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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 8
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
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Siebentes Kapitel

Eine Woche später war Lornsen in Kopenhagen. – Es war ein schöner Tag, als das Schiff, mit dem er gekommen, an der Drei-Kronen-Batterie vorüber in den Hafen fuhr. Jenseits lagen in hellem Sonnenglanz ausgestreckt die gelben schwedischen Küsten. Eine Menge Schiffe aller Art, die allen Nationen gehörten, kam mit vollen Segeln aus dem Sunde herauf und steuerten in die blauen Wellen der Ostsee. Das Meer war von ihnen bedeckt und der wundervolle Anblick auf See und Land hatte alle Passagiere des Schiffes, die nach und nach meist von den Inseln im Vorbeifahren aufgenommen waren, auf das Deck gelockt. – Durch die Öffnung zwischen der Drei-Kronen-Batterie und den langen Linien der Festung konnte man tief in den Hafen sehen, wo hinter der Zollbrücke die ungeheuren Masten der ankernden Kriegsflotte hervorragten; der Außenhafen war dagegen ziemlich leer an Kauffahrern, aber oben auf den Bastionen der Festung standen viele geputzte Leute, denn dieser schöne Spaziergang war der Sammelplatz der feinen Welt Kopenhagens und unter den Bäumen hervor scholl Musik dem Schiffe entgegen.

»Es ist eine anerkennenswerte Aufmerksamkeit, die man uns erweist,« sagte ein junger Mann, der mit einem anderen neben Lornsen stand. »Wir werden mit Musik empfangen, möge Ihr Aufenthalt in Kopenhagen immer reich an Harmonie sein, mein Herr.«

»Ich denke alles Unharmonische möglichst von mir abzuwehren,« erwiderte dieser in derselben scherzenden Weise.

»Sie sind noch nie in Kopenhagen gewesen?« fragte der Dritte.

»Ich sehe es zum erstenmal,« war die Antwort.

»Und wie gefällt es Ihnen?«

»Was ich bis jetzt gesehen habe,« sagte Lornsen lachend, »erregt den Wunsch, daß alles so sein möchte.«

»Sie werden zufrieden sein,« erwiderte der junge Däne zuversichtlich. »Ich glaube, daß sich nicht leicht eine Stadt mit Kopenhagen vergleichen kann und bedaure nur, daß Sie uns nicht schon früher besucht haben, – Sie verstehen doch Dänisch?«

»Nein,« sagte Jens.

»Sie verstehen kein Dänisch!« rief der junge Herr erstaunt. »Aber, mein Gott, ich denke, es besteht ein Befehl der Regierung, daß in allen Schulen der deutschen Provinzen Dänisch gelehrt werden soll.«

»Kennen Sie die deutschen Provinzen?« fragte Lornsen.

»Nein,« lächelte der junge Herr, »ich habe mich noch nie dahin verirrt, als etwa bei einer flüchtigen Durchreise; allein einer meiner Verwandten ist neulich noch dort gewesen. Er erzählt grausenhafte Geschichten von den barbarischen Zuständen.«

»Es würde gewiß recht gut sein,« antwortete Jens, »wenn wir öfter aus Kopenhagen Besuch erhielten, der es sich angelegen sein ließe, mit unseren Zuständen bekannter zu werden.«

»Was verlangen Sie da,« rief der Däne, »was könnten Sie uns denn bieten?! Im ganzen Lande ist keine erträgliche Stadt. Schleswig ist eine einzige lange und langweilige Gasse, Flensburg ein altes Nest, das nach Stockfischen, Walfischthran und schmieriger Butter stinkt, Kiel aber mit seinen langhaarigen Studenten und langbeinigen Krämern ebenso unerträglich wie Altona. Das übrige Land ist voll Bauern aller Art; nirgends ein Mittelpunkt für ein gesittetes Dasein, nirgends ein Centralplatz für Bildung! Kein Hof, der dem Adel zum Anhalt diente, der Kunst und Wissenschaft förderte, Genüsse und Reize böte. – Wenn wir reisen, reisen wir nach Paris, sehen uns ein wenig in Deutschland dabei um, um das langweiligste Volk auf der Erde kennen zu lernen, besuchen die Schweiz und Italien und kehren über England zurück an den Sund, mit dem sich doch nichts vergleichen läßt.«

»Daher kommt es denn auch, daß Ihre Landsleute von sich selbst am meisten wissen, von der übrigen Welt sehr wenig, am wenigsten aber von uns Deutschen,« erwiderte Jens.

