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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 7
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
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Sechstes Kapitel.

Zwei Wochen war Jens Lornsen im Hause seines Vaters und eifrig wurde von mehr als einer Seite daran gearbeitet, ihn ganz für den Plan zu stimmen, den man entworfen hatte, um ihn zum reichsten Eigentümer auf der Insel zu machen. Mit Hilfe einer jungen schönen Frau, die ihn liebte und deren häuslich kluges, verständiges Wesen ihm zur Seite stehen und fesseln würde, glaubte man gewonnenes Spiel zu haben und alle Unschlüssigkeit zu besiegen.

Der stolze und unruhige Geist, der in Lornsen wohnte, bedurfte offenbar Zeit, um sich zu unterwerfen. Erregter als je, war er den verschiedensten Stimmungen verfallen. Bald sah man ihn froh und liebenswürdig, mild und unbefangen, wie ein Kind sich den Eindrücken hingeben, und jeder, der ihm nahte, fühlte sich durch seine Erscheinung sowohl wie durch sein Wesen in gleicher Weise angezogen, bald wieder fand man ihn verschlossen und ernst sich zurückziehend, und vergebens erwarteten ihn seine Freunde. – Durch Körperkraft und Schöne wie durch seine hohe Gestalt ragte er weit über alle anderen hervor; durch seine geistige Tüchtigkeit, seinen Rat und seine Willensstärke hatte er sich Achtung erworben, und selbst in seiner eigenen Familie wurde ihm diese in solchem Maße zu teil, daß eine gewisse Scheu jeden Mund schloß, wenn er ernst und scheu um sich blickte.

Fast jeden Tag aber besuchte er Petersens Haus und bei der Verabredung, die zwischen den Familien getroffen war, wurde er dort mit steigendem Wohlwollen empfangen. Der Vater betrachtete ihn als seinen Schwiegersohn, die Tochter als ihren Bräutigam, und ohne daß das entscheidende Wort fiel, wußte doch jeder, daß Jens an einem bestimmten Tage seinen Antrag machen und was dann geantwortet werden würde. Mit der Ruhe der Gewißheit mochte man es abwarten, die jungen Herzen inzwischen ihr Spiel treiben lassen, in der Stille aber für alles sorgen und überlegen, was notwendig war.

Petersen hatte seine Freude, mit welchem Ernst und welcher Verständigkeit Jens jedes Ding zu ergreifen verstand. Es zeigte sich, daß er nicht allein aus Büchern viel gelernt hatte, und daß er ein kühner Seemann sein konnte, er redete auch vom Landbau mit Einsicht und wo er Hand anlegte, gleichsam um zu zeigen, daß er das auch könne, bewunderte man seine Geschicklichkeit und seine Kraft, mit der es keiner aufnahm.

So vergingen die Tage; aber ohne daß es ein Mensch zu merken schien, wuchsen Unruhe und Zweifel in der Brust des jungen Mannes. Niemand sah, wie er zuweilen mehrmals ging und umkehrte, ehe er sich entschloß, den Weg zu Petersens ernstlich anzutreten. Mit gewaltsamen Entschlüssen zwang er sich zum Nachdenken, dann kam die Lebensphilosophie sänftigend über ihn. Er warf die Anfechtungen fort, und wenn er bei Hanna saß, mit ihr sprach, in ihre treuen, großen Augen blickte, strömte ihre Ruhe über ihn hin und richtete ein Bild der Zukunft vor ihm auf, das glückverheißend ihn erwärmte.

Er sah wohl ein, daß die Stunde der Entscheidung an seiner Thür stand, und daß sie selbst ungerufen kommen werde, vom Zufall herbeigeführt, wenn die Absicht zu lange zögere. – Unentschlossen hatte er schon mehr wie einmal zu der bindenden Erklärung den Mund geöffnet, und immer war der Augenblick vergangen, immer war etwas hindernd dazwischen getreten. Er wußte wohl, daß Hanna und alle dies Wort erwarteten und unwillig gegen sich selbst wollte er den Zwiespalt enden.

Ein schöner Tag war gekommen, wolkenlos hing der Himmel über Meer und Land, als Jens seines Vaters Haus verließ. – Ein Gewehr über der Schulter und die Jagdtasche am Gürtel, nickte er seiner Mutter freundlich zu, die ihm nachschaute.

»Wohin willst du?« fragte die Frau.

»Zur Jagd, Mutter,« rief er zurück, »ich denke einen glücklichen Schuß zu thun.«

»Hast etwas Großes auf dem Korn, Jens?«

»Einen seltenen Vogel, Mutter, den ich dir mit nach Haus bringen werde,«

»So geh mit Gott, mein Sohn,« rief die Frau freudig lachend, »ich merke wohl, wo hinaus die Jagd geht. Bring mir deinen Vogel, ich will ihn lieb haben und ihm schmeicheln, aber sieh wohl zu, Jens, daß ihm kein Leid geschieht. Laß das Gewehr zu Haus.«

»Warum denn, Mutter?«

»Man soll mit Waffen nicht auf den Vogelfang gehen, soll's mit dem Stellnetz thun, um Unglück zu verhüten, – so steht's im Landrecht,« sprach die Mutter scherzend.

»Prophezeie Gutes,« erwiderte Jens, indem er die Warft hinabging und mit raschen Schritten die Deiche hinauf und durch die Wiesenwege Petersens Haus zueilte. Nach einiger Zeit aber hörte er hinter sich den Paß eines Rosses und eine Stimme, die seinen Namen rief. – Er blickte um und erkannte den Pfarrer Lorenz Leve, der ihn bald erreicht hatte.

»Wo hinaus, Jens?« fragte der alte Geistliche. »Hat der Herr Advokat sich noch nicht besonnen, woher er die Gründe nehmen soll, um den schwarzen Rock mit der blauen Jacke umzutauschen?«

»Ich bin eben dabei, die wilden Kaninchen in den Dünen und die Strandhasen danach zu fragen,« erwiderte Jens.

