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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 20
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
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Neunzehntes Kapitel.

Fünf Jahre waren vergangen, als im Spätsommer 1837 am Hafen von Marseille ein Mann unter einem der breitblättrigen Ahornbäume auf der Promenade saß, welcher nachsinnend auf das Gewühl der Menschen und Schiffe schaute. Der Wind wehte kühlend in die herrliche Bai. Die tiefblauen Wellen des Mittelmeeres warfen ihre schaumigen Köpfe auf die Felsen des Forts St. Jean; ein süßer Duft von Lavendel, Rosen, Myrten und Rosmarin zog mit dem Luftstrome über das Land und von allen Höhen herunter glänzten unter dem prächtigen Grün der Öl- und Mandelbäume die zahllosen kleinen Landhäuser blendend weiß hervor. Das Getümmel im Hafen war groß, denn eben war einer der prachtvollen Dampfer eingelaufen, die eine regelmäßige Linie nach dem Orient unterhielten. Mitten zwischen hohen Dreimastern und langen italienischen Luggern ragte der ungeheuere Schornstein auf, an dem die Säulen des freigelassenen Dampfes jetzt prasselnd und zischend aufströmten. Boote aller Art, mit Menschen aller Klassen gefüllt, umringten wartend das mächtige Fahrzeug, bis die Douane den Zutritt gestatten würde, und endlich, als dieser erwünschte Augenblick kam, stürzten Neger und Mauren, Soldaten und Beamte, reiche Handelsleute und rotschürzige Packträger auf das Deck, das mit den Passagieren des Schiffes dicht besetzt war. Während nun vor den Augen des Mannes unter dem Baume einer der gewöhnlichen Kämpfe um Koffer und Kisten der Reisenden sich entspann, während der Dampf heiser zwischen dem Rufen und Schreien, dem Stoßen und Ringen schmetterte und die Stimmen übertönte, saß jener mit derselben Unbeweglichkeit oder Teilnahmslosigkeit, welche er seit Stunden angenommen hatte.

Die Menschen, welche vorübergingen, grüßten ihn zum öfteren, namentlich thaten es die Armen, denen er gut bekannt sein mußte. Er war ein Mann von vielleicht vierzig Jahren, aber er mußte sehr krank gewesen sein, denn er sah viel älter aus. Sein Gesicht war gelb und hager, sein Auge matt und langsam, sein großer Körper gebeugt und zusammengezogen; dennoch aber lag ein Ausdruck von Schönheit und Stärke in seiner breiten hohen Stirn und sein halb ergrautes Haar, das in ungemeiner Fülle bis auf den Nacken niederfiel, machte seinen Anblick noch fremdartiger und auffallender.

Nach einigen Minuten hob der Mann plötzlich den Kopf empor und wandte sich lebhaft dem Wege zu, der von der Hafenbrücke herausführte. Einige Träger und Diener mit Koffern und Nachtsäcken zogen lärmend daher, ihnen folgten ein Herr und eine Dame, die in einer fremden Sprache sich unterhielten. Der Herr war klein und breitschultrig, bepackt mit einer Reisekassette, einem großen Regenschirm, dem Shawl seiner Dame und einigen mächtigen Reisehandbüchern und Mappen; die Dame ging mit leichten Schritten an seiner Seite. Ein seltsam geformter Hut, den die Franzosen belachten, schützte ihr Gesicht vor der Sonne, ein knappes Reisekleid paßte sich ihren schlanken Formen an.

In dem Augenblick, wo der Mann unter dem Baume sich den Stimmen zuwandte, die er in seiner Nähe hörte, blickte die Dame nach ihm hin, und wie von einem Zauber getroffen, stand sie mit ausgestreckten Armen still; Zweifel, Furcht, Freude und Schrecken in ihren Blicken, die über den Fremden fragend hinirrten.

»Lornsen!« rief sie mit einem Tone, der alles ausdrückte, was sie empfand, und fast zu gleicher Zeit eilte ihr kleiner Begleiter auf die Bank los, warf Mappen und Regenschirm zu Boden, und umfaßte mit der Herzlichkeit eines lange entfernten Freundes den Sitzenden.

