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Der Wagehals

Fritz Skowronnek: Der Wagehals - Kapitel 8
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typefiction
authorFritz Skowronnek
titleDer Wagehals
publisherEulen-Verlag, A.-G.
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8. Kapitel

Am nächsten Tage erschien der Assessor, noch mit allen Anzeichen eines physischen und moralischen Katzenjammers behaftet, erst nach Mittag in Makunischken und bat den Forstmeister um eine Unterredung unter vier Augen.

»Mir ist von einem gewissen Zeitpunkt ab jegliche Erinnerung geschwunden, und ich fürchte sehr, daß ich Dummheiten angestellt haben könnte. Nur ganz dunkel entsinne ich mich, daß ich getanzt habe.«

»Und sehr eifrig und flott«, erwiderte der alte Herr lachend. »Sie haben dabei eine junge hübsche Litauerin sehr eifrig hofiert... ich glaube stark, Sie haben sie mit Erna von Degenfeld verwechselt, denn Sie haben sie immer mit gnädiges Fräulein angesprochen.«

Der Assessor ließ sich auf einen Stuhl fallen.

»Um Gottes willen, was habe ich da angerichtet... nun bin ich hier in der Gesellschaft unten durch.«

»Sie gehen, wie mir scheint, von einer ganz falschen Vorstellung aus, mein lieber Herr von Sperling. Das waren keine Knechte und Mägde, sondern Söhne und Töchter von wohlhabenden litauischen Bauergutsbesitzern. Da war gestern einer darunter, der mit Fug und Recht den Titel Referendar führt. Er hat sofort, als sein älterer Bruder starb, seine Karriere an den Nagel gehängt und ist nach Hause gekommen, um Bauer zu werden.«

Etwas erleichtert atmete der Assessor auf. »Es liegt also kein Verstoß von mir in dieser Beziehung vor?«

»Durchaus nicht.«

»Habe ich mich sonstwie unpassend benommen?«

»Ach wo... Sie waren sehr lustig und haben der kleinen Krabbe sehr energisch den Hof gemacht, was ihr sehr zu gefallen schien. Und wenn Sie sie nächster Tage besuchen wollen, dann werden Sie sehr freundlich aufgenommen werden.«

»Ich weiß nicht, wie ich dazu gekommen bin. Ich pflege mich sonst zu jungen Damen sehr korrekt zu benehmen, da ich grundsätzlich nicht zu heiraten gedenke.«

»Das ist ein Grundsatz, den Ihnen die Vernunft eingeblasen hat, lieber Assessor,« erwiderte der Forstmeister lächelnd, »aber vor der Allgewalt des Alkohols hält er nicht stand... Alkohol legt das Innerste des Menschen bloß.«

»Habe ich denn soviel getrunken? Ich kann mich dessen auch nicht entsinnen.«

»Na, was ich davon gesehen habe, war nicht allzu wenig. Sie saßen zuerst unter der Wirkung des heimtückischen Alaus wie ein Häufchen Unglück im Spielzimmer. Dann nötigte ihnen Weschkalene ein Glas Grog auf, und da baten Sie selbst um ein Glas Rotwein. Es werden wohl mehrere geworden sein.«

Der Assessor schüttelte den Kopf, als wenn ihm sein Benehmen selbst unerklärlich wäre. Endlich fragte er: »Und die beiden jungen Damen waren auch bis zum Schlusse da?«

»Erna und Liesbeth? Aber selbstverständlich, die haben sich von den jungen Litauern kräftig schwenken lassen.«

Der Assessor schüttelte noch stärker den Kopf.