»Hört,« rief Leve, »Ihr seid der unbesonnenste, trotzköpfigste Friese, der mir jemals vorgekommen ist. Man rühmt es diesem Volke nach, daß es klar über die See durch allen Nebel sieht und die Wahrheit erkennt, mag noch so viel Blendwerk und Flunker sie umgeben. Ihr aber habt von dem Erbteil Eurer Väter nichts abbekommen.«

»Warum denn nicht?« fragte Jens belustigt.

»Weil Ihr sonst nicht mit der Flinte auf dem Nacken umherlaufen, sondern Besseres zu thun wissen würdet.«

»Und was könnte der Herr Pfarrer mir Besseres zuweisen?«

»Wie, Jens,« sprach der alte Mann spöttisch, seinen kleinen Hut bei der Krempe umdrehend, »das darfst du fragen? – Stehst wie der Esel zwischen Heu und Stroh, um zu verhungern, weil du nicht weißt, wohin du beißen sollst. – Blitz, Strahl und Stern! Willst ein Mann sein, der den Kopf hoch trägt und hängst ihn so tief, daß die Buben dich ans Haar fassen können.«

»Wer faßt mich an?« gab Jens lebhaft zur Antwort.

»Nun, wenn es kein anderer thut, so thue ich es,« sagte der Pfarrer. »Kommst mir gerade recht in den Weg, um dich ins Gebet zu nehmen; denn ich will nicht leiden, daß etwas geschieht, was nicht verantwortet werden kann von Jens Lornsen, den ich von Kindesbeinen an als einen tapferen, stolzen Burschen kenne.«

»Und was glaubt Ihr denn, lieber alter Freund, was jetzt falsch und unrecht an mir wäre?« fragte Lornsen.

»Höre, Jens,« sagte Lorenz Leve, »ich kenne dich besser wie andere und sehe mitten in dein Herz hinein, als wäre ich ein Gott, während ich doch nur ein armer alter Knecht des Herrn bin. – Du bist im Begriff, entweder etwas sehr Dummes oder sehr Kluges zu thun, je nachdem man es nimmt. In den Augen der Menschen ist aber manches sehr klug, was im Grunde dumm, wo nicht gar schlecht ist, und umgekehrt schlecht und dumm, was sehr weise und gut sein kann.«

»Und was sieht der gottähnliche, weise Herr Pastor denn mitten in meinem sündigen Herzen?« fragte Jens.

»Einen Kampf um Gutes und Böses, um Gerechtes und Ungerechtes,« rief der alte Mann, »und es soll mich wundern, wer dabei Sieger bleibt.«

»Ich bin eben auf dem Wege, um diesem Kampf ein Ende zu machen,« sprach Jens.

»Hab's gedacht,« fiel der Pfarrer ein, »aber laß dir sagen, Jens: die Stimme, mit der du das sagst, klingt ganz so, als ob's nicht wahr wäre und du wolltest es dir nur selbst vorreden. Nun sag ich dir, man kann die ganze Welt täuschen, aber gegen sich selbst muß man aufrichtig sein. Die Menschen machen es freilich so und darum ist ebenso viel Lug und Trug auf Erden. Sagte jeder zu sich selbst, was ich da thue, ist unrecht, ist falsch, ist schlecht, so würden die Könige und ihre Räte weniger sündigen und mancher andere Mann mit ihnen. Allein jeder lügt sich vor, er handle recht, oder er müsse so handeln, oder es sei klug, so zu handeln, und daraus entsteht das Lügengewebe, das selbst das Schlechteste zu rechtfertigen weiß.«

»Ich weiß nicht, wo hinaus die Moral des Pfarrers zielt,« sprach Jens gezwungen lachend.

»Du weißt es wohl,« rief Lorenz, »und weil du es weißt, will ich kein Wort weiter sprechen. Wähle, welchen Weg du willst. Du stehst hier am Scheidewege. Dort liegt Petersens Haus, da geht es in die Dünen hinein. Wähle zwischen dem friedlichen stillen Leben und dem unruhigen wüsten Treiben des Sandmeers, das der Sturm durchwühlt. Was du aber auch thun magst, wähle, daß es dich nicht reut, und wenn es dein Unglück nicht sein soll, laß auch nicht zu, daß anderer guter Menschen Glück dabei zu Grunde gehe.«

Mit diesen Worten gab er seinem Pferde einen Schlag und trabte davon, ohne sich weiter nach Lornsen umzuschauen.

Eine kurze Zeit ging dieser noch auf dem Wege vorwärts, dann bog er ab und über die Deiche hin, weit an Petersens Besitz vorüber, wanderte den mächtigen Dünen zu, die das Meer in seinen ewigen Kämpfen aufgetürmt hat, um sich selbst ein Ziel zu setzen. – Nach einiger Zeit war er im Bereich der unwirtlichen Wüste, gegen welche der Fleiß der Menschen sich zu schützen sucht, so gut es angeht. Ein paar verlassene Wohnungen, deren Reste aus dem Flugsande hervorragten, bezeugten, daß einst der belebende Atem der Natur sich auch hierher erstreckt hatte, bis er ausgelöscht worden war vom Fluche ewiger Unfruchtbarkeit. Der feine Sand lag zusammengeweht an den verlassenen Mauern und rieselte langsam durch hohle Fenster hinein, bis er endlich alle Räume ausgefüllt hatte und nichts mehr zu erblicken war, als ein unförmiges wellenartiges Grab. Ähnliche Hügel bildeten eine Kette, bald höher, bald niedriger, welche weithin die Küste einfaßte. Bei jedem Windstoß wirbelte der Sand empor, hoch in die Lüfte, kein Halm, keine Lebensspur war zu entdecken.

