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Der Wagehals

Fritz Skowronnek: Der Wagehals - Kapitel 21
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typefiction
authorFritz Skowronnek
titleDer Wagehals
publisherEulen-Verlag, A.-G.
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21. Kapitel

Die Vertretung des Forstmeisters war dem Assessor übertragen worden. Seine Tätigkeit war nicht sehr anstrengend, denn sie bestand im wesentlichen darin, daß Herr von Sperling seinen Namen unter die fertigen Schriftstücke setzte. In zweifelhaften Fällen holte Nante sich bei Mooslehner oder Krummhaar Rat.

Eines Tages las er im Kreisblatt, daß die Serpenter Feldjagd neu verpachtet werden sollte, die der Forstmeister schon lange Jahre in seinem Besitz hatte. Sie war an und für sich nichts wert, aber da ein paar Wiesen in die königliche Forst hineinsprangen, konnte ein gewissenloser Jagdpächter durch Abschuß von Rehen viel Schaden anrichten.

Sofort ging Nante zu Krummhaar hinüber. Der alte Herr fluchte wie ein Türke, da sei eine große Schweinerei im Gange, ließ seinen Wagen anspannen und fuhr nach Serpenten zum Gemeindevorsteher. Es war das eingetreten, was er befürchtet hatte. Der Baron steckte dahinter. Er hatte die Bauern aufgehetzt, daß die Jagd viel zu billig verpachtet sei, und die Bauern hatten ihren Schulzen gezwungen, die Jagd öffentlich auszubieten. Der Baron würde das Fünffache bieten, und sie wären ihm zu Dank verpflichtet wegen des hohen Verdienstes, den er ihnen zukommen ließe...

»Wie lange die Herrlichkeit mit dem Baron hier dauern wird, ist mir zweifelhaft«, erwiderte Krummhaar. »Aber das kann ich euch sagen: Holz rücken, Streu machen, Wiesen pachten, das wird aufhören. Darauf gebe ich euch mein Wort.« Auf dem Rückweg sprach er beim Assessor an. Der befahl sofort sein Auto und fuhr zu Herrn von Zaleski.

Der Baron begrüßte ihn sehr herzlich, aber als der Assessor mit dem Zweck seines Besuches herausrückte, erwiderte er kühl: »Bedaure sehr, der Herr Forstmeister hat mir die Bitte, einige Böcke abschießen zu dürfen, rundweg abgeschlagen. Er hat sich also selbst zuzuschreiben, wenn ich auf ihn keine Rücksicht nehme, sondern mir eine Jagd zu pachten suche. Dagegen ist vom rechtlichen Standpunkt nichts einzuwenden, und gesellschaftliche Rücksichten brauche ich gegen den Herrn Forstmeister nicht zu nehmen.«

Der Assessor verbeugte sich kurz. »Das bedaure ich sehr, Herr von Zaleski, denn das zwingt mich, den Verkehr mit Ihnen abzubrechen.«

Der Baron zuckte die Achseln. »Das würde mir sehr leid tun, aber das hat auf meinen Entschluß keinen Einfluß« ...

Am Bietungstermin war der Assessor mit Krummhaar erschienen. Der Baron grüßte sie mit einer abgemessenen Verbeugung und gab sofort sein Gebot ab. Der Assessor überstürzte ihn um hundert Mark.

»Noch hundert«, sagte der Baron kalt lächelnd. »Noch zweihundert« ... »noch hundert.«

Als es ins zweite Tausend ging, merkte man Herrn von Zaleski schon sehr deutlich die Aufregung an, während der Assessor eisig kalt blieb und seinen Gegner jedesmal mit zweihundert Mark überstürzte. Die Bauern, die sich sämtlich eingefunden hatten, grinsten schadenfroh. Beim dritten Tausend bog sich Krummhaar zu dem Assessor. »Hören Sie auf, Herr Assessor. Ich werde Ihnen nachher sagen, warum.«

»Zweitausendvierhundert habe ich geboten, Herr von Sperling«, rief der Baron höhnisch.

Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, drehte der Assessor sich um und ging, von dem Hegemeister gefolgt, ohne Gruß zur Tür...

Der Baron blieb ... Eine Viertelstunde später ging er mit den Bauern ins Wirtshaus. Er hatte den Zuschlag erhalten, nachdem er den Bauern Erlaubnisscheine zur Anstandsjagd erteilt hatte. Außerdem sollte der Vertrag noch gründlich begossen werden.

