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Der Vorleser der Kaiserin

Stefan Großmann: Der Vorleser der Kaiserin - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Vorleser der Kaiserin
authorStefan Großmann
year1918
firstpub1918
publisherFritz Gurlitt
addressBerlin
titleDer Vorleser der Kaiserin
pages152
created20131013
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Reue

Wir lagen im Grase auf der Schneebergwiese und redeten über ein richtiges Sommerthema. Was jeder von uns am meisten bereut habe? Es stellte sich heraus, daß keiner von uns, obwohl wir wahrhaftig keine gewissenlose Bande waren, das Gefühl der sogenannten tiefen Reue kannte.

Der alte Doktor aus Melk an der Donau, ein rotbackiger, angenehm beleibter Herr mit weißen Seidenhaaren schob die Brille auf seinem altösterreichischen Gesicht zurecht und erzählte:

»Reue? Reue? ist das nicht eigentlich mehr eine Angelegenheit für unverheiratete Damen? So eine Art Lebensersatz? Wer wirklich gelebt hat, sagt dazu nachträglich Ja und Amen. Alles was war, hat uns wohlgetan! Die große Reue wäre eigentlich eine Undankbarkeit gegen das Vergangene. Es war schon alles ganz recht, auch wenn es nicht ganz recht war . . . . . Gott ja, Kleinigkeiten, ein Zittern in der Kurve des Erlebnisses, eine Verwirrung und Abirrung im Schwung der großen Linie, die ich erst 60 heute übersehen kann, kleine Schönheitsfehler, die man in der Erinnerung ohnehin ausradiert oder wenigstens korrigiert . . .«

Die Sommerfliegen summten um uns. Ein leiser Wind trug allen Duft der Kräuter und Blumen der Schneeberghänge zu uns.

Einige sahen ein bißchen ängstlich auf Fräulein Leisewitz, die alte Lehrerin, ob sie von den Worten des Doktors nicht gestreift oder gar getroffen war, aber das braun gebrannte kleine Fräulein biß gerade mit ihren frischweißen Zähnen beruhigend herzhaft in ein dickes Butterbrot. Nein, sie war im Augenblick nicht von Reue oder Reuegesprächen geplagt. Plötzlich sagte der alte Doktor mit einem durchfurchten Gesicht, das schon mehr Beethoven als Schubert war – die beiden Gesichter sind einander verwandter, als man gemeinhin glaubt – beinahe nur für sich selbst:

»Kleinigkeiten? Das ist auch so ein dummes Wort. Die Kleinigkeiten sind natürlich auch einmal Großigkeiten gewesen, und wenn man sich der Vergangenheit überläßt, so werden sie es auch wieder . . . . Ich habe vor 40 Jahren vor einem Menschen ausgespuckt, den ich geliebt habe, und, glauben Sie mir, wenn ich daran denke, so schäme ich mich dieses Augenblickes, als wenn er heute, als wenn er vor 61 einer Stunde gewesen wäre. Daß ich diesen Moment nicht ausradieren kann, wird mich zeitlebens wurmen . . . .

Wir waren blutjunge Studenten. Mein bester Freund im Gymnasium und in den ersten zwei Universitätsjahren, das war ein junger Mensch von solcher Schönheit, wie ich später keinen mehr gesehen habe, aber das lag vielleicht am frühen Tode dieses jungen Menschen oder vielleicht daran, daß man die leuchtendsten Eindrücke eben doch in den zwanziger Jahren bekommt. Man hat freilich auch späterhin kurze Anfälle von Zwanzigjährigkeit. Dieser junge Alkibiades, von dem wir alle auf der Universität damals glaubten, er werde der künftige Erlöser von Österreich werden – denn es kam uns unwillkürlich nur auf Österreich an – die Zustände in Europa und der übrigen Welt waren durch ein energisches Umwerfen der Grenzsteine zu ordnen – dieser strahlende Mensch, der eine Gasse von Sonnenlicht vor und hinter sich ließ, ein geborener Führer, immer einen Kopf höher als die Menge, dieser Jüngling, dem man anhing, vertraute und dienen wollte, wenn einen ein goldener Blick aus seinem schmalen Adelsgesicht traf, ja, dieser junge Gottmensch hat sich später wegen einer armseligen Chansonette erschossen. In seiner Nähe freilich war auch die Tingeltangelsängerin etwas 62 anderes, Beseeltes, ein reines Menschenkind geworden. Ich sah diese Leidenschaft wachsen und ich haßte diese, seiner nicht würdige, übrigens auch noch blutjunge Person. Es war ihr in einigen Wochen gelungen, ihn der ganzen Welt einfach wegzunehmen. Die Chansonette hatte den jungen Alkibiades vollkommen geschluckt. Plötzlich stand das junge Österreich ohne den kommenden Retter da. Unser Studentenklub, der Verein, der die Erneuerung Österreichs fest und klar beschlossen hatte, zerstob ohne den Führer. Maria, die Mutter des Jünglings, wartete fassungslos auf das Ende der Krise.