Langsam klomm Jens durch die öden Thäler dieser Wüste weiter. Die Stille des Todes herrschte darin. Wohin sein Fuß tief sinkend trat, es rieselte leise die Spur hinter ihm zusammen. Dann und wann brach ein Luftstrom von der See herein, raschelte in den dürren Ranken, die da und dort an geschützten tiefen Stellen standen und brachte einen Vogel zum Auffliegen, der schweigend in die Luft stieg und verschwand.

Es hat etwas seltsam Beängstigendes, dies unermeßliche Landmeer, wo Hügel an Hügel liegt, alle blendend weiß, alle ohne Leben und doch so lebendig. Wo heute ein Berg ist, findest du ihn nach wenigen Wochen kaum mehr; was ein Thal war, ist aufgewachsen; wo eine Spitze sich erhob, ist sie fortgeweht; wo Halme und Ranken standen, hat der fliegende Sand sie tief begraben. Oft aber sind die Dünen auch fester geworden und nach der See zu hat der menschliche Fleiß sie in Aufsicht genommen und hält sie in Ordnung, um Haus und Leben zu schützen. Hürdengeflechte halten den Sand auf, daß er nicht fortgeführt werden kann, mit Tang und Geröll wird er gemischt, damit ein mattes Grün seine Wurzeln darin verschlinge. Tiefen werden ausgefüllt, um die natürlichen Bollwerke gegen die wilde See zu verstärken. Als Jens eine der höchsten Dünenspitzen erreicht hatte, setzte er sich nieder und ließ seine Blicke über die fesselnden, wunderbaren Gegensätze der Natur schweifen, die sich vor ihm aufthaten. Da lag der blendende Dünenwall lang ausgestreckt in seinem Grabesschweigen, und schied das blaue Meer, von der grünen segensvollen Marsch. – Kein Brausen der Brandung, kein hohles Rauschen, kein Ton unterbrach die Stille. Das Meer hatte sich weit zurückgezogen, so weit, daß das Auge kaum erkennen konnte, wo der weißgekräuselte Strich begann, der wie ein Faden von Silber herüberglänzte. Es war tiefe Ebbezeit, der Grund bloßgelegt und hier gerade bildeten die Dünen ein weites Becken von Hufeisenform, das eine Bucht einschloß, die auf eine Stunde Breite nur trockenes Land zeigte.

Auf der anderen Seite aber lag die Marsch grün und duftig. Das Vieh weidete in großen Scharen darin, aus der Ferne stieg die Spitze eines Kirchturms auf und in ungewissen Abrissen zeigten sich die Häuser eines Dorfes, Schwärme von Seevögeln aller Art deckten ganze Flecke der reichen Grasebene, als wüchsen weißschimmernde Blumen dort. Die großen Kubben und Möwen flogen hin und her, Backern und Liapen und zahllose wilde Enten zogen da und dort hin, kamen näher und verschwanden. Ihr Geschrei drang von Zeit zu Zeit verhallend bis zu dem einsamen Mann, der im tiefen Nachsinnen bald auf Meer und Dünen, bald auf die stillen Höfe in der Marsch blickte.

Über seinem Kopfe zogen zwei Seeadler lautlos ihre Kreise und aus dem Schoße der Sandberge schlüpften wilde Kaninchen, richteten sich vor ihm auf und stürzten scheu in ihre Höhlen zurück, als sie ihn sprechen hörten.

»Alter Lorenz Leve,« rief Jens nach einer langen Zeit, »das meinst du also, sei die Welt, die mich erwartet?! Eine Sandwüste, in der keines Menschen Fuß eine Spur zurückläßt, in der nichts Gutes gedeiht; die schreckliche Verödung, in welcher alles stirbt und nichts atmen und leben kann als Raubvögel und ärmlich Getier, das ihre Speise wird. Dort aber, in der grünen Marsch, könnte ich friedlich wohnen und alt werden, beglückt mehr als viele, geehrt und geliebt von allen. Und wenn ich einst tot bin, werde ich bei denen schlafen, die mich geboren haben, von denen beweint, die mich Vater nannten und mein ganzes Herz, erfüllten. O! welch Bild, welch Bild! und doch will ich mehr und fordere mehr!«

Er stützte den Kopf mit beiden Händen und sah in die schrankenlose Weite, wo Himmel und Meer verschmolzen; plötzlich aber sprang er auf und richtete mit steigender Teilnahme seine Aufmerksamkeit auf einen näheren Gegenstand. Von der gegenüberliegenden Spitze der großen Bucht war ein Mann in den bloßgelegten Grund des Meeres hinabgestiegen, der dort irgend etwas suchen mochte. Er war weit hinausgelaufen und schien noch immer nicht still stehen oder umkehren zu wollen.

»Der Narr!« rief Jens, nachdem er einige Minuten lang ihn betrachtet hatte; »sieht und fühlt er nicht, daß die Flut in der Rückkehr begriffen ist?!«

Es ist ein gewöhnliches Schauspiel, in Zeiten der Ebbe den meilenweit bloßgelegten Meeresgrund von Menschen durchirren zu sehen, die in den Rinnen und Löchern Krabben, Rochen und allerlei Meergeschöpfe suchen. – Die Schlickläufer mit ihren Säcken, oft sogar zu Pferde, ziehen weit hinaus, um ihr Glück zu versuchen, und kehren nicht selten durch reichen Fang belohnt zurück. Zuweilen hat das Meer sogar aus unbekannten Flötzen große Stücke Bernstein losgerissen, die gut verkauft werden können, aber wehe dem Unbesonnenen, der sich von der zurückkehrenden Flut und dem Nebel überraschen läßt, der häufig urplötzlich aufsteigt und das rettende Land einhüllt.

