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Der Vorleser der Kaiserin

Stefan Großmann: Der Vorleser der Kaiserin - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Vorleser der Kaiserin
authorStefan Großmann
year1918
firstpub1918
publisherFritz Gurlitt
addressBerlin
titleDer Vorleser der Kaiserin
pages152
created20131013
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Händedruck

Väter sind entweder blind oder sie sehen dreifach scharf. Der Baumeister Clewing saß im Hintergrunde eines Ballsaales auf einer Estrade mit den anderen alten Leuten, die sich am Tanz nicht beteiligten. Die Estrade lag um drei Stufen höher als der eigentliche Tanzboden und war vollgefüllt mit den Vätern, Müttern, Onkeln, Tanten und Gardedamen der jungen Leute, die da unten nun schon bis in den frühen Morgen hinein walzten. Von Zeit zu Zeit mahnte eine schläfrige Tante zum Aufbruch, ein energischer Vater besorgte die Garderobe und legte die Überkleider vorbereitend auf einen Sessel, fest entschlossen, in der nächsten Pause seine Tochter zum Nachhausegehen zu zwingen. Aber wenn die Musik dann verstummte und die jungen Mädchen mit erhitzten Wangen und glühenden Augen erschienen und immer baten, doch noch eine Viertelstunde zuzugeben, nur gerade die letzten zwei Tänze, dann willigten die schläfrigen Tanten in ihrer willensschwachen Gutmütigkeit doch wieder ein, und 114 die Barschheit der Väter verwandelte sich in ein nachsichtig-stolzes Betrachten der elektrisierten Kinder, und so blieb man in dem überhitzten, dichtgedrängten Saale bis früh in den Morgen.

Neben dem Stadtverordneten Clewing, dem angesehensten Baumeister der Gegend, saß eine vierzigjährige Frau in einem schwarzen, ein wenig ausgeschnittenen Spitzenkleid, die erst dann älter erschien, wenn ihre zwanzigjährige Tochter neben sie trat. Neben dem glatten, weißroten, ovalen Gesicht der Tochter erschien das Antlitz der Mutter ein wenig schwammig, weißlich, der Kopf hatte dann nicht mehr die schmale Rundung der Jugend, sondern trug schon die Ausbuchtungen und Gruben der Reife. Aber in den Gesichtern beider brannte ein metallisch glühendes Auge.

Auf der Estrade war es im Augenblick etwas leerer, weil die jungen Leute drunten sich in einen tollen Walzer gestürzt hatten. »Sehen Sie Franz?« fragte der Baumeister. Beide blickten minutenlang in das Gewirr von tanzenden weißen und schwarzen, rosa und bläulichen Pünktchen.

Plötzlich sagte die Baronin: »Natürlich, dort, gerade vor der Kapelle ist Camilla. Sie tanzt natürlich wieder mit Franz.« Es lag Bedauern und Sorge im Tonfall der Mutter.

115 »Ja, sie sollten es nicht, Sie haben ganz recht, Frau Baronin.«

Dann trat wieder Schweigen ein, die beiden sahen hinunter und versuchten das Paar in dem quirlenden Durcheinander festzuhalten. Der Baumeister hatte seinen Kneifer aufgesetzt, und nun sah er mit zehnfach verschärften Augen. Er sah nicht nur die Gesichter des tanzenden Paares, er gewahrte auch ganz deutlich den festen Druck, mit dem Franz das Mädchen an der Hand festhielt, er spürte die andere Hand des Sohnes, die im weißen Handschuh und doch bebend auf Camillas Rücken lag, er sah nicht nur, er fühlte das Aneinandergepreßtsein der jungen Körper, ja er glaubte die Wärme der rosa Seide zu spüren, die sich an Franzens weiße Hemdbrust legte, er fühlte ganz genau das durchpulste Leben dieses erregten jungen Körpers und gewahrte jede Berührung der Knie der Tanzenden. Das war nicht mehr ein Sehen mit dem verschärften Glase, das war ein Sehen mit bangender Seele.

