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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 4
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
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Drittes Kapitel.

Als Lina die Augen zuerst wieder öffnete, war sie zweifelhaft, ob ihr Erwachen in einer anderen Welt erfolgt sei, oder ob sie noch auf der Erde atme und lebe. Sie fühlte kein Schwanken und Rollen des Schiffes, und doch lag sie auf einem Lager, das dem Bett sehr ähnlich war, auf welches sie Lornsen gewiesen hatte. In der Wand war es eingelassen, ringsumher Holzwerk, dessen offene Seite durch kleine blumige Vorhänge von Baumwollenzeug bedeckt wurde. Sie selbst lag auf Matratzen mit Wolle dick ausgestopft, in weiße Wollendecken fest eingehüllt. Es war ein Traum, den sie furchtbar geträumt hatte, aber sie war entkleidet. Wo war ihr Mantel, ihr Hut, ihre Schuhe? Ihre verstörten Blicke flogen durch den Spalt der Vorhänge und sie errötete über die Folgerungen ihrer Gedanken, die sich verwirrten, je mehr sie sich nachzudenken bemühte. Endlich war ihr so viel gewiß, daß sie in einem schmalen Kämmerchen sich befand. Ein Fenster ließ die warmen Sonnenstrahlen herein, aber die Sonne stand tief, als wollte sie untergehen; ihr rötlicher Schimmer überzitterte die gelben glänzenden Wände, welche, mit Ölfarbe gestrichen, ungemein sauber aussahen.

Die Wände der Kajüte in der Schlupp waren braun, sie erinnerte sich deutlich daran; das Licht fiel dort von oben herein. – Sie war nicht mehr auf dem Schiffe; aber, gütiger Gott! wo war sie und was war aus ihrem Vater, aus Lornsen, aus ihren unglücklichen Gefährten geworden?

Ein entsetzlicher Schmerz begleitete diesen Gedanken, ihr Herz fing heftig an zu schlagen. Sie versuchte, sich aufzurichten und griff nach ihrem Kopf, der mit einem Tuche umwunden war. – Mit zitternder Hand in immer größerer Aufregung zog sie ein Stückchen des Vorhanges fort: aber glühend lief die Freude durch ihr Blut, als sie ihren Vater dicht an ihrer Seite erblickte.

Der alte Herr saß in einem großen Sessel mit hoher Lehne. Er schlief den ruhigen Schlaf der Gerechten; ganz behaglich und friedlich hatte er sich dazu ausgestreckt, Kissen von Seegras bildeten die Polster, an welche er den Kopf lehnte; seine Hände lagen auf den Seitenstützen und vor ihm stand ein kleiner Tisch, der gerade so aussah, als habe er vor nicht langer Zeit zur Befriedigung sehr irdischer Bedürfnisse gedient. – Ein großes Brot lag dort, daneben stand ein blauer Napf mit Butter, auf einem Teller zeigten sich deutlich die Reste eines gebratenen Fisches, und seitwärts stand ein halbgefülltes Glas und eine Flasche.

»Ich bin nicht tot,« flüsterte Lina, »und was ich erlebte, war kein Traum. Ich lebe,« rief sie mit stärkerer Stimme. »O Gott! mein Vater, was ist mit mir vorgegangen?«

»Haltet mich fest! ganz fest!« rief der Baron, sich ermunternd, und die Augen groß aufmachend, faßte er mit den Händen umher, als wollte er etwas ergreifen. »O Lina!« fuhr er dann fort, »das ist eine schreckliche Begebenheit, all meine Tage will ich daran denken. Hast du dich erholt, mein armes Kind? Du bist blaß, entsetzlich blaß, ich werde dich immer so sehen. Aber, was das beste ist, wir sitzen jetzt im Trocknen, obwohl ich es noch immer nicht recht begreifen kann. Es schaukelt mir noch alles vor den Augen, ich schwanke, wenn ich gehen will, und mein Magen hat sich umgekehrt, vollkommen umgekehrt, denn wir haben sämtlich Kopf gestanden: das Schiff, ich, du! Es ist ein Wunder, wie es möglich war.«

»Und Lornsen?« fragte Lina, »wo ist er?«

»Das ist ein fürchterlicher Mensch,« sagte der alte Herr. – »Das Leben sind wir ihm schuldig, ich gebe es zu, aber wenn wir umgekommen wären, er hätte uns doch auf seinem Gewissen.«

»Er ist also nicht umgekommen!« rief sie, lebhafter sich aufrichtend.

»Niemand ist umgekommen,« sagte der Baron. – »Da liegt die Schlupp hinter der kleinen Insel – ich habe in meinem Leben nicht solch erbärmliches Ding von Insel gesehen – der verwetterte Bursche ist mit seinen beiden Gehilfen und den Hausleuten eben dabei, den Schaden auszubessern, den Mast zu flicken und neue Taue einzuziehen.«

»Aber wo bin ich und was ist mit mir vorgegangen?« fragte sie erstaunt.

»Du hörst es ja, Kind,« rief der alte Herr. »Du bist hier auf einem der kleinen Fleckchen Land im Meere, die sie die Halligen nennen. Kleine Bänke von Schlamm sind es, über welche das Meer bei jeder Flut hingeht. Ein paar Lehmhügel in der Mitte, die Warften genannt werden, tragen die Häuser; auf solcher Warft und in solchem Hause sind wir nun. Es ist jammervoll anzusehen.«

»Und wie sind wir hierher gekommen?«

»Durch Gottes Wunder!« rief der Baron. »Eine Welle ging über das Schiff fort in halber Masthöhe. Die Segel wurden heruntergeschlagen, alles brach und fiel. Lornsen kam kaum mit dem Leben davon. – Ich hätte Lust, dich tüchtig auszuschelten,« fuhr er fort, »wenn ich nicht weit mehr noch zu preisen und zu segnen hätte. – Was hattest du in dem wilden Wetter zu thun; Lornsen erreichte dich, wie du niederstürztest; blutend und halb tot brachte er dich auf dein Lager, das Wasser stand mehrere Fuß hoch unten in der Kajüte, und ich konnte mich nicht rühren, nicht schreien, nicht fragen, ich war zu krank und erwartete mein Ende.«

»Und dann, und dann!« sagte das junge Mädchen.

