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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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14 Tragaduros gerät wirklich außer sich

Dieser feierliche Eingang, die ehrfurchtgebietende Haltung Don Estévans, die plötzlich auf den spöttischen Ton folgte, den der Spanier bis jetzt beibehalten hatte, machten auf den Senator einen peinlichen Eindruck. Einen Augenblick bedauerte er sogar, sich so weit eingelassen zu haben, und selbst die Million als Mitgift, die rosigen Lippen und die schwarzen Augen Doña Rosaritas verloren etwas von dem blendenden Glanz, mit dem sie ihn bezaubert hatten.

»Vor etwa zwanzig Jahren«, fuhr der Spanier fort, »hatte ich mich einen Augenblick über meinen Beruf in dieser Welt getäuscht; ich glaubte mich geschaffen für ein häusliches Leben, für diese lächerlichen Schäferspiele, von denen gewisse junge Herzen träumen. Eine Enttäuschung ... ein ... Ereignis ließ mich einsehen, daß ich über mich selbst ganz im Irrtum gewesen war; ich war nur ehrgeizig, weiter nichts. Ich habe darum in einer ehrenvollen Laufbahn die Befriedigung meiner Wünsche gesucht, und die Auszeichnungen sind mir zugeflossen. Ich habe das Recht erworben, vor dem König von Spanien das Haupt zu bedecken. Als Ritter des Ordens des heiligen Jakob vom Schwert, habe ich bei den Feierlichkeiten am Hof den weißen Mantel und den roten Ordensdegen getragen, und für mich war das Gelübde der Keuschheit kein betrüglicher Eid. Als Ritter Karls III. teile ich mit den Prinzen der königlichen Familie den Titel des Großkreuzes, dann nach und nach die Ordensbänder des heiligen Ferdinand, der heiligen Hermenegilde, des Goldenen Vlieses und von Calatrava – beneidete Auszeichnungen, die indes für mich nur ein trauriger Trost waren.«

Diese prunklose Aufzählung blendete den Senator, der auf den Redner einen Blick ehrfurchtsvollen Staunens warf.

Don Estévan fuhr fort: »Die Reichtümer folgten bald den Ehrenbezeigungen. Die reichen Jahresgehälter, verbunden mit dem Vermögen meiner Vorfahren, ließen die Zeit weit hinter mir, wo ich, noch ein einfacher jüngerer Sohn der Familie, nur alles wünschen durfte, und – soll ich es Euch gestehen? – ich war nicht zufrieden. Und doch hatten mich, obgleich nur einfacher Edelmann durch den Zufall meiner Geburt, meine Anstrengungen zum Grafen von Villamares, Marquis von Casareal und Herzog von Armada gemacht.«

»Oh, Señor Herzog«, sagte Despiléarro demütig, »erlaubt ... aber ... ich ...«

»Ich bin noch nicht zu Ende!« sagte der spanische Senator ruhig. »Sobald ich alles gesagt haben werde, habt Ihr hoffentlich keine Zweifel mehr. – Ohne das beleidigende Mißtrauen, das Ihr mir bewiesen habt, würde ich immer für Euch nur der heimliche Agent eines Fürsten geblieben sein, der seinen ganzen Ruhm aus dem Vertrauen geschöpft hätte, mit dem er geehrt ist; ich wäre auch ferner nur für Euch ein einfacher Edelmann Don Estévan de Arechiza geblieben und nichts weiter. Es ist aber dringend notwendig, daß die Rückkehr dieses Mißtrauens sich niemals wieder zeige; darum sollt Ihr auch den Zweck, den ich verfolge, kennenlernen; Ihr sollt meine geheimsten Gedanken lesen.«

Der spanische Señor machte eine Pause, und der Senator bereitete sich vor, ihn mit dem ehrfurchtsvollsten Schweigen anzuhören.

»Ich habe Euch eben gesagt, daß ich seit zwanzig Jahren die Freuden des Ehrgeizes statt des Ehrgeizes selbst gesucht habe; ich habe da die Unwahrheit gesagt. Ich habe zwanzig Jahre meines Lebens verbraucht, um eine Erinnerung zu töten und zu gleicher Zeit meinen Ehrgeiz zu befriedigen«, fuhr der Herzog von Armada fort, den wir auch ferner Don Estévan nennen wollen.

