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Der Vorleser der Kaiserin

Stefan Großmann: Der Vorleser der Kaiserin - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Vorleser der Kaiserin
authorStefan Großmann
year1918
firstpub1918
publisherFritz Gurlitt
addressBerlin
titleDer Vorleser der Kaiserin
pages152
created20131013
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Tänzerin

Die Tänzerin Nadja Rowoljeff war nach dem Sommergastspiel der Anna Pawlowa in Deutschland geblieben. Auf der Düne von Helgoland entzückte ihre zartgemeißelte Figur im Juli alle Badegäste, Nadja stieg schon sehr zeitlich, gegen sechs Uhr morgens, ins Meer. Es gab natürlich Klatschmäuler, die erzählten, mit diesem Bade beschlösse sie erst die durchwachte Nacht, aber das war klägliche Verleumdung. Richtig war, daß sie sich nach dem Bade irgendwo abseits ausgestreckt – wie lang war jetzt ihr schlanker, sanft gewölbter Körper – in den Sand legte, und dort, von der Sonne beschienen, so wenig als möglich bekleidet, schlief sie bis tief in den Vormittag. An diesem Schlaf in der Frühe, dem Winde und der Sonne preisgegeben, glaubte sie als an den verläßlichen Erhalter ihrer Schönheit. Es gab junge Menschen, die das Frühaufstehen lernten, nur um Nadja in der Früh im Sande liegen zu sehen. Sie gingen mit einer gewissen Andacht an der regungslos Liegenden vorbei – 80 im Dünensand blieben die Schritte unhörbar. Zuweilen kamen ein paar dicke Frauen an ihr vorbei und redeten mit Absicht so laut, daß sie erwachen mußte. Dann hielt sie absichtlich die Augen geschlossen, um nicht zu sehen, was zu diesen ranzigen Stimmen gehörte.

Am 31. Juli polterte der Hausknecht des Hotels gegen 11 Uhr an Nadjas Tür.

»Fräulein Rowoljeff! Aufstehen! Sofort zur Polizei!«

Nadja war wütend. Erstens wegen des Hausknechts, der so roh in ihren Schlaf einbrach, dann wegen der Scherereien bei der Polizei, vor allem aber wegen des vielleicht verlorenen Sonnenbades.

Sie kroch in ihr einfaches blaues Sommerkleid, rannte zur Wachtstube, mußte zwei Stunden auf einer Holzbank in einem widerwärtig-halbdunklen Raum hocken und auf seine Hoheit, den Herrn Kommissarius warten. Ganz verzagt und stimmlos wurde sie hier im säuerlichen Schatten dieses grauschmutzigen Warteraums.

»Die Rowoljeff«, schrie plötzlich jemand aus einer aufgerissenen Tür.

Sie trat ein, gewahrte plötzlich ein lichtreiches Fenster, blieb neben einem Tisch stehen und hörte einen über Akten gebeugten Kopf halbheiser 81 herunterschnarren: »Nadjesda Rowoljeff aus Charkow in Rußland, geboren am 18. Mai 1895, angeblich Tänzerin . . . . . . Stimmt das?«

»Nicht angeblich – wirklich.«

»Das wird sich zeigen. Haben Sie Ihre Papiere bei sich?«

Sie reichte ein großes Kuvert hin, in dem ihre Dokumente waren.

Nach einer langen Pause hörte sie den Schreiber, der sie noch gar nicht angesehen und nur die Papiere durchstudiert hatte, sagen: »'s ist gut . . . . Sie bleiben hier . . . . Zelle achtunddreißig.«

Sie verstand nicht gleich und fragte arglos:

»Wie meinen Sie, bitte?«

»Verwahrungshaft!« knurrte der Beamte.

»Wie?« . . . . . . . stammelte sie »wieso? . . . . . warum?«

»Sie sind Russin. Der Krieg ist erklärt, das wissen Sie ohnehin. Auch liegt eine anonyme Anzeige gegen Sie vor!«

Krieg? Krieg mit Rußland? Eine Anzeige gegen sie? Sie hörte Worte . . . . . .

