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Der Wagehals

Fritz Skowronnek: Der Wagehals - Kapitel 15
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typefiction
authorFritz Skowronnek
titleDer Wagehals
publisherEulen-Verlag, A.-G.
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15. Kapitel

Da, wo die Scheschupp, nachdem sie meilenweit die Grenze zwischen Rußland und Preußen gebildet hat, ganz auf deutsches Gebiet tritt, um nach kurzem Lauf in die Memel zu münden, liegt das große, weitgestreckte Dorf Serbenten. Die Scheschupp ist im Sommer ein zahmes, seichtes Flüßchen, das kaum sein Bett ausfüllt. Aber im Frühjahr muß man sie sehen! Dann ist das weite Tal eine strudelnde, kochende Wassermasse, die bis zum Rand der hohen Uferberge anschwillt. Deshalb liegt das Dorf nicht unten am Fluß, sondern auf der Höhe... Wie Schwalbennester kleben die kleinen strohbedeckten Chaluppen am Berge.

Gleich hinter dem Dorf beginnt die Königliche Forst, die sich meilenweit auf dem linken Ufer der Scheschupp bis zur Rominter Heide hinzieht... Dicht am Fluß und Wald einsam ein Bauerngehöft... in greulicher Verwahrlosung. Die Strohdächer hatte der Sturm zerzaust... die Stalltüren hingen schief in den Angeln. Der letzte Besitzer hatte abgewirtschaftet. Mit dem weißen Stab war er in das Elend gezogen. Monatelang hatte es unbewacht leergestanden, und niemand wollte es kaufen, obwohl es für ein Butterbrot feilgeboten wurde.

Eines Tages war ein Mann gekommen, hatte sich das verlotterte Anwesen angesehen, und einige Tage später war Herr Roman von Zaleski mit Sack und Pack eingezogen... An dem Aussehen des Gehöfts änderte sich nicht viel. Nur die zerbrochenen Fensterscheiben im Hause wurden eingesetzt... Von den neuen Bewohnern sah man im Dorf nicht viel. Einmal war der polnische Edelmann mit seinem Juckergespann im flotten Trab durchs Dorf gefahren.

Die Bauern des Dorfes hatten mit ihren Fuhrwerken reichlichen Verdienst. Fast täglich mußten drei, vier Wagen zur Bahn fahren und schwere Kisten holen. And der »Baron«, wie er im Dorf genannt wurde, zahlte gut und prompt... Nachts herrschte in dem einsamen Gehöft reges Leben. Man sah die Fenster erleuchtet oft bis zum Morgen, man hatte auch laute Stimmen gehört und wahrgenommen, daß Wagen bepackt wurden und wegfuhren, aber Genaues wußte man nicht, denn die Dogge lief unaufhörlich um das Gehöft und schreckte jeden ab. Es war aber gar kein Zweifel, daß es sich nur um einen großartig betriebenen Schmuggel handeln konnte.

Ein stiller, warmer Sonntagnachmittag war's. Die Kinder spielten auf dem grasbewachsenen Dorfanger vor dem Wirtshaus, die jungen Mädchen und Burschen standen vor den Hoftoren und plauderten. Eine Schar kleiner Mädchen kam in langer Reihe untergefaßt singend die Dorfstraße entlang. Hell klangen die frischen Kinderstimmen:

»Als die Mutter jüngst mich schalt,
Sprach sie: geh hinaus zum Wald,
Bringe mir, damit ich's seh',
Wintermai und Sommerschnee.«

Dann hörten sie plötzlich auf und stoben wie ein aufgestöberter Schwarm Tauben auseinander. Vom Walde her kam der Herr Baron, die Dogge an seiner Seite... Ein großer Mann, schlank, aber breitschultrig. Er trug Nationaltracht, anliegende Beinkleider und glänzende Kniestiefel, an denen silberne Sporen klirrten... Die Tschamarka, eine kurze Herrenjacke mit Schnüren und Hefteln besetzt. Auf dem Kopf die Confederatka mit weißer Reiherfeder, im linken Auge ein Monokel, in der Hand eine Reitpeitsche, so schritt er langsam schlendernd die Dorfstraße entlang. Aus den Augen der jungen Mädchen, die ihn mit einem zierlichen Knicks grüßten, flog ihm manch ein bewundernder Blick zu, während die Burschen ihn kühl, ja beinahe feindlich anstarrten. Er dankte nachlässig mit flüchtigem Kopfnicken. Dann bog er ab zum Wirtshaus.

