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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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21 Fabian und Bois-Rosé

Wenn es der göttlichen Gerechtigkeit gefällt, endlich ihre feierlichen Sitzungen zu eröffnen, nachdem sie den Zeitraum, den ihr Wille festgesetzt hat, verfließen ließ, so sieht man nicht bloß von einem Ende eines Landes zum anderen die Schuldigen und die Zeugen nach dem von den Richtern bezeichneten Ort eilen – nein, von entgegengesetzten Punkten der Erdkugel, aus den entlegensten Gegenden kommen Richter, Zeugen, Ankläger und Schuldige, gehorsam der unsichtbaren Hand, die sie vorwärts treibt, und begegnen einander auf gemeinschaftlichem Boden.

Die Gerechtigkeit Gottes kennt für das Verbrechen keine Verjährung. Zwanzig Jahre, die seit der Ermordung der Gräfin von Mediana verflossen waren, hatten sie nicht entwaffnet – die Zeit war nur noch nicht gekommen, wo ihr Urteilsspruch in Kraft treten sollte; jetzt nahte sie heran. Schon längst zerrissene Fäden begannen sich wieder anzuknüpfen, längst getrennte Persönlichkeiten begegneten einander endlich.

Fabian von Mediana und der kanadische Matrose, die vor zwanzig Jahren dreitausend Meilen von diesem Ort plötzlich auseinandergerissen worden waren, schliefen wieder neben derselben Feuerstelle. Ein zufällig entschlüpftes Wort konnte den Jäger das Kind, um das er täglich trauerte, konnte Fabian von Mediana den Mann wiederfinden lassen, der den Leichnam seiner Mutter gefunden und seine eigene Kindheit zwei Jahre hindurch beschützt hatte; denjenigen, dessen Name seinem Gedächtnis entfallen war, an dessen Dasein aber die Frau Arellanos' ihn bei ihren letzten Enthüllungen dunkel erinnert hatte.

Wir dürfen es nicht in Vergessenheit kommen lassen, daß dies beinahe zu derselben Zeit stattfand, in der Don Estévan den Senator und den Hacendero weckte, um so plötzlich Abschied von ihnen zu nehmen.

Unterdessen rückte die Nacht vor; die Sternbilder, die für die Reisenden in diesen Einöden die Stunden angeben, hatten den Teil des Himmels verlassen, der sich über die Lichtung ausspannte, und neigten sich augenscheinlich nach Westen. Der Kanadier, der nach der Warnung Pepes »nur mit einem Auge« schlief, hatte öfter seinen Schlaf unterbrochen, um einen Blick ringsumher zu werfen; aber das Licht der Flamme beschien nur den immer noch schlafenden Tiburcio. Pepe war noch nicht wieder erschienen.

Unruhe und Argwohn sind nicht mit einem athletischen Körperbau wie dem Bois-Rosés vereinbar; er hatte also auch ebensooft seinen unterbrochenen Schlaf von neuem begonnen.

Zwei Stunden vergingen noch, als ein leichtes Krachen der Zweige, ein Geräusch von Schritten, die durch den Moosteppich gedämpft waren, und besonders das Schnauben der Nüstern eines Pferdes ihn abermals aufweckten. Bald darauf zeigte sich auch Pepe. Er zog am Halfter ein Pferd nach sich, das beim Anblick des Feuers und der beiden auf dem Boden liegenden Männer vor Schrecken ängstlich schnob. »Ich bin fertig«, sagte der Spanier mit leiser Stimme, »und bringe den schönsten Renner mit, der jemals diese Wälder durchflogen hat. Ich fürchte nur, daß er sich noch ein wenig unbändig gegen den Reiter benehmen wird; aber die Hauptsache ist, daß ich ihn habe, obgleich es nicht ohne Mühe so weit gekommen ist.«