»Sie sind es wirklich, teuerster Lornsen!« rief er. »Welch glückliches Ungefähr führt uns hier zusammen? Wir kommen soeben von Smyrna und Malta, aber Sie« – er klemmte sein schwarzes Glas ins Auge und betrachtete den großen Mann, der mit einiger Anstrengung aufgestanden war – und was er weiter sagte und dachte, ging verloren, denn Lornsen hatte sich zu der Dame gewendet, die in großer Bewegung ihm die Hände reichte und zu ihm sprach.

Menschen sammelten sich um die ungewöhnliche Gruppe und hefteten ihre neugierigen Blicke auf sie. »Sie müssen von der Seereise angegriffen sein, Frau von Branden,« sagte Lornsen, »lassen Sie uns gehen und Ihr Hotel aufsuchen.«

»Seit wie lange verweilen Sie hier?« fragte Lina.

»Seit zwei Monaten,« erwiderte er. »Ich habe bisher in Brasilien gelebt. Das Klima erschöpfte mich, die Ärzte haben mir Marseille angeraten.«

»Und wo – wo wohnen Sie?«

»Dort hinter dem Felsen an der Bai liegt eine kleine Bastide, in der ich mich eingemietet habe.«

»Ich bin nicht müde,« rief Lina, »aber die Straßen dieser Stadt sind heiß und dunstig. Sie sollen uns nicht hineinbegleiten. Ich will mit Ihnen gehen, während Branden in unserem Gasthofe das Nötige für unsere Einrichtung anordnet und dann Ihr Asyl aufsucht. Willst du, lieber Branden?«

Der glückliche Kammerherr raffte Mappen und Regenschirm auf und sagte zufrieden wie immer: »Gern, liebe Lina. Ich werde mein Bestes thun; ich verstehe mich auf solche Affairen. Sie glauben nicht, Lornsen, was wir in den paar Jahren gesehen haben und wo wir gewesen sind. Lina und ich, wir sind zum Reisen geboren. Wir haben nirgends Ruhe, wir sind die echten Touristen, und dabei lernt man mit Hotels und Gastwirten umgehen.« Er lachte selbstgefällig und rief den Gehenden nach: »Also dort am Felsen? Ich werde euch schon finden, es ist mir vollkommen genug, den Felsen zu wissen.«

Lina nickte ihm zu, dann nahm sie Lornsens Arm. Er führte sie die Promenade hinab an der Bai hin und beide schienen bemüht zu sein, die Schleier der Vergangenheit nicht zu berühren. Die wundervollen Umgebungen und der Weg, welcher durch ein Wiesengelände hinlief, das von Blumen und Wohlgerüchen duftend sich den Felsen und Gärten anschmiegte; endlich die Reise des Dampfers und was damit zusammenhing, gaben Stoff genug zur Ausfüllung der Zeit. Das rote Sonnenlicht glühte an den Höhen, rosiges Leuchten kleiner Wolken spiegelte das Meer zurück; aber dann und wann hefteten sich ihre Blicke gegenseitig fragend und erinnerungsvoll in unbemerkten Minuten auf Gestalt und Züge des anderen und kehrten scheu und schmerzlich davon zurück.

»Ist das die blühende, lebensfrohe Geliebte?« fragte Lornsen dumpf in sich hinein. »Ist dies Gesicht mit seinen scharfen Linien, mit seinen tiefen, unruhig leuchtenden, von dunklen Ringen umzogenen Augen, Linas schönes, von Geist und Mut strahlendes Gesicht? Deuten diese schmalen, blutlosen und zuckenden Lippen auf Glück und Frieden?«

Es war eine Stille eingetreten, als beide zwischen den Felsen hervortraten, und vor ihnen die kleine Bastide lag, welche mit ihrem Vorgarten und einem Altan hart ans Meer sich lehnte.

Das weißglänzende Häuschen sah zwischen Blumenstücken und Granatbäumen hervor, Weinlaub rankte an seinen Fenstern auf, hohe Pinien beugten sich darüber hin in den Abendhimmel, der ihre Kronen wunderbar beleuchtete.

