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Der Wagehals

Fritz Skowronnek: Der Wagehals - Kapitel 11
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typefiction
authorFritz Skowronnek
titleDer Wagehals
publisherEulen-Verlag, A.-G.
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11. Kapitel

Die Gäste schienen es für einen Scherz zu halten, den Erna angestiftet hatte. Die meisten kannten sie als einen Kobold, der keine Gelegenheit zu Neckereien vorübergehen ließ ... Das schien auch der Forstmeister zu glauben, denn er fragte jetzt über die Tafel hinüber: »Sagen Sie mal in allem Ernst, Herr Daumlehner, würden Sie wirklich einen Fahrgast mitnehmen?«

»Selbstverständlich, Herr Forstmeister, aber ohne jede Verantwortung.«

»Gut, dann nehme ich Sie beim Wort. Ich bitte Sie, morgen früh mit Ihnen aufsteigen zu dürfen.«

Die ganze Gesellschaft war starr vor Staunen. Der Starrischter rief laut zu ihm hinüber: »Mensch, Forstmeister, plagt dich der Deuwel? In deinem Alter?«

»Was hat mein Alter damit zu tun? In gewissem Sinne ja ... Ich werde es wahrscheinlich nicht mehr erleben, daß jeder Mensch wie jetzt im Auto in seinem eigenen Flugzeug spazieren fährt. Da muß ich die Gelegenheit wahrnehmen. Ich habe nicht Kind noch Kegel.«

»Der Forstmeister hat recht«, rief der Hausherr lachend. »Aber weißt du was, Walter? Ich würde die Sache nicht umsonst machen. Das muß mindestens einen blauen Lappen kosten. Ich vermiete dir meine Remontekoppel als Flugplatz, und du unternimmst täglich dreißig, vierzig Vergnügungsfahrten. Ich wette, die Weschkalene ist die zweite, die mit dir aufsteigt. Ich schicke ihr wirklich noch heute einen Boten.«

»Das ist gar kein übler Vorschlag, Ohm Dietrich«, rief Walter belustigt zu ihm hinüber. »Für Ernas Fahrt nehme ich dir natürlich nichts ab, weil sie den Anstoß dazu gegeben hat.«

»Wird angenommen ... das verrechnen wir auf die Platzmiete.«

Liesbeth von Grumkow, die neben dem Oberleutnant von Reichenbach saß, beugte sich zu ihm und flüsterte ihm zu: »Wissen Sie, weshalb der Forstmeister aufsteigen will? Weil er eine junge Witwe heiraten soll.«

»Wie darf ich das verstehen, mein gnädiges Fräulein?«

»Na, das ist doch sehr einfach. Er will sich vor ihr dicktun.«

»Der Ausdruck ist mir nicht recht geläufig, ich fühle nur ungefähr, was Sie meinen. Aber da kann ich Ihnen nicht beipflichten. Er ist, soviel ich darüber urteilen kann, ein prächtiger alter Herr, der sich eine erstaunliche Frische bewahrt hat. Ich kann es verstehen, daß er die Gelegenheit wahrnimmt, einen Flug durch die Luft zu unternehmen.«

»Dann finden Sie auch nichts dabei, daß meine Cousine Erna fliegen will?«

»Gar nichts, mein gnädiges Fräulein. Das ist ein prächtiges, tapferes Mädchen.«

Liesbeth setzte eine abweisende Miene auf. Sie hatte die Abfuhr, die ihr der Leutnant erteilt hatte, wohl gefühlt ...