Ich war der ältere von uns beiden und in dieser langen gewitterschwülen Zeit beschloß ich endlich, den Freund zurückzuerobern. Es gelang mir, ihn zu einer Wanderung in den Alpen für eine Woche zu gewinnen. Als die anderen das hörten, wurden sie wieder zuversichtlich. Schon, daß ich ihn acht Tage lang von diesem Frauenzimmer fern halten konnte, schien der halbe Sieg.

Aber es war gar nichts. Er wanderte neben mir, aber eigentlich mit ihr. Ich hütete mich, ihren Namen zu nennen. Stundenlang gingen wir stumm über Alpenwiesen, Waldwege, durch Steingeröll, auf Kletterwegen. Damals glaubte ich an die Macht der stummen Einwirkung, von der ich übrigens auch 63 heute noch bis zu einem gewissen Grade überzeugt bin. Aber vielleicht war seine Kraft die stärkere. Jedenfalls sah auch ich damals die Chansonette in einem anderen Licht, ich sah sie als mißbrauchtes Kind, von der aller Schmutz der Welt abfiel, wenn seine Hand sie berührte, und das war unzweifelhaft auch richtig. Ich muß mich heute noch zwingen, sie mit dem Worte Chansonette abzutun, obwohl sie auch das war und wurde.

Je länger wir nebeneinander gingen, desto klarer fühlte ich meine Machtlosigkeit. Ich dachte an die Hoffnungen der anderen und hatte das beschämende Gefühl nicht nur einer Niederlage, nein, einer Blamage. Vollkommen unzugänglich war er! Alles schien hinausgeworfen aus seinem Innern, nur sie hauste darin. Mit einem Knirschen der Ohnmacht mußte ich mich fügen.

Damals tat ich das, was ich bereue, was ich heute aus meinem Leben ausradieren möchte.

Wir gingen über einen Wiesenhügel hinauf.

»Das ist keine Freundschaft« sagte ich plötzlich laut »das ist ein Im-Stiche-Lassen von uns allen. Glaube nicht, daß ich mich mit diesem schmählichen Rest abfinden kann. Du hast uns alle fortgeschmissen, als unnötigen Ballast.«

Ich wartete auf ein Wort von ihm. Er sah mich 64 an in meiner Aufregung, aber er gab mir kein einziges Wort zur Besänftigung.

Unzugänglich, dachte ich damals in knirschender Ohnmacht. Aber gleichzeitig sagte ich mir mit der unstatthaften Verwegenheit des jungen Mediziners: Jetzt hast du das Geschwür berührt, jetzt schneide! Ich weiß nicht mehr, welche Vordersätze und Begründungen ich weiter sagte, aber ich höre meine eigene Stimme noch jetzt und ich sehe ein Häufchen Spucke im kleinen Bogen auf die Erde fliegen: »Auf diesen schäbigen Rest von Freundschaft pfeife ich!«

Da sah er mich einen Augenblick lang an, und auch diesen Blick fühle ich noch heute, wenn ich davon rede, an meinem Leibe. Im nächsten Moment wußte ich, daß diese Blasphemie das Band zwischen uns zerschnitten hatte. Im Nu war ich zweitausend Meter abgestürzt. Meine Stimme drang nicht mehr zu ihm.

Wir blieben noch den Abend beisammen, wir übernachteten in einem Alpenhotel. Ein langer hölzerner Balkon war vor unserem Zimmer. Es war die sternenreichste klarste Gebirgsnacht, die ich je gesehen. Ich lag im Bette, er blieb stundenlang draußen stehen, ich sah seinen Schatten im Mondlicht. Am Morgen war er nicht mehr da.

65 Ich war damals einundzwanzig Jahre, habe also einen Berg von Entschuldigungs- und Milderungsgründen für mich. Trotzdem – – – Es ist eine Schande, jemals so falsch gesungen zu haben. Dieses Augenblickes schäme ich mich noch heute!«

Der Doktor schwieg. Es dauerte eine längere Weile, bis jemand auf der Sommerwiese wieder ein Wort zu sagen wagte.


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