»Warum sollen wir denn auch von den Deutschen viel wissen?« lachte der junge Herr. »Was gehen uns die Deutschen an. Wir sind zuerst Dänen, dann Skandinavier, dann eine Nation, die sich mit allen anderen Nationen viel verwandter fühlt, als mit den Deutschen.«

»Die Dänen nennen sich ja selbst die Franzosen des Nordens,« sagte Lornsen spöttelnd.

»Ich denke, sie haben ein Recht dazu, was Frische der Empfindungen, Lebendigkeit und Schnelle des Gedankens betrifft,« fiel der Däne ein. »Unsere Gesellschaften geben Paris nichts nach, wir haben nichts von der deutschen Schwerfälligkeit.«

»Aber ich höre, daß Sie wenigstens gut deutsch sprechen,« rief Lornsen, stärker lachend, »und wie ich weiß, sprechen die meisten Dänen deutsch, die auf einige Bildung Anspruch machen. Ihre Könige sind deutschen Stammes, alles Wissen und alle Kunst ist aus Deutschland gekommen, alles Leben und Streben leitet zu der großen deutschen Nation hin und selbst die Sprache ist ein Zweig des germanischen Stammes so gut wie die holländische, die vlämische und andere Zweige.«

Der junge Herr sah den Fremdling mit einem bösen Blicke an. »Nun, wahrhaftig,« gab er dann zurück, »das ist neu und wunderbar. Es mag ein Scherz sein und als solchen sehe ich ihn an; aber da Sie fremd hier sind, mein Herr, so hüten Sie sich davor, dänischen Ohren dergleichen Ergötzlichkeiten aufzutischen. Sie könnten mißverstanden werden.«

Der Dritte bei diesem Gespräch hatte bis jetzt ruhig zugehört, nun mischte er sich ein und sagte in dänischer Sprache, die Lornsen gut genug verstand, um den Sinn richtig zu fassen: »Was ereiferst du dich um nichts, Holk. Er kommt frisch übers Wasser mit seinem deutschen Kopfe. Es ist ganz natürlich, was er da sagt. Wenn er eine Zeitlang bei uns ist, wird die Sprache anders lauten.«

»Wer ist er denn?«

»Du siehst es ja; einer von denen, die sich sträuben, Dänen zu heißen und mancherlei Recht dazu haben, besonders weil vieles faul ist im Staate Dänemark.« – Er wandte sich zu Lornsen um und sagte freundlich: »Jeder lobt und liebt, was er besitzt. Auch Dänemark hat manche Reize. Das grüne Seeland mit seinen herrlichen Buchenwäldern wird Ihnen gefallen und Kopenhagen ist, wenn keine schöne, doch eine gastliche Stadt, in der sich gut wohnen läßt. Das schönste, was wir haben, bleibt dies Meer, der Sund mit seinen prächtigen Umgebungen und seinen Flotten, die er täglich hier auf seinem stolzen Rücken vorüber trägt.«

»Es würde noch besser sein, wenn ein Teil dieser Flotten den Hafen von Kopenhagen füllte,« erwiderte Lornsen.

»Alle müssen uns den schuldigen Tribut zahlen,« rief Holk dazwischen. »Dänemark ist an Umfang allerdings kein großer Staat – wenigstens nicht mehr so groß wie früher – aber er hat an Wichtigkeit nichts verloren. Wir sind die Herren der Ostsee; bei Helsingör darf kein Schiff vorbei, ohne beizulegen, visitiert zu werden und den Beutel aufzuthun. Ich war vor einigen Wochen dort zum Besuch bei Kapitänleutnant Klümann, der das Nachtschiff befehligt. Es war lächerlich und lustig anzusehen, wie die Kapitäne schimpften und fluchten, die ein paar Wochen dort lagen und auf Abfertigung warteten.«

»Ich wundere mich nur, daß sie nicht die Geduld verlieren,« sagte Lornsen.

