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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 6
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
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Fünftes Kapitel

Nach einer Stunde ging der Advokat durch die Wiesengelände an hohen Deichen hin, während der Pfarrer noch immer bei seinen Eltern saß. Da und dort, in der Nähe und Ferne, wurde die Eintönigkeit des tiefen, geschützten und fruchtbaren Landes von den künstlichen Hügeln unterbrochen, auf denen die Häuser lagen. Man konnte sie erkennen an dem Kranz von Bäumen und Gebüschen, die mit ihrem Schatten sie kühlten, während sonst in der Ebene kein Strauch zu entdecken war. Die Sonne beleuchtete das saftige Grün und reiche Ernten; sie beglänzte die roten Dächer, welche halb versteckt aus dem Geblätter schauten; jenseits des Deiches aber, an welchem Jens emporstieg, warf die See lange schaumige Wellen auf, die über die Strohstickung hinrollten und in der Ferne, weit über die wüsten Dünen hinaus, welche westwärts einen mächtigen Wall gegen Fluten und Stürme bilden, lag der strahlende Schild des Meeres ausgestreckt.

Der junge Mann nahm den Hut ab und ließ den frischen Wind seine Stirn kühlen. Er betrachtete Land und Meer mit Freude und Stolz, bis er endlich lächelnd sagte: »Ich, ein Abtrünniger, ich, der ich mit allen Fäden meines Herzens an diesem Lande und an meinem Volke hänge! Und doch traf mich der alte Lorenz, ich weiß nicht wo; ich konnte nichts dagegen sagen. Es war mir, als sei mein Leben wirklich ärgerlich und ohne Ziel, mein Sinn verderblich und hochmütig.

Und dort,« fuhr er fort, indem er auf eine entfernte Warft blickte, welcher er rüstig näher schritt, »dort wohnt sie, die mir Frieden geben soll. – Laßt sehen, ob sie es kann und ob ihr recht habt, ihr klugen guten Leute.«

Bald war er auf einem Pfade, der zu dem Hause führte. Über verschiedene breite Gräben lagen Brücken, andere übersprang er leicht; endlich stand er vor dem Hügel, der, rings umschlossen von einem schilfigen Wasser, sich breit ausdehnte, und außer dem langen niederen Wohnhause, noch mächtige im Viereck gebaute Wirtschaftsgebäude trug, die einen ansehnlichen Besitz verkündigten.

Solch altes Friesenhaus auf seinem Hügel, umringt von Gräben und von festen Mauern aufgeführt, ist eine stattliche Burg, sagte er, es wohlgefällig betrachtend. Freie, edle Männer haben darin gewohnt und das ist ein besserer Adel, als der anderer Länder. Peter Petersen hat mehr tapfere Ahnen aufzuweisen als mancher Baron, und wenn es auf Besitz und Thaler ankommt, fügte er leise lächelnd hinzu, macht er seinem alten Stammbaum auch keine Schande.

Jenseits der Zugbrücke, die er überschritt, war ein Thor in der Hecke, an welche sich der Garten schloß, der die gewöhnlichen großen Blumenbeete enthielt. – Jens strich rasch vorüber, denn ihn erwartend stand oben ein Mann im blauen friesischen Bauernrock, klein und breitschultrig, sein Gesicht voll faltiger, derber Züge, aus dem die Augen gutmütig, aber klug hervorsahen. – Er rauchte und hielt in der Hand einen langen Stock, auf den er sich stützte, auch nahm er die Pfeife nicht aus dem Munde, als er die freie Hand dem Gast entgegenstreckte; aber mit sichtlicher Freundlichkeit rief er ihm zu: »Nun, Jens Lornsen, ist mir lieb, Euch zu sehen. Seid also wohlauf nach Haus gekommen und habt den Weg zu Petersens Haus nicht vergessen? – Meinte schon, würdet wieder nach Schleswig fahren, ohne uns die Ehre anzuthun.«

»Das könnt Ihr nicht gemeint haben, Herr Petersen,« sagte Jens, »denn ich habe es noch nie vergessen.«

