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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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22 Das Wiedererkennen

Tiburcio wünschte sich Glück, daß er sich in der Hoffnung, die das zufällige Zusammentreffen mit den beiden Jägern ihm eingeflößt hatte, nicht gänzlich getäuscht sah.

Bois-Rosé nahm das Wort. »Wie Ihr seht«, sagte er, »werdet Ihr in meinem Freund Pepe einen Mann finden, der bereit ist, sich mit Euch gegen diesen Don Estévan zu verbinden; was so viel bedeuten will, daß ich Euch auch nicht mehr fehlen werde, denn seine Feinde sind auch die meinigen. Ich habe also das Glück, da die Dinge so stehen, Euch die Hilfe einer guten Büchse, die ihr Ziel nicht verfehlt, anbieten zu können; aus ganz besonderen Gründen habe ich niemals einen jungen Mann Eures Alters von Gefahren bedroht zu sehen vermocht, wie es bei Euch der Fall gewesen ist und noch ferner sein wird, ohne ein lebhaftes Bedauern zu empfinden, mich nicht auf seine Seite schlagen zu können. Ihr könnt also doppelt auf mich rechnen und werdet sehen, daß der Himmel Euch einen Freund gesandt hat, der wohl ebensogut ist als ein anderer.«

Während er so sprach, schien der kanadische Jäger aufmerksam den Kolben seiner langen Büchse zu betrachten, und zum erstenmal bemerkte Tiburcio, daß er mit einer Menge rätselhafter Zeichen, die mit der Spitze eines Messers eingraviert waren, bedeckt war.

»Ach«, sagte Bois-Rosé, der den Blick des jungen Mannes, den dieser auf die verschiedenförmigen Kerben richtete, bemerkte, »Ihr zählt ohne Zweifel meine Skalpe?«

»Eure Skalpe?« wiederholte mit erstaunter Miene Tiburcio, der die Sitten der sonderbaren Klasse von Menschen, zu der der Jäger gehörte, nicht kannte.

»Sehr richtig!« erwiderte der Kanadier. »Die Indianer, die Heiden sind, zählen die Menge ihrer Schlachtopfer nach der Anzahl der Skalpe, die sie genommen haben; aber wir anderen Waldläufer, wir zählen unsere Siegestrophäen, wie es sich für Christen geziemt. Diese Kreuze bedeuten die Feinde, die ich im ehrlichen Kampf auf dem Kriegspfad, wie die Indianer sagen, getötet habe.«

»Aber ich sehe wenigstens zwanzig solcher Kreuze!« rief Tiburcio.

»Nähmt Ihr das Doppelte, so würdet Ihr Euch doch noch um einige verrechnen«, erwiderte lächelnd der Jäger. »Seht, diese Kreuze mit einem Querstrich bezeichnen die Apachen, und Ihr werdet ihrer etwa zehn zählen. Diese doppelten Kreuze – und es sind ihrer sieben – wollen sagen, daß ebenso viele Sioux-Indianer ihren Todesschrei ausgestoßen haben. Diese Kreuze mit doppeltem Querstrich sind Pawnees, die ich in das Land der Geister gesandt habe; laßt sehen – es sind acht. Diese Sterne – vier an der Zahl – sind Crows, die jetzt in der Ewigkeit jagen. Ach«, fuhr der Kanadier fort, indem er neun parallele Striche zählte, »hier sind gerade so viele Flachköpfe, die dank meiner Bemühung niemand mehr bestehlen werden; endlich diese kreisförmigen Zeichen, die ich nicht zähle, sind Schwarzfüße, die für immer den Jagdgründen der Prärien lebewohl gesagt haben. Nun frage ich Euch, was ich wohl mit all diesen Skalpen hätte machen sollen? Ich überlasse solche Trophäen der indianischen Eitelkeit«, schloß der Waldläufer sehr naiv.

Tiburcio hörte diesen Triumphgesang des ehrlichen Kanadiers mit ebenso großem Erstaunen an, als einst der Schreiber dieser Zeilen empfand, als einer dieser schrecklichen Indianertöter ihn auf dem Schaft seiner Büchse zweiundfünfzig Gedenkstriche zählen ließ, die er während seiner Reisen und Kämpfe an den Grenzen Nordamerikas und Mexikos eingeschnitten hatte.