»Herr Kommissar«, sagte sie sanft, nicht weinerlich, sah ihn mit grauen, runden Augen an, fühlte den Blick des anderen zum ersten Male und hatte sogleich das Gefühl: dieser Blick entscheidet jetzt 82 über mein Schicksal. Ganz wenig wendete sie ihren Kopf zur Seite, ihr Mund verzog sich, ihre hellen Augen tauchten in seine. Später erzählte sie: »Nicht einmal damals in Moskau, als ich vor dem Großfürsten Cyrill tanzte, hatte ich meinen Willen zu Wirken so fest zusammengefaßt wie in dieser kahlen Polizeistube.«

»Sie können noch nach Hause gehen, Ihre Sachen packen, ich gebe Ihnen einen Agenten mit, Sie können Angehörige und Freunde verständigen. Aber um sechs Uhr abends müssen Sie hier sein.«

»Danke«, sagte sie befreit und gestattete sich ein ganz kleines Lächeln. Der Beamte erhob sich, wahrscheinlich, um zu zeigen, daß er ein hochgewachsener, ausgeturnter, langbeiniger Mensch war, er wurde höflich und murmelte deutlich: »Pflicht« . . . .

Als Nadja hinausging, hatte sie schon das sichere Gefühl: »Ich schlüpfe durch.« Ihre kleinen Stiefelchen knarrten, aber ihre Beine schwebten, in dem weiten Rock fast tanzend, zur Tür, und bis zum letzten Augenblick fühlte sie auf ihrem Körper den nachfolgenden Blick des Kommissars.

Um vier Uhr saßen ihre drei Freunde in der Halle des Hotels und berieten. Es war ein Regentag. Die ganze Gesellschaft des Badeorts lungerte hier herum, und alles sah und sehnte sich und lugte zu 83 Nadja hinüber. Die stand, größer und schlanker als je, am Tisch der drei Freunde und schenkte Tee ein.

Am Nebentisch lispelte Frau Geheimrat Wille ihrer Nachbarin, der Frau Regierungsbaumeister Strumpe, mit ranziger Stimme zu: »Achten Sie mal darauf, wie affektiert sie jetzt die Hände spreizt. Wie sie mit ihren schmalen Fingern kokettiert! Wie sie mit dem langen Zeigefinger den Deckel der Kanne festhält, während ihr gebogener kleiner Finger den Herren allerlei Zeichen gibt. Daß deutsche Männer in solchen Tagen bei einer russischen Tänzerin sitzen . . . . . .«

Plötzlich klirrte einer von den drei Herren, die in den Liegestühlen an Nadjas Tisch saßen, mit einem Taler wild an ein Glas.

Der Kellner ließ eine Gesellschaft im Stich und verbeugte sich ganz ergebenst vor dem Rufenden: »Herr Baron . . . .«

»Nehmen Sie dieses dringende Telegramm«, sagte der breitschultrige blonde Mann, indem er sich aufrichtete, »und geben Sie es sofort auf!«

Nadja kauerte kleinmütig in ihrem Sessel.

»Nun können Sie ganz beruhigt sein«, piepste der kleine, magere Herr an Nadjas linker Seite. »Sie brauchen, wenn Sie wollen, um sechs Uhr gar nicht 84 hinzugehen. Am Abend muß Baron Eichhorn schon die Antwort aus Berlin haben, und da wollen wir denn doch sehen, ob . . .  . . .«

»Sie, Schwarzkopf, daß mir aber nichts in die Zeitung kommt. Allerneuestes, diplomatische Intervention für russische Künstlerin oder sonst geistreicher Titel!«

Der Baron zwinkerte dem dritten, dem jugendlichen Bariton Kurtner zu, wie wenn er sagen wollte: Wir zwei, nicht wahr, wir kennen die Bande . . . . . .

Nadja sagte, die Hand ans Kinn legend, traurig: »Aber mit den Bädern ist es aus.«

»Lächerlich!« – der Baron sprach immer zuerst von den dreien – »Sie baden hier bis September, wenn Sie wollen. Im Oktober trinken wir in Berlin im Kaiserhof eine Friedensbowle oder, gemütlicher, in Ihrem Heim«

Nadja sah den Baron erstaunt – verweisend an: »Wie?«

»Nee,« sagte schnell begütigend der Journalist, »lieber im Kaiserhof, das ist weniger aufregend.«

Ein Schiff näherte sich draußen dem Steg: Zeitungen aus Berlin. Alles lief auf den Damm. Die große Halle war plötzlich leer.

