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Der Wagehals

Fritz Skowronnek: Der Wagehals - Kapitel 12
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typefiction
authorFritz Skowronnek
titleDer Wagehals
publisherEulen-Verlag, A.-G.
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12. Kapitel

Ernas Brautstand begann damit, daß ihr der Bräutigam wegflog. Noch am Abend desselben Tages flog Walter nach Königsberg, kehrte aber in der Nacht nach Dietrichswalde zurück. Er hatte das Gefühl, als wenn ihm alle weiblichen Mitglieder der Familie nicht sehr freundlich gegenüberstanden, sowohl seine zukünftige Schwiegermutter, wie ihre Schwester, Frau von Grumkow, und selbst Liesbeth. Ernas Mutter hatte ihm nach der ersten Überraschung gleich gesagt, sie erwarte von ihm, daß er nun das Fliegen aufgeben würde, und war sehr ungehalten, daß er sein Flugzeug nicht durch Herrn von Reichenbach wegschaffen ließ.

Erna und Vater Dietrich hatten sich auf seine Seite gestellt, aber die böse Meinungsverschiedenheit war doch nun einmal da. Deshalb hatte Walter mit Erna besprochen, daß er nur noch einen Tag in Dietrichswalde bleiben und dann mit ihr zu seinen Eltern fahren wolle. Der Vater wollte sie begleiten.

Die Abreise verzögerte sich jedoch um einen Tag, weil Weschkalene die Verlobten für den nächsten Abend einlud. Dadurch genossen sie noch das Vergnügen, in der Königsberger Zeitung zu lesen, daß der »kühne Flieger« infolge seines Unfalls nicht nur einen alten Freund seines Vaters wiedergefunden, sondern sich auch mit einer dem »fliegenden Zeitalter« entsprechenden Schnelligkeit eine junge, schöne Braut erobert hätte. Ernas und des Forstmeisters Aufstieg waren ausführlich mit viel Phantasie beschrieben.

Liesbeth, die sich gegen ihre Cousine und deren Verlobten auffällig kühl benommen hatte, bemerkte, als sie den Bericht ihrer Mutter vorlas: »Weißt du, Mutter? Der erste Bericht in der Zeitung hat alles verschuldet. Der ist der Erna zu Kopf gestiegen. Sie erblickte plötzlich in dem simplen Leutnant einen berühmten Helden. Und der zweite Bericht wird wohl von ihr selbst stammen.«

»Du solltest dich was schämen, Liesbeth. Der Daumlehner ist ein prächtiger Mensch, und wenn der Onkel Dietrich vernünftiger wäre, dann hätte er wohl sofort auf das Fliegen verzichtet. Was braucht er jetzt noch zu fliegen? Er nimmt seinen Abschied, lernt noch ein Jahr die Wirtschaft, dann kauft ihnen der Alte eine Klitsche, auf der er Erfahrung sammelt, bis sie mal Dietrichswalde bekommen. Ich wollte, dir käme auch so ein Freier durch die Luft geflogen. Ja, Kind, sag' mal, was hast du eigentlich mit dem Reichenbach vorgehabt?«

»Ach, Mutter, das ist ein ganz gräßlicher Mensch. Furchtbar von sich eingenommen, und einen Ton hat er an sich wie ein Schulmeister.«

»So, so? Ich dachte schon, du interessierst dich für ihn.«

»Nicht im geringsten, Mutter. Das ist schon ganz ausgeschlossen, weil er auch fliegt« ...

Das Brautpaar war mit dem Vater abgereist, die Welt ging ihren schiefen Gang weiter. Der Forstmeister hielt ihn für sehr schief, denn es war wieder ein Reh gewildert worden. Nante hatte das Gescheide gefunden. Niemand hatte den Schuß gehört, er war also wohl am Tage gefallen, als alle Grünröcke in Dietrichswalde versammelt waren.