Pepe trocknete seine von Schweiß triefende Stirn mit den Überresten eines Taschentuchs und zog gewaltsam ein prächtiges Tier ans Feuer, dem der Schrecken ein noch herrlicheres Aussehen verlieh, denn mit Ausnahme des Menschen, der von Natur König der Schöpfung ist und den die Furcht erniedrigt und herabwürdigt, verleiht sie fast allen Tieren noch eine Schönheit mehr. Dieses hier stemmte sich auf seine feinen Füße, die wie gespannte Saiten zu zittern schienen; der Hals war weit vorgestreckt, die Ohren gespitzt und nach vorn gerichtet; zwischen ihnen fiel ein Bündel Haare auf ein wildes Auge herab; der ganze Leib zitterte, die Nüstern dehnten sich und zogen sich wieder zusammen – kurz, es war der vollkommenste Typ jener mexikanischen Rasse, die mit der arabischen wetteifert – ein Tier, um einem Pascha Lust zu machen.

»Ich habe eine glückliche Hand gehabt, nicht wahr?« sagte Pepe mit zufriedener Miene, während er den Renner fest an den Stamm einer Eiche band.

»Sofern dein Vorhaben dir ebensogut gelingt, wird alles ausgezeichnet gehen«, antwortete Bois-Rosé, der trotz seiner Geringschätzung des Pferdes im allgemeinen doch nicht umhin konnte, dieses hier zu bewundern; »aber ich zweifle daran. Bis dahin leg dich schlafen; ich meinesteils habe es schon genug getan und will für dich wachen.«

»Ich habe es wohl verdient«, erwiderte Pepe, »und werde deinen Rat befolgen.« Mit diesen Worten streckte er sich aufs Gras, und bald hatte sich seiner ebenfalls der Schlaf bemächtigt; dieser ist ein Gast, der in den Wäldern nicht auf sich warten läßt, in welcher Lage man sich auch dort befinden mag.

Obgleich unter den gegenwärtigen Verhältnissen nichts diese Vorsichtsmaßnahmen rechtfertigte, so war die Macht der Gewohnheit in einem Leben voll Gefahren doch so groß, daß auch im Freundesland der eine wachte, während der andere schlief. Der Kanadier erhob sich also von seinem Mooslager, streckte seine gewaltigen Glieder, ging einige Minuten auf und ab, um den letzten Rest von Schlaf abzuschütteln, und setzte sich dann dicht bei der Feuerstelle, mit dem Rücken an den Stamm eines Korkbaums gelehnt, nieder. Der Glanz des Feuers beleuchtete vollständig sein Gesicht, auf dem tiefe Furchen mehr von den Anstrengungen als vom Alter eingegraben waren; seine beiden schlafenden Gefährten lagen tief im Schatten. Mitten in dem tiefen Schweigen der Natur, in einem jener feierlichen Augenblicke des Nachdenkens, wo das ganze Leben in der Erinnerung noch einmal durchlebt wird, hätte man leichter in seinen ruhigen Zügen eine Vergangenheit ohne Vorwurf und ohne Gewissensbisse lesen können. Unbeweglich wie eine Statue schien er das schönste Ebenbild der wachsamen Kraft.

Wenn es aber auch in der Kraft des Menschen liegt, sein Leben so zu gestalten, daß er ohne Bedauern zu jeder Stunde und an allen Orten in den Schacht seines Herzens hinabsteigen kann, so verfügt doch eine höhere Macht als sein Wille frei über Ereignisse, die noch nach vielen Jahren traurige Erinnerungen im Herzen erwecken können. Beim Anblick des schlafenden Tiburcio flog dann und wann ein wehmütiger Zug wie eine Wolke über die Stirn des Kanadiers; sein Anblick schien eine schlecht geschlossene Wunde wieder zu öffnen.

Bois-Rosé erhob sich vorsichtig, näherte sich dem jungen Mann und neigte sich über ihn, um ihn aufmerksamer zu betrachten. Nachdem er ihn lange Zeit genau angesehen hatte, ging er schweigend zurück.

