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Der Vorleser der Kaiserin

Stefan Großmann: Der Vorleser der Kaiserin - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Vorleser der Kaiserin
authorStefan Großmann
year1918
firstpub1918
publisherFritz Gurlitt
addressBerlin
titleDer Vorleser der Kaiserin
pages152
created20131013
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Versperrte Aussicht

Der Verteidiger des Gabriel Prinzip, der den Erzherzog Franz Ferdinand ermordet hat, ist ein junger Advokaturskandidat, der sich nicht freiwillig zu diesem schweren Amt gemeldet hatte, sondern dazu von amtswegen bestellt worden ist. Aber einmal in diese Würde eingesetzt, befiel ihn die Leidenschaft seines Berufs, und unwillkürlich stellte sich allmählich zwischen ihm und dem Vorsitzenden des Gerichtes ein Zustand der Spannung und Gereiztheit ein, der das Merkmal eines echten Rechtskampfes ist. Um so erstaunter war der junge Anwalt, als ihn der Herr Oberlandesgerichtsrat, gleich zu Beginn der Untersuchung, noch ehe er ihn mit dem Angeklagten allein sprechen ließ, um eine Unterredung bat.

Der Verteidiger kam pünktlich auf die Sekunde ins Büro des Richters. Er ging mit sehr festen Schritten über den Korridor, und als er den gleichmäßigen Klang seiner aufhallenden Schritte hörte, da fühlte er sich durch seine eigene Festigkeit und 34 Unbeirrbarkeit gestärkt. Sein Finger klopfte kräftig und selbstbewußt an die Tür, schnell klinkte er sie auf und ging in schnurgerader Linie auf den Oberlandesgerichtsrat zu. »Guten Morgen«, sagte er kurz, »darf ich fragen, was Sie von mir wünschen, Herr Präsident?«

Der Oberlandesgerichtsrat, ein kleines, vielerfahrenes Männchen, hob sein mageres Gesicht, erstaunt über den entschiedenen Ton des jungen Mannes, sah ihn schnell über den Kneifer weg an und lud ihn dann mit einer eleganten Bewegung seiner locker sitzenden Hand ein, Platz zu nehmen.

»Natürlich«, sagte der Präsident mit vielleicht absichtlicher Gelassenheit, »möchte ich mich in Sachen des großen Prozesses mit Ihnen unterhalten. Es versteht sich, daß wir den Fall nach allen rechtlichen Normen behandeln wollen.«

»Selbstverständlich!«

»Mit welchen Gefühlen immer ich diesem Angeklagten gegenüberstehe, – – Sie wissen, der Richter kennt kein Ansehen der Person, ich werde ihn behandeln wie irgend einen Jurko oder Spiridion, auf dem Mordverdacht liegt.«

Der Verteidiger schnupperte aus diesen Worten eine günstige Möglichkeit für Gabriel Prinzip heraus und sagte nun mit beflissener Höflichkeit: »Ich habe 35 nicht einen Moment daran gezweifelt, daß der Herr Präsident sich nicht von politischen Gesichtspunkten leiten lassen.«

Der Vorsitzende murmelte nur so: »Ja, ja«, er trommelte mit mageren Fingern auf seinem Kinn, irgend etwas schien ihn noch zu beschäftigen . . . .

Der Verteidiger hätte gerne gefragt: »Was wollen Sie denn eigentlich?« Aber das wäre eine Verletzung des eben geschlossenen Waffenstillstandes gewesen und so störte er die Pause nicht.

»Warum sollte ich den Prozeß als politische Sensation aufmachen lassen? . . . Natürlich sind gewisse Zusammenhänge unbedingt zu erörtern, aber ich glaube, Sie werden meiner Meinung sein, wenn ich sage: Wir wollen doch auch versuchen, die unselige Tat aus der Psyche des Studenten zu erklären.«

Der Verteidiger strahlte: »Gewiß, gewiß.«

». . . ich bin überzeugt, daß gerade Sie, Herr Doktor, uns manches in der unbegreiflichen Seele dieses Jünglings aufhellen werden.«

Der Verteidiger errötete fast.

». . . und deshalb wollen wir lieber diese Beweggründe zu erfassen trachten, als in der Verhandlung Weltpolitik treiben. Wenn es nach mir ginge, würde ich dem Angeklagten von dem großen Krieg 36 gar nichts erzählen. Das würde ihn nur in eine Art von Betrunkenheit und Größenwahn treiben, damit ließe sich nicht gut verhandeln.«

Der Verteidiger, noch vom Lob erhitzt, stammelte nur: »Gewiß, gewiß.«

». . . es freut mich, Herr Doktor, daß wir einer Meinung sind. Dann bitte ich Sie, mit dem Angeklagten über den Krieg gar nicht zu sprechen. Wozu auch? Wenn er ruhig und sanft bleibt, wird er bei Gericht viel mehr den Eindruck eines unreifen Jungen machen.«

Der Verteidiger konnte sich über so viel Menschlichkeit noch immer nicht fassen und murmelte nur: »Gewiß, gewiß.«

Drei Monate saß Gabriel Prinzip in der Untersuchung. Seine Tat hatte den Krieg mit Serbien hervorgerufen, daran sich die Kriegserklärung Deutschlands und Österreichs und das weiterfressende Feuer des Weltkrieges schloß! Aber in die Zelle 83 des Militärgefängnisses in Serajewo drang kein Laut des großen Getöses . . . .

Im Oktober kam die Gerichtsverhandlung.

Der Verteidiger hatte sich psychiatrische Gutachten, Kenntnisse aus Lombrosos Schrift über den politischen Verbrecher und Darstellungen aller Krankheiten der Vorfahren des Gabriel Prinzip verschafft.