»Ist wahr,« sagte Petersen, »aber die Zeiten ändern sich. Der Bauer in Sylt ist kein Mann für vornehme Leute und wer mit den Herren in Schleswig verkehrt, einen Baron und Staatsrat sogar nach Haus führt, hat nicht viel Stunden übrig, um an alte Nachbarn zu denken.«

»Kommt es da heraus,« rief Jens lachend. »Wer in aller Welt hat denn schon meine Geschichte von gestern hier erzählt?«

»Beruhigt Euch, Jens,« sagte Petersen, ihm zunickend. »Zeitungen haben wir nicht, Kaffeehäuser auch nicht, wo die Neuigkeiten warm aufgetischt werden, aber wir erfahren doch alles. Ein Fischer kam gestern von Husum zurück, der hat den Herrn Staatsrat und das dänische Fräulein selbst gesehen, und vor einer Stunde brachte unser Nils Eurer Mutter etwas, der hat von Euren Leuten das übrige erfahren.«

»Steht es so,« erwiderte Lornsen, »so kann ich mich zufrieden geben, aber was die vornehmen Herrschaften, den Staatsrat und seine Tochter, betrifft, so haben die keinen Teil an mir, am wenigsten aber werden sie je bewirken, daß ich alte Freunde vergesse und jemals aufhöre, fest und treu an ihnen zu hängen.«

»Will's Gott!« rief Petersen, »ich bin's zufrieden. Ich will hinaus nach meinen Mähern sehen. Bleibt bei uns, Jens, und sprecht mit Hanna. Wo ist sie denn?«

»Hier, Vater!« antwortete eine klare Stimme,

Eine dichte Laube, von Schminkbohnen umrankt, stand kaum ein Dutzend Schritt entfernt auf dem höchsten Punkte der Warft.

»Geht hinein, Jens,« sprach Petersen. »Ihr habt Hanna lange nicht gesehen, es wird ihr Freude machen.«

»Ich glaube es kaum,« murmelte Jens in sich hinein, indem er dem Gebote folgte.

Als er den offenen Eingang erreichte, saß Petersens Tochter vor ihm. Sie hatte ihre Arbeit in den Schoß gelegt, einen Haufen langer, trockner Bohnen, die sie aus den Hülsen löste.– Groß und stark und stattlich, lächelte sie ihm freundlich zu. Ihre blauen Augen glänzten in dem feuchten Glanze, der solche Augen so schön macht. Ein Hut von buntem Strohgeflecht deckte die Fülle ihres dunkelblonden Haars, dessen starke Flechten von roten Bändern durchzogen auf ihren Rücken fielen. Der rote Rock mit gelben Säumen war friesisch ländlich, doch hatte die Erbtochter des reichen Besitzers über Arme und Brust ein feines schwarzes Wollenjäckchen gezogen, und glich somit auf ein Haar Lina, als diese in Südfall Lornsens Entzücken erregte.

Einige Augenblicke stand der junge Mann überrascht, im raschen Fluge seiner Gedanken wurde er zu Vergleichen hingerissen; aber was war diese kräftige, volle Gestalt gegen jene feinen schlanken Formen, die unvergessen ihm vorschwebten.

»Nimm es nicht übel, Jens,« sagte Hanna, ihm die Hand reichend, »wenn ich nicht aufstehe und dir entgegenkomme. Du siehst, es geht nicht an. Hier ist ein Platz, setze dich zu mir und wenn du etwa helfen willst, so brauche deine Hände, Du hast es sonst wohl öfter schon gethan.«

»Ich will dir helfen, Hanna,« erwiderte Lornsen, halb belustigt, halb mißgestimmt über den Empfang, »obwohl es lange her ist, daß meine Hände andere Beschäftigung fanden,«

»Ich glaube es,« rief sie lachend, »aber du hast es gewiß nicht verlernt. Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Der Sommer ist fast vorüber. Im Frühjahr bist du zuletzt auf Sylt gewesen.«

»Und damals sah ich dich nur wenige Male,« gab Lornsen zurück. »Du warst in Hamburg, bis kurz vorher, ehe ich Sylt verließ.«