»Die Kapitäne?« lachte Holk. – »Was wollen sie denn machen? Zuweilen versucht es einer wohl, sich bei Nebel und Nacht an der schwedischen Küste hin durchzuschleichen, aber es wird scharf aufgepaßt und wehe dem Narren, wenn er dem blinden und scharfen Schuß des Wachschiffes nicht sogleich Folge leistet. Schiff und Ladung sind verloren, wenn das königliche Schiff ihm nachfolgt und ihn gewaltsam zurückholt. – Sie können gar nicht denken, was diese Wasserratten zusammenfluchen, den Sund verwünschen, den Zoll vermaledeien, Dänemark an den Galgen bringen und ihre eigenen Regierungen mit Pest und Tod beglücken, daß sie die Räuberei in Helsingör dulden.«

»Das war's auch eben, was ich meinte,« sprach Jens. »Es soll mich wundern, wie lange die Seemächte dazu schweigen.«

»Was wollen die denn thun?« rief Holk verächtlich. »Eine ist auf die andere eifersüchtig, aber gegen alle zusammen würde Dänemark sein gutes Recht behaupten. Am lächerlichsten ist es, die Deutschen schimpfen zu hören, daß ihr Handel dadurch zerstört werde, ihre Ostseehäfen nicht zum Aufblühen kommen könnten. Ich habe neulich eine deutsche Zeitung gesehen, die nach einer gelehrten Abhandlung über Deutschlands sogenanntes Recht sogar mit enormer Kühnheit Krieg und Gewalt forderte. Als ob die Dänen zum Frühstück aufgespeist würden von unseren gewaltigen Nachbarn, als ob Dänemark sich dem ersten besten Befehl gehorsamst fügen würde.«

»Ich sollte doch denken,« erwiderte Lornsen belustigt, »daß, wenn auch nur England allein es wollte, der Sundzoll augenblicklich sein Ende erreichen würde.«

»Das würde doch erst ein Krieg entscheiden müssen,« sagte der junge Mann mit vielem Ernst. »Wir haben uns vor Nelson nicht gefürchtet, haben ihm Bewunderung abgenötigt, seine Schiffe so zerschossen, daß er nicht wußte, wie sie über Wasser zu halten waren, und würden es gerade eben so wieder machen.«

»Ich zweifle nicht an der dänischen Tapferkeit,« antwortete Jens, »aber bei alledem ist Kopenhagen erobert und die dänische Flotte nach England geführt worden.«

»O, wir haben längst eine andere,« rief Holk.

»Ich sehe sie dort liegen, um, wie selbst unterrichtete Dänen sagen, langsam zu verlausen. Es könnte viel Nützliches für das Volk mit dem Gelde geschehen, das jährlich ins Wasser geworfen wird.«

Die kalte Ruhe, mit welcher Lornsen seine Antworten gab, ließ sich durch den Unwillen seines Nachbarn nicht erschüttern, der eben zu einer heftigen Erwiderung sich anschickte, als sein Freund ihn beim Arm ergriff und gegen die Zollbrücke deutend ausrief: »Steht dort nicht deine Cousine Hammersteen neben Kammerherrn Branden?«

»Wahrlich, sie sind es beide,« erwiderte Holk. – »Branden ist seit einiger Zeit Linas Schatten. – Was, zum Henker! kann sie denn aber herführen?«

»Sie erwartet dich vielleicht.«

»Nein, Björning, sie kann nicht wissen, daß ich auf diesem Wege aus Fühnen komme.«

»So bilde es dir ein. Sie verdient es, daß du ihretwegen deine Phantasie in Bewegung setzest. – Sie hat dich erkannt und winkt mit dem Tuche, du Glücklicher.«

»Es ist eine ihrer Launen, die schneller wechseln wie der Wind.«

»O!« rief der junge Mann, der Björning genannt wurde, lachend aus, »bei schönen Weibern muß man immer sein Glück auf ihre Launen gründen.«

Der Anker fiel, und nach wenigen Minuten sprangen die drei Passagiere in ein Boot. – Lina stand auf der Ufertreppe und erwartete die Landung. Ihr lächelndes Gesicht war voll freudiger Erregtheit: sie versteckte es halb unter dem Sonnenschirm und winkte dann wieder den Nahenden entgegen.

»Welch Glück, teure Lina, dich hier zu finden!« rief Holk, auf die Treppe springend.

