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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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26 Das Blut der Mediana

Nachdem Oroche und Baraja mehrmals ihre Büchsen erfolglos abgeschossen hatten, da die Entfernung zu groß war, als daß die Kugeln hätten gefährlich werden können, so beeilten sie sich, mit Cuchillo wieder zusammenzutreffen.

Der Bandit war bleich wie der Tod. Die Kugel, die ihm der Kanadier aufs Geratewohl hin nachschickte, hatte Cuchillos Schädel so nahe gestreift, daß sie ihn aus dem Sattel warf. Nun hätte ihn Bois-Rosé ohne Zweifel wie ein giftiges Gewürm mit dem Fuß zertreten, wenn sein Pferd nicht so wunderbar dressiert gewesen wäre. Als das edle Tier nämlich sah, daß sein Herr sich nicht bis zu ihm erheben konnte, bückte es sich vor Cuchillo nieder, der nun die Mähne ergriff und sich in den Sattel schwang. Als das Pferd fühlte, daß er fest in die Bügel gestiegen war, galoppierte es schnell genug vorwärts, um seinen Reiter dem Messer Bois-Rosés, der in großen Sätzen herbeikam, zu entreißen.

Das war aber nicht die einzige Gefahr, in der der Bandit schwebte. Als er mit seinen beiden Mitschuldigen Oroche und Baraja zusammengetroffen war und alle drei sich mit Don Estévan und Diaz, die sie am bezeichneten Ort erwarteten, wieder vereinigt hatten, brauchte der Spanier Cuchillo nicht zu fragen, um zu erfahren, daß Fabian noch einmal seinem Haß entgangen war. An der niedergeschlagenen Miene der beiden Taugenichtse, an der Blässe des Banditen, der noch betäubt im Sattel wankte, hatte Don Estévan alles erraten.

In seiner Erwartung betrogen, fühlte der Spanier in seinem Herzen zuerst eine dumpfe Wut kochen, die aber bald zum Ausbruch kam. Er spornte sein Pferd gegen Cuchillo und schrie mit donnernder Stimme: »Feiger, ungeschickter Hund!« Und in seiner blinden Wut bedachte er gar nicht, daß Cuchillo allein die geheimnisvolle Lage des Val d'Or kannte, und zog eine Pistole aus den Halftern.

Glücklicherweise für den Banditen warf sich Pedro Diaz rasch zwischen ihn und Don Estévan, dessen Wut sich nach und nach besänftigte.

»Was sind es für Männer, die bei ihm sind? Wer sind sie?« fragte der Spanier.

»Die beiden Jaguartöter«, antwortete Baraja.

Eine kurze Beratung fand in einiger Entfernung und mit leiser Stimme zwischen Don Estévan und Pedro Diaz statt; sie endete mit folgenden Worten, die alle vernehmen konnten: »Wir wollen die Brücke über den Salto de Agua zerstören«, sagte der letztere; »und es müßte nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn sie uns vor Tubac einholten!«

Die Reiter galoppierten vorwärts. –

Fabian hatte tags vorher Don Estévan zu Cuchillo sagen hören, daß er nur einige Stunden vor seiner Abreise nach dem Presidio in der Hacienda verweilen würde. Die letzten Ereignisse, die am vorigen Abend bei Don Agustin stattgefunden hatten, mußten diese Abreise noch beschleunigt haben. Es war also keine Zeit zu verlieren. Pepes Pferd wurde jetzt ein kostbares Hilfsmittel, um darauf den Flüchtigen zu folgen und ihnen nötigenfalls den Weg abzuschneiden; es blieb nur noch übrig zu bestimmen, wer es besteigen sollte, um ein so gefährliches Unternehmen zu wagen, wie das war, sich allein der Flucht von fünf bewaffneten Reitern zu widersetzen.

»Das bin ich!« sagte Fabian. Mit diesen Worten sprang er auf das Pferd los, das erschrocken zurückfuhr; er ergriff den Halfter, mit dem es festgebunden war, und warf ihm sein Taschentuch über die Augen. An allen Gliedern zitternd, blieb das Pferd unbeweglich stehen. Fabian holte Pepes Sattel, schnallte ihn wie ein Mann fest, der an solche Arbeit gewohnt ist, schlang dann den Lasso so fest um die Nase, daß er zugleich Zügel und Kappzaum bildete, und wollte eben, ohne das Taschentuch, das wie eine Kappe über den Augen lag, wegzunehmen, in den Sattel springen, als Pepe auf ein Zeichen Bois-Rosés sich rasch ins Mittel legte.

