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Der Wagehals

Fritz Skowronnek: Der Wagehals - Kapitel 9
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typefiction
authorFritz Skowronnek
titleDer Wagehals
publisherEulen-Verlag, A.-G.
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9. Kapitel

Der Pferdestreit der beiden Gutsbesitzer hatte sich so weit zugespitzt, daß der Tausch vor sich gehen sollte. Der Starrischker hatte seine braune Stute nach Dietrichswalde gebracht und wollte sich den Rappen holen. Die Entschiedenheit, mit der sein Nachbar auf den Tausch drängte, erweckte in Degenfeld Zweifel an der Richtigkeit seines Urteils. Auch die Frauen und Töchter hatten in dem Streit Partei genommen, sie wollten von dem Tausch nichts wissen.

Erna war mit den Herren in die Koppel gegangen, weil sie das Kunststück, eine Remonte einzufangen, viel leichter zuwege brachte als der alte Wärter. Schon von klein auf hatte sie eine große Vorliebe für Pferde, und wenn man sie vermißte, brauchte man sie nur in der Fohlenkoppel zu suchen. Sie hatte nicht die geringste Angst vor den wilden, jungen Pferden, die wie der Sturmwind angebraust kamen, sobald sie ihre kleine Freundin erblickten, die sie immer mit Süßigkeiten fütterte. Als sie größer wurde, brachte sie das Kunststück fertig, sich im Turnanzug auf ein Pferd zu schwingen. Wie eine Katze saß sie da oben, an die Mähne geklammert, und auch jetzt ritt sie nur im Herrensitz ...

Folgsam kam der Rappe auf sie zugetrabt, als sie seinen Namen »Peter« rief. Während sie ihn mit einem Stück Zucker fütterte, hielt sie ihn an der Mähne fest, bis der Wärter kam und ihm ein Halfter umlegte. Nun stoben die anderen davon, kamen aber neugierig wieder, als die Stute hereingeführt wurde. Abwechselnd wurden beide Pferde im Schritt und Trab den Herren vorgeführt. Die Stute, zierlich, mit etwas zu weichen Fesseln, gab höchstens ein Husarenpferd ab, während der Rappe unzweifelhaft Kürassier wurde. Jetzt sah Degenfeld, wie sehr er sich geirrt hatte. Aus der Verlegenheit riß ihn seine Tochter.

»Na, Onkel, wieviel willst du zugeben?«

»Oh! Nachtigall, ich hör' dir laufen ... davon war gar keine Rede! Kopf gegen Kopf!«

»Ich denke ja nicht daran«, erwiderte Erna.

»Was hast du denn mitzureden?«

»Die Sache ist sehr einfach, Onkel Elimar, ich habe mir den Peter schenken lassen ... fünfhundert Mark mußt du schon zulegen, sonst wird aus dem Handel nichts.«

»Das geht doch über Kreid' und Rotstift«, rief der Starrischker. »Da müssen selbst die Pferde lachen.«

Es schien in der Tat so, als wenn sich die Pferde darüber wunderten, denn sie hatten die Köpfe aufgeworfen und die Ohren gespitzt, sie schnoben und pusteten ... Ein Surren und Summen wurde vernehmbar.

»Dat 's wohl dat Auto?« meinte der alte Wärter.

»Nein,« rief Erna, »das kommt aus der Luft.«

Die Pferde schnarchten und liefen unruhig umher. Dann hoben sie alle wie auf Kommando den Schweif und stoben davon ... Erna hatte jetzt mit ihren scharfen Augen den Störenfried in der Luft entdeckt. Sie klatschte vor Vergnügen in die Hände.

»Eine Taube ... das erste Flugzeug, das ich sehe. Ist das nicht entzückend, wunderbar? Dort hinten im Westen unter der hellen Wolke ... Seht mal, wie es größer wird ... Es kommt gerade auf uns zu. Ach, wenn es doch hier landen möchte.«

»Der Flieger scheint wirklich hier landen zu wollen,« meinte der Starrischker, »er hat schon die Maschine abgestellt.«

Eine langgestreckte Rauchwolke blieb hinter dem steil abwärtsschießenden Flugzeug in der Luft zurück...