»Einen Augenblick habe ich gehofft, daß diese Erinnerung mitten in den Erschütterungen eines stürmischen Lebens geschwächt würde. Fast gegen meinen Willen also haben während dieser unaufhörlichen Versuche die Reichtümer und Ehrenstellen mich aufgesucht. Ich verfolgte demnach einen doppelten Zweck: den Ehrgeiz zu sättigen und einen Tag meines Lebens zu vergessen.

Als der Liebling eines Fürsten, den ein altersschwacher König und ein schwächliches Kind allein von einem der ersten Throne der Christenheit trennen; überhäuft mit Ehren und Reichtümern; hoch genug gestellt, um tausend Feinde zu haben; zu mächtig, um auch nur einen unter ihnen zu fürchten, habe ich einen Augenblick zu triumphieren gemeint; ich habe geglaubt, zwischen meine Erinnerungen und mich eine unermeßliche Entfernung gelegt zu haben – vergebliche Hoffnung! Wie bei jenen südlichen Horizonten die Durchsichtigkeit der Luft uns die abgebrochenen Umrisse eines Gegenstands trotz der Entfernung erraten läßt, so tauchten die kleinsten Ereignisse einer verabscheuten Vergangenheit ebenso klar vor meinen Augen empor wie vor der Zeit meiner Größe.

Nichts tötet das Gewissen«, fügte der spanische Grande mit düsterer Stimme hinzu, »denn ach, das blutige Schwert des heiligen Jakob war kein leeres Symbol in meiner Hand gewesen. Wenn das Gewissen nicht tötet, so gibt es doch dem Ehrgeiz eine erschreckende Regsamkeit; es ist die Stimme, die ruft: ›Vorwärts, immer vorwärts!‹«

Don Estévan schwieg, während ihn der Senator mit fast furchtsamen Blicken betrachtete, soviel finstere und ehrfurchtgebietende Würde lag in dem Gesichtsausdruck des Spaniers.

»Aber wohin vorwärts?« fuhr der edle Spanier fort. »Welches Ziel noch verfolgen? Durch welche Mündung diesen Strom von Tatkraft wälzen, der in mir brauste?

Endlich bot ein Ereignis mir noch einmal das Ringen und den Kampf; ich schüttelte die Erstarrung ab, die mich entnervte, und hoffte; denn für mich sind Kämpfen und Ringen soviel als Vergessen.

Unsere politischen Erschütterungen gelangten nicht bis zu euch, Don Vicente. Europa kann auf seinen Grundpfeilern wanken, ohne daß ihr in diesem entfernten Winkel Amerikas etwas von unseren Erdstößen merktet. Ihr habt also auch nichts davon erfahren, was ich Euch jetzt erzählen will.

Vor beinahe zwei Jahren entriß der König von Spanien – der Bruder des Fürsten, dem ich ergeben war, Don Carlos von Bourbon – durch eine Verletzung des im Königreich seiner Vorfahren gültigen salischen Gesetzes ihm diese Krone, auf die er wartete, und schuf so den Herd eines Bürgerkrieges, den Ihr später werdet ausbrechen sehen. Die Infantin Isabella wurde zur voraussichtlichen Erbin des Thrones Ferdinands VII. erklärt, mit Ausschließung seines Bruders. Ich versuchte den tödlichen Schmerz meines hohen Beschützers zu stillen – aber vergeblich. Unter den Tröstungen, die ich an ihm versuchte, unter den Plänen, die ich ihm vorlegte, stellte sich plötzlich eine gigantische Unternehmung meiner Einbildungskraft dar; diese Unternehmung öffnete mir eine weite Aussicht, Gefahren Trotz zu bieten, fast unübersteigliche Schwierigkeiten zu überwinden – das gerade machte sie mir annehmbar.

