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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 9
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
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Achtes Kapitel.

In wenigen Monaten war Lornsen in der deutschen Kanzlei als einer der fähigsten Arbeiter bekannt. Sein ernstes Wesen, sein gediegenes Wissen, die Schärfe seiner Urteile, sein strenges Rechtsgefühl und sein freimütiges und festes Vertreten seiner Ansichten empfahlen ihn seinen Vorgesetzten, unter denen sich viele rechtschaffene Männer befanden. Mit seinen Überzeugungen über die Rechte seines Vaterlandes brauchte er keine besondere Vorsicht zu üben, denn die allermeisten Mitglieder der deutschen Kanzlei dachten darüber ebenso wie er selbst. Aber Lornsen hatte sich von Heinrich Hilgens Lebensregeln die gemerkt, nach welcher, wo reden nichts helfen kann, Schweigen eine Tugend sei. Er haßte den Absolutismus aus tiefster Seele, mußte sich aber doch eingestehen, daß der alte König Friedrich der Sechste zu den ehrlichen Fürsten gehörte, die, persönlich wohlwollend und menschenfreundlich, kein gewöhnliches Unrecht dulden mögen, wenn nicht etwa die Staatspolitik dabei ins Spiel kommt.

Das ausgesogene Dänemark, der Staatsbankerott, die Schulden, die Klagen des Volkes über schwere Lasten und die noch größeren Klagen der Herzogtümer über das, was vorzugsweise auf ihre Schultern gepackt worden war, zeugten ebenso laut gegen die heillose Finanzwirtschaft, wie gegen die Politik des Königs und seiner Ratgeber. Es gab Männer genug unter den Dänen, die im höchsten Grade unzufrieden mit allem, was das Land erduldet hatte, neidisch nach Norwegen hinüberblickten und immer noch auf eine zukünftige Wiedervereinigung hofften, wenn Dänemark die Sympathien durch eine freie Verfassung gewinnen könnte.

Daß der Absolutismus des alten Königs sich an die Beispiele klammerte, welche Deutschland und Rußland gaben, daß diese Regierung nichts hören wollte von Grundgesetzen und Volksrechten, daß nicht einmal eine Finanzübersicht zu erlangen war, regte den Unmut bitter auf. Das alte tyrannische Königsgesetz von 1660 bestand noch. Es gab keine Rechenschaft, keinen Einblick in den Staatshaushalt, keinen Schutz gegen die Willkür; nur der Wille des Königs bestimmte, ob Gutes oder Böses geschehen sollte, aber bei alledem war der Unmut der denkenden Köpfe doch immer nur auf einen kleinen Kreis beschränkt.

»Kopenhagen ist der Magen Dänemarks,« sagte Baron Hammersteen zu Lornsen, »wird der gehörig satt gemacht und instandgehalten, so hat es mit dem ganzen Körper nichts auf sich. Wir haben glücklicherweise nur die eine bedeutende Stadt, der Geist der Unzufriedenheit kann sich nirgendwo entwickeln; Kopenhagen aber hängt fest mit Hof und König zusammen, es ist eine Residenz, die von beiden lebt. Es wird viel ausgegeben, alle Steuern fließen hierher. Der Adel, die Beamten, die Soldaten, das ganze Getriebe der Regierung ist auf diesen einen Punkt zusammengedrängt. Eine Stadt, die nicht Hauptstadt im wahren Sinne ist, deren Reichtum und Wohlleben nicht aus anderen Quellen fließt, in deren Mauern nicht durch Handel und Industrie sich eine Gegenmacht entwickeln kann, ist keine Hauptstadt, aus der uns Gefahr drohen könnte. Die Menschen hier sind eitel auf allerlei Narrenspossen, sie sind vergnügungssüchtig und verschwenderisch, sie leben von dem, was das Königtum ihnen zuwirft. Lassen wir darum die unzufriedenen Köpfe schwatzen, was ihnen beliebt; im Grunde sind sie doch sämtlich gute und treue Unterthanen, die ihren König lieben, die Kopenhagen für die erste Stadt der Welt und sich für das auserwählte Volk halten.«

Er lachte belustigt, indem er seine goldene Dose durch die Finger rollen ließ. »Sie machen ein ernsthaftes Gesicht,« sagte er dann, »obwohl Sie nun seit Monaten hier leben und sogar dänisch gelernt haben. Es geht ziemlich gut damit, auch sprechen meine Freunde mit vieler Anerkennung von Ihnen und Ihren vortrefflichen Eigenschaften. Ich kann Ihnen sagen, lieber Lornsen, daß Sie Aufmerksamkeit erregen und meine Empfehlung mir Dank eingebracht hat. Nur immer vorwärts. Wenn man in der bureaukratischen Gliederung Aufmerksamkeit erregt, hat man gewonnen. Ich prophezeie Ihnen, Sie werden rasch weiter kommen, benutzen Sie alle Wege.«

»Doch nur die geraden,« sagte Lornsen.