»Er lief wieder hinaus ans Steuer und seltsamerweise wurde, wie er sagt, der Wind gleich darauf etwas günstiger. Unter furchtbaren Anstrengungen gelang es endlich, in die Hever zu kommen und hier hinter der Hallig Schutz zu suchen. Du warst wie tot, Lina! ich konnte es nicht fassen, ich war empfindungslos und sah zu, wie er sich mit dir beschäftigte. Decken über dich warf, deinen Kopf betrachtete, ein Tuch darum wand und nichts unversucht ließ, dir Hilfe zu leisten. Als wir endlich fest lagen, wurdest du in ein Boot geschafft und der Obhut der Frauen hier überliefert. Die haben dich ins Bett gelegt und mich erquickt. Ich bin zerschlagen am ganzen Körper, und dann die Angst um dich, mein teures Kind. Aber das ist ein Teufelskerl, der Lornsen, von Eisen und Stahl, und das ganze Volk hier ist ein rohes, unempfindliches Volk, ohne Gemüt und Gefühl.«

»Was sagte Lornsen?« fragte Lina.

»Ich glaube fast, er hat mich ausgelacht mit meinen Klagen,« erwiderte der Baron. »Hartes Wetter sei es gewesen. Das einzige, was er bedaure, sei dein Unfall, aber auch der habe nichts auf sich. – Das Loch im Kopfe bedeute nicht viel, es sei eine bloße Schramme, weiter nichts, du würdest bald wieder aufstehen und die Reise fortsetzen können. Aber ich will verdammt sein, wenn ich sie fortsetze. Nicht einen Schritt will ich wieder auf dies schreckliche Meer thun.«

»Du wirst doch nicht hier das Ende deiner Tage erwarten wollen?« antwortete Lina lächelnd.

»Fort so schnell wir können!« rief der alte Herr, »aber nicht wieder auf die entsetzliche Schlupp.«

Die Thür wurde geöffnet, eine Frau in weiten Röcken und großer Mütze steckte den Kopf herein und schob langsam den starken Körper nach, als sie sah, daß ihr Pflegling aufrecht saß. – In ihren groben Zügen schimmerte die Freude, sie reichte dem dänischen Fräulein die rauhe große Hand, eilte dann hinaus und kam mit einer anderen jüngeren Frau zurück, die Thee und Milch herbeibrachte, Glück wünschte und teilnehmende Fragen an sie richtete. – Die natürliche Einfalt und Einfachheit der Halligbewohner verstand es nicht, viele Worte zu machen; ihr Leben, das so vielen Gefahren Trotz bot, sah in dem, was die beiden Reisenden bestanden hatten, nichts sehr Besonderes.

Ein Schiff, das von einer Sturzwelle getroffen wurde, welche allerlei Verheerung anrichtete, einen Mann über Bord schleuderte oder ihn verwundete, waren zu alltägliche Dinge, um große Verwunderung zu erregen. Aber die schöne junge Dame, welche mit dem Tuch um die geschwollene Stirn mutig lachen und scherzen konnte, die so freundlich und zutraulich sprach, so wenig verweichlicht schien und nicht einmal seekrank geworden war, flößte ihnen doch eine gewisse höhere Teilnahme ein.

Als Lina ihren Willen äußerte, aufzustehen und sich anzukleiden, erfuhr sie, daß alles, was sie getragen, noch durchnäßt an der Luft zum Trocknen hänge, aber es wurde schnell Rat geschafft. Die junge Frau bot ihre Feiertagskleider dem Fräulein an; der alte Herr mußte hinaus, und nun ging es an ein Schmücken und Putzen, das von Scherzen und Gelächter begleitet wurde. – Der weite rote Rock mit gelben Säumen ließ sich so eng zusammenziehen, daß er zum schlanken Wuchse der Dame paßte, ein schwarzes feines Jäckchen, mit vielen silberblanken Knöpfen besetzt, wurde mit Hilfe der Schnuren passend gemacht, das weiße Busentuch darüber gesteckt, das faltige glänzende Schürzchen von feinem Linnen mit einer roten Schnur gebunden, und als sie nun endlich auch ihr Haar gekämmt und in zwei Zöpfe geflochten hatte, die weit über den Rücken fielen, waren die Zuschauerinnen entzückt über das schöne Friesenmädchen, die auf den Halligen und Inseln nicht zum zweitenmal so gefunden werde.

Mit dem schmalen weißen Tuche als Verband um den Kopf trat Lina vor den kleinen Wandspiegel, zufrieden lächelnd über die unfreiwillige Metamorphose, aber ihr blasses Gesicht rötete sich, als sie den Blick durch das Fenster warf.

Ein engbegrenztes Gartengehege, wenige Schritt breit, zog sich bis an den Rand der Warft, von welcher das Haus auf die kleine Hallig hinabschaute. – Unten wogte langes, schilfiges Gras im Winde; wohl zwei Dutzend hochbeiniger Friesenschafe wandelten darin umher und leckten das Salz von den harten Halmen. Seitwärts aber in einer Bucht lag die Schlupp fest auf dem schwarzen Schlamm, denn die Ebbe hatte sie fast trocken gelegt, und weit konnte Linas Auge über die gelben Wellen schweifen, die aus dem Heverstrom in wilder Hast dem Meere zugetrieben wurden.

Doch sie sah von dem allem fast nichts, sie sah nur zwischen dem kleinen Beete an der Wandseite Jens Lornsen, der von der Hallig eben heraufstieg und plötzlich stehen blieb, weil er sie erkannte.

Durch seine ernsten Züge lief es wie der heiterste Sonnenschein. Seine klaren großen Augen hefteten sich mit einem unaussprechlichen Ausdruck auf sie, und nie ist ein Schweigen beredter gewesen, nie haben Empfindungen sich mächtiger auszudrücken vermocht, als durch die Blicke voll Rührung, Dank und Freude, mit denen er sie betrachtete. – Die stolze Kälte seines Wesens schien vor dem Feuer, das seine Seele erglühen machte, zu schmelzen, und ohne Bedenken schwang er sich durch das Fenster und stand, ehe sie es ahnte, vor Lina, deren Hände er ergriff und so heftig drückte, daß sie Schmerzen davon empfand.

»Ja, so bin ich,« rief Lornsen mit froher Stimme, »trotz meiner dreißig Jahre immer noch ungestüm wie ein junger Mensch, wenn mir das Herz warm wird, – Verzeihen Sie es ihm, verzeihen Sie mir, wenn ich in diesem Augenblick an nichts denke als an mich selbst. – Ich war so unruhig, so sorgenvoll, so voll Bangen, und plötzlich sehe ich allen meinen Kummer geheilt. Ich sehe Sie, wie ich Sie nie zu sehen hoffen durfte.«

»In der friesischen Landestracht,« sagte Lina.