»Sie brauchen sich gar nicht zu grämen«, tröstete ihn der Forstmeister. »Sie machen ruhig Ihren Besuch in Dietrichswalde und Starrischken. Im schlimmsten Fall werden die Mädel Sie ein bißchen mit Ihrer Eroberung necken. Das geht vorüber.«

»Sie meinen also wirklich, Herr Forstmeister, daß meine Persönlichkeit durch den gestrigen Abend keine Einbuße erlitten hat?«

»Nicht im geringsten ... Zum Trost kann ich Ihnen ja sagen, daß die beiden Väter der jungen Damen zum Schluß auch etwas schief geladen waren. Nur der alte Hegemeister war sponnüchtern, über den scheint der Alkohol keine Macht zu haben. Ich hatte mir allerdings aus bestimmten Gründen Enthaltsamkeit auferlegt.«

Getröstet verabschiedete sich Herr von Sperling, um noch einen längeren Spaziergang in den Wald zu unternehmen ... Der Forstmeister steckte sich seine lange Pfeife an und begann mit langen Schritten in der Stube auf und ab zu gehen. Er mußte zum soundsovielten Male das Resultat seiner Brautschau überdenken ... Die junge Witwe gefiel ihm, darüber war er sich völlig klar. Sie sah sehr gut aus und hatte die angenehme Fülle, die er von jeher bei Frauen bevorzugt hatte. Ihr Wesen war sanft und sympathisch. Sie hatte ein heiteres Gemüt und war nicht frei von Schelmerei ...

Er war auch überzeugt, daß er keinen Korb bekommen würde. Nein, sie war ihm sehr deutlich entgegengekommen. Nach dem ersten Tanz hatte er sich neben sie gesetzt und mit ihr geplaudert. Aber bald hatte sie ihn noch um einen Tanz gebeten ... er hatte es ihr nicht abschlagen können und auch nicht wollen. Und dann hatte er sie noch einmal aufgefordert ... Nach diesem Tanz hatte er gemeint, nun hätte er wirklich genug. Er könne doch nicht wie ein Jüngling unter all den jungen Leuten herumhüpfen. Sie hatte neckend erwidert, er wolle wohl von ihr Schmeicheleien über seine jugendliche Frische hören, oder aber es ziehe ihn zum Spieltisch. Er hatte lachend beides verneint und war neben ihr sitzengeblieben ... Manchmal ernst und manchmal heiter hatte sie von allem möglichen gesprochen. Dabei hatte es sich ganz zwanglos ergeben, daß sie erklärte, sie sei durchaus nicht darauf erpicht, unter allen Umständen zum zweiten Male zu heiraten, aber sie sei auch nicht abgeneigt, einen Mann, der ihr gefiele, zu nehmen.

Am meisten beschäftigte ihn die Frage, ob es möglich sei, daß Frau Madeline ein persönliches Gefallen an ihm gefunden hätte, oder ob sie, alles als wahr vorausgesetzt, was Weschkalene ihm gesagt hatte, sich von anderen Rücksichten leiten ließ, z.B. durch die Aussicht auf eine auskömmliche Witwenpension ... Als er seine Pfeife ausgeraucht hatte, war er zu dem Entschluß gekommen, seinen alten Freund Adam um Rat zu fragen. Zu seinem Erstaunen fand er den Assessor beim Hegemeister. Er hatte den kleinen Buben auf dem Schoß und unterhielt sich sehr eifrig mit Wera.

Beim Eintreten des Forstmeisters wurde er etwas verlegen und empfahl sich bald. »Der kleine Kerl hat einen furchtbaren moralischen Jammer. Er befürchtet, daß er sich gestern abend lächerlich gemacht haben könnte. Ich habe ihn darüber beruhigt; aber das Komische, worüber ich so lachen muß: er hat mir sein Auto zur Verfügung gestellt, um die Wilddiebe zu greifen.«

»Das ist gar kein schlechter Gedanke, Adam... wir sprechen darüber noch. Ich möchte erst eine andere Angelegenheit mit Ihnen besprechen, etwas ganz Persönliches.«

Krummhaar schmunzelte: »Ich kann es mir schon denken, alter Freund ... ich habe gestern genug gesehen.«

»Na, und wie denken Sie darüber?«

»Hm, das ist eine sehr schwierige Gewissensfrage. Ich kenne einen alten Vers, der lautet:

›Tritt man zum erstenmal in Hymens Tempel ein
Und nimmt sich eine Frau, so ist es zu verzeih'n.
Man wird als Wagehals bewundert, tritt man zum zweitenmal hinein.
Wer sich die Dritte freit, verdient zur Strafe hundert.‹«

»Dann könnte ich höchstens als Wagehals bewundert werden«, erwiderte Schrader lachend.