Einige Augenblicke blieb Lina an der offenen Thür stehen und blickte in das Innere des Wohngemachs. Ein Tisch mit einigen Büchern stand voran, Schreibmaterial und Hefte lagen darauf; ein Sessel von Strohgeflecht lehnte daneben, im Hintergrunde war ein Bett und einiges Hausgerät sichtbar. »Du wohnst beengt in schöner, friedensvoller Stille,« sagte sie. Sie nannte ihn zuerst wieder mit dem vertrauten Du, das stockend und leise über ihre Lippen kam.

»Die Natur giebt mir von ihrem Frieden, so viel ich davon zu benutzen vermag,« erwiderte Lornsen.

»Und du arbeitest und schreibst auch hier?« fuhr sie fort. »Das haben deine Ärzte nicht geraten.«

»Ich habe Eile zu vollenden, was mir aufgegeben ist,« sagte Lornsen lächelnd. »In meinem Kerker zu Rendsburg habe ich das Material zu einem Buche gesammelt, das mich während der Jahre, wo ich in Amerika lebte, fortgesetzt beschäftigte und dessen Vollendung mir hier obliegt.«

»Und warum hier, wo dein Geist ruhen, dein Körper in Luft und Bewegung, in diesem milden Garten am Meere, allein thätig sein soll.«

»Weil mir wenige Zeit mehr bleibt,« sprach er, ruhig sie anblickend, »und weil ich etwas hinterlassen muß, das Zeugnis von mir giebt, wenn andere Stimmen schweigen.«

Sie waren weiter bis auf den Altan gegangen, und standen dort, als das letzte Glühen des Himmels im Abendschatten unterging. – Die Bai öffnete sich vor ihnen und ließ den Blick in unendliche Fernen schweifen. Weiße Segel schimmerten in den tiefblauen Linien und verschwanden im Nebel. Die Felsen mit ihren Mauerkronen und Fahnen dunkelten und versanken. Es rauschte leise über die Wasser hin und schüttelte die Pinien an der Bastide. Die dunkelroten Blüten der Granaten streuten ihre duftigen Blätter auf sie und unter dem Altan rollte das Meer melancholisch seufzend hin und spritzte glänzende Funken in die Nacht.

Lina hatte ihre Hand in Lornsens Hände gelegt. Der rötliche Abendschatten fiel auf sein Gesicht und deckte dessen leidensvolle Blässe zu. Sein Auge glänzte wieder; seine frohe, klare Stirn hob sich stolz zu ihr empor, seine Brust atmete tief und voll. Er blickte sie an und ein Zittern lief über sie hin; es leuchtete die alte Liebe darin auf. Ein himmlischer Traum flog durch ihre Seele, und während sie träumte, legte sie den Kopf an seine Schulter; ein Strom erinnerungsvollen Glückes überwältigte alles Weh der Wahrheit.

»So saß ich mit dir einst auf der armen kleinen Hallig,« flüsterte sie, »im Nebel der Nacht, von niemand gesehen; aber mein Auge sah dich, mein Arm fand dich, deine Lippen hatten Liebesworte und Küsse für mich. O! teurer, teurer Freund, wer bringt uns das Verlorene zurück, wer eine Stunde, eine Minute, Jens! Giebt es nichts mehr, keinen Gott, keinen Himmel, keine Ewigkeit, die uns Trost brächten?!«

»Du hast es so gewollt,« sagte er dumpf und still.

»Ich habe es so gewollt! und in deinen Worten liegt noch immer keine Vergebung? Du ziehst deine Hand zurück, sie ist kalt und schwer.«

»Weißt du,« sagte er, und ein Zürnen lag in seiner Stimme, »was ich gelitten habe? Verlassen irrte ich durch die Welt, verloren alles, was ich glaubte und hoffte. Verzweifelnd in den Wüsten Amerikas, zum Tode krank an den Qualen meiner Gedanken bin ich zurückgekommen, um zu sterben.«