»Wohlan«, nahm der Kanadier wieder das Wort, »hatte ich unrecht, Euch zu sagen, daß Ihr auf einen Freund zählen könnt, der wohl soviel wert ist als ein anderer?« Und die Tat mit dem Wort verbindend, reichte der Kanadier Tiburcio seine breite Hand mit einem Ausdruck von Freimütigkeit und Ehrlichkeit, die beredter für ihn sprach als sein Mund; und dieser letztere dankte ihm in der verzweifelten Lage, in der er sich befand, mit überströmenden Gefühlen.

»Eine geheime Stimme«, fügte er hinzu, »sagte mir, daß dieses Licht, das ich oben von der Hacienda her im Wald blitzen sah, ein freundliches für mich sein mußte.«

»Ihr habt Euch nicht getäuscht«, erwiderte Bois-Rosé. »Aber verzeiht bitte einem alten Mann Fragen, die Euch vielleicht indiskret erscheinen: Habt Ihr, so jung, schon keinen Vater mehr, bei dem Ihr Zuflucht suchen könntet?«

Eine lebhafte Röte bedeckte bei dieser Frage die Wangen Tiburcios, der einen Augenblick schwieg und kurz darauf erwiderte: »Warum sollte ich Euch nicht – überall von Feinden umgeben, von einem Mädchen verschmäht, das ich noch liebe – gestehen, daß ich allein auf der Welt stehe, daß ich weder Vater noch Mutter habe?«

»Sie sind tot?« sagte Bois-Rosé mit teilnehmender Miene.

»Ich habe sie niemals gekannt!« antwortete der junge Mann mit leiser Stimme.

»Ihr habt sie niemals gekannt, sagt Ihr?« rief der Kanadier, sprang plötzlich auf, ergriff einen noch flammenden Feuerbrand und beleuchtete damit das Antlitz Tiburcios.

Dieser Feuerbrand, so leicht er auch war, schien doch zentnerschwer in der Hand des Riesen zu wiegen, so sehr schwankte seine Hand von krampfhaftem Zittern, als er nach und nach mit der Flamme alle Teile seines Gesichts beleuchtet und ihn mit einer Stimme, die die Aufregung ebenfalls zittern ließ, fragte: »Aber Ihr wißt wenigstens, in welchem Land Ihr geboren seid?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Tiburcio. »Aber warum all diese Fragen? Welches Interesse könnt Ihr an Ereignissen nehmen, denen Ihr doch fremd sein müßt, da Ihr ein Fremder in diesem Land seid?«

»Fabian! Fabian!« sagte Bois-Rosé, der, ohne es zu wollen, den Ausdruck seiner rauhen Stimme milderte, als ob er zu einem kleinen Kind spräche. »Was ist aus dir geworden?«

»Fabian? Ich kenne diesen Namen nicht... Fabian!« wiederholte Tiburcio, dessen Erstaunen sich bei dieser Anrede verdoppelte, während der Kanadier forschende Blicke auf ihn warf und mit der Hand den Nebel entfernen zu wollen schien, der seine Augen verdunkelte.

»O mein Gott!« sagte traurig Bois-Rosé für sich. »Da dieser Name ihn an nichts erinnert, so ist er es nicht. Warum habe ich diese törichte Hoffnung gefaßt? Und doch sind diese Züge so, wie das Alter sie hätte ändern müssen. Doch verzeiht, mein junger Freund – ich bin ein Narr, ein Wahnsinniger!« Und der Kanadier warf den Brand ins Feuer zurück, setzte sich wieder an den Fuß des Baumes, den er verlassen hatte, mit dem Rücken gegen das Licht, so daß er ganz und gar in dem dichten Schatten verborgen war, den der buschige Wipfel des Korkbaumes verbreitete, gegen den er sich lehnte.

Ein bläuliches Licht erhellte schon die höchsten Wipfel des Waldes; der Tag mußte bald erscheinen; doch unter dem Laubdach war alles noch dunkel, obgleich der Hahn schon auf der benachbarten Hacienda krähte.