»Sie sollten aufhören«, sagte die Baronin noch bestimmter als das erstemal.

Herr Clewing besann sich, legte den Kneifer ab und sagte: »Vielleicht ist es Unrecht, daß wir so scharf hinsehen.«

Er nahm die Champagnerflasche aus dem Kübel, 116 der neben ihm stand, schenkte der Baronin ein und sagte lächelnd: »Wir wollen doch nicht die Polizisten der jungen Leute sein.«

Sie tranken einander freundlich zu, und die Baronin fühlte, daß sie etwas Verbindliches, ja sogar Begütigendes sagen müsse: »Franz ist sicher der gewissenhafteste junge Mensch unter allen Freunden von Camilla. Es ist nicht recht von mir, daß ich Angst habe, aber warum sollte ich vor Ihnen lügen? Ja, ich habe Angst. Er hat so aufgeregt gestottert, als er in der vorigen Pause hier war. Haben Sie es bemerkt? Er war nicht dazu zu bewegen, sich einen Augenblick niederzusetzen. Ist es Ihnen nicht auch aufgefallen, wie unruhig seine Hände waren? Wenn ich nicht wüßte, daß er der beherrschteste und disziplinierteste junge Mensch ist, den man sich denken kann, ich litte es nicht, daß Camilla heute noch einen Schritt weiter tanzt.«

In diesem Augenblick war der Walzer zu Ende, die Herren boten den Damen den Arm an, und man promenierte in langen Zügen über den Tanzboden.

»Sie kommen nicht einmal herauf«, sagte die Baronin traurig.

Der Baumeister war einsilbig geworden. Plötzlich sagte er: »Auf die Diszipliniertheit möchte ich mich nicht so unbedingt verlassen. Wir zwei müßten 117 uns darüber im reinen sein, ob wir dazu Ja und Amen sagen.«

Die Baronin erschrak. Sie konnte im Augenblick nichts erwidern. Sie wollte sich nicht festlegen. In ihrem Herzen stand nur ein einziger Wunsch da: Camilla noch festhalten! Sie nicht verlieren! Nicht plötzlich dadurch zur Greisin werden, daß man nicht einmal mehr eine Tochter hat. Es war ganz dasselbe furchtbare Wehgefühl wie vor zwanzig Jahren! Sie spürte, daß ihr Kind sich unter grausamen Schmerzen von ihr loslösen wollte, um ein Dasein für sich zu führen. Aber sie war gesellschaftlich geschult genug, um sich nach einigen Sekunden zusammenzuraffen und Herrn Clewing zu erwidern: »Sie überschätzen einen Händedruck während eines Walzers.«

Da wandte ihr der Baumeister sein großes, weißhaariges Gesicht zu, sah sie mit seinen runden, mächtigen Augen ganz ernst an und sagte:

»Jetzt werde ich Ihnen die Geschichte von dem Oberförster Bamberger aus dem Pitaval erzählen. Und dann sagen Sie noch. daß man einen Händedruck nicht überschätzen soll.«

Der dünne, rote Mund in dem weißlichen Gesicht der Baronin kräuselte sich zu einem schwachen Lächeln:

118 »Wenn Sie erst wieder Geschichten zu erzählen anfangen, dann ist alles gut.«

»Na, hören Sie nur,« erwiderte er, »die Geschichte dauert noch einen letzten Walzer, und dann wird unbarmherzig nach Hause gegangen. Einverstanden?«

Die Baronin konnte schon wieder ganz deutlich lächeln.