85 Die drei Herren blieben in ihren Fauteuils liegen, Nadja sagte in die Leere: »Nun ist die schöne Zeit vorbei . . .« Sie weinte nicht, aber sie hatte eine verzweifelte Art, die Schultern fallen zu lassen, auch ihre Hände sanken kraftlos in den Schoß, ihre runden Augendeckel drohten zuzufallen, bis plötzlich Schwarzkopf, der Journalist, sagte: »So bitter ist das Leben nicht«, – da mußte auch Nadja lächeln.

Gerade um sechs Uhr kam das Telegramm an Baron Eichhorn, das er Nadja reichte. Sie hatte schon in Jacke, Hut und Schleier darauf gewartet, sagte kurz »Danke« und ging aufs Polizeiamt.

Der Beamte empfing sie mürrischer, als sie es erwartet hatte: »Sie haben sich um zehn Minuten verspätet«, sagte er strenge.

»Ich habe auf dieses Telegramm gewartet.«

Der Beamte nahm die Depesche entgegen, las sie aufmerksam, rieb sich das Kinn, trommelte sich auf den Mund und sagte dann langsam: »Wenn Baron Eichhorn für Sie bürgt, bleiben Sie vorläufig auf freiem Fuß, aber dann hat er morgen mittag hier zu erscheinen!«

Dabei trat der Beamte nahe an sie heran, unangenehm nahe.

»Nein,« sagte sie zurücktretend mit einiger Frechheit, 86 »der Herr Baron reist morgen früh nach Berlin und ich auch.«

»So? Sie reisen beide nach Berlin . . . . Na, viel Vergnügen!«

Sie erbebte. Sie erinnerte sich aber, daß sie mit dem Beamten allein im Zimmer war und sagte rasch, nicht ohne Ängstlichkeit: »Kann ich gehen?«

»Nein.«

Pause. Der Beamte stand noch immer hoch neben ihr.

»Wo werden Sie in Berlin wohnen?«

»Hotel Excelsior.«

Jetzt ging er endlich an seinen Tisch, schlug in seinem Heft nach und sagte: »Berliner Polizeirevier 43. Sie haben sich sofort nach Ihrer Ankunft dort zu melden! Ihre Ankunft wird avisiert. Sie können gehen.«

Er sah sie nicht einmal mehr an.

Affe, dachte Nadja hinter ihrem Schleier, du wirst mich nicht mehr sehen, es ist dein Schaden, wenn du mich jetzt nicht mehr anblickst.

Aber der Beamte lag schon über seinem Aktenbündel. Da trat sie schnell ins Freie.

Im Eisenbahnwagen fragte Kurtner, der Bariton, mit gespitztem Mund: »Ist das Hotel Excelsior nicht ein bißchen unbequem?«

87 Darauf antwortete Baron Eichhorn nachdrücklich: »Fräulein Rowoljeff sucht kein bequemes Hotel, was Sie so bequem nennen.«

An den nächsten Abenden saßen die vier beisammen, erst im Speisesaal des Excelsior, dann im Café, zuletzt in der Halle. Zwischen ein und zwei Uhr nachts, wenn der Liftjunge schon ganz verschlafen blinzelte, stieg Nadja in den Fahrstuhl und fuhr allein empor.

Drunten standen Eichhorn, Schwarzkopf und Kurtner, sahen gewissenhaft zu, wie der Fahrstuhl entschwebte und wandten sich dann zur Garderobe . . . . .

Am dritten Tag mußte Nadja frühmorgens aufs Polizeirevier 43. Sie schwebte in einer Wolke von dunkelgrüner Gaze, dunkelgrüner Seide und braunem Pelz in das Amtszimmer. Ein sehr höflicher, hurtiger, kleiner Beamter kam ihr sofort entgegen:

»Stimmt alles, Sie können auf freiem Fuß bleiben. Ich muß Sie nur bitten, allabendlich von Punkt acht Uhr an in Ihrer Wohnung zu sein. Sie werden revidiert werden.«

Nadja hatte gebeugten Hauptes neben dem niedrigen Holzgitter gestanden. Nun hob sie den Kopf und ihre Augen schauten durch den Schleier groß und glänzend in das Gesicht des Beamten.

88 »Ich danke.«

»Sie sind Tänzerin?« sagte der Beamte, an seinem Kneifer tändelnd, ziemlich sachlich.