»Und hast du nie an mich gedacht?« fragte sie. »Glaubst du, daß meine Tage und Jahre freudig über mich hingezogen sind? Doch, wozu Bekenntnisse, wozu ein Leben zergliedern, das danaidenhaft mich zwingt, ewig dieselbe trostlose Arbeit zu verrichten, dieselbe schreckliche Leere auszufüllen, dieselbe Kette zu tragen und mit rastloser Angst zu fliehen, ohne je ihrem Klirren zu entgehen. Ach, armer Freund! fordert es dich nicht zum Mitleid auf, wenn du so mich büßen siehst? Laß uns abrechnen und vergessen, Jens. Oft ist es wie Wahnsinn durch meinen Kopf gegangen; ich fühlte seinen gräßlichen Schritt dicht hinter mir. Es brütete etwas in einer dunklen Ecke meines Gehirns. Ein Gespenst, gestaltlos und formlos, stand dort, das ich in meiner Herzensangst von mir stieß, weil ich wußte, es würde mich umbringen, wenn ich ihm einen Finger reichte. Weißt du, daß ich dir einst sagte, wir würden nichts bereuen, denn wir dürfen nichts bereuen? Ich glaube es noch jetzt, Jens; aber von Land zu Land hat es mich getrieben und endlich habe ich dich gefunden.«

»O, welch Wiederfinden! sprach Lornsen hohl vor sich hin, »jetzt, wo das letzte Licht erloschen ist.«

»Das letzte Licht? Nein, o nein! Sieh dort an dem Felsen den hellen falben Schimmer, der mitten in Dunkelheit plötzlich aufleuchtet. Ich kenne es, die Gelehrten nennen es das Zodiakallicht. Die Erdensonne strömt es nicht aus, es kommt von einem fremden Sterne, sucht seinen Weg durch tote dunkle Himmelsräume, und wunderbar, geheimnisvoll spannt es seinen glänzenden, lichten Bogen aus, wenn es niemand ahnt, wenn die Nacht düster hereinbricht.«

»Und dies Licht, ehe die lange ewige Nacht kommt, bringst du mir,« sagte Lornsen sanft.

»Da du nicht leben wolltest in meinen Armen,« rief Lina mit wildem Schmerz, der sie jäh überwältigte, »so sollst du doch in ihnen sterben!« Und ihre Hände um ihn schlingend, drückte sie ihr glühendes Gesicht an seine Brust, als wollte sie ihn nie mehr lassen.

Wie lange sie so gesessen ohne Klage, ohne Worte, eng aneinander gelehnt, ihre Seelen zitternd in allen Schauern übergroßer Leiden, dabei durchzuckt vom süßen Himmelslichte ewiger Versöhnung, vergebend und erkennend, bereit zu dulden und zu sterben, wer hatte ein irdisches Zeitmaß dafür! Plötzlich aber ließ sich nahe an der Bastide Brandens bekannte Stimme hören, die Lina beim Namen rief, und gleich darauf trat der Baron auf den Altan. »Nun,« sagte er lachend, »alles ist eingerichtet. Wir haben vortreffliche Zimmer mit prächtiger Aussicht. Aber hier muß es schön sein, Freund Lornsen, wenn es nur nicht so verteufelt finster wäre. Hast du dich gut unterhalten, Lina? Ich denke, wir bleiben wenigstens eine Woche hier und unser guter Lornsen begleitet uns auf allen Partien. – Heh, Lornsen, wissen Sie wohl, daß meine Frau zuweilen noch Sehnsuchtsanfälle nach den Halligen bekommt?«

»Wir wollen Herrn Lornsen verlassen,« erwiderte die Baronin aufstehend. »Es ist Zeit zu gehen; morgen wollen wir weiter über unsere Sehnsucht bestimmen.«

»Und wir machen eine Bootsfahrt,« rief Branden. »Sie sollen uns zeigen, ob Sie noch der kühne Ferge von ehemals sind.«

Lornsen gab seine Zustimmung mit schwacher Stimme. Er schien sehr angegriffen zu sein, aber er bemühte sich, mit Branden zu sprechen, wie dieser es verlangte, und als die Gäste ihn verließen, sagte er: »So kommen Sie denn morgen, ich werde bedenken, was für uns alle das Beste ist.«

Am folgenden Tage war die Kühle noch nicht vergangen, als Branden an die Bastide klopfte. »Sie ist verschlossen,« rief er Lina zu, die unter den Myrtenbäumen und Granaten stehen geblieben war und einige frische Blüten pflückte. Der Baron klopfte stärker und rief nach Lornsen, bis endlich eine alte Frau erschien, die mit Futterkräutern für ihre Ziegen von der felsigen Höhe herunterkam.