In Makunischken war Käte Abromeit, die zukünftige Mamsell, eingerückt, um sich unter der Anleitung ihrer Tante für ihr Amt vorzubereiten. Der Hegemeister hatte schon am ersten Tage sein Urteil über sie in das Wort »luchtern« zusammengefaßt. Es bezog sich in der Hauptsache auf die hellen, lustigen Augen der Jungfrau, die jeden Menschen freundlich anlachten. Auch der Forstmeister hatte das Gefühl, als wenn er sie nicht lange behalten würde; denn schon am dritten Tage hatte sich zwischen ihr und Nante ein freundschaftliches Speisekammerverhältnis angesponnen, und wer konnte wissen, ob Nantes Ehescheu davor standhalten würde ...

Der Assessor hatte seine Berufstätigkeit mit Mooslehners Hilfe aufgenommen. Sie wanderten früh am Morgen in den Wald, wo schon der Holzmeister Grusdas mit dem Storchschnabel und einem Eimer weißer Farbe auf sie wartete. Der Assessor hatte sich seine Aufgabe viel schwerer vorgestellt. Sie bestand darin, daß er zusah, wie Grusdas mit dem verschiebbaren Storchschnabel den Durchmesser des Baumes in Brusthöhe feststellte und das Maß von dem festen Verbindungsstab ablas. Dann wurde mit einem anderen, ebenso einfachen Instrument die Höhe des Baumes abgeschätzt. Inzwischen hatte Mooslehner in dem Rechenknecht, einem kleinen Büchlein, den Kubikinhalt des Stammes festgestellt, den der Assessor in eine Tabelle eintrug. Dann kennzeichnete der Holzmeister den vermessenen Baum durch einen Klecks weißer Farbe, worauf sich der Vorgang beim nächsten Baum wiederholte.

Am nächsten Tage ging es noch fixer, weil Mooslehner die wenigen Zahlen, die bei dem gleichmäßigen Bestand in Betracht kamen, bereits auswendig wußte und die Höhe der Bäume nach dem Augenmaß abschätzte. Der Holzmeister, ein alter, verständiger Mann, legte keinen Wert auf eine längere Frühstückspause. So konnten sie dann meist schon eine Stunde vor Mittag ihr Pensum für erledigt betrachten.

Auf dem Rückwege kehrten sie regelmäßig beim Hegemeister ein. Der alte Herr hatte seine kühle Haltung gegen den Assessor aufgegeben. Er hatte ihn wohl zu Anfang falsch beurteilt. Sperling war trotz seines Reichtums ein netter, lieber Mensch, und die Förmlichkeit, mit der er sich zuerst benommen, war einer schlichten Natürlichkeit gewichen ... Daß Krummhaar den Assessor so bald in sein Herz schloß, hatte noch einen anderen Grund: er hatte an ihm einen aufmerksamen Zuhörer gefunden, der seine unglaublichen Jagdgeschichten geduldig anhörte und ehrlich bewunderte. Nur wenn Wera oder Mooslehner, die dabei saßen, ein verräterisches Lächeln nicht unterdrücken konnten, meinte Herr von Sperling: »Na, na, Herr Hegemeister, schmeckt das nicht ein bißchen nach Jägerlatein?«

Eines Morgens kam Liesbeth an der Chalupp vorbei, die sich bereits sehr zu ihrem Vorteil verändert hatte. Zwei große Möbelwagen standen vor der Tür. Ein älterer würdiger Herr und ein Diener beaufsichtigten das Abladen. Der Assessor stand am Gartenzaun, rauchte eine Zigarette und wartete auf Mooslehner. Sofort trat er auf den Weg und begrüßte sie. Nach den üblichen Phrasen und Antworten meinte Liesbeth: »Ach, Herr Assessor, das wird Sie interessieren, auf unserer Wiese steht ein einzelner Kranich. Sie brauchen hier bloß den Weg entlang zu gehen, bis da, wo er nach Weschkallen abbiegt; wenn Sie dann nach links vorsichtig bis zum Waldrand pirschen, können Sie den Kranich bequem mit der Kugel langen.«

Der Assessor hatte zwar nicht das Verlangen, einen Kranich zu schießen, aber es würde komisch ausgesehen haben, wenn er kein Interesse dafür gezeigt hätte. Er ließ sich also seine Büchse und einige Patronen bringen und stiefelte, nachdem er sich bei Liesbeth bedankt und verabschiedet hatte, los. Er brauchte sich ja nicht der Gefahr, vorbeizuschießen, auszusetzen. Wahrscheinlich war der Kranich, wenn er hinkam, über alle Berge ...

