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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 18
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
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Siebzehntes Kapitel.

Lornsen war nach Rendsburg gebracht worden, er saß in enger Haft, aber er war guten Mutes. Tage und Wochen vergingen, der Winter kam und noch wußte er nicht, was mit ihm geschehen sollte.

In seiner Einsamkeit hörte er freilich nach und nach, wie der kurze Traum verrann, den er von einer kräftigen, obwohl friedlichen und gesetzlichen Erhebung des Volkes für seine Rechte geträumt hatte: denn in Kiel war die Petition an den König nicht einmal abgegangen, die Majorität des Stadtrats erklärte sich dagegen und in den anderen Städten zerfloß die Bewegung in nichts, als Lornsen selbst ihr fehlte. Die Landleute auf ihren einsamen Höfen hatten von der ganzen Sache überhaupt nicht viel begriffen, sie waren der bezaubernden Persönlichkeit des edlen, stolzen Mannes und seiner feurigen Beredsamkeit nachgelaufen: jetzt hatte man ihn in den Kerker geworfen, was konnten sie mehr thun, als ihn bedauern und – schweigen, wenn die Dänischgesinnten ihre Stimmen erhoben, die nun laut genug hervortraten.

Die anfangs bestürzte Regierung, welche im ersten Schrecken geglaubt hatte, das ganze Land brenne lichterloh, überzeugte sich bald, daß es ein bloßes Strohfeuer gewesen sei, und daß sie mit dem einen Manne, der es angezündet und in Brand gehalten hatte, der ganzen Bewegung Herr geworden sei. Sie hatte nur nötig, diesen verwegenen Vogt von Sylt zu strafen, um auf lange Zeit sicher zu sein, daß sich nichts regen werde; alle Maßregeln wurden daher getroffen, um ihn nicht davonkommen zu lassen.

Die Regierung fühlte, was an der Verurteilung dieses Mannes, was an seiner Freisprechung hing. Wenn die letztere erfolgte, so war es ein Sieg der Volkspartei, der unberechenbare Folgen haben konnte, Lornsen wurde von neuem der gefeierte Held; seine Kühnheit mußte wachsen. Er war wohl anderer Dinge dann fähig, als dieser Vorläufer, mit denen er debütiert hatte.

Da man in Kopenhagen den Mann und seinen Charakter genau kannte, so war man um so mehr besorgt. Eine außerordentliche königliche Untersuchungskommission wurde ernannt, mit dem Auftrage, die Handlungen Lornsens und seiner Mitschuldigen aufs strengste zu prüfen, Nachforschungen wurden in allen Städten und Orten angestellt, wo Versammlungen gewesen waren, eine große Zahl von Personen aller Stände wurden vernommen und in Kreuzverhören abgemartert, um Aussagen und Beweise zu erhalten; nichts wurde gespart, um zu schrecken und einzuschüchtern, nichts unversucht gelassen, um ein Verbrechen festzustellen, das durchaus begangen sein sollte, und man hatte die tauglichsten und tüchtigsten Werkzeuge dazu ausgewählt, die den redlichsten Willen hatten, ihren hohen Vorgesetzten sich als besonders brauchbar zu empfehlen.

Nicht besser ging es dem gefangenen Manne in seinem Kerker. Seine Verhöre folgten langsam und unterbrochen; man ließ ihm sechs Monate Zeit, um mürbe zu werden, aber die zähe Kraft in diesem gigantischen Körper war so leicht nicht zu zerbrechen. Die Einschränkungen und der üble Wille seiner Wächter mochten ihm lästig werden und seine Gesundheit angreifen, seine geistige ungebrochene Thätigkeit ließ ihn dies kaum bemerken. Er verheimlichte den Untersuchungs-Kommissarien nichts und verschwieg nichts; was er sagte, geschah im vollen Gefühle seines Rechts und im Bewußtsein, nichts gethan zu haben, was die Landesgesetze im geringsten verletzt hätte.