»Du auch zurück, Waldemar?« erwiderte sie. »Das ist schön.«

»Aber willkommen in Kopenhagen, Herr Lornsen; wir haben Sie täglich erwartet.«

Waldemar sah sich erstaunt um. – Das hatte er nicht vermutet.

Am nächsten Tage besuchte Lornsen den Staatsrat, der ihn mit vieler Freundlichkeit empfing. In einer der öden Straßen, die fern von der lebendigen Mitte des Königneumarkts liegen, bewohnte der Baron ganz allein ein weitläufiges Haus. Alles war ziemlich altertümlich darin, aber die Stille und Größe des Gebäudes zeigte an, daß ein vornehmer und reicher Mann sein Besitzer sei. Eine mächtige Treppe von Stein führte in das erste Stockwerk, ein weiterer Korridor mit Decken belegt, leitete an einer Zimmerreihe hin, deren vergoldete Leisten zwar nicht mehr so neu glänzten wie zur Zeit der Friedriche und Christiane des vorigen Jahrhunderts, wo Adel und Hof verschwenderische Feste feierten, aber sie bezeugten in ihrer verblichenen Pracht doch immer noch, was sie einst gewesen waren.

Endlich öffnete der begleitende Diener die Thür eines Bibliotheksaales, in welchem der geheime Staats- und Konferenzrat arbeitete, der, von seinem Tische aufstehend, sogleich Lornsen entgegenkam und nach den ersten Begrüßungen und Erkundigungen dem Diener gebot, seiner Tochter zu sagen, daß Herr Lornsen gekommen sei.

»Ich habe Sie seit einigen Tagen schon erwartet,« sagte er, »denn da Sie nicht abschrieben, mußte ich Lina recht geben. So sind Sie denn also hier und können in Ihr Amt eintreten. Sie sollen in der deutschen Kanzlei arbeiten; ich habe mit dem Grafen Moltke alle Abrede genommen und werde Sie noch heut ihm vorstellen.«

Lornsen sagte ihm Dank und wie er hoffe, seiner Verwendungen sich wert zu erweisen.

»Kein Wort darüber,« rief der Staatsrat lächelnd; »ich weiß, daß sie ein guter Kopf sind, und gute Köpfe brauchen wir hier. – Das subalterne Dienen wird Ihnen freilich nicht zusagen, aber, lieber junger Freund, zum allergrößten Teil ist das Beamtenwesen eine Gliederung, wo man wie auf einer Leiter, mit der untersten Stufe anfangen muß. Versteht man es dann, so kann man ein paar Sprossen mit einemmal überspringen, und wer Einsehen und Glück hat, hört nicht eher auf, bis er auf der höchsten steht.«

»Mit Ausnahme derer, die sofort mit den höchsten anfangen,« erwiderte Lornsen lächelnd.

»Freilich, allerdings!« rief Hammersteen. »In monarchischen Staaten muß es immer Familien geben, welche die Stützen der Throne bilden, und von Generation zu Generation mit vollem Rechte ihre besonderen Stellungen vererben. Solche verdiente Familien giebt es auch hier und aus ihnen heraus kommen die Diplomaten, die Staatsmänner, die Regierungschefs, die Minister und hohen Hofämter. Aber es ist sonderbar, Herr Lornsen, daß die dänischen Diplomaten und auswärtigen Minister fast nie geborene Dänen waren, sondern immer dem holsteinischen Adel angehörten.«

»Ich glaube nicht, daß Dänemark dadurch ein Schaden geschehen ist,« meinte Jens.

»Fragen Sie nur die Dänen,« lachte der alte Herr, »Sie werden bittere Klagen darüber hören. Wenn andere echt dänische Männer hier regiert hätten, sagen sie, so würde man längst die deutschen Provinzen dänisch gemacht haben, mit Leib und Seele. Man hatte das ganze vorige Jahrhundert über Zeit genug, um energische Maßregeln zu ergreifen. Aber die Deutschen, die am Ruder standen, hatten weder Lust noch Willen dazu. Nicht einmal die schleswigsche Inkorporation wurde gehörig durchgesetzt, beim ersten Widerstande hielt man ein und überließ es den Nachkommen, das Recht geltend zu machen. Nun haben wir den Streit. Damals hätte ein Federstrich die Sache abgemacht, jetzt fehlt nicht viel, so muß man mit Schwertern darunter schlagen.«

Der Staatsrat bemerkte den Eindruck, den diese letzten Worte auf Lornsen machten, er sagte daher lächelnd: »Das ist freilich für jetzt nur eine Redensart, aber sie könnte wahr werden, wenn das Schicksal sich hinein mischt.