Nein, er stand ... hoch aufgerichtet. Eilig spannte der Assessor seine Büchse, strich an einen Baum an und stach. Der Schuß krachte, aber der Kranich blieb unbeweglich stehen ... Sofort lud Sperling und schoß zum zweitenmal. Diesmal geriet der Vogel in ein merkwürdiges Schwanken und fiel schließlich um. Von einer bangen Ahnung erfaßt, lief der Assessor zu seiner Beute. Der Vogel war schon einmal und vor langer Zeit erlegt, denn er war ausgestopft und von Motten zerfressen ... Einen Augenblick ärgerte sich der glückliche Schütze, bis er entdeckte, daß seine beiden Schüsse getroffen hatten. Nun konnte er auf jede Neckerei erwidern, daß er den Zustand des Vogels wohl gekannt und nur geschossen habe, um seine Fertigkeit zu erproben. Eigenhändig schleppte er den Kranich bis in die Nähe seines Hauses, wo er ihn ins Gebüsch warf.

Von wem mochte wohl die Fopperei ausgegangen sein? Wenn Erna von Degenfeld zu Hause gewesen wäre, hätte sich sein Verdacht zuerst auf sie gerichtet.

Liesbeth traute er so etwas gar nicht zu. Sie konnte in gutem Glauben gehandelt haben. Na, der betreffende Jemand würde sich wohl doch durch etwas verraten ... Mooslehner, den er ins Vertrauen zog, zuckte die Achseln. Er hatte wohl gesehen, daß Krummhaar im Morgengrauen mit dem ollen Kranich vom Hofe gegangen war, aber er hielt es nicht für nötig, das zu verraten ... Der kleine Vorfall gab aber Anlaß, daß der Assessor sich nach eingeholter Erlaubnis auf den nahegelegenen, vorzüglich eingerichteten Schießstand der Oberförsters begab und in Mooslehners Gesellschaft eine Menge Patronen verknallte ...

Als sie gerade aufhören wollten, fanden sich der Forstmeister und Krummhaar ein. Sie schossen jeder ein paar Kugeln auf den laufenden Fuchs. Auf dem Rückweg meinte der Forstmeister, er hätte die Absicht, die Grünröcke der Oberförsterei für den nächsten Sonntag, wie alle Jahre, zu einem Scheibenschießen einzuladen.

»Das trifft sich gut«, rief der Assessor aus. »Ich wollte auch für den Sonntag die Herren der Oberförsterei zu einem Abendessen und gemütlichen Trunk einladen. Wenn sich das verbinden ließe.«

»Weshalb denn nicht?« erwiderte der Hegemeister. »Wird mit Dank angenommen. Und was ich fragen wollte ... Haben Sie heute morgen an der Starrischker Grenze zweimal geschossen?«

»Ja, Herr Hegemeister! Fräulein Liesbeth erzählte mir heute morgen, als sie an meinem Palast vorbeikam, daß auf ihrer Wiese ein Kranich stände. Ich ging hin und besah mir das Ding, das so sonderbar unbeweglich stand, durch das Glas. Da sah ich denn, daß es ausgestopft war. Aber das merkwürdige Ziel reizte mich, ich schoß zweimal hin, und beide Kugeln sitzen, wie Sie sich überzeugen können.«

Der Forstmeister wußte sofort, wer der Urheber dieser Neckerei war.

»Sagen Sie mal, Krummhaar, wer hat hier einen ausgestopften Kranich?«

»Keine Ahnung, Herr Forstmeister.«

»Merkwürdig.«

Der Assessor lächelte, denn er wußte jetzt auch, wer ihm den Schabernack gespielt hatte.