»O Thorheit!« antwortete der Baron. »Für den Staatsmann ist es so ziemlich einerlei, auf welchem Wege er nach Rom kommt. Das Ziel, Herr Lornsen, das Ziel ist die Hauptsache. Und haben Sie schon darüber nachgedacht, welches Ziel Sie denn eigentlich hier verfolgen?«

Er sah ihn mit seinen scharfen grauen Augen so forschend an, daß Lornsen errötete. »Ich glaube,« erwiderte Jens, »daß mein bestimmtes Ziel wohl nur das Erreichbare sein kann.«

»Der ist ein schlechter Soldat, der nicht General zu werden denkt,« rief Hammersteen. »Ehrgeiz ist die große Triebfeder in den monarchischen Staaten, darin ruht die Treue ihrer Diener und das Mittel zu ihrer Belohnung bis zur Sättigung. Sich über die Menge zu erheben, Einfluß und Macht zu gewinnen und der Erde Glück und Genüsse teilhaft zu werden, ist die Aufgabe für den Mann von Verstand und Geist.«

»Ich will Ihnen etwas sagen, lieber Lornsen,« fuhr er fort, nachdem er bedächtig eine große Prise genommen hatte, »Sie sind zur guten Stunde hierher gekommen. Man will Ihnen wohl aus mehr als einem Grunde. Erstens, doch das ist Nebensache, habe ich Sie empfohlen und thue es jederzeit; zweitens sind Ihre Kenntnisse und Ihr Fleiß der Beachtung wert; drittens aber sind Sie aus Schleswig, das ist das Beste.«

»Ich sollte nicht meinen, daß mir dies zur besonderen Empfehlung gereichte,« sagte Lornsen lächelnd.

»Fassen Sie es nur richtig auf,« erwiderte Hammersteen. »Sie sind freilich nicht von Adel, was unter unseren Verhältnissen sehr zu bedauern ist, aber Sie gehören doch einer altfriesischen Landesfamilie an, und da die Friesen einmal die sonderbare Narrheit hatten, keinen ausgesprochenen Adel unter sich zu dulden, ersetzt eben das alte Familienwesen dies fehlende Element. Man nimmt Sie hier daher als adlig und Sie wissen ja selbst, daß mit jedem Offizierspatent und jeder höheren Beamtenstellung der dänische persönliche Adel sich von selbst verbindet.«

»Ich weiß es, ohne mich daran erfreuen zu können,« erwiderte Jens.

»Das macht Ihr friesisches Blut,« lachte der Baron, »aber Ehren und Standesvorzüge sind notwendig zum Wohle der Menschheit.«

»Ich würde mit Napoleon sagen, daß es Kinderklappern sind.«

»Nun gut,« rief Hammersteen, »mögen es denn Kinderklappern sein, aber wie viele Kinder giebt es? So viele als Völker sind. Man macht die Kinder damit stolz und folgsam, das ist das Beste. Niemand hat dies so verstanden als der satanische Korse selbst. Sie sind auf den Inseln wohlbekannt, Ihre Familie ist geachtet, im ganzen Herzogtum haben Sie Freunde; von der Universität her begleitet Sie der Ruf eines kühnen und thatkräftigen jungen Mannes. Glauben Sie, daß man dies nicht weiß?

Machen Sie sich selbst alle Folgerungen,« fuhr er dann fort, »doch so viel ist gewiß, daß die Weisheit unserer väterlichen Regierung es nicht übersieht, wie wichtig es ist, talentvolle Männer aus den Herzogtümern zu Ehren und in Stellungen zu bringen, wo sie dem gemeinsamen Vaterlande versöhnend nützen können.«

»Das heißt dem Regierungssystem, wie es ist,« sagte Lornsen stolz.

»Mein junger Freund,« rief Hammersteen, »nichts ist seltsamer, als wenn ein Mann von Geist die Welt so haben will, wie er sie sich denkt. Den Verhältnissen Rechnung tragen, sich ihnen anpassen, sich eine Stellung geben, wo es möglich wird, einzugreifen, um Gutes zu stiften, entweder sich selbst, oder nach Umständen für alle, das ist die Aufgabe.

Hier liegt der Weg Ihnen dazu offen. Macht, Herr Lornsen, Macht, das ist die Sache. Schaffen Sie sich diese, wo nicht, so bleibt nichts übrig als in Dunkelheit zu sterben.«

»Macht kann in verschiedenen Wegen erreicht werden?« erwiderte Jens.

»O! ich verstehe,« lachte der alte Herr. »Unsere Volksbeglücker suchen sie auf der anderen Seite, bei der großen Masse. Man macht sich beliebt, man schreit und schreibt, man wird in den Ständesaal gewählt, glänzt als Führer der Opposition, bringt die Regierung in Verlegenheit, reizt auf und reißt fort, stürzt die alte Herrschaft endlich und steigt in den Sattel. Noch sind wir aber nicht so weit, lieber Lornsen, und werden so bald, Gott sei Dank, auch nicht dahin kommen. Aber was hat es denen genützt, die von dem Ungeheuer, Volksgunst genannt, sich tragen ließen? Was hat es selbst den glücklichsten Usurpatoren genützt, die ihre rechtmäßigen Herren beraubten? Schmach, Kerker, Armut, Verfolgung und Unglück sind ihr gerechter Lohn geworden.

Völker sind ewig undankbar, dankbar sind nur die Fürsten. Sie sind jung, Lornsen, Sie sind weder durch Geburt, noch durch Besitz besonders bevorzugt, es giebt also vieles, was sie erwerben können. Das Leben ist ein Rechenexempel, dessen Schluß, wie Weise und Narren gleichmäßig behaupten, jedenfalls der Tod ist. Aber was dazwischen liegt, die Ausfüllung des Raumes mit gültigen Zahlen oder Nullen, darauf kommt es an. Sie haben alles in Ihrer Hand. Sie sind voll Kraft und Kühnheit, ich freue mich daran; sind ein Mann, der den Augen gefällt, der den Weibern Herzweh macht; bedenken Sie auch diese Seite, mein junger Freund. Eine vorteilhafte Partie, die in ein Gewebe wichtiger Familienverbindungen führt, das giebt Stützen für einen Staatsmann. Hätte Struensee, statt einen albernen Liebesroman mit der Königin aufzuführen, Holks oder Rantzaus Tochter oder Schwester geheiratet, er würde weder Hand noch Kopf auf den Block des Henkers gelegt haben. Doch ich sehe es Ihnen an,« rief er lachend, »Sie glauben noch an das selige Gefühl der Liebe, das Ihnen mehr gilt in seiner Unmittelbarkeit, als alle Verstandeswahl.«

»Wenn diese nur dem Ehrgeiz oder Eigennutz dienen soll, habe ich allerdings keine Anerkennung dafür,« erwiderte Jens.