»Nun sagen Sie mir bloß, Herr Hegemeister, weshalb ich nicht weiterbieten sollte«, fragte der Assessor, als sie im Auto saßen. »Mir wäre es doch nicht darauf angekommen, so weit zu bieten, bis dem edlen Polen die Luft und der Draht ausgegangen wäre.«

»Das weiß ich, Herr Assessor«, gab Krummhaar vergnügt zur Antwort. »Sie müssen aber noch etwas mehr tun, Sie müssen dafür sorgen, daß der Baron den Zuschlag bestätigt bekommt, damit wir ihm das Vergnügen gründlich versalzen können. Die fünfhundert Meter Grenze werden wir jetzt so energisch bewachen und beunruhigen, daß nicht ein Reh mehr dort austritt... Wie ich den Baron taxiere, wird er die Bauern auch mit Erlaubnisscheinen geködert haben, denen wollen wir bald das Handwerk legen.«

»Ich wüßte etwas Besseres, Herr Hegemeister. Ich hole mir sofort die Erlaubnis ein und lasse das Stück Grenze mit dichtem Draht einzäunen.«

»Das kann später geschehen, wenn es nötig sein sollte. Herr Assessor. Erst wollen wir doch unsern Spaß haben, den Baron und die Bauern auf dem Anstand sitzen zu sehen.«

Schon am nächsten Tage begann's im Forst zu krachen, meistens auf den Wiesen der Aschwöne, wo sonst kein Schuß fallen durfte ... Aus einem Gewehr konnten diese Böllerschüsse nicht stammen, dazu waren sie zu stark... Gleich am ersten Abend knallte es ein dutzendmal, bald hier, bald dort. Am nächsten Morgen wieder... Die Grünröcke gerieten in Aufregung, denn sie konnten den oder die Täter nicht erwischen.

Mooslehner gelang es, festzustellen, daß es sich nur um Feuerwerkskörper, sogenannte Kanonenschläge, handeln konnte. Nicht weit von ihm war so ein Böllerschuß losgegangen, und er hatte mit Hilfe seines Hundes verbrannte Papierfetzen gefunden... Der Wald wimmelte von Beerenlesern, Weibern und Kindern. Aber sie wußten von nichts, hatten niemand gesehen, auf den sie Verdacht haben konnten ... Der Zweck dieser Böllerei war klar: das Wild sollte beunruhigt und vergrämt werden... und er wurde nur zu gut erreicht ... das Wild verschwand von den Wiesen, verzog sich nach anderen Revieren und trat abends früher als sonst auf die Felder aus.

Es war leicht zu erraten, von wem diese Maßregel ausgehen konnte ... aber es fehlte der Beweis. Die Forstbeamten waren früh und spät auf den Beinen. Was würde bloß der »Alte« sagen, wenn er zurückkam und die Bescherung fand.

Endlich gelang es Krummhaar, dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Er hatte sich vor Tagesgrauen aufgestellt. Als es hell wurde, kam ein Junge von etwa zehn Jahren angetrollt, sah sich vorsichtig um und verschwand in einem Fichtenhorst.

Als er wieder herauskam, blieb er vergnügt grinsend stehen. Nach zwei Minuten krachte es in dem Horst ... Jetzt lief der Junge davon. Er kam nicht weit, denn plötzlich war ein großer Hund hinter ihm her und packte ihn am Hosenboden. Gemächlich kam der Hegemeister heran und schnitt sich vor den Augen des kleinen Sünders einen fingerdicken Haselstock ab.

Ohne eine Frage zu tun, nahm er den Schlingel aufs Knie und rieb ihn sehr gründlich mit ungebrannter Asche ein.

»Ich werde ja alles erzählen, ich werde alles sagen ... Ach Gott, trautester, liebster, goldener Herr Förster, das tut ja weh...«

»Das soll es auch, mein Sohn. Ich will dir bloß ein bißchen das Gewissen schärfen und die Zunge locker machen. So. Nun, wie heißt du?«

»Ich heiß' Max Kaprelat, aber der Gustav Krause und der Karl Grinda haben das auch gemacht. Wir kriegen jedesmal fünf Dittchen dafür.«

»Von wem denn?«

»Von dem Knecht, der bei dem Herrn Baron dient.«

Der Hegemeister nahm den Stock, den er unter den linken Arm gesteckt hatte, zur Hand. »Dein Gewissen ist noch nicht genug geschärft, mein lieber Max.«

Der Schlingel hob bittend und beteuernd die Hände. »Ich werde die reine Wahrheit sagen. Der Herr Baron gibt uns immer das Geld dafür.« –

Herr von Zaleski wechselte die Farbe, als gegen Mittag der Herr Assessor mit dem Hegemeister und einem Gendarmen zu ihm ins Zimmer trat.

