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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 2
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
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Erstes Kapitel.

Auf der roten Klippe vor der Elbe, die man Helgoland nennt, stand im Spätsommer des Jahres 1825 ein junger Mann auf einem der westlichsten Vorsprünge, um den roten Sonnenball ins Meer sinken zu sehen.

Damals war Helgoland noch nicht der Zielpunkt der Meerspazierfahrten des reichen Hamburgs, es war noch nicht im Ruf als Seebad, zu welchem Dampfschiffe aus der Elbe und Weser fast täglich die feine Welt des deutschen Binnenlandes führen. Die armen Fischer und Lotsen von Helgoland waren noch kein Gegenstand für die deutsche Romantik geworden, ja nicht einmal ein ordentliches Seebad war eingerichtet, sondern nur spärlich kam eine kleine Anzahl Gäste herüber, die meist kurze Zeit verweilten und zu Haus dann von der roten Klippe und ihren Bewohnern, von der stürmischen Seefahrt, der seltsamen Düne und den wunderbaren Höhlen und Pfeilern der Insel abenteuerliche Beschreibungen machten.

Der Tag war heiter; über die tiefe Bläue des Himmels spannten sich da und dort krause und langgezogene Windstreifen aus, am fernen Rande des Horizonts lagerte eine zackige dunkle Wolkenmasse, und in der Tiefe rollte das bewegte Meer schaumsprühend über kahle rote Felsenlager, die es in seinem ewigen Wogentanze glatt gewaschen hatte.

Lange Zeit überblickte der junge Mann Meer und Land. Er stand wohl hundert Fuß hoch auf dem letzten Stein der Klippe, unter sich den Abgrund, über welchem der Felsen hing, nichts vor sich als die endlose Wasserwüste. Dürftige Erdtoffelfelder und einige große Schafe mit schwarzen Köpfen, die auf den Grasplätzen festgebunden waren, zeigten sich ihm, wenn er rückwärts sah. – Aus der Mitte der Insel stieg der Leuchtturm auf, von dessen Spitze eine Fahne mit den englischen Farben flatterte. Er warf einen finsteren Blick zu ihr empor und wendete sich ab, indem er sich auf eine grüne Stelle am Rande niedersetzte und den Arm auf einen großen Stein gelegt, den Kopf in seine Hand gestützt, die fernen Segel und die sinkende Sonne verfolgte.

In dieser einsamen und wilden Umgebung, überglänzt von dem roten Lichte, war die Gestalt des jungen Mannes wohl geeignet, ein vermehrtes Interesse zu erwecken. – Sein athletischer Körper hatte nichts von der plumpen Festigkeit und Derbheit, die Seeleuten eigen ist, und doch trug er einen dunkelblauen kurzen Seerock mit Hornknöpfen. Weite grauzwilchene Beinkleider, Halbstiefel, die fest an seine Füße gebunden waren, ein buntes seidenes Tuch, das lose seinen Hals umschlang, ein Hemdkragen, der weit darüber hinfiel und ein Hut mit niedrigem Kopf und breiter Krämpe, der neben ihm lag, das alles konnte einem jungen Schiffer oder Lotsen gehören, der in träger Ruhe hier auf den nächsten Sturm wartet.

Aber die schlanken, beweglichen Formen und noch weit mehr das stolze, unruhige Gesicht widersprachen dieser Annahme. Braunes Haar fiel ihm in reichen Ringen auf Stirn und Nacken, große blaue Augen blickten feurig in die Ferne. Es war ein Bild der üppigsten Jugendkraft, alles an ihm war wohl gemacht; stark, fest und kühn trug es den Stempel der Vollkommenheit. Wie er auf dem Steine lag, der Wind mit seinem Haar spielte, die Sonne ihn in rote Schimmer hüllte, konnte man glauben, einer jener alten Seekönige sei wieder aufgewacht, die einst aus Klippen und Inselbuchten über die Meere schwärmten und denen kein Sterblicher widerstehen konnte.