»Nun, das ist ein Kapitel, woran für jetzt auch nicht von Ihnen gearbeitet werden kann,« sagte Hammersteen. »Gehen Sie zu Lina hinunter, lieber Lornsen, Sie werden gewiß erwartet, ich komme Ihnen nach.«

Lornsen traf die Tochter des Staatsrats allein. Sie saß am Flügel und nickte ihm entgegen, ohne sich stören zu lassen. Er setzte sich in ihre Nähe und hörte lange zu. Ihr Spiel war vollendet; sie sang ein paar neue Opernarien, plauderte über Kunst und Gesang und sagte dann, plötzlich aufhörend: »Was fehlt Ihnen, Lornsen? Sie sehen betrübt aus. Sie gehören zu den Menschen, die ihre Freude wie ihr Leid nicht verbergen können; man liest es in Ihren Augen, daß Ihr Geist durch irgend eine Last bedrückt ist.«

»Und doch täuschen Sie sich,« erwiderte er. »Ich habe heut aus Sylt eine Nachricht erhalten, die mich freudig bewegt hat. Zwei Menschen haben sich dort verbunden, die mir beide lieb sind, und an deren Glück ich von ganzem Herzen teilnehme.«

»Ist es jene Hanna Petersen, von der Sie mir erzählt haben?« fragte Lina.

»Dieselbe,« erwiderte er, »Sie hat meinen Freund Hilgen geheiratet.«

»Und keine Spur von Eifersucht,« rief Lina, ihn forschend anblickend, »keine Reue hat Sie ergriffen?«

»Was könnte ich zu bereuen haben?« sagte er stolz.

»Nichts!« erwiderte sie und ein Blick flog über ihn hin, der in seinem Herzen das Blut zusammenpreßte. »Sonderbar, daß wir uns in Helgoland finden mußten, mein teurer Freund. Regiert der Zufall die Welt, oder giebt es Bestimmungen, die das Schicksal der Menschen leiten? Und wer, Lornsen, wer hält die Fäden in seiner Hand, wer entwirrt sie und gebietet über das Los der Sterblichen?«

»Der feste Menschenwille,« erwiderte er.

»Liegt es nur daran?« rief das Fräulein. »Ich höre meinen Vater draußen, er würde anderer Meinung sein; aber laßt uns sehen, wie weit wir damit kommen können.«

Als Lornsen ein Jahr in der dänischen Hauptstadt gelebt hatte, war er zwar kein Däne geworden, aber er hatte sich eingelebt in die Verhältnisse, hatte Kreise und Freunde gefunden, und seine äußere Stellung hatte sich wesentlich verbessert. Durch seine Befreundung mit dem Staatsrat konnte es nicht fehlen, daß auch andere Männer und Familien von Bedeutung sich ihm näherten, und daß er zu Verbindungen gelangte, die ihm nützlich und angenehm waren.

Das Familienleben in Kopenhagen, die Freiheit des Umgangs, das freundliche Entgegenkommen und die mancherlei Vorzüge und Tugenden geselliger und gesellschaftlicher Bildung, welche er hier entdeckte, sagten ihm zu. Der Adel war keineswegs abgeschlossen und vornehm herabblickend, wie in Deutschland, er saß auch nicht als verrottetes Junkertum jahraus, jahrein auf seinen Besitzungen, sondern er kam winterlich in der Hauptstadt zusammen und öffnete seine Häuser gern jedem Manne von Wissen und Bildung. Lornsen fand, daß man Kunst und Wissenschaft liebe und schätze, daß ein gewisser Nationalstolz die Dänen antreibe, jedes Talent zu unterstützen und zu pflegen, und daß vom Staate sowohl wie von den einzelnen reichen Privatmännern viel geschehe, um dem kleinen Volke einen Namen zu sichern, es hinter anderen Nationen nicht zurückstehen zu lassen, ja größeren wohl den Rang streitig zu machen.

Es gehört das auch mit zu der dänischen Eitelkeit, hatten manche Angreifer gesagt, und allerdings hatte die Eitelkeit ihr Teil daran. Wenn sie nur immer sich in solcher Weise äußern wollte, sagte Lornsen, der häufig die Dänen verteidigte, wir könnten damit zufrieden sein. Wenn alle Völker auf den Kampfplätzen des Wissens, der Künste, des Handels, der Industrie und jeglicher Arbeit sich um den Rang stritten, wenn sie darin allein ihren Ehrgeiz und ihre befriedigte Eitelkeit suchen möchten, so hätten wir gewonnen. Solche Kämpfe veredeln die Menschheit und setzen der Dummheit und Roheit ein Ziel, an welchem jeder Fanatismus endlich scheitern muß.