Jens beobachtete den Schlickläufer. Der Mann war ganz allein und ging im weiten Bogen um die Bucht. Zuweilen blieb er stehen und sah sich nach dem Lande um, dann schritt er wieder vorwärts, untersuchte mit seinem Stocke den Grund, sprang über Rinnen, die ihm den Weg sperrten und entfernte sich stets weiter.

Nach einiger Zeit schien es, als ob über den bis dahin ganz heiteren Himmel sich ein feiner, durchsichtiger Schleier ausspannte. Die Sonne nahm ein rötliches Licht an, dann glänzte sie wieder hell wie zuvor, um nach einigen Minuten sich von neuem dunkler zu färben.

So eilig er konnte, lief Jens von der Dünenspitze herunter und an der Bucht hin, bis zu ihrem äußersten Ende. Was er erwartete, erfüllte sich jedoch schneller als er gedacht hatte.

Die feinen Nebel, welche die Sonne zu umspielen schienen, waren in wenigen Minuten so dicht geworden, daß die dunkelrote Kugel kaum noch zu erkennen war. – Das Land hinter ihm, die Dünen und die grünen Wälle der Marsch lagen lieblich erleuchtet, der Nebel ruhte nur auf Vorland und Watten, aber er verdichtete sich mit jedem Augenblick mehr und hüllte weit die ganze Küste ein.

»Welch seltsames Schauspiel!« rief der junge Mann. »Wer wird es glauben von euch, die ihr sicher im ruhigen Lande wohnt, daß wenige Minuten hinreichen, um hier wie mit Zauberei Tag in Nacht zu verwandeln. Es fehlte nur noch,« rief er erschrocken, indem er seinen Fuß auf den weich werdenden Meeresgrund setzte, »daß die verräterische Flut vorzeitig zurückkehrte, wie sie es oft thut, wenn sie ihren grauen, schrecklichen Bundesgenossen, den Nebel, mitbringt – und,« plötzlich hielt er inne, legte die Hand an sein Ohr und hörte scharf einige Augenblicke auf ein leises dumpfes Stöhnen, das ein plötzlicher Windstoß herbeizuführen schien.

»Er ist verloren!« schrie er heftig und laut, »die Flut kommt eine volle Stunde früher.« Eilig lief er eine kleine Strecke in den Nebel hinein und schmetterte sein Hallo dem Winde entgegen, der vom Meere hereinwehte und den Ton zurückwarf. Plötzlich aber öffnete sich ein Spalt in dem grauen Gebirge, wie eine Gasse zwischen senkrechten Wänden. Jenseits leuchtete das heitere Sonnenlicht, der Himmel war rein und blau, der Boden des Meeres lag so klar und trocken, als drohe nirgends Gefahr. Der Blick konnte bis in die weiteste Ferne dringen, an deren Grenzen ein welliges dunkles Etwas sich zu strecken und zu winden begann wie ein ungeheurer Leviathan, der, während er schlief, sich in Netzen verstrickte und nun erwacht, mit den Schlägen seiner Flossen sich frei zu machen sucht.

»Hierher! Hierher!« rief Lornsen, der jetzt den Schlickläufer entdeckte, welcher, so schnell er konnte, dem Lande zueilte. »Er hat gute Beine,« sagte er, »aber das graue Gespenst wirft schon seine Schlingen aus, bald genug wird es ihn festhalten.«

Und während er sprach, wälzte sich eine Wolke hinter dem Flüchtling her, der wie ein gehetztes Wild ihr zu entgehen suchte. Von allen Seiten schoben sich Nebelmassen über den schwarzen Grund, als wollten sie ihm den Weg abschneiden. Bald suchte er ihnen zu entgehen, bald brach er sich den Pfad durch sie hin, dann sprang er in großen Sätzen über die Löcher, dann fiel er wieder und richtete sich mit verzweifelnder Eile auf. Nach wenigen Minuten aber war er von den düsteren Dämpfen eingeschlossen, nur sein Kopf ragte noch daraus hervor und wie triumphierend über den gelungenen Fang, wirbelten die bleichen Säulen, gleich ungeheuren Armen über ihm empor und löschten das Licht der Sonne aus.

Bei diesem Anblick sprang Jens von der letzten Sandscholle, auf welcher er stand, in die Nebelschicht, deren Spalt noch immer geöffnet war, und ohne sich zu bedenken, lief er durch sie hin weit in die Watten hinaus, immer in derselben Richtung auf den Schlickläufer los. Hinter ihm aber schloß sich das Thor zu, als hätten böse Geister nur darauf gewartet. Er achtete es nicht, daß sie ihm nachjagten; so lange er vor sich und um sich sehen konnte, sprang er über Löcher und Gerinne, und wiederholte sein lautes und heftiges Geschrei ohne Aufhören, um dem Schlickläufer ein Zeichen über seine Richtung zu geben.

Endlich stand er still, denn er konnte nicht weiter. Vor ihm lag eine tiefe Rinne und langsam und geräuschlos quoll das Wasser unter dem weichen Sande hervor. Die Senkungen füllten sich aus, es tropfte und rieselte über den Boden hin, erst kaum merklich, dann deutlich genug. Das Wasser in den Rinnen schwoll und kräuselte sich, und um ihn ballten sich die Nebel so dunkel und dicht, daß er nur wenige Schritt weit sehen konnte.

Bald fühlte Lornsen die Flut um seine Füße spielen, und wie er horchte und rief und auf Antwort wartete, er konnte nichts vernehmen. Ein furchtbares Schweigen lag auf dieser grauenvollen Ebene, nur dann und wann von einem hohlen Rauschen unterbrochen und mit jeder Minute, Zoll für Zoll, kroch die Flut höher an ihm auf, mit jeder Minute sperrte sie ihm den Rückweg um so sicherer ab.

Plötzlich hörte er in der Ferne eine Stimme, einen jammernden Hilferuf, der schnell verweht wurde. Nach einigen Augenblicken wiederholte sich der Schrei, aber er schien aus einer anderen Richtung zu kommen.