»Ah,« sagte sie, »da sind die Herrschaften, die hier wohnen wollen. Wenn es ihnen beliebt, treten Sie ein.«

»Wohnen wollen?« fragte Branden, »Wo ist der Herr, der hier wohnt?«

»Ei,« versetzte die Frau, »wissen Sie es nicht? Heute früh ist er abgereist, nach Beaucaire, wie er sagte, die Rhone hinauf. Gewiß, gewiß!« fügte sie lebhaft hinzu, als sie das ungläubige Erstaunen bemerkte. »Ah! der gute, liebe Herr. Er sah so blaß und krank aus, er wird es nicht lange mehr machen; aber er ist geduldig wie ein Engel, und wenn er auch ein Ketzer ist, er ist fromm und gut wie ein Heiliger!«

»Fort! Er ist fort!« rief Lina mit erstickter Stimme, »und hat nichts hier gelassen?«

»Doch,« erwiderte die alte Frau, »er hat ein Briefchen hier gelassen für eine fremde Dame und das sind Sie ohne Zweifel, Madame.«

Sie öffnete die Thür des Landhauses. Auf dem Tische lag ein Brief. Lina griff mit rascher Hand danach. Die Aufschrift lautete an sie, sie riß ihn auf und las:

»Noch ist es nicht Zeit, Lina, Ihr Versprechen zu erfüllen. Ich habe ein wichtiges Geschäft zu vollenden; aber ich würde es nicht vermögen, wenn Sie bei mir wären.«

»Was hat er für ein Geschäft und was hast du ihm versprochen?« fragte Branden aufmerksam. Eine plötzliche Erinnerung schien ihn mißtrauisch zu machen.

»Bleiben Sie einen Monat in Marseille, bewohnen Sie oder besuchen Sie mein Asyl am Meere. Es ist das schönste kleine Stück Erde unter Gottes freiem Himmel, geweiht für Sie. Ruhen Sie dort aus, denken Sie meiner und wenn Sie dann noch einmal mich wieder sehen wollen, so reisen Sie nach Genf, auf der Post werden Sie hören, wo ich zu finden bin. Sie werden erkennen, daß ich reisen mußte.«

»O! ich erkenne es,« rief Lina seufzend. »Wir bleiben hier, mein Freund. Laß unser Gepäck hierher bringen, ich will hier wohnen.«

Branden war daran gewöhnt, Befehle zu erfüllen. Er wagte keinen Widerspruch.

Nahe bei Pressi am Ufer des Genfer Sees, wo der Voiron rasch flutend aus den Hügeln des Jorat kommt, steht ein kleines Landhaus an einer Terrasse gebaut, deren Rebenpflanzung sich von Absatz zu Absatz bis an das Seeufer hinzieht. Es war eine jener anmutigen Villen, die durch den ganzen Kanton Waadt groß und klein zu finden sind, hauptsächlich aber den Halbkreis des schönsten aller Schweizer Seen einfassen. Von grauem Marmor aufgeführt, mit einer Vorhalle, die von zwei Säulen getragen wurde, in einem Kleide von Weinranken und Immergrün, lag das Häuschen im Schatten einiger Maronenbäume, deren breite Äste sich über das abgeflachte Dach legten. Der See blickte glänzend zu ihm hinauf; von jeder Stelle des Hauses, von dem Gärtchen und der Terrasse konnte man ihn überschauen, bis zu seinem östlichen Winkel, wo hinter den reizenden Hügeln von Montreux und Bex, über den dunklen Spalt des Thales von Ormond, sich die hohen und wilden Diablerets auftürmen, und die Schneespitzen des Dent de Morcles durch sonnenhelle Lüfte schimmern. Der breite See, so unvergleichlich in seinem wundervollen Farbenspiel, verlor sich jenseits unter dem Duft der savoyischen Berge, die als gewaltige dunkelblaue Massen einen so grellen Gegensatz zu dem heiteren Weingestade des Waadtlandes bilden. Tief im Süden, wo die Berge sich weit öffnen, schimmerten die weißen Mauern Genfs; von der Höhe der Terrasse aber konnte man die langen Waldketten der Jura verfolgen, deren riesenhafte Köpfe von langflatternden Nebelschleiern umwunden waren.

