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Der Wagehals

Fritz Skowronnek: Der Wagehals - Kapitel 17
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typefiction
authorFritz Skowronnek
titleDer Wagehals
publisherEulen-Verlag, A.-G.
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17. Kapitel

Ein Grauen war dem starken Mann in die Seele getreten, als der Kopf des Wilderers nach vorn hinuntersank und der schwere Körper ohne die geringste Bewegung liegenblieb, denn er mußte in diesem Augenblick annehmen, daß er den Mann durch seinen Schuß getötet hatte. Gleichzeitig kam ihm zum Bewußtsein, daß der Schuß durchaus überflüssig gewesen war ... ein Anruf hätte genügt. Wenn Naujoks sah, daß seitwärts von ihm ein zweiter Beamter mit der gespannten Büchse im Anschlag stand, dann hätte er sich ruhig in sein Mißgeschick ergeben ...

Er wollte sein Gewissen damit beruhigen, daß er sich sagte, er hätte, als der Schuß des Naujoks krachte, unwillkürlich losgedrückt. Vor der Welt und vor dem Gericht, das den Vorfall untersuchen mußte, würde er völlig gerechtfertigt dastehen, denn der Wilddieb hatte sich zur Wehr gesetzt und auf einen Beamten geschossen. Aber vor seinem Gewissen bestand er nicht. Das sagte ihm, daß er unrecht gehandelt hatte. Weshalb hatte er nach dem Kopf gezielt? Um den Wilddieb kampfunfähig zu machen oder am Entlaufen zu hindern, hätte ein Schuß ins Bein genügt.

Er bog sich zu ihm hinunter und drehte ihn auf den Rücken. Die Kugel hatte dem Kerl die Nase durchschlagen. Wie ein Stein fiel es ihm vom Herzen.

»Ist der Kerl tot?« fragte Mooslehner, der atemlos angelaufen kam. »Nein? Schade! Nante, Mensch, Freund, Bruder, wie soll ich dir danken?«

»Wofür?« erwiderte Nante ruhig.

»Na, in solchem Augenblick konntest du doch wohl daran denken, was zwischen uns steht ...«

Schnabel fühlte, wie ihm das Blut zu Kopf strömte. »Ach, laß das, Karl, ich habe in diesem Augenblick wirklich nicht daran gedacht. Es war doch einfach meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit ... Nein!« rief er und sah Mooslehner fest an. »Nein, Karl, ich will nicht von dir Dank entgegennehmen, während ich mich in meinem Herzen schuldig fühle. Karl, ich habe mehr als zehn Minuten hinter jenem Strauch gestanden ... dort am Wiesenrand. Ich sah euch beide ... Dort habe ich mit sehr bösen Gedanken gestanden und habe erst geschossen, als ich sah, daß du dem Kerl so unvorsichtig deine linke Körperhälfte zeigtest. Hätte er dich totgeschossen, dann hätte ich dich auf dem Gewissen. So, nun habe ich dir die volle Wahrheit gesagt, und nun überlasse ich dir das Weitere. Ich habe es verdient, wenn ich den grünen Rock ausziehen muß ...«

Er wankte zur Seite, lehnte sich an die Eiche und schlug die Hände vors Gesicht. Ein lautloses Schluchzen erschütterte seinen Körper... Langsam legte Mooslehner sein Gewehr auf die Wiese, dann ging er zu ihm und legte ihm den Arm um die Schulter. »Nante, für böse Gedanken kann kein Mensch, die kommen und gehen, ohne daß man ihnen gebieten kann. Nicht die Gedanken sind es, nach denen man gerichtet werden kann, sondern die Taten.«

»Ja, danach sollt ihr mich richten,« stöhnte Schnabel, »daß ich eine Ewigkeit dagestanden habe, ohne dich aus der Todesgefahr zu befreien.«

Mooslehner lief es eiskalt über den Rücken ... Wenn er selbst jetzt dort an der Buche kalt und steif läge. Und gleichzeitig stieg ihm die Frage auf, was er wohl getan haben würde, wenn Nante an seiner Stelle gestanden hätte. »Nante, Bruder, du mußt dich nicht mit solchen dummen Gedanken plagen. Du hast sie doch überwunden. Dein Schuß hat mich gerettet. Damit hast du doch gezeigt, daß du die Versuchung von dir gewiesen hast ... Es kommt doch nur darauf an, wie ich mich zu deinem Geständnis stelle ... und da sage ich dir aus vollem Herzen, Nante, ich verzeihe dir, wenn dir das Beruhigung schafft. Und nun laß dir nochmals Dank sagen.«