»Was verschafft mir die Ehre?«

»'ne Ehre ist es gerade nicht für Sie, weshalb wir hier sind«, erwiderte der Hegemeister.

»Was erlauben Sie sich, Herr Förster?«

»Nichts mehr, als ich verantworten kann. Und mein Titel lautet Hegemeister.«

Ehe der Baron etwas antworten konnte, tat sich die Tür auf. Fedora trat ins Zimmer. In heftigem Tone rief sie auf polnisch dem Baron etwas zu und wandte sich wieder zum Gehen. Der Gendarm vertrat ihr die Tür. »Sie müssen hierbleiben, Fräulein.« Durch die andere Tür trat der Forstaufseher Bauschus ein. Er hatte den Knecht, der sich heftig sträubte, am Kragen. Hinter ihm kam der Gemeindevorsteher...«

»So, nun können wir wohl mit der Haussuchung beginnen, meine Herren«, sagte der Assessor ruhig.

»Ich protestiere dagegen«, rief der Baron heftig.

Fedora hatte sich, als wenn sie die Sache gar nichts anginge, eine Zigarette angezündet. »Du bist ein Trottel, Roman, ein ausgemachter Trottel«, sagte sie in eisigem Ton.

Der Hegemeister blieb in der Tür zum Nebenzimmer stehen und nickte ihr lächelnd zu ...

Die Haussuchung dauerte nicht lange. Im Nebenzimmer lag ganz offen auf dem Tisch ein großes Paket mit Kanonenschlägen. In stummer Wut ließ der Baron alles über sich ergehen. Ein Protokoll wurde aufgenommen. Scharf und kurz gab er Antwort. Er leugnete nichts. Mit fester Hand unterschrieb er das Protokoll.

»Haben die Herren noch ein Anliegen?«

»Sie scheinen die Situation noch nicht richtig erfaßt zu haben«, erwiderte Krummhaar ruhig. »Wenn ich jetzt Ihre Verhaftung wegen Fluchtverdachts beantrage, nimmt Sie der Herr Gendarm unweigerlich mit. Was meinen Sie, Herr Assessor? Der Herr hat hier keinen festen Wohnsitz. Das Geschäft, das er betreibt ...«

Der Baron knirschte mit den Zähnen ... seine Augen sprühten. Fedora legte ihm die Hand auf den Arm und flüsterte ihm etwas auf polnisch zu.

»Ich bitte, Herr Assessor, mich gegen Ihre Untergebenen zu schützen, Sie wissen doch, wer ich bin.«

»Wenn der Herr Hegemeister nichts dagegen hat, will ich darauf Rücksicht nehmen. Kommen Sie, meine Herren, die Sache ist hier vorläufig erledigt.« Mit einer kurzen Verbeugung gegen Fedora verließ er das Zimmer.

»Hat der Baron schon die Jagd bezahlt?« fragte Krummhaar auf dem Hof den Gemeindevorsteher. »Die war doch gestern fällig.«

»Ich wollte heute deswegen zu ihm gehen.«

»Na, dann seht euch vor, daß der Baron euch nicht ausrückt. Der Betrieb scheint hier schon seit ein paar Wochen eingestellt zu sein. Ich traue dem Frieden nicht; der rückt bei Nacht und Nebel aus.«

»Dem Deuwel trau'! Wir haben auch noch ein paar hundert Mark für Fuhrlohn zu bekommen.«

Roman von Zaleski hatte sich in einen Stuhl geworfen und die Hände gegen die Stirn gedrückt. Fedora ging stark rauchend vor ihm auf und ab. »Das habe ich dir alles vorausgesagt ... eine Dummheit nach der anderen. Der Besuch in der Oberförsterei, der Verkehr mit dem Assessor ... das Scheibenschießen... die Jagdpacht. Jetzt habe ich genug davon. Ich mache Schluß.«

»Die Ratten verlassen das Schiff«, erwiderte Roman leise.