Ich träumte davon, für meinen Herrn ein ebenso schönes, ein ebenso großes Königreich zu erobern als dasjenige, das er verlor; ich träumte, ihm eine der schönsten Blumen der überseeischen Krone wiederzugeben, die seine Vorfahren so ruhmvoll getragen hatten. Ich wollte einen Thron erobern, und diesen Thron, einmal erobert, wollte ich – vor zwanzig Jahren noch ein unbekannter Edelmann, jetzt aber gesättigt von Ehren und Reichtümern – zu einem Almosen machen für den der spanischen Monarchie verlustig gegangenen Erben! Werdet Ihr nun glauben«, fügte er mit einem von ruhigem Stolz strahlenden Lächeln hinzu, »daß Estévan de Arechiza an andere die Schätze der Schönheit und die beneideten Reichtümer der Tochter eines mexikanischen Hacenderos ohne Bedauern verschwenden kann?«

Der mexikanische Senator mit dem engen Horizont, den egoistischen Plänen blieb vernichtet, zerschmettert sowohl vor dieser kühnen Sprache des unbeugsamen Europäers als vor diesem gigantischen Plan und konnte nur rufen, indem er mit Ehrfurcht die Hand drückte, die ihm der edle Spanier entgegenstreckte: »O Don Estévan – mit Eurer Erlaubnis werde ich auch ferner Euch diesen bescheidenen Titel geben –, ich erröte über meinen Argwohn, und für das Glück, das Ihr mir bietet, für die Aussicht, die Ihr mir zu eröffnen geruht, gehört Euch mein Leben und mein Herz; aber ...«

»Noch ein Argwohn?« fragte Don Estévan lächelnd.

»Nein, aber eine Besorgnis. Habt Ihr den jungen Mann beobachtet, dem der Zufall uns hat begegnen lassen? Ein heimliches Vorgefühl sagt mir, daß Doña Rosarita vielleicht in ihn verliebt ist; er ist jung, schön, und sie scheinen sich seit langer Zeit zu kennen.«

»Was?« unterbrach ihn Don Estévan. »Dieser junge, zerlumpte Bauer erregt Euren Verdacht?«

»Ich gestehe«, sagte der Senator, »daß ich mich nicht habe überwinden können, die Augen Doña Rosaritas zu überraschen, die zuweilen mit sonderbarem Ausdruck auf ihn gerichtet waren.«

»Faßt wieder Mut; ich weiß durch Don Agustin ganz bestimmt, daß das Herz seiner Tochter von jeder Liebe frei ist und daß ihre Eitelkeit sich in dem Gedanken gefällt, eines der einflußreichsten Mitglieder des Senats von Arizpe zum Gemahl zu nehmen. Was diesen jungen Taugenichts anlangt, der ganz den Stolz eines spanischen Bettlers zu haben scheint, so soll er überwacht werden, und es wäre nur ein geringes Hindernis aus dem Weg zu räumen, wenn er etwa die Anmaßung gehabt haben sollte, sich sein Ziel so hoch zu stecken.«

Bei diesen Worten schien das Gesicht Don Estévans einen Augenblick sorgenvoll, und er konnte sich nicht enthalten, hinzuzufügen: »Ich habe ihn ebenfalls beobachtet. Eine merkwürdige Ähnlichkeit hat bei mir abermals die Quelle vieler Schmerzen geöffnet ... Aber denken wir nicht mehr an eingebildete Besorgnisse, und laßt mich Euch genauer, als ich es bis jetzt getan habe, das Ziel bezeichnen, nach dem ich strebte; unsere Mittel zum Handeln; was ich von Euch erwarte auf der Bahn, die Ihr nun einschlagt, und die Gunstbezeigungen, die eine erhabene und mächtige Hand, indem sie sich öffnet, über Euch ausstreuen will. Nicht wahr, Señor Tragaduros, Ihr seht bis jetzt weder die Hilfsmittel, auf die ich rechnen kann, noch das Königreich, das ich erobern will?«

»Ich gestehe es«, antwortete Tragaduros.