In dies kleine Landhaus hatte sich Lornsen, als in sein letztes Asyl, gerettet. Es war Herbst geworden, das Weinlaub falbte, Kastanien und Nüsse hingen reif an den hohen Bäumen, aber noch immer war das Wetter mild und heiter. In einen Mantel leicht gehüllt, saß der Kranke vor der Halle, zurückgelehnt in einem hohen Sessel. Auf einem Tischchen vor ihm lagen mehrere Bücher, Schriften und Briefe, er aber hielt seine Augen auf das entzückende Panorama des Sees gerichtet, das überall sich seinen Blicken darbot.

Lornsen war nicht allein. Ein Freund aus Lausanne war bei ihm, dem das kleine Landhaus gehörte, und auf dessen Einladung und Wunsch er davon Besitz genommen hatte. Herr Lepreux war Arzt. Er gehörte zu der damals unterdrückten radikalen Partei, die von der methodistisch frömmelnden, aristokratischen Regierung mancherlei Unbill zu leiden hatte, mit aller Kraft aber daran arbeitete, ihr das Heft aus den Händen zu reißen.

Hier saß der Doktor neben seinem Patienten, den er mit besorgten Mienen anschaute und ihm einige allgemeine Vorsichtsmaßregeln wiederholte.

»Nun,« sagte er dann, »Sie fühlen sich wohler, mein Freund. Bleiben Sie hier, so lange das Sommerwetter anhält und entschlagen Sie sich, so viel es geht, aller schwarzen, schweren Gedanken. Hole der Teufel die verdammten Aristokraten und alles, was von ihnen ausgeht! das ist mein aufrichtiger Wunsch. Wir werden mit ihnen fertig werden. Sie werden sehen, daß in wenigen Jahren ihre Herrschaft hier ein Ende nimmt samt aller Muckerei unserer frommen Pfarrer. Laßt uns sorgen, daß sie nicht wieder heraufkommen. In unsern kleinen Republiken geht das rasch, in euren Monarchien gehört mehr dazu als der Volkswille; denn das Volk ist bei euch nichts als ein stumpfsinniges abgerichtetes Werkzeug eurer großen und kleinen Herren. Wie aber selbst eure sogenannten freisinnigen Männer, eure Besten und Ersten, feige und entmannt sind, wo es gilt, männlichen Mut und Stolz zu zeigen, das beweist am besten, daß Sie abermals vergebens sich an einen Freund gewandt und abschlägige Antwort erhalten haben. Nein, mein lieber Lornsen, Freiheitsliebe und Mannessinn müssen erst in eurem Volke ihren Auferstehungstag feiern, ehe ihr daran denken könnt, ein Volk zu werden. Zum Henker! es giebt auch hier furchtsame und schwache Leute, aber einem Freunde, und obendrein einem totkranken Freunde es abgeschlagen, sein Buch, wenn er einst tot sein wird, unbeschnitten und unverstümmelt herauszugeben, das würde hier wahrlich niemand thun.«

»Sie verkennen die Verhältnisse,« erwiderte Lornsen sanft. »Ich entschuldige meinen armen Freund. Lebte er hier in der Schweiz, so würde er nicht anstehen zu thun, was jeder Schweizer thun kann. Er würde dafür den Haß einer Partei zu tragen haben, aber bei seiner Partei Schutz finden. Die öffentliche Meinung würde ihm zur Seite stehen und die Gesetze Verfolgungen unmöglich machen. Bei uns, wo die Polizei alles vermag, wo der Haß der Mächtigen so sehr zu fürchten ist, wo Wohl und Wehe vieler Menschen und Familien von ihrem Zorn oder ihrem Lächeln abhängen, muß man billig denken, wenn einer, der von diesem Willen zu hoffen und zu verlieren hat, sich scheu zurückzieht, weil er zu beleidigen gewiß ist. Doch nur Geduld,« fuhr er fort. »Ich habe da einen neuen Brief geschrieben und will ihn samt dem Manuskript Händen übergeben, die meinen Willen ausführen werden.«

