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Der Waldläufer

Gabriel Ferry: Der Waldläufer - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGabriel Ferry
titleDer Waldläufer
publisherVerlag Lothar Borowsky
illustratorGustave Doré
translatorDr. G. Füllner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid2a1dd165
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10 Zwei Belastungszeugen

Die Zuschauer des schrecklichen Kampfes, der beginnen sollte, sahen bald die Jaguare plötzlich anhalten wie Spürhunde, die stehen. Ein Brüllen getäuschter Hoffnung entwand sich ihrer Brust. Sie hatten eben zwei neue Feinde gewittert, die sie vorher noch nicht wahrgenommen hatten. Das wilde Paar war nur noch einige Schritte von der Zisterne entfernt. Einen Augenblick standen Männchen und Weibchen wie auf Verabredung still, streckten sich ihrer ganzen Länge nach aus, schlugen die Weichen mit dem Schweif und taten einen furchtbaren Satz, währenddessen sie förmlich über dem Erdboden zu schweben schienen.

Ein Schuß, gefolgt von einem schrecklichen Brüllen, ließ sich im selben Augenblick hören. Einer der Jaguare, durch die Büchse eines der Jäger gleichsam im Flug getötet, überschlug sich in der Luft und fiel leblos auf den Grund des Tals. Der andere sprang hinein voll Wut und Kraft.

Da gab es nun einen verwirrten Lärm von menschlichen Stimmen und von Gebrüll, als ob die beiden Jäger sich Leib gegen Leib mit ihren Gegnern auf dem Boden wälzten; dann folgte eine zweite Entladung, und ein letztes Brüllen – anfänglich hell und scharf, aber stufenweise abnehmend – beendete die kurze Szene, deren Zusammenhang die erschreckten Zuhörer nur erraten konnten.

Dann erst, als der größere Jäger seine hohe Gestalt am Rand des Tals zeigte, liefen alle eifrig hinzu. »Seht«, sagte er zu ihnen, »was zwei Kentuckybüchsen und ein gutes Messer in den Händen vermögen, die an ihre Führung gewöhnt sind!«

Aber die Dunkelheit hinderte sie anfangs, genau zu sehen, und erst nach einigen Minuten konnten sie die Leichname der beiden Jaguare auf der Erde ausgestreckt und den Jäger mit Namen Dormilon beschäftigt erblicken, einen langen Riß, der hinter dem Ohr begann, über die Schulter in einer breiten Furche weglief und oberhalb der Brust endete, mit kaltem Wasser zu baden.

»Das tut nichts«, sagte Dormilon; »ein Messer ist besser als die schärfsten Krallen. Bitte – urteilt darüber, und schaut die tödliche Wunde!«

Wirklich hatte die Schmarre, die er bekommen hatte, obgleich sie tief war, doch nur das Fleisch zerrissen, während einer der neben ihm liegenden Jaguare seine Eingeweide durch eine ungeheure, mehr als einen Fuß lange Wunde verlor. Das war der Gnadenstoß für das arme Tier gewesen, das durch eine Kugel nicht hatte getötet werden können. Was den anderen betrifft, so hatte das Blei des Jägers ihn so dicht am Gehirn getroffen, daß der Tod augenblicklich eingetreten war.

»Gibt es nicht«, fragte Dormilon, »eine Hacienda nicht weit von hier, wo man zwei schöne Jaguarhäute und eine dritte von einem Puma verkaufen könnte?«

»Gewiß«, antwortete Benito; »wir gehen selbst nach der Hacienda del Venado, die nur einige Meilen von hier liegt und wo ihr außer fünf Piastern, die man euch für jede Haut bezahlen wird, noch eine Belohnung von zehn anderen Piastern erhalten werdet.«

»Was sagt ihr dazu, Kanadier? Wollen wir bis dahin?«

»Ja, gewiß, fünfundvierzig Piaster lohnen die Mühe, und wenn wir einen Augenblick geschlafen haben, wollen wir uns auf den Weg nach der Hacienda machen. Aber ich meine, wir werden dort viel schneller ankommen als ihr, wenn ihr eure Pferde nicht wiederzubekommen sucht, von denen kein einziges zu eurer Verfügung steht.«