Es ist wohl möglich, daß die beiden Personen, welche in diesem Augenblick in der Nähe des jungen Mannes erschienen, etwas Ähnliches gedacht haben. Sie waren auf dem schmalen Pfade an der Südseite des Felsens langsam herbeigekommen. Eine junge Dame, deren Kopf in einem Helgoländer Hut von schwarzem Glanztaffet verborgen war, schritt voran, in einiger Entfernung folgte ein alter Herr, der sich auf seinen Stock stützte. – Plötzlich stand die Dame still, denn kaum zehn Schritt von dem Liegenden bemerkte sie ihn erst hinter der Senkung des Klippenrandes und neugierig forschend musterte sie den Fremdling, dessen Gesicht ihr abgewandt war.

»Was giebt es da, Lina?« rief der alte Herr, der ihr Stillstehen bemerkte. In demselben Augenblick wandte sich bei dem Schall der Stimme der junge Mann um und mit einer leichten Bewegung war er auf seinen Füßen.

»Ich habe Sie erschreckt,« sagte er, sich verbeugend.

»Keineswegs,« erwiderte die Dame errötend, »aber wir haben Sie in Ihren Betrachtungen gestört.«

»Meine Betrachtungen,« sprach er lächelnd, »sind schwerlich so ernster Art, um eine solche Störung nicht gern zuzulassen. Ich bin hier heraufgekommen, um Alltägliches zu sehen: das Sinken der Sonne, das Meer mit seinen ewigen Wellen, und hatte höchstens ein paar Fragen an den Himmel zu thun, der plötzlich in ganz anderer Weise mir geantwortet hat.«

»Darf ich wissen,« sagte die Dame, ihn freundlich anblickend, »welche Fragen Sie dem Himmel zu stellen hatten?«

»Ich fragte ihn, was für Wetter er mir zunächst schenken würde.«

»Und was hat er geantwortet?«

»O! er hat mir jedenfalls das schönste in Aussicht gestellt.«

Mit einer gewissen Verwirrung, die genügend andeutete, daß die Antwort sie hervorgerufen, aber mit einem kalten und messenden Blick wandte sich die Dame zu ihrem Begleiter um, der jetzt nahe bei ihr war. – »Hier ist ein Herr, lieber Vater,« sagte sie, »der uns für morgen zu unserer Reise das beste Wetter verspricht.«

Der alte Herr zog den Hut und musterte scharf den Fremden, der sich verbeugte. – »Nun,« sagte er, »Sie scheinen ein Seemann zu sein, und aus solchem Munde hat ein Urteil über Wind und Wetter Gewicht. Glauben Sie, daß das Meer ruhig sein wird?«

»Ich glaube wenigstens nicht, daß es morgen allzu böse bläst. Die Wand dort im Westen und die Windstreifen über uns deuten jedoch an, daß es leicht etwas unruhiger hergehen kann als heut.«

»Und doch verkündigen Sie gutes Wetter?« rief der alte Herr.

»Gutes Wetter nach meinem Geschmack,« erwiderte der junge Mann. »Ich liebe es nicht, wenn die Segel schlaff an den Masten hängen. Es geht dem Meere so wie dem Leben. Dem einen gefällt das ruhige, stille Dahingleiten, dem anderen der Sturm, der auf seinen Flügeln ihn davonführt.«

»Zum Schiffbruch,« sagte der alte Herr, ironisch lachend.

»Man kann Schiffbruch leiden im stillsten Wasser,« erwiderte der junge Mann, »oder in idyllischer Ruhe mitten im Sumpf stecken bleiben und umkommen.«

»Geh zurück, Lina,« rief der alte Herr, als das Fräulein einige Schritt gegen den Rand der Klippe that. »Es ist unsicher dort, der rote Thon bröckelt ab. Dies ganze Paradies mit seinen Erdtoffeln und Hammeln wird in einigen hundert Jahren von Wellen und Stürmen verschlungen sein.«

»So werden wir es schwerlich erleben,« erwiderte das Fräulein scherzend.