»So alt müßte er wohl sein, wenn er noch lebt«, sagte er mit leiser Stimme vor sich hin; »aber wie in dieser Haltung, in diesen Zügen eines jungen Mannes, in seiner ganzen Kraft diejenigen eines Kindes wiedererkennen, das kaum vier Jahre alt war, als es mir entrissen wurde?« Ein Lächeln des Zweifels flog um seinen Mund, als ob er gezwungen wäre, die Torheit seiner Gedanken selbst anzuerkennen. »Und doch«, fuhr er fort; »ich bin der Spielball von zu vielen Ereignissen gewesen; ich habe zu lange mitten in der Natur gelebt, um an der Allmacht der Vorsehung zu zweifeln. Warum sollte sie kein Wunder tun? War es nicht ein solches, das mich auf dem Ozean ein Kind hat finden lassen, das auf dem Schoß seiner ermordeten Mutter dem Hungertod nahe war? Warum sollte ich es nicht wiederfinden in der ganzen Kraft der Jugend? Warum sollte es nicht abermals zu mir gewiesen sein, um von mir Hilfe und Schutz zu verlangen? Wer weiß? Sind die Wege Gottes nicht unerforschlich?«

Als ob diese Gedanken eine gewisse Überzeugung in seiner Seele hervorgerufen hätten, erhob sich Bois-Rosé abermals, um aus den Zügen Tiburcios das Bild des jungen Knaben wieder herauszufinden, den ihm seine Erinnerung stets mit rosigen Wangen und blonden Haaren vor die Seele führte; aber der Schein des Feuers zeigte seinen Augen ein schwarzes Haar, das eine bleiche Stirn lockig umgab und abgemagerte Wangen beschattete.

»Wie oft«, sagte er zu sich selbst, als er seinen Irrtum einsah, »habe ich nicht so meinen kleinen schlafenden Fabian betrachtet! Aber wer du auch sein magst, junger Unbekannter, du hast in mir die Hoffnung wachgerufen! Schlafe ruhig; du hast dich nicht an meinem Feuer niedergelegt, ohne hier einen Freund zu finden! Möge Gott meinem armen Fabian vergelten, was ich für dich zu tun bereit bin!«

Der Kanadier kehrte noch einmal auf seinen Platz, einige Schritte von Fabian entfernt, zurück, und hier, in dem erhabenen Schweigen des amerikanischen Waldes, erwachten seine Erinnerungen durch die Gegenwart eines jungen Mannes von gleichem Alter, als der Sohn der Gräfin von Mediana sein mußte, und gefielen sich darin, die Ereignisse im Golf von Biskaya noch einmal seinen Augen vorzuführen.

Diese Nacht erinnerte ihn an jene, in der er unter dem Feuer desselben Pepe des Schläfers, der heute sein Waffenbruder war, das ihm später entrissene Kind in einem Nachen aufgerafft hatte, wo der Leichnam seiner Mutter lag. In seinem Gedächtnis konnte er fast Tag für Tag die Spur aller Ereignisse verfolgen, durch die die glücklichsten zwei Jahre seines Lebens sich ausgezeichnet hatten, und zwar viel treuer, als es bis dahin der Fall gewesen war.

Der Kanadier wußte noch nicht, daß Pepe der Schläfer derselbe Soldat war, an dessen Ungeschicklichkeit in bezug auf seine Person er immer noch dachte. Man sieht, daß der Spanier bei seinen vertraulichen Mitteilungen Elanchove in keiner Weise erwähnt hatte, denn Pepe hätte gern aus seinem Leben die Nacht gestrichen, wo er auf Posten an der Ensenada gestanden hatte. Wenn Bois-Rosé in Pepe jenen Soldaten wiedererkannt hätte, der ihn in jener Nacht ebenso hartnäckig als ungeschickt, wie er sich ausdrückte, bombardierte, so hätte er gewiß nach diesem merkwürdigen Zusammentreffen noch viel lebhafter auf einen zweiten, nicht weniger wunderbaren Zufall gehofft. Aber Bois-Rosé wußte es nicht und blieb dabei, ohne es zu wollen, über einen Gedanken zu lächeln, der den jungen, unter seinen Augen schlafenden Mexikaner in jenen Fabian verwandelte, den er so innig betrauerte.

Schon begann die Kühle der Nacht, die man bereits einige Stunden vor dem Aufgang der Sonne fühlt, wie ein eiskalter Mantel niederzufallen. Der Nebel um die Wipfel der Bäume wurde immer dichter und senkte sich als kalter Tau herab; doch war trotz der vorgerückten Stunde noch alles still um ihn her.

