hand, untersuchte er bei dem unbestimmten Licht, das dieser verbreitete, alle Leichname, die vor seinen Füßen ausgestreckt dalagen. Er schien in diesen todbleichen oder blutigen Gesichtern die Namen derer zu suchen, die diese bei ihren Lebzeiten getragen hatten. Bald beleuchtete der Glanz der Fackel die sonderbare Malerei eines indianischen Leichnams, bald das bleiche Antlitz eines Weißen, die hier nebeneinander den ewigen Schlaf schliefen; zuweilen bezeichnete bei seinen Nachforschungen ein halberstickter Seufzer einen der verwundeten Abenteurer; aber bei jeder Untersuchung machte der nächtliche Forscher eine Gebärde getäuschter Erwartung.

Plötzlich nahm mitten in diesem Schweigen des Todes, das über die Lebenden wie über diejenigen ausgebreitet war, deren Seele schon den Leib verlassen hatte, eine schwache Stimme die Aufmerksamkeit des nächtlichen Suchers in Anspruch. Er suchte im Halbdunkel den Ort zu entdecken, von dem aus die Stimme ertönte, die ihn anrief. Eine schwache Bewegung mit der Hand, die einer von denen machte, die vor ihm ausgestreckt lagen, machte seiner Ungewißheit ein Ende. Er näherte sich dem Sterbenden, und mit Hilfe des geringen Lichts, das die Fackel verbreitete, die er vor sein Gesicht hielt, erkannte er den vor seinen Füßen liegenden Mann.

»Ach, Ihr seid es, mein armer Benito!« sagte der Mann, während sein Gesicht ein Gefühl tiefen Mitleids ausdrückte.

»Ja«, sagte der frühere Hirt, »es ist der alte Benito, der in der Steppe stirbt, wie er stets darin gelebt hat... Was mich betrifft, so weiß ich nicht, wer Ihr seid; meine Augen sind sehr dunkel... Ist Baraja noch am Leben?«

»Ich denke«, antwortete der Mann, »er ist jetzt mit bei der Verfolgung der Indianer, und ich hoffe, er wird zeitig genug zurückkommen, um Euch ein letztes Lebewohl zu sagen.«

»Ich bezweifle es«, erwiderte Benito. »Ich hatte ihn einen letzten Vers aus dem Gebet für Sterbende lehren wollen ... ich weiß ihn jetzt nicht mehr. Wißt Ihr nicht einige?«

»Auch nicht ein Stückchen«, antwortete derjenige, der mit dem Sterbenden sprach.

»Dann muß ich mich damit zufriedengeben«, antwortete Benito, den sein philosophischer Gleichmut auch in diesem letzten Augenblick nicht verließ. Darauf nahm er wieder mit noch schwächerer Stimme das Wort: »Ich habe Baraja einen alten Gefährten, einen alten Freund zurückgelassen; wer Ihr auch sein mögt, bringt ihm meinen letzten Wunsch, daß er ihn liebe wie ich ...«

»Einen Bruder ohne Zweifel?«

»Mehr als das: mein Pferd!«

»Ich werde ihm Eure letzten Wünsche überbringen, glaubt es sicherlich.«

»Danke!« erwiderte der Greis. »Was mich anlangt – ich habe meine Wanderungen beendigt. Die Indianer haben mich in meiner Jugend nicht getötet, als ich ihr Gefangener war; sie haben mich in meinem Alter getötet, ohne mich gefangenzunehmen, das ...«

Er hielt inne. Es war das letztemal, daß der Greis etwas absichtlich verschwieg.

»Das gleicht sich aus«, fügte der alte Hirt mit so schwacher Stimme hinzu, daß deren Ton kaum in das Ohr dessen gelangte, der ihm zuhörte.

Es war auch das letzte Wort, das über die Lippen Benitos kam. Er war mit dem Fatalismus entschlafen, der alle Ereignisse als gut ansah und der den Grundzug seines Charakters bildete.

»Er war ein braver Diener«, sagte der nächtliche Sucher zu sich selbst. »Friede sei mit ihm!«

Indessen fuhr er immer noch fort, die blutigen, auf dem Sand hier und da eingedrückten Spuren zu untersuchen; dann ging er gedankenvoll, einer nutzlosen Nachforschung müde, mit sorgenvoller Stirn auf den Platz zurück, den er verlassen hatte. Nun schien die kalte, einförmige Ruhe des Todes abermals das ganze Lager einzuhüllen, als ob der letzte Lebende sich seinerseits zum Sterben niedergelegt hätte.

