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Der Wagehals

Fritz Skowronnek: Der Wagehals - Kapitel 18
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typefiction
authorFritz Skowronnek
titleDer Wagehals
publisherEulen-Verlag, A.-G.
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18. Kapitel

Der Forstmeister war ein glücklicher und sehr aufmerksamer Bräutigam. An jedem Nachmittag fuhr er nach Weschkallen. Seine Braut gefiel ihm mit jedem Tage mehr. Sie war so weich, so schmiegsam und so zärtlich. Jeden Augenblick des Alleinseins nahm sie wahr, sich auf sein Knie zu setzen und ihn abzuküssen ... Dem alten Herrn gefiel das sehr gut.

Einmal gleich zu Anfang hatte er ihr gesagt: »Aber, Madelinchen, wir sind doch ein Paar vernünftige Leute! Wenn Tante Georginne uns überrascht! Was soll sie von uns denken?«

»Daß ich dich von Herzen liebe, du alter Brummbär.« Dann knutschte sie ein Tränchen ab und fuhr fort: »Hast du denn so wenig Selbstbewußtsein? Meine ganzen Empfindungen fliegen dir entgegen ... Mein erster Mann hat mir auch ganz gut gefallen, aber auch weiter nichts. Ich habe ihn aus klugen Erwägungen genommen. Aber was sollte mich jetzt bestimmen? Möchtest du mir das mal sagen? Ich habe reichlich genug zum Leben, auch ohne Tante Georginne zu beerben.«

»Ich wage noch immer nicht, an das große, berauschende Glück zu glauben, Madelinchen.«

»Ach, daran sind bloß die dummen Romanschreiber schuld. Wenn bei denen ein Mann vierzig Jahre alt ist, dann ist er ein alter Herr, der eine große Dummheit begeht, wenn er sich ein junges Weib nimmt. Ich meine, jeder Mensch ist so alt, wie er sich fühlt.«

Der Forstmeister nickte lebhaft. »Das Wort unterschreibe ich... Du hast mir aus der Seele gesprochen, Kind. Ich muß in fröhlicher Gesellschaft manchmal an mich halten, um nicht aus tiefster Brust einen alten Studentenkantus anzustimmen.«

»Ich singe mit«, rief Madeline und warf sich an seine Brust...

Schrader hatte sofort an seinen Freund, den Forstrat, geschrieben und ihm mitgeteilt, daß er sich wieder zu verheiraten gedenke. Er hatte wegen eines längeren Urlaubs zur Hochzeitsreise angefragt und gebeten, sein Gesuch, das nach Feststellung des Hochzeitstermins abgehen würde, zu befürworten. Umgehend erhielt er ein herzliches Glückwunschschreiben.

Weshalb sollte er noch länger mit der Hochzeit warten? Der Termin wurde festgesetzt, und drei Tage später hing er mit Madeline vor seinem eigenen Hause im Kasten. Nie hatte er dem alten schwarzen, mit Draht vergitterten Kasten einen Blick geschenkt. Jetzt ging er selbst hinaus vor die Tür und las den Text des Schriftstückes... Von der Kanzel sollte er in abgekürztem Verfahren nur einmal für dreimal fallen. Er wollte nur eine stille Hochzeit mit einem Frühstück für die Trauzeugen. Aber darauf ging Georginne nicht ein. Das wäre ihre Sache, und sie wolle auch ihre Freude daran haben...

Eines Tages, als der Forstmeister eben den Wagen befohlen hatte, um nach Weschkallen zu fahren, fuhr ein Wagen vor. Eine Minute später erschien Abromeitene und brachte in ihrem Schürzenzipfel eine große Visitenkarte. Er las: »Roman von Zaleski, K. K. Rittmeister der Garde-Landwehr-Kavallerie.«

»Laß den Herrn eintreten.«

»Was verschafft mir die Ehre?«

Herr von Zaleski war eingetreten und hatte eine tadellose Verbeugung gemacht. »Ich wollte dem Herrn Forstmeister meine gehorsamste Aufwartung machen. Bei der engen Freundschaft, die jetzt unsere Herrscher und Heere verbindet, habe ich es für meine Pflicht gehalten, weil ich gerade in Ihrem Machtbereich weile, Ihnen meine Verehrung zu Füßen zu legen. Bitt' schön zu entschuldigen. Ich bin auch ein leidenschaftlicher Jäger und liebe die grüne Farbe.«