»Seid unbesorgt um uns«, antwortete der alte Hirt; »es ist nicht das erstemal, daß ich Haufen von Pferden gesehen habe, wie sie, von einem tollen Schrecken ergriffen, sich so in die Wälder zerstreuten; aber ich habe mein erstes Handwerk nicht vergessen! Morgen, wenn die Sonne aufgeht, denke ich sie zurückgebracht zu haben, und mit Erlaubnis Don Estévans will ich meine zwei Gefährten nehmen und sogleich aufbrechen, sie wieder zu suchen.«

Nichts hinderte jetzt mehr, daß man das Feuer für den Rest der Nacht wieder anzündete, denn die Sterne zeigten, daß es noch nicht einmal elf Uhr war. Man nahm also die letzten Vorbereitungen zum unterbrochenen Abendessen wieder auf. Die wieder angezündeten Kohlen verbreiteten aufs neue eine freundliche Helle; der Hammel entsandte einen appetitlichen Duft, als der Spanier und der Senator die beiden unerschrockenen Jäger, die ihnen einen Dienst erwiesen hatten, den man nicht wieder vergißt, zu sich einluden.

»Kommt her«, sagte der Senator zu ihnen, »ihr braven Jäger, deren unverhoffte Hilfe und erprobte Unerschrockenheit wir so wohl zu würdigen wissen! Ein Stück Braten und ein Schluck katalonischer Wein werden nicht zuviel sein nach dem rauhen Werk, das ihr eben beendet habt.«

»Oh«, sagte der älteste Jäger, indem er sich mit seiner athletischen Gestalt neben das Feuer stellte, »es ist keine große Sache, zwei armselige Tiere getötet zu haben. Wenn wir aus einem Kampf kämen mit einem Dutzend Indianern – Komantschen, Pawnees oder Sioux –, das möchte noch eher der Mühe wert sein, davon zu reden. In jedem Fall aber ist vor wie nach dem Kampf ein Stück Braten immer willkommen. Auf, Dormilon, komm auch herbei!« sagte er zuletzt zu seinem Kameraden.

»Und Ihr auch, junger Mann!« sagte seinerseits der Spanier, indem er Tiburcio, der sich abseits hielt, ein Zeichen gab. »Wollt Ihr nicht die Gastfreundschaft teilen, die wir Euch wie diesen braven Jägern anbieten können?«

Der junge Mann gehorchte der Einladung des Führers, und zum erstenmal erschien seine Gestalt in der strahlenden Helle des Feuers. Einen Augenblick schienen die Augen Don Estévans ihn mit ihrem Blick verschlingen zu wollen.

Wirklich war auch das Gesicht Tiburcio Arellanos bemerkenswert. Obgleich es jetzt nur den Ausdruck einer ruhigen Melancholie zeigte, so waren doch die Adlernase mit den unruhigen Flügeln, schwarze, nicht sehr tief unter dicken Augenbrauen liegende Augen, ein olivenfarbiger Teint – den jedoch der schwarze Bart matt bleichte – und dazu die äußerst zusammengezogene Oberlippe Beweise von feurigen Leidenschaften.

Ein Haar, mehr dunkel kastanienbraun als schwarz, beschattete seine Stirn. Er war groß und schlank, aber seine breiten Schultern, seine enge und geschweifte Taille, seine weißen kräftigen Hände zeugten von einer europäischen Kraft, die nötigenfalls die unter dem heißen Himmel des weichlichen spanischen Amerika entwickelten Leidenschaften unterstützen mußte. Die Traurigkeit, die seine edlen Züge ausdrückten, mäßigte in diesem Augenblick die fast wilde Energie seiner Augen. Das war gewiß der Sohn eines großen Geschlechts, in ein kaum halb zivilisiertes Land verpflanzt.

»Das sind die Figur und die Haltung Juans de Mediana«, sagte Don Estévan de Arechiza leise zu sich. Aber da es für ihn ohne Zweifel von Wichtigkeit war, das Geheimnis, das er eben entdeckt hatte, nicht zu verraten, so verbarg er unter einem kalten Äußeren Gedanken, die niemand argwöhnen sollte.

Es war noch ein anderer Mann da, der beim Anblick des lebhaft von der Flamme beleuchteten Tiburcio aufschrak und die Augen schloß, als ob ihn der Blitz geblendet hätte. Er wollte auf ihn zugehen, als ein zweiter Blick ihn ohne Zweifel enttäuschte, denn er setzte sich wieder mit einem Lächeln über seinen Irrtum. Dieser Mann war der älteste und stärkste der beiden Jäger. An den Blicken indes, die er kaum von ihm wandte, konnte man leicht sehen, daß das erste Gefühl von Zuneigung, das er für Tiburcio empfunden hatte, sich nicht verlor. – Dann gingen seine Augen von einem zum anderen der um die Feuerstelle gruppierten Tischgenossen; bald mit kalter, beobachtender Ruhe, bald mit einer Lebhaftigkeit, die einen Mann in ihm erkennen ließ, der durch seine Lebensart gewohnt war, Menschen und Gegenstände, von denen er umgeben war, sorgfältig zu studieren.