»Dreimal warst du hier und ebenso oft kamen wir zu euch,« erwiderte sie. »Du hast es vergessen, ich habe es behalten. Am Tage deiner Abreise besuchten wir deine Eltern und wünschten dir Glück für die Heimkehr.«

»Richtig,« rief Jens lächelnd, »es war ein finsterer Regentag; wir wünschten uns Wiedersehen im Sonnenschein.«

»Und unser Wunsch ist erhört worden,« fiel sie ein, ihre freundlichen Augen auf ihn richtend. – »Prächtig liegt der Tag auf Sylt. Die Sonne ist so warm, das Meer so blau, aber was hast du, lieber Jens? Du siehst aus wie der finstere Regentag; deine Lippen sind so fest geschlossen, deine Stirn ist wie ein Himmel voll Wolken. Du sollst froh sein, wenn du bei mir bist.«

»Ich bin auch froh, Hanna.«

»Du hast dich in der Fremde recht verändert,« sagte sie. »Weißt du, damals wie du auf der Schule in Schleswig warst, und später noch, als du aus Deutschland zurückkamst, gab es kein freundlicheres Gesicht auf Sylt wie das deine.«

»Das Leben macht ernsthaft, Hanna, und ein Mann muß ja auch ernsthaft sein.«

»Die Friesen sind ein ernstes Volk,« erwiderte das Mädchen. »In unseren Einsamkeiten, und in der Stille unseres Daseins, im Kampfe mit der Natur, unter Arbeiten und Mühen mit der wilden See, zieht der Mensch sich in sein innerstes Gehäuse zurück, wie unser alter Uhrmacher in List sagt; aber er braucht darum seinen Frohsinn nicht zu verlieren. – Ich weiß, was dir fehlt, Jens.«

»Nun, was fehlt mir denn?« fragte er.

»Es geht dir so ziemlich ebenso,« sagte sie, »wie es mir in Hamburg gegangen ist. Bei dem reichen Vetter hatte ich nichts zu thun; die Menschen mit ihrem Treiben waren mir unangenehm. Was sie bewunderten, hatte keinen Reiz für mich; was mich ergötzte, machte ihnen geringes Vergnügen. – Ich fühlte eine Sehnsucht in mir nach Arbeit und Zufriedenheit, ein Unmut plagte mich wegen Dingen, die ich nicht ändern konnte. Ich verstand nicht und ward nicht verstanden, und so geht es dir auch, Jens. Du bist unzufrieden. Was du hast, genügt dir nicht, und was du willst, kannst du nicht erreichen.«

»Du hast recht,« rief der junge Mann, den Blick lebhaft und durchdringend auf sie richtend. »Wunderbar, daß du das weißt.«

»Ich bin froh geworden, seit ich wieder hier bin,« fiel Hanna ein.

»Und kein Wunsch nach dem reichen, bunten Leben der großen Welt ist in dir zurückgeblieben?«

»Ist es denn nicht schön hier?« fragte sie lächelnd. »Wir haben alles, was ein Leben glücklich machen kann. Wir haben Arbeit und Ruhe, haben Sorge und Freude, haben Sonnenschein und Stürme. Da draußen in deiner großen Welt kennen und lieben mich wenige. Hier kennen mich alle und alle guten Menschen sind meine Freunde. Ich weiß, was mir jeder Tag bringt, und weiß darum meine Freuden und Gottes Güte um so besser zu schätzen.«

»Und die Eintönigkeit dieser Freuden macht dich nicht gleichgültig?«

»O!« sagte sie lächelnd, »ich sehe wohl, Lorenz Leve hat so unrecht nicht, wenn er behauptet, der Ehrgeiz plage dich, und von jung auf habe deine Seele sich mit kühnen Träumen gefüllt, ein Mann zu werden, von dem die Menschen viel und lange reden.«

»Und wenn Lorenz Leve recht hätte, wenn ich danach strebte, mehr zu thun wie viele andere und Kraft besäße in allem, was recht ist, voranzustehen, würde ich darum in deiner Achtung verlieren?«