So war endlich der Frühling gekommen und ungeduldig sah der Gefangene hinaus auf das grünende Land. Die Akten der Untersuchungskommission waren geschlossen und an das schleswigsche Obergericht zum Spruch eingesandt worden. Dieser Spruch konnte alle Tage erfolgen, er konnte ihn stündlich erwarten. Mit sehnsüchtiger Freude dachte er daran, wie sein Kerker sich öffnen werde und er berechnete die Folgen nicht geringer wie die Regierung. Er wußte, daß ein Freudengeschrei durch das ganze Land gehen, daß alle Furchtsamen und Halben dadurch neuen Mut empfangen, daß sein erster Schritt in die Freiheit eine Niederlage des Absolutismus sein würde, die dieser nicht mehr überwinden könne.

Mitten in seinen frohen Gedanken hörte er eines Tages die Schlüssel an der Thür klirren und mit einer plötzlichen Hoffnung, die sein Gesicht belebte, wandte er sich um; aber seltsam überrascht fühlte er ein unheimliches Bangen, als er einen Besuch vor sich erblickte, den er am wenigsten erwarten konnte.

Es war der Staatsrat Hammersteen, der ihm beide Hände entgegenstreckte und mit seiner gewohnten lächelnden Güte sagte: »Mein armer, unbesonnener Freund, was habe ich Ihnen prophezeit, wovor habe ich Sie vornehmlich gewarnt?! Halten Sie immer ein Auge auf Kopenhagen gerichtet und schreiben Sie nichts, geraten Sie in keinen unserer modernen Hexenprozesse, das waren meine letzten Worte.«

»Sie stehen vor einem fait accompli, Herr Staatsrat,« erwiderte Lornsen, die Achseln zuckend.

»Also nichts mehr davon,« sprach der Baron. »Sie haben recht, lieber Freund. Ich bin einige Wochen auf meinem Gute gewesen, leider ganz allein, denn Lina ist in Italien. Sie wissen doch, daß sie Baronin Branden ist?«

»Ich höre es von Ihnen zuerst,« erwiderte Lornsen, »setzte es jedoch voraus.«

»Ah, freilich,« rief der alte Herr lachend, indem er sich niederließ, »das wilde Mädchen hat Ihnen einen Besuch auf Sylt gemacht, hat Sie warnen und gleichsam entführen wollen. Es war durchaus vernünftig, daß Sie auf solche Mädchenträume nicht eingingen. Nun, Lina fuhr mit Branden nach Helgoland, dann weiter nach London, wo sie im Hotel unseres Gesandten getraut wurden. Branden ist unendlich glücklich und Linas Briefe schwärmen voller Zärtlichkeit für ihn. Aber, mein lieber Freund,« fuhr er dann fort, »womit vertreiben Sie sich die Zeit? Sie haben eine Unmasse alter Bücher und Schriften hier aufgestapelt. Ich glaube beinahe. Sie wollen um eine Professur an einer deutschen Universität nachsuchen, wenn Sie erlöst sein werden.« Während er lachte, sagte Lornsen: »Ich denke ruhig zu bleiben, wo ich bin, meine Zeit ist jedoch nicht ganz übel angewandt worden. Ich habe mich der schwierigen Arbeit zugewandt, alle Rechts- und Geschichtsquellen der Herzogtümer zu untersuchen, und hoffe daraus ein Werk zusammenzustellen, das mancherlei Irrtümer und Zweifel über unser Staatsrecht gründlich beseitigen soll.«

»Denken Sie schon wieder ans Schreiben?« rief Hammersteen drohend; »ich will Ihnen etwas Besseres und Freudigeres mitteilen. Der König wird in kurzer Zeit in die Herzogtümer kommen. Was sagen Sie dazu?«

»Ich hoffe, der gerade und biedere Sinn des Königs wird nicht länger von seinen Ratgebern getäuscht werden können.«

»Immer aufrichtig und wahrhaft!« sagte der Staatsrat. »Se. Majestät hat dies Urteil über Sie gefällt, lieber Kanzleirat, und was ich Ihnen jetzt mitteile, muß Ihnen Genugthuung gewähren, denn niemand kann leugnen, daß sowohl Ihre persönliche Einwirkung auf unseren gnädigsten Herrn, wie Ihre feurigen Bestrebungen hier im Lande die eigentliche Ursache dazu bilden.« – Er ergriff Lornsens Hand und fuhr dann eindringlich fort: »In kurzer Zeit wird Dänemark eine Verfassung haben!«

»Und die Herzogtümer?« fragte Lornsen.