»Aber so komm doch, Dormilon! Man sollte meinen, du scheutest dich, herzukommen«, sagte der Jäger zu seinem Gefährten. »Beweise doch, daß du Lebensart besitzt.«

Der zweite Jäger kam herbei, indem er Worte ohne Zusammenhang vor sich hinmurmelte, von denen man nur folgende verstand: »Ganz gewiß ... aber das ist... Teufel ... die Gestalten ...« Und während er sich näherte, zog er eine Mütze aus Pelzwerk, die er trug, so über seine Stirn, daß seine Augen nicht zu sehen waren; und aus einem karierten, beinahe zerfetzten Taschentuch, mit dem er die Wunde an seinem Hals verbunden hatte, machte er sich eine Maske, die von seinem Gesicht nur einen Mund voll solcher Zähne sehen ließ, daß er ein tüchtiger Tischgenosse zu sein versprach. Dann nahm er, als ob diese Vorsichtsmaßnahmen noch nicht hinreichten – ebenso wie Odysseus bei seiner Heimkehr zu Penelope –, einen solchen Platz an der Feuerstelle ein, daß er im Schatten verborgen blieb.

»Gibt es in Eurem Land viele Männer von Eurer Kraft und von Eurem Wuchs?« fragte der Senator den kräftigen Jäger, der aß und trank wie zwei gewöhnliche Männer.

»In Kanada«, antwortete dieser, »würde ich niemandem auffallen; fragt nur meinen Kameraden Dormilon.«

»Ganz gewiß; es ist wahr!« murmelte sein Gefährte.

»Aber ihr seid also nicht aus demselben Land?« nahm der Senator wieder das Wort.

»Dormilon ist gebürtig aus Sp...«

»Aus dem Staat New York!« unterbrach eilig der Jäger, während der Kanadier ihn mit erstaunter Miene anblickte, ohne ihn jedoch Lügen zu strafen.

»Und welches Handwerk treibt ihr?«

»Wir sind ›Coureurs des bois‹«, antwortete der Kanadier.

»Was?« sagte der Senator, der diese drei französischen Worte nicht verstand.

»›Rangers of the woods‹«, erwiderte der Kanadier englisch. Und da der Senator dies ebensowenig verstand, fügte er hinzu: »Das heißt, unser Leben geht damit hin, die Wälder zu durchstreifen, ohne einen anderen Zweck als den, dem beengten und abgeschlossenen Leben in den Städten zu entgehen. Aber das ist eine Beschäftigung, die immer seltener wird, und wenn wir beide nicht mehr sein werden, so wird das Geschlecht der Waldläufer in Amerika erlöschen. Weder Dormilon noch ich haben einen Sohn, der die Beschäftigung des Vaters fortsetzen könnte.«

In den letzten Worten des Kanadiers lag ein Anflug von Melancholie, der mit seiner sonst rauhen Lebensweise in völligem Widerspruch stand.

Don Estévan mischte sich hier in die Unterhaltung. »Das ist eine traurige Beschäftigung«, sagte er, »und wenn ihr die Unseren bei einer Expedition sein wollt, die wir zu unternehmen im Begriff stehen, so könnte ich euch wohl als euern Anteil die Mützen mit Goldstaub füllen. Sagt, willigt ihr ein?«

»Nein«, antwortete geradezu der Gefährte des Kanadiers.

»Ein jeder bleibe bei seinem Geschäft«, erwiderte der letztere; »wir sind keine Goldsucher. Und dann gehen wir auch gern, wohin es uns gefällt, ohne Führer, ohne Überwachung – mit einem Wort: Wir wollen frei sein wie die Sonne oder der Wind auf den Savannen.«

Diese Antwort wurde in einem so entschiedenen Ton gegeben, daß der Spanier darauf verzichten mußte, einen Entschluß wankend zu machen, der unerschütterlich schien, und jedermann dachte nur noch daran, so bequem wie möglich die Nacht hinzubringen.