Wie jene Samenkörner, die der Wind der Erde anvertraut und die trotz der Winterstürme gedeihen, so hatte auch – trotz der stürmischen Ereignisse, von denen Tiburcio fortgerissen war – die Erzählung seiner Adoptivmutter vor ihrem Tod über seine Ankunft in Amerika in seinem Gedächtnis gekeimt; er strengte sich an, in die Vergangenheit zurückzublicken, und schwieg, um in seinem Innern zu lesen, um die Kette seiner Erinnerungen, die durch einen Zeitraum von achtzehn Jahren zerrissen war, wieder zusammenzufügen. Ohne sich dessen deutlich bewußt zu sein, erinnerte ihn doch dieser Jäger, der vor ihm saß, unbestimmt an den Riesen, den die Frau Arellanos' erwähnt hatte. Doch wie sollte er auf den Gedanken kommen, daß der Matrose sich in einen Otternjäger verwandelt hatte? Deshalb sah er in den Fragen des Kanadiers nur eine wohlwollende, aber teilnahmslose Neugier; wirklich hatte auch der Waldläufer ihm noch nicht gesagt, daß er einen Sohn suche. Dieses einzige Wort hätte alles aufgeklärt – aber Bois-Rosé hatte es nicht ausgesprochen.

»Vielleicht«, sagte Tiburcio, das Schweigen unterbrechend, »gibt es unter meinen Erinnerungen aus meiner früheren Zeit manche, die man wieder ins Leben rufen könnte; aber ach, Gott allein nur könnte es tun! Welcher Mensch wird diesen unbestimmten Erinnerungen eine bestimmte Gestalt geben? Denn ich weiß nichts mehr genau.«

»Nichts!« wiederholte der Kanadier mit leiser Stimme, indem er traurig den Kopf auf die Brust herabsinken ließ.

»Und doch«, fuhr Tiburcio fort; »in dem Schweigen einer Nacht wie dieser, während ich beim Leichnam derjenigen wachte, die ich für meine Mutter gehalten hatte, ist ein zweifelhaftes Licht in diese Dunkelheit gefallen, und ich glaube mich an sehr traurige Szenen erinnern zu können! Aber das sind ohne Zweifel Träume – wenn auch schreckliche Träume!«

Während Tiburcio sprach, schöpfte der Kanadier wieder Hoffnung und hob langsam das Haupt wie eine Eiche, die ein Windstoß niedergebeugt hat.

Tiburcio fuhr fort, indem er mit der Hand ein Zeichen machte, den noch schlecht wieder zusammengeknüpften Faden seiner Erinnerungen nicht zu zerreißen, und langsam sprach wie jemand, der mühsam eine durch die Jahrhunderte verwischte Inschrift wieder entziffert: »Es ist mir, als ob ich mich in einem weiten Zimmer befände, das ein Windzug – kälter, als ich ihn jemals gefühlt habe – noch kühler machte; es ist mir, als ob ich das Schluchzen einer Frau hörte, eine rauhe, drohende Stimme – und weiter nichts!«

Diese Worte täuschten immer noch die Erwartung des Kanadiers, denn man erinnert sich, daß er nur die Entwicklung des Dramas von Elanchove gesehen hatte. »Das sind wahrscheinlich Träume«, sagte er traurig; »aber weiter, weiter! Erinnert Ihr Euch an weiter nichts mehr? Erinnert Ihr Euch nicht an das Brausen des Meeres? Das ist ein Schauspiel, das man nicht vergißt, so jung man es auch gesehen haben mag!«

»Ich habe das Meer zum erstenmal vor vier Jahren in Guaymas gesehen«, erwiderte Tiburcio; »und doch, wenn ich gewissen Zeichen glaube, die man mir gegeben hat, so muß ich es zum erstenmal in meiner zartesten Kindheit gesehen haben.«

»Nun«, fuhr der Kanadier fort, noch einmal in seiner Hoffnung getäuscht, den wiederzufinden, den er seit langen Jahren beweint hatte, »ruft Euch diese Erinnerung nichts weiter zurück?«

»Nichts!«

»Nichts?«

»Nichts Bestimmtes wenigstens; aber wie Ihr sagtet, und wie ich glaube: Es sind Träume, die ich vielleicht für Wirklichkeit nehme.«

»Ganz ohne Zweifel ist es so«, erwiderte Bois-Rosé etwas verstimmt. »Welches Kind erinnert sich noch genau?«

»Und unter diesen Träumereien«, sagte Tiburcio, »sehe ich jetzt eine sonnverbrannte, rauhe Gestalt, aber gutmütig bei aller Rauheit.«

»Welche Gestalt?« fragte Bois-Rosé, indem er abermals sein Antlitz dem Licht zukehrte, auf dem das Feuer die angespannten Muskeln beleuchtete, während seine Brust sich wie ein Berg hob und senkte.