Nante hob langsam den Kopf. »Karl, ist das dein Ernst? Willst du wirklich mein Freund bleiben und mir die Hand geben?«

»Hier hast du sie...«

Mit festem Druck nahm Nante die Hand des Freundes. »Ich danke dir, Karl. Dann wollen wir aber auch alles zwischen uns beseitigen, was wieder zwischen uns treten könnte. Ich räume dir das Feld bei Wera... Es wird mir sehr schwer, aber du wirst sehen, daß ich mein Wort halte.«

»Nein, mein lieber Nante, das Opfer kann ich nicht von dir verlangen. Ich habe die Überzeugung, daß ich Wera ziemlich gleichgültig bin, daß sie dich bevorzugt. Da würde mir dein Verzicht doch nichts helfen. Und vielleicht sitzen wir beide schon auf dem Pfropfen, und der Assessor ist der Glückliche.«

»Das habe ich mir auch schon gedacht, Karl. Die Wera verliebt sich nicht mehr wie ein junges Mädchen. Die rechnet mit dem Verstand, und wenn der Assessor Ernst macht, dann fallen wir beide hinten 'runter ... Zum Deuwel, wo ist der Kerl, der Naujoks, geblieben?« Er war ganz unwillkürlich hinter der Eiche hervorgetreten, und sein Blick war auf die leere Stelle gefallen, wo Naujots gelegen hatte...

Der alte Wilddieb war in dem Augenblick, als Nante sich seiner Verzweiflung überließ, aus der Betäubung erwacht. Mit der Hand hatte er nach der Nase gefaßt, wo er einen kleinen Schmerz verspürte. Der Schädel brummte ihm, weil die Kugel nicht nur den Nasenknorpel durchschlagen, sondern auch das Nasenbein geschrammt hatte. Trotzdem begann sein Gehirn sofort zu arbeiten.

Er drehte sich wieder auf den Bauch. Von den Forstbeamten sah er nur den halben Körper. Sofort griff er zur Büchse... dabei kam ihm zum Bewußtsein, daß sie nicht geladen war... Und ohne Geräusch würde das nicht abgehen, wenn er sie zu laden versuchte... Jetzt hörte er Mooslehner sprechen, also stand noch ein zweiter hinter dem Baum. Ohne sich zu besinnen, schob er sich auf dem Bauch rückwärts ... zehn Meter, aber in der Richtung, in der ihm die Eiche Deckung gab ... Dann richtete er sich auf, schlich mit langen, unhörbaren Schritten davon. Jetzt verschwand er im Graben und lief gebückt bis zum Waldrand.

Dort blieb er stehen und lud die Büchse. In ihm lochte und gärte es ... Die beiden Grünröcke standen im hellen Mondschein in Schußweite von ihm auf der Wiese wie zwei Scheiben. Er konnte sie beide umlegen, wenn sie sich bloß ein Stück von der Eiche entfernten. Einen abschießen, wenn es dem zweiten gelingen konnte, hinter der Eiche Schutz zu suchen, hatte keinen Zweck. Er backte das Gewehr an und strich an der dicken Kiefer, hinter der er stand, an und lauerte.

Er war schon in Versuchung, abzudrücken, als Schnabel sich zehn Schritt von der Eiche entfernte. Er verfolgte die Spur, die der Wilddieb bei seinem Rutschen hinterlassen hatte... Wenn er jetzt den Mooslehner aufs Korn nahm, dann gelang es Schnabel nicht mehr, hinter die Eiche zu flüchten ... Da schien es ihm, als wenn die Kiefer, an der er lehnte, zu schwanken begann. Er hörte ein Singen und Summen in seinen Ohren ... Bewußtlos sank er hinter dem Baum zusammen.

In demselben Augenblick wie Nante hatte auch Mooslehner das Verschwinden des Wilddiebes bemerkt. »Da soll gleich das heilige Kreuzmillionenschockschwerenotdonnerwetter« – das Kraftwort hatte er vom Forstmeister gelernt – »dreinschlagen! Da, das ist 'ne schöne Bescherung, Nante.«

»Ja, Karl, und das fällt auch auf mein Schuldkonto. Wenn ich sofort den Kerl angerufen hätte und ihn mit vorgehaltener Büchse gezwungen hätte, sich zu ergeben, dann wäre auch das nicht passiert.«

»Ach, laß doch diese dummen Geschichten endlich ruhen. Bist du sicher, daß es der Naujoks war?«

»Aber Karl, solch einen großen Kerl haben wir in der ganzen Umgegend nicht.«

»Na, dann heißt es im Trab zu ihm nach Hause ... Was war das?«

»Ich habe nichts gehört«, versicherte Nante.