Plötzlich schnaubte das angebundene Pferd heftig und suchte das Halfter zu zerreißen, indem es im Galopp einen weiten Halbkreis beschrieb; die vom Halfter zerbrochenen Zweige krachten laut. Offenbar hatte irgendein – wenn auch unsichtbarer – Gegenstand es erschreckt.

Bois-Rosé, so plötzlich aus seinen Träumereien gerissen, ging leise vor mit lauschendem Ohr und spähendem Auge; da er aber nichts bemerkte als den Mond, der immer noch mit schräg herabfallenden Strahlen die Baumstämme mit einem Silberglanz umgab und seinen Lichtschimmer verstohlen ins Dickicht sandte, so setzte er sich wieder auf den Platz, den er vorher eingenommen hatte. Er fand Tiburcio eben vom Schlaf erwacht. Obgleich seine Augen offenstanden, war es doch klar, daß sein Gast noch im Land der Träume weilte, denn er schien diese Feuerstelle, neben der er lag, den schlafenden Mann an seiner Seite und den Riesen, der schweigend auf seinen Posten zurückkehrte, mit erstaunter Miene zu betrachten. Doch dauerte diese Ungewißheit über seine außerordentliche Lage nur einige Sekunden, denn das wohlwollende Lächeln des Kanadiers erwiderte er mit der Frage, was der Lärm bedeutete, der ihn aufgeweckt habe.

»Es ist nichts«, antwortete Bois-Rosé, obgleich der leise Ton, mit dem er sprach, bis auf einen gewissen Punkt seine Worte Lügen strafte. »Das Pferd wird in Schrecken geraten sein durch die Witterung irgendeines Jaguars, der gewiß nicht weit von der Stelle herumstreift, wo wir die Felle seiner Gefährten und das eines Hammels gelassen haben, von dem wir ein Stück verzehrt haben. Dabei erinnere ich mich, daß Ihr vielleicht gern noch ein wenig von dem annehmt, was ich Euch aufbewahrt habe.«

Der Kanadier bot hierauf Tiburcio zwei kalte Bratenschnitten an, die er zurückgelegt und in Oregano gewickelt hatte. Diesmal tat Tiburcio dem Mahl Ehre an, und als er nach dem Rat seines Wirtes einen Schluck Wasser zu sich genommen hatte, das, wie er sagte, das beste Mittel zur Erwärmung des Magens sei, fühlte er, daß er ein ganz anderer Mensch geworden sei. Das leibliche Wohlsein, das er dank dieser Mahlzeit empfand, und die Wärme, die ihm nach dem kühlen Trunk durchströmte, gaben der Zukunft eine hellere Färbung und milderten den Schmerz der Vergangenheit. Beim Anblick des kanadischen Jägers, der seine Wunden mit so großer Sorgfalt verbunden hatte – dessen Sorge sich sogar bis auf sein Mahl erstreckte –, fühlte er sich nicht mehr so allein, so verlassen; ein geheimes Gefühl sagte ihm, daß er einen mächtigen und durch seine herkulische Stärke, seine Unerschrockenheit und seine Geschicklichkeit furchtbaren Freund gefunden habe; Bois-Rosé seinerseits sah vergnügt lächelnd zu, wie er aß, und wurde sich immer klarer bewußt, daß sein Herz dem jungen Mann entgegenschlug.

»Nun, mein Junge«, sagte der Jäger, »die Indianer haben die Sitte, ihre Gäste, die sie bei sich empfangen, erst dann nach Namen und Stand zu fragen, wenn sie unter ihrem Dach gegessen haben. Ihr befindet Euch hier bei mir, Ihr habt von meinem Mahl gegessen – darf ich Euch jetzt wohl fragen, wer Ihr seid und was auf der Hacienda vorgefallen ist, daß man Euch dort einen solchen Empfang bereitet hat?«