»Die Ihnen so schön steht, daß Sie sie immer tragen müßten,« rief Jens, »Mit der Binde um die Stirn sehen Sie aus wie eine der weisen Prophetinnen meines Volkes, die untergegangen sind mit ihm, aber nächtlich noch immer aus den Fluten steigen, um eine bessere Zukunft zu offenbaren.«

»Ich glaube,« erwiderte das junge Mädchen, »daß ich froh sein darf, nicht zu den Untergegangenen zu gehören und meines Vaters Glauben teilen muß, mich diesem fürchterlichen Meere nie wieder anzuvertrauen.«

»Muß ich fürchten,« sagte er, »daß Ihr Vertrauen auch zu mir wankend geworden ist?«

»O, nein!« versetzte sie, ihn anblickend, »Mein Vertrauen wankt so leicht nicht zu dem, dem ich es geschenkt habe und« – fügte sie lächelnd hinzu – »auch diese Kinder der See, selbst diese Frauen hier haben mir gesagt, daß Jens Lornsen der kühnste Mann weit und breit sei, auf welchen jeder Bedrängte fest bauen könne.«

»Ich denke, daß ich dies Lob nicht zurückweisen darf,« sprach Lornsen. »Niemand in der Welt soll je an mir zweifeln; aber,« fuhr er sanfter fort, indem er Lina von neuem die Hand reichte, »dennoch habe ich mir heut gelobt, immer auf guten Rat zu hören und niemals die warnende Stimme eines Freundes zurückzuweisen.«

»Der Freund in Helgoland hatte also doch recht,« sagte sie.

»Wenn ein Unglück geschehen wäre, an welches ich mit Schaudern denke,« gab er zur Antwort, indem seine Blicke innig auf ihr ruhten, »ich würde die Ruhe meines Lebens für immer verloren haben.«

Ein lautes Gelächter übertönte seine letzten Worte; unmutig zog Jens seine Hand zurück. Der Baron hatte die Thür aufgemacht und betrachtete seine Tochter mit steigender Belustigung. »Wie siehst du aus, Lina,« rief er; »allerliebst, wie ein leibhaftiges Strandvogtmädchen aus Amron oder Sylt. Bei meiner Ehre! Du hast dich nicht zu schämen! zu der nächsten Maskerade in Kopenhagen mußt du in solchem Anzuge erscheinen. – Kammerherr Branden, der von den italienischen Fischerinnen solch Aufhebens macht, wird entzückt sein, und unser Vetter Holt – muß ein Sonett darauf dichten und friesische Röcke in die Mode bringen. Ich sehe es kommen, es wird Mode werden, nach den Halligen zu reisen, um romantische Episoden dort zu erleben.«

»Davor möge der Herr uns bewahren,« sagte Jens.

»Warum, Herr Lornsen, warum?« rief der alte Herr.

»Weil den romantischen Damen und Herren aus Kopenhagen doch zuletzt unsere friesischen Röcke und unsere derbe Romantik ebensowenig gefallen würden, wie uns das dänische feine Wesen.«

»Ja, das ist wahr,« sprach der Baron. – »Sieh dir das Paradies an, Lina, es ist zum Erstaunen, wie Menschen hier leben können. Und dabei sagte mir die Besitzerin dieses kostbaren Grundstücks soeben, daß sie um keinen Preis wo anders wohnen möchte – Komm, Mädchen, komm,« rief er lachend, »zeige dich deinen neuen Landsleuten, sie sind ganz glücklich, dich im roten Rock zu besitzen! vor Spitzen und Kanten aus Brüssel würden sie weniger Respekt haben. – Und ich wette beinahe, es geht unserem Freund Lornsen hier ziemlich eben so,« fuhr er fort. »Er betrachtet dich mit wahrem Entzücken und möchte nichts lieber wünschen, als dich immer so zu sehen. Ist es nicht so, Herr Lornsen?«

»Gewiß, es ist so,« erwiderte Jens, indem er dem Baron folgte.

In dem großen, hellen Raume des Wohnhauses war die Familie der Halligbewohner beisammen, welche treuherzig die Spöttereien des Barons belachte und die junge Dame in ihrer friesischen Sonntagstracht mit kindlichem Entzücken empfing. Ihre Augen leuchteten vor Freude über die schöne Kleidsamkeit ihrer Jacken und Röcke; sie waren stolz darauf, wie Fürsten auf Purpurmäntel, und bewunderten sich eigentlich selbst in dem Gedanken, daß sich nichts in der Welt damit vergleichen lasse.

Lina wurde herumgeführt und mußte alles sehen. Die großen Kisten mit blanken Messingschildern enthielten, was Mutter und Großmutter an Leinen gespart; auf zierlichen Brettern standen wohlgeordnet Gläser und Tassen, und über dem großen Herdstein prangten Kupfer und Zinn. An den Wänden aber hing ein halbes Dutzend vergilbter Landschaften, Schiffe im Meer und Brustbilder in schwarzen Rahmen, und an der anderen Seite stand das wertvollste Stück des Hausrats, eine alte Gehäuseuhr. Ein mächtiger Tisch von weiß gescheuertem Fichtenholz füllte die Mitte des Zimmers und viele schwere Stühle, mit Kissen von Seegras belegt, waren in die Ecken geschoben.

Alles aber glänzte in Reinlichkeit. Die Dielen waren weiß, die Holzbekleidung des Zimmers grünlich angestrichen, jede Scheibe, jede Tasse war sauber geputzt, das kleinste Ding an seinem Ort. Der Geist der Ordnung, der diesem Volke angestammt ist wie den Holländern, die einst ihre Nachbarn waren, und von Geschlecht zu Geschlecht vererbt, duldet nirgend Unrat und Verwirrung! selbst hier auf dieser armen kleinen Hallig, umgeben von Nässe, Stürmen und graublauem Meerschlamm, hielt er wohlthuend seine Hände ausgestreckt und wehrte die bittersten Feinde des Elends ab.

Als alles besehen und alles belobt war, wurde Lina hinausgeführt, das Haus und die Hallig zu betrachten. Auf dem festen Hügel von Lehm lag es, stattlich und seltsam anzuschauen. Der schmale Raum, welcher es umgab, enthielt die wenigen Blumen und Halme, welche im Schutz eines dichten Gitters blühten. Dann senkte sich der Hügel kahl hinab in einen ebenen Grund von einigen hundert Schritt, der nach und nach ins Meer verlief. – Jetzt, wo Ebbe war, hatte sich dies weit zurück gezogen und einen schwarzen Schlammgrund bloßgelegt, von tiefen Rinnen gefurcht, in denen sich das zurückgebliebene Wasser sammelte. – Die Kinder des Halligbewohners liefen darin umher, um Fische oder Muscheln zu suchen, aber die warnende Stimme ihrer Mutter rief sie zurück und während das junge Mädchen ihre neugierigen Blicke über den schauerlichen Grund und über das fernwogende unermeßliche Meer schweifen ließ, wurden die Schafe herbeigetrieben, die Hausgenossen und hilfreichen Gefährten dieser einsamen Familien, deren größter und einziger Schatz sie sind.