»Ich gehöre zur Truppe der Anna Pawlowa.«

»Oh,« erwiderte der Beamte artig, »dann sind Sie in Deutschland nicht unbekannt.«

Da wagte sie einen kleinen Vorstoß:

»Ich kann doch auch die Erlaubnis bekommen, über acht auszubleiben?«

»Gewiß, später, zuweilen.«

Im Excelsiorhotel warteten schon die drei Herren.

Nadja war ganz entzückt: »Nirgends habe ich so liebenswürdige Beamte gefunden. Nicht in Philadelphia, nicht in Moskau, nicht in Paris, nicht in Bukarest, nicht in . . . . .«

»Hören Sie auf!« unterbrach Schwarzkopf. »Gott weiß, wo Sie schon überall herumgebummelt sind!«

Baron Eichhorn stand auf und fragte mit offiziellem Ernst: »Wie meinen Sie das, Herr Redakteur? Wollen Sie diese Bemerkung präzisieren?«

Schwarzkopf wurde rot, begann zu stottern: »Lächerlich . . . . man wird doch noch . . . . ich habe nur gemeint«, da platzte Nadja mit einem Lachen heraus, und der Redakteur begriff, daß der Baron ihn nur aufsitzen ließ.

89 »Ich gratuliere Ihnen, Baron,« sagte der Bariton, »Sie sollten zum Theater gehen.«

»War es denn Theater?« fragte Schwarzkopf. »Eigentlich ist es Theater, wenn er den Feudalen versteckt!«

Nadja war an diesem Abend ganz glücklich: »Heute lassen wir's uns gut gehen. Heute trinken wir so lange, bis der ganze Krieg vergessen ist.«

»Aber droben«, sagte der Bariton.

Nadja machte ein ganz erschrockenes Gesicht: »Kommen Sie doch nicht immer wieder mit diesem dummen Vorschlag!«

»Ich sag's nur wegen der Leute im Hotel. Sie sehen einen jetzt scheel an, wenn mal eine Flasche Sekt knallt.«

Der Baron stimmte diesmal dem Sänger zu: »Ja, man fällt unliebsam auf. Ich finde den Vorschlag Kurtners sehr einleuchtend.«

Nadja sah zu dem Journalisten mit bittenden Augen.

»Nein,« sagte Schwarzkopf breit, »das Gelage heben wir uns auf, bis die Verhältnisse geklärter sind.«

Sie lachten, Nadja klatschte in die Hände. Gott sei Dank, daß ihr immer einer von den dreien zu Hilfe kam . . . . . .

90 Um dreiviertel acht glitt sie im Fahrstuhl hinauf. Die drei standen ratlos unten. Der Bariton Kurtner hatte den Einfall, zu fragen: »Wollen wir noch eine Flasche Wein zusammen trinken?« Da sah ihn der Baron ganz erstaunt an . . . . Schwarzkopf antwortete gar nicht, holte kurz entschlossen seinen Mantel und brummte: »Empfehle mich allseits . . . .« Der Bariton setzte sich gähnend in ein leeres Kino.

Nadja ließ die Jalousien herunter, denn es war noch Tageslicht da, machte sich's stockfinster, drehte elektrisches Licht neben sich auf, entkleidete sich, legte sich zu Bett, las, warf das Buch weg, nahm das Hörrohr vom Fernsprecher und fragte: »Sind die Herren schon fort?« – »Jawohl, die Herren sind sofort verschwunden, als gnädiges Fräulein hinauffuhren«, sagte der Portier. Sie lag im Bett und war urwach. Sie hörte diese fremden Hotelmöbel knacken, sprang aus dem Bett, lief zu allen Schränken und Ecken, um nachzusehen, ob sich kein Dieb eingeschlichen hatte. Sie läutete dem Stubenmädchen, schämte sich, ihre Angst einzugestehen, begehrte erst kaltes Wasser, dann Tee, dann das letzte Abendblatt, dann Briefmarken, bis schließlich das Stubenmädchen unwillig wurde und, trotzdem Nadja wie wild auf den Taster drückte, nicht mehr 91 kam. Plötzlich erinnerte sie sich, daß ja der Kommissar, der sie revidieren sollte, noch nicht gekommen war. Sie warf den Schlafrock ab, verriegelte und versperrte die Tür und kleidete sich fix und fertig an. Da saß sie nun, und kein Klopfen an der Tür kam. Irgendwo knackte es und krachte wieder in dem großen leeren Zimmer. Unter ihrem Bett hatte sie noch nicht nachgesehen! Oh, wenn dort unten jemand läge! Auf den Zehenspitzen schlich sie sich zur Tür, sperrte auf und raste die Treppe hinunter. In der Halle saßen wildfremde Menschen, die sie angafften. Noch einmal fragte sie den Portier, ob nicht Redakteur Schwarzkopf zurückgekommen wäre. »Nein.«