37 Prinzip wurde im geschlossenen Wagen, dessen Fenster mit Papier verklebt waren, zum Gerichtsgebäude gebracht. Gendarmerie hatte die Straßen von Menschen gesäubert.

Ein Schulkamerad, den keiner für einen Hochverräter hielt, hatte sich vorgenommen, dem Angeklagten eine sorgsam aufbewahrte Zeitung aus der Ferne zu zeigen, auf der in den kolossalen Lettern dieser aufgeregten Zeit der Kriegsausbruch gemeldet war. Aber die Hände der Gendarmen drängten den jungen Mann, gerade als der Zellenwagen sichtbar war, schnell von der Hauptstraße in ein verlassenes Gäßchen zurück.

Im Verhandlungssaal saß Prinzip ganz still und in sich gekehrt da. Auch dem Verteidiger gab er kaum eine Antwort. Dann und wann stierte er in den Zuschauerraum und suchte mit den Augen die Mienen der Frauen, der Richter, der zwei Berichterstatter der Amtszeitung, der sieben anderen unbekannten Menschen ab. Einen von ihnen hielt er für einen Serben und suchte ihn durch vergrößerte Augen- und Kopfbewegungen irgend etwas zu fragen.

Der Vorsitzende benahm sich gerecht und tolerant. Nur einmal, als der Verteidiger eines Mitangeklagten von dem »großen Weltbrand« reden wollte, 38 wurde er zornig und schnitt ihm schnell das Wort ab. Am dritten Verhandlungstag geschah es, daß vormittags ein großer Lärm von der Straße herauf drang. Eben waren Extrablätter über einen galizischen Sieg erschienen. Man hörte ganz deutlich eines Jungen gellende Rufe: »Extrablatt . . . Extrablatt.«

Prinzip wäre am liebsten zum Fenster gestürzt. Aber der Präsident hatte den bewachenden Soldaten schon einen Wink gegeben und gleich darauf den Gerichtsdiener hinunter geschickt, daß drunten Stille werde.

Stille umhüllte dauernd das Gerichtsgebäude. Manchmal, wenn Prinzip in der Verhandlung so ganz teilnahmslos da saß, da schien es dem Vorsitzenden, als lausche er nach innen, als horche er auf ganz etwas anderes als auf das bißchen Zeugenverhör, als lechze er nach dem Weltecho seiner Tat . . . Aber das war vielleicht nur eine Einbildung des Vorsitzenden.

Am Tage der Urteilsverkündigung hatten sich zehn verwegene serbische Studenten geschworen, an Prinzips Zellenwagen heranzukommen, die Tür aufzureißen und ihm zuzurufen: »Es ist Krieg! – Weltkrieg!« Aber die österreichische Polizei stand auf ihrem Posten. Als die Studenten eine 39 Viertelstunde im kalten Sprühregen in der Nebengasse standen, ohne dafür einen Grund angeben zu können, da wurden sie, Mann für Mann, auf die Polizeistube gebracht.

Nach Beendigung des Prozesses schrieb der Vorsitzende an das Justizministerium einen Bericht, in dem es hieß:

»Bei der Leitung des Prozesses ist es mir in erster Linie darauf angekommen, den angeklagten Mörder über die großen politischen Folgen seiner unseligen Tat im Unklaren zu halten. Diese Genugtuung sollte dem Angeklagten nicht werden! Dank den getroffenen Verfügungen hat Gabriel Prinzip von irgend einem Kriegsausbruch niemals Kenntnis erhalten.«

Bei dem Kerkermeister durfte sich Prinzip eine Gunst erbitten, denn er wurde nicht strenger als andere behandelt. Er erflehte nichts außer einer Zeitung. Man gab ihm eine sorgfältig ausgesuchte Nummer des Serajevoer Amtsblattes, aus welcher alle Kriegsberichte herausgeschnitten waren.

Die Straßen, die zum Gerichtsgebäude führten, waren menschenleer. Niemand durfte in den Gassen von Serajevo an diesem Morgen ein Fenster öffnen! Kein Gefangenenwärter durfte ein außerdienstliches Wort mit dem Studenten wechseln.

40 Am Tage nach der Verurteilung sprach der Gerichtspräsident mit dem Verteidiger. Er beglückwünschte ihn zu seiner schönen Rede.

»Es war leider ein aussichtsloser Fall,« sagte der Verteidiger.

»Aussichtslos?« Der kleine, zapplige Präsident wiederholte das Wort. »Ja, ja, das war es, es gab keine Aussicht . . .« Dann wiederholte er verbissen: »Ja, ja, die Aussicht war versperrt!«

»Herr Präsident haben ihn durchaus milde behandelt.«

»Milde? Wie man es nimmt!« Der kleine, magere Präsident sprang aus seinem großen Fauteuil heraus. »Ich habe ihm die größte Stunde seines Lebens genommen!«

Der Verteidiger verstand nicht recht . . .

Aber da hatte der Präsident schon wieder seine volle Beherrschung zurückgewonnen und sagte formell: »Ja, ja, ich hab ihn behandelt wie irgend einen Mörder.«

An die Zuchthausdirektion erging folgende Instruktion: »Der minderjährige Mörder Gabriel Prinzip ist, den gesetzlichen Vorschriften entsprechend, in Einzelhaft zu halten. Es ist insbesondere strengstens darauf zu achten, daß dem Sträfling keinerlei Mitteilung über die Vorgänge außerhalb der Strafanstalt zugeht.«

(Geschrieben im November 1914.)


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