»Die Provinz, die ich zu einem Königreich für meinen Gebieter und Euren künftigen Souverän umbilden will, ist Sonora.«

»Was? Unseren republikanischen Staat wollt Ihr in eine Monarchie umwandeln?« rief der Senator. »Aber einen solchen Schritt versuchen, das heißt sein Leben aufs Spiel setzen!«

»Ich weiß es; doch habt Ihr mir nicht eben gesagt: ›Mein Leben, mein Herz gehört Euch?‹ Und gerade den Preis dieses Einsatzes will ich Euch durch die Heirat mit der Tochter Don Agustins und mit dem Vermögen, das Euch zuteil werden wird, bezahlen. Als ich Euch eben sagte, daß es nur an Euch liegen würde, Eurem erblaßten Stern mehr Glanz zu geben, als er jemals gehabt hat, wähntet Ihr da etwa, daß die einzige Anstrengung, die Ihr zu machen hättet, die wäre, eine junge und schöne Frau mit einer ungeheuren Mitgift zu nehmen und unberechenbare Hoffnungen zu nähren?«

»Nein, ohne Zweifel«, erwiderte Tragaduros schwankend; »indes ...«

»Ich habe Euch gesagt, ich suche einen tatkräftigen Mann, der einen schnellen und vielleicht ruhmvollen Tod mit der Aussicht auf Ehren und Reichtümer dem langsamen Todeskampf in einem Leben ohne Reichtum und Ehre vorzieht. Also nur unter der Bedingung, daß ich auf Euren Mut und Eure Anstrengungen, unser Ziel zu erreichen, zählen kann, will ich aus Euch den reichsten Eigentümer des neuen Königreichs machen. Wenn ich mich getäuscht habe; wenn Ihr nicht der Mann seid, den ich suche; wenn die Gefahr Euch schreckt, so finde ich vielleicht jemand an Eurer Stelle, der über eine Gefahr lacht, die ihm ein ungeheures Vermögen einbringen soll.«

»So laßt uns denn sehen«, erwiderte der Senator, nachdem er einige Schritte im Zimmer getan hatte, um seine Aufregung zu beschwichtigen, »was Ihr von mir erwartet und auf welche Hilfsquellen Ihr rechnen könnt.«

»Vor etwa zehn Jahren habe ich gegen die Unabhängigkeit Eures Landes in diesen Provinzen gekämpft. Ich kenne ihre Hilfsquellen, ihren unberechenbaren Reichtum, und als ich sie verließ, sagte mir ein geheimes Vorgefühl, daß ich noch einmal hierher zurückkehren würde.

Zufällig habe ich Don Agustin kennengelernt, der damals noch im Begriff war, sich den großartigen Reichtum zu erwerben, den er jetzt genießt. Ich hatte Gelegenheit, ihm einen ausgezeichneten Dienst dadurch zu erweisen, daß ich sein Haus vor Plünderung bewahrte, ihm sogar das Leben rettete, denn er hatte seine geheime Hinneigung zur spanischen Sache nicht genug verborgen gehalten. Ich unterhielt mit ihm geheime Verbindungen. Ich wußte, daß das unzufriedene Sonora ebenfalls das Joch der Bundesrepublik abzuschütteln suchte. Ich brachte es dahin, daß der enterbte Fürst an meinem kühnen Plan Geschmack fand, und kam hierher. Don Agustin war einer der ersten, gegen die ich mich offen erklärte. Sein Ehrgeiz war geschmeichelt von den Versprechungen, die ich ihm im Namen meines Gebieters reichlich machen konnte, und er stellte sich ganz und gar zu meiner Verfügung.

Trotz der großen Geldmittel, über die ich verfügen kann, suchte ich diese doch noch zu vermehren. Der Zufall begünstigte mich. Ich hatte zur Zeit, da ich in diesem Staat Krieg führte, einen jungen Taugenichts kennengelernt, der die Spanier und die Insurgenten einen nach dem anderen verriet; dieser junge Mann nennt sich jetzt Cuchillo.

