Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Stefan Großmann >

Der Vorleser der Kaiserin

Stefan Großmann: Der Vorleser der Kaiserin - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Vorleser der Kaiserin
authorStefan Großmann
year1918
firstpub1918
publisherFritz Gurlitt
addressBerlin
titleDer Vorleser der Kaiserin
pages152
created20131013
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Schopenhauer in Venedig

Wer einmal ein Bild des jungen Arthur Schopenhauer gesehen – jawohl, auch Schopenhauer war einmal jung! – der hätte es dem Alten mit der ungeheuren Stirn und der seidenweißen Flattermähne geglaubt, wenn er seine ausgedehnten dünnen Lippen zu einem noch ausgedehnteren Lächeln verzog und brummte: »Den ganzen Liebesschwindel hab' ich mitgemacht, damals in Venedig.« Der junge Schopenhauer war nämlich ein sehr hübscher Kerl, sein leuchtendes Auge, sein rötliches Schnurrbärtchen, seine wohlgeformte Figur, das alles machte Eindruck auf die venezianischen Weiber.

Es gibt übrigens einen unverdächtigen Zeugen. Der Gymnasialprofessor Erhard Bockmeyer, Privatdozent an der Universität Göttingen, ist mit Schopenhauer und jener launischen Venezianerin zufällig im selben Postwagen (von Mailand her) gefahren, er hat zufällig mit beiden im selben Gasthof in der Calle Strozzi gewohnt.

»Mir gegenüber,« erzählte Professor Bockmeyer, 28 »war er höchst unwirsch, besonders als er hörte, daß ich Universitätslehrer bin. Gegen seine Kleine war er sehr zuvorkommend, er suchte ihr die Zeit durch allerlei Schnurren zu vertreiben, dann wieder durch Vorlesungen, besonders aus den Schriften von Lord Byron, dem er in Venedig zu begegnen hoffte.

»Leider hinkt Byron,« sagte Schopenhauer stets am Ende einer Byronhymne und brummte dazu vor sich hin: »Gott sei dank, wenigstens dies.«

»Herr Doktor Schopenhauer saß der kleinen Franzeska im Postwagen gegenüber. Er ließ keinen Blick von ihr. Er errichtete einen Käfig mit seinen Augen um sie. Wenn ich, gottbehüte, durch den wackelnden Postwagen einmal für einen Augenblick an Franzeskas Schulter gelehnt wurde, wir saßen dichtgedrängt nebeneinander, dann warf er mir einen drohenden Blick zu. Er selbst aber benahm sich in der Abendstunde« – so erzählte Professor Bockmeyer – »so närrisch verliebt, wie dies ein wahrer Philosoph nicht tun würde, jedenfalls kein Mitglied einer deutschen Fakultät. Und doch hat das alles, die Vergötterung, die Bedrohung des Nebenmenschen, die hitzige Liebkosung, das alles hat ihm nichts genutzt. Ich sah es selbst mit an, wie die kleine Franzeska sich lossagte.

29 Am Tage nach unserer Ankunft traf ich sie auf dem Markusplatz. Eben war Lord Byron vorbeigeritten, und noch standen Männer und Frauen mit vorgebeugtem Kopf an der Reitbahn, um ihm nachzusehen. Byron saß zu Pferde wie ein junger Prinz, und seine goldenen Locken flatterten im Wind.

Ich entdeckte Herrn Schopenhauer unter den Arkaden. Er drängte die kleine Franzeska zu dem Laden eines Goldarbeiters. Aber sie sträubte sich:

»Ich will Byron sehen!«

Schopenhauer sagte mit schiefem Lachen: »Er reitet ja nur, damit man nicht merkt, daß er hinkt.«

»Ich will Byron sehen!« zischte Franzeska.

Ich kümmerte mich um die beiden lieber nicht. Aber eines Tages hörte ich in der dritten Etage fürchterliches Geschrei, Weinen, Klopfen an die Tür. Ich erkannte Franzeskas Stimme.

»Denken Sie,« rief sie weinend hinter der Tür, »dieser Unmensch, der Schopenhauer, hat mich eingesperrt. Er hat in einer dummen Bibliothek zu tun. Damit ich nun den Lord Byron nicht einmal ansehen kann, hat er mich hier eingesperrt, dieser Esel!«

Sie weinte, schrie, polterte, bat um Hilfe, rief mir Liebkosungen zu, Schmeicheleien und Versprechungen, damit ich sie befreie. Ich bemerke dazu, daß 30 Franzeska überhaupt zwar ein körperlich reizendes, geistig-sittlich aber keineswegs hochstehendes Geschöpf war. Ich begreife nicht, wie ein sogenannter Philosoph sich mit ihr abgeben konnte, sei's auch nur ein Privatgelehrter . . .

Es dauerte längere Zeit, bis ich einen Schlosser auftreiben konnte. Im letzten Moment kam Herr Schopenhauer. Er riß die Tür auf, stürmte auf Franzeska zu, überhäufte sie mit Küssen und vergaß nicht nur seine Würde, sondern auch unsere Anwesenheit. Ich hustete. Da bemerkte er mich und schrie in seiner ungezogenen Art: »Hinaus mit dem Bockmist! Ich kann jetzt keinen Universitätsprofessor sehen!«

Alle diese Unartigkeiten waren vergebens.

Am Tag darauf sah ich Franzeska an der Reitbahn, wo sie mit vielen anderen Frauen auf Lord Byrons Vorbeikommen wartete. Er warf ihr eine Rose zu. Als ich abends in den Gasthof kam, hörte ich, daß Herr Schopenhauer nach Deutschland abgereist war. Er ist eben auch in Liebesdingen ein höchst unglücklicher Dilettant gewesen.«

So erzählte Professor Bockmeyer aus Göttingen. Seine Erzählung, als die eines Universitätslehrers, war allerdings nicht frei von Abneigung gegen Schopenhauer.


 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.