»Und was du nicht zu erleben glaubst, ficht dich nicht an. – Das heißt gesprochen, wie eine echte Tochter Evas.«

»Oder wie ein Minister der auswärtigen Angelegenheiten eines absoluten Königs,« fiel der junge Mann ein.

Die Dame lachte lebhaft auf, der alte Herr aber machte ein abweisend ernsthaftes Gesicht, und musterte den Sprecher nochmals von Kopf zu Fuß.

»Wenn Sie Mut haben,« sagte dieser zu dem Fräulein, »und mir die Hand geben wollen, so können Sie dreist auf den äußersten Rand der Klippe treten. Ihr Vater hat recht, es ist ein falscher Boden, falsch wie Glück und Größe des Volks, das hier einst wohnte, oder wie Glück und Freiheit aller Völker. Aber an dieser Stelle ist der Felsen fest; die Säule reicht fast bis hinunter ans Meer, das eben mit der Flutwelle in die Kluft stürzt, die es unten eingewühlt hat. Fühlen Sie, wie der Boden zittert? Die Geister der Vernichtung sind geschäftig, Hamlets alter Maulwurf wühlt überall. Doch, was will das sagen. Die Spanne Zeit, die uns gegeben ist, sollte eigentlich keine Furcht vor der Möglichkeit einer Abkürzung aufkommen lassen.«

Er hatte dem Fräulein die Hand geboten, die sie annahm und sich willig bis auf den äußersten Stein führen ließ. Da standen sie beide dicht an dem senkrechten Abgrund und hinter ihnen hielt der alte Herr den Atem an und stampfte nur leise mit dem Stocke auf den Boden, aus Furcht, sein Schelten und seine Heftigkeit könnten ein Unglück herbeiführen. Der schöne stolze Mann mit dem kühnen Gesicht streckte den Arm aus und wies auf die abgeschliffenen Felsenlager, welche auf eine halbe Meile weit in mächtigen Riffen um die rote Klippe liegen. »Sie fragen mich,« sagte er, »was ich mit dem Vergleich über die Nichtigkeit der Größe und des Glücks des Volkes meine, das einst hier wohnte? Sehen Sie diese Insel, die einst so groß war, daß fünfzig Dörfer darauf standen. Nichts ist von ihr geblieben, als dieser kleine tief unterwaschene Berg, der langsam zusammenstürzen und verschwinden wird. Dort hinter uns aber, weit am ganzen Saume des Horizonts der deutschen Küste, hat vor wenigen hundert Jahren noch ein freies und edles Volk gelebt. Sein Land ist von den Fluten verschlungen worden, seine Freiheit ist verloren gegangen, sein Glück und seine Größe lebt nur noch in Sagen und Liedern. Die Reste seiner Kinder aber halten treu und fest an dem mütterlichen Boden; sie kämpfen einen unsäglich furchtbaren Kampf um jede Spanne breit, und selbst diese arme Klippe, auf der nichts wachsen und gedeihen kann, die der Sturm kahl fegt und der Wellenstaub überfliegt, wird immer noch von ihnen festgehalten, bis der letzte Stein zusammenbricht.«

»Wo liegt Deutschland?« fragte das Fräulein.

»Dort,« erwiderte er. »Von den achtunddreißig Vaterländern ist nichts zu sehen als Nebel; hier aber,« fügte er lachend hinzu, indem er nach dem Leuchtturm mit der Fahne zurückblickte, »wandeln wir in der Freiheitssonne Alt-Englands.«

»Schmachvoll genug,« sagte die Dame stolz.

»Empfinden Sie das?« rief er lebhaft.