»Sehr richtig, lieber Freund. Ich habe den Vers nur angeführt, um Ihnen zu sagen, daß Ihre Wagehalsigkeit nicht sehr groß zu sein braucht.«

»Sie meinen also wirklich, Adam?«

»Ja, mein Gott, weshalb denn nicht? Ich würde mit beiden Händen zugreifen, wenn ich wüßte, daß eine junge hübsche Frau mich nehmen will.«

»Ich bin bloß fünf Jahre jünger als Sie. Bei allem Selbstvertrauen schreckt mich doch der Gedanke ... Na, kurz und gut, offen gesagt, ich habe keine Lust, auf meine alten Tage noch ein Geweih zu tragen. Adam, wir haben in dieser Beziehung wohl beide keine ausreichende Erfahrung. Aber wenn man so die modernen Romane liest, da ist es doch die Regel, daß junge Weiber aus Berechnung sich alte Männer nehmen, weil sie schon vorher entschlossen sind, ihm ein Geweih von vielen Enden aufzusetzen.«

Krummhaar machte ein ernstes Gesicht und zuckte die Achseln. »Darüber kann ich Ihnen nichts sagen ... das müssen Sie mit sich selbst abmachen. Aber sonst habe ich keine Bedenken. Die Weschkalene hat gestern mit mir darüber gesprochen. Die junge Frau soll sich wirklich in Sie verliebt haben. Sie wissen ja, wo die Liebe fällt, da fällt sie, und das ist von der Natur sehr weise eingerichtet, sonst wäre es manchmal nicht zu begreifen, wie manche Männer und noch mehr Frauen eine bessere Hälfte bekommen ...«

»Sie brauchen sich ja nicht zu sehr zu beeilen,« fuhr der Hegemeister fort, »es kommt auf ein paar Wochen mehr nicht an. Sie brauchen auch gar nicht vor ihr zu balzen wie ein verliebter Hahn; und eine Liebeserklärung mit Fußfall wird sie auch nicht mehr von Ihnen verlangen ... Na, ich will Ihnen mal reinen Wein einschenken. Die junge Frau wünscht sich einen Sohn, und noch mehr wünscht sich die Weschkalene einen Enkel ... na ja, einen Jungen, den sie als ihren Enkel betrachten kann. Er soll Landwirt werden, damit das Gut nicht in fremde Hände gerät.«

Der Forstmeister lachte laut los. »Das ist eigentlich sehr schmeichelhaft für mich.«

»Das finde ich auch«, erwiderte Krummhaar trocken mit unbewegter Miene...

Weschkalene hatte gegen elf Uhr ihrer Nichte den Kaffee ans Bett gebracht. Scherzend band sie ihr die dicken, schweren Zöpfe unter dem Kinn zusammen. »Du Schlafratz, du, denkst du nicht ans Aufstehen?« Madeline reckte ihre Arme.

»Ach, Tante, ich bin noch so wohlig müde, ich möchte noch faulenzen.«

»Na, dann trink Kaffee und bleib noch ein Stündchen liegen, mein Engel. Ich dacht' bloß, der Forstmeister könnte kommen ... aber dann wäre er schon hier.«

Lächelnd setzte Madeline sich im Bett auf und nahm die Tasse in die Hand. »Weshalb glaubst du, daß der Forstmeister kommen würde?«

»Na, ich habe euch doch beide gestern abend beobachtet. Er war ja Feuer und Flamme.«

»Das habe ich gar nicht so gemerkt, Tante. Ich könnte eher sagen, er war zurückhaltend.«

»Na, hat er dir denn gefallen?«

»Ja, Tante, sehr. Er hat so etwas Abgeklärtes in seinem Benehmen und Sprechen.«

Weschkalene lachte laut auf: »Da bist du sehr im Irrtum, der donnert und poltert, aber kein Mensch hat davor Angst; denn er meint es nicht böse. Wie er die Abromeitene im ersten Augenblick anfauchte, und nachher hat er beinahe ihr zur Gesellschaft gegranst! Aber nun sag' mal, hast du das Gefühl, daß aus der Sache etwas wird?«

»Ich hoffe es, Tante. Die Sache ist ihm etwas schnell über den Hals gekommen. Du hättest es ihm nicht sagen brauchen.«

»Nein, mein Kindchen, das weiß ich besser. Man muß die Männer mit der Nase drauf stoßen. Jetzt denkt er an nichts anderes mehr.«

»Gott gebe es, Tante. Ich kann mir nicht helfen... ich habe ihn zu gern... Wie er gestern mit mir tanzte, da war es mir, als wäre ich noch das kleine Mädchen von sechzehn Jahren. Ich hatte mich damals rettungslos in ihn verschossen. Gleich am nächsten Tage nahm ich dir sein Bild aus dem Album und ... habe es noch heute«...