»Recht gern«, antwortete Tiburcio. »Aus Gründen, deren Kenntnis Euch nicht interessieren dürfte, hatte ich meine Hütte verlassen, um mich nach der Hacienda del Venado zu begeben. Mein Pferd stürzte mitten auf der Straße vor Durst und Mattigkeit unter mir zusammen, und der Leichnam des armen Tieres war es, der den Puma und die beiden Jaguare herbeigezogen hatte, die Ihr und Euer Gefährte so kühn und geschickt getötet habt.«

»Hm«, sagte lächelnd der Kanadier, »das ist ein ziemlich erbärmliches Geschäft; doch fahrt fort. Welche Beweggründe kann man haben, einen jungen Mann zu hassen, der kaum aus dem Jünglingsalter herausgetreten ist? Denn ich wette, Ihr seid noch nicht älter als zwanzig Jahre.«

»Vierundzwanzig«, antwortete Tiburcio; »doch ich fahre in meiner Erzählung fort. Ich selbst hätte beinahe das Schicksal meines Pferdes geteilt, und als ihr beide während des Nachtlagers an der Poza zu uns kamt, hatte der Reiterzug, bei dem ich damals war, kaum einige Stunden früher mich sterbend vor Fieber und Durst auf offener Straße gefunden, und ich kann nicht recht klar darüber werden, warum diese Leute mich damals nur gerettet haben, um später einen Mordversuch an mir zu begehen.«

»Aus Eifersucht vielleicht«, sagte lächelnd der Kanadier; »das ist immer die Geschichte der ersten Jugend.« »Ich gestehe es ein«, antwortete Tiburcio etwas verwirrt; »aber es gibt noch einen anderen Grund: das ist nämlich ein Geheimnis von außerordentlicher Wichtigkeit, das ich mit ihnen teile und dessen ausschließlichen Besitz sie sich allein sichern wollen. Es ist Tatsache, daß es drei Menschen gibt, denen mein Leben im Wege steht; aber unter ihnen gibt es auch einen, an dem Rache zu nehmen ich habe schwören müssen; und obgleich einer gegen drei, muß ich doch den Eid erfüllen, den ich auf dem Totenbett einer Person geschworen habe, die mir sehr teuer war!« (Tiburcio schrieb immer Don Estévan den Mord Arellanos' zu.)

Das Auge des Kanadiers folgte mit Teilnahme dem bewegten Antlitz Tiburcios und gab heimlich diesem jugendlichen Feuer seinen Beifall, das ihn die Gefahr gar nicht ermessen ließ. »Aber Ihr habt mir Euren Namen nicht genannt«, sagte Bois-Rosé zögernd.

»Mein Name ist Tiburcio Arellanos.«

Der Kanadier konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, als er diesen Namen hörte, der ihn aus seinen Träumereien in die Wirklichkeit zurückführte.

»Ruft dieser Name Euch irgendeine Erinnerung zurück?« rief Tiburcio. »Mein Ad...« – Tiburcio wollte sagen: Mein Adoptivvater, aber er hielt inne und fuhr fort: »Arellanos ist oft durch Steppen gereist, wo Ihr ihm hättet begegnen können; er war der berühmteste Gambusino in einer Gegend, die eine große Anzahl berühmter aufzuweisen hat.«

»Ich höre diesen Namen zum erstenmal«, antwortete Bois-Rosé; »Euer Aussehen allein ... ruft mir ... Ereignisse zurück, die schon längst vergangen sind ...« Der Jäger beendete seine Rede nicht und schwieg. Tiburcio seinerseits, der sich noch lebhafter an alles erinnerte, was sich in der Hacienda zugetragen hatte, schwieg ebenfalls und hielt es für eine Gunst des Himmels, mit den beiden Jägern zusammengetroffen zu sein; das Geheimnis des Val d'Or, das einem einzelnen Mann wie ihm unnütz war, wurde mit diesen beiden mächtigen Bundesgenossen eine kostbare Hilfsquelle und ein Pfand für den Erfolg seiner Liebe in den Augen Don Agustins; er beschloß also dem Kanadier unmittelbar Eröffnungen darüber zu machen.