»Sie haben Ihr Buch zu sanft gemacht,« rief der Doktor. »Es ist so zahm und ruhig, verlangt so wenig und fordert so geringe Dinge, daß einem Republikaner, wie ich es bin, die Herausgabe große Überwindung kosten würde. Aber für die Leute da in Deutschland, die nichts wollen als eine kleine Beschränkung ihrer allmächtigen Fürsten und deren Diener, müßte es Ehrensache sein, das Wenige mit Freuden zu thun.«

»Mein Buch,« sagte Lornsen lächelnd, »beweist, was es beweisen soll; jedoch diese Ablehnung des Freundes, auf den ich rechnete, zeigt mir um so mehr, wie weit wir zurück sind, wie traurig der Druck ist, der auf meinem Volke lastet, und welche Tage noch kommen werden, ehe seine Ketten fallen.«

»Der beste Beweis,« sprach der Arzt, »sind Sie selbst. Man hat Sie mißhandelt, aus dem Vaterlande getrieben und dahin gebracht, wo Sie sind.«

»Bei Ihnen,« erwiderte Lornsen, ihm dankbar die Hand reichend, »in diesem schützenden Lande, an diesem schönen See. Ich bin frei. Ich sehe die Alpen glühen, ich kann den Himmel betrachten, ohne die eisernen Stäbe eines Kerkers! Ich atme diese reine Luft, teurer Lepreux, ich drücke die Hand eines Freundes; meine matten Schritte tragen mich, wohin ich will. O! das ist viel, sehr viel, mein Freund. Ich bin der gütigen Vorsehung dankbar dafür.«

»Man muß in der Resignation nicht zu weit gehen,« murmelte der Doktor mißmutig.

»Denken Sie an die, welche nach mir kommen werden,« sagte Lornsen; »denken Sie der vielen Unglücklichen, die in Kerkern verschmachten, deren Ketten in finstern Höhlen, welche für Mörder und Missethäter bestimmt sind, rasseln. Aber man wird weiter und weiter gehen. Der Absolutismus wird Martern ohne gleichen erfinden, um sinnreich seine Opfer zu quälen. Man wird die Männer, welche es wagten, sich gegen ihn zu erheben, ehrlos machen; Zuchthaus und Peitsche werden Geist, Jugend und Talent in Wahnsinn und Tod treiben, die Edelsten und Besten, welche die Zierden ihres Volkes sein müßten, werden im Verbrecherkittel büßen. Und alles das im Namen der Gerechtigkeit, alles im Namen Gottes der Liebe! Alles vielleicht selbst, als fürchterlichster Hohn, im Namen der Gleichheit aller Menschen, für die sie streiten wollten. O! wie wohl ist mir, daß ich in Freiheit sterben kann!«

Der Arzt betrachtete ihn aufmerksam und sagte dann: »Regen Sie sich nicht auf, wenn Sie in Freiheit leben wollen.«

»Leben!« versetzte Lornsen und seine Augen glänzten sanft, »nein, Freund Lepreux, meine Zeit ist abgelaufen. Sie werden mir zutrauen, daß ich über die Schrecken der Vernichtung hinaus bin, und genau weiß, daß Rettung für mich unmöglich ist.«

»Es ist nichts unmöglich,« sagte der Doktor.

»Nicht doch,« fiel Lornsen ein, »ich weiß, daß ich der Ewigkeit nahe bin, aber ich sterbe mit dem Bewußtsein, nicht ganz umsonst gelebt zu haben. Es werden Zeiten kommen, wo mein Vaterland sich meiner erinnert, wo mein Andenken die Herzen zur männlichen That aufweckt. Ja, Lepreux, es werden Zeiten kommen, wo alles Wüten tyrannischer Gewalt nichts mehr hilft gegen die Macht der Wahrheit und des Rechts; denn was man auch sagen und thun mag, die Menschheit schreitet dennoch vorwärts in Erkenntnis und Rechtsbewußtsein. Einst wird und muß Gottes Reich auf Erden kommen!«

»Dann,« erwiderte der Arzt, »möchte ich wünschen, dies Reich Gottes käme bald, dieweil es bis jetzt noch passabel dumm und schlecht auf Erden aussieht und wir beide doch wohl gern noch etwas davon erleben möchten.«

Lornsen schüttelte leise lächelnd den Kopf.

»Sagen Sie mir aufrichtig, wie lange ich noch leben kann,« sagte er.