»Ich kann's nicht lassen!« rief Lornsen mit dem Mute, der allen Gefahren Trotz bietet; »ich kann ein menschliches Wesen nicht umkommen lassen, und sollte ich mit ihm enden müssen.« Er umging die tiefe vollgefüllte Rinne und bis ans Knie durch die steigende Flut watend, drang er mit lautem Geschrei vorwärts.

»Hierher! um Gottes willen, hierher!« hörte er durch den Nebel rufen.

»So komm mir entgegen,« rief er zurück.

»Ich kann nicht,« sprach der Schlickläufer, »vor mir liegt eine Tiefe, meine Füße liegen fest, ich kann nicht fort.« Jens stürzte sich in das Loch, das Wasser ging ihm bis an die Brust, im nächsten Augenblick stand er neben dem Manne und sah in sein entsetztes, von Todesangst erfülltes Gesicht.

»Hilgen!« rief er, »du bist es. Ich hätte dir mehr Vorsicht zugetraut.«

Heinrich Hilgen klammerte seine Hände fest an den Helfer und sprang dann ebenso schnell von ihm zurück. Seine starren Blicke hefteten sich forschend an ihn; er schien von einem sinnverwirrenden Schrecken befallen, der ihm Willen und Nachdenken raubte. »Ich weiß nicht, wie es kam, ich hatte meine Augen nicht offen,« stöhnte er. – »Gott, wo hinaus, Jens? – Wo bist du hergekommen? – Bist du es denn?«

»Ich bin's,« erwiderte Lornsen, »sei ohne Furcht, nur fort mit uns««

»Wohin?« rief der andere entsetzt, – »Du führst mich falsch, was willst du von mir? Es ist der Tod!«

»Die Angst hat dich verwirrt,« sagte Jens. »Hier hinaus müssen wir. Vor uns liegt die Rinne, jenseits ist fester Boden, Gieb mir deine Hand und halte dich fest.«

Aber Hilgen riß sich los und sah ihn mit wahnsinnigen Blicken an. »Fort!« schrie er auf, »du bist es nicht. Du bist mein Feind, dich hasse ich zumeist; nun schickt dich der böse Geist mir entgegen.«

»Thor!« gab Jens zur Antwort, »der böse Geist sitzt in dir, um dich zu verderben. Komm, in wenigen Minuten ist es zu spät.«

»Nein!« rief Hilgen, »fort, fort! Im Namen Gottes, weiche von mir!« und rasch wandte er sich um und lief zurück dem Meere entgegen. Aber Jens faßte ihn um beide Arme und nun folgte ein kurzes schreckliches Ringen, mitten im Nebel und Wasser. Die beiden Männer standen Brust an Brust zusammengepreßt, alle Sehnen gespannt, alle Pulse pochend, wilde Todesangst in dem bleichen Gesicht des einen, grimmige Entschlossenheit in den Mienen des anderen, wie sie der Wächter hat, der den Wahnsinnigen zu überwältigen sucht, wohl wissend, daß er siegen muß, wenn er nicht sein eigenes Leben lassen will. Wie ein Verzweifelnder schlug Hilgen um sich, endlich stürzten sie beide nieder. Niemand hörte ihre Worte, niemand den letzten furchtbaren Schrei nach Hilfe, den Hilgen ausstieß, als er halb erstickt von Jens aufgehoben wurde. Leblos lag er in den Armen des Mannes, auf den sein letzter Blick mit unsäglichem Entsetzen fiel; aber ohne Zaudern nahm Lornsen den Körper auf seine Schulter, suchte nach der Rinne, die ihm allein die Richtung geben konnte, und als er sie gefunden hatte, sprang er hinein und trug Hilgen weiter mit ungeheurer Anstrengung.

Der Weg dünkte ihn unendlich lang, und mehr als einmal ergriff ihn der schreckliche Gedanke, daß er fehl gehe. Er stürzte in Löcher und hob sich mit Mühe wieder auf, immer darauf bedacht, Hilgens Leben zu erhalten. Das Wasser reichte weit über seinen Leib, hinter sich vernahm er den Schlag der Wellen, die in langen Linien heranrollten. Es war ihm, als hörte er in dem dichten Nebel ein entsetzliches Gelächter, Stimmen, die über ihm kreischend hinfuhren und deren Ton ihn durchschauerte. Er konnte kaum mehr feststehen auf den Füßen, kaum mehr vorwärts schreiten; seine Stirn bedeckte sich mit Schweiß, ein Zittern der Schwäche lief durch den starken Körper; er fühlte die Sichel der Vernichtung an seinem Haupt.

»Soll ich so enden!« rief er mit bitterer Heftigkeit. »Wäre das mein Los und kein anderes Schicksal mir beschicken? – Es kann nicht sein, o Lina! Lina! wenn du mein Schutzgeist bist, so stehe mir bei!«

Und kaum hatte er diese Worte gerufen, als ein Windstoß die Nebel zerriß und wie von Zauber hergeführt der Strand vor ihm lag. Die Sonne glänzte auf den Dünen, kaum hundert Schritte hatte er noch zu thun und so genau war er gegangen, daß fast an derselben Stelle, wo er hineingesprungen in die treulosen Watten, er wieder das Ufer betrat.

Mit einer letzten Anstrengung trug er Hilgen noch eine Strecke hinauf, wo hinter Hürden, die den Sand zusammenhielten, ein Heidelbeerenfeld sich ausbreitete. Dort legte er ihn nieder und setzte sich an seine Seite. Erschöpft von solcher Not lehnte er den Kopf an das Weidengeflecht, das Wasser troff ihm aus Haar und Kleidern. Sein Gesicht war totenbleich, er heftete seine Blicke nachsinnend auf den leblosen Mann, und nichts unterbrach diese Einsamkeit als das Brausen der Flut, die jetzt zehn Fuß hoch an den Dünen aufschlug und die glänzenden Funken ihres Schaumes im warmen Sonnenlicht den ihr Entronnenen zürnend zuwarf.