»Wie sollte ich es nicht empfinden,« erwiderte sie. »Diese Insel gehörte einst zu uns; man hat sie uns entrissen. Ein fremdes Volk hat seine Fahne hier aufgepflanzt. Dies hochmütige unersättliche England, das Völker unterdrückt und beraubt, so weit die Sonne reicht, ist immer Gegenstand meines Abscheus gewesen. Könnten sie hinauf und das goldene Licht da oben herunterholen, sie würden es zollweis und pfundweis allen Völkern verkaufen und einen kostbaren Handelsartikel daraus machen.«

»Aber das Licht der Freiheit leuchtet überall,« rief er mit einem warmen Blick auf seine schöne Gefährtin, »und Gott sei Dank, daß kein Arm hinaufreicht in den ewigen Himmel, um es zu besteuern.«

»Ist es nicht wohlthuend,« fuhr er dann fort, »hier auf dem letzten Fuß deutscher Erde zu stehen, und alles Leid zu vergessen! Sonne, Luft und Meer atmen Freiheit, sie gehören allen, kein Herr hat Macht über sie, keiner kann sie absperren. Ein Gotteswehen der Liebe geht durch die ganze Natur, dahin reicht kein Haß und keine Verfolgung. Dort liegt das stolze England. Wer mag ein Volk hassen, das so kräftig und so freiheitsmutig ist? Die Völker sind geschaffen wie die Menschen, um glücklich zu sein und sich zu lieben. Haß den Tyrannen und Fluch der Knechtschaft! Wenn ich den Sonnenball so feurig, rein und liebeheiß ins Meer sinken sehe, überkommt es mich wie die Ahnung der Seligkeit. Wie erhaben, wie göttlich ist es! Und hier, wo die Menschen fern sind mit ihrem kleinlichen Streben, mit ihrem Ehrgeiz, ihrer Eitelkeit und dem Ameisengewimmel ihrer selbstsüchtigen Triebe, hier ist der schönste Punkt weit und breit, wo man vergessen kann, daß der Staub sein Recht fordert.«

Während er sprach, halb für sich, die Arme gekreuzt, die stolze Stirn emporgehoben und wenig zu beachten schien, daß er nicht allein sei, sank die Sonne und färbte Himmel, Meer und Felsen mit wunderbaren Tinten. Die glühende Röte verlief sich im rosigen Schatten, die schwellenden Wogen brannten und glühten, die Wolken tauchten sich in Duft und schwebten leuchtend über den Horizont. Die Blicke flogen in die tiefen Klüfte der Unendlichkeit des Weltalls und überall fanden sich Licht und Leben.

»O! das ist schön, das ist namenlos schön!« rief die Dame endlich, »noch nie habe ich es so empfunden wie jetzt.«

Der alte Herr hatte sich auf den Stein gesetzt und seine goldene Dose zwischen den Fingern gedreht. – »Es ist in Wahrheit ein prachtvolles Feuerwerk,« sagte er; »man könnte glauben, daß Gottesleugner dadurch besser bekehrt würden, wie durch Missionspredigten. Aber komm jetzt, Lina, wir müssen zurück. Die Sonne fällt schnell hinter den schwarzen Vorhang, rasch wird das Schauspiel zu Ende sein.«

Als das Fräulein bei ihm war, sagte er halblaut und in dänischer Sprache: »Wer ist denn der Mensch da eigentlich, der so lächerlich phantasiert?«

»Ich weiß es nicht,« erwiderte sie.

»Ein Seemann ist er nicht,« fuhr er fort, »dazu spricht er zu anständig.«

»Mein Herr,« sagte er zu dem jungen Manne, »wir sind Ihnen sehr verbunden für die Ehre Ihrer Unterhaltung. Der Zufall hat uns hier zusammengeführt, wir sind ihm dankbar dafür; damit wir aber eine bleibende Erinnerung an diese Stunde haben, erlauben Sie mir, Ihnen meinen Namen zu nennen. Ich bin der Staatsrat Baron Hammersteen, und dies meine Tochter Karoline.«

»Und ich,« sagte der junge Mann lächelnd, indem er sich verbeugte, »bin ein Friese von der Insel Sylt, meines Standes Rechtsanwalt, mein Name ist Jens Lornsen.«

»Jens Lornsen!« rief der Baron freundlich. »Also ein Friese von der Insel Sylt, das freut mich mehr, wie Sie denken. Ich vermutete einen Deutschen und finde einen Landsmann.«