Es hatte keinen Sinn, noch länger vor der Portierloge zu stehen. So fuhr sie wieder hinauf. Sie hatte vergessen, das Licht auszulöschen und als sie in das fremde Zimmer eintrat, in dem ein aufgewühltes Bett stand, eine Nachtlampe brannte, ein Buchrücken auf dem Teppich lag, da wußte sie, daß hier ein fremder Mensch gewesen. – Sie schloß blitzschnell wieder die Tür, lief über den endlosen schmalen Korridor, stürzte in die Kammer des Stubenmädchens und bot ihr zwanzig Mark an, wenn sie heute bei ihr schlafe. Das Stubenmädchen sagte: »Gnädiges Fräulein sind zu nervös, gnädiges 92 Fräulein sind nur gewöhnt, erst um drei oder vier Uhr schlafen zu gehen, gnädiges Fräulein könnten höchstens hier draußen bei mir bleiben, denn ich verliere meine Stelle, wenn ich nicht dableibe.« So blieb sie bis spät in der Nacht in der engen Kammer des Stubenmädchens. Sie schwatzten, tranken Wein und nur das nervöse Läuten der Hotelgäste störte fortwährend. Um zwei Uhr brachte das Stubenmädchen Nadja ins Bett.

»War der Kommissar da?« fragte Baron Eichhorn am nächsten Abend in der Halle.

»Nein. Und heute abend bleiben wir über acht zusammen.«

Schwarzkopf sagte mit einem merkwürdig kritischen Blick: »Die Nacht hat Ihnen nicht gut getan. Sie sehen müde aus.«

»Wie dreiundvierzig Jahre«, scherzte der Bariton.

Von nun an saßen sie wieder allabendlich im Hotelspeisesaal. Eines Tages kam ein Redakteur des »Vorwärts«, der einmal wegen Beleidigung des Baron Eichhorn verurteilt worden war, durch den Speisesaal und grüßte ostentativ. »Kinder,« sagte der Baron, »wir müssen auswandern. Könnten wir nicht doch bei Ihnen oben soupieren?«

»Nein«, sagte Nadja schnell.

93 Aber sie zogen lieber in die stilleren Säle des Prinzenhotels. Der Polizei fiel es nicht ein, zu revidieren.

»Schließlich«, sagte Kurtner, »revidiert der Baron genug.«

»Sie sind gemein«, sagte Nadja, plötzlich dem Weinen nahe.

Da saßen sie nun allabendlich, schwatzten, tranken, bewarben sich um Nadja, verschworen sich wider sie, verbündeten sich mit ihr, taten zueinander freundlich und wurden feindlich, je nachdem Nadja sie ansah. An einem Sonntag wurde hier im »Eden« Nadjas zwanzigster Geburtstag gefeiert. Nadja war in einem ausgeschnittenen lichtgrünen Kleid gekommen. Der Tisch war mit Blumen geschmückt. Die Herren kamen in schwarzem Rock, Jeder hatte eine Überraschung in der Tasche, bei jedem Gedeck lag eine zierliche Speisekarte, man trank Frankenwein, roten Burgunder, trockenen Sekt. Um halb zwölf Uhr fiel es Nadja ein, daß sie heute Billard spielen wollte. Man stieg zu den Billardsälen hinauf. Eben während Nadja über das Billard gebeugt lag – der rechte Fuß balancierte tänzerisch-zart in der Luft –, trat ein Schutzmann ein.

Eine rauhe Stimme sagte aus dem Halbdunkel:

»Ist hier die Rowoljeff?« Das war schon wie der feste Griff eines Polizisten!

Der Billardstock entfiel ihr.