»Das sieht doch furchtbar gefährlich aus. Um Gottes willen, Vater, Onkel, er stürzt ab ... Ach, mein Gott ...«

Kaum hundert Schritte vor ihnen war das Fahrzeug gegen die oberste Stange des Zauns gestoßen ... Die beiden Tauschpferde hatten sich losgerissen und waren davongestürmt. Die anderen hatten in prächtigem Satz den Zaun überflogen und rasten nach dem Hofe zu ... Wie ein Reh lief Erna auf den gestürzten Flieger zu. Unterwegs tauchte sie das Taschentuch, mit dem sie ihm freundliche Grüße hatte zuwinken wollen, in den klaren Bach, der durch die Koppel floß. Ratlos stand sie einen Augenblick vor dem schweren Körper des Mannes, der mit geschlossenen Augen auf dem Rücken lag. Dann kniete sie vor ihm nieder und legte ihm das nasse Tuch auf die Stirn. Vor Aufregung flatterten ihr die Hände. Ein Grauen überkam sie. Wenn der Mann da vor ihr tot wäre ... sie hatte noch keinen Toten gesehen ... Aber nein, jetzt hob ein Atemzug seine Brust und endigte in ein leises Stöhnen.

»Er lebt, er lebt!« rief sie ihrem Vater entgegen. »Schnell, schick' den Michel nach dem Hof, eine Tragbahre muß geholt werden, nein, besser den großen Korbstuhl von der Veranda, und einer muß nach dem Doktor fahren.«

Der Forstmeister und der Assessor waren gerade vor der Oberförsterei aus dem Auto gestiegen, als sie das Luftfahrzeug über sich hörten.

»Das ist eine Rumplertaube«, erklärte der Assessor, der Bescheid wußte. »Sie scheint auf dem Wege nach Königsberg zu sein.«

Sie wollten sich bereits ins Haus begeben, als der Motor aussetzte.

»Entweder passiert da ein Unglück, oder der Flieger will hier landen. Wollen wir nicht hinfahren? Sie bekommen dann solch ein Ding in der Nähe zu sehen.«

Fünf Minuten später waren sie auf dem Hof in Dietrichswalde. Dort kam ihnen der Michel entgegengelaufen.

»Steigen Sie aus, Herr Forstmeister, ich fahre sofort weiter nach dem Arzt!« rief der Assessor.

Als er mit dem Doktor Glaser aus Lasdehnen wiederkam, war der Verunglückte bereits ins Gutshaus geschafft worden. An der Maschine standen zwei Knechte Wache, denn aus der nächsten Umgebung begannen die Leute herbeizuströmen.

Den Bemühungen des Arztes gelang es bald, den Flieger ins Bewußtsein zurückzurufen. Er hatte außer einigen unbedeutenden Rißwunden am linken Oberschenkel und an der Schulter keine Verletzungen erlitten. Nur der Sturz auf den Kopf hatte ihn betäubt. Sofort als er wieder bei Bewußtsein war, richtete er sich im Bett auf: »Herr Doktor, wo bin ich?«

»Das sollte doch Ihre geringste Sorge sein! Bei guten, lieben Menschen in Ostpreußen. Jetzt halten Sie mal erst still. Ich will Sie beklopfen und behorchen, ob in Ihrer Brust alles in Ordnung ist.«

»Mensch, Sie können von Glück sagen,« meinte der alte Arzt, nachdem er ihn untersucht hatte, »daß Sie so gut davongekommen sind.«

»Der Sturz war nicht sehr heftig, Herr Doktor, und die paar Hautrisse machen mir nichts. Wenn Sie gestatten, möchte ich aufstehen und nach meiner Maschine sehen. Ich muß wohl platt auf die linke Seite gefallen sein und dann erst Kobolz geschossen haben,« meinte er, während er sich anzukleiden begann, »denn da sitzt noch etwas Schmerz drin.«

Zum allgemeinen Erstaunen trat hinter dem Arzt der verunglückte Flieger ins Wohnzimmer, wo die ganze Gesellschaft versammelt war.