»Es versteht sich, daß sie daran teilnehmen,« sagte der Staatsrat. »Das Gesetz, welches Vertrauensmänner aus allen Landesteilen nach Kopenhagen beruft, wird dem König vorangehen. Nun, Kanzleirat Lornsen, sind Sie damit zufrieden?«

»Sie fragen mich,« erwiderte Lornsen, »ob ich mit etwas zufrieden bin, was wie ein Messer aussieht, dem Klinge und Heft fehlt. Wenn man Recht und Wahrheit achten wollte, so würde ich nicht hier sein, Herr Staatsrat. Man würde mich nicht eingekerkert, gequält und gemartert haben, würde mir Gerechtigkeit widerfahren lassen, keine Untersuchungskommission einsetzen, keine Prozesse anstellen, wo keine Schuld vorhanden ist. Man würde das erste und einfachste Recht jedes freien Mannes achten, durch die Presse zu sagen, was er denkt, und seine Mitbürger zu versammeln, um gemeinsam zu beraten, was sie für ihr Wohl am zuträglichsten halten.«

»Das sind gefährliche Rechte,« fiel Hammersteen ein. »Was verlangen Sie von einer bedrohten Regierung? – Soll sie ruhig zusehen, wenn die feindlichsten Grundsätze gegen sie verbreitet und in die Köpfe der rohen Masse geschleudert werden?«

»Wenn die Regierung im Rechte ist,« sagte Lornsen, »hat sie nichts zu fürchten. Es muß ihr lieb sein, des Volkes Stimme zu hören, sobald nichts geschieht, was gegen das Gesetz wäre. Das haben wir gethan, nichts weiter. Bittend und vorstellend haben wir uns an den König gewandt, ihm vorgetragen, was wir für recht halten, und darum allein, um nichts anderes, hat man mich gefangen und vor Richter gestellt, die mich nicht gesehen und gehört haben.«

Die bittere Heftigkeit, mit welcher Lornsen sprach, vermehrte sich durch den Widerspruch des Barons. – »Sie haben sich wahrlich nicht zu beklagen,« sagte dieser. »Sie wissen nicht, welche Berichte über Sie einliefen, wie Ritterschaft und Prälaten, die ersten und reichsten Männer im Lande, um Hilfe riefen gegen das gesetzlose Treiben.«

»O, ich weiß,« erwiderte Lornsen. »Die Stützen des legitimen Thrones beteuerten ihre Treue. Sie schrieben dem König, daß er nichts von ihnen hören würde, was Allerhöchstdemselben mißfällig sein könnte; baten ihn, doch ja nichts zu übereilen, ihnen nicht die Umtriebe einiger übelwollender, gemeiner Menschen zur Last zu legen und forderten weiter nichts zum Lohne als die Gnade und Huld ihres königlichen Herrn und die gute alte Zeit mit ihren Privilegien.«

»Sie sind ja vortrefflich unterrichtet trotz aller Thüren und Schlösser,« lachte der Staatsrat. »Doch unbesorgt, lieber Freund, Ihre Denkschrift wirkt in Frederiksborg-Schloß fort, diese Ritter haben dort nichts zu erwarten. Jetzt aber,« fügte er hinzu, »lassen Sie uns ein ernstes Wort reden. Sagen Sie mir aufrichtig, was Sie denken. Es wäre zu beklagen, Herr Lornsen, wenn ein Mann von Ihren Fähigkeiten wirklich für das Vaterland völlig verloren sein sollte.«