Kaum verbreiteten die Feuer noch einen schwachen Schein, als ein Lärm von Stimmen und Pferden die Rückkehr der Abenteurer bezeichnete, die zu der Verfolgung der Apachen ausgezogen waren. Derselbe Mann, der sich schon einmal erhoben hatte, ging ihnen entgegen und befragte sie. Während mehrere Reiter vom Pferd stiegen, um sich einen Durchgang durch die Barrikaden zu öffnen, näherte sich ihm Pedro Diaz. Blutiger Schweiß strömte von seiner Stirn.

»Don Estévan«, sagte er zu ihm, »wir sind in unserer Verfolgung nicht glücklich gewesen. Kaum zwei oder drei Flüchtlinge haben wir niederstoßen können, und dazu haben wir noch einen von den Unsrigen verloren. Doch bringe ich einen Gefangenen mit: Wollt Ihr ihn vielleicht befragen?«

Mit diesen Worten löste Diaz seinen Lasso vom Sattelknopf und zeigte mit dem Finger auf eine unförmige Masse, die in der Schlinge lag. Es war ein Indianer, der, unbarmherzig durch die Steine und Dornen der Ebenen geschleift, bei jedem Schritt etwas von seinem Leib eingebüßt hatte und sozusagen keine Spur von menschlicher Form mehr an sich trug. »Er war doch noch lebendig, als ich ihn fing!« sagte der Abenteurer. »Aber diese indianischen Hunde sind imstande, sich lieber sterben zu lassen, um nur nicht zu sprechen.«

Ohne bei diesem grausamen Scherz zu lächeln, machte Don Estévan Diaz ein Zeichen, ihn zu einem Ort des Lagers zu begleiten, wo sie sich beraten könnten, ohne gehört zu werden.

Als die zuletzt Gekommenen sich ebenfalls auf die Erde gelagert hatten und alles wiederum ruhig war, sagte Arechiza: »Diaz, wir sind dicht am Ende unserer Expedition; morgen, habe ich Euch gesagt, werden wir am Fuß jener Berge lagern. Damit aber der Erfolg unsere Anstrengungen kröne, darf kein Verrat uns Hindernisse in den Weg legen. In Beziehung darauf will ich heute abend Euren Rat hören und mich ohne Rückhalt gegen Euch aussprechen.

Ihr kennt Cuchillo seit langer Zeit, aber nicht so lange und gewiß nicht so gründlich wie ich. Seit seiner frühesten Jugend ist es sein Gewerbe gewesen, diejenigen zu verraten, denen er am meisten ergeben zu sein schien. Ich weiß nicht, welches von den Lastern, mit denen er so reich begabt ist, den Preis bei ihm davonträgt; mit einem Wort, der unheilverkündende Ausdruck seines Gesichts ist nur ein schwacher Abglanz seiner schwarzen Seele. Diese reiche und geheimnisvolle Goldmine, zu der ich Euch führe und deren Ausbeute die ruhmvolle Wiedergeburt Sonoras bezahlen soll – er hat mir, wie ich Euch schon gesagt habe, deren Geheimnis verkauft. Ich habe erfahren, wie er sich zu dessen alleinigem Besitzer gemacht hat: nämlich dadurch, daß er den Freund, der es ihm umsonst mitgeteilt hatte, ermordete, während dieser Unglückliche in ihm einen treuen Begleiter in der Gefahr zu finden wähnte.

Ich habe also immer ein offenes Auge auf Cuchillo gehabt; heute abend hatte mich sein Verschwinden beunruhigt, aber es konnte die Folge eines in diesen Steppen sehr gewöhnlichen Ereignisses sein. Der Angriff, dessen Opfer wir beinahe alle geworden wären, hat meinen Verdacht bestätigt. Er hat sich abermals unter unserem Schutz bis zu der Stelle begeben, wo seine Hand sich nach einem Teil dieser unermeßlichen Schätze ausstrecken konnte. Er bedurfte der Hilfe, um sechzig entschlossene Männer zu ermorden; die Apachen sind heute nur seine Werkzeuge und Mitschuldigen gewesen.«

»In der Tat«, erwiderte Diaz, »ist mir einiges Zögern bei seinem Bericht verdächtig erschienen; aber es gibt ein einfaches Mittel: Man kann einen Kriegsrat versammeln, ihn verhören, der Verräterei überführen und ihn noch während der Sitzung erschießen.«

»Seit dem Beginn des Kampfes hatte ich ihm einen Posten in meiner Nähe angewiesen, um ihn leichter überwachen zu können; ich habe ihn schwanken und – anscheinend tödlich getroffen – zu Boden stürzen sehen.