Aber die Eitelkeit war nicht allein dieser gefälligen Art, auch das anmaßende Dänentum trat nicht selten bis zur Lächerlichkeit fratzenhaft und aufgebläht Lornsen entgegen. Er hatte bei seiner Ankunft in Kopenhagen einen Vetter des Staatsrats, den jungen Baron Holk, kennen gelernt, hatte ihn dann öfter in Hammersteens Hause wiedergefunden und mehr als einmal den Kammerjunker seine Überlegenheit fühlen lassen.

Ihre Abneigung war gegenseitig und wurde vermehrt durch die Huldigungen, welche Holk seiner schönen Cousine widmete. Die Vertraulichkeit, welche zwischen ihnen waltete, die Hindernisse, welche er Lornsen bereitete, die spöttischen Blicke und Bemerkungen, welche er gelegentlich austeilte, mußten den Unmut größer machen, und wenn irgend einer den Gedanken hegte, daß dieser Bauer aus Sylt, dieser kleine Advokat aus Schleswig, seine Augen zu Lina zu erheben wage und Gnade vor ihr gefunden habe, so war es der Kammerjunker, der mit der wachsamsten Eifersucht beide beobachtete.

Ganz anders benahm sich der wohlwollende Kammerherr Branden, der mit jedem Tage größeres Gefallen an Lornsen gefunden hatte und ihm überall freundliche Dienste erwies. – Die frische, kräftige Natur »seines Friesen,« wie er ihn nannte, machte ihm Vergnügen. Er fuhr mit ihm bei starkem Winde über den Sund, jagte und ritt mit ihm und erhielt Stoff für allerlei kleine romantische Geschichten und Abenteuer, die er in Gesellschaften vortragen konnte,

Eines Tages, als Lornsen in Hammersteens Haus kam, fand er Lina allein im Garten, der schön und groß sich anschloß. Sie ging auf und ab, einen prächtigen Strauß seltener Blumen in der Hand; ein zusammengefaltetes Blatt lag mitten im Wege. Sie schien in heiterster Laune zu sein.

»Sie kommen erwünscht, Herr Lornsen,« sagte sie, »um sich ausschelten zu lassen.«

»Und wo sind die Gründe dazu?« fragte Jens.

»Gründe?« wiederholte das Fräulein, »ah! Sie sind Advokat, Sie verleugnen Ihre Natur nicht. Nun, wenn Sie Gründe haben wollen, da sind sie. Warum kommen Sie seit einiger Zeit seltener als je zu uns? Warum ist, wenn Sie kommen, Ihr ganzes Benehmen so höflich abgemessen, als wären wir eine Salonbekanntschaft, und warum, insbesondere, mein rücksichtsvoller Herr, ist es Ihre ergebene Dienerin, die Ihren Unwillen durch irgend etwas, was sie nicht weiß, in solchem Grade erregt haben muß, daß Sie förmlich vor ihr zu fliehen scheinen.«

»Können Sie das im Ernst behaupten, Lina?« fragte er mit einem warmen Blicke.

»Ich kann es behaupten,« erwiderte sie, »und behaupte es gegen jeden, der es zu bestreiten wagt.«

»Auch wenn ich dagegen sage, daß selbst in Zeiten, wo ich wenig beachtet zu werden schien und es mir rätlich dünkte, einen entfernteren Platz einzunehmen, meine Gedanken und meine treuesten Wünsche Ihnen immer nahe waren?«

»Keine Ausflüchte, keine schönen Worte!« rief das Fräulein von Hammersteen. »Es ist wahr, wir haben uns öfter verfehlt, und wo wir uns sahen, hatte ich die Ehre, von einer Anzahl unserer liebenswürdigsten jungen Herren umringt zu sein, die sich um das Vergnügen stritten, mich angenehm und witzig zu unterhalten. – Warum mischten Sie sich nicht ein? Warum kämpften Sie nicht um den Preis? – Warum ließen Sie anderen den Platz, und wandten sich stolz fort, mir wohl gar die Schuld beimessend?«

»Weil ich weiß,« sagte Jens, »daß ich nicht in jenen Kreis gehöre.«

»Nicht gehöre!« erwiderte sie; »was versteckt sich hinter dieser Bescheidenheit? Wohin gehören Sie denn, mein feiner, rauher Herr? – Ah, Sie ziehen es vor, einsame Spaziergänge zu machen; auch hat man Sie gesehen, wie Sie mit dem verrufenen Doktor Björning verkehrten, dem entsetzlichen Wühler, Aufwiegler und Gotteslästerer in Dänemark. Endlich aber, und das scheint Ihre Hauptaufgabe geworden zu sein, studieren Sie den Charakter und die Passionen unseres schöngeistigen, liebenswürdigen Kammerherrn Branden, abenteuern mit ihm über Land und Meer, machen Verse im Mondschein und bewundern seine romantischen Untersuchungen über neapolitanische Fischerinnen und schweizer Milchmädchen.«

»Ich glaubte,« sagte Lornsen lächelnd, »daß wenigstens der arme Kammerherr etwas mehr Mitleid bei Ihnen finden würde.«

»Wohlan,« gab sie zur Antwort, »lassen Sie uns einen Augenblick bei ihm stehen bleiben und sagen Sie mir mit friesischer Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, was Sie von Branden halten.«

»Im besten Sinne des Wortes sage ich von ihm, daß er der gutmütigste Narr ist, den ich kennen gelernt habe.«

»Das ist ein Urteil,« rief Lina lachend, »in welchem salomonische Weisheit steckt. Mein Vetter Waldemar würde sich freuen, wenn er wüßte, daß er wenigstens in diesem einen Punkte mit Ihnen übereinstimmt. Sie haben es mit Waldemar aber völlig verdorben; er hat mich und wahrscheinlich auch viele andere gute Leute vor Ihnen gewarnt.«