»Ich hoffe,« sagte Lornsen, »daß ich diese gütige Besorgnis abweisen kann.«

»Glauben Sie,« fiel Hammersteen beteuernd ein, »daß dies von hohen Personen sowohl wie von vielen einflußreichen Männern sehnlich gewünscht und erwartet wird,«

»Nach dem Anteil, den Sie, Excellenz, an mir nehmen,« erwiderte Lornsen, »und was mir überhaupt geschehen ist, bin ich davon überzeugt.«

»Sie sind gereizt,« rief der Staatsrat, »aber Sie werden später einmal sich und uns richtiger beurteilen. Sie haben einen politischen Prozeß gehabt. Sie haben einige Monate in Einsamkeit gelebt, Sie können verurteilt werden, und dennoch eine glänzende Entschädigung erhalten. Jugendliche Verirrungen können gut gemacht werden und finden am leichtesten Verzeihung, wenn die Reue aufrichtig ist. Sehen Sie nach Deutschland hinüber, was ist dort aus den Demagogen, Ihren alten Universitätsfreunden, geworden. Nachdem viele einige Zeit in Gefängnissen und Festungen gesessen haben, andere sogar zum Tode verurteilt worden sind, befinden sich die meisten jetzt wie Fische im Wasser, als Geheimräte, als Obergerichtsräte oder in anderen ansehnlichen Ämtern und Würden, sehr behaglich und gemütlich als getreue und eifrige Diener der Despoten und Tyrannen, gegen die sie ehemals die Brutusse spielten. Wohlan denn, mein lieber Freund,« fuhr er lachend fort, »bekennen Sie sich selbst, daß auch hier die Komödie aus ist und ziemlich mittelmäßig geendet hat. Die Zuschauer sind nach Hause gelaufen und haben die Hauptacteure im Stich gelassen. Alles, was ich Ihnen vorher sagte, ist eingetroffen und wird weiter eintreffen, aber noch ist es Zeit, die Schlußscene klüglich zu vermeiden.«

»Ich muß annehmen,« sagte Lornsen, »daß dies mir die Ehre Ihres Besuches verschafft hat.«

»Ich will es durchaus nicht leugnen,« erwiderte Hammersteen lächelnd. »Ich habe auf Wunsch Sr. Majestät mich hier umgesehen und meinen Anteil für Sie dabei mitwalten lassen. Kurz und bestimmt also, Kanzleirat Lornsen, ich will Ihnen die Hand bieten, um aus diesem Loche zu kommen und in anständiger Gesellschaft zu erscheinen.«

»Was das anbelangt, so glaube ich, daß diese Thüren sich mir bald von selbst aufthun werden.«

»Möglich,« erwiderte der Staatsrat, »doch rechnen Sie nicht zu fest darauf. Wollen Sie aber verständig annehmen, was ich Ihnen biete, so soll alles der Vergessenheit anheimfallen. Wir ziehen Sie von neuem nach Kopenhagen in die Kanzlei oder nach Ihrer Wahl in die Regierung. Ich denke, es kann Ihnen nicht schwer fallen, Ihren Entschluß zu fassen. Sie haben kennen gelernt, wie es mit Volksgunst steht, Sie haben erfahren, was Ihre Freunde vermögen und was die sogenannte öffentliche Meinung wert ist. Ihr ganzes Unternehmen ist an der Dummheit, Unfähigkeit und der völligen Unreife dieses Volkes gescheitert. Was können Sie noch hoffen?«

»Gerechtigkeit!« sagte Lornsen erglühend und mit starker Stimme. »Nein, Herr Staatsrat, so übel steht es nicht, solche Vorwürfe verdient dies Volk nicht. Noch giebt es Richter im Lande, die das Rechtsbewußtsein stärken, das niedergetretene Volk erheben, den Unschuldigen schützen werden.«

»Das glauben Sie?« fragte Hammersteen spöttisch und achselzuckend.

