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Der Wagehals

Fritz Skowronnek: Der Wagehals - Kapitel 10
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typefiction
authorFritz Skowronnek
titleDer Wagehals
publisherEulen-Verlag, A.-G.
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10. Kapitel

Was Daumlehner befürchtet hatte, war geschehen. Ein Lehrer aus Lasdehnen hatte den »Fliegerunfall« mit schmetternden Phrasen beschrieben und den Bericht an eine Königsberger Zeitung geschickt. Er war in seiner Art ein Meisterstück, denn er schilderte den kühnen Flug des stolzen Fahrzeugs durch die Wolken, die Unerschrockenheit des heldenmütigen Fliegers, der, »ein Kind unserer Provinz«, als erster die weite Fahrt in die Ostmark unternommen hatte.

»Kaltblütig maß der kühne Mann in diesem Augenblick der höchsten Gefahr die Entfernung zur Erde. Sein forschendes Auge erkannte als einzigen Ort, der für seine Landung in Betracht kommen konnte, die Pferdekoppel des Herrn Rittergutsbesitzers Dietrich von Degenfeld auf Dietrichswalde.«

In demselben Stil ging es weiter. Sehr effektvoll war die Tatsache hervorgehoben, daß »die resolute Tochter des Herrn Rittergutsbesitzers in sehr überlegter Weise den gefährlichsten Folgen eines solchen Sturzes«, einer Gehirnerschütterung, vorgebeugt hätte, indem sie den Kopf des wie tot daliegenden Fliegers in ihren Schoß nahm und mit ihrem nassen Taschentuch kühlte. Auch der hilfreiche Doktor Glaser erhielt sein Lob, und zum Schluß wurde darauf hingewiesen, daß die kunstvolle Maschine nur einige Tage zu sehen sein würde, da »sicherem Vernehmen nach« bereits geschulte Mechaniker aus Königsberg unterwegs wären, um sie wieder in Ordnung zu bringen. Dann würde der kühne Flieger nach einigen Probefahrten seinen Weg fortsetzen.

Dieser Hinweis brachte eine Völkerwanderung nach Dietrichswalde zuwege... Walters Schmerzen schwanden schnell unter der energischen Knetbehandlung des Schäfers. Er wartete sehnsüchtig auf das Eintreffen der Mechaniker, denn es war ihm peinlich, auch nur die unschuldige Ursache dessen zu sein, was sich in diesen Tagen in Dietrichswalde, Starrischken und Makunischken zutrug... Zuerst kam Georginne Weschkalene mit ihrer Nichte und ließ sich von Daumlehner das Fahrzeug, das auf dem Hofe unter den offenen Geräteschuppen gebracht worden war, erklären. Sie schien ein unbegrenztes Vertrauen zu den Fähigkeiten des Menschengeschlechts zu haben, denn der Anblick entlockte ihr nicht das leiseste Zeichen von Verwunderung. Und als Frau Madeline sich darüber wunderte, daß ein so kleiner Motor das große Flugzeug durch die Luft treiben könnte, fertigte sie sie mit dem Sprichwort ab: »Wenn es nach der Größe ginge, finge die Kuh den Hasen.«

An diesem Tage hielt sich der Besuch Schaulustiger noch in mäßigen Grenzen, denn er kam nur aus der nächsten Umgegend. Alles gute Bekannte des Hausherrn, die vollen Anspruch darauf hatten, als Gäste aufgenommen und behandelt zu werden. Dazu gehörte natürlich auch, daß ihnen die Maschine gezeigt und erklärt wurde ...

Am nächsten Vormittag, nachdem der Bericht der Königsberger Zeitung bekannt geworden war, änderte sich das Bild. Da zog's zu Fuß, zu Roß und zu Wagen heran, und zu Mittag war der große Hof des Gutes schwarz von Menschen. Da kamen die Wartenburger Jägeroffiziere mit einer ganzen Schar von Unteroffizieren, da kamen Lehrer mit ihren Schulen ... da wurden alte Freundschaften und Beziehungen aufgefrischt, um die Gastfreundschaft in Anspruch nehmen zu können. Der Forstmeister, der Hegemeister, die Starrischker hatten das Haus voll Gäste, die nicht etwa nur ein paar Stunden, sondern so lange weilen wollten, bis Daumlehner seine Probefahrten begann. Alle Gasthäuser der näheren Umgegend waren überfüllt, ja selbst in die Instkaten der Gutstagelöhner hatten sich Menschen einquartiert.