»Ich habe nie gehört,« erwiderte Jens, den Kopf hoch aufhebend, »daß unter den Friesen im Norden oder auf den Inseln sich eine Familie Hammersteen befunden hätte.«

»So ist es auch nicht gemeint,« sagte der alte Herr. »Wir sind eigentlich in Fühnen angesessen, allein ich besitze ein Gut in Schleswig, gehöre zur Ritterschaft des Herzogtums und mache deswegen meine Landsmannschaft geltend. Lange habe ich dort gelebt, meine Tochter wurde da geboren, auch bin ich öfter in den Marschen und einmal sogar auf den Inseln gewesen. Ich erinnere mich, einen alten Schiffskapitän und Ratsherrn gesehen zu haben, der Lornsen hieß, einen ehrenhaften, verständigen Mann, der viel galt bei seinen Landsleuten.«

»Das ist mein Vater,« gab Jens zur Antwort.

»Und Sie haben es anders gemacht, wie er und vermutlich alle Ihre Vorfahren. Sind nicht zur See gegangen, sondern haben studiert?«

»Das Studieren ist freilich ziemlich ungewöhnlich auf unseren Inseln,« versetzte der junge Mann, »die ihre jungen Leute wie Möwen, sobald sie flügge geworden sind, aufs blaue Wasser hinausschicken; indessen bin ich doch nicht das einzige Beispiel, daß ein Friese auch in die Schule gehen und allerlei gelehrte Künste lernen kann.«

»Es ist ein anstelliger Stamm, zu allem geschickt,« rief der alte Herr, »aber das Meer ist doch sein Element. Die Holländer und Hamburger wissen, was friesische Kapitäne und Steuerleute bedeuten und unsere besten Matrosen in der Flotte kommen immer von den Inseln, obwohl am Sunde und in den Belten es an tüchtigen Seeleuten auch nicht mangelt.«

»Waren Sie nie in Kopenhagen?«

»Nein.« sagte Jens,

»Wo haben Sie denn studiert?«

»In Kiel und Jena.«

»Warum auf einer deutschen Universität?«

»Weil ich ein Deutscher bin.«

»Ja so,« sagte der Baron lächelnd. »Da fällt mir eben ein, von einem Friesen gehört zu haben, der in der deutschen Burschenschaft zu Jena eine Rolle spielte.«

»Wenn er Lornsen hieß, werde ich es wohl sein,« erwiderte Jens lächelnd.

»Die Regierung in Kopenhagen wurde aufmerksam auf ihn gemacht,« fuhr der Baron fort, »als auf einen besonders fähigen jungen Mann, der aber verderblichen Schwärmereien nachginge. Ich hatte damals im Auswärtigen Amte Geschäfte und Vortrag. Eine Untersuchung wurde gefördert; der König jedoch stimmte mir bei und sprach in seiner einfachen Weise: Jugendstreiche – heiße Köpfe. Werden sich abkühlen und vernünftiger werden ohne Prozesse und Gefängnisse. – Die Friesen sind gute, treue Unterthanen; dummes Zeug der ganze Plunder. Werft ihn ins Feuer.«

»Daran hat der König sehr recht gethan,« sagte Lornsen, in das Gelächter des Fräuleins einstimmend.

»Und was sind Sie jetzt, Herr Lornsen?« fragte der Baron.

»Advokat ohne Prozesse,« versetzte Jens.

»Sonst wären Sie wahrscheinlich nicht hier, um den Sonnenuntergang auf Helgoland zu sehen und philosophische Betrachtungen darüber zu machen. Wir hätten die Ehre Ihrer Bekanntschaft entbehrt.«

»Ich muß zugeben, daß Geschäftslosigkeit mich dazu trieb, mit einer kleinen Schlupp, die meinem Vater gehört, die Fahrt von Sylt hierher gemacht zu haben.«

»Das Seemannsblut will seinen Ausweg haben,« lachte der Baron. »Wann wollen Sie zurück?«

»Morgen, wenn es sein kann,« erwiderte Lornsen, einen Blick auf den Himmel werfend.