»Sie sind es, die mich ganz ernst gemacht hat, Baronin«, fing der Baumeister an. »Mit dieser Bemerkung über die Diszipliniertheit von Franz. Wissen Sie, ich habe einmal gehört, daß in Berlin die jungen Männer, bevor sie sich in die Aufregungen eines großen Balles begeben, die schandhaftesten Methoden anwenden, damit der Tanz sie nicht mehr in zu große Verwirrung bringt. Ich kann Ihnen das nicht so deutlich sagen, aber Sie würden über diese infame Vorsicht erschrecken. Nicht diese Bürschchen, die mit zweiundzwanzig Jahren die Technik der Liebe beherrschen, sind gefährdet durch einen Händedruck. Die brauchen nichts zu fürchten. Aber gerade ein disziplinierter Junge wie unser Franz« – er beugte sich ein wenig nach vorne, so daß sein schönes, weißbärtiges Gesicht der Baronin um einige Zentimeter zu nahe kam – »ich darf doch sagen, unser Franz? der kann durch so einen Abend in Verwirrung gebracht werden. 119 So ein großstädtisches Bürschchen, das gesättigt auf den Ball kommt, hat's leicht. Aber die Disziplinierten, die Selbstbeherrschten, die noch gesunden Durst haben, die können an so einem Abend das innere Gleichgewicht verlieren. Hören Sie nur die Geschichte von meinem Förster: Er war acht Jahre auf dem Gut eines Freiherrn von Zedlitz. Sein Forsthaus lag tief drinnen im Schwarzwald. Bis zum nächsten Dorf hatte er einen Weg von zweieinhalb Stunden zurückzulegen. Und manchmal wohnte er nicht einmal in dem Forsthaus, sondern in einer ganz abseits gelegenen Holzhütte, in der nichts drinnen war als ein Feldbett mit einer Decke und einem harten Kissen, ein ungehobelter Tisch, ein Sessel und ein alter Schrank. Niemals sind die Wälder des Freiherrn von Zedlitz in besserer Verfassung gewesen als in den acht Jahren, in denen sie dieser Förster verwaltete. Er war das treueste, zuverlässigste und anstelligste Wesen, das man sich denken kann. Wie eben ein Kerl wird, um den der Wald ständig herum ist. Es gab niemanden in der Gegend, der dem Förster nicht gut gewesen wäre. Ihm zu begegnen auf einem Waldwege, war für jeden eine Freude. Sein Gruß klang warm, bestimmt, klar. Im Blick seines Auges rauschte der Schwarzwald. Er sprach immer 120 mit halblauter Stimme, wie eben einsame Menschen sprechen und noch dazu einsame Waldmenschen. Wenn man ihn abends im dichtesten Dickicht plötzlich gewahrte, dann hatte man das Gefühl, der Wald hat keinen Schrecken. Der Wald war gebändigt, wenn er neben einem einherging. Nicht einmal die Weiber fürchteten sich vor Schlangen, wenn der Förster neben ihnen war.

Dieser lautere Mensch wird eines Tages zu einer Hochzeit ins Dorf geladen. Ein Tischlergehilfe heiratete die Tochter eines Kleinbauern. Sie hieß Rosalie und war ein frisches, wohlaufgeblühtes Mädel. Der Förster geht nicht nur in die Kirche, er nimmt auch an dem Essen im Bauernhof teil, ißt mit Maß, trinkt mit Maß und will nach Hause. Da bitten ihn die andern, doch dazubleiben und mitzutanzen. Es ist schon Abend, der Tanz im Dorfwirtshaus beginnt, der Förster sieht eine Weile zu, einmal taucht Rosalie neben ihm auf, während sie am Arm eines andern mit wippenden Röcken vorüberläuft. Sie wirft ihm über die Schulter einen Blick zu und sagt im Weitergehen: »Na, wollen Sie nicht einmal mit mir tanzen?«

Er tanzt mit ihr neben dreißig anderen Paaren. Es geschieht gar nichts Besonderes. Er hält ihre Hand, er drückt die Hand um ihre Taille, er spürt 121 ihre heiße, belebte Gestalt und glaubt am Ende des Tanzes einen Händedruck von ihr zu bekommen. Aber er selber hat später zugegeben, daß es gar kein so besonderer Händedruck gewesen wäre. Sondern eine Freundlichkeit, wie sie eine junge Tänzerin einem angenehmen Partner erweisen darf.