Mit einer Handbewegung wies Schrader auf einen Sessel und nahm dem Gast gegenüber Platz. »Sehr verbunden, Herr Rittmeister. Wenn ich fragen darf, was hat Sie in unsere Gegend geführt?«

»Oh, das tut nichts zur Sache, aber im Vertrauen ... bitt' schön, Herr Forstmeister, eine sehr wichtige Mission, die sich gegen unseren gemeinsamen Gegner Rußland richtet.«

Der Forstmeister neigte das Haupt, als wenn ihn diese Erklärung befriedigte. »Und Sie sind, wie Sie sagen, leidenschaftlicher Jäger?«

»Sehr passioniert, Herr Forstmeister.«

»Dann werden Sie wohl nicht auf Ihre Rechnung kommen, Herr Rittmeister. Ich lege mir selbst, obwohl ich auch sehr passioniert bin, im Abschuß Beschränkungen auf, um den Forstbeamten, die ihre Haut bei der Beschützung des Wildes zu Markte tragen, das Vergnügen nicht zu verkümmern.«

»Das bedaure ich, Herr Forstmeister, sonst hätte ich mir die Bitte nicht erlaubt.«

»Ganz ausgeschlossen, Herr Rittmeister...« Schrader erhob sich. »Ich bedaure sehr, daß Sie sich vergeblich bemüht haben, aber ich kann wirklich keine Ausnahme machen.«

Herr von Zaleski hatte sich auch erhoben. »Bitte vielmals um Entschuldigung. Habe die Ehre, Herr Forstmeister.«

Mit einer stummen Verbeugung geleitete ihn der alte Herr zur Tür...

Am anderen Tage, kurz vor Mittag, erschien der Assessor in der Oberförsterei. »Wissen Sie, Herr Forstmeister, wer mich gestern besucht hat? Der Rittmeister von Zaleski. Ein ganz famoser Kerl. Wir haben in Erinnerungen geschwelgt. Wir haben ein Schock gemeinsame Bekannte, über deren Befinden er mir genaue Auskunft geben konnte.«

»Sie haben ihn schon vorher persönlich gekannt?«

»Nein, Herr Forstmeister, das nicht... aber er ist bei mir hinreichend legitimiert durch einen Gruß, den er mir überbrachte... und ich entsinne mich auch, seinen Namen öfter in Wien gehört zu haben. Ein glänzender Reiter und ein passionierter Jäger... Uralter Lechenadel übrigens. Von Ihnen sprach er mit der größten Hochachtung, Sie haben ihm außerordentlich gefallen.«

Der Alte griente etwas. »Sehr schmeichelhaft – Sie werden vermutlich den Verkehr fortsetzen?«

»Wenn Herr Forstmeister keine Bedenken dagegen haben?«

»Bedenken? Lieber Herr Assessor, Sie übernehmen doch gewissermaßen die Garantie. Also wenn Sie ihn nächstens zum Scheibenschießen einladen, ich habe nichts dagegen. Wollen Sie auf das Glück des Topfes zum Mittagessen bei mir bleiben? Ich weiß selbst nicht, was es gibt.«

»Sehr erfreut, Herr Forstmeister, nehme mit Dank an.«

»Na, dann kommen Sie 'rüber in meine Wohnung.«

»Ich wollte Ihnen noch etwas im tiefsten Vertrauen sagen«, fuhr der Forstmeister im Wohnzimmer fort. »Die Enkelin unseres Freundes Krummhaar wird, wie mir der Alte sagt, jetzt sehr eifrig von den jungen Grünröcken umworben. Der jungen Frau ist das peinlich. Sie ist, wie ich Ihnen unter strengster Diskretion mitteile, nicht Witwe... Ihr Mann lebt. Er ist wegen politischer Umtriebe in Haft und wahrscheinlich nach Sibirien gebracht.«