»Sie scheinen aber daran zu zweifeln,« fiel das Fräulein ein, das bisher still dem Gespräch zugehört hatte.

»Ich sehe die gelbroten krausen Wolken über uns hinfliegen und sonderbare Gesichter machen.«

»Das würde mir sehr unlieb sein,« rief der alte Herr. »Ich habe schon ein paar Tage zugegeben und keine Zeit, länger zu warten.«

»Haben Sie eine Schlupp gemietet?« fragte Jens.

»Es ist nichts da als die schmutzigen, jämmerlichen, offenen Fischerboote. Ich erwarte heut noch von Husum einen bedeckten Kutter, der mich hinüber bringen soll.«

»Wenn er heut nicht kommt, wird er es morgen schwerlich wagen,« sagte der Advokat. »Was wollen Sie dann thun?«

»Dann wird nichts übrig bleiben, als mit einem Lotsen Accord zu machen und unser Heil zu versuchen.«

»Sie werden geprellt werden, sobald man sieht, daß Sie fort wollen oder müssen,« fiel Jens ein, indem er still stand und nochmals Wolkenzug und Meer betrachtete. »Der Wind wird weiter nördlich gehen, und dann werden sie es allerdings wagen, mit Ihnen auszulaufen, weil sie sicher sind, die Insel wieder zu erreichen. Nach zwei Stunden, wenn das Boot halb voll Wasser ist, die Spritzwellen darüber hinfliegen und Sie naß und mürbe genug geworden sind, wird die Mannschaft umlegen und Ihnen die Unmöglichkeit erklären, weiter fortzukommen. Sie werden gern zu allem Ja sagen, und am Abend werden Sie, wie ich hoffe und wünsche, wiederum hier zwischen Erdtoffelfeldern und Hammeln umherspazieren.«

So leicht und launig er seine Prophezeiung machte, so verfinsterte sich dennoch das Gesicht des alten Herrn. »Zum Henker!« rief er, »das sind schlechte Aussichten. Wenn es aber irgend möglich ist, will ich fort von diesem verdammten, langweiligen Felsen.«

»Glauben Sie, Herr Lornsen, daß Gefahr dabei ist?« fragte das Fräulein, vertrauensvoll zu ihm aufblickend.

»Nein,« erwiderte er. »Ein Fischerboot hält selbst einen harten Sturm aus, und diese Männer verstehen ihr Handwerk. – Dennoch will ich nicht sagen,« fuhr er fort, »daß keine Gefahr dabei wäre. Es schlagen jährlich Boote um. Viele Witwen klagen hier um ihre Männer, viele Kinder suchen den Vater, der niemals wiederkehren will. Es kommt darauf an, welche Hand das Steuer führt und welches Glück das scharfe Auge begleitet.«

»Ein wenig Gefahr wird uns nicht abschrecken,« rief das Fräulein, »und einen Steuermann, der unser Vertrauen besitzt, werden wir zu finden suchen.«

»Haben Sie Vertrauen zu mir?« fragte Jens.

Sie sah ihn freundlich lächelnd an. »Ein Friese von der Insel Sylt, der Sohn eines berühmten Kapitäns, muß Vertrauen erwecken,« erwiderte sie.

»So will ich Ihnen einen Vorschlag machen,« fuhr er fort. »Wenn Ihr Kutter aus Husum nicht kommt, und ich vermute es fast, denn es hat ziemlich stark aus Südwest geweht, dann biete ich Ihnen mein eigenes kleines Fahrzeug an. Wenn es mir möglich scheint, morgen See zu halten, führe ich Sie nach Husum hinüber; was ein Mann dafür thun kann, soll gewiß geschehen.«

»Ich glaube, daß ich in meines Vaters Namen Ihr Anerbieten annehmen kann,« sagte das Fräulein, und indem sie sich zu dem Baron wandte, fügte sie hinzu: »Wenn wir nicht denken müssen, daß die Last, welche Sie sich aufbürden, uns zu große Verpflichtungen auferlegt.«

»Es ist in der That ein Dienst, den ich nicht vergelten, also nicht annehmen kann,« rief der alte Herr sichtlich erfreut und mit der Absicht, ihn anzunehmen, in allen seinen Mienen.