Mit lächelnder Miene fuhr er fort: »Darf ich Ihnen ganz gehorsamst den Vorschlag machen, mit mir aufzusteigen? Daumlehner wird gern sein Flugzeug zur Verfügung stellen.«

»Sie können auch fliegen?«

»Aber selbstverständlich! Das ist doch kein Wunder mehr ... Ich bin der dritte Militärflieger gewesen, der sein Pilotenexamen gemacht hat. Es ist allerdings erst drei Monate her.«

»Und Sie fliegen nun öfter?«

»Nur so viel, um nicht außer Übung zu kommen ... Also nochmals, darf ich Sie morgen zu einem Flug einladen?«

»Ich danke ... ich muß wirklich danken.« Etwas leiser fügte sie hinzu: »Ich würde wohl soviel Energie aufbringen, aber meine Mutter würde sich zu Tode ängstigen. Sie haben sie ja vorhin gehört.«

»So, das war Ihre Frau Mutter ... Na ja, ich verstehe, daß Sie Aussicht auf Ihre Eltern nehmen müssen.«

Liesbeth glaubte aus dem Ton Ironie herauszuhören und ärgerte sich. »Ich habe noch einen anderen Grund, Herr von Reichenbach, den ich Ihnen nicht verschweigen will. Ich halte es für unrichtig, wenn Männer, die auch sonst etwas bedeuten, ihr Leben aufs Spiel setzen, um solch eine neue Erfindung zu erproben. Dazu gibt es doch genug Schlosserjungen.«

»Ja, Schlosserjungen gibt es genug in Deutschland,« erwiderte Reichenbach mit Nachdruck, »aber ich halte es doch für richtig, wenn wir Männer die Ehre für uns in Anspruch nehmen, an der Eroberung der Luft für die Menschheit teilnehmen zu dürfen. Das ist eine so wichtige und so ernsthafte Sache, daß man sie nicht den Schlosserjungen überlassen darf.«

Liesbeth fühlte aus dem Ton seiner Stimme, daß sie ihren Nachbar gekränkt hatte, und es gefiel ihr, daß er sich so entschieden, wenn auch in höflicher Form gegen sie wehrte. Geschickt versuchte sie nach Frauenart, den Streitpunkt auf ein anderes Gebiet hinüberzuspielen. »Wenn das solch eine Ehre ist, dann müßte die äußere Anerkennung viel größer sein. Was haben Sie denn von Ihrer Flugkunst?«

»Mein gnädiges Fräulein, es wäre sehr traurig, wenn die großen Fortschritte der Menschheit bloß von den Belohnungen abhängig wären, die sie einbringen könnten. Ich lasse mir an dem Bewußtsein genügen, daß ich meine Pflicht erfülle, ja, noch etwas darüber hinaus geleistet habe und hoffentlich auch in der Zukunft leisten werde. Denn sobald mir die Militärverwaltung ein Flugzeug zur Verfügung stellt, gedenke ich ebenso wie mein Kamerad Daumlehner weite Überlandflüge zu unternehmen.«

Liesbeth hatte den Blick zu Boden gesenkt. Sie fühlte, daß sie nicht gut abgeschnitten hatte. Der Mann mußte sie für ein kleines dummes Landmädel halten, dessen Urteil nicht über die Nasenspitze hinausging. Sie wollte noch etwas erwidern, aber es war zu spät. Die Gutsherrin hatte die Tafel aufgehoben ... Alles stand auf und schüttelte sich die Hände. Ein Skat, den der Hausherr vorschlug, fand keinen Anklang. Mit Rücksicht auf den kommenden Morgen, der für alle sehr früh beginnen sollte, begab man sich bald zur Ruhe.

Es war ein köstlich frischer Maimorgen. Eine Wolkendecke hatte die Nebelbildung verhindert. Noch vor Sonnenaufgang begannen die Wolken sich zu heben und zu zerfließen. Im ersten Morgengrauen stand Walter mit Reichenbach an seinem Flugzeug. Noch sorgfältiger als sonst untersuchte er jeden Teil ... Einige Minuten später kam der Forstmeister mit dem Assessor im Auto an.