In Dietrichswalde waren alle Räume bis unter das Dach mit Einquartierung belegt. Eine gemeinschaftliche Tafel gab's nicht mehr. Es war ein »Trampeltisch« eingerichtet, eine fliegende Tafel, die unaufhörlich mit fertigen Gerichten bestellt werden mußte. Zwei Hammel, die im Verdacht der Drehkrankheit standen, und ein Schwein fielen gleich am ersten Tage dem Massenbesuch zum Opfer. Der »kühne Flieger« kam sich vor wie ein Maikäfer, dem böse Jungen einen Faden ans Bein gebunden haben, um ihn dann langsam, aber sicher zu Tode zu quälen. Alle wollten ihn nicht nur sehen, sondern ihn sprechen, seine Hand drücken und ihm ihre Bewunderung zollen...

Das Erklären der Maschine hatten ihm Erna und der Forstmeister abgenommen, die ihm so oft zugehört hatten, daß sie vollkommen Bescheid wußten... Am peinlichsten war es Walter, daß sein Unfall die Veranlassung zu diesem Massenbesuch geworden war, der seinen Gastfreunden soviel Opfer und Arbeit auferlegte. Und Onkel Dietrich ließ sich nicht lumpen. Am Abend wurden einige riesenhafte Bowlen getrunken und einige frischmilchende Kühe leergemolken...

Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma schien ihm der Entschluß, sein Flugzeug abmontieren zu lassen. Doch darauf fiel niemand herein. Das wollten sie dann wenigstens doch auch mit ansehen, und Onkel Dietrich erklärte rund heraus: davon könnte keine Rede sein. Soviel würde Dietrichswalde noch hergeben können, um ein paar Menschen satt zu machen.

Am anderen Morgen kam endlich das Auto an, das einen Oberleutnant von Reichenbach und zwei Mechaniker aus Königsberg brachte. Gegen Abend war der Schaden ausgebessert. Sofort entschloß sich Walter, zu einem Probeflug aufzusteigen. Die Taube wurde in die Koppel gebracht, wo der mit kurzem Gras bedeckte Boden den Start gestattete. Unter dem jubelnden Geschrei der Menge stieg der »kühne Flieger« auf.

Die Maschine ging so sicher und ruhig, das Wetter war klar und still. Im Osten stand schon der Mond am Himmel... Plötzlich kam ihm der Gedanke, ohne Abschied davonzufliegen nach Königsberg. In spätestens einer Stunde konnte er in Königsberg sein ... Dann kamen ihm Bedenken. Nicht wegen des polnischen Abschieds. Den konnte er wieder gutmachen, wenn er sofort wieder mit der Bahn zurückfuhr, um sich zu verabschieden und zu bedanken. Auch die Möglichkeit, daß der Motor versagen und er im Abendgrauen wieder irgendwo zu landen gezwungen werden könnte, schreckte ihn nicht.

Nur ein unbestimmtes Gefühl war es, das ihm den Wagemut störte. Die Erinnerung an zwei blaue Augen, die ihn so oft lachend in diesen kurzen Tagen angeblickt hatten, und die sehnsüchtig traurig nach ihm ausschauen würden, wenn er seine Absicht ausführen würde. Ihm war es, als dürfte er jetzt nicht mehr so wagehalsig sein... In einem weiten Bogen kehrte er nach zehn Minuten auf die Erde zurück. Gleich darauf unternahm er in Begleitung des Oberleutnants von Reichenbach den zweiten, etwas längeren Flug.

Die Schaulust der Menge war befriedigt. Die meisten fuhren noch an demselben Abend ab. Nur ein kleiner Kreis von näheren Bekannten und Freunden blieb zur Nacht in Dietrichswalde. Erna hatte dem »kühnen Flieger«, wie sie ihn neckend zu nennen pflegte, beim Abspringen beide Hände entgegengestreckt. »Eigentlich ist es sehr waghalsig, gleich wieder so hoch und so weit zu fliegen.«

»Ich wollte noch waghalsiger sein und schon beim ersten Aufstieg mit polnischem Abschied davonfliegen nach Königsberg.«

»Da würden Sie meinen Vater schwer erzürnt haben und mich auch.«

»Ich wäre ja sofort in der Nacht mit der Bahn wieder zurückgekommen.«

»Eben deswegen.«

»Ja, wieso denn?«

»Sehr einfach... Ich will mit Ihnen morgen früh aufsteigen, das heißt, wenn Sie mich mitnehmen.«

»Haben Sie wirklich so viel Vertrauen zu meiner Kunst, gnädiges Fräulein, daß Sie den Aufstieg mit mir wagen würden?« Seine Stimme bebte vor Erregung.