Nach einiger Zeit schlug Hilgen die Augen auf, sein Blick fiel auf Jens, der die Arme über seine Brust gekreuzt an der Hürde saß und ihn ernsthaft betrachtete.

Hilgen richtete sich auf. Das Meer, die Düne, die Stelle, auf welcher er lag, waren ihm bekannt; sein Gesicht füllte sich mit freudiger Rührung, er wußte genau, was ihm geschehen war.

»Du hast mich hierher getragen, Jens?« fragte er.

»Ja,« war die Antwort.

»Gott vergelt' es dir! ich kann's nicht!« rief Hilgen, »Es war eine Angst, wie ich sie nie erlebte.«

Er streckte die Hand nach dem Freunde aus, aber Jens rührte sich nicht.

»Willst sie nicht annehmen?« fragte Hilgen betrübt.

»Was war's, was aus dir sprach?« erwiderte Lornsen. »Die Angst that es nicht allein, es kam tief aus deiner Brust hervor. – Warum hassest du mich, wie du keinen Menschen hassest? Warum bin ich dein Feind, dessen giftige Gestalt dir die bösen Mächte sandten, um dich ins Verderben zu locken?«

Hilgen schlug die Augen nieder, er deckte seine Hände darauf und schwieg.

Es trat eine Stille sein, durch nichts unterbrochen als durch den eintönigen Schrei der Seeschwalben, die auf den Wellenspitzen sich wiegten. Endlich zog Hilgen seine Hände fort und hob sie bittend gegen Jens auf. Seine Wimpern waren naß, sein Gesicht rot von Scham, er rang mit sich selbst um ein Bekenntnis.

»Höre mich an, Jens, ich will nichts verschweigen,« sprach er; »vergieb's mir dann, wenn du kannst. – Seit Tagen und Wochen ist es aus mit mir, ich bin nicht mehr, der ich war. Ich kann nicht denken, kann nichts schaffen; ich laufe umher mit einem Wurme am Herzen, der mich zernagt und wüst macht. – So war ich auch heut hinausgelaufen über die Dünen hin und durch die Watten, ohne zu hören und zu sehen. Und als ich weit draußen stand, mein Leid tief in mir, Feuer und Haß in meiner Brust, war es, als sähe ich dich hinter mir; ebenso wie ich dich jetzt sehe, deine Arme gekreuzt, aber Hohn und Spott in deinem Gesicht. Wohin ich blicken mochte, ich sah dich. Aus den schwarzen Rinnen schautest du mich an, in der Luft schienst du zu schweben, und wie mich umwandte, standest du auf der Düne und neben dir – eine andere.«

»Hanna Petersen,« sagte Jens.

»Da ballten sich meine Hände,« rief Hilgen, »meine Zähne klappten zusammen, ich lief vorwärts und immer weiter, ich wußte nicht wohin. Ein Fluch kam über meine Lippen, ein wilder Fluch über dich, Jens, daß die höllischen Geister dich hinausschleifen möchten in Nebel und Sturm und an deinen Haaren niederziehen in ihre Höhlen, wohin nie Luft und Tag kommt. Plötzlich wachte ich auf aus meiner Wut und sah an meinen Schuhen das Wasser rieseln, und wie ich zur Sonne aufblickte, sah ich die roten Nebel, – da wußte ich, was kommen würde. Bald war ich mitten darin; der Tod war hinter mir, rund um mich her, – plötzlich standest du an meiner Seite.«

»Und dein Gewissen kam über dich,« fiel Jens ein.

»Vergieb mir,« bat Hilgen, »ich werde es nimmer vergessen; ich will's abwerfen, was mich drückte. Wenn es Neid ist, will ich ihn ersticken; dein Glück will ich segnen, deine Freude soll meine Freude sein. Du verdienst es, Jens, ich will es vor aller Welt bekennen.«

»Liebst du Hanna Petersen?« fragte Jens.

»Ich hab's geglaubt,« rief Hilgen, »und wenn ich an sie denke, glaub ich's wohl noch. Ehe du hier warst, kam's mir auch so vor, als hatte Hanna Augen für mich. – Da sitzt es, Jens, da trifft der böse Feind den Fleck. Wäre er nicht gekommen, sie hätte dich gewählt, ruft er mir ins Ohr. – O! alles Glück der Erde über Hanna Petersen und alles Glück über dich, Jens. Du wirst es können, was sie auch sagen mögen. Du wirst sie ehren, wie ich sie geehrt hätte. Was ist es denn mehr! – Ich werde es überwinden, wenn du glücklich bist, Jens, wenn ich Hanna glücklich sehe, wird der Frieden Gottes mit mir sein.«

»Du irrst dich, Heinrich Hilgen,« gab Jens zur Antwort, indem er aufstand.

»Worin irre ich?« fragte der andere,

»In dir und mir,« sagte Jens. – Er reichte ihm beide Hände und half ihm auf. »Geh nach Haus,« sprach er, »du bist naß und krank, aber morgen tritt zu Hanna Petersen, und bring ihr meinen Gruß und Abschied.«

»Du willst fort!« schrie Hilgen auf, und durch seine Augen zuckte die Freude.

»Nach Schleswig hinüber,« rief Jens, indem er seine Hand los ließ, »Wenn ich übers Jahr wiederkomme oder wann's sonst geschehen mag, will ich mich an deinem Glücke freuen.«

Rasch stieg er die Dünen hinauf. Von der Höhe sah er zurück; Hilgen stand noch an der Stelle mit gefalteten Händen. Er winkte ihm zu und eilte durch das Sandmeer weiter, bis er nach einer Stunde vor dem Hause seines Vaters anlangte.