Jens ließ sich dadurch nicht irre machen. – »Ich hoffe,« sagte er, »daß, wenn wir um sechs Uhr abfahren können, wir um zwei oder drei Uhr nachmittags in Husum sind. Der Umweg ist für mich gering; es macht mir Freude, wenn ich Ihnen meine Dienste bieten kann. Schlagen Sie diese ab, so versprechen Sie mir wenigstens, die Fahrt im offenen Boote nicht zu wagen, ehe Sie meinen Rat gehört haben.«

»Herzlichen Dank, mein junger Freund,« erwiderte der Baron. »Lina hat recht, Sie haben etwas in Ihrem Wesen, was Vertrauen und Überzeugung erweckt und mir sagt, daß Sie ein Advokat sind, der seine Prozesse glücklich zu Ende führt. So lassen Sie uns denn sehen, wie der Prozeß mit Wellen und Wind abläuft. Um sechs Uhr wollen wir bereit sein, und früher oder später giebt sich wohl die Gelegenheit, wo ich wieder dienen kann.«

So war das Übereinkommen geschlossen. Der Baron schüttelte ihm die Hand und eben gingen sie an dem Leuchtturm vorüber, wo der Lampenkranz angezündet wurde, der sein glänzendes, warnendes Licht in die finster fallende Nacht schickte.

»Ich habe gehört, was Sie von der englischen Flagge da oben sagten,« sprach der Baron, »auch mir ist es ein Stich ins Herz, sie hier zu sehen. Helgoland ist wichtiger, wie man denkt. Während des Krieges hatten die Engländer oft ganze Flotten hier, sie beherrschten die Elbe und Weser und türmten ungeheuere Warenvorräte aller Art auf, die eingeschmuggelt wurden, trotz aller Wachsamkeit der Franzosen. – Das war die goldene Zeit für diese Fischer, über welche die sieben fetten Kühe des Königs Pharaonis kamen, nach denen dann freilich die mageren gekommen sind. – Es geht den Leuten jetzt schlecht, denn sie sollen Fische fangen und arbeiten, das schmeckt ihnen nicht. Die Hamburger haben das Fahrwasser verbessert, ihre Feuerschiffe weit hinausgelegt, Seebacken ausgeworfen, genaue Karten zeichnen lassen; so werden die Schiffbrüche immer seltener, und Lotsen von Helgoland nimmt kaum ein Schiffer noch, zumal die kühnen Seeleute von Blankenese und Glückstadt ihnen den Rang ablaufen. – Die Schiffe halten sich möglichst entfernt von der gefährlichen Insel, sie kennen die unverschämten Prellereien ihrer Bewohner zu gut, die nichts im Sinne haben, als Strandgut erobern und lächerliche Forderungen zu machen. Aber es geschieht ihnen recht. An die alten Zeiten denken sie nicht mehr; von Treue und Anhänglichkeit wissen sie nichts. Sie danken Gott, daß sie Engländer geworden sind und aus der alten Tyrannei erlöst wurden. Das gab mir einer zur Antwort, der hier zum Rate gehört und den ich gestern über die Verhältnisse befragte.«

»Es ist kein Wunder,« erwiderte Lornsen, »denn die Vaterlandsliebe ist nie in ihnen geweckt worden. Die Vögte haben sie hart behandelt, die alte Freiheit ist verloren gegangen; die meisten wissen kaum mehr, zu welchem Volke sie eigentlich zählen.«

»Nach Ihrer Meinung doch jedenfalls zum deutschen Volke,« sagte der Baron.

»Ich glaube nicht, daß es überhaupt eine andere Meinung geben kann,« sprach Lornsen mit erhöhtem Tone.

»Nun immerhin,« fuhr der alte Herr fort. »Zum deutschen Volke oder deutschen Stamme mag man sich rechnen, hier sowohl wie in Schleswig, nur nicht zum Deutschen Reiche, zu Deutschland schlechtweg. Das ist eine Frage von anderer Bedeutung.«

Der Advokat aus Schleswig schwieg, aber der Unmut färbte seine Stirn; er schien nur mit Mühe eine Antwort zurückzuhalten.