Sie streckte ihm die Hand entgegen. »Ja, Herr Daumlehner...«

Eine Weile gingen sie stumm nebeneinander, dann sagte Walter mit tiefer Stimme: »Fräulein Erna, ich bin bereit, die Verantwortung zu übernehmen, aber nur, wenn Ihre Eltern einwilligen.«

»Ach... na, dann wird nichts daraus. Der Vater wäre wohl 'rumzukriegen, aber die Mutter würde vor Angst vergehen. Und ich habe es mir so reizend gedacht, wenn wir beide morgen in aller Frühe 'rausgehen. Sie einige Minuten früher, um alles noch einmal nachzusehen. Dann wollte ich kommen, schnell zu Ihnen 'raufklettern und heidi in die Höhe... Es ist doch wirklich gar nicht so gefährlich, nicht wahr?«

»Nein, Fräulein Erna, wenigstens ich habe nicht das Gefühl einer Gefahr, wenn ich hoch oben in der Luft bin. Den Motoren haftet ja noch etwas Unzuverlässiges an, denn sie müssen so leicht gebaut werden, daß der kleinste Fehler im Material ein Versagen herbeiführen kann, aber in drei, vier Jahren wird die Technik die Maschinen so weit vervollkommnet haben, daß Flüge von einem Ende Deutschlands zum anderen zu den alltäglichen Ereignissen gehören werden.«

Er hatte sich in Begeisterung geredet... auch Ernas Augen leuchteten... »Und Ihr Name wird für immer mit der Geschichte der Eroberung der Luft verknüpft sein. Das ist doch das Ziel, das Sie treibt.«

»Ja, das will ich nicht leugnen. Ich habe den Ehrgeiz, etwas zu leisten, das mich aus der Menge emporhebt, und da ich es auf andere Weise nicht schaffen kann, habe ich mich der Aviatik zugewandt. Ich will mich aber nicht besser machen, als ich bin. Mich treibt noch ein anderer, weniger idealer Beweggrund. Ich will entweder schnell Karriere machen oder Geld erwerben mit meiner Kunst. Ich weiß, daß eine Bewegung im Gange ist, den Flugsport, wie man ihn leider nennt, durch große Geldpreise schneller zu fördern als bisher. Die Franzosen haben einen großen Vorsprung vor uns, den wollen und müssen wir einholen... Ob für uns Militärflieger etwas abfallen wird, oder ob wir den bunten Rock ausziehen müssen, um an dem Goldregen teilnehmen zu können, weiß ich noch nicht.«

Erna legte ihm die Hand auf den Arm und zwang ihn dadurch, stehenzubleiben.

»Sie wollen des Königs Rock ausziehen, um Geld verdienen zu können?«

Der scharfe Ton ihrer Stimme und ihr erregtes Gesicht ließen ihm keinen Zweifel, daß sie seine Absicht sehr energisch mißbilligte.

»Gefällt Ihnen das nicht, Fräulein Erna?«

Sie wurde unter seinem fragenden Blick verlegen, denn sie fühlte, daß sie zu weit gegangen war. Im Grunde genommen war er ihr doch trotz der etwas eingerosteten Freundschaft zwischen den beiden Vätern ein Fremder, der drei Tage in ihrem Elternhause weilte. Mit einer reizend schüchternen Bewegung reichte sie ihm die Hand.

»Entschuldigen Sie, Herr Oberleutnant. Ich habe kein Recht, mich in Ihre Zukunftspläne zu mischen.«

Walter lächelte vergnügt.