Der Kronprinz Christian ist vierzig Jahre alt und ohne anderen Leibeserben als den einzigen Sohn; ob dieser jemals seinen Stamm fortpflanzt, läßt sich bezweifeln. Jedenfalls steht der Mannesstamm auf wenigen Augen, und wenn er erlischt, hat die weibliche Linie nach dem Königsgesetz die Erbfolge.«

»In Dänemark, aber nicht in den Herzogtümern,« sagte Lornsen. »Das Königsgesetz geht uns nichts an. Nach unserem Recht ist die Verbindung der Herzogtümer mit dem dänischen Staate dann gelöst und nur die jüngeren männlichen Zweige des Hauses, die Herzöge von Augustenburg und Glücksburg sind zur Erbfolge berechtigt.«

»Sie vergessen immer wieder die Inkorporation Schleswigs vom Jahre 1721,« rief Hammersteen lächelnd; »aber lassen Sie uns darüber nicht streiten, Herr Lornsen, Sie werden in kurzer Zeit überzeugt sein, daß von einer Trennung der Herzogtümer und namentlich Schleswigs niemals die Rede sein kann, es mag kommen, wie es wolle. Das ganze dänische Volk sieht Schleswig als ein dänisches Land an. Es hieße ein Stück von seinem Herzen reißen, wenn man es trennen wollte; so lange ein Arm sich heben kann, wird es nimmer geschehen.«

»Ich glaube nicht,« sprach Jens, »daß die Dänen darüber zu entscheiden haben, sondern die Landesrechte und der Volkswille in den Herzogtümern.«

»Lieber Freund,« rief der Baron ungeduldig, »erinnern Sie sich, was wir über Besitz und Recht schon verhandelten. Jedenfalls werden Sie schon jetzt hören, mit welcher Heftigkeit in Kopenhagen Ihre sogenannten Landesrechte angefochten werden. Dazu kommt, daß halb Schleswig wenigstens von dänisch sprechenden Leuten bewohnt wird, endlich aber sage ich nochmals: was haben Sie denn davon, wenn wirklich der Herzog von Augustenburg Ihr Herzog und Landesherr würde? Der junge Herzog ist bekannt als Aristokrat und würde, als deutscher Bundesfürst, um kein Haar besser sein als alle übrigen Bundesfürsten. Sie sind verständig, Herr Lornsen, benutzen Sie, was ich Ihnen sage. Sie finden hier einen glatten Boden, aber auch einen dankbaren für den klugen Säemann. Unser aller König ist durch ein viel geprüftes Leben gegangen. Er ist weise und gütig, ein wahrer Vater seiner Unterthanen und als Mensch voll der schönsten Tugenden. Von moderner Gleichmacherei und konstitutioneller Seligmacherei will er allerdings nichts wissen; alle die Teufeleien unserer von Zeitungsschreibern und Wühlern bearbeiteten Jugend haben nichts gefruchtet.«

»Man hofft auf den Kronprinzen,« sagte Jens.

»Wie man auf alle Kronprinzen hofft, die eine goldene Zeit für die Völker bringen sollen,« lachte der Staatsrat. – »Weil Prinz Christian eine Jugendsünde zu bereuen hat, weil er in Norwegen den Ritter Bayard spielte und den Bauern und Fischern da eine Konstitution gab, die ein paar Dutzend listiger Advokaten und Professoren ihm abschwindelten und abtrotzten, darum glaubt man, daß er auch als König konsequent seine Irrtümer wiederholen müsse. Lieber Freund, ein König ist etwas anderes als ein Kronprinz und dieser hier« – er drehte sich ab und strich mit der Hand über sein spöttisch verzogenes Gesicht – »Se. Königl. Hoheit, der Prinz, ist, wie ich glaube, bei aller Weichlichkeit seines liebevollen Gemüts doch nicht imstande, unberechtigten Zeitforderungen nachzugeben,«

»Was man mir erzählt hat,« fiel Lornsen ein, »berechtigt aber doch zu dem Glauben, daß der Prinz sich gern zu denen neigt, die eine Verfassung für das Land fordern.«