»Sachte, sachte! Wenn irgend jemand das Recht hat, dieses Pferd zu besteigen, so bin ich es; mir gehört es nach dem Recht der Eroberung!«

»Aber seht Ihr denn nicht«, erwiderte Fabian ungeduldig, »daß diesem Pferd das Zeichen des Eigentümers noch nicht aufgebrannt ist? Das heißt, es ist noch niemals geritten worden; und wenn Ihr etwas auf Eure gesunden Gliedmaßen haltet, so werdet Ihr es nicht versuchen!«

»Das muß meiner Entscheidung überlassen bleiben«, antwortete Pepe, der nun vorwärts trat, um den Fuß in den Steigbügel zu setzen.

Aber das Pferd hatte kaum, obgleich die Augen verhüllt waren, gespürt, daß eine Hand sich fest auf den Sattelknopf stützte und ein Fuß fest in den Bügel trat, als ein wütender Seitensprung und einige plötzliche Sätze vorwärts den gewesenen Grenzjäger ganz betäubt zehn Schritt weit wegschleuderten.

Pepe hatte seinen zornigen Lieblingsschwur noch nicht ganz ausgesprochen, als Fabian, ehe nur Bois-Rosé seinerseits sich seinem Vorhaben widersetzen konnte, in den Sattel sprang, ohne die Steigbügel zu berühren.

»Halt, Fabian, halt!« schrie Bois-Rosé mit angstvoller Stimme. »Willst du dich allein der Gefahr aussetzen, in ihre Hände zu fallen?«

Doch schon hatte Fabian das Taschentuch von den Augen des Pferdes gerissen, das, plötzlich wieder sehend geworden, mit den Nüstern vor Zorn schnaubte und hintereinander drei ungeheure Sätze machte, um die Last abzuschütteln, die zum erstenmal auf ihm ruhte; dann blieb es unbeweglich zitternd stehen, als ob es sich über seine Bändigung schämte.

Bois-Rosé benützte diesen Augenblick der Ungewißheit, um den Riemen zu ergreifen, der als Zügel diente; aber es war zu spät: Trotz seiner Kraft zwang ihn ein zweiter Sprung des Pferdes, diesen fahren zu lassen, und das erschreckte Tier flog mit blindem Ungestüm, den menschliche Kraft nicht mehr bändigen – höchstens noch lenken – konnte, dahin. Einige Augenblicke konnte der Kanadier mit bangem Blick dem unerschrockenen Reiter noch folgen, der mit seinem wütenden Tier kämpfte und sich auf den Sattel niederbeugte, um den Schlag der Zweige zu vermeiden; aber bald sah ihn Bois-Rosé nicht mehr. »Sie werden ihn töten!« rief er schmerzlich bewegt. »Fünf gegen einen! Das ist kein ehrlicher Kampf! Laß uns so nahe wie möglich folgen, Pepe, um noch einmal dieses Kind zu beschützen, das mir erst seit so kurzer Zeit wiedergegeben ist!«

Bois-Rosé hatte schon seine Büchse über die Schulter geworfen, und ohne die Antwort seines Freundes abzuwarten, war er schon mit einigen gigantischen Schritten außerhalb der Tragweite seiner Stimme in der Richtung, die Fabian eingeschlagen hatte.

»Dieses Pferd ist nicht leicht zu regieren!« schrie Pepe ihm nach. »Ich weiß gewiß, daß es nicht in gerader Linie fortstürmen wird! Sei nicht bange; wir kommen vielleicht ebenso rasch hin wie er! Ach, Don Estévan, Euer böser Stern hat Euch unter diese Banditen geführt!«

Unterdessen sprengte Fabian wie jene abenteuerlichen Reiter in den Legenden, die kein Hindernis aufhält, mit einer erschreckenden Geschwindigkeit über den ungleichen Boden, über Bäche, Baumstämme, die vor Alter umgestürzt waren. Seine Aufregung schien mit der seines Tieres zu wetteifern. Pepe hatte sich nicht getäuscht; kein Zweifel – er hätte trotz des Vorsprungs, den sie vor ihm hatten, schnell diejenigen, die er verfolgte, erreicht, wenn er den ungestümen Anlauf seines Pferdes nach seinem Willen hätte lenken können. Unglücklicherweise oder vielleicht glücklicherweise für ihn zwang sein noch ungezähmtes Pferd ihn zuweilen, von der geraden Linie auf der Verfolgung abzuweichen, und nur nach ungeheuren Anstrengungen konnte er es auf den engen Fußpfad zurückbringen, der sich durch den Wald schlängelte und auf dem die Spur der fünf Flüchtigen sichtbar war. Oft fand er sich plötzlich diesseits des Weges wieder, den er schon zurückgelegt hatte, und er verlor somit alles, was er an Raum beim vorhergehenden Ritt gewonnen hatte.