Nach wenigen Augenblicken rief Walter von seinem Sitz herunter: »Wenn ich nun bitten darf, Herr Forstmeister ...«

Der Motor fing an zu surren, einer der Mechaniker warf den Propeller an ... Jetzt hatte er die volle Tourenzahl. Der Apparat begann auf der Erde zu laufen ... Ein wunderbares Gefühl überkam den alten Herrn, als er merkte, daß die Taube sich von der Erde gelöst hatte und schnell aufwärtsstieg. Der heftige Luftstrom, der von dem Flügelpaar ausging, benahm ihm beinahe den Atem. Er bog sich zur Seite und schaute hinunter. Da kam vom Gutshofe her die ganze Gesellschaft ... Das etwas bängliche Gefühl, das ihn einen Augenblick überschlichen hatte, war geschwunden.

Als sie nach einer Viertelstunde sanft landeten, sprang er auf und faßte Daumlehner um.

»Ich finde keine Worte, um mein Dankesgefühl auszudrücken. Das wird die schönste Erinnerung meines Lebens sein.«

Wie ein Jüngling sprang er von der Taube herunter und schüttelte die Hände, die sich ihm entgegenstreckten. In demselben Augenblick schwang sich Erna in den Sitz.

»Guten Morgen, Walter. Schnell los ... sonst macht mir die Mutter doch noch einen Strich durch die Rechnung.«

»Ich bitte Sie, Erna ... Ich möchte wirklich nicht ...« Ihre Augen blitzten ihn an.

»Wollen Sie oder wollen Sie nicht?«

»Na, denn in Gottes Namen los; aber um eins bitte ich Sie. Versuchen Sie nicht, zu mir zu sprechen. Wenn Sie ein Angstgefühl verspüren, klopfen Sie mir zweimal auf den Rücken, dann gehe ich sofort abwärts.«

Er umfing sie noch einmal mit einem Blick, der ihr das Blut in die Wangen trieb. Dann ließ er den Motor angehen, ein Kopfnicken zu dem Monteur, der den Propeller anwarf, dann begann die Taube auf der Erde zu laufen.

Mit eiserner Energie zwang Daumlehner sich zur Ruhe. Er fühlte, daß hinter ihm ein Wesen saß, das ihm lieber war als alles auf der Welt ... Er biß die Zähne aufeinander und zog das Höhensteuer. Das Hopsen und Springen hörte auf. Ein merkwürdiges Gefühl lief ihm über den Rücken, das ihm Ruhe gab ... Das konnte nichts anderes sein ... nein, wirklich, Erna fuhr ihm mit der Hand streichelnd über den Rücken.

Er hätte alle Schätze der Erde dafür gegeben, wenn er sich jetzt hätte umdrehen und ihr ins Auge sehen können ... Ein Glücksgefühl stieg in ihm auf. Gewaltsam mußte er sich zur Ruhe zwingen, um auf das Arbeiten des Motors zu horchen ... Er sah nach der Uhr ... Fünf Minuten war er bereits geflogen, jetzt war es Zeit, zu wenden. Da legten sich zwei Hände auf seine Schultern, ein heißer Mund berührte sein Ohr: »Noch nicht 'runtergehen, nein?«

Langsam bewegte er den Kopf zur Verneinung.

War es nur durch die Bewegung geschehen oder hatten ihre Lippen wirklich einen leisen Kuß auf sein Ohr gedrückt ... Blitzschnell fuhr er mit der linken Hand nach oben und umfaßte ihren Kopf. Eine Sekunde lang lag ihre glühende Wange an seiner.

»Mein Glück, mein Alles«, flüsterte er vor sich hin.

»Ruhig, ruhig, alter Junge ... Du fährst das Glück deines Lebens, deine Braut ...«

Sein Herz schlug so heftig, daß er das Tucken des Blutes in den Schläfen spürte. Ungeduldig hing sein Blick an dem Zeiger der kleinen Uhr, die vor ihm hing. Das Barometer zeigte tausend Meter an. Er wendete ... Da kam ihre Hand wieder und fuhr streichelnd über seinen Rücken ...

Langsam ging er in großem Bogen zur Erde nieder. Als er wenige Meter über der Erde, dicht bei der Gesellschaft, die ihn mit Tücherschwenken begrüßte, schwebte, zog er noch mal das Höhensteuer ... aber nur so viel, daß die Taube auf der entgegengesetzten Seite des Feldes landete.