»Ein geschmackloser Vergleich, aber du bist sehr im Irrtum. Du scheinst zu glauben, daß ich nur zu meinem und deinem Vergnügen mit dir in dies gottverlassene Nest gegangen wäre. O nein... ich bin die Vertrauensperson des Londoner Komitees. Ohne meinen Willen erhältst du nicht mehr einen Pfennig. Und nach meiner Ansicht ist unser Aufenthalt hier völlig überflüssig geworden. Durch den doppelten Kordon kommt keine Katze mehr hindurch.«

Der Baron erhob sich. »Das ist ja äußerst interessant ... nicht eine Geliebte, sondern eine Aufpasserin habe ich mir mitgenommen. Da diese beiden Rollen sich sehr schlecht miteinander vertragen, so wollen wir sie beide beendigen. Das gnädige Fräulein werden sich in ihr Zimmer verfügen und dort abwarten, was mit Hochdemselben weiter geschehen soll.«

»Das werden wir gleich wissen.« Sie riß die Tür auf. »Stanislaw!«

Der Knecht trat ein ... eine mittelgroße, breitschultrige Gestalt. Mit dem Finger wies Fedora auf den Baron. »Was machen wir jetzt mit diesem Trottel?«

»Was gnädiges Fräulein befehlen.«

Fedora ging lächelnd auf ihn zu.

»Herr von Zaleski, jetzt wollen wir Ihre Rolle beendigen. Ich bitte, mir Rechnung zu legen. Ich habe hier aufgeschrieben, was Sie bekommen haben ... und was Sie zu fordern haben. Sie müssen noch tausend Mark in Ihrem Besitz haben, die dem Komitee gehören. Die werden Sie mir gleich übergeben ...«

Der Baron hatte die Farbe gewechselt, als der Knecht eintrat. Er hatte seine Lage begriffen. Das Blut stieg ihm zu Kopf ... seine Hände zitterten und zuckten ... Er biß die Zähne zusammen und zwang sich zur Ruhe. Es hatte keinen Zweck, sich auf den Kerl zu stürzen, der ohne Mühe die schwersten Kisten, an denen drei Mann sich abmühten, wie ein Kinderspielzeug vom Wagen hob. Und es hatte auch keinen Zweck, das Weib zu bitten. Es gab nur einen Ausweg ... ins Nebenzimmer zu seinen Waffen zu gelangen.

Stanislaw schien ihm diesen Gedanken vom Gesicht abgelesen zu haben, denn er tat ein paar Schritte und stellte sich vor die Tür.

»Nun, Herr von Zalefki, ich warte auf Ihre Antwort ...«

Roman griff in die Brusttasche und nahm seine Brieftasche heraus.

»Ich habe nur noch hundert Mark bei mir.«

»Das ist herzlich wenig. Aber wenn Sie sparsam damit umgehen und bescheiden dritter Klasse fahren, können Sie damit bis Galizien kommen. Ich werde Ihnen den Koffer packen. Ein Anzug und etwas Wäsche wird genügen. Sobald Sie uns die fälligen tausend Mark einschicken, senden wir Ihnen Ihr persönliches Eigentum zu ... Einen Augenblick, ich bin gleich fertig.«

Sie verschwand im Nebenzimmer... Nach wenigen Minuten kam sie mit einem kleinen Koffer zurück. »Und nun glückliche Reise, Herr von Zaleski ... Sie haben so einen merkwürdigen Ausdruck im Gesicht. Tun Sie das nicht, gehen Sie nicht nach Rußland. Die Leute sind dort sehr ungemütlich... und sie wissen leider schon, daß Ihr amerikanischer Paß gefälscht ist ...«

Ohne eine Miene zu verziehen, nahm der Baron den Koffer. Er hatte noch eine Hoffnung ... seine Dogge. Vor der Tür steckte er zwei Finger in den Mund und tat einen gellenden Pfiff. »Nora!«

Ein Heulen, das aus einem Stall zu kommen schien, antwortete ihm. »Sie müssen uns nicht für so dumm halten, Herr von Zaleski«, sagte Stanislaw mit höhnischem Lachen. »Darauf war ich vorbereitet.«

»Nicht durchs Dorf, hier geht es in den Wald. Ich werde mir erlauben, Sie ein Stück zu begleiten.«

»Du Hundeblut, du verdammter Knecht.«

Stanislaw maß ihn mit einem kalten Blick. »Die Rolle habe ich ausgespielt. Mein Name lautet ganz anders ... Aber ich werde meine Hand mir nicht an Ihnen beschmutzen.«

Der Baron sah ihn mit einem fassungslosen Blick an. »Um Himmels willen, doch nicht der Graf...?«

»Keinen Namen, wenn ich bitten darf. Sie werden jetzt auch wissen, weshalb wir heute mit Ihnen abgerechnet haben.«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort«, rief der Baron heftig.

»Was man nicht hat, kann man nicht geben«, erwiderte Stanislaw eisig. »Wir haben die Beweise in Händen, daß Sie das Lager in Wilna den russischen Behörden verraten haben. Der Judaslohn ist durch einen glücklichen Zufall in meine Hände gelangt.«

Wie ein geprügelter Hund schlich der Baron mit seinem Köfferchen davon in den Wald ...

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