»Sie kommen mit aufs Revier. Haben Sie Ausgangserlaubnis?«

Der Baron trat auf den Schutzmann zu: »Mein Name ist Freiherr von Eichhorn-Klettingen. Was wünschen Sie von der Dame?«

Der Schutzmann blieb unbeirrt. »Mitkommen soll se. Der Revisor hat sie nicht zu Hause gefunden. Eine Russin hat um achte schon zu Hause zu sitzen und nicht Champagner zu trinken und Billard zu spielen.«

»Ich bringe Sie in einem Auto hin«, sagte der Baron.

Nadja wollte zuerst in das Hotel, sich umkleiden.

»Ne,« erklärte der Schutzmann, »det ist jerade die richtige Toilette. Der Herr Kommissar soll sehen, wie die Russinnen hier leben.«

Nadja trat, in ihren Mantel gehüllt, ins Polizeibureau.

»Tun Sie mal den Mantel ab,« sagte der Schutzmann, »der Herr Kommissar will auch mal was Besseres sehen.«

Sie stand in ihrem schillernden ausgeschnittenen Kleid da und hielt sich an dem Holzgitter fest.

95 Der Beamte trat durch eine Nebentür ein. »Holen Sie mir den Akt Rowoljeff«, sagte er zu dem Schutzmann.

Etwas Bedrohliches lag in der Kürze der Anweisung.

»Sie unterhalten sich ja vorzüglich«, sagte der Kommissar an seinem Tisch, ohne sie anzusehen, »jeden Tag Sektgesellschaft, jeden Tag in einem anderen Restaurant, Sie wissen wohl gar nicht, daß Krieg ist, he?«

Nadja hörte weniger die Worte als das Feindselige in der Stimme. Der Beamte sah sie nun endlich an, kam näher und stand jetzt so nahe neben ihr, daß er auf ihre weißen Schultern, auf ihren Hals, auf die Biegung ihrer Brust hinuntersehen konnte.

»Schöne Sachen,« sagte er, »ich meine diese Lebensweise.«

Sie roch Bier.

»Na, sagen Sie mal, Rowoljeff, warum sind Sie denn abends nicht zu Hause? Und warum erbitten Sie nicht einmal eine Ausgangserlaubnis? . . . . He? . . . . Antworten Sie! . . . . Oder, glauben Sie, das geht bei uns so zu wie bei Ihnen, wo man dem Kommissar ein paar Rubel in die Hand drückt?«

96 Es ist ein anderer, dachte Nadja, fast ohnmächtig, das ist nicht derselbe Kommissar. Aber dann sah sie schüchtern auf und fand, daß es dasselbe Gesicht sei.

Der Kommissar bemerkte dieses suchende Schauen. Jetzt klang auch seine Stimme wieder so ähnlich wie damals beim ersten Mal:

»Warum sind Sie denn immer mit diesen Lebemännern draußen? Eine Künstlerin wie Sie!«

Sie hörte etwas Atemloses, Dringendes, Warmes in seiner Stimme, und ihr Gesicht wurde ganz ernst. Sie sah ihn an und sagte ruhig:

»Deshalb bin ich ja draußen, damit ich zu Hause Ruhe vor ihnen habe!« – –  – – – – –

Sie hörte den Beamten von seinem Tisch aus sagen: »Von nun an sind Sie von acht Uhr an zu Hause . . . . Verstanden?«

»Ja«, flüsterte sie.

Der Schutzmann kam mit dem Akt.

Der Beamte saß schon wieder an seinem Tisch, den Kopf über den Akt gebeugt, die Feder kratzte. Aus den Akten tönte eine Amtsstimme: »Wir wollen es diesmal noch hingehen lassen, aber Sie erhalten mithin eine ernste Verwarnung. Vorläufig wird Ihnen keine Ausgangserlaubnis erteilt, weil Sie 97 sich in öffentlichen Lokalen unsittlich benommen haben! Meier, geben Sie ihr den Mantel!«

Als Nadja ins Hotel kam, sagte ihr der Portier: »Fräulein, Sie sollten sich um ein Privatlogis umsehen, wir brauchen das Zimmer. Das wird Sie auch billiger kommen.«

»Ich habe Sie nicht um Rat gebeten! Das Zimmer steht morgen zu Ihrer Verfügung.«

Diese Nacht wachte, spielte, plauderte sie wieder in der Kammer des Hotelstubenmädchens.

Am nächsten Vormittag hatte sie eine kleine möblierte Wohnung gefunden.