»Gestatten Sie, daß ich Ihnen meinen wärmsten Dank abstatte! Mein Name ist Walter Daumlehner, Oberleutnant im zweiten masurischen Infanterieregiment.«

»Was?« rief der Hausherr aufspringend. »Daumlehner? Sind Sie etwa ein Sohn von meinem alten Freund Josua aus Jerkischken?«

»Jawohl, der älteste.«

»Na, dann wirst du dich doch noch deutlich auf mich besinnen können, auf den Onkel Dietrich, der dich auf seinen Knien hat reiten lassen. Plagt dich der Deuwel, Junge, daß du auf so einem Klapperkasten in der Welt 'rumkutschieren mußt? Das Wasser hat schon keine Balken, und erst die Luft.«

»Die hat leider zu viel, Onkel Dietrich.«

Er sprach den Namen Dietrich so langsam und unsicher aus und betonte das Wort Onkel so komisch, daß alle merkten, wie wenig ihm dieser neue alte Onkel erinnerlich war.

»Von Degenfeld heißt mein Vater«, rief Erna lachend und stellte dem Gast auch die anderen vor, ihre Mutter, den Onkel Grumkow und die beiden Grünröcke.

»Nun brauche ich bloß noch den Namen des Gutes und des nächsten Ortes, um einige Telegramme abzuschicken. Und noch etwas: haben Sie hier einen Lehrer, der für Zeitungen korrespondiert?«

»Sie sind in Dietrichswalde und nicht weit von der berühmten Stadt Pillkallen, aber viel näher liegt uns der Marktflecken Lasdehnen. Mit einem solchen Lehrer können wir leider nicht dienen. Aber das können wir ja selbst machen«, erwiderte Erna.

»Im Gegenteil«, erwiderte Walter lachend. »Ich wollte es nur wissen, um den Bericht an die Zeitungen nötigenfalls verhindern zu können... Die russische Grenze kann also hier gar nicht weit sein.«

»Nein«, erwiderte der Forstmeister. »Wenn Sie noch eine Viertelstunde in derselben Richtung weitergeflogen wären, hätten Sie mit russischen Kugeln Bekanntschaft gemacht. Unsere Nachbarn sind ja sehr liebenswürdig.«

Gleich nachmittags mußte sich Daumlehner zu Bett legen. Die ganze linke Seite seines Körpers schmerzte heftig. Trotzdem schlief er bald ein und schlief einige Stunden ganz fest. Es schummerte schon, als er aufwachte. In dem großen Korbsessel, in dem man ihn ins Haus getragen hatte, saß Onkel Dietrich.

»Na, wie geht's dir, mein Jung, wie fühlst du dich?«

»Oh, ich danke, Onkel... Aber nimm es mir nicht übel, wenn ich dich bitte, meinem Gedächtnis zu Hilfe zu kommen. Ich kann mich noch immer nicht auf dich besinnen. Wie bist du mit uns verwandt?«

»Mensch, Junge, bist du schon so ganz 'raus aus deiner Heimat? Ich bin nicht mit euch verwandt. Ich bin solch ein Onkel, wie es viele gibt in Ostpreußen; ich bin ein Freund deines Vaters. Und deinem Gedächtnis soll ich auf die Sprünge helfen? Ich habe mal einen kleinen, unnützen Schlingel von acht Jahren aus einer Torfkaule gezogen, in der er bis zum Hals drin saß, und habe ihn vor der ihm rechtmäßig zustehenden Tracht Prügel gerettet.«

Trotz der Schmerzen, die er dabei empfand, richtete sich Walter im Bett auf und streckte die rechte Hand aus. »Nun muß ich dich aber wirklich um Verzeihung bitten.«

»Ich nehme es für genossen an«, lachte Degenfeld. »Aber nun gib mal Hals, wie geht es deinem Alten? Wie geht's meinem alten, lieben Josua?«

Walter berichtete getreulich und ausführlich von seinen Eltern und seinen dreizehn Geschwistern. »Sieh mal, Onkel, deshalb habe ich mich ja zur Fliegerabteilung gemeldet. Ich bin schon auf der Schule kein großes Licht gewesen und habe keine Hoffnung, auf irgendeine andere Weise aus der Front zu kommen. Nur dadurch habe ich es erreicht.«

»Das ist ja ganz schön, mein lieber Walter, aber ich würde es doch für praktischer halten, ruhig in der Garnison zu sitzen und Griffe zu kloppen. Jedenfalls ist es sicherer. Heute bist du doch bloß wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekommen.«

»Ach, so schlimm ist das nicht. Du hast bloß deinen Zaun etwas zu hoch gemacht. Ich fühle mich oben in der Luft so sicher und ruhig. Ich habe eine förmliche Leidenschaft für das Fliegen. Solltest mal einen Flug mit mir machen, wenn meine Maschine wieder in Ordnung ist.«