Nach einer Stunde eines solchen regellosen Rennens und furchtbaren Kampfes jedoch fing das Pferd an zu fühlen, daß es seinen Meister gefunden hatte, seine Kraft begann nachzulassen; der heftig von der kräftigen Hand des Reiters angezogene Kappzaum preßte seine Nüstern, die nur noch einen pfeifenden Atem ausstießen; seine Schnelligkeit nahm nach und nach ab, seine Sprünge geschahen weniger rückwärts; endlich gehorchte es dem Druck, den es fühlte. Wie auf eine getroffene Verabredung hielten Mann und Pferd an, um Atem zu schöpfen; der Schweiß rieselte beiden vom Leib herab, und von den Flanken des Pferdes stieg der Dampf wirbelnd empor.

Fabian benützte diesen Waffenstillstand, um sich zu orientieren; der Nebel, der seinen Blick verschleierte, begann sich zu zerstreuen, und das heftige Klopfen seines Herzens betäubte nicht mehr seine Ohren – er konnte hören und sehen.

Zertretene Blätter, kleine frische, zerbrochene Zweige, die Spur mehrerer Pferdehufe auf dem Gras oder im Sand zeigten dem geübten Auge Fabians unzweifelhaft den Weg, den diejenigen eingeschlagen hatten, die vor ihm flohen. Plötzlich schlug das ferne Geräusch eines Wasserfalls an sein Ohr. Einen Augenblick noch, und die Flüchtigen gewannen vor ihm die unförmige Brücke, die über das breite und tiefe Bett führte, in dem der Waldstrom dahinstürmte; mit vereinten Kräften konnten sie die Brücke zerstören. Dann wurde jede Verfolgung unnütz, denn Don Estévan konnte, während er nach einer Furt suchte, mitten in die weiten Ebenen entrinnen, die sich bis nach Tubac hin ausdehnen.

Diese Gedanken weckten abermals Fabians Leidenschaften; er preßte die Flanken seines Pferdes und sprengte im Galopp den Fußpfad entlang, dessen Windungen ihm noch die Feinde, die er verfolgte, verbargen. Diesmal hatte sein Tier eine höhere Macht anerkannt, und der Weg, den es gelehrig verfolgte, verschwand unter seinen Tritten.

Das Brausen des Sturzbaches war schon lauter als der widerhallende Galopp des Pferdes, und obgleich es zu fliegen schien, so trieb es Fabian doch immer noch an. Bald mischten sich menschliche Stimmen in das Grollen der Gewässer. Diese Stimmen machten auf ihn einen so mächtigen Eindruck, daß seine Stöße in die Flanken des Tieres sich verdoppelten; noch einige Augenblicke mußten ihn mitten unter den Feind bringen, den zu erreichen er vor Begierde brannte.

Die ungestümen Sprünge eines Pferdes treiben die menschlichen Leidenschaften auf den höchsten Gipfel der Aufregung; Pferd und Reiter stehen in Wechselwirkung miteinander; das Herz des Mannes verfügt über die stählernen Hacken, und das unvernünftige Tier erhebt sich zu einem Verständnis der Gefühle seines Reiters. Trunken vom wilden Ritt, trunken von einer nahen Befriedigung seiner Rache verschwand die Ungleichheit an Zahl vor Fabians Augen. Auch versetzte ihn der Anblick, der sich ihm bald darbot, in einen Schwindel getäuschter Erwartung.

Wie schon erwähnt, verband eine Brücke von grob behauenen, viereckigen Baumstämmen die beiden steilen Ufer zwischen denen unten der Salto de Agua brauste. Die beiden äußersten Enden dieser Balken, die zusammen gerade so breit waren, daß ein Pferd hinübergehen konnte, ruhten auf dem bloßen Felsen und waren in keiner Weise befestigt. Die Kraft einiger Männer konnte also die Brücke, die zur Verbindung diente, auseinanderreißen oder hinabwerfen und somit an dieser Stelle, wo die beiden Ufer sehr entfernt voneinander waren, den Übergang unmöglich machen.