Am anderen Morgen mit Tagesgrauen fuhr der Assessor mit seinem Auto an der Oberförsterei vor. Sie fuhren erst die ganze Grenze entlang durch alle Dörfer, dann kreuz und quer durch die Reviere, sprachen in jedem Forsthaus an und besuchten die Grünröcke auf den Schlägen und Kulturen. Der Forstmeister war mit einigem Mißtrauen in das moderne Gefährt gestiegen, und zu Anfang konnte er sich eines ängstlichen Gefühls nicht erwehren, wenn der Wagen mit wenig verminderter Schnelligkeit zur Seite abbog. Dann begann es ihm zu gefallen. »Wissen Sie, Assessor,« meinte er, »wenn wir das ein paar Tage fortsetzen und dann ab und zu wiederholen, traut sich kein Kerl mehr in den Wald. Die Kosten schreiben wir natürlich der Forstverwaltung auf die Hosen.«

Die Grünröcke der ganzen Oberförsterei vom ältesten Förster bis zum jüngsten Hilfsaufseher waren von dem Auto weniger entzückt. Bisher hatten sie ihren Vorgesetzten alle paar Wochen einmal zu Gesicht bekommen und meistens erst nach vorhergegangener vertraulicher Anmeldung durch den Forstschreiber. Jetzt kam er zwei-, dreimal an einem Tage angesaust. Aber die beabsichtigte Wirkung trat ein. Die Holzschläger und Kulturarbeiter hörten aus der absichtlich laut geführten Unterhaltung, wo der Forstmeister mit seinem Teufelswagen überall gewesen war und verbreiteten die Kunde mit der üblichen Ausschmückung ...

Einige Tage später machte der Assessor in Dietrichswalde und Starrischken seine Antrittsvisite. Die beiden Gutsherren begrüßten ihn wie einen alten Bekannten. In Dietrichswalde wurde ihm ein reichliches Frühstück vorgesetzt, in Starrischken mußte er zu Mittag bleiben. Er hatte von der ostpreußischen Gastfreundschaft schon so viel kennengelernt, daß er sich nicht lange zierte. Die Neckereien der jungen Mädchen waren zu ertragen. Erna von Degenfeld hatte ihn gefragt, ob er der Adusche Steputat in Wisborinen schon seine Aufwartung gemacht und sich nach ihrem Befinden erkundigt hätte.

Etwas verwirrt hatte der Assessor geantwortet, das sei bloß eine Höflichkeit, die man Damen der Gesellschaft erweise.

»Ja, wofür halten Sie denn meine Schulfreundin Adusche? Sie wird allerdings kein allzu großes Gewicht darauf legen, denn sie ist mit einem Referendar, der in Wartenburg bei den Jägern sein Jahr abdient, so gut wie verlobt.«

»Ich bitte, mich mit meiner Unkenntnis der Verhältnisse entschuldigen zu wollen.«

»Das hat Sie aber nicht gehindert, meiner Freundin in der heftigsten Weise den Hof zu machen. Sie hat es Ihnen nicht übelgenommen; so etwas nimmt kein junges Mädchen übel ... Aber ich könnte es Ihnen übelnehmen, denn es war ganz klar, daß Sie die Adusche mit mir verwechselten. Ja, so ein litauischer Alaus hat es in sich.«

Herr von Sperling hatte seine gute Laune wiedergewonnen. »Ich wünschte bloß, mein gnädiges Fräulein, Sie kämen mal in meine Heimat an den Rhein zur Zeit des Jungmostes, zum Federweißen ... Da würden Sie etwas Ähnliches erleben.«

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