»Es hörte sich so an wie ein Knacken und Scharren.«

»Irgendein Tier, das vor uns ausgerückt ist. Ich halte es auch für überflüssig, uns jetzt noch den Weg nach Wersmeninken zu machen. So klug ist der doch auch, daß er jetzt nicht nach Hause geht und sich ins Bett legt. Der sucht sich doch irgendwo einen Schlupfwinkel bei Verwandten... Und wenn er sich wieder ausgeleckt hat und zum Vorschein kommt, dann fassen wir ihn.«

»Oder wir lassen ihn laufen und halten das Maul. Wir haben bei diesem Vorfall nicht sehr gut abgeschnitten, mein lieber Nante... Wie sollen wir das dem Alten erklären, daß der Kerl zwei Schritt vor uns angeschossen liegt und sich doch aus dem Staube machen kann. Ich denke, wir gehen ruhig nach Haus und halten reinen Mund.«

»Das sagst du so, Karl; aber wenn einer von den Kollegen die Schüsse gehört hat und meldet?«

»Das fehlt bloß noch ... Nein, du hast recht, wir müssen dem Alten soviel erzählen, wie nötig ist. Dir ist übel geworden vor Hunger und Aufregung, und du hast dich an die Eiche gelehnt ... ich habe dich halten müssen. Dabei hat sich der Naujoks fortgeschlichen. Wir konnten nicht ahnen, daß er so schnell aus seiner Betäubung erwachen würde. Wenn wir den Alten bitten, uns nicht zu verraten ...«

»Na ja, das wollen wir tun, aber nun komm. Ich habe mächtigen Hunger.«

Schweigend schritten sie zum Waldrand.

»Wenn der Kerl nach dieser Seite gelaufen wäre, hätte er uns abschießen können wie zwei Rehböcke«, meinte Mooslehner. Ein tiefes Stöhnen unterbrach ihn. Blitzschnell rissen beide Grünröcke die Büchsen von der Schulter. Da, jetzt wieder das tiefe Grunzen, Stöhnen ... Jetzt sprang Nante ohne Besinnen durch das dichte Unterholz. »Hier liegt er, Karl, der Naujoks.«

Eiskalt lief es ihm über den Rücken.

Was Mooslehner eben gesagt hatte, war nur zu richtig. Da lag der Wilddieb auf einen Haufen zusammengesunken und neben ihm die geladene und gespannte Büchse. Hinter der Kiefer hatte er im Anschlag gestanden... Jetzt wußte Mooslehner sich das Geräusch zu erklären, das er vorher gehört hatte... Während Schnabel die Büchse aufnahm und entlud, band Mooslehner dem bewußtlosen Wilddieb die Hände zusammen. Dann rüttelte er ihn.

Mit blödem Ausdruck blinzelte Naujoks die beiden Grünröcke an. »Guten Abend, was wünschen Sie von mir?«

»Verstellen Sie sich nicht und stehen Sie auf. Sie müssen mit uns nach der Oberförsterei gehen.«

Stöhnend ließ der Wilddieb den Kopf sinken.

»Das kann doch nur Verstellung sein«, meinte Nante. »Fass' an, Karl, wir wollen ihn erst einmal auf die Beine stellen.«

»Wart' mal, Nante, ich habe im Rucksack noch einen Schluck.« Er nahm die Flasche und setzte sie dem Wilddieb an den Mund. »Das schmeckt, Naujoks, nicht wahr? Nun reißen Sie sich zusammen und kommen Sie mit, den kurzen Weg zur Oberförsterei werden Sie zu Fuß machen können. Im Notfall führen wir Sie.«

Jetzt erst war Naujoks zum vollen Bewußtsein gekommen. Mit weitaufgerissenen Augen, die in dem geschwärzten Gesicht merkwürdig leuchteten, sah er Mooslehner an. Sein Arm hob sich krampfhaft und zerrte an der Fessel.

»Sie werden sich schon in Ihr Schicksal ergeben müssen. Ein zweites Mal lassen wir Sie nicht mehr aus den Fingern«, rief Mooslehner .»Nante, fass' an, er muß marschieren.«

Mit einem Ruck hoben sie den schweren Mann auf und stellten ihn auf die Beine. Er schwankte wie ein Betrunkener.

»Verstellen Sie sich nicht, Sie müssen vorwärts.«

Stolpernd ging Naujoks zwischen ihnen. Manchmal schwankte er so stark zur Seite, daß er beinahe seine beiden Begleiter umriß.