Die Sonne lag mit ihrer roten Kugel auf den Wellen und schickte ihren letzten blendenden Glanz herüber. Die Winde schwiegen, es fächelte mild in den langen Schilfhalmen; das Haus auf der Höhe lag im rötlichen Lichte, wie im Frieden Gottes, und die frischen blondhaarigen Buben, im Grase spielend, und die nackten Arme um die geduldig wartenden Tiere geschlungen, konnten einem Maler für das gelungenste Bild eines idyllischen Stilllebens dienen. – Lina hatte lange auf der Bank am Hause gesessen und träumerisch diesen Spielen zugeschaut. Zuweilen wandte sie ihre Blicke zur Seite, wo die Schlupp noch immer bewegungslos lag, als könnte sie nie wieder mutig ihre Flügel entfalten. In weiter Ferne stieg ein Streifen Land aus dem Wasser empor, sie wußte, daß es die Insel Pelworm war. Eine Hallig schwamm wie ein dunkler Punkt zwischen leuchtenden Wellen, und in dem Herzen des einsamen Mädchens weckte dies Bild der Ruhe und Abgeschiedenheit sehnsüchtige und wehmütige Gefühle auf.

Sie blickte sinnend in die rote Glut des Abends; in die endlose Stille, die auf Flügeln der Ewigkeit die Schöpfung einwiegte. Es war ihr, als müßte sie immer hier wohnen; als liege diese kleine Insel fern in dem unermeßlichen Ocean, und wer den Fuß darauf gesetzt, müsse bleiben und leben und sterben, ohne je von der Welt und ihren Sorgen wieder zu hören. Sie lächelte mit gefalteten Händen diesem Gedanken nach, der sich vor ihr ausdehnte und sonderbare Bilder gestaltete; plötzlich aber hörte sie Lornsens klingende tiefe Stimme, und sie wandte die Augen von der Sonne ab zu ihm, ihre Blicke und Gedanken fanden ein bestimmtes Ziel.

Lornsen stand auf der Hallig und sprach scherzend mit den Kindern, die an ihm aufstrebten. Sein heiteres Lachen und seine Scherze drangen zu ihr hin; das Abendlicht rötete sein edles Gesicht, sein Haar flatterte frei um die hohe Stirn. Es war lieblich zu sehen, wie er Liebe und Freude weckte und wie diese Kinder sowohl wie die alten Leute so großes Vertrauen zu ihm hatten, daß Augen und Herzen aufgingen, wenn er zu ihnen sprach.

Das ist ein Mann, der keinem weicht! hatte die Frau auf der Hallig von ihm gesagt, und leise flüsterte Lina diese Worte, als sie ihn betrachtete. Nach einigen Minuten kam er herauf und grüßte sie, indem er sich neben sie setzte und teilnehmende Fragen an sie richtete.

»Ich fühle mich wieder ganz wohl,« sagte sie, »und möchte länger hier verweilen, als mir vermutlich gestattet sein wird.«

»In vier Stunden wird es dazu Zeit sein,« erwiderte Lornsen, »Die Flut kommt bald, der Grund wird schon naß.«

»Aber die Nacht kommt auch,« fiel sie ein.

»Der Mond wird uns leuchten,« sagte er. »Mit der ersten Morgenfrühe werden wir vor Husum liegen, und nichts bleibt dann von allem Erlebten übrig als die Erinnerung.«

»Glauben Sie, daß ich sie festhalten werde,« gab Lina zur Antwort.

»Ich zweifle nicht daran,« erwiderte Jens. »In Kopenhagen wird unter anderen Erinnerungen auch diese stürmische Fahrt Sie zuweilen beschäftigen.«

»Herr Lornsen,« sagte sie errötend und stolz, »ich glaube nicht, daß Sie so gering von mir denken, mich zu verspotten.«

»O nein!« rief er, mit größerer Teilnahme sie anblickend, »aber welches Recht habe ich denn, um unter Ihren Erinnerungen bevorzugt zu werden?«

»Giebt es Ihnen kein Recht,« fragte Lina vorwurfsvoll, »daß ich Ihnen wahrscheinlich das Leben danke? Oder wenn Sie das ablehnen, giebt Ihre Sorge für mich, Ihre Freundlichkeit, Ihre Mühe um zwei Ihnen ganz unbekannte Fremde Ihnen nicht das Recht, dauernde Dankbarkeit zu begehren?«

»Dauernde Dankbarkeit,« sagte Jens, »ist etwas, was kein Mensch begehren darf. Aber lassen Sie uns Freundschaft schließen und lassen Sie mir das Recht dankbarer Gegenseitigkeit. – Wenn Ihr Ruf mich nicht warnte, hätte die Sturzwelle mich unfehlbar ins Meer geschleudert. Daß ich hier sitzen, Ihre Hand fassen, meine Augen auf Sie richten und an meine irdische Zukunft noch glauben kann, danke ich Ihnen. So wollen wir beide denn in unseren Erinnerungen ein treues Andenken bewahren, und wenn die Welt uns trennt, daran festhalten, selbst wenn wir uns nicht wiedersehen sollten.«

Beide schwiegen und sahen in die falbe Ferne, die sich duftig verschleierte, Nebelmassen stiegen mit wunderbarer Schnelle plötzlich überall auf. Man konnte nicht sagen, woher sie kamen, aber wenige Minuten reichten hin, um rund um die Hallig dichte Wolken zu legen, welche sich übereinander wälzten und immer näher rückend ihre nassen dunklen Arme nach den einsamen Menschen ausstreckten.

»Und werden wir uns wiederfinden?« fragte sie leise.