»Ich würde mich wundern, wenn es anders wäre,« gab Jens zurück. »Denn wenn jener Kammerherr zum Geschlecht der gutmütigsten Narren zählt, so ist dieser Kammerjunker jedenfalls zu den boshaftesten und langweiligsten zu rechnen.«

»Gott weiß es, ob Sie recht haben!« erwiderte das Fräulein, ihn schalkhaft und seufzend anblickend, »oder welche Verblendung aus Ihnen spricht. Dort liegt ein Papier im Wege. Heben Sie es auf, lieber Jens. Öffnen Sie es, lesen Sie es und raten Sie mir, was ich thun soll.«

Lornsen erfüllte schweigend ihren Willen. Nach einigen Augenblicken ließ er den Arm mit dem Papier sinken und sagte ruhig: »Kammerherr Branden schickte Ihnen diese schönen Blumen und beschwört Sie, einen ewigen Blumenpfad mit ihm vereint zu wandeln. Ich hätte es wissen können, er bewundert Sie fast noch mehr wie seine romantischen Ideale.«

»Es ist ein Antrag, der wohl zu bedenken wäre,« erwiderte Lina. »Branden ist vermögend und hat vor einigen Tagen seinen Onkel beerbt, der plötzlich große Güter auf ihn gebracht hat. Was schadet es, daß er einen gewissen lächerlichen Platz in der Gesellschaft einnimmt, daß er der Allerweltsnarr ist! Er ist gutmütig und gefällig; es giebt schlimmere Narren mit und ohne Kammerherrnschlüssel, und da wir ein Haus machen können, an der Spitze aller Thorheiten uns bewegen dürfen, wird man mich beneiden und noch mehr bewundern.

Wissen Sie aber,« fuhr sie lebhaft fort, indem sie sich zu Jens wandte, »daß ich in großer Verlegenheit bin? Fast zu gleicher Zeit mit dem duftenden Billet des guten Branden erhielt ich den Besuch meines Vetters Waldemar, der es sich in den Kopf gesetzt hat, ich allein könne ihn glücklich machen. Sie wissen, Waldemar schreibt Verse, sehr gute Verse, in jeder Versart ist er gewandt. Er überreichte mir daher ein zartes, allerliebstes Gedicht. Es muß dort in der Laube liegen, wir wollen es holen. Sie müssen es lesen.«

»Ich verzichte darauf,« fiel Lornsen ein.

»Sie sind dem armen Waldemar gram,« rief Lina lachend, »und er ist so himmlisch gut und sanft. Es würde eine Familienheirat sein, ich kann es nicht leugnen. Waldemars Vermögen ist nicht sehr bedeutend, ich aber bin die einzige Tochter meines Vaters, der seinen Besitz zusammengehalten hat. Die Rechnung ist durchaus richtig. Wie allen edlen Familien, liegt der Glanz und die Zukunft derselben auch uns am Herzen. Waldemar ist jung, Branden nahe an vierzig Jahre; Waldemar ist schlank, schön, einnehmend, es kann nicht fehlen, daß er in kurzer Zeit Karriere macht. Er wird Gesandter werden, wir können dann in Paris, London oder Wien leben. Welch glänzende, wünschenswerte Zukunft in Festen und Freuden, an Höfen und an der Seite der erlauchtesten Gesellschaft. Branden ist Kammerherr, aber trotz seiner breiten Schultern und seines guten Appetits zu romantisch, um als Diplomat Glück zu machen. Wir würden uns begnügen müssen zu jagen, den Geiser und die Vulkane in Island oder, der Abwechslung wegen, den Vesuv und den Ätna zu besuchen; aber jedenfalls hätte ich auch Aussicht, dann wieder einmal auf Helgolands äußerster Felsenspitze die Sonne sinken zu sehen, und wer weiß, ob wir nicht dort zusammenträfen, um eine zweite Fahrt nach den Halligen zu machen.«

»Um im Nebel auf der Bank von Südfall zu sitzen,« sagte Lornsen mit leiser Stimme.

»Erinnern Sie sich, Lornsen, was Sie mir dort versprochen haben?« rief das Fräulein, indem sie seine Hand ergriff und ihre Stimme plötzlich vor Bewegung zitterte. »Sie wollten mein Freund sein für alle, alle Zeit. Nun, mein teurer Freund, was soll ich jetzt thun?« fuhr sie in dem noch spottenden Tone fort. »Was soll ich dem Kammerherrn antworten, was dem Kammerjunker? Wohin soll ich mich wenden, mit meinem armen Herzen, oder mit meiner kleinen Hand, die Waldemar so schön besingt? Raten Sie mir, sagen Sie mir, was Sie denken. Sie sollen Herr sein über Herz und Hand.«

Sie standen unter einer alten, prächtigen Eiche, die in der Mitte des Gartens ihre mächtigen Äste und ihr reiches Geblätter über einen weiten Grasplatz streckte.