»Ich glaube es, weil ich Sie hier sehe,« fuhr Lornsen fort. »Der Absolutismus zittert vor meiner Freisprechung. Weil er weiß, daß er sie nicht hindern kann, bietet er mir die Hand zur Versöhnung. Sie aber sollten wissen, Herr Staatsrat, daß alle Preise mich nicht verlocken können, mich zu schänden und die heilige Sache meines Volkes zu verraten.«

»Ich sehe, Sie sind schwer heilbar,« sagte der Baron kalt lächelnd, »aber warten Sie, vielleicht hilft ein letztes Mittel.« Er stand auf und reichte Lornsen ein Papier, »Lesen Sie das,« sagte er. »Es ist eine Abschrift, morgen wird Ihnen das Original zugestellt werden. Wenn Sie es vermeiden wollen, schreiben Sie mir eine Antwort, daß ich Sie besuchen soll. Adieu, mein lieber Kanzleirat, Gott erhalte und erleuchte Sie.«

»Was ist das!« rief Lornsen, das Papier aufschlagend. »Ein Urteil des Obergerichts, mein Urteil!« Er warf einen Blick des Entsetzens auf den lächelnden Staatsrat, der ihm von der Thür aus zunickte. »Meines Amtes entsetzt, einjährige Festungsstrafe – wegen Handlungen, welche hätten gefährlich werden können. Und keine Entscheidungsgründe! Ha, das ist niederträchtig, hündisch niederträchtig!« Er brach in ein wildes Hohngelächter aus und schleuderte das Papier zu Boden.

So war es geschehen, was manche gefürchtet, doch wenige nur geglaubt hatten. Lornsen war von dem obersten Gerichtshofe wegen Handlungen, »die hätten gefährlich werden können,« verurteilt worden, und statt frei und ermutigt durch die geöffnete Thür seines Kerkers hinauszutreten in den jungen Frühling, sollte ein Jahr verstreichen, ehe er ohne Amt, ohne Einfluß, ohne Thätigkeit, tief gedemütigt als ein bestrafter Missethäter unter seinen Mitbürgern erscheinen konnte.

Der Zorn in seinem Herzen machte dem Gefühl der Schande Platz, und diese wich dem nagenden Kummer über die Wirklichkeit der Zustände, an die er nicht geglaubt hatte. Eine ganze Woche war vergangen, seit er das Urteil empfangen. Stimmen erhoben sich für ihn, die seine Richter angriffen und sein Schicksal ein unverdientes und ungerechtes nannten; aber es waren schüchterne, leise Stimmen, Stimmen in der Wüste, die nicht laut zu rufen wagten, um die schlafenden Wölfe nicht zu wecken. Die Censur erlaubte eben nicht mehr, und nach einigen schwachherzigen Klagen und Seufzern verstummte der Ton vollständig, denn die Censoren hatten Befehl erhalten, nichts mehr durchzulassen, was den obersten Gerichtshof beleidigen könnte.

Die Bauern in ihren Höfen dachten dann wohl noch einige Zeit an den stolzen, kühnen Vogt, der so mächtig zu reden wußte; der Arbeiter in den Städten hatte mit der täglichen Not zu kämpfen; der Kaufmann handelte weiter wie vorher, die materiellen Interessen hatten viel gelitten; die Junker und Ritter freuten sich über die Gerechtigkeit gegen die Wühler und Aufwiegler; die klugen Leute schüttelten den Kopf und nannten es wenigstens unbesonnen von dem allzu heftigen Manne, und nur eine kleine Zahl bewährter Freunde blieben in Liebe und Treue ihm zugethan; sie fühlten seine Not und Schmach mit ihm.

Nach einiger Zeit kam der Staatsrat Hammersteen wiederum nach Rendsburg und besuchte Lornsen, aber er schien aufrichtig erschrocken und teilnehmend zu sein, als er ihm ins Gesicht blickte.

»Wie, Lornsen,« sagte er, »ich habe Sie wahrlich für einen größeren Philosophen, ich habe Sie für einen Stoiker gehalten, der es mit Antonius Pius aufnehmen könnte, und wie sehen Sie aus!«

»Ich bin in der That ein wenig angegriffen,« erwiderte Lornsen mit einem schwachen Lächeln.