Alle außer Tiburcio schliefen auch bald ein. Tiburcio aber war noch sehr jung, hatte vor kaum vierundzwanzig Stunden eine Frau verloren, die er wie seine Mutter liebte – und Tiburcio war verliebt! Drei Gründe, um nicht zu schlafen, sondern zu träumen. Anfangs bemächtigte sich eine tiefe Traurigkeit seiner Seele. Er befand sich in einer Lage, wo die Vergangenheit ebenso geheimnisvoll, seinen Augen ebenso undurchdringlich war wie die Zukunft.

»Ach, meine Mutter«, sagte er bei sich, denn immer bestand in seinem Herzen dieser Muttername; »ach, meine Mutter! Wer wird mir nun sagen, wer ich bin?«

Und er schien zu lauschen, als ob die Seufzer des Windes in den Blättern sich zur Stimme hätten gestalten können, um ihm Antwort zu geben. Tiburcio war weit entfernt, zu ahnen, daß es unter diesen Männern, die im Schein des Mondes oder dicht an der Feuerstelle lagerten, einen gab, der ihm den Namen sagen konnte, den er hätte tragen sollen.

Aber sterbend hatte ihm die Witwe Arellanos wenigstens ein Geheimnis enthüllt, das vielleicht interessanter war als das seiner Geburt. Die Entdeckung eines verborgenen Schatzes öffnete plötzlich den Augen Tiburcios eine glänzende Aussicht in die Welt seiner Träume; ein Traum selbst, glänzend wie der Stern, der aus der Nebelhülle hervortritt, strahlte vor seinen Augen. Eine Erscheinung, die er in seiner ersten Lage nur als ein Trugbild zu liebkosen wagte, trat plötzlich in die Wirklichkeit ein. Eine unüberschreitbare Entfernung schien sich auszufüllen, als ob durch Feenhand eine Brücke über einen Abgrund geworfen worden wäre.

Das Gold tut täglich diese Wunder. Hatte er nicht den Besitz einer reichen Goldmine in Aussicht? Er wagte es also, einen gestörten Traum wiederaufzunehmen, sich an das zu erinnern, was er von seiner Vergangenheit wußte, und sich die Zukunft auszumalen. Er begann, wieder vom Anfang an zu träumen. Zwei Jahre versetzte er sich zurück, und die Schranken des Zweifels und der Entmutigung fielen vor ihm wie ein düsterer Vorhang vor dem Zeichen des Maschinisten oder vor dem Stab eines Zauberers. Gerade wie diese Nacht hier, in der er jetzt träumte, öffnete ein weiter Wald vor seinen Augen seine durch die Dämmerung verdunkelten Bogengänge:

Ein Mann, ein junges Mädchen und Diener zu Pferd stellten sich ihm dar, unruhig und verstrickt in ein unentwirrbares Labyrinth von Lianen und Gesträuchen, und begrüßten ihn als ihren Schutzengel, der sie ihrem vorgesteckten Ziel zuführen sollte. Der Mann und die Diener erschienen ihm nur noch undeutlich; aber die bleichen Wangen, die schwarzen Augen, die wie Ebenholz dunklen Haare des jungen Mädchens strahlten noch in all dem wunderbaren Glanz, der damals so großen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Wie zwei Jahre vorher beruhigte sie Tiburcio, brachte sie auf den verlorenen Weg und begleitete den Zug zwei Tage, die nur zu schnell verflossen.

Der Wald nahm dann auf dieser kurzen Reise einen neuen Anblick für ihn an; die Pflanzen atmeten einen ganz anderen Duft aus; er dachte an die purpurfarbigen Glockenblümchen, die er pflückte und mit denen das junge Mädchen, das seine Fröhlichkeit wiedergewonnen hatte, sein schwarzes Haar schmückte und die sie ihm mit bezaubernder Nachlässigkeit zurückgab, wenn die Glut ihrer Stirn den Kelch geschlossen hatte. Er dachte an einen Haltepunkt im Wald während einer Nacht der Wonne und der Angst. Alle schliefen – die Männer auf dem Moos, das junge Mädchen auf einem Pantherfell –, er allein wachte. Ein verbrannter Eichenstamm verbreitete nur einen hinsterbenden Glanz. Die Natur war schweigsam, aber nicht stumm. Er atmete inmitten des Schweigens den Duft der Jungfräulichkeit ein, der sanft mit dem durch die Nacht wiederbelebten Wohlgeruch der Moose, Blätter und des Sassafras gen Himmel zu steigen schien. Er hörte das kaum vernehmliche Geräusch des jungfräulichen Atems, das sich mit der Harmonie der Wälder vereinigte – ein ewiges Konzert, das jede Nacht die Erde der wunderbaren Welt singt.