Dennoch zögerte er noch einen Augenblick. Um den Preis des Goldes das Herz Rosaritas sozusagen erkaufen, das er einem zärtlicheren Gefühl für unzugänglich hielt, widerstrebte der uneigennützigen Liebe, die er selbst ihr gelobt hatte; aber trotz des Eides, den er sich schwor, sie nicht wiederzusehen, siegte doch ein Rest von Hoffnung, die niemals ganz in einem recht verliebten Herzen stirbt, über seinen Widerstand. Wird es nicht immer so mit den Schwüren Verliebter sein?

»Ihr seid Eurem Gewerbe nach ein Jäger, habt Ihr gesagt, wenn ich mich nicht täusche«, begann Tiburcio, das Schweigen unterbrechend; »das ist kein gewinnbringendes und ein sehr gefährliches Handwerk.«

»Es ist kein Handwerk«, antwortete der Kanadier; »es ist für alle ein edler Stand – für Pepe zum Beispiel. Für mich ist es der Beruf meines Lebens. Meine Vorfahren haben gejagt, und ich habe – nach einer kurzen Unterbrechung – den Stand, den meine Vorfahren auf mich vererbt haben, wieder ergriffen ... Unglücklicherweise habe ich keinen Sohn, der mein Nachfolger sein könnte; ein edles und starkes Geschlecht – ich kann es ohne Hochmut sagen – wird mit mir zugrunde gehen.«

»Und ich bin wie mein Vater Goldsucher«, erwiderte Tiburcio.

»Ja, Ihr seid von einem Geschlecht, das Gott ebenso hat entstehen lassen, damit das Gold, das er geschaffen hat, nicht für die Welt verloren wäre.«

»Mein Vater hat mir die Kenntnis eines nicht weit von hier entfernten und so goldreichen Ortes hinterlassen, daß ich, wenn zwei Jäger wie Ihr und Euer Gefährte sich mir anschließen wollten, sie reicher machen würde, als sie jemals haben träumen können.« Tiburcio wartete auf die Antwort des Kanadiers und glaubte fast seiner Beistimmung gewiß zu sein, trotz der Weigerung, die er in seiner Gegenwart schon gegen Don Estévan ausgesprochen hatte.

Der ehrliche Kanadier hatte Tiburcio das Vergnügen nicht zu verbergen gesucht, mit dem er ihm zuhörte. Dieser hatte das Feuer in den Augen des Jägers und das Lächeln, das sich über seine offenherzigen Gesichtszüge verbreitete, der Habgier zugeschrieben und täuschte sich. Bois-Rosé hörte im Gegenteil von den so verführerischen Vorschlägen Tiburcios nur den Ton einer Stimme, die auf dem Grund seines Herzens widerhallte wie eine längst vergessene Melodie oder wie einer jener Gesänge des Vaterlands, die plötzlich das Ohr eines Verbannten mit Freude erfüllen.

Das Erstaunen des jungen Mannes war darum nicht gering, als der Kanadier verneinend den Kopf schüttelte und antwortete: »Der Vorschlag, den Ihr mir da macht, würde ohne Zweifel einen Mann verführen, der sein Herz in irgendeiner Stadt zurückgelassen hat. Was mich anlangt, so habe ich kein Vaterland mehr. Die Wälder und die Steppen sind jetzt meine Heimat geworden, und ich will keine andere mehr; wozu sollte mir also das Gold, von dem Ihr sprecht, nützen? Es gab eine Zeit, wo ich es zu besitzen gewünscht hätte, um es einst zu vererben oder es selbst noch bei meinem Lebzeiten wegzugeben – heute habe ich niemand mehr, dem dieses Gold Nutzen schaffen könnte. Nein, nein, mein Junge, ich danke Euch, aber ich will nichts damit zu tun haben«, fügte er hinzu, indem er mit seinen breiten Händen sein Gesicht bedeckte, als wollte er seinen Augen das verführerische Gemälde entziehen, das Tiburcio vor ihm aufgerollt hatte.