»Sie werden immer finden,« sagte der Staatsrat, »daß sich um einen Kronprinzen die Neuerer und Mißvergnügten sammeln. Er ist die aufgehende Sonne, und je weniger dieser zu scheinen vergönnt ist, um so mehr wartet alles auf ihre jungen Strahlen. Wir haben hier drei Parteien. Die der alten Regierung und des Königs, wenn ich so sagen soll; die unserer Konstitutionellen, welche vom Kronprinzen den zweiten Akt norwegischen Dramas erwarten; endlich unsere Skandinavier, unsere begeisterten Studenten, Professoren, Litteraten, politische Schwärmer nach Art der deutschen Demagogen, die von einer Wiedergeburt der drei Reiche träumen und dem Prinzen gern Margaretes dreifache Krone aufs Haupt drücken möchten, wenn er dies dazu tief genug vor unseren Freiheitsaposteln beugt.

Ich frage nicht, Herr Lornsen,« fuhr er dann fort, »zu welcher Partei Sie sich schlagen werden. Eine deutsche Partei giebt es hier nicht, es müßte denn diejenige Partei sein, die möglichst alles beim Alten erhalten will.«

»Ich glaube,« erwiderte Lornsen, »daß ich nicht das geringste Recht habe, irgend einer Partei anzugehören.«

»Sehr gut,« sagte Hammersteen, »und was Ihnen auch gesagt werden mag, glauben Sie mir, daß es in Ihrer jetzigen Lage das beste ist, wenn Sie gar keine Meinung haben. Als Subalternbeamter ist dies an und für sich Ihre Pflicht. Steht man hoch und fest, so kann man sich einmischen; will man Carriere machen, so muß man vor allen Dingen schweigen und gehorchen und durch seinen Eifer sich auszeichnen. Es ist nicht wahr, daß nur der Soldat zum unbedingten Gehorsam verpflichtet ist; jeder Beamte ist in derselben Lage. Eine Regierung muß von ihren Beamten, wo und wer diese auch seien, anhängliche Ergebenheit fordern. Die laxe Lehre, daß ein Beamter thun könne, was er wolle, wenn er nur seine Geschäfte erfülle, ist verwerflich. Seine Pflichten gehen über die Geschäftsstunden hinaus, er muß zu jeder Stunde das Lied des Herrn singen, dessen Brot er ißt.«

»Also sich mit Leib und Seele verkaufen?« lachte Jens.

»Hören Sie, Herr Lornsen,« erwiderte der Baron vertraulich, »alles, was ich Ihnen sage, ist mein guter Rat, und eben, weil ich glaube, daß er nicht auf schlechten Boden fällt, bin ich weitläufig. In der deutschen Kanzlei werden Sie mehr als einen finden, der in betreff der Rechte der Herzogtümer und über konstitutionelle Träumereien Ihnen schöne Dinge auftischt. Glauben Sie davon, was Sie wollen, aber denken Sie immer an den altgriechischen Weisheitsspruch, daß der Mensch zwei Ohren, aber nur einen Mund hat. Sie verstehen mich. Sie werden Gelegenheit haben, Ihre Kenntnisse, Ihren Eifer und Ihre Geschicklichkeit zu beweisen. Wenn Sie wollen, werden Sie bald steigen, und in meinem Hause mir und meinem Kreise immer willkommen sein. Da kommt meine Tochter und Kammerherr Branden. Ich will Sie sogleich mit ihm bekanntmachen; er kann Ihnen mannigfach nützlich sein durch seine Protektion. – Protektion! das ist auch ein Wort, das Sie sich merken müssen.«

Die letzten Sätze hatte er leise und rasch gesprochen, während er aufstand und Lornsen freundlich die Hand schüttelte. Die Thür des Bibliotheksaales war inzwischen von einem breitschultrigen, kleinen Herrn geöffnet worden, der den Staatsrat mit einer Hutschwenkung grüßte und dann wartend stehen blieb, bis Lina plötzlich hastig hereintrat und an ihm vorüber ihrem Vater zueilte.