»Gewiß nicht,« rief Hanna und indem sie den Kopf aufhob und mit warmen Blicken ihn betrachtete, fuhr sie fort: »Ein stolzer Mann, der ohne Menschenfurcht das Rechte thut und für das Gute streitet, ist herrlich anzuschauen. Aber, lieber Jens, Ehrgeiz und Durst nach Ruhm und Größe haben viele schon unglücklich gemacht und ganze Völker ins Verderben gestürzt, – Es ist eine schlüpfrige Bahn; wenn ich daran denke, faßt mich ein Grauen, Ich lobe mir den Mann, der in dem Kreise bleibt, den die Natur ihm angewiesen hat. Ist er tüchtig und gerecht, so kann sein stilles Wirken wohl mehr Gutes stiften, als auf dem großen Tummelplatze des Menschenlebens und gewiß hat er auch mehr Freude davon, denn er sieht sein Wirken gedeihen, seine Mühen belohnt und seines Lebens Zufriedenheit gesichert.«

»Es muß auch solche Käuze geben,« sagte Jens mit einem schwachen Lächeln, indem er, die Hand über seine Stirn deckte und sein Haar zurückstrich, – »Weißt du, Hanna, daß ich nahe daran bin, den Wunsch meiner Eltern zu erfüllen, nach Sylt zu ziehen, das Gut meines Vaters zu übernehmen und ein Bauer zu werden?«

»Ich habe davon sprechen hören,« erwiderte sie, »und wenn du es thust, wird wenig Zeit dazu gehören, bis du voran im Rate und der erste Mann im Lande bist.«

»Ich werde mein Feld bauen und meine Rüben pflanzen,« rief der junge Mann mit spöttischem Ausdruck, »Ein großer Kaiser hat dies für die würdigste Bestimmung des Menschen erklärt, und große Dichter haben es besungen,«

»Der Kaiser und die Dichter hatten recht,« gab Hanna zur Antwort, »Ist der Frieden eines stillen Hauses nicht viel mehr wert als die Unruhe in Schlössern und Palästen? Sieh hin, Jens,« fuhr sie umher blickend, fort, »ist es denn nicht schön hier?«

»Wo du waltest,« sagte er, ihre Hand ergreifend, »wo der Geist der Ordnung liebend schafft, ist es immer schön,«

»Du wirst dein Haus auf feste Ständer stellen,« antwortete Hanna,

»Ja,« sprach er lebhaft, »wenn ich es gründe, soll es mich so aufnehmen, daß ich nicht darin verzweifle. All mein Ehrgeiz und meine Unruhe sollen in Liebe enden, in starker und treuer Liebe. – Was war und ist es denn, was dem Menschen in seines Hauses Einsamkeit und Stille den Frieden sichert? Allein mag er nicht darin wohnen, er muß ein Wesen haben, das ihn an dies Leben fesselt, er muß Freuden haben, die ihn vergessen lassen, was er für sie aufgiebt.«

»Was meinst du?« fragte sie lächelnd. »Ich meine ein treues, herziges Weib,« erwiderte Jens, »das mit seiner Liebe alle Stürme zu sänftigen, und das Glück in den engen Raum des Hauses zu bannen vermag.«

Hanna ließ ihm die Hand, die er festhielt. Das sanfte Senken ihrer Augen wurde von einem leisen Zittern begleitet, während das Verständnis beglückend ihr Gesicht belebte. – In diesem Augenblick rauschte es in den Zweigen der Laube, der harte Schritt eines Mannes begleitete das Geräusch, unmutig wandte sich Jens um.

»Es ist Herr Heinrich Hilgen,« rief Hanna. »Willkommen, Herr Hilgen! Erschreckt nicht vor dem ungewohnten Gast; Jens Lornsen ist gewiß nicht aus Eurem Gedächtnis verschwunden.«

Der also Angeredete blieb beim Eingang der Laube stehen. Es war ein frischer schlanker Mann, ganz friesisch anzuschauen, mit blondem Haar und lichten Augen, scharfem festen Blick und kluger Bedächtigkeit. Es war ihm offenbar nicht sonderlich angenehm, so unverhofft hier mit einem Dritten zusammenzutreffen, den er nicht erwartet hatte, aber nach einer augenblicklichen Stille merkte man nichts mehr davon. Er reichte Jens die Hand und sagte zutraulich: »Wie sollte ich meinen alten Freund und Kameraden vergessen haben, obwohl es nur an ihm liegt; denn lange genug ist es her, daß er mich nicht aufgesucht hat.«