Sie stand noch nicht ganz still, da warf er sich in seinem Sitz herum und streckte beide Arme aus.

»Erna!«

»Walter!«

Sie war aufgestanden und bog sich zu ihm ... er zog sie zu sich herunter und suchte ihren Mund, der sich leicht und gern finden ließ.

»Erna, mein tapferes, geliebtes Mädel.«

Landleute pflegen gute Augen zu haben, und auf dreihundert Meter ist es nicht zu schwer zu beobachten, daß sich zwei Menschenkinder in die Arme fallen und festhalten, als ob sie sich nie wieder loslassen wollten ... Der erste, der bei diesem Anblick die Sprache wiederfand, war der Forstmeister. »Du, Dietrich, mir scheint, da hat's eben eine kleine Verlobung gegeben ... kein Wunder ... Ich hätte ihn auch am liebsten abgeküßt, wenn es sich für mich alten Kerl geschickt hätte.« »Siehst du, Dietrich, das kommt davon«, rief Frau von Degenfeld. »Ich habe dir heute nacht genug gepredigt, aber du wolltest nicht auf mich hören! Jetzt haben wir die Bescherung.«

»Na, zum Deuwel, ja doch«, schrie Degenfeld, aber sein Gesicht strahlte förmlich. »Dann haben wir einen Schwiegersohn ... Sie werden doch nicht noch mal in die Höhe fahren?«

»Ich glaube nicht«, meinte der Forstmeister trocken. »Die haben es auf der Erde bequemer.«

Walter hatte den mit halber Kraft laufenden Motor wieder angedreht, der Propeller begann schärfer zu surren. Wie ein Auto mit Flügeln kam die Maschine über den Flugplatz angebraust. Jetzt hielt sie. Walter sprang hinab und stürmte auf den Gutsherrn zu. »Lieber Onkel ...«

»Na ja, schon gut ... Wir wissen schon alles. Wir haben die Knutschkomödie deutlich genug gesehen.«

Jetzt kam auch Erna heran und warf sich ihrem Vater an die Brust. »Wir können ja beide nichts dafür ... das kam so ganz von selbst.«

»Ohne unser Gebet«, fügte der Forstmeister lachend hinzu.

Degenfeld hatte den einen Arm um sein Kind gelegt, die andere Hand streckte er Walter entgegen. »Du Lorbaß ... na, einer mußte es ja schließlich sein. Aber daß du mir das Gissel wegholen willst ...«

»Ein schönes Gissel von achtzehn Jahren«, rief Erna, unter Tränen lachend, ließ ihren Vater los und warf sich ihrer Mutter an die Brust. »Mutter, ich habe ihn so furchtbar lieb.«

»Das brauchst du mir nicht mehr zu sagen, das habe ich schon gemerkt. Ich wußte schon, was von dem Fliegen 'rauskommen wird.«

Ein Wagen kam in schnellem Trab angefahren. Die Starrischker waren gekommen, gerade in dem Augenblick, als Erna die Mutter losließ und sich Walter an die Brust warf ... »Na, das hat aber schnell gegangen«, rief der Starrischker, der die Szene vom Vordersitz beobachtet hatte und sich bereits einen Vers daraus machen konnte ... »Guten Morgen, Herr von Reichenbach.«

»Guten Morgen, Herr von Grumkow. Würden Sie wohl gestatten, daß ich mit Ihrem Fräulein Tochter eine Fahrt unternehme?« Der Schalk lachte dem flotten jungen Mann aus den Augen ... »Ich muß leider danken«, erwiderte Liesbeth scharf. »Wenn das etwa ein Scherz sein sollte ...«

»Bitte sehr, gnädiges Fräulein. Ich habe Ihnen bereits gestern den Vorschlag gemacht.«

»Nein, nein, lassen Sie das nur«, rief der Starrischker dazwischen. »Die Tauben sind für junge Mädchen zu gefährlich.«

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