An einem Tisch im Herrenstübchen saß einsam der Forstaufseher Bauschus bei einem schalen Glas Bier und las die Zeitung. Der Baron trat sofort auf ihn zu, schlug klirrend die Hacken zusammen und stellte sich mit einer Verbeugung vor: »Von Zaleski. Sehr erfreut, Sie zu treffen, Herr Förster. Darf ich mich zu Ihnen setzen? Ein trauriges Dasein hier.«

»Sie sind ja doch nicht bloß zum Vergnügen hier, wie ich annehme«, erwiderte der Grünrock.

Der Baron lachte und schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe sogar sehr viel zu tun, aber trotzdem genug freie Zeit, um mich gründlich zu langweilen... Und ich bin sehr für Geselligkeit.« Er zog ein goldenes Etui hervor und steckte sich eine Papyros an.

Während er den Rauch durch Mund und Nase ausblies, sprach er weiter. »Ich habe schon längst die Absicht, Ihrem Herrn Forstmeister und dem Herrn Forstassessor meinen Besuch zu machen, um gesellschaftlich Anschluß zu finden. Soll ein prächtiger alter Herr sein, Ihr Forstmeister.«

»Das stimmt«, erwiderte der Grünrock kopfnickend, wobei er ein leises Lächeln nicht zu unterdrücken vermochte, denn er mußte dabei denken, daß sein Vorgesetzter über diesen Besuch wohl nicht sehr erfreut sein dürfte.

Inzwischen hatte der Wirt, ohne zu fragen, eine Flasche Rotwein und zwei Gläser gebracht. Der Baron goß ein. »Darf ich mir die Ehre geben, Sie zu einem Schluck Rotwein einzuladen? Ich bin auch Jäger und habe als solcher eine ausgesprochene Vorliebe für alles, was zur grünen Farbe gehört... Also auf die grüne Farbe.«

Etwas zögernd griff der Forstaufseher zum Glase und tat Bescheid. Herr von Zaleski mochte wohl das Zögern bemerkt haben, denn er lächelte. »Sie brauchen sich nicht an meiner Beschäftigung zu stoßen. Ich stehe und arbeite im Dienst einer großen völkerbefreienden Idee. Jawohl, ich treibe, wie Ihnen allen hier wohl kein Geheimnis mehr sein wird, Schmuggel, aber nicht um kleinlichen Krämergewinn.«

»Was Sie hier tun und treiben, geht mich nichts an,« erwiderte Bauschus gleichmütig, »solange Sie nicht mit unseren Gesetzen in Konflikt kommen.«

»Davor werde ich mich sehr hüten«, lachte der Baron. »Aber ich will Ihnen offen gestehen, daß ich gern Gelegenheit hätte, etwas auf die Jagd zu gehen. Man läßt doch seine Fähigkeit nicht gern einrosten. Sie haben viel Wild hier, wie ich gehört und teilweise selbst auch gesehen habe.«

»O ja... aber ob der Herr Forstmeister Ihnen Jagderlaubnis geben wird, möchte ich doch bezweifeln. Was er nicht selbst schießt, überläßt er seinen Revierbeamten, die das Wild hegen und beschützen.«

»Das Beschützen scheint nicht immer ganz leicht zu sein,« warf der Baron in spöttischem Ton ein, »ich habe wenigstens gehört, daß Ihnen ein Wilddieb aus dem bestbewachten Revier schon mehrere Rehe geholt hat.«

»Das läßt sich nicht immer verhüten und soll anderswo auch vorkommen«, erwiderte der Forstaufseher, bedächtig jedes Wort wägend; »denn wir Beamten haben noch eine Nebenbeschäftigung, die uns stark in Anspruch nimmt. Aber über kurz oder lang erwischen wir doch jeden Wilddieb, namentlich wenn wir uns etwas Mühe geben.«