Der Assessor wechselte einen Augenblick die Farbe. »Oh, Herr Forstmeister, das tut mir sehr leid. Das ist ein sehr schweres Schicksal, das die verdüsterte Stimmung der Dame hinreichend erklärt, über die ich mir schon den Kopf zerbrochen habe. Aber ich bin Ihnen sehr dankbar für die Mitteilung. Ich habe sehr gute Beziehungen zu den hohen und höchsten Beamten in Rußland. Es wird mir ohne Zweifel gelingen, über das Schicksal des Herrn Nekrassow, so heißt er wohl, Auskunft zu erhalten. Vielleicht kann ich auch eine Milderung seiner Strafe herbeiführen. Ich will nicht zuviel versprechen, aber ich werde jedenfalls alles aufbieten, um der Dame beizustehen.«

Der Forstmeister hatte Mühe, sein Erstaunen zu verbergen. Er hatte nicht erwartet, daß der Assessor diese Eröffnung, die doch alle seine Hoffnungen zerstören mußte, in dieser Weise aufnehmen würde. Oder waren seine Absichten derart, daß er sie durch tätige Anteilnahme an dem Geschick der jungen Frau zu fördern gedachte? Und noch etwas anderes war möglich, daß er durch seine Bemühungen die Gewißheit zu erlangen hoffte, daß die junge Frau wirklich das war, wofür sie sich ausgegeben hatte, eine Witwe.

Gegen Abend kam Herr von Sperling in das Forsthaus. Seine beiden Rivalen waren unsichtbar. Mooslehner kam nur zu den Mahlzeiten und entfernte sich sofort nach dem Essen. Schnabel ließ sich überhaupt nicht mehr blicken. Der Hegemeister saß an seinem Schreibtisch. »Nehmen Sie Platz, Herr Assessor. Ich bin gleich fertig... Mit dem Schreibwerk wird es immer schlimmer. Nächstens kommen wir Grünröcke überhaupt nicht mehr in den Wald, sondern werden an den Schreibtisch angeschmiedet, wenn nicht jeder Förster seinen Forstschreiber bekommt.«

»Bitte sich gar nicht stören zu lassen, Herr Hegemeister, ich habe schon Unterhaltung.« Er hob den kleinen Buben, der durch die Tür hereingestürmt kam, auf seinen Arm, setzte sich mit ihm und nahm ihn auf den Schoß. Der kleine Bursche begann sofort seine Taschen zu untersuchen, in denen sich immer ein Leckerbissen für ihn befand.

»So, nun bin ich fertig«, rief der Hegemeister und warf die Feder hin. »Wenn ich den Kerl mal erwische, der das Schreiben erfunden hat... Na, wie weit sind Sie mit Ihrer Klupperei, Herr Assessor?«

»Ich habe heute das zweite Jagen angefangen, aber da wird es nicht so schnell vorwärtsgehen, denn der Bestand ist zu ungleich.«

»Ja, ja, das glaube ich Ihnen. Das Jagen war mein Schmerzenskind. Dreimal ist die Nonne drin gewesen, dreimal mußte ich nachpflanzen... Wie ist es, wollen Sie zum Abendbrot bei uns bleiben?«

»Ich danke sehr, bin nur auf einen Sprung zu Ihnen gekommen, um Ihnen meine Hilfe anzubieten... Herr Forstmeister hat mir Mitteilung gemacht von dem traurigen Geschick, das ihre Frau Enkeltochter getroffen hat. Ich habe sehr gute Beziehungen in Rußland, und wo sie nicht ganz hinlangen, könnte ich mir durch gewichtige Fürsprache die Beziehungen schaffen. Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, zunächst den Verbleib des Herrn Nekrassow festzustellen. Mehr kann ich augenblicklich nicht versprechen, aber das glaube ich bestimmt erreichen zu können.«

»Herr Assessor, wenn Ihnen das gelingen würde!« Er lief zur Küchentür, öffnete sie und rief hinaus: »Wera, komm mal 'rein, der Herr Assessor will mit dir sprechen.«

Die junge Frau, die am Herd stand, wies achselzuckend auf ihren sehr schlichten Hausrock. »Ich kann jetzt nicht, Großvater.«

Nun trat der alte Herr in die Küche und zog die Tür hinter sich zu: »Kind, mach' keine Umstände. Du weißt gar nicht, was dir Gutes bevorsteht.«

Mit einer jähen Wendung drehte Wera sich um. »Aber Großvater, doch nicht jetzt um diese Zeit... und hast du ihm nicht gesagt...«

Der alte Herr lachte laut auf. »Ihr Weiber seid euch doch alle gleich. Der erste Gedanke ist immer an die Hochzeit... Nein, Kind, es ist etwas, was dich zunächst noch viel mehr angeht. Der Assessor hat sehr gute Beziehungen in Rußland, er will zunächst ausfindig machen, wo dein Mann steckt.«

Die junge Frau war vor Schreck zwei Schritte zurückgetreten, bis ihr Rücken an die Wand stieß. Beide Hände hatte sie an das Herz gepreßt.