»Freund,« erwiderte Lepreux, indem er die Hand des Kranken faßte, »nach meinen Berechnungen bin ich überhaupt erstaunt, Sie noch leben zu sehen.«

»Weil ich will,« rief Lornsen, »Ja, weil ich will!« wiederholte er mit großer Kraft, indem er den Blick in die Ferne richtete.

»Es ist mit dem Menschen,« sprach der Arzt, »wie mit einer Lampe, die das Öl, das ihre Flamme nährte, bis auf den letzten Tropfen verzehrt.«

»So ist es mit mir,« antwortete Lornsen leise vor sich hin.

»Ihr Lebensöl ist aufgezehrt,« fuhr Lepreux fort, »und nur wenn es gelänge, es zu ersetzen, könnte ich hoffen, daß Sie uns erhalten bleiben.«

»Und doch fühle ich mich heute viel kräftiger und freier,« sagte Lornsen. »Selbst meine Stimme ist stärker. Zweimal bin ich auf den Hügel gestiegen, um auf die Genfer Straße hinab zu sehen.«

»Was trieb Sie dazu?« fragte der Arzt.

»Ich erwarte einen Freund, der notwendig heute noch kommen muß,« erwiderte er. »Lassen Sie uns hinaufgehen, Freund. Der Abend kommt so schön, die Sonne rötet den Dent d'Oche, und dort steigen die Schneespitzen des Dent du Midi auf. Wie herrlich, wie göttlich ist diese Natur! Wie freue ich mich, sie in ihrer vollen Pracht noch einmal zu sehen.«

»Bleiben Sie, Lornsen,« sagte der Arzt, »Sie sind sehr erhitzt.«

»Nein, wohl, sehr wohl und leicht,« gab er zur Antwort.

»Dort kommt ein Wagen die Seestraße herauf,« fuhr Lepreux fort.

»Wo?« fragte Lornsen lebhaft, »Es ist mir plötzlich, als falle ein Schleier vor meine Augen.«

»Eine Dame und ein Herr,« sprach der Arzt. »Sie steigen aus und kommen die Terrasse herauf.«

Er lehnte Lornsen in den Stuhl zurück, in dem Augenblick, wo Lina rasch durch die Weingehege eilte und mit ausgebreiteten Armen sich über den Kranken beugte.

Sie sprach kein Wort, aber mit einer stummen Bewegung drückte sie die Hand des Arztes und hielt Lornsens Kopf in ihren Armen, an ihrem Herzen, »O! Jens,« sagte sie tiefatmend, »mein geliebter Freund, ich bin hier, um mein Wort zu lösen.« Sie küßte seine Lippen und mit leidenschaftlicher Gewalt rief sie laut: »Erwache! Sage, daß du mich kennst, mich siehst, mich liebst!«

Da schlug er die Augen auf und ein Blick unendlicher Liebe heftete sich auf sie. Ein Lächeln durchzuckte sein Gesicht, seine Lippen flüsterten ihren Namen. Mit seiner sterbenden Hand deutete er auf den Brief und das Manuskript, die auf dem Tischchen lagen. »Willst du,« sagte er leise, »dies nehmen und sorgen, daß mein Wille geschehe? Zur Ehre meines Vaterlandes, für sein Recht und seine Freiheit, gegen dänisches Unrecht und Unterdrückung ist es geschrieben. Willst du?«

»Heilig soll mir dein Wille sein!« erwiderte sie. »Alles, alles, mein geliebter Freund, für deines Namens Ehre!«

»So habe Dank!« sagte er, und in ihren Armen richtete er sich empor. Seine klaren, schönen Augen thaten sich noch einmal groß auf und hingen zärtlich fest an ihren Zügen. Und plötzlich fingen die hohen Alpenhörner an zu glühen. Ein rosenfarbiger Schein flog von den Schneefeldern herüber über die blauen Berge Savoyens, hinunter in den glänzenden See, der ihn widerspiegelte, und auf die weichen, lächelnden Lippen des Sterbenden. – Leise legte ihn Lina in den Stuhl zurück, und mit einem tiefen Seufzer kniete sie an seiner Seite nieder.

Jens Lornsen hatte vollendet.

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