»Erstens haben die Titulaturen nach dem Wunsch Ihres Vaters zwischen uns zu unterbleiben, und zweitens geb' ich Ihnen sehr gern das Recht, Ihre Meinung über meine Zukunftspläne abzugeben. Ich bin sogar gesonnen, mich danach zu richten. Deshalb möchte ich, daß Sie mich nicht falsch beurteilen, liebe Erna. Es sind sogar sehr triftige Gründe, die mir nahelegen, meine Kunst als melkende Kuh zu betrachten. Ich habe das bißchen Vermögen, das ich mal von zu Haus bekommen werde, vorweggenommen und mir dafür den Flugapparat gekauft. Er soll mir so viel Geld verdienen helfen, daß ich mir nach ein paar Jahren irgendwo eine kleine Klitsche kaufen kann. Ja, Erna, das muß ich Ihnen offen sagen, ich bin nicht aus freien Stücken Soldat geworden, sondern weil ich den Eltern nicht mit einem kostspieligen Studium zur Last liegen wollte. Vielleicht wissen Sie, was es heißt, als Leutnant sich mit einer winzigen Zulage durchringen zu müssen. Das habe ich durchgemacht ... noch dazu in einer kleinen Grenzgarnison. Ich weiß nicht, ob Sie das interessiert ...«

Sie hatte sich in seinen rechten Arm eingehakt. Jetzt sah sie mit feuchten Augen zu ihm auf.

»Ach ja, sehr ... sprechen Sie doch weiter.«

»Ich bin eigentlich schon fertig. Nun werden Sie es wohl erklärlich finden, wenn ich nicht allzuviel Liebe für meinen Beruf empfinde. Mir steckt die Liebe zur Landwirtschaft zu tief im Herzen. Eine gutgewachsene Remonte ist mir interessanter als zehn Rekruten.«

Nun lachte Erna laut auf. »Mir auch!«

»Nun, dann werden Sie hoffentlich nicht mehr ganz so schroff über meine Zukunftspläne urteilen, wie vor fünf Minuten. Und den Plan, morgen mit mir zu fliegen, wollen wir ganz still beiseite legen, nicht wahr. Sie haben mir durch Ihr Vertrauen eine große Freude bereitet, aber ...«

»Weshalb gönnen Sie mir nicht das Vergnügen?« unterbrach sie ihn lebhaft. »Sie sind doch kein Spielverderber? Das wird einen Heidenspaß geben, wenn ich heute abend erkläre, daß ich mit Ihnen fliegen will.«

Sie sollte recht behalten. Wie ein Blitz schlug es ein, als sie an der Abendtafel mit der ruhigsten Miene erklärte, sie wolle morgen ganz früh mit Daumlehner zu einem kurzen Flug aufsteigen.

»Kind, das ist doch nicht dein Ernst«, sagte die Mutter vorwurfsvoll.

»Aber weshalb nicht, liebe Mutter? Walter wird dir die Versicherung geben, daß gar keine Gefahr dabei vorhanden ist.«

»Darauf kommt es gar nicht an«, rief die Starrischker Tante dazwischen. »Das schickt sich einfach nicht für dich.«

Degenfeld, der erst jetzt hörte, worum es sich handelte, lachte laut los.

»Tinchen, möchtest du mir vielleicht erklären, weshalb es sich für meine Tochter nicht schickt, ein Weilchen in der Luft spazierenzufahren? Mädel, ist das wirklich dein Ernst?«

»Mein völliger Ernst, lieber Vater.«

»Und du willst sie mitnehmen? Na, denn in Gottes Namen. Wenn ich nicht Weib und Kind hätte ...«

»Dietrich, du bekommst es wirklich fertig, das Kind noch in seiner verrückten Idee zu bestärken? Walter, Sie müssen doch selbst sagen, daß ...«

»Was soll ich sagen, verehrteste Tante?« rief Walter, dem die Sache Spaß zu machen begann.

»Daß es ein frevelhafter Leichtsinn ist.«

»Dann bin ich ja noch viel leichtsinniger, liebe Tante. Sie brauchen sich gar nicht zu ängstigen ... in zehn Minuten sind wir wieder wohlbehalten auf der Mutter Erde.«

»Dietrich, willst du wirklich deine Einwilligung geben? Gut, dann wasche ich meine Hände in Unschuld. Du bist der Vater ...«

»Das ist wohl nicht zu bestreiten. Also, Walter, wann soll es morgen losgehen?«

Daumlehner sah zu Erna hinüber. Die schnelle Entscheidung kam ihr überraschend. Ein schelmischer Blick von Erna schien ihn aufzufordern, auf den Spaß einzugehen.

»Morgen früh, wenn wir keinen Nebel haben, mit dem ersten Sonnenstrahl.«

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