Dann verschwand dies alles vor den Augen Tiburcios; das junge Mädchen kehrte nach Hause zurück. In ebendiesem Haus brachte er eine ganze Woche zu, trunken vor Liebe, aber ohne es zu wagen, seine Wünsche bis zu der, die er liebte, zu erheben. Bei den Festen der ihrer Wohnung nahe liegenden Dörfer hatte er sie hundertmal wiedergesehen, ohne mutiger zu sein, denn er war ja so arm! Aber jetzt ... Tiburcio sah sich mächtig und reich und hoffte; dann fingen seine Augenlider an, schwer zu werden, und er schlief ein mitten in holden, schönen Träumen. – Ist es nötig, zu sagen, daß das junge Mädchen, das seine Erinnerung ihm wieder vorführte, die Tochter Don Agustin Peñas war und das fragliche Haus die Hacienda del Venado? –

Bei Anbruch des Tages wurden alle Schläfer aufgeweckt durch den Ton eines Glöckchens und den Widerhall der Hufe einer Cavalcada. Es war Benito, der die erschreckte Schar der Pferde seinem Versprechen gemäß zurückbrachte. Alle Reisenden waren sogleich auf den Füßen; aber vergeblich suchten sie die beiden Jäger; sie waren nicht mehr da und hatten sich, ohne daß jemand sie gehört hätte, entfernt.

Nachdem die Pferde gesattelt, die Maultiere beladen waren, setzte der Zug seinen Weg nach der Hacienda fort. Der Senator und Don Estévan ritten voran, während Tiburcio, der sich genötigt fand, hinter Cuchillo aufzusitzen, da diesmal kein Sattel für ihn leer war, ihnen mit Baraja folgte; dann kamen endlich die drei Diener. Die beiden Reiter waren also abermals zusammen auf demselben Weg. Der eine dachte daran, wie er die Entdeckung des Val d'Or nur gegen das feierliche Versprechen, Arellanos zu rächen, erkauft hatte; der andere sann auf Mittel, sich Tiburcios bei erster Gelegenheit zu entledigen.

Der Tag wich eben der Nacht, als sich nach einem langen Marsch die Gebäude der Hacienda del Venado in der Ferne abzeichneten, schon verdunkelt durch die Abenddämmerung. Einige Zeit hindurch folgte der Zug noch einem durch die Wälder sich hinziehenden Weg.

In dem Augenblick, als der Zug den Wald verließ, um in die Ebene einzulenken, in deren Mitte sich die Hacienda erhob, traten zwei Männer aus dem Dickicht heraus, die Büchse in der Hand. Es waren die beiden Jäger, die am Morgen so plötzlich Abschied genommen hatten.

»Du hast dich durch irgendeine Ähnlichkeit verführen lassen«, sagte der ältere der beiden Jäger – das heißt der Kanadier – zu Dormilon.

»Ich bin meiner Sache gewiß, sage ich dir; er ist es! Fünfzehn Jahre haben nichts in seinem Aussehen und seiner Haltung geändert. Der Ton seiner Stimme ist der gleiche geblieben als zu der Zeit, da ich noch der Küstenwächter Pepe der Schläfer war. Aber seit fünfzehn Jahren haben ebensowenig meine Ohren noch meine Augen etwas vergessen. Also, Bois-Rosé, du kannst sicher glauben, was ich dir beteuere.«

»Übrigens«, sagte Bois-Rosé, »hat man vielleicht diesen Namen nicht vergessen; man begegnet öfter dem Feind, dem man entflieht, als dem Freund, den man sucht.« Nach diesen Worten stützte der kanadische Jäger sich mit melancholischer und nachdenklicher Miene auf den langen Lauf seiner Büchse und verfolgte wieder mit dem Auge die Reisenden, die bald hinter den Mauern der Hacienda verschwanden.

Die untergehende Sonne hüllte den Abend in purpurnen Nebel. Die einen Augenblick erleuchteten Hügel versanken in die gleichmäßige Farbe der Dämmerung, und die beiden Jäger, die ihre waldige Wohnung wieder betreten hatten, verschwanden ihrerseits in deren nächtlich dunklem Schatten.

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