»Diese Gestalt«, fuhr Tiburcio fort, »ist die eines Mannes, der mich sehr liebte, denn«, fügte er lebhaft hinzu, »ich erinnere mich jetzt an diesen Mann!«

»Aber Ihr«, erwiderte Bois-Rosé, während Angst sich auf seinen Zügen malte; »liebtet Ihr ihn auch sehr?«

»Er war ja so gut zu mir!«

Eine Träne floß langsam auf die bronzene Wange Bois-Rosés, der aus Scham über seine Schwäche sich wegwandte, um sie zu verbergen; er kehrte wieder in den Schatten zurück und murmelte: »Ach! Er hat mich auch zärtlich geliebt!«

Dann, in dem Augenblick, wo er eine trostlose Überzeugung gewinnen oder das Kind, das er beweinte, wiederfinden mußte, bebte dieser rauhe Jäger unfreiwillig vor einer letzten Frage zurück, die die Hoffnung, von der seine Seele bewegt wurde, bestätigen oder sie für immer vernichten mußte. Endlich wagte er mit stockender Stimme diese entscheidende Frage, nicht ohne daß sein Herz sich in seiner Brust krampfhaft zusammenzog: »Erinnert Ihr Euch nicht vor allem eines Umstands, in dessen Folge dieser Mann von Euch getrennt wurde mitten in ...« Der Mut, weiterzusprechen, verließ ihn, und das Haupt auf seine Knie gestützt, erwartete der Koloß zitternd die Antwort auf seine Frage.

Sei es, daß Tiburcio sich dieses Umstands nicht erinnerte, oder war es im Gegenteil der Lichtstrahl, der in tiefe Nacht hineinfällt und Zweifel und Ungewißheit zerstreut – ein feierliches Schweigen folgte dieser Frage; ein Schweigen, während dessen der knisternde Laut brechender Zweige im Wald vor den keuchenden Atemzügen des Kanadiers nicht gehört wurde.

»Hört!« rief Tiburcio. »Ihr, der Ihr der Leuchtturm zu sein scheint, der mich führt, hört, woran ich mich jetzt erinnere.

Eines Tages war Blut überall, der Boden zitterte unter meinen Füßen; der Donner – oder vielleicht waren es Kanonen – grollte mit schrecklicher Gewalt; ich fürchtete mich in meinem dunklen Zimmer, wo ich eingeschlossen war. Jener Mann – der, der mich liebte – kam zu mir ...«

Tiburcio hielt einen Augenblick inne, als ob er die formlosen Gestalten, die sich vor ihm aufrichteten, wieder zu ordnen suchte; als ob er der unbestimmten Klänge, die nach so vielen Jahren noch an sein Ohr schlugen, sich erinnern wollte.

»Wartet!« fuhr er fort. »Dieser Mann sagte zu mir: ›Knie nieder, mein Kind, und bete für deine Mutter ...‹ Aber weiter weiß ich nichts ...«

Während dieser Zeit schien der Kanadier, der ganz im Schatten saß, das Haupt auf seine Knie gebeugt, von krampfhaften Zuckungen ergriffen zu werden; ein Schluchzen ließ sich vernehmen, und Tiburcio bebte beim Klang der gebrochenen Stimme Bois-Rosés, der rief: »Und bete für deine Mutter, die ich sterbend bei dir gefunden habe!«

»Ja, ja!« rief Tiburcio, der sich mit einem Sprung erhob. »Geradeso heißt es! Aber Ihr – wer seid Ihr, daß Ihr wissen könnt, was sich in diesem schrecklichen Augenblick ereignet hat?«

Der Kanadier erhob sich, ohne zu antworten, und niederkniend zeigte er noch einmal sein männliches, rauhes Gesicht, von Tränen überströmt, und rief trunken vor Gemütsaufregung: »O mein Gott! Ich wußte wohl, daß, wenn er noch eines Vaters bedurfte, du ihn zu mir gesandt haben würdest! Fabian! Fabian! Ich bin es ... ich bin dieser Mann ...«

Ein Blitz erhellte das Gesträuch; ein Schuß folgte und schnitt ihm das Wort vom Mund ab; eine Kugel schlug pfeifend dicht bei Tiburcio in die Erde. Pepe erwachte und sprang rasch auf die Füße.

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