»Die Geister der Tiefe sind aufgewacht,« sagte Lornsen, »und geben uns Antwort. Ich sehe Sie kaum mehr. Ich, ein Sohn des Nebels und der Stürme, die ewig um diese Inseln streifen, wo soll ich Sie wiederfinden, teure Freundin, denn mit diesem Namen will ich Sie nennen, – Ich, der ich hier geboren bin, und hier zu leben und zu sterben denke, wie kann ich hoffen, jemals wieder in Schmerzen oder in Freuden einen Tag zu erleben, der dem gleicht, den ich jetzt enden sehe? – Die Menschen hier im Lande haben aber jeder irgend etwas Wunderbares erlebt! fast jedem ist einst einsam in der Nacht auf den Dünen oder auf der See im wilden Kampfe mit den Elementen ein wohlthätiger Geist erschienen, der ihnen seine Hand bot in großen Gefahren, den sie dafür segnen, von dem sie erzählen und dessen Gestalt und Wesen ihnen vorschwebt, bis sie sterben, – So ist auch mir geschehen, so will ich Ihrer gedenken. Lina, und wenn Sie glücklich sind in Ihrer fernen Heimat, wenn Ihnen Tage der Freude kommen und Tage des Sturms, dann denken Sie an Jens Lornsen, von dem Sie wenigstens hören sollen, daß er Ihre Achtung verdient.«

»Holla, Lina!« rief der Baron vor der Thür, »wo bist du, Mädchen?«

»Ich bin hier, Vater,« erwiderte sie.

»In dem dichten nassen Qualm!« schrie der alte Herr. »Welche Thorheit und welch verwünschtes Klima, In einem Augenblick Sonnen- und Sternenschein, in der nächsten Minute Nacht und Schrecken. – Wo ist Herr Lornsen« Ist er hier?«

»Ich weiß nichts von ihm,« gab sie zur Antwort, während Lornsen noch immer ihre Hand fest hielt.

»So muß er auf der Schlupp sein, die in drei Stunden mit der Flut wieder flott werden wird, wie mir die Leute versichern. Gott erbarm sich über dies elende Dasein, zwischen Schlamm, Salzwasser und Nebel, aber zehn Gebete mehr, wenn wir aus den Händen des tollkühnen Burschen sind, der uns hierher geführt hat. Was sollen wir nun thun, um uns unserseits erkenntlich zu beweisen?«

Der Baron war bis auf wenige Schritt herangetreten, Lina stand auf, hinter ihr blieb Lornsen sitzen, Nebel und Dunkelheit waren so dicht, daß der alte Herr nichts unterscheiden konnte.

»Wir können, wie ich denke, nichts thun,« erwiderte das Fräulein, »als ihn zum Besuch nach Kopenhagen einladen,«

»Um ihn als friesische Rarität dort zu zeigen,« rief der Baron lachend. »Für Kammerherr Branden wäre er ein allerliebster Gegenstand der Belustigung.«

»Lieber Vater,« sagte Lina, »ich halte dafür, daß Herr Lornsen alle diese Dutzendmännchen der Kopenhagener Salons zu Schanden macht, und ihnen ebensowohl Achtung abnötigt wie diesen armen Halligleuten.«

»Haha! Potz Wetter!« lachte der alte Herr, »du scheinst dich sehr für ihn zu interessieren.«

»Wie er es verdient,« erwiderte sie. »Ich leugne es nicht, aber ich weiß, daß auch du viel Wohlwollen für ihn hegst.«

»Es kommt darauf an, ob der Bär sich putzen lassen und tanzen lernen will,« sagte der Baron; »aber komm jetzt herein, ich bin wahrhaftig schon bis auf die Haut naß und ganz kalt. Sie backen uns einen Eierkuchen von Möweneiern und haben den Theekessel frisch aufgesetzt mit Wasser aus der Lehmpfütze, die ihre Cisterne bildet. Es ist ein gesegnetes Land und gesegnete Leute. Wenn ich im Kasino erzähle, was ich erlebt und genossen habe, wird es kein Mensch glauben wollen.«

Lornsen drückte seine Lippen wiederholt auf die weiche, warme Hand, welche in seiner Rechten ruhte. Er fühlte den leisen Gegendruck, und als er endlich seine Finger öffnen mußte, weil Lina mit dem alten Herrn ins Haus ging, hörte er mit Entzücken noch die letzten Laute ihrer klangvollen Stimme.

»Wie ist mir denn geschehen?« sagte er, die Arme durch den dichten Nebel ausstreckend, als wolle er sie halten. – »Wäre es möglich, daß sie mich liebt?! Es muß so sein. – O, was fragt die Liebe danach, daß ich ein Friese bin, sie eine Dänin ist, daß ich Lornsen heiße, meine Wiege ein Seegraskissen war, die ihrige Seidenbetten und Spitzen hatte!«

»Traum! Leerer Traum!« rief er dann lauter, »was habe ich mit solchen seltsamen Launen des Lebens zu schaffen. – Ich darf nichts mit ihr zu schaffen haben,« setzte er ernsthaft dann hinzu, »und es ist gut, daß es so ist, – Morgen fährt sie an den Öresund, ich nach Sylt. Wir werden sehr gute Freunde bleiben – gewiß sehr gute Freunde – aber diese Minute wird nicht auszulöschen sein in mir, ich werde bald wieder einmal auf dieser Bank sitzen und weiter träumen.«

Nach einiger Zeit folgte er seinen Schützlingen und er fand den alten Herrn in einem großen Polstersessel am Tische sitzen und neben ihm Lina, die aus den friesischen Röcken und Schürzen sich ausgeschält und, wie Baron Hammersteen sagte, wieder ein vernünftiges Ansehen gewonnen hatte.

»Ich liebe die Verkleidung nicht,« sprach der Staatsrat, einen lächelnden Blick auf Lornsen werfend, »und so bin ich froh, meine Tochter in der Tracht zu sehen, die ihr gehört. Das Fischermädchen kann kein langes Seidenkleid brauchen, aber das Fräulein muß ebensowenig den kurzen Friesrock anziehen. – Es ist damit gerade so, Herr Lornsen, als wenn Staatsmänner sich herablassen, mit der Jugend zu schwärmen und volksbeglückende Tiraden zu heucheln. Jeder in seiner Weise. So werde ich aber auch erfreut sein, Sie selbst einmal in Frack und Handschuhen zu erblicken und statt des nackten Halses und des bunten Tuches, der weißen Binde ihr Recht widerfahren zu sehen.«

»Ich hoffe,« erwiderte Jens höflich, doch nicht ohne Spott, »daß meine seemännische Ungezwungenheit, die eine üble Angewohnheit sein mag, mir Ihre Nachsicht nicht entziehen wird.«

»Gewiß nicht, lieber junger Freund,« rief der alte Herr, »auf Reisen muß man tolerant sein. Man macht ja überhaupt dabei Bekanntschaften und schließt Verträge, die fast noch weniger Dauer und Inhalt haben wie mancher diplomatische Vertrag.«

»Sie haben nur zu sehr recht,« erwiderte Lornsen, Lina anblickend.