»Das ist gewiß nicht Euer letztes Wort«, erwiderte Tiburcio, nachdem er sein Erstaunen überwunden hatte; »ein Mann weist nicht auf solche Art Schätze zurück, wenn er sich nur zu bücken braucht, um sie aufzuraffen!«

»Dennoch ist es ein unwiderruflicher Entschluß. Ich gehöre mit Leib und Seele einem Unternehmen an, bei dem ich meinem Gefährten, der es zehn Jahre lang gewesen ist, beistehen muß.«

Bois-Rosé dachte nicht daran, daß sein strenges Festhalten an dem einmal gegebenen Wort an jene edlen Ritter der alten Zeit erinnerte, wo keiner von ihnen seine Lanze zur Eroberung der Schätze Indiens erhoben hätte, wenn Lanze und Ehre in einer anderen Sache verpfändet gewesen wären.

»Ich fühle wohl, mein Junge, daß ich Euch durch diese Weigerung schmerzlich berühre«, fügte der Kanadier hinzu, als er die Traurigkeit sah, die plötzlich wie eine Wolke die Stirn Tiburcios umschleierte.

»Hört mich an, mein braver Jäger«, erwiderte der junge Mann. »Ich kann es Euch nicht verheimlichen, daß Eure Weigerung alle meine Hoffnungen zu Boden wirft; aber glaubt mir, nicht meinetwegen bedaure ich die Schätze, die wir anderen überlassen wollen ...«

»Ich glaube es Euch«, antwortete Bois-Rosé; »die Habgier hat gewöhnlich ihren Sitz nicht auf einer Stirn wie der Eurigen. Aber ich verweigere es auch nicht geradezu, Euch nützlich zu werden. Ich habe einige Gründe, zu glauben, daß Pepe hier sich auch über einen von jenen drei Männern zu beklagen hat und daß wir gemeinschaftliche Sache mit Euch – sei es in Eurer Liebe oder in Eurem Haß – werden machen können.« Während dieser Unterredung schienen die oft ausgesprochenen Worte »Schätze« und »Reichtümer« ihren zauberischen Einfluß auf Pepe statt auf Bois-Rosé auszuüben, denn er drehte sich oft herum, als ob er gegen die Entscheidung seines Freundes protestieren wollte. »Dieser Don Estévan, von dem ich habe reden hören«, nahm der Kanadier wieder das Wort, »ist ein Mann von ziemlich hohem Wuchs, nicht wahr? Es ist der Chef des Reitertrupps, bei dem Ihr gestern noch wart?«

»Er selbst«, antwortete Tiburcio.

»Das ist also der Name, den er hier angenommen hat?« unterbrach sie plötzlich die Stimme Pepes, der sich in die Höhe richtete, um an der Unterhaltung teilzunehmen.

»Solltet Ihr ihn etwa zufällig kennen?« fragte der junge Mann.

»Jawohl«, erwiderte Pepe; »er ist ein alter Bekannter von mir, mit dem ich noch eine rückständige Rechnung ins reine zu bringen habe, und gerade deshalb habt Ihr mich auch unter diesem Himmelsstrich gefunden. Wenn Ihr mehr von ihm zu wissen wünscht und er etwa zufällig dem Messerstoß, den Ihr empfangen habt, nicht fremd geblieben wäre, so will ich es Euch später erzählen und werde Euch auch gut zur Hand gehen können. Doch jedes Ding hat seine Zeit, und das wichtigste ist jetzt, zu schlafen, um auf jedes Ereignis vorbereitet zu sein.«

»Noch einen Augenblick, Pepe, noch einen Augenblick!« sagte der Kanadier in guter Laune. »Es sieht fast aus, als ob du im Sinn hast, deinen Beinamen ›der Schläfer‹ zu rechtfertigen. Höre mich einen Augenblick! Dieser junge Mann hat uns vorgeschlagen, ihn nach einer so reichen Goldmine zu begleiten, daß man sich nur zu bücken braucht, um das Gold aufzunehmen.«

»Demonio!« rief Pepe. »Du hast es doch angenommen, denke ich?«

»Im Gegenteil – ich habe es ausgeschlagen.«

»Und du hast unrecht daran getan, Bois-Rosé; die Sache verdient Überlegung! Aber wir wollen später davon sprechen; für den Augenblick nehme ich wie gewöhnlich das Nötigste zuerst vor.«

Nach diesen Worten legte sich Pepe alsbald nieder, und das Geräusch seines Atemholens bewies bald, daß er wieder eingeschlafen war.

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