»Ich danke«, erwiderte Degenfeld trocken. »Aber nun werde ich dir etwas sagen. Ich werde meinen Schäfer holen lassen, der knetet dich ordentlich durch und schmiert dich mit Dachsfett ein. Das hilft wunderbar.«

Die Prozedur war allerdings etwas schmerzhaft, aber sie wirkte so gut, daß Walter eine Stunde später aufstand. Onkel Dietrich, der dieselbe Figur hatte und nur in der Magengegend etwas völliger war, half ihm mit einem Anzug aus. Das Ehepaar Grumkow war mit Liesbeth zum Abend gekommen, und Walter mußte erzählen. Erna hörte ihm mit leuchtenden Augen zu und war unermüdlich im Fragen. Liesbeth schien wenig Interesse dafür zu haben. Sie machte nur einmal die Bemerkung, daß die Flugmaschinen noch sehr unvollkommen sein müßten, weil doch fast jeden Tag Unfälle vorkämen. Walter gab es ruhig zu. »Um so eifriger muß daran gearbeitet werden, sie zu vervollkommnen, und deshalb muß eifrig geflogen werden, um die Mängel zu entdecken und abstellen zu können. Jeder große Fortschritt muß mit Opfern an Gut und Blut erkauft werden.«

»Ich meine,« erwiderte Liesbeth etwas schnippisch, »dazu wären auch andere Menschen gut genug. Offiziere haben dem Vaterland zu dienen und nicht der Flugkunst.«

»Das ist sehr engherzig von dir gedacht«, erwiderte Erna eifrig. »Die Offiziere dienen ja doch damit dem Vaterland, daß sie sich für den Kriegsfall im Fliegen üben.«

»Und die Kriegsleitung hält die Flugzeuge für sehr wichtig«, fuhr Walter ruhig fort. »Im nächsten Manöver sollen bereits Militärflieger den Aufklärungsdienst übernehmen. Ich hoffe auch dabei zu sein.«

»Wenn Sie noch...« erschreckt hielt Liesbeth inne, ein Blick ihrer Mutter hatte sie gewarnt. Aber alle wußten, was sie gemeint hatte.

»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte Walter ernst, »wir müssen alle sterben, früher oder später. Aber wenn mich das Schicksal ereilt, dann sterbe ich mit dem Bewußtsein, daß ich eine Zeit meines Lebens mehr geleistet habe als viele andere. Sie brauchen sich das gar nicht so gefährlich vorzustellen. Oben in der Luft passiert mir nichts. Da erfüllt mich nur ein erhebendes Gefühl, wenn ich die Welt wie eine Landkarte unter mir ausgebreitet sehe oder ein brodelndes Wolkenmeer, wie heute früh. Und es war wohl der wunderbarste Augenblick meines Lebens, als ich beim Erstaufstieg mit meinem Lehrmeister merkte, daß unser Fahrzeug sich von der Erde losgelöst hatte und die Gegenstände unter mir nach rückwärts zu schießen begannen.«

»Ist es schwer, das Fliegen zu lernen?« fragte Erna.

»Das hängt sehr von der Begabung ab. Mancher muß sich förmlich dazu zwingen, ruhig zu bleiben und die erforderlichen Handgriffe zu tun. Mir ist es von Anfang an leicht gefallen. Und dann hat es mir geradezu Spaß gemacht. Gestern bin ich dreimal geflogen, einmal morgens, einmal mittags, und gegen Abend habe ich mein Pilotenexamen gemacht.«

»Ist es dann nicht etwas sehr kühn, sofort einen so weiten Flug zu unternehmen?« fragte Erna.

Walter zuckte die Achseln. »Weshalb? Ich fühlte mich vollkommen der Aufgabe gewachsen und hatte die Maschine als zuverlässig erprobt«...

Bald nach dem Abendbrot ermahnte der Hausherr seinen Gast, sich zur Ruhe zu begeben. Der Schäfer wolle ihn noch einmal vornehmen, und der Körper müsse sich ausruhen... Das geschah dann auch. Die beiden Männer mußten Walter auskleiden, denn er war nicht imstande, den linken Arm zu bewegen. Überall hatte er braune und blaue Flecken. Wie ein Toter schlief er bis in den hellen Morgen hinein.

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