»So habe ich denn auch mit unserem wackeren Halligwirt hier eine sehr intime Freundschaft geschlossen,« fuhr der Baron fort, »und mir von ihm schöne Dinge erzählen lassen. Er hat mir unter anderen gesagt, daß die Friesen und Schleswiger den Teufel nach dem dänischen Könige fragen, der nichts als ihr Herzog, und wenn es nach rechten Dingen hergehe, müsse Schleswig sich von Dänemark trennen, sobald kein männlicher Erbe mehr vorhanden sei. Als ich den Mann belehrte und ihn fragte, wer ihm das aufgebunden habe, gab er zur Antwort: Hört, Jens Lornsen sagt es, und was der sagt, ist wahr.«

»Dann muß ich ihm für dies Vertrauen danken,« versetzte Lornsen, den spottenden Blick des Barons ruhig aushaltend.

»Nun, lassen wir das auf sich beruhen,« sagte der alte Herr. »Da kommt die Möweneierpastete und hier der dampfende Theekessel. Ich bin begierig, zu erfahren, ob die Kochkunst mehr wahren Inhalt hat und nach meinem Geschmack ist als die Politik.«

Der Baron aber war wirklich bald mit der Kochkunst in hohem Grade ausgesöhnt. Der Eierkuchen von Möweneiern war so locker, daß er auf sein Wort versicherte, er könne in Kopenhagen nicht besser gemacht werden, und als ein paar frischgeschossene Waldschnepfen auf dem Tisch erschienen, die auf ihren Wanderzügen weit über alle Inseln streifen, endlich aber ein halbes Dutzend der köstlichsten Seezungen den Schluß machten, fand er, daß es doch gar nicht übel sei, auf kurze Zeit in dem Hause eines Friesen auf den Halligen zu leben.

Dabei fehlte es nicht an gutem Wein, den Lornsen aus der Schlupp holen ließ, und am Schluß des Mahles erschien sogar eine Büchse mit vortrefflichen eingemachten westindischen Früchten, welche der Halligbewohner von einem Kapitän erhalten hatte, dessen Schiff er jüngst durch die Lystertiefe führte.

Der alte Herr spitzte die Lippen und eine gewisse Verklärung saß in seinen Augenwinkeln. »Ich hätte es niemals geglaubt,« rief er, »in diesem öden Winkel der Erde so prächtige Dinge anzutreffen.«

»Sie könnten leicht in noch größeres Erstaunen geraten, Herr Staatsrat,« sagte Lornsen lächelnd, »wenn Sie einmal nach Sylt kämen zur Zeit, wo die friesischen Kapitäne aus Hamburg, Bremen und Holland zurückkehren, um den Winter bei ihren Familien zu verleben. Da wimmelt es von Raritäten und Köstlichkeiten aller Art aus aller Herren Länder. Der eine ist aus Indien wiedergekehrt, der andere aus Chile, dieser aus Afrika, jener aus Jamaika, und jeder hat mitgebracht, was er zumeist für schön, selten oder behaglich hielt.«

»Das muß ein lustiges und merkwürdiges Leben sein,« rief der alte Herr.

»Ein Leben, das den Menschen immer wieder hinaustreibt auf die wilden Wellen und auf das hölzerne Roß, auf dem er rastlos die Erde umreitet, ist allerdings oft merkwürdig genug; lustiger und schöner ist es jedenfalls, sein Haus zu bestellen, im Schatten seiner Bäume zu sitzen und in Frieden zu wohnen mit der Natur und den Menschen.«

»Lieber junger Freund,« rief Baron Hammersteen, »ich halte von den Deutschen nicht viel. Es ist ein sentimentales, träumerisches, zu allen Schwärmereien und unpraktischen luftigen Faseleien geneigtes Volk, das in Kunst und Wissenschaft zwar einiges geleistet hat, aber es auch darin nie zum Gediegenen und Vollendeten bringen kann, – Ja, spotten Sie immerhin,« fuhr er fort, als er sah, daß Lornsens Lippen zuckten. »Die Deutschen haben ebensowenig einen Thorwaldsen, wie sie einen Öhlenschläger, Baggesen oder einen Heiberg haben. Sie haben nur den Goethe, der allerdings artige Sachen geschrieben hat und der einzige ist, den ich goutieren kann. Eines schickt sich nicht für alle, sagte Goethe – ich nenne Ihnen Goethe, weil ich denke, Sie werden ihn in Jena selbst wohl gesehen haben und ihn verehren.«

»Als Dichter gewiß,« fiel Jens ein. »Der Minister geht mich nichts an. Daß er nichts für sein Volk gethan, nichts für sein Volk gefühlt hat, seinem gnädigen Herrn immer aufwartete, wie und wo er konnte, und sich das Herz gewaltsam verknöcherte, um seine olympische Ruhe nicht an das Leid der Menschheit zu setzen, ist freilich traurig genug.«

»Sehe jeder, wie er's treibe, sehe jeder, wo er bleibe!« rief der Baron lachend. »Das ist der einzige deutsche Dichter, der mit der Schärfe und Klarheit eines Staatsmannes das Leben untersucht und große Wahrheiten mit wenigen Worten sagt. – So sage ich Ihnen denn, Herr Lornsen, daß ich wirklich erstaunt bin, Sie in so großen Irrtümern befangen zu finden. – Eines paßt sich nicht für alle. Für diese Inselleute paßt das Fischer- und Schifferleben mit seinen unruhigen und gefahrvollen Mühseligkeiten. Wer hier geboren ist und hier leben will, muß mit Flut und Sturm kämpfen, im Schlick umherwaten, Krabben und Dorsche fangen, Möwen und Strandvögel jagen. Wer das nicht will, sehe wo er bleibe. – Die Welt ist groß, Herr Lornsen. Höhere Naturen sind immer Kosmopoliten; und Fische fangen, den Acker bestellen, Schafen ein feineres Fell verschaffen oder die beste Butter im Lande machen, genügt denen nicht, die den Drang in sich fühlen, lieber Hammer als Amboß zu sein. – Im übrigen ist diese Seezunge vortrefflich; bitte, nehmen Sie noch ein Stück. Ich bin überzeugt, daß man in Sylt ganz angenehm leben kann, und verdenke es Ihnen keineswegs, Herr Lornsen, wenn Sie mit Begeisterung von der tiefen Anhänglichkeit sprechen, welche alle Friesen zu ihrem Vaterlande haben.«