»Sie sind also wohl sehr eifrig auf dem Posten?«

»Ach, das geht an. Aber eins will ich Ihnen sagen, Herr Baron. Der Wilddieb, den wir erwischen, geht nicht mehr auf seinen Füßen nach Hause. Seitdem ein Schuft unseren Kollegen Schnabel angeschossen hat, gibt es keinen Pardon. Ob von vorn oder hinten, das ist ganz egal, die Kugel bekommt er aufs Blatt.«

»Das hört sich ja schrecklich an, lieber Herr Förster.« Er hob sein Glas und stieß mit dem Grünrock an. Bauschus mußte sich innerlich Gewalt antun, um zu trinken. Er fuhr ruhiger fort: »Wenn ein Wilddieb sich in der Not zur Wehr setzt, kann man das verstehen, aber wenn einer aus dem Dickicht wie ein Meuchelmörder auf den ahnungslos gehenden Beamten schießt, dann ist das ein feiger Meuchelmörder, Herr von Zalesti.«

Er hatte lauter gesprochen, als nötig gewesen wäre, und den Baron dabei scharf angesehen.

In dessen Gesicht zuckte kein Muskel. Er nickte zustimmend. »Da gebe ich Ihnen völlig recht.« Er betonte scharf: »Das ist ein feiger, gemeiner Meuchelmord. Aber kann der Wilddieb Ihren Kollegen nicht mit einem Stück Wild verwechselt haben?«

»Nein, das ist völlig ausgeschlossen. Ein sechs Fuß langer Mann, der durch lichtes Holz schreitet, kann nicht mit einem Stück Wild verwechselt werden. Uns kann das jedenfalls nicht passieren.«

Das Stübchen hatte sich inzwischen mit Bauern gefüllt. Sie kamen, um mit dem Baron die Fuhren für die nächste Woche abzuschließen. Er wandte sich zu ihnen und verhandelte mit ihnen. Als das Geschäft abgeschlossen war, verabschiedete er sich sehr höflich von dem Grünrock und ging.

Bauschus sah ihm mit gemischten Gefühlen nach. Er war aus dem Baron nicht klug geworden. Die freimütige, energische Stellungnahme gegen den Wilderer, der Schnabel angeschossen hatte, machte ihn in seinem Verdacht irre. Die Bauern lobten ihn über den grünen Klee. Er zahlte ihnen nicht nur einen ungewöhnlich hohen Fuhrlohn, sondern bewirtete sie auch mit Wein und Zigarren. Sie wünschten bloß, daß der schöne Verdienst nicht so bald ein Ende nehmen möchte...

Wie es möglich war, die Menge schwerer Kisten über die Grenze und durch die dichte Linie der russischen Grenzwächter zu bringen, war ihnen freilich ein Rätsel. Wenn die Pascher sich einzeln mit ihren Traglasten in finsterer Nacht durch die Postenlinie schlichen, so war das zu verstehen. Aber ein ganzer Wagenzug ... Da mußte wohl sehr energisch geschmiert werden ... Aber was ging das sie an, wohin die Kisten weiterbefördert wurden?

Roman von Zaleski war langsam nach Hause gegangen. Er klopfte an die Tür des kleinen Zimmers, das seine Freundin bewohnte. Fedora lag in einem weichen Schlafrock auf dem Diwan und las... Der Boden war mit abgebrannten Zigaretten, Aschresten und Streichhölzern bedeckt. Dichter Rauch erfüllte das Zimmer. Roman ging zum Fenster und stieß es auf. »Wie kannst du es bloß in solcher Luft aushalten?«

Fedora ließ das Buch sinken und sah zu ihm auf. »Ich habe es gar nicht gemerkt... Das Buch ist so interessant.«

»Ist was Neues in meiner Abwesenheit gekommen?«

»Ja, der Leiser sitzt drüben in der Wohnstube und wartet auf dich.«

»Der Leiser? Was will der am Sonntag?«

Er ging über den Flur in die andere Stube. Ein alter Mann in schwarzseidenem Kaftan saß am Tisch. Wie ein biblischer Patriarch sah er aus; der Kopf von einem schwarzen Käppchen bedeckt, unter dem an jeder Schläfe sich drei kurze Locken hervorringelten.