»Sie sind krank,« sagte der Staatsrat. »Was ist es? Behandelt man Sie hart? Sie müssen Bewegung haben. Es ist auf keinen Fall der Wille der Regierung, Ihnen Erleichterungen zu entziehen.«

»Man behandelt mich mild,« antwortete der Gefangene, »aber Sie wissen, Excellenz, es giebt Leiden, die weder Milde noch Strenge heilen können.«

»Ich verstehe,« sprach Hammersteen, »Sie sind in Ihren Erwartungen und Hoffnungen getäuscht, in eine Krankheit gefallen, die man mit dem lächerlichen Namen Weltschmerzfieber getauft hat, der aber durchaus passend ist. Sie grollen mit Menschen und Menschheit, beide kommen Ihnen verächtlich vor.«

Lornsen blickte finster vor sich nieder. – »Folgen Sie dieser Erkenntnis der Dinge,« rief der alte Herr und er lehnte sich zurück in den Stuhl, indem er seine Finger um die goldene Dose wand, »verachten Sie das Gesindel nach Herzenslust, es ist wahrhaftig nichts Besseres wert, aber – seien Sie kein Thor und nehmen Sie es etwa sich zu Herzen. Ich habe Ihnen alles vorher gesagt, Freund, Sie haben mir nicht glauben wollen, und doch wird diese harte Kur gut für Sie sein, wenn sie zur Heilung Ihrer Selbsttäuschung führt.«

»Sie nennen Selbsttäuschung,« fiel Lornsen mit einer unmutigen Bewegung ein, »was ich die Folge der tiefen Verknechtung nenne, in welche der zügellose Despotismus der Fürsten und ihrer Genossen ganze Völker gestürzt hat.«

»Bah!« erwiderte Hammersteen, »ich gebe nichts auf solche Deklamationen. Denken Sie ohne Leidenschaft, Lornsen. Wen klagen Sie an? Am bittersten Ihre gerühmte Vernunft, Ihre proklamierte Göttlichkeit. Wenn etwas daran wäre, würden die Völker anders sein, würden sie weder von despotischen Fürsten noch von den Genossen dahin gebracht werden können, einen nichtsnutzigen, feigen, feilen, erbarmungslos dummen und gemeinen Haufen von Wesen zu bilden, die sich gegenseitig bestehlen, berauben und morden. Der Narr, der Börne, hat ein sehr wahres Wort gesagt: Wenn die Völker besser wären, würden die Fürsten besser sein! Aber darin liegt es. Die Völker sind nicht besser, und jedenfalls sind das die größten Thoren, die da meinen, sie könnten die Besserung bewirken.«

»Sie haben mir die Ehre Ihres Besuches nochmals zugewandt,« sagte Lornsen.

»Und jedenfalls nicht, um Sie zu ärgern oder gar zu verhöhnen,« sprach Hammersteen. »Ich kam zum erstenmal, um Sie auf Ihre Verurteilung vorzubereiten und Ihnen Trost zu geben. Sie haben mich damals nicht zum Wiederkommen eingeladen. Jetzt bin ich hier, um zu sehen, was ich für Sie thun kann, meinte aber nicht, Sie so gebeugt zu finden.«

»Gebeugt?« wiederholte Lornsen, sich aufrichtend, »Sie irren, Herr Staatsrat. Ich habe weder den Glauben an die Zukunft meines Volkes, noch an die aller Unterdrückten verloren.«