»Kind, Wera, was ist dir?«

»Gar nichts, Großvater... das kam bloß ein bißchen zu plötzlich.«

»Na ja... das begreife ich vollkommen, aber nun laß mal die Braterei und zieh' dich schnell an, wenn du nicht in diesem Kleid 'reinkommen willst. Du mußt doch dem Assessor alles ausführlich und streng wahrheitsgemäß erzählen. Ich möchte es bei dieser Gelegenheit auch hören...«

Die junge Frau hatte ihre Erregung ziemlich bemeistert. »Ach Gott, Großvater, das eilt doch nicht so... Heute kann ich das nicht... Das würde mich zu sehr aufregen. Sag' dem Herrn Assessor meinen herzlichsten Dank... In den nächsten Tagen. Ich muß mir das alles auch erst im Gedächtnis zurechtlegen.«

Der alte Herr ärgerte sich sichtlich über diese Antwort. »Ach was, nimm dich zusammen. Du bist doch keine Marzipanpuppe... Der Mann will seinen Einfluß für dich aufbieten, und du hältst es nicht einmal für nötig, ihm dafür zu danken.«

»O doch, Großvater... Ich kann bloß im Augenblick nicht...«

»Merkwürdig! Die ganze Zeit hast du dein Schicksal geduldig und gefaßt getragen, und nun mit einemmal, wo sich der erste Hoffnungsschimmer zeigt, gerätst du außer Rand und Band.«

Er trat näher an sie heran und dämpfte seine Stimme. »Mir ist fast so, als wenn es dir gar nicht recht ist, daß der Assessor dir über das Schicksal deines Mannes Gewißheit verschaffen will.«

»Großvater, quäle mich doch nicht so...« Sie warf sich an seine Brust und barg aufschluchzend ihren Kopf an seiner Schulter.

»Die verdammten Weibertränen, daß die so locker sitzen... Na, nun nimm dich mal zusammen, mein Kind. Ich wußte ja nicht, daß es dich so aufregt... Nun sei doch bloß vernünftig. Ich werde dem Assessor sagen, daß wir in den nächsten Tagen darauf zurückkommen werden.« Er führte sie zur Bank, schöpfte aus dem Eimer ein Glas Wasser und reichte es ihr. »Ich muß jetzt 'reingehen, was wird der Mann sich denken?«

»Ich bitte sehr um Entschuldigung, Herr Assessor. Aber meine Enkeltochter hat sich bei der freudigen Nachricht so aufgeregt, daß sie mir beinahe umgefallen wäre. Ich habe gar nicht geahnt, daß sie ihren Mann so lieb hat... Sie läßt Ihnen vielmals danken und wird in den nächsten Tagen Ihnen nähere Mitteilung machen.«

»Na, dann will ich nicht weiter stören, Herr Hegemeister.«

»Nochmals vielen Dank, Herr Assessor... Wovon die Weiber bloß die Nerven kriegen? Ich werde daraus nicht klug«...

Der Assessor war, als er seinem Feenpalast zuging, in der Stimmung, mit Gott und aller Welt zu hadern. Er hatte so viele kluge und schöne Frauen in seinem Leben kennengelernt und nie Feuer gefangen. Manchmal hatte es in seinem Herzen ein kleines Strohfeuer gegeben, das nach kurzer Zeit verflackerte... Nun mußte ihn ausgerechnet in der litauischen Heide ein junges Weib aus dem Gleichgewicht bringen. Er befahl das Auto, aß schnell und ohne Appetit Abendbrot und fuhr nach Wartenburg. Dort würde er sicherlich ein paar Sumpfhühner finden, mit denen er sich bis zur Bewußtlosigkeit betrinken konnte...

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