Der Sonntag kam und brachte warmes, herrliches Frühlingswetter. Bald nach Mittag sammelten sich die Grünröcke auf dem Schießplatz. Da gab's eine feststehende Ringscheibe, einen laufenden Rehbock, einen Fuchs, einen schnell auftauchenden und verschwindenden Wildererkopf. Dann gab's eine laufende Hasenscheide, die nach dem Auftauchen verschwand, um erst ein ganzes Stück weiter rechts oder links für einige kurze Momente aufzutauchen. Auf dem freien Platz stand hinter einem Erdwall die Wurfmaschine für Tontauben ... Der Starrischker war mit Frau und Tochter, Weschkalene mit ihrer Nichte erschienen. Als das Schießen bereits begonnen hatte, kamen auch die Dietrichswalder mit ihrem Bräutigam. Sie waren kurz vor Mittag nach Hause gekommen ... Daumlehner hatte sich nach reiflicher Überlegung mit den beiden Vätern dazu entschlossen, seinen Abschied einzureichen, aber nicht, um alsbald die Landwirtschaft zu erlernen. Nein, ein Jahr wollte er noch fliegen. Erna sollte nicht vor Zwanzig heiraten ...

Bald knallte es auf allen Ständen. Der Assessor hatte einen prächtigen Drilling für den besten Schützen gestiftet ... Die Hausfrauen packten ihre Vorräte auf die Tische aus. Wie auf Verabredung wurde Nante Schnabel überall freundlichst eingeladen. Und sein Ehrgeiz hielt vor dieser Verlockung nicht stand. Obwohl er sehr gut und reichlich zu Mittag gegessen hatte, aß er sich von Tisch zu Tisch durch ... Dann verschwand er ... Als man ihn vermißte, meinte der Forstmeister lachend, er habe sich wohl ein stilles Plätzchen ausgesucht, um über den Dienst nachzudenken ...

Der Forstmeister beteiligte sich am Schießen, aber außer Wettbewerb. Der Assessor schoß auch einige Kugeln, nachdem er offen erklärt hatte, daß er stark außer Übung gekommen sei. Eine Kritik seiner Leistung war also ausgeschlossen ... Ein fröhliches Leben herrschte auf dem Schießplatz. Zu trinken gab es übergenug. Der Forstmeister hatte eine köstliche Maibowle angesetzt ... der Dietrichswalder eine noch viel größere. Der Starrischker hatte einige frischmilchende Kühe mitgebracht, und Frau Madeline verzapfte frischen Alaus, der aber gar nicht gefährlich war.

Als die Sonne im Westen sank, hörte das Schießen auf. Mooslehner hatte sich den Drilling errungen, der ihm mit einer herzlichen Ansprache vom Assessor überreicht wurde. Die Stimmung war nun auf dem Höhepunkt angelangt ... Krummhaar schlug vor, einen Parademarsch abzuhalten und dann in Sektionen die wenigen hundert Schritt nach Makunischken zu marschieren, wo die Wagen standen. Die Grünröcke stellten sich in Reih und Glied, die weiblichen Hilfstruppen, die durchaus mitmachen wollten, wurden auf den linken Flügel verwiesen. Der Forstmeister als Rangältester sollte das Kommando übernehmen. Er richtete ganz vorschriftsmäßig das Glied aus, verbesserte die Gewehrhaltung und kommandierte: »Bataillon marsch ...«

In demselben Augenblick fiel ein Schuß. Der Marsch stockte ... Gleich darauf fiel ein zweiter Schuß ... beide nach der Aschwöne zu. Eine Sekunde später sprang Mooslehner vor. »Das kann der Nante gewesen sein mit einem Wilddieb. Reuter, Heidenreich, Gräwing ... los ...«

Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stürmten die vier jungen Heideläufer davon. Ärgerlich rief der Assessor: »Nun müßten wir mit dem Auto hinterherfahren, und ich habe meinem Chauffeur heute Urlaub gegeben.«

»Ich kann fahren«, erwiderte Daumlehner hastig. »Kommen Sie schnell ...«

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