»Diese Anhänglichkeit, Herr Staatsrat, haben alle Völker,« erwiderte der junge Mann. »Die Dänen lieben ihr Vaterland nicht weniger wie die Deutschen.«

»Ja so, die Friesen und mit ihnen die Schleswiger sind Deutsche,« rief der Baron, »Sie erinnern mich immer wieder daran und ich vergesse es ebenso oft, weil ich die praktische Überzeugung habe, daß dies Land hier ein Teil Dänemarks ist und hoffentlich bleiben wird. Sagen Sie mir aber doch, lieber Herr Lornsen, wodurch würde diese arme Familie glücklicher werden, wenn plötzlich proklamiert würde, daß ihr Hallig und rundumher, die Insel und meinetwegen ganz Schleswig bis an die Königsau deutsch geworden wäre? Würden ihre Schafe darum doppelt so viel Milch geben und dreimal im Jahre Junge gebären? Oder würden die Fische häufiger, die Stürme geringer? Oder verwandelten sich die Dünen und Sümpfe in fruchtbares Land? Würde Schleswig zum Paradies mit Feigenbäumen und paradiesischer Unschuld?«

»Wenn Schleswig aufhört, sein Geld und seine Kinder an den Sund zu schicken,« versetzte Jens, »so kann es allerdings die schweren Lasten und Abgaben, welche jetzt auf uns drücken, bedeutend ermäßigen, zumal wenn eine gerechte Besteuerung erfolgt, die Privilegien und Vorzüge gewisser Klassen aufhören und diejenigen das Meiste zahlen, die das Meiste besitzen.«

»Ah so!« rief der Staatsrat lachend, »nun das ist doch ein praktisches Ziel der Demagogen und heißt nicht ins Blaue hinein phantasieren. Aber lassen Sie das ja nicht die patriotischen Ritter und reichen Leute hören, mein junger Freund, deren deutschtümelnde Vaterlandsliebe gewaltig dadurch abgekühlt würde.«

»Ich führe es nur an,« sagte Lornsen, »um Ihre Frage zu beantworten, im übrigen aber lassen sich die Empfindungen eines Volkes, das sich losgerissen weiß von seinem wahren Vaterlande, nicht mit der Krämerelle messen. Ich würde nur zurückfragen, was denn die Dänen sagen würden, wenn sie von Holstein und Schleswig regiert würden; wenn man ihnen erklärte, ihr seid deutsche Provinzen unseres deutschen Staates. Eure verbrieften Rechte kümmern uns nichts, eure Schiffe sind deutsches Eigentum, eure Sprache und Sitten schafft ab, lernt deutsch, kommt nach Kiel und macht dort Examen, wenn ihr Anstellung haben wollt. Bezahlt unsere Schulden, bemannt unsere Flotte, Rechenschaft bekommt ihr nicht; verwenden wollen wir euer Geld, wie es uns beliebt und euch Gehorsam lehren, wenn ihr Widerspruch wagt.«

»Dänemark würde sich nie einer solchen Schmach fügen!« rief das Fräulein, als Lornsen endete.

»O! Possen,« fiel der Baron ein. »Wenn die Dänen wirklich in der Lage wären, wie die Herzogtümer und namentlich Schleswig; wenn sie vierhundert Jahre lang zu ihnen gehörten und 1721 inkorporiert wurden, wie dies wirklich geschehen ist, so würden sie ihrem Schicksale folgen. Das schlimmste sind die Übertreibungen der Übel, die bestehen sollen, und willige Ohren bei denen finden, die fern sind und vom Parteistandpunkte aus sich blenden lassen. – Es wäre an der Zeit, daß verständige Männer sich besser unterrichteten und statt das Feuer zu schüren, in vernünftiger Weise zu versöhnen suchten, nicht aber Irrtümer und leidenschaftliche Entstellungen der Wahrheit verbreiten hülfen.«

Mit einem scharfen Blick, aber ohne die höfliche Freundlichkeit aufzugeben, sah er Lornsen an. Die Bewohner der Hallig hatten sich um den Tisch gesammelt und hörten mit vieler Teilnahme zu. Ihre Augen ruhten auf dem Vertreter ihres Stammes, sie betrachteten ihn mit Stolz, wie er dem dänischen Herrn furchtlos gegenüber stand und für ihr gutes Recht seine Stimme erhob, und sie erwarteten von ihm, daß er auch jetzt nicht schweigen werde.

»Unsere Sache ist so einfach, Herr Staatsrat,« sagte Lornsen, »daß Entstellungen der Wahrheit nicht von uns ausgehen können. Im Jahre 1460 haben wir durch freie Wahl den König von Dänemark, Christian I., zu unserem Landesherrn und Herzog angenommen, unter der feierlich beschworenen Bedingung, daß die Herzogtümer nie zu Dänemark gehören und ewig zusammen bleiben sollten, ungeteilt. Das hat man uns so wenig gehalten, wie man Schwedens und Norwegens Freiheiten und Rechte geachtet hat, die zu ihrer Zeit auch den dänischen König zu ihrem Könige gewählt hatten. Der Absolutismus warf sich auf uns und erdrückte unsere Selbständigkeit. Schweden riß sich los, Norwegen hat später seine Freiheit erzwungen, wir sind geblieben.«

»Und inkorporiert worden,« rief der Baron, »Schleswig hat nie zu Deutschland gehört.«

»Aber ebensowenig zu Dänemark,« erwiderte Lornsen. »Es war ein freies Herzogtum, ein Fahnenlehen, um dessen Besitz lange und blutige Kämpfe geführt wurden. Schon im Jahre 1326 ward aber der Graf von Holstein mit Schleswig belehnt und durch die Waldemarische Konstitution beider Länder verbunden.«

»Diese Konstitution ist eine Erfindung,« rief der Staatsrat.