Abends wollte sie ihre drei Freunde im Prinzenhotel treffen, aber Baron Eichhorn war verhindert, Schwarzkopf hatte in der Redaktion zu tun, der Bariton mahnte sie schon um sieben Uhr, an den Heimweg zu denken.

»Wir wollen auf Schwarzkopf warten«, bat Nadja.

Aber es wurde halb acht, der Redakteur kam nicht. Als Nadja nach Hause ging, da fragte Kurtner gar nicht erst, sondern ging mit, trat in die fremde Wohnung, sang drei hohe Töne in dem schallenden Raum und warf sich dann in einen Fauteuil. »Hier ist es ja mollig, Nadja.« Der Bariton war brillant gelaunt. Eigentlich hielt er dies alles: 98 daß Nadja in Deutschland festgehalten war, daß sie aus dem Hotel mußte, daß Baron Eichhorn gerade heute verhindert war, daß er nun da saß und sich froh auf die Schenkel schlug, das alles hielt er im Grunde nur für eine Inszenierung Gottes zu Kurtners Gunsten. Gott wollte, daß dem Bariton Franzl Kurtner das Leben schmecke!

Viele Wochen später sagte Schwarzkopf zu ihr: »Sie sind in Ihrer Wohnung ganz anders, ich glaube, Sie werden ein bißchen kleiner in Ihrer Wohnung, Ihre Stimme ist sanfter, Ihr Wesen dienend . . . . Wenn man Sie in Ihrer Wohnung sieht, sind Sie eine junge Frau.«

An diesem ersten Abend aber schlich Nadja sich mit schwerem Herzen sehr nachdenklich durch die fremden Zimmer. So gehen Bräute durch das neue Heim.

»Herrgott, was hast du denn?« Dann und wann duzte der Bariton die Tänzerin. »Komm doch her, sei nett mit mir!«

Nie hatte der Bariton so mit ihr zu reden versucht. Aber sie schwieg, sie fühlte nur: Um Gottes willen, nicht allein sein in dieser fremden Luft!

Um halb neun – gerade war der Tisch gedeckt worden – läutete es. Kurtner lief ins Vorzimmer und öffnete. Sie hörte die Stimme des 99 Polizeibeamten, der nach ihr fragte, und trat hinaus, als der Sänger ihren Namen rief.

»Sind Sie jetzt zufrieden?« sagte sie kleinlaut.

»Vorschriften!« knurrte der Beamte, während er Kurtner genau mit Polizeiaugen ansah.

»Königlicher Opernsänger Franz Kurtner«, sagte der Besichtigte ostentativ.

»Es wird der Dame nur gut tun,« sagte der Beamte halb entschuldigend, »wenn sie nachts nicht in den Lokalen sitzt.«

»Gewiß! Ganz gewiß!« Der Bariton begleitete den Kommissar zur Tür.

Nadja lag weinend auf dem Sofa, als Kurtner eintrat. Und trotzdem ihr Schluchzen den ganzen Körper durchzuckte, dachte der Bariton, während er auf den weißgedeckten Tisch, auf die glitzernden Gläser, auf die warm-gelbe Lampe einen Blick warf, immerfort nur an einen Öldruck, der an der Wand seiner Garderobe angenagelt war, mit der Aufschrift: »Enfin seul« . . . . .

Am andern Tag trat Kurtner als Lohengrin auf und sagte bei Nadja ab.

Als der Beamte um acht Uhr in ihrer Wohnung läutete, empfing ihn Baron Eichhorn zwar ohne Hemdkragen, in etwas derangierter Kleidung, aber 100 mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit: »Einen Augenblick! Fräulein Rowoljeff kleidet sich gerade um.«

Der Beamte hörte den Namen des Freiherrn und fühlte sich noch einmal zu der Bemerkung verpflichtet: »Die Vorschrift ist gerade im sittlichen Interesse der Ausländerinnen gelegen.«

Der Baron murmelte etwas Zustimmendes.

Nur Schwarzkopf war jetzt immer beschäftigt.

Einmal klingelte ihn Nadja an: »Kommen Sie doch heute abend zu uns, der Baron ist auch da.«

»Ich weiß davon,« erwiderte Schwarzkopf, »ich treffe Sie lieber auf neutralem Gebiet. Mir ist's gemütlicher, wenn's nicht so gemütlich ist.«


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