»Dieser Baum,« sagte Lina, »ist eher gewesen als dies Reich und diese Stadt. Er hat einst mitten im Walde gestanden. Die Nornen haben darunter gesessen, das heilige Feuer hat vor ihnen gebrannt, in Zaubersprüchen haben sie die Schicksale der Menschen geweissagt, ihnen Freude und Leid verkündigt. Da stehen wir nun in seinem heiligen Schatten, und ich halte Ihre Hand, mein bester, teurer Freund. Meine Augen hängen an Ihren Lippen, ich fordere mein Schicksal und diese Lippen bleiben stumm!«

»O! Lina,« rief Lornsen, indem er sie umfaßte und mit einem Blick überwältigender Liebe sich zu ihr niederbeugte, »was könnte ich sagen, was Sie nicht wüßten?«

»Ist es das,« flüsterte sie, an ihn geschmiegt, »was mitten im kalten Nebel wie Feuer mich verbrannte?«

»Daß ich dich mehr liebe,« sagte Lornsen, »wie ein Mensch dich lieben kann, daß ich sterben will oder dich besitzen. Gütiger Gott! ich lebe nur, seit ich dich kenne. Ich will mein Leben verteidigen!«

Er hielt sie in seinem Arme, den andern streckte er schwörend und drohend aus. Der schöne stolze Mann, zürnend und durchglüht von den erhabensten Gefühlen, stand mit göttlicher Gewalt vor ihr. Sein schimmerndes Haar fiel weich auf ihre Stirn, das Feuer seiner Augen schmolz in Zärtlichkeit und Frieden. Lina glaubte bis in seine Seele zu blicken, die ihr gehörte, und ihre Hände um seinen Nacken schlingend, betrachtete sie ihn mit der ganzen innigen Kraft ihrer Liebe.

»Von jenem ersten Tage an, wo ich dich sah,« flüstert sie, »wußte ich, daß wir zu einander gehörten. O! geliebter Mann, keine Macht soll uns trennen. Du hast die gewöhnliche Unterordnung des Lebens von dir gestoßen. Du konntest kein reicher Bauer in Sylt sein. Laß dem Hilgen sein Schätzchen, in meinen Armen biete ich dir Ersatz.«

»Und ich,« erwiderte Lornsen zärtlich und stolz, »denke dir Ersatz zu geben für alle Kammerherren und Barone.«

»Ich weiß es,« sagte sie. »Du wirst nicht eher vor meinen Vater treten und mich von ihm fordern, bis er gegen deinen Rang und deine Stellung nichts einzuwenden vermag. Ich denke und fordere nichts Geringes von dir. Alles übrige nehme ich auf mich. Mein Vater weiß, daß er mich nicht zwingen kann, etwas zu thun, was ich nicht mag. Ich erwarte dich, Lornsen, ich erwarte den Tag, der kommen wird, wo unsere Liebe offen hintritt in die Welt und Achtung fordert. Bis dahin, mein Freund, sei geduldig und glaube an mich.«

»Fest und unwandelbar!« sprach Lornsen, ihre Hände mit Küssen bedeckend.

»Lina!« rief die Stimme des Barons hinter dem Gebüsch. »Wo bist du denn, Mädchen? – Kommen Sie, Kammerherr Branden, Lina muß hier sein.« Er trat hervor und fuhr lachend fort: »Da sitzt sie ja unter dem Hexenbaum, und ist es nicht unser lieber Freund Lornsen, der sich so selten macht? – Herzlich willkommen, Herr Lornsen, ich hoffe, Sie haben sich gut unterhalten. – Aber hüten Sie sich vor dem Baum da, man sagt ihm gefährliche Zauberpossen nach.«

Am nächsten Tage, als Lornsen allein in seiner Wohnung war, erhielt er einen Besuch des Staatsrats, der ihn nicht wenig überraschte. Einige Minuten lang war er in peinlichen Vermutungen befangen. Herr von Hammersteen setzte sich zu ihm und sagte, zum Fenster hinausschauend: »Sie wohnen hier allerliebst, mit der Aussicht auf Hafen und Meer, ungemein frisch und gesund, das wird Sie aussöhnen mit Kopenhagen. Nun, ich frage nicht, wie Sie sich befinden: Sie haben sich eingelebt, sind blühend und kräftig, aber zu einsam, wie ich meine, und wie Sie wissen, lautet der alte Bibelspruch: ›Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.‹ Was haben Sie für Nutzen daraus gezogen, lieber Lornsen?«

»Ihre Güte, Herr Staatsrat,« erwiderte Jens lächelnd, »hat dafür gesorgt, daß ich die Einsamkeit nicht empfinde.«

Hammersteen sah ihn mit seinen dunklen Augen nachsinnend an. »Es freut mich aufrichtig, wenn wir, ich und Lina, dazu beigetragen haben, Sie angenehm zu beschäftigen, aber warum ich eigentlich zu Ihnen komme, lieber Freund, hat seine besondere Bedeutung, die Sie und Ihre Einsamkeit ganz besonders betrifft.«

Eine leichte Röte sammelte sich auf Lornsens Stirn, er beherrschte mit Mühe seine Unruhe; doch mutig schlug er die Augen auf und blickte den Baron offen an, denn er war entschlossen, nicht zu lügen und nichts zu bemänteln. »Ich erwarte Ihre Mitteilung,« begann er, als der Baron schwieg.

»Es handelt sich,« sagte dieser, »um eine wichtige und delikate Angelegenheit, bei der Sie mir versprechen müssen, durchaus aufrichtig zu sein, was ich von Ihnen erwarten darf.«

»Ich werde, was mich betrifft, Ihnen nichts verschweigen,« erwiderte Jens mit Festigkeit.