Dann sitzt er wieder allein an seinem Tisch und trinkt. Trinkt ein bißchen mehr, als er sich vorgenommen hat, bleibt aber immer selbstbeherrscht und ist nicht einen Moment angeheitert, geschweige denn besoffen. Plötzlich steht er auf, geht im Gedränge an Rosalie heran und sagt ihr leise mit der Bestimmtheit, die ihn immer ausgezeichnet hat:

»Ich muß Ihnen etwas Wichtiges sagen. Kommen Sie in einer halben Stunde ganz unbemerkt hinaus. Ich stehe auf der Landstraße.«

Er selbst schleicht aus dem Tanzsaal, nach einer halben Stunde verschwindet Rosalie aus dem Gedränge – und kommt nicht mehr zum Vorschein. Nach einer Stunde bemerkt man, daß sie weg ist. Man sucht im Wirtshaus jedes Zimmer ab, man steigt in den Keller, man leuchtet den Boden ab, man ruft im Garten nach ihr, das ganze Dorf ist wie besessen. In jedem Haus wird nachgefragt. Die Mutter klagt, weint, schreit, der Bräutigam ist leichenblaß, und niemand hat in dieser 122 Aufregung bemerkt, daß ja auch der Förster nicht mehr da ist.

Nach einigen Stunden vergeblichen Suchens sind die Leute überzeugt, daß dem Mädchen irgend ein Unglück widerfahren ist. Vielleicht ist sie in den Brunnen gestürzt. Vielleicht ist sie Zigeunern in die Hände gefallen.

Am nächsten Morgen wird die unbegreifliche Geschichte dem Freiherrn von Zedlitz gemeldet. Der verständigt sofort das nächste Gericht davon, für den nächsten Tag wird eine Kommission erwartet. Dann geschieht es mittags, daß der Kutscher des Försters sich bei dem Freiherrn meldet und ihm unter Zähneklappern gesteht, daß er mitbeteiligt sei an dem Verbrechen, das an Rosalie verübt worden ist, aber tot sei sie doch nicht, sondern sie liege in der Holzhütte des Försters.

»Des Försters?« schreit der Freiherr.

»Jawohl, des Försters!« antwortet der Kutscher.

»Er hatte mich für neun Uhr abends zum Wirtshaus hinbestellt. Ich wartete mit meinem Fuchs und mit der großen Kalesche auf ihn. Da erschien er mit einem Frauenzimmer, das ich in der Dunkelheit nicht erkannte. Ich hörte nur, wie er im strengsten Ton sagte: ›Sie müssen einsteigen, da hilft nichts!‹ Und ich sah, wie er sie in den Wagen 123 hineinbugsierte. Dann schrie er mich an: ›Jetzt fährst du im größten Galopp zur Holzhütte.‹ Ich wußte nicht, wen er mit hatte, aber ich habe während der Fahrt ganz deutlich gehört, wie sie weinte, schrie, aus dem Wagen heraus wollte, und ich habe auch gesehen, wie er mit seiner Pistole herumfuchtelte. Vor dem Holzhaus kam er mit der Pistole auf mich zu und sagte: ›Du wirst mir helfen, sie hineinzutragen, und du wirst dein Maul halten, wenn dir dein Leben lieb ist.‹ Überzeugen Sie sich selbst, ob sie noch im Holzhause liegt.«

Der Freiherr ließ sofort den Förster rufen, ohne ihm ein Wort von dem gegen ihn erhobenen Verdacht zu sagen, und befahl ihm eine angeblich dringende schriftliche Arbeit, die er bis Mittag fertigstellen müsse.