Mein Verhältnis zu ihm war anderer Art. – Ich bemerkte nämlich, daß er das Regiment, das ich befehligte, in einen Hinterhalt der Insurgenten führte; ich befahl daher, ihn an den ersten Baum zu hängen, bei dem wir vorbeikämen. Es traf sich glücklich für ihn, daß man meine Befehle zu buchstäblich genommen hatte; wir befanden uns mitten in ungeheuren Savannen, ohne Bäume irgendeiner Art, und der Befehl war nicht leicht auszuführen. Bei den Märschen und Gegenmärschen, die ich zu machen genötigt war, konnte also der Befehl zu seiner Hinrichtung nicht sogleich vollzogen werden; Cuchillo entkam und hat jetzt keinen Groll mehr gegen mich im Herzen. Ihr habt im Dorf Huerfano gesehen, daß ich wieder Bekanntschaft mit ihm angeknüpft habe, um ihm mit gutem, klingendem Gold das Geheimnis einer unermeßlichen Goldmine abzukaufen, nach der ich jetzt die Expedition, die sich unter meinen Befehlen gebildet hat, richten will.

Cuchillo allein, ich und Ihr, Don Vicente« – der Spanier verschwieg den Namen Tiburcios –, »kennen bis jetzt den geheimen Beweggrund zu dieser Unternehmung, deren scheinbarer Zweck nur eine Expedition mehr ist, wie solche schon öfter unternommen worden sind. Ihr, Herr Senator, werdet hier mit der sehr süßen Aufgabe zurückbleiben, bei der schönen Rosarita Erhörung zu finden; ich dagegen nehme die zahllosen Gefahren der unbekannten Länder, in die ich eindringen will, für mich in Anspruch. Was Cuchillo anlangt, so verspreche ich ihm, wenn er mich verrät, diesmal von meiner eigenen Hand eine ebensosehr wie das erstemal verdiente, aber schnellere Strafe; denn ich weiß nicht, was mir sagt, daß der Verräter seinen Charakter nicht geändert hat!

Der Gewinn aus dieser Expedition, deren reichster Anteil mir als dem Chef gebührt, wird noch den Hilfsquellen, über die ich verfügen kann, hinzugefügt werden. Die Leute unter meinen Befehlen könnten sich selbst nötigenfalls – und das ist nicht der geringste Beweggrund in meinen Augen – in ergebene Parteigänger verwandeln in dem wahrscheinlichen Fall, daß es zum Handgemenge kommen sollte. Außerdem sind mir noch Hilfstruppen aus Spanien versprochen, denn Europa leidet an einer Übervölkerung, und die überzählige Masse sucht alle Ausgänge auf, um sich anderswohin zu ergießen. Die Abenteurer werden haufenweise kommen, um sich unter unsere Fahne zu reihen und das neue Königreich zu erobern, dessen Krone Europa noch einmal auf das Haupt eines seiner Söhne setzen wird.«

Der Spanier ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, von einer so feurigen Begeisterung ergriffen, als ob er schon das Szepter und den königlichen Mantel, die sein Stolz für seinen Gebieter zu erringen träumte, in seiner Hand gehabt hätte. Ein kriegerisches Feuer blitzte in seinen Augen; er schien die Gegenwart des Senators vergessen zu haben. Erst nach einiger Zeit erinnerte er sich, daß bei einem Plan, wie der seinige war, die Intrige der Vorläufer und die Unterstützung der Gewalt und Kühnheit sein müsse, und mit einem leichten Anflug von Geringschätzung wandte er sich an denjenigen, der in diesen verborgenen Wirkungskreisen, wo die Männer von seinem Schlag jede persönliche Beteiligung zurückweisen, tätig sein sollte.