Gerade in dem Augenblick, als Fabian die Brücke erreichte, zogen vier von ihren Reitern angespornte Pferde mit aller Kraft ihrer Hacken an den Lassos, die mit dem einen Ende am Sattelknopf befestigt, mit dem anderen an die Balken gebunden waren, die, dieser Anstrengung weichend, sich bewegten, auseinandergingen und dann in den Gießbach stürzten, wo der Schaum garbenweise aufbrauste, während die rasch vom Sattelknopf gelösten Riemen pfeifend dem Zug der beiden ungeheuren Massen folgten.

Fabian stieß einen Schrei der Wut aus. Bei diesem Ausruf wandte sich ein Mann um; es war Don Estévan! Aber Don Estévan – durch eine unübersteigbare Schlucht von ihm getrennt –, der nun, geschützt vor aller Verfolgung, mit spöttischer Miene Fabian betrachtete, der mit Kleidern, die vom Dickicht zerrissen waren, mit blutendem Gesicht, mit wutentstellten Zügen ungestüm heransprengte, um über den Wasserfall zu setzen. Doch am Rand des Abgrunds angelangt, bäumte sich das erschreckte Tier heftig auf und sprang zurück.

»Gebt Feuer auf ihn!« rief Don Estévan. »Gebt Feuer, oder dieser Wütende wird uns alle unsere Pläne durchkreuzen! Feuer, sage ich euch!«

Drei Büchsen richteten sich schon auf Fabian, als sich in einiger Entfernung hinter ihm eine donnernde Stimme hören ließ und im selben Augenblick zwei Männer aus dem Gebüsch hervorbrachen: es waren der Kanadier und Pepe, die dank dem Umweg, den Fabian zu machen genötigt war, rechtzeitig hatten anlangen können.

Beim Anblick der beiden furchtbaren Büchsen zögerten die Banditen. Fabian nahm einen neuen Anlauf; aber das erschrockene Tier bäumte sich abermals auf und wand sich, einem unbesiegbaren Schrecken nachgebend, heftig unter seinem Reiter hin und her.

»Feuer! Feuer!« brüllte Don Estévan.

»Wehe euch!« schrie der Kanadier angsterfüllt. »Wehe dem, der schießen wird! Und du, Fabian, komm zurück im Namen Gottes!«

»Fabian?« wiederholte Don Estévan wie ein Echo beim Anblick des jungen Mannes, der, taub für die Bitten Bois-Rosés, noch immer sein Pferd anspornte, um über den Gießbach zu setzen; es sprang rechts und links, die Flanken waren mit Schaum bedeckt und pochten vor Schrecken.

»Ja, Fabian!« rief er mit einer Stimme, die den Donner des Katarakts und den Ruf der beiden Jäger übertönte. »Fabian, der von Euch, Don Antonio de Mediana, Rechenschaft fordert für das Blut seiner Mutter!«

Während diese Stimme, die sich mit dem Brausen des Sturzbaches vermischte, in den Ohren Medianas wie eine schreckliche Vorbedeutung klang; während ihn – vielleicht zum erstenmal in seinem Leben – der Schrecken auf seinen Platz bannte, zog der ungestüme junge Mann sein Messer, und indem er sein Pferd dessen Spitze fühlen ließ, trieb er es mit einem neuen, wütenden Anlauf vorwärts. Diesmal sprang das Tier wie ein Blitz über den Abgrund und fiel auf das entgegengesetzte Ufer.

Aber ein Hinterfuß glitt auf dem feuchten Abhang aus. Einen Augenblick – einen einzigen Augenblick – kämpfte das Pferd, das Gleichgewicht wiederzugewinnen; der Fels knirschte unter seinen Hufen; aber eine unüberwindliche Macht brach die Kraft seiner Sprunggelenke, sein Auge wurde dunkel, ein ängstliches Wiehern ließ sich vernehmen, und seinen Reiter mit hinabreißend, verschwand es mit ihm.

Beim Rauschen des Wassers, das bis auf das Ufer wallte, entfuhr ein herzzerreißender Schrei der breiten Brust des Kanadiers; ein Schrei des Triumphes erscholl vom entgegengesetzten Ufer; aber beide wurden bald übertönt von der grollenden Stimme des Waldstromes, der sich über seiner zweifachen Beute schloß.

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