»Ich sehe wohl, Herr Lornsen,« sprach der Baron, »daß Sie nicht so ganz meiner Meinung sind. Es würde mich auch gewundert haben; denn ich weiß, daß die jungen Herren in Schleswig zum allergrößten Teil für ihr deutsches Vaterland schwärmen und von einem dänischen Gesamtstaat nichts wissen wollen, zu dem sie doch seit vier Jahrhunderten beinahe gehören und sich wohl dabei befinden.«

»Gott weiß es, wie wohl wir uns befinden,« versetzte Jens.

»Wir wollen nicht streiten über Dinge, die wir nicht entscheiden können,« rief der alte Herr, »aber mit eurer Deutschtümelei und eurem Geschrei nach dem deutschen Vaterlande ist es nichts. Was hättet ihr denn davon, wenn ihr den buntscheckigen Haufen vermehrtet? Ist es denn so erfreulich, ein Deutscher zu sein?«

»Als Deutscher,« sagte Lornsen ruhig, »fühle ich mich als Mitglied eines großen Volkes. Ich bin durch Geburt, Sprache und Sitten, durch Denken und Empfinden daran und an sein Schicksal gekettet. Sein Leid ist mein Leid, seine Vergangenheit ist meine Vergangenheit, seine Zukunft ist meine Zukunft. Alles was in Deutschland geschieht, geht uns an, was aus Dänemark kommt, geht fremd an uns hin, denn es kommt von Fremden, die unsere Herren geworden sind, die uns nicht lieben und die wir nicht lieben können. Wir sind die Heloten, die Wasser und Holz in die Küchen tragen, damit am Sunde die Bratspieße sich drehen,« fuhr er fort. – »Ich weiß, daß Jahrhunderte uns zu dem gemacht haben, was wir sind, aber ich kenne auch die Rechte meines Volkes und seltsamerweise stehen sie in alten verbrieften Urkunden und vergilbten Pergamenten, auf welche die Staatskünstler unserer Zeit mehr geben als auf Volkswillen und lebendiges Recht der Gegenwart.«

»Lieber junger Freund,« erwiderte Baron Hammersteen mit einem spöttischen Seitenblick, »ich merke wohl, wo es bei Ihnen steckt, und denke, weiter mit Ihnen zu reden, sobald es sich paßt. Sie haben einen klaren Blick und wie ich denke, auch einen klaren Geist, Nur das eine sage ich Ihnen jetzt: alle die alten Pergamente sind wertloser Plunder, wenn man die Macht nicht hat, sie geltend zu machen. Ein kluger Mann wird sich nicht damit abgeben, um so weniger, wenn neue Pergamente und Rechte jenen entgegentreten. Ein kluger Mann wird seine Kräfte nicht vergeuden, um Buchstaben zu deuteln und zu drehen, er wird um sich schauen, die Verhältnisse erwägen und den Stier nie bei den Hörnern fassen wollen. Doch da sind wir bei unserem hölzernen Palast. Also morgen um sechs Uhr, Herr Lornsen; Sie sollen uns pünktlich an der Thür finden. Lina wird Ihnen beweisen, daß gutes dänisches Blut in ihren Adern ist. Von Seekrankheit weiß sie nichts, und wenn es das Meer nicht allzu arg macht, fahren wir unter dem Schutze des heiligen Olaf sicher davon.«

Nach einigen scherzenden Abschiedsworten empfahl sich Lornsen. »Ich wollte,« sagte er halblaut, »daß diese Dänen mir nicht in den Weg gekommen wären. Doch was hilft es. Es ist ein Ritterdienst für ein schönes Mädchen. Sie soll in ihren Gesellschaften erzählen, daß Jens Lornsen, der starrköpfige friesische Bauer, so glatt und galant sein kann, als wäre er in Kopenhagen geboren.«

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