»Nun«, sagte er, »Eure Aufgabe muß eine friedlichere sein. Für uns der offene Kampf – für Euch die geheimen Wege der Dunkelheit. Durch die reiche Heirat, die Ihr durch meine Vermittlung machen werdet, wird Euer Vermögen sich wieder heben; Ihr werdet den Einfluß, den Ihr verloren habt, wiedergewinnen. Von den zweihunderttausend Piastern, die die Mitgift Eurer Frau bilden, werdet Ihr hunderttausend dazu gebrauchen, Euch Anhänger im Senat und bei denen zu verschaffen, die Ihr Eure Armee nennt. Diese Summe wird Euch mit Zinsen wiederbezahlt werden; und solltet Ihr sie auch verlieren, so werdet Ihr doch immer noch ein ausgezeichnetes Geschäft machen! Aber davon kann hier gar keine Rede sein. Der offenbare Zweck, den Ihr vor Augen haben sollt, wird der sein, den Staat Sonora von der Föderalrepublik loszureißen – an Gründen dazu ist kein Mangel: Sonora hat kaum mehr Gerechtsame als ein gewöhnlicher Landstrich. Eure Interessen sind nicht dieselben wie die der Zentrumsstaaten. Täglich werden Gesetze, die einen lokalen Nutzen für diese Staaten haben, für euch tyrannische Gesetze. Ein Präsident, der in einer Entfernung von siebenhundert Meilen eure Finanzen, eure Zollverhältnisse leiten soll, ist eine Lächerlichkeit. Die Fahne der Unabhängigkeit wird von den untätigen Soldaten, die die Regierung nicht besolden kann, erhoben werden, wenn zur rechten Zeit Geld unter sie verteilt wird. Ehe nur die Nachricht vom ›Grito‹ bis zum Sitz der Exekutivgewalt gelangt ist; ehe nur diese Regierung über eine hinreichende Anzahl Soldaten verfügt, um gegen uns zu marschieren; ehe diese Truppen, die die Desertion wie immer bis zur Hälfte vermindern wird, noch bis auf einige hundert Meilen Entfernung gekommen sind, wird die Empörung schon Wurzeln gefaßt haben.

Der Senat, den Ihr lenken werdet, muß Gesetze erlassen; Gesetze, die euren Sitten, euren Bräuchen angepaßt sind, und diese werden dann schon diejenigen in Vergessenheit gebracht haben, die euch jetzt regieren. Ferner werden die Offiziere und die Soldaten, die kommen, euch zu unterwerfen, schon durch das Gold erkauft sein, über das ich verfügen kann. Die Insurrektion ist vollendet, Sonora ein freier Staat. Der erste, der entscheidende Schritt ist getan, und die Bestechung wird die zweite Umbildung bewirken. Der Senat, die Armee werden zur Regierung einen europäischen Fürsten berufen, der dieselbe Sprache mit ihnen spricht, der sich zu derselben Religion bekennt.

Hört mich jetzt, Don Vicente. Es gab vor meiner Rückkehr in diese Provinz einen Senator, der aus einem reichen Mann, der er war, ein armer Mann geworden ist und der keine andere Aussicht hatte als die, in der Dürftigkeit zu leben, gequält von dem vergeblichen Schmerz über seinen dahingeschwundenen Reichtum. Ich gebe dem Senator diesen Reichtum zurück; ich gebe ihm eine Frau, deren Schönheit der Stolz eines Fürsten sein würde. Der Senator Despilfarro wird zum Grafen, zum Granden von Spanien erhoben werden, ein einträgliches Amt wird an die Person des neuen Königs seinen erprobten Senator fesseln, und er wird steigen, steigen bis zu dem Augenblick, wo seine ehrgeizigsten Wünsche erfüllt sein werden. Hatte ich unrecht, als ich sagte, daß der Versucher dem Herrn der Welt, dem alles gehört, nicht mehr anbot als das, was Euer zukünftiger Souverän, König Karl I., durch meinen Mund Euch, der Ihr nichts mehr besitzt, verspricht?«

Nach diesen Worten schwieg der Spanier, und der Senator, geblendet durch die verführerischen Ehren und Reichtümer, drückte die Hand des kühnen Parteigängers und rief mit Begeisterung: »Es lebe König Karl I.!«

Der Spanier unterrichtete ihn noch von den Maßnahmen, die man unterdes zu nehmen habe, zeigte ihm die Leichtigkeit der Ausführung seines Plans und die Aussichten auf dessen Gelingen und schloß: »Ihr seht, König Don Carlos zählt schon einen Anhänger in diesem Land. Aber es ist spät, Don Vicente, und ich muß noch, ehe der Abend vorüber ist, zu wichtige Sachen überdenken, als daß ich sie auf morgen aufschieben könnte; Ihr werdet also entschuldigen, daß ich hiermit von Euch Abschied nehme.«

Der Senator ging aus dem Zimmer auf das seinige, den Kopf voll goldener Träume von seinem künftigen Reichtum und seiner Größe.

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