Als sie vor Lornsen stand, lachte sie fröhlich auf. »Meines Vaters Wunsch haben Sie erfüllt,« sagte sie, »er sieht Sie jetzt im schwarzen Frack und weißer Binde, wie es sich paßt und schickt für den Mann von guten Sitten; ich aber, Herr Jens Uve Lornsen aus Sylt, sehe Sie immer noch, trotz Ihrer jetzigen Verkleidung, in der Jacke und dem Südwester am Steuer stehen. So helfen Sie denn rüstig hier das Staatsschiff lenken; wenn aber Ihre Hände ruhen dürfen, so kommen Sie zu uns, wir wollen uns bemühen, Ihr Heimweh zu mildern.«

»Herr Lornsen ist viel zu sehr Weltmann, um an einer Krankheit zu leiden, die Bauern und Hirten befällt,« rief der Staatsrat. »Ihnen, lieber Kammerherr Branden, stelle ich hier unseren jungen Freund vor, von dem Sie uns so oft reden hörten. Ich glaube, daß ich nichts weiter zu seiner Empfehlung sagen darf.«

Der Kammerherr war einige Schritt entfernt stehen geblieben und hatte, während Lina sprach, Lornsen durch sein goldgefaßtes Glas betrachtet. – Jetzt ließ er es fallen und trat mit Freundlichkeit heran. Er hatte viel Wohlwollendes und Gutmütiges in seinem Gesicht, dazu die Höflichkeit und den Komplimentenreichtum des Mannes, der in guter Gesellschaft nie an Redensarten Mangel leidet, und an Selbstbewunderung gewöhnt ist.

Er überhäufte Lornsen mit Versicherungen seiner Freude, ihn kennen zu lernen, fragte und erzählte dann rechts und links, kam von dem einen aufs andere, von Stadtneuigkeiten auf Hofneuigkeiten, von Kopenhagen auf Sylt, von seinen neuen Pferden auf eine neue Tänzerin, und endete endlich mit einem schallenden Gelächter auf die Seeabenteuer des armen Staatsrats und dessen köstliches Souper auf der Hallig.

»Wirklich, Herr Lornsen,« rief er, »im nächsten Sommer begebe ich mich unter Ihren Schutz, um diese merkwürdigen, lieblichen Inselchen zu beschauen, die kostbarsten Besitzungen Seiner Majestät. Ich habe bei Hofe schon davon erzählt, Se. Königliche Hoheit der Kronprinz war äußerst begierig, mehr zu hören. Sie müssen sich vorstellen lassen, es wird sich die Gelegenheit finden. Sie sprechen doch dänisch?«

»In der That, nein.« sagte Lornsen; »aber der Kronprinz spricht sehr gut deutsch.«

»Allerdings, so gut wie Se. Majestät der König, der seine deutschen Unterthanen immer deutsch anredet. Es ist überhaupt niemand bei Hofe, der nicht deutsch spräche, aber seit einiger Zeit erwacht ein gerechter Nationalstolz, der aus allen Gesellschaften die deutsche Sprache verbannt.«

»Herr Lornsen lebt hier unter Dänen, er wird in kurzer Zeit ein Däne sein,« lachte der Baron.

»Glauben Sie, daß es möglich ist, seine Nationalität abzustreifen?« fragte Jens, in den Ton eingehend.

»Ohne Zweifel,« rief der alte Herr. »Sie sind, wie Sie sagen, ein Deutscher. Nun gut, die Deutschen haben das Talent, alles zu sein, was sie sein wollen. In Rußland werden sie Russen, in England Engländer, in Frankreich Franzosen und in China die besten Chinesen! Ubi bene ibi patria! Das Sprichwort ist für die Deutschen erfunden. Wir haben hier viele Deutsche, die Dänen sind vom Wirbel bis zur Zehe. Lernen Sie dänisch, Herr Lornsen, das übrige wird sich finden.«

Eine Wolke von Unmut lag in Lornsens Augen. »Begleiten Sie mich,« sagte Lina, »ich will Sie gleich in den Anfangsgründen unterrichten. Mein Vater und der Kammerherr kommen nach, ich habe das Frühstück in den Gartensaal bestellt.«

»Und mittags bleiben Sie bei uns, Herr Lornsen,« fiel der Staatsrat ein; »nachmittags zeigen wir Ihnen die Stadt und machen dann eine Spazierfahrt in den Tiergarten. Ohne alle Umstände, lieber Freund, ohne alle Umstände.« – Lornsen verbeugte sich und folgte seiner Beschützerin.

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