»So hören Sie,« sagte der Baron. »Sie wissen, daß schon im Jahre 1815 die Ritterschaft der Herzogtümer sich für ihre sogenannten Rechte erhob und einen Landtag begehrte, der ihr abgeschlagen wurde. Der König bestätigte dagegen bald darauf die Privilegien des Adels und der Prälaten, was natürlich bloße Formalität war. Die Ritterschaft bezahlte nun die Kieler Professoren, namentlich einen gewissen Dahlmann, ihren bleibenden Sekretär, bezahlte die Mitarbeiter der Kieler Blätter, Falk und Welcker, die tapfer schrien und die Rechte des Adels bewiesen: als das alles aber in Kopenhagen nichts half, klagten die Ritter 1822 beim deutschen Bunde um ihr Recht.«

»Ich kenne die Geschichte dieser Zeit ziemlich genau,« fiel Lornsen ein, der mit großer Verwunderung dem Staatsrat zuhörte.

»Um so besser, lieber Freund,« rief dieser, »dann werden Sie auch wissen, daß es kam, wie es kommen mußte; daß der hohe Bund nämlich in seiner besonnenen Weisheit den Klägern die Antwort erteilte: die alte Verfassung Holsteins bestehe nicht mehr in anerkannter Wirksamkeit, ihr Gesuch sei somit unstatthaft, ihre Pflicht aber um so gewisser, sich als treu ergebene Unterthanen zu benehmen.«

»Zur Schmach der Zustände Deutschlands ist allerdings eine solche Antwort erteilt worden,« erwiderte Jens. »Die Völker mochten daran sehen, was es heißt, wenn Diplomaten über ihre Rechte zu Gericht sitzen, im übrigen aber war dem Adel dieser demütigende Bescheid von Herzen zu gönnen. Nicht für die Landesrechte hatte er das Wort genommen, sondern für seine Privilegien, um sein Kastenwesen herzustellen, das Mittelalter womöglich wieder aufzufrischen. Der Bundestag in Frankfurt konnte nichts Gescheiteres thun, als diesem begehrlichen Adel seine Vorrechte abzusprechen.«

»Nun sehen Sie,«, fuhr der Staatsrat fort, »darauf kommt es an. Der Adel hat Ähnliches hören müssen, was Sie da sagen; wir wollen nicht darüber streiten, was recht ober unrecht darin ist. Er hat ein paar Jahre lang die Flügel hängen lassen; jetzt sind sie ihm jedoch neu gewachsen, und ganz in der Stille wiederholt er seine Versuche, um hier zum Ziele zu kommen. Der Kronprinz Christian besonders ist ein Stern seiner Hoffnungen. Ihm werden allerlei Vorstellungen gemacht; die Treue der Herzogtümer gerühmt, wenn der Adel dort gestärkt eine hervorragende einflußreiche Stellung gewönne, wenn man seine Vorrechte ihm sicherte, adlige Landtage einführte, ihm die Vertretung des Landes überwiese.«

»Es wäre das sicherste Mittel, den allgemeinsten Unwillen hervorzurufen,« erwiderte Lornsen.

»Ganz meine Überzeugung,« sagte Hammersteen. »Aber diese Reihe von Bestrebungen bedarf der Gegenwirkung. Es bedarf einer klaren, scharfen und scharfsinnigen Denkschrift, welche den Gegenstand erschöpfend zerlegt, und bedarf eines Mannes, der, genau bekannt mit allen Verhältnissen, beweist, daß die Ansprüche der Ritterschaft und Prälaten völlig unstatthaft sind, sowohl vom Rechtsgesichtspunkte aus wie in Erwägung der Zeitverhältnisse und des Wohls der Gesamtheit.«

»Ich verstehe,« versetzte Lornsen. »Diese Denkschrift wünschen Sie von mir.«

»Sie sind der Mann dazu,« fiel der Baron ein. »Sie besitzen die Kenntnis und die Geschicklichkeit. Zeigen Sie jetzt, Lornsen, was die Intensität Ihres Willens vermag, inwieweit Sie höheren Ideen zugänglich sind. Sie werden dadurch diejenigen zur richtigen Erkenntnis über Sie bringen, von denen Ihre Zukunft abhängt.«

»Ich fürchte,« sagte Jens, indem er vor sich niederblickte, »daß meine Zukunft durch diesen Auftrag nicht gewinnen wird.«

»Mein Freund,« sprach Hammersteen lächelnd, »ein Staatsmann muß auch bei seinen ersten Schritten Talleyrands berühmtes Wort niemals vergessen, daß die Sprache dazu vorhanden sei, die Gedanken zu verbergen: wenn man jedoch gewandt, vorsichtig und überlegt die Worte wählt, so giebt es mancherlei Fälle, wo man auch kühn und bestimmt sein darf. Hier haben wir einen solchen Fall. Sie haben nichts zu verbergen, nichts in Schleier zu hüllen: sagen Sie vielmehr gerade heraus und mit aller Bestimmtheit, was Sie denken.«

»Meine Überzeugung?« erwiderte Lornsen fragend und mit Nachdruck.

»Ihre volle Überzeugung,« sprach der Staatsrat, »doch – ohne Phrasen. Erinnern Sie sich, Herr Lornsen, daß dieser Auftrag durch mich Ihnen vom König erteilt wird. Daß Se. Majestät wünscht, der Kronprinz möge durch Sie von der ganzen Lage der Dinge genau unterrichtet werden, und da Sie ein klarer, klug rechnender, besonnener Mann sind – ich habe die Beweise dafür,« schaltete er mit einem seiner eigentümlichen scharfen Blicke ein – »so werden wir sehen, wie Sie die Stunde benutzen, wo sich Ihnen Thüren öffnen, durch welche nicht so leicht ein Unberechtigter dringt.«

»Ich werde sie benutzen,« sagte Jens.