»Da ist er endlich!« hörte er seine Mutter rufen, und unter der Laube trat Frau Lornsen hastig hervor. Aber ganz erschrocken stand sie still und betrachtete den Sohn, der ganz verwildert aussah.

»Was ist geschehen, Jens?« fragte sie, sein nasses schmutziges Kleid anfassend. »Wo bist du gewesen?«

»Im Meere, Mutter.«

»Und vom Kopf zu Füßen, Wasser, Sand und Schlamm,« rief die Frau ängstlich.

»Es thut nichts,« gab er zur Antwort; »was naß und schmutzig ist, wird morgen trocken und rein sein.«

»Aber wo ist dein Gewehr, deine Tasche?«

»Verloren, ich weiß es nicht,« sagte Jens, indem er bei ihr vorüber ging. »Es ging heute viel verloren, Mutter.«

In der Laube saß der Kapitän auf der einen Seite am Tisch, auf der anderen Lorenz Leve. Beide rauchten und sahen schweigend auf Jens, der mit stummem Gruße zu ihnen trat und durch den anderen Ausgang weiter ins Haus wollte.

»Und der seltene Vogel, Jens, den du mitbringen wolltest?« fragte die Mutter, die ihn wieder erreicht hatte.

»Ich bin ein schlechter Jäger,« antwortete er, »Ich habe nichts von ihm gesehen.«

»Hat der Herr Advokat sich in den Dünen gesonnt, wo es nur Tüten und Kiebitze giebt?« lachte Lorenz Leve.

»So ist es, alter Freund,« sprach Jens, ohne in den Ton des Scherzes zu fallen, der sonst zwischen ihnen üblich war. »Sie sehen, wie gut ich Ihren Rat befolgt habe,«

»Hab's gedacht,« sprach der Pastor, »Setzt die Möwe in ein Lerchennest, sie wird nie singen lernen. Wird ihren wilden Flug immer wieder hinaus ins wüste Element nehmen, denn sie weiß nicht, was es heißt, im grünen duftigen Laube wohnen.«

»Wart einen Augenblick, Jens,« sagte die Mutter, als er fort wollte. »Der Postbote hat einen Brief für dich gebracht.«

Der Kapitän zog ihn aus der Tasche und reichte ihn seinem Sohne hin. Es war ein großes Wappensiegel darauf. Jens kannte die Handschrift nicht, er blieb stehen und brach das Siegel durch. – Nach einigen Augenblicken rötete sich sein Gesicht, das Blut drang hinein; man sah, daß er lebhaft erregt wurde. – »Morgen früh will ich fort,« rief er dann plötzlich aus, indem er das Blatt sinken ließ.

»Fort, Jens? – Wohin?«

»Nach Kopenhagen,« sagte er, den Brief auf den Tisch werfend, indem er sich entfernte.

Die Zurückbleibenden blickten sich bestürzt an. – »Er will uns verlassen, nach Kopenhagen gehen,« rief Frau Lorsen endlich, die Hände ringend. »Was ist über ihn gekommen?«

»Der fliegende Holländer,« brummte der alte Kapitän, »oder der Teufel selbst, der ihn in solche Untiefen treibt.«

»Ich begreif's,« sagte der Pfarrer »und wenn wir den Brief da studieren, wird es klar genug sein.« – Er nahm das Schreiben auf und fing an zu lesen. »Mein lieber junger Freund,« las er, dann sah er nach der Unterschrift und ließ sein gewöhnliches Lachen hören. – »Ist richtig!« rief er, »hier steht es: Baron von Hammersteen, Staatsrat. – Hab es wohl gedacht! daß es von daher kommt und was ihm im Sinne lag, die ganze Zeit über. Glaubt es mir, Kapitän Lornsen, mit Händen und Beinen war er auf Sylt, aber sein Kopf war in Kopenhagen; das brachte er nicht zu uns her.«

»Leset weiter, Lorenz Leve,« sagte der Kapitän.

»Nachdem wir zurückgekehrt sind,« las der Pfarrer, »und der gewöhnliche Gang unseres Lebens wieder begonnen hat, haben wir um so mehr Zeit uns daran zu erinnern, wie großen und vielen Dank wir Ihnen schulden. Es bedurfte wahrlich nicht der Mahnungen, die meine Tochter oft an mich ergehen ließ, um mir zu beweisen, wie sehr und wie dauernd ich Ihnen verpflichtet bin, und wie es an mir ist, jede Gelegenheit aufzusuchen, Ihnen dies deutlich zu machen. Sie wissen, Herr Lornsen, daß ich die Halligen und Inseln ungemein lieb gewonnen habe, und welche hohe Meinung ich von den Friesen hege. Das Souper auf Südfall wird mir ebenso unvergeßlich sein wie die romantischen Studien, welche mir Ihre Freundschaft verschaffte. Was ich meinen Freunden davon erzählte, trägt den Anstrich des Wunderbaren und erregt die allgemeinste Aufmerksamkeit. Ich begreife vollkommen, wie schwer es einem Eingeborenen werden muß, von allen diesen Herrlichkeiten zu lassen, und wie tief die Liebe der Heimat bei Ihnen wurzelt. Indes auch das Leben will seine Rechte und wer das Leben im Staate für sich gewählt hat, kann es nicht in enge Grenzen bannen. Nun wird es Ihnen bekannt sein, lieber junger Freund, daß unsere väterlich gesinnte Regierung sorgsam darauf bedacht ist, die tüchtigsten und fähigsten Köpfe nach Kopenhagen zu ziehen, um sie dort für den Staatsdienst auszubilden und zu verwenden. Ich spreche Ihnen nicht von den Vorteilen, welche dies nach allen Seiten gewährt und von der staatsmännischen Fernsicht dieser Beschlüsse. Sie sind zu einsichtig, um die Logik darin nicht genau zu erkennen und mit vollem Bewußtsein Ihre Entschlüsse zu fassen. Sehe jeder, wo er bleibe, sehe jeder, wie er's treibe! Sie wissen, was wir einst verhandelten. – Um nun zur vollen Verständigung zu kommen, sage ich Ihnen nur, daß ich mit einflußreichen Freunden gesprochen, Sie empfohlen und gewissermaßen Bürgschaft geleistet habe. Ihre Anstellung in der deutschen Kanzlei ist gesichert. Glauben Sie daher von meinem Anerbieten Gebrauch machen zu können, so antworten Sie nicht, sondern kommen Sie ohne alle Zögerung hierher. Karoline ist der Überzeugung, daß Sie kommen, so bin ich es denn auch, und in der frohen Erwartung, Sie recht bald selbst zu sehen, spare ich mir alles weitere auf und vereinige meine Grüße und besten Wünsche mit denen meiner Tochter. – Ihr treu ergebener Baron Hammersteen.«