»Sah ich dich nicht,« erwiderte Lornsen, »so hörte ich doch von dir, und was ich hörte, war Gutes, das mich freute. Du bist ein wackerer Mann, der es bei jedem Dinge zeigt, daß ihm das Wohl seiner Mitmenschen so viel gilt als das eigene.«

»Jeder thut, was er kann,« sagte Hilgen, indem er sich setzte, »und um dein Lob dir zurückzugeben, so habe ich auch von dir nur Gutes gehört. Du hilfst den Armen gegen die Reichen, nimmst dich der Gedrückten an, schaffst ihnen Recht und fragst nicht danach, ob sie zahlen können,«

»Dafür,« versetzte Jens lachend, »bin ich der Armenadvokat, der nicht vorwärts kommt, aber um so tiefere Blicke in die Verkehrtheiten und Schlechtigkeiten des alten Unsinns zu thun vermag, den man Recht und Gesetz nennt.«

»Ändere es, wenn du kannst,« sprach Hilgen.

»Legt alle Hand ans Werk,« gab Jens zur Antwort. »Das größte Unglück der Menschen ist ihre Trägheit, die ihr Rechtsgefühl getötet hat und mit der ärgsten Tyrannei zufrieden ist.«

»Was schlecht ist,« sagte Hilgen, »wird wohl empfunden, allein wer kann es besser machen? Ich weiß recht gut, was uns fehlt und daß die dänische Herrschaft wie der Alp auf uns liegt; was hilft aber das Reden, wo es nichts fruchtet.«

»Und doch,« rief Jens, »bist du es gewesen, der sich hartnäckig und mehr wie einmal den Beschlüssen des Landvogts widersetzt hat.«

»Weil er uns offenbar unrecht that, in unsere herkömmlichen Rechte greifen wollte,« erwiderte Hilgen. »Weil er unseren Handel erschwerte, nützliche Werke des Rats hinderte und dänisch schalten und walten mochte.«

»Und über die kleinen Fragen vergeßt ihr die großen,« fiel Jens ein. »Ihr denkt nicht daran, daß jenseits des Meeresarmes auch euer Vaterland liegt; daß euer Wohl von dessen Wohl abhängt, daß ohne Stände und Vertretung des Volks, ohne Öffentlichkeit und politische Regsamkeit, ohne freie Presse und festes Zusammenhalten ihr nimmermehr aus den Händen der Dänen kommen könnt.«

»Lieber Jens,« sagte der junge Mann, »ich habe immer dafür gehalten, daß jedem Menschen das Hemd näher ist als der Rock, und daß, wenn der Sperling ein Adler werden will, ihm hier auf Sylt nimmermehr die Flügel dazu wachsen. – Wir sind ein armes, stilles Volk, haben viel zu thun, um unsere Deiche fest und dicht zu halten, haben immer zu sorgen um Felder und Vieh, Fischfang und Handel, – Wollen die Dänen uns weiter unterdrücken, so müssen wir uns wehren so gut es geht, aber für allerhand Rechte zu streiten, die wir nicht kennen, ist unsere Sache nicht.«

»Mit dieser friedfertigen Gesinnung getreuer Unterthanen des Königs von Dänemark könnt ihr dem dänischen Gesamtstaat zur Zierde gereichen,« rief Lornsen.

»O, nicht also,« erwiderte Heinrich Hilgen. »Wir sind deutschen Stammes; der König ist unser Herzog, wenn der Mannesstamm stirbt, hält uns nichts mehr bei den Dänen. Das weiß jeder, wir wollen's aber ruhig abwarten.«

»Und womit wollt ihr denn die Trennung erzwingen, wenn ihr beizeiten nicht dafür gerüstet seid?«

»Mit unserem guten Recht!« rief Hilgen, seine Augen kühn aufhebend.