Ich habe mir Glück gewünscht, einen Verräter und Feigling losgeworden zu sein, aber eben habe ich die Toten wieder und wieder gezählt und Cuchillo nirgends gefunden. Es ist darum dringend notwendig, daß wir, ohne Zeit zu verlieren, seine Spur verfolgen; er kann noch nicht weit von hier sein. Ihr seid an solche Art von Expeditionen gewöhnt; wir müssen ohne Verzug seine Verfolgung aufnehmen und schnelle, strenge Gerechtigkeit an einem Ehrlosen üben, der seine Verräterei mit seinem Leben bezahlen soll.«

Diaz schien einige Augenblicke nachzudenken, dann faßte er einen schnellen Entschluß und sagte: »Seine Spur wird nicht weit und nicht schwer zu verfolgen sein; Cuchillo hat die Richtung nach dem Val d'Or einschlagen müssen. In der Richtung nach dem Val d'Or hin müssen wir also suchen.«

»Ihr werdet eine Stunde ausruhen«, erwiderte der Chef, »denn Ihr müßt müde sein vom Gemetzel. Ach, Diaz, wenn alle die Männer wären wie Ihr, wie leicht würden wir uns – das Gold in der einen, den Degen in der anderen Hand – einen Weg bahnen!«

»Ich habe getan, was ich vermochte«, entgegnete der Abenteurer einfach.

»Ihr werdet unseren Leuten sagen, daß es notwendig ist, eine Rekognoszierung in der Umgebung des Lagers vorzunehmen. Ihr werdet unseren Soldaten den Befehl überbringen, gut Wache zu halten und unsere Rückkehr zu erwarten; dann sollen Baraja und Oroche uns begleiten, und alle vier zusammen wollen wir die Richtung nach dem Val d'Or einschlagen.«

»Es ist ganz gewiß, daß Cuchillo dort sein muß; und trotz des Vorsprungs, den er vor uns hat, werden wir ihn doch auf dem Hinweg oder auf der Rückkehr wiederfinden.«

»Wir werden ihn im Val d'Or treffen«, sagte Don Estévan. »Wenn Ihr es ein einziges Mal gesehen habt, so sollt Ihr mir sagen, ob es ein Ort ist, den ein Mensch wie Cuchillo leicht verlassen kann, sobald er ihn erreicht hat.«

Diaz entfernte sich, um die Befehle seines Chefs auszuführen. Dieser ließ sein Zelt wieder aufrichten, damit selbst in seiner Abwesenheit sein Sternenbanner über dem Lager wehe als ein Zeichen schützender Gewalt; dann warf er sich auf sein Bett und schlief den Schlaf des Soldaten auf dem Schlachtfeld nach einem mühevollen Tagwerk.

Eine Stunde darauf stand Diaz vor seinem Lager. »Don Estévan«, sagte er, »es ist alles zum Aufbruch bereit.« Der Herzog von Armada stand auf; er hatte sich in voller Kleidung niedergelegt. Sein Pferd war gesattelt und wartete auf ihn. Oroche und Baraja saßen ebenfalls im Sattel.

»Diaz«, sagte Don Estévan vor dem Aufbruch halblaut, »fragt doch die Wachen, ob Gayferos zurückgekehrt ist.« Diaz wiederholte die Frage des Chefs einer Schildwache, die mit dem Gewehr im Arm hinter den Wagen auf und ab ging.

»Señor Capitan«, antwortete der befragte Soldat, »der arme Kerl wird ohne Zweifel niemals zurückkehren. Die Indianer haben ihn gewiß überrascht und erschossen, ehe sie uns angriffen. Das ist auch wahrscheinlich, wie der alte Benito sagte, die Ursache der Flintenschüsse, die wir den ganzen Nachmittag gehört haben.«

»Es ist nur zu gewiß, daß Gayferos getötet worden ist«, antwortete Pedro Diaz; »was aber die Flintenschüsse betrifft, deren Schall das Echo uns zugetragen hat, so ist es wahrscheinlich, daß sie eine andere Ursache haben.« Als er diese Worte gesprochen hatte, war Don Estévan seinerseits zu Pferd gestiegen, und während die Schildwachen allein wachten, wie die Reihe sie gerade traf, schlugen sie im scharfen Trab die Richtung nach den Nebelbergen ein.

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