»So sagen die Dänen seit 1815, weil das Original beiseite geschafft wurde,« erwiderte Jens. »Aber was man nicht beseitigen konnte, ist das Dokument von 1460 – Graf Gerhard von Holstein wurde 1386 Herzog von Schleswig. Seit dieser Zeit bis 1460 blieben seine Nachfolger im Besitz. Leider aber, als Herzog Adolf kinderlos starb, ließ das Volk in den Herzogtümern sich verlocken, freiwillig den dänischen König als seinen Herzog zu wählen.«

»Bis 1721 die Inkorporation erfolgte,« fiel der Staatsrat wiederum ein, »hat das seine Richtigkeit.«

»Die sogenannte Inkorporation von 1721,« sprach Jens lachend, »war nichts als ein verunglückter Staatsstreich, mit dem man uns die männliche Erbfolge nehmen und das Königsgesetz aufzwingen wollte. Aber unsere Rechte und Freiheiten stehen darum nicht minder fest, wir können und wollen niemals Dänen werden, Volksrecht geht über Fürstenrecht und Volkswille dauert länger als Königswille.«

»Herr Lornsen,« sagte der Staatsrat aufstehend, »Sie muten mir wirklich mehr zu, als ich ertragen kann. Wahrhaftig, es ist komisch genug, daß ich auf dieser kleinen Scholle im Meere ganz ernsthaft bleiben und Dänemarks Rechte auf Schleswig vertreten soll. – Sei im Besitz und du bist im Recht! ruft Ihr deutscher Dichter Schiller aus, dessen revolutionäres Treiben Ihnen gewiß mehr zusagt wie Goethe. Nun wohl, wir sind im Besitz, folglich im Recht und werden es festhalten. – Wie aber die Zeit hingegangen ist! In so angenehmer Unterhaltung fliegen die Stunden wie Minuten. – Hören Sie das Brausen draußen? Es wird wieder windig.«

»Es ist die Flut,« sagte Lornsen, nach der alten Wanduhr blickend, »Sie bringt den Wind mit, aber er wird uns günstig sein.«

»Und wie ist es mit unserer Abfahrt?« fragte der Baron.

»In einer halben Stunde werden wir die Hallig verlassen können.«

»Nun, das ist erfreulich zu hören,« rief der alte Herr, »hoffentlich ist das Wetter gut.«

Lornsen öffnete die Thür der Stube. Die Läden vor den Fenstern waren dicht geschlossen, jetzt aber drang durch das trübe Licht der Lampe der glänzende Schein des Mondes herein, und draußen lag die sternenvolle Nacht so klar und wolkenlos, als sei es unmöglich, daß sie jemals getrübt werden könnte.

Der Mond überglänzte das Meer, das in leuchtenden Wellen aufrollte, die wie Berge geschmolzenen Metalls sich hoben und senkten. Die Hallig war zum Teil von der Flut überdeckt, ihr weißer Schaum spritzte über das Gras, und mitten zwischen diesen silbernen zahllosen Gipfeln und schattigen Schluchten voll Finsternis und geheimnisvollem Grauen lag das beglänzte Haus, wie auf den Wogen schwimmend, die es zu tragen schienen.

»Wenn ich das sehe,« rief der Baron, »kann ich mir erst recht denken, wie wohl zuweilen die Springfluten bis über die Warften hinauf in die Häuser und über diese fortstürzen und alles begraben können.«

»Im Jahre 1634,« sagte Lornsen, »kamen in einer Nacht, am 11. Oktober, 15000 Friesen ums Leben. Wer übrig blieb, dem raubten die dänischen Vögte das Eigentum, um die Steuern und Abgaben damit zu decken. So ist es fortgegangen hier jahrhundertelang und noch in diesem Jahr haben wir Schreckliches erlebt. Wenn Sturm sich mit der Springflut verbindet, steigt sie zwanzig und dreißig Fuß hoch und nichts kann ihr widerstehen. – Und was haben diese armen genügsamen Menschen an Freuden für so viel Gefahr und Leid? Sie haben nichts als ihr Haus und das kleine fahle Grasfeld. Keinen Baum, keinen Strauch, kein schattiges Plätzchen. Nicht einmal der Anblick eines blauen schönen Meeres wird ihnen zu teil. Es rollt seine trüben Wogen wild an ihnen hin und überzieht die Hallig, die es zerreißt, mit seinem schwarzen Schlamm. Diese schmutzigen Wellen meiden auch die Fische; selten ist der Fischfang ergiebig, ekle Rochen und Seehunde sind die alleinigen Bewohner, und wenn die Finger des fleißigen Mädchens von der Arbeit ausruhen, wenn am Sonntag die Freude kommen soll, um das harte Leben zu versüßen, giebt kein Tanz, kein Spiel, kein Besuch ihr Genuß. Sie sitzt auf der Bank am Hause und denkt an ihren Liebsten, der auf fernen Meeren schwimmt, und an die Zeit, wann er wiederkehrt und mit ihr vereint hier wohnen wird.«

»Und ist dieser Gedanke nicht ein süßer Trost?« erwiderte Lina leise, die neben ihm stand. »Ist Vereinigung mit dem geliebten Manne nicht das Höchste, was ein Mädchen denken und vom Schicksal fordern kann?«

Lornsen blickte sie bewegt an. »In Liebe vereint,« sagte er, »ja gewiß, darin liegt alles, was ein Mensch zu begehren hat. Aber die sich trennen müssen, um einsam ihren Weg zu gehen. Was ist deren Hoffnung?«

»Zu wagen und zu gewinnen,« gab sie zur Antwort. »Wagt der junge Schiffer nichts, wenn er über die Meere zieht, um endlich Braut und Hallig zu erwerben? Das Mädchen hofft auf ihn, auf seine Liebe. Sie weiß, daß er kommen wird, sie wartet gläubig und treu auf die ersehnte Stunde.«

»Herr Lornsen,« rief der Baron, der am Hause hingegangen war und nun zurückkehrte, »die Schlupp liegt bereit, und wie ich höre, soll es hohe Zeit sein, wenn wir mit der Flut Husum erreichen wollen. – Nimm Abschied, Lina, und laß uns eilen.«

Der Abschied war kurz. Der alte Herr konnte nur mit Mühe den armen Halligleuten ein Geschenk aufdringen. Einige Minuten später flog das kleine Schiff aus dem Gerinn ins Meer. Gute Wünsche schallten ihm nach, bald war es mitten in Welle und Wind, der seine Segel schwellte.

Nach einigen Stunden, als der Morgen eben zu dämmern begann, fiel der Anker dicht an der Ufertreppe im Hafen.

»Herr Lornsen,« sagte der Staatsrat, »ich weiß, daß ich Ihnen den größten Dank schulde, und ich will darauf sinnen, wie ich mir Genugthuung verschaffen kann. Vorderhand vergessen Sie nicht, daß Sie Freunde in Kopenhagen haben, denen es wohlthun wird, wenn sie irgend etwas thun können, was Ihnen angenehm ist.«

»Vergessen Sie uns nicht,« fügte das Fräulein hinzu. – Lornsen hob sie auf das Bollwerk. Ein leiser Druck der Hand, dann gingen sie beide um den kleinen Platz; die Schiffsleute trugen das Gepäck nach.

»Morgen wird alles vergessen sein!« rief Lornsen, mit der Hand über die Stirn streichend. »Morgen bin ich in Sylt, der Traum ist aus!«

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