»Euer Recht.« fuhr Jens fort. »Ein dänischer Staatsrat sagte mir vor wenigen Tagen, Recht sei nichts, wenn man die Macht nicht besäße, es geltend zu machen, und wahrhaftig, er sprach ein wahres Wort, dessen Bedeutung euch klar genug werden wird.«

»Will's Gott, ich sehe es ein!« sagte der Bauer, »aber, was vorbereitet werden muß, dafür passen allein Männer wie du einer bist, Jens Lornsen. Du bist ein Mann, der den Kopf hoch trägt, der ohne Furcht hintritt, sei's vor Bauer oder Fürsten, der viel gelernt hat und es zu geben versteht. Solche Männer muß ein Volk haben in schweren Zeiten, darum wundert's mich nicht, wenn viele sagen, du würdest es weit bringen und hoch steigen.«

»Vielleicht bis zum Vogt von Sylt!« lachte Jens.

»Nein, bis hinein in die deutsche Kanzlei, ja wohl bis zum Minister.«

»O, Tollheit!« rief Lornsen. »Hör zu, Heinrich, was ich will. König will ich werden, König in meinem Hause, und alle meine Unterthanen sollen so zufrieden sich satt essen, daß sie an keinen Abfall denken.«

»Weißt nicht, Heinrich Hilgen,« sagte Hanna, »daß Jens Lornsen beschlossen hat, ganz bei uns zu wohnen, seines Vaters Gut zu nehmen und ein Bauer zu werden.«

»Ist das wahr?« fragte Hilgen erstaunt.

»Zweifelst du daran?« erwiderte Jens.

»Mit Recht,« sagte der junge Mann. »Du bist nicht dazu gemacht, um den langen Winter auf der Warft zu sitzen oder deinen Acker zu bestellen. Ich weiß, als wir Knaben waren, flogen deine Gedanken schon weit über Sylt hinaus, was sollte dich jetzt nun bewegen können, dich aufzuzehren in einem Leben, das du nicht ertragen wirst.«

»Du glaubst es,« sagte Lornsen.

»Es wäre gerade so,« rief Heinrich Hilgen lachend, »als sollte ich hinaus in die große Welt, ein Advokat oder ein Bücherschreiber oder gar ein Staatsmann werden, der im Rate sitzt. Jedes Menschenleben hat seine Bestimmung, Freund Lornsen, und seinen Ehrgeiz. Der meine ist, meine Demat Land, die ich erbte, imstande zu halten, meinen Handel zu bessern, meine Pflichten still zu erfüllen; dein Weg, Jens, geht in die Weite. Wolltest du dich zwingen, ihm zu entsagen, würde Unglück dich verfolgen.«

»Nun, Hanna,« sprach Lornsen spottend, »haben Kaiser und Dichter noch recht?«

»Ich weiß nicht, was du fragst,« gab Hilgen zur Antwort als Hanna schwieg, »wenn du aber meinst, auch ein Kaiser könne als Bauer glücklich sein, so mag es geschehen, wenn er die Kraft nicht mehr fühlt, Kaiser zu bleiben. Sieh unsere Schiffskapitäne, die hier auf ihren Gütern sitzen oder vor Anker liegen, wie sie sagen. So lange sie jung und rüstig waren, trieb es sie fort über alle Meere, und erst als das Alter kam, blieben sie auf der Warft hängen und können doch nimmermehr vergessen und abthun, was sie gewesen sind.«

»So muß ein Mittel gefunden werden, um mich, jung wie ich bin, schon so weise zu machen, das stille Leben zu ertragen,« rief Jens aufstehend. »Überlege, Heinrich, was ich thun muß, vielleicht fällt dir etwas ein; vielleicht thut es eine Frau, die mit ihren weichen Armen mich festhält.«

Heinrich Hilgen sah ihn starr an, eine jähe Röte schimmerte durch sein braungebranntes Gesicht. »Eine Frau,« sagte er, »ja, eine Frau kann vieles. Sie kann einen Mann umwandeln – ich will's dir und ihr wünschen.«

Hier wurde das Gespräch unterbrochen, denn der Besitzer des Hofes, Peter Petersen, ließ draußen seine Stimme hören, und in der nächsten Minute trat er herein, den Springstock in der Hand, die Jacke, der Hitze wegen, über den Arm geworfen.