Der Förster, obwohl ihn sicher eine Ahnung überfiel, willigte pflichtgemäß ein, wie er ja immer in den acht Jahren pünktlich alles erfüllt hat, was man ihm gebot.

Inzwischen fährt der Freiherr mit dem Kutscher zu dem alten Holzhaus. Sie finden dort Rosalie bewußtlos auf dem Feldbett liegen. Sie machen ihr Umschläge, schütten ihr Wasser über den Kopf und es gelingt ihnen endlich, das Mädel zum Bewußtsein zu bringen. Aber sie ist ganz verstört, weist 124 alle Versuche, in den Wagen einzusteigen, zurück, hat nur das Gefühl, daß sie sich vor aller Welt verkriechen und vor niemandem mehr sehen lassen dürfe. Von Zeit zu Zeit fällt sie immer wieder in Ohnmacht. Schließlich packt der Freiherr mit dem Kutscher das ohnmächtige Mädchen, sie tragen sie in den Wagen und bringen sie ins Schloß.«

Die Baronin sah zu dem Baumeister auf: »Aber lieber Clewing, wozu erzählen Sie mir solche Geschichten?«

Sie hatte eigentlich ihre Überlegenheit wieder und brachte sogar ein Lächeln auf.

»Hören Sie nur zu,« sagte der Baumeister, »es ist eine ganz nützliche Geschichte. Man soll den Selbstbeherrschten nicht zu viel vertrauen. Und gerade die Zuvielbeherrschten sind die Gefährlichsten.«

Die Baronin lächelte weiter: »Keine Sentenzen! Erzählen Sie nur weiter.«

»Der Baron war empört. Er erstattete sofort die Anzeige. Der Förster wurde wegen Entführung und wegen Notzucht angeklagt. Er leugnete keinen Augenblick. Als man ihm erzählte, daß Rosalie im Lazarett liege und Gefahr für ihren geistigen Zustand bestehe, seufzte er schwer und sagte: »Das habe ich nicht gewollt.«

125 Vor dem Richter gab er eine ganz einfache Erklärung.

Er habe, als er mit Rosalie tanzte, zum erstenmal seit acht Jahren das Gefühl gehabt, diese Frau willst du haben. Das ist die richtige Frau für dich. »Ich war«, sagte er vor dem Richter, »in dem Moment verrückt nach ihr geworden, als ich sie im Tanzen berührte. Und dann hat sie mir ein kleines bißchen die Hand gedrückt. Und das habe ich in meiner Verblendung für eine Zustimmung zu allen meinen leidenschaftlichen Gedanken angesehen. Und dann saß ich allein an meinem Tisch und sagte mir: wenn ich sie nicht heute nacht noch mir nehme, ist sie für mich verloren. Ich hatte gar keine Wahl! Ich mußte sie entweder in diesem Augenblick mir nehmen oder sie fahren lassen. Und da zwang ich sie in den Wagen und brachte sie in das Holzhaus, und als meine Bitten und meine Beschwörungen nichts halfen, da mußte ich sie mit der Pistole bedrohen. Ich habe niemals einem Mädel was Unrechtes angetan. Aber es ging nicht anders. Wenn die dumme Anzeige nicht gemacht worden wäre, so hätte ich mich mit dem Tischler schon auseinandergesetzt. Das war gar keine so schwere Sache. Ich hatte vor, am nächsten Tage zum Tischler zu gehen, ihm alles frank und frei 126 herauszusagen und ihn zu fragen: Wie kann ich das an dir gut machen, ich weiß, daß ich dir was Böses zugefügt habe. Such' du dir selber aus, wie ich es gutmachen kann. Nur das eine ist selbstverständlich, die Rosalie bleibt bei mir. Die dumme Anzeige hat alles zerstört.«

Da ein Geständnis vorlag, verurteilten ihn die Richter, und zwar mußten sie ihn zu lebenslänglichem Kerker verurteilen.