»Nun, Leiser, was gibt's Neues?«

»Besser schon, wenn es gar nichts möchte geben Neues, Herr Baron, denn was Neues ist nichts Gutes.«

»Es wird doch nichts Schlimmes sein?«

»Schlimm? Das ist gar kein Wort, Herr Baron! Schrecklich, entsetzlich. In Wilna haben sie das große Lager gefunden und ausgenommen. Fünf Mann sitzen schon in der Kosa. Die anderen sind verschwunden wie der Dieb in der langen Nacht.«

Roman stampfte heftig mit dem Fuß auf. »Da soll doch gleich. Aber das kommt von dem ekelhaften Geiz. Die Pachulken muß man schmieren, daß sie sich in Alkohol baden können.«

»Mit Verlaub, Herr Baron, das hilft drüben auch nicht mehr. Da sind von Petersburg neue Herren gekommen. Alles zittert vor ihnen... Gerade diejenigen, die immer am weitesten die Hand ausgestreckt haben, sind jetzt die schlimmsten. Sie konnten uns doch wenigstens einen Wink geben: schafft die Kisten fort. Nun, dann wären sie weg gewesen. Aber nein... Zwei vollbeladene Waggons haben sie auf dem Bahnhof genommen.«

»Was nun?«

»Das wollte ich Sie fragen, Herr Baron. Ich bin schon gewesen in Königsberg und habe nach London telegraphiert: vorläufig nichts mehr schicken. Was noch unterwegs ist, muß hier liegenbleiben.«

Roman machte mit Daumen und Zeigefinger die Bewegung des Geldzahlens. »Na, und wie ist's hiermit?«

Der alte Herr zuckte vielsagend die Achseln.

»Ich kann doch hier nicht auf dem Pfropfen sitzen!« brauste Roman auf. »Ich habe noch ein paar tausend Mark liegen, aber die sind in acht Tagen alle. Es müssen noch ein halbes Schock Augen und Ohren verschmiert werden, ehe wir einen Wagenzug über die Grenze bringen können.«

»Vorläufig werden der Herr Baron nichts mehr über die Grenze schicken. Wir wissen ja noch nicht, wohin es gehen soll.« Unruhig schritt Roman in der Stube auf und ab.

»Wie sind Sie gekommen, Leiser?«

»Wie ich gekommen bin? Wie jeder ehrliche Mensch... mit dem Paß über die Kammer. Mein Fuhrwerk steht vorn im Walde.«

»Wann bekomme ich wieder von Ihnen Nachricht?«

»Wenn ich werde haben Nachricht von London, Herr Baron. Wir brauchen jetzt Geld, viel Geld, denn wir müssen doch alles aufs neue einrichten. Wir müssen neue Verbindungen anknüpfen, wo wir können die Waren lagern.«

»Das kann doch keine Ewigkeit dauern... Ich will Ihnen was sagen, Leiser. Wenn die Sache nicht in vierzehn Tagen in Ordnung gebracht ist, mache ich Schluß. Ich will hier nicht auf der Bärenhaut liegen. Ich will Geld verdienen.«

»Mir gesagt, Herr Baron... Meinen Sie, ich tue es zu meinem Vergnügen? Sie sitzen hier in Preußen in voller Sicherheit, und ich weiß an keinem Morgen, ob ich nicht am Abend schon werde sitzen im Kittchen.«

Der Geschäftsfreund war gegangen. Roman ging über den Flur und trat bei Fedora ein. »Erschrick nicht, Geliebte, in Wilna ist das Lager entdeckt.«

»Regt dich das so auf, Roman? Darauf müssen wir doch immer vorbereitet sein. Dann wird eben ein anderer Ort genommen. Aber wir haben dadurch jetzt Ferien bekommen!«

Sie sprang auf und faßte ihn um. »Wollen wir nicht die Zeit benutzen, um ein paar Tage nach Königsberg zu fahren? Oder nach Berlin? Ach ja, Roman, nach Berlin! Ich verschmachte schon nach einem Atemzug Großstadtluft... Wenn wir gleich anspannen lassen, erreichen wir noch den Nachtzug in Insterburg. Ich habe in zehn Minuten gepackt. Morgen früh in Berlin...« Wie ein Wirbelwind flog sie aus dem Zimmer.

» Que femme veut, Dieu veut«, rief Noman ihr nach, warf seine Zigarette weg und ging nach seinem Zimmer, sich für die Fahrt umzukleiden.

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