»Ich bin wirklich schwitzig geworden von dem Schleppen«, rief Nante, als sie den Wilddieb auf der Veranda der Oberförsterei auf einen Stuhl niederließen. Dann lief er an das Schlafzimmer des Forstmeisters und klopfte an.

»Wer ist da?«

»Mooslehner und Schnabel, wir haben den Naujoks erwischt.«

»Den Naujoks? Einen Augenblick, ich komme gleich«... Fünf Minuten später schloß der alte Herr die Haustür auf, er war in voller Uniform. »Bringen Sie ihn in die Amtsstube. So... kann der Kerl nicht stehen? Was hat er da an der Nase?«

»Einen kleinen Streifschuß, Herr Forstmeister.«

»Na, das werden wir ja alles erfahren; Schnabel, setzen Sie sich und schreiben Sie das Protokoll. Makunischken, den soundsovielten ... Vor dem Unterzeichneten erschienen ... und gaben folgendes zu Protokoll: Gestern abend ... Nun diktieren Sie, Mooslehner.«

Ruhig und klar bis in alle Einzelheiten gab Karl seine Aussage ab, die vom Forstmeister Wort für Wort wiederholt und Nante in die Feder diktiert wurde. Naujoks saß in sich zusammengesunken, den Kopf auf der Brust, auf einem Stuhl. Manchmal wankte er so, daß Mooslehner ihn halten mußte.

Nun mußte Schnabel seine Aussage machen, während Mooslehner das Schreiben übernahm. Er sagte ruhig aus bis zu der Stelle, wo er sein Eingreifen schildern mußte. Da stockte er... »Ich war so erregt und erhitzt von dem schnellen Laufen,« sagte Mooslehner laut und schrieb es nieder, »daß ich mich einige Augenblicke sammeln mußte.«

»Jawohl, so war es«, bekräftigte Nante, tief aufatmend. »Da sah ich, wie Naujoks seine Büchse hob. Nun hielt ich einen Anruf für aussichtslos und schoß.«

»Jawohl...«

»Als ich bei dem Wilddieb, der still liegen blieb, ankam und ihn umdrehte, erschrak ich so sehr, daß mir ganz übel wurde.«

»Jawohl...«

»Ich lehnte mich an die Eiche. Mein Kollege Mooslehner faßte mich um und sprach mir ermunternd zu.«

»Jawohl...«

»Diesen kurzen Augenblick benutzte Naujoks, der erwacht war, und schlich sich fort.«

»Jawohl, Herr Forstmeister ...«

»Nach längerem Suchen ...«

»Nein, Herr Forstmeister,« rief Nante, »wir waren so verblüfft, daß wir uns nur darüber unterhielten, ob wir nach Wersmeninken nachgehen sollten. Da wir es für aussichtslos hielten, beschlossen wir, nach Hause zu gehen. Am Waldrand fanden wir Naujoks bewußtlos.«

»Na, dann schreiben Sie, wie es richtig ist. So, und nun lesen Sie das Protokoll vor. Naujoks, hören Sie? Sie müssen es unterschreiben oder vorher Ihre Einwendungen machen.«

Er trat zu dem Mann und schüttelte ihn. Dann nahm er die Lampe vom Tisch und leuchtete ihm ins Gesicht.

»Ein ganz geringer Blutverlust. Aber es kann eine Gehirnerschütterung gegeben haben. Ich möchte die Verantwortung nicht übernehmen, daß der Mann länger als irgend nötig ohne ärztliche Behandlung bleibt. Schnabel, wecken Sie den Jons und lassen Sie anspannen. Einer von Ihnen muß noch heute mit Naujoks nach Pillkallen ins Krankenhaus fahren. Ich werde sofort den Aufnahmeschein schreiben. Und sorgen Sie dafür, daß er sofort vom Arzt untersucht wird.«

»Na, dann werde ich schon fahren,« meinte Mooslehner resigniert, »sonst kommt uns Schnabel vor Hunger um.«

»Das war eine Reihe von glücklichen und unglücklichen Zufällen, meine Herren«, sagte der Forstmeister zu den beiden Grünröcken, als Schnabel zurückgekehrt war. »Aber das muß ich Ihnen erklären: mit Ruhm haben Sie sich dabei nicht bekleckert. Ihr Mitgefühl für den Kollegen in allen Ehren, lieber Mooslehner, aber erst kommt die Pflicht und dann das Vergnügen. Guten Morgen, meine Herren.«

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