»Schauderhafte Geschichte«, lächelte die Baronin.

»Na, warten Sie,« sagte der Baumeister, »das beste kommt doch jetzt erst.«

»Die Rosalie kam wieder zu sich, aber der Tischler wollte sie nicht mehr ansehen. Darüber hätte sie sich sehr kränken sollen, aber da geschah das Merkwürdige, sie entdeckte, daß es gar kein so großes Unglück war, daß der Tischler Sperenzchen machte. Am meisten aber ärgerte sich über die ganze Geschichte der Freiherr. Es wurmte ihn, daß er den Förster angezeigt hatte. Eines Tages besuchte er die Rosalie, die wieder ganz tüchtig bei ihren Eltern arbeitete. Das Mädel begegnete ihm nicht sehr freundlich.

»Habe ich dir was getan?« fragte er sie.

»Nein, nein«, antwortete sie ziemlich kurz.

»Aber du schaust mich nicht gerade freundlich an?«

127 »Sie? Soll ich Sie freundlich ansehen?« fragte das Mädel.

Da geht der Freiherr nach Hause und sagt sich: Es muß etwas geschehen. Der Förster darf nicht länger sitzen. Er fährt in die Stadt, er nimmt eine Audienz beim Fürsten, er schildert dem Fürsten, was für ein famoser Kerl der Förster acht Jahre gewesen sei. Der Fürst interessiert sich für die Geschichte. Der Freiherr stellt einen Verteidiger, und in einer langen Beratung kommen der Freiherr und der Verteidiger zu dem Entschluß, daß Rosalie für den Förster ein Begnadigungsgesuch einbringen müsse. Dann kann Bamberger freigelassen werden. Es gelingt den Freiherrn, die alten Leute dafür zu gewinnen. Er entschließt sich, mit Rosalie zu sprechen, aber die sagt kurzweg »nein«, ohne ein Wort der Begründung.

Nach acht Tagen kommt er wieder und sagt dem Mädel: ›Du bist es, die den Förster lebenslänglich im Zuchthause hält, nur du. Unterschreibe doch.‹ Da entschließt sich die Rosalie, ohne ein Wort zu sagen, das Gnadengesuch zu unterschreiben. Acht Tage darauf ist der Förster begnadigt.«

»Nun,« sagt die Baronin lächelnd, »zu Ende?«

»Ja, beinahe. Natürlich hat er sie geheiratet, und er ist der rücksichtsvollste und fürsorglichste Gatte 128 gewesen, den man sich denken kann. Rosalie hat eine Zeitlang doch eine gewisse Angst ihm gegenüber nicht los werden können. Aber das hat sich gegeben. Sie war ein gesundes Geschöpf, und schließlich ist es so weit gekommen, daß er vor ihr mehr Angst hatte wie sie vor ihm. Wie es sich eben für eine gute Ehe gehört . . .«

Jetzt sahen sie beide wieder in den Ballsaal. Der frühere Tanz war längst zu Ende, und Camilla und Franz flogen schon wieder durch den Saal.

»Mit Ihren Geschichten«, sagte die Baronin, »haben wir natürlich die Pause versäumt. Jetzt sind wir glücklich die allerletzten.«

Da kamen Franz und Camilla die paar Stufen über die Estrade herauf. Der Baumeister hatte seinen Kneifer aufgesetzt und er bemerkte ganz deutlich, daß Camilla an dem Rande der Estrade, gerade in der Ecke, in der sie sich unbeobachtet wähnte, Franzens Hand fest gedrückt hatte. Auch die Baronin hatte es, den Blicken des Baumeisters folgend, wahrgenommen.

»An einem Händedruck«, sagte der Baumeister, »ist gar nichts gelegen. Wenn man nur weiß, wozu er verpflichtet.«

Als die jungen Leute vor dem Tisch der Alten anlangten, da war ihr Schicksal beschlossen.


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