»Wo der Herr nicht ist, »geht's nicht,« rief er, nachdem er seine Gäste begrüßt hatte. »Überall muß er sein und Hand ans Werk legen.«

»Der Bauer kann nie den Herrn spielen,« erwiderte Hilgen.

»Hast recht, Heinrich,« gab Petersen zur Antwort. »Haben freilich viele, die es sich bequem machen, besonders in den fetten Marschen und auf den Grashöfen an der Eider und in den Dithmarschen. Sehen da die jungen Bauernsöhne in seidenen Schlafröcken und Troddelmützen den Vormittag über zum Fenster hinaus und fahren nachmittags in der Chaise spazieren. Haben in Deutschland studiert und sind dann auf die hohe Schule nach Paris gegangen; sprechen Französisch wie Wasser, reisen zum Winter in die Stadt, können's Leben nicht ertragen auf der Warft. Langweilen sich überall und wissen keine anderen Freuden, als Geld verthun und am Tische sitzen, wo ihnen nichts gut genug ist.«

»Sie haben Mittel und Zeit dazu,« sagte Hilgen. »Es giebt dort manche, die hunderttausend Thaler und mehr besitzen.«

»Bah!« rief Petersen, »darauf kommt es nicht an. Giebt auch anderswo Leute, die tief in volle Taschen fassen können, wenn sie wollen. Aber ein einfaches Leben voll Fleiß und Arbeit ist besser als schwelgen und müßig gehen. – Wollte es ihnen beibringen, wenn sie mein wären,« fuhr er fort, »wollte sie anders erziehen und sie zu Bauern machen. Schicken die Mädchen jetzt in die Pensionsanstalten nach Hamburg, von wo sie als Damen zurückkommen mit Seidenhüten, Handschuhen und Locken. – Habe erst neulich von einem gehört, der seiner Tochter einen Flügel aus Paris verschrieben hat für achthundert Thaler, auf dem sie nun den ganzen Tag singt und spielt, daß alle Hunde heulen und alle Hähne schreien.«

Jens hatte still zugehört, wie einer, der sich seinen Gedanken überläßt. Die Arme über seiner Brust gekreuzt, richtete er die Augen auf Hanna, welche ihre Arbeit vollendet hatte und die Bohnen nun in einen großen Korb schüttete.

»Hast du keinen Unterricht in der Musik genommen?« fragte er.

»Ich habe es versucht,« erwiderte sie, »aber es wurde nichts daraus. Eine Singstimme, aus der sich etwas machen ließe, hat mir der liebe Gott nicht gegeben. Opernarien konnte und mochte ich nicht lernen, so ist es denn bei dem geblieben, was ich von dem guten Lorenz Leve profitierte, und das ist nicht weit her.«

»Ist genug,« sagte Petersen, »um unseren Morgengesang zu bestreiten. Den singst du klar und hell, wie eine Lerche, Hanna.«

»Und dazu manches kleine Lied aus alter Zeit, wie es Fischer und Bauern brauchten,« fügte Hilgen hinzu.

»Sie soll eins singen,« rief der Hofbesitzer. »Es ist Zeit, daß wir ins Haus gehen, bei der Mittagshitze kühl sitzen, und an Mund und Magen denken. – Leg auf, Mädchen, was du hast; zeig uns, wie es in deiner Vorratskammer aussieht und laß den Peter Petersen nicht zu schanden werden.«

Hanna nickte ihm zu und ging davon. – Petersen setzte sich nun zu seinen Gästen und bald war er in ein lebhaftes Gespräch mit Hilgen über die Ernte, die Korn- Bohnen- und Erdtoffelpreise, über den nächsten Markt in Tondern, über jütländische Schweine und über das diesjährige Gräsen des Schlachtviehes verwickelt. – Lornsen nahm keinen Teil daran, er verstand nichts davon. Ein paar allgemeine Fragen wurden ihm kurz beantwortet; endlich stand er auf und ging zwischen den Blumenbeeten umher, bis Hanna vor der Thür seinen Namen rief und ihm winkte.