»Sie nehmen es also an?« fragte Hammersteen.

»Ich nehme es an.«

»Ich lobe Sie und freue mich darüber. Biegsamkeit ist eine der größten Tugenden der Menschen. Die Hartnäckigkeit sogenannter Charaktere ist in Wahrheit lächerlich und verächtlich. Es giebt keine ewigen Wahrheiten, wie es keine Beständigkeit giebt. Was heute verteidigt und gepriesen wird, kann morgen Verbrechen werden, wenigstens für uns, für den Staatsmann, des Kunst es ist, allen Verhältnissen Rechnung zu tragen, alle Verhältnisse zu benutzen und seine Konsequenzen daraus zu ziehen. Denn sehen Sie, lieber Freund, alle diplomatische Kunst besteht darin, mit gegebenen Verhältnissen zu rechnen und die Verhältnisse so zu meistern, daß die Notwendigkeit den Gegnern nichts anderes übrig läßt als Anerkennung. Man muß mit jeder Strömung fahren, mit jeder Möglichkeit Anker werfen und immer neue Möglichkeiten aufstellen, wenn etwa die Wellen über die alten hinschlagen.

Wissen Sie, Herr Lornsen, Goethe, der vortreffliche Goethe, ist wiederum auch hierbei ein köstliches Vorbild. Wie sagt er in seinen prachtvollen Xenien:

Die Feinde, die bedrohen mich,
Das mehrt von Tag zu Tage sich,
Doch seh' ich alles unbewegt –
Sie zerren an der Schlangenhaut
Die jüngst ich abgelegt.
Und ist die nächste reif genug,
Abstreif' ich die sogleich,
Und wandle neu belebt und jung
Im frischen Götterreich.

Sehen Sie, lieber Freund, das ist das Bild des vollendeten Diplomaten. Das wärmt und erfreut! Die Schlangenhaut wird abgestreift und schnell ist eine andere fertig. Man wechselt die Rollen, um ewig jung und frisch zu bleiben.

Doch ich ermüde Sie,« sagte er aufstehend. »Wann wollen Sie an die Arbeit gehen?«

»Wenn es Ihnen genehm ist, noch heut.«

»Je eher, je lieber,« erwiderte der Staatsrat. »Frische Fische, gute Fische! man muß den Feind schlagen, wo man ihn findet. Was Sie etwa an Büchern und Material bedürfen, steht Ihnen in meiner Bibliothek und im Archiv zu Gebot; ich sende Ihnen auch, sub sigillo, die Petitionen und Vorstellungen der Ritter. Eilen Sie, ich zweifle nicht, daß der Kronprinz Sie mit seiner ganzen Gnade beglücken wird, auch Se. Majestät denkt das Beste von Ihnen. Und nun adieu. Aber vergessen Sie darüber uns nicht, lieber Lornsen.«

Er schüttelte Jens die Hand und that einige Schritt, dann wandte er sich um und sagte lächelnd: »Ja so, bald hätte ich etwas vergessen, was Ihnen gewiß Freude machen wird. Eine wichtige Veränderung bereitet sich in meinem Hause vor. Ich werde meine Tochter verheiraten. Mit wem, raten Sie?«

»Ich bin in der That nicht imstande, darüber zu urteilen,« versetzte Lornsen so kaltblütig er konnte.

»Noch schwankt die Wage,« sprach der Baron lächelnd, indem er seine Augen in Lornsens Gesicht bohrte. »Es bieten sich ein paar Partien, bei denen ich Karoline freie Wahl lasse, doch heut muß sie sich entscheiden.«

»Fräulein Karoline wird ihrem Herzen folgen,« sagte Lornsen.

»Ihrem Herzen!« wiederholte der Staatsrat spöttisch. »Meinen Sie? Das Herz ist das wandelbarste Ding, ein Mädchenherz ein Sack voll Thorheiten. Ich kenne jedoch Lina besser. Das bloße Empfindeln und in Liebesnot dumme Streiche machen, hat keine Gewalt über sie. Das werden Sie auch von ihr glauben, lieber Freund, daß sie nicht vergessen kann, wer sie ist und wohin ihr Weg geht. Einem untergeordneten Menschen kann Lina sich niemals leichtsinnig verzetteln, um Schande und Reue über sich und mich zu bringen. So bin ich denn ganz ruhig, ganz sicher und kümmere mich nicht im geringsten um die kleinen Betisen des Lebens. Ich überlasse es ihr getrost, über sich zu bestimmen, ich weiß, daß ich es kann. Apropros, haben Sie Kammerherrn Branden gesehen?«

Lornsen verneinte es.

»Der hat mit seiner Erbschaft viel zu thun,« lachte Hammersteen, »Ein trefflicher Mann voll Gemüt und Talent, und dabei jetzt sehr vermögend, imstande, allen seinen Neigungen zu folgen, Geburt und Geld, lieber Lornsen, das sind die Genien, die eines Menschen Leben umschweben müssen, wenn er nach allen Kränzen die Hand ausstrecken darf. Wo diese Schutzgeister fehlen, muß man bescheiden sein oder viel Glück oder viel Geist besitzen. Nun, kommen Sie recht bald zu uns und seien Sie fleißig.«

Als er hinaus war, legte Lornsen den heißen Kopf in seine Hand und blickte lange über Land und Meer, der sinkenden Sonne nach. »Laßt sehen,« rief er dann, »ob ich Glück und Geist genug besitze, um eure Genien entbehren zu können.« Und er ergriff ein Papier und begann seine Arbeit.

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