»Prächtig geschrieben!« rief Lorenz Leve, als er den Brief beendigt hatte, »klar und bestimmt ausgedrückt und eine mächtige Zukunft an die Wand gemalt.«

»Dänische Windbeutelei!« murmelte der Kapitän.

»Sagt es nicht, Gevatter, sagt es nicht,« fiel der Pastor ein, »alles, was da geschrieben steht, ist wahr. – Wer steigen will, wer ein Mann im Staate werden will, muß nach Kopenhagen auf die hohe Schule. Hilft der Ehrgeiz hier im Lande zu gar nichts, da drüben ist er angebracht; darum laßt Jens seinen Weg gehen. Ist manch kleiner Advokat dort schon Graf und Minister geworden, hat Orden und Sterne auf seinen Rock gesteckt, gerade da, wo beim dummen Volke das Herz zu sitzen pflegt, und statt eine Bauerndirne heimzuführen, hat ein stolzes Fräulein ihm die Hand gereicht.«

Bei diesen Worten sah sich Lorenz Leve um und nickte Jens zu, der rasch seine Kleider gewechselt hatte und zurückgekommen war.

»Es freut mich,« sagte er, »daß Sie meinen Entschluß billigen. Er ist gefaßt, weil es so sein muß. – Es thut dir weh, Mutter, und auch der Vater sieht streng aus, aber ich kann's nicht anders.

Jeder Mensch folgt seiner Bestimmung, die sein Schicksal ist. Ich bin nicht dafür geschaffen, jetzt schon in meinem stillen Hause auf der Warft zu wohnen, in seinen einsamen Freuden mein Glück zu finden. So laßt mich denn gehen, bis ich mit vollem Bewußtsein erkenne, daß ich nach Sylt zurückkehren muß.«

»Wann war es denn,« fragte der Kapitän, sich zu ihm wendend, »als du mir sagtest, daß dein Ankergrund niemals am Öresund sein würde?«

»Ich weiß,« erwiderte Jens, »ich hab's gesagt und sage es noch. Aber ihr habt den Brief gelesen, der mir eine Zukunft eröffnet, die ich nicht zurückstoßen kann. Ich werde trotz dessen nach Kopenhagen gehen.«

»Und ein Däne werden!« rief Lorenz Leve. »Das heißt ein Mann von feiner Bildung, ein Mann im Staate, der das Gras wachsen hört. Bah! Jens, zieh die Stirn nicht zusammen, mein Kind! Niemand weiß besser als ich, wie du denkst und fühlst, und niemand verargt es dir weniger als ich, wenn du Vaterland und Freunde aufgiebst, um bei Jakob und Rahel zu dienen. Sieh aber genau zu, daß sie dich nicht betrügen, daß du die Lea nicht dafür bekommst.«

»Glaubt und meint, was Ihr wollt,« sagte Jens stolz, »ich kann's nicht hindern und nicht ändern; aber ich werde ein Friese bleiben und meinem Vaterlande nützen, seine Rechte schützen und fördern; das wird meine Aufgabe sein.«

»Zuvörderst,« sprach der alte Lorenz, indem er ernsthaft den Finger an die rote Nase legte, »lerne lispeln und Komplimente drechseln, denn darin besteht die Kunst, dänisch zu reden.«

»Doch ich sehe,« fuhr er fort, »es ist mit dem künftigen Herrn Minister kein Spaß zu treiben. Laßt ihn gehen, Gevatter, und gebt ihm Euren Segen. Es war ein unkluger Gedanke von Euch, seinen Ehrgeiz in ein friesisches Haus sperren zu wollen. Weder das Haus genügt ihm, noch Hanna Petersen. Ist es nicht so, Jens?«

»Es ist so,« erwiderte dieser. »Hanna wird glücklicher sein ohne mich.«

»Ich glaub's,« rief der alte Mann, »aber ob du es sein wirst ohne sie, das ist die Frage.«

»Du bist zufrieden, Vater, wenn ich gehe«?« sagte Jens.

»Ein Mann muß wissen, was er thut,« erwiderte der Kapitän. »Sieh zu, wie weit du kommst. Habe es wohl anders gemeint, aber immer ist hier deines Vaters Haus.«

»Und meiner Mutter Herz,« rief Jens, ihre Hände fassend.

»O, mein Sohn, mir ist so bang um dich,« sagte die Frau mit nassen Augen. »Muß es denn sein? Bedenke es nochmals, Jens. Alles, was dänisch ist, ist falsch. Laß dich nicht verlocken, glaube ihnen nicht: sie werden dich betrügen, wie sie uns alle betrogen haben. Hanna ist gut, sie liebt dich, denke, was wir leiden.«

»Es muß sein, Mutter,« sprach Lornsen. »Ein Mann muß wissen, was er thut.«

»Bravo!« rief Lorenz Leve, »nicht gewankt und nicht gewichen. Und nun stoßt an auf den Herrn Minister und sein Glück!«

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