»Was siehst du so ernsthaft aus, lieber Jens,« sagte sie, »und woran denkst du?«

»An dich, Hanna, und an mich.«

»Was war es denn?« fragte sie.

»Ich dachte, ob es wahr sei, was Hilgen sagte, und ob ich es wohl je dahin bringen könnte, ein Mann zu werden nach seinem Geschmack.«

»Mußt du denn nach seinem Geschmack sein?« rief sie lachend.

»Nun denn, nach deinem Geschmack, Hanna?«

»Wisse,« sagte sie halb leise und sich zu ihm neigend, »ein Mann kann alles, was er will, und wisse auch, daß mein Vater der ist, der über mich gebietet.«

»Ich will dich jetzt verlassen,« erwiderte er, »lebe wohl!«

»Geh nicht.« flüsterte sie erschrocken; »du würdest den Vater beleidigen.«

»Beleidigen? Warum?«

»Hast du die Sitte so ganz vergessen,« rief sie, »daß man nicht gehen darf, wenn man eingeladen ist, ins Haus zu treten, wo der Tisch bereit ist? Wohin willst du denn auch?«

»Gleichviel wohin,« rief Jens, »es ist mir, als müßte ich fort; aber du hast recht, ich werde bleiben.«

Hanna warf einen bangen, besorgten Blick auf ihn. »Du bist doch nicht krank?« fragte sie besorgt.

»Nicht doch,« erwiderte er, aber er konnte das Anschauen nicht ertragen. Er wandte sich fort, um die Verlegenheit zu verbergen, die er diesem unschuldigen Kinde gegenüber empfand und war froh, daß Petersen und Hilgen eben aus der Laube traten. Bald saßen sie alle an dem Tische, der mit mancherlei Speisen besetzt war, auch an Wein fehlte es nicht, und Lornsen schien gewaltigen Hunger zu haben, denn er mischte sich wenig in die Unterhaltung seiner Nachbarn, welche fortgesetzt über Dinge geführt wurde, die ihm geringen Anteil abnötigten.

Endlich, nachdem er über Haus- und Wirtschaftsgeschichten, Familienleben und Personen, die er wenig kannte, Langes und Breites gehört hatte, rief Petersen, sein Glas erhebend: »Und nun stoßt an, Jens, auf ein Willkommen im Lande und glückliches Gedeihen. Möge alles, was Ihr vorhabt, Segen bringen, und was Ihr beginnt, im Guten enden!«

Die Gläser klangen: Petersen sah lächelnd zu seiner Tochter hinüber, als Jens ihr etwas zuflüsterte, dann sagte er: »Nun sing uns ein Lied, Hanna, singe das Lied vom treuen Uve, der sich nach Sylt sehnt und nach dem Herde, wo Mary den Faden spinnt und wartet.«

Ohne Widerrede setzte sich Hanna an das kleine alte Klavier. Es war ein jämmerliches Ding mit schnarrenden dünnen Saiten, und Hannas Stimme ohne vielen Klang und Stärke, aber das einfache Lied mit seiner klagenden, weichen Melodie, und das melancholische Ende, denn auf der wilden See versinkt Uves Schiff und nie kehrt er zurück, machte einen tiefen Eindruck.

Schweigend saß Jens und folgte den Worten und Tönen. Es kam ihm vor, als hätte Hanna schön und ausdrucksvoll gesungen, und wie sie aufhörte, ruhte ihr Blick auf ihm und es war ein Blick voll Liebe, Schmerz und Zweifel wie um einen, der ins wilde Meer stürzen und auf ewig versinken will.

»Bravo, Hanna!« rief der Vater, »hast gesungen, daß Jens ganz gerührt davon aussieht. Aber nun, Jens, komm und sieh mein Haus an, ob es dir gefällt. Habe manches neu gebaut und meinen Viehstand groß gemacht; doch wie Hanna darin waltet, wie sie es sauber hält und blank, he, das wird dir noch besser behagen.« Er gab ihm lachend die Hand und führte ihn hinaus.

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