»Recht!« rief der Baron lächelnd, »glauben Sie daran, ich thue es auch, aber seien Sie ungläubig für die Gegenwart. Sehen Sie,« fuhr er fort, »da ist ein Zeitungsblatt aus Kopenhagen, ich will Sie damit beruhigen. Björning ist von zäherem Stoff wie Sie, aber er hat auch andere Aussichten. Er ist ebenfalls verurteilt worden, hat sechs Monate im Gefängnis gelebt, hat fünfhundert Thaler Strafe gezahlt, ist unter Censur gestellt auf zehn Jahre: trotz dessen ist er voller Mut und Zuversicht. Die dänischen Liberalen haben das Geld für ihn zusammengebracht; wie er aus dem Gefängnis kam, wurde ihm ein Gastmahl gegeben, reiche Kaufleute und Privatmänner sorgten sogleich für ein Jahrgehalt. Was er jetzt schreibt, wird von Freunden unterzeichnet, die sich zu der Ehre drängen, ihre Namen für ihn einzusetzen. Die Regierung hat somit geglaubt, ihn nicht von seiner Professur entfernen zu dürfen; ich selbst habe dagegen gestimmt.«

»Sie haben dagegen gestimmt?«

»Ebensogut wie ich dafür gestimmt habe, Sie jedenfalls abzusetzen,« sagte Hammersteen ruhig. »Björning hat Stützen im Volke, er hat mächtige und reiche Freunde, er versteht zu rechnen, läßt sich behandeln und was er schreibt und will, ist nicht feindlich gegen Dänemark, sondern nur feindlich gegen ein herrschendes System. Sie, Lornsen, haben gar nichts und doch sind Sie gefährlicher. Sie sind ein deutscher Patriot, der für ein freies und einiges Deutschland schwärmt. Wir haben Ihnen jetzt gezeigt, auf welche Stützen Sie rechnen können. Ihre eigenen Landsleute haben Sie auf die Schlachtbank geliefert, Ihre eigenen Richter haben Sie gerichtet. Das Hohngelächter der reichsten und einflußreichsten Männer hat Sie in den Kerker begleitet, Ihre Verurteilung hat Freude hervorgerufen. Dankadressen sind nach Kopenhagen geschickt worden, und wer sich nicht freute, der ist wenigstens stumpfsinnig und gleichgültig geblieben und hat heimlich Gott gedankt, daß er sein ganzes Fell retten konnte. Sehen Sie, das ist das Volk, für welches Sie sich geopfert haben. Nicht einmal die Zeitungen haben gewagt, eine kräftige Lanze für Sie einzulegen. Ihre bittersten Gegner in Kopenhagen haben es gethan. So sehr alle Dänen es verdammen müssen, was Sie beabsichtigen, so haben Björning und Genossen doch Ihren Mut, Ihre Talente und Ihre Hingebung für ein faules und undankbares Volk gepriesen und beklagt. Sie haben es himmelschreiend genannt, daß ein Obergericht sich durch Ihre Verurteilung so schamlos an den Pranger stellte, und haben für Ihre Sache sich selbst Verfolgungen ausgesetzt, weil die Regierung nicht dulden konnte, daß man die deutschen Provinzen, die Obergerichte, den Adel und die gesamte Bevölkerung so unbarmherzig mit Spott und Verachtung brandmarkte.«

»Und was, Herr Staatsrat,« sagte Lornsen bewegt, »was soll ich daraus lernen?«

»Künftig klüger sein, mein Freund, wahrhaftig, das ist das Ganze!« erwiderte der Baron. »Wollen Sie meinen guten Rat hören?«

Als Lornsen schwieg, fuhr er bedächtig fort: »Wenn Sie ein Jahr hier im Gefängnis zubringen sollen, sind Sie ein verlorener Mann. So weit muß Ihr Einsehen reichen, daß Sie dann nichts mehr zu hoffen haben. Im vorigen Jahre, als die Revolutionen losbrachen, ließ sich einiges erwarten und durchsetzen. Die Völker,« sprach er mit seinem spöttischen Lächeln, »ließen sich jedoch bewegen, daran zu glauben, daß die Zeit zur wohlthätigen besonnenen Erfüllung früherer Verheißungen erst kommen könne, wenn die Ruhe völlig wiederhergestellt sei. Die Ruhe ist nun hergestellt und das Wohlthätige wird folgen,«

»Eine fürchterliche Lehre für alle Völker!« sprach Lornsen.

»Sehe jeder, wo er bleibe!« fiel Hammersteen ein. »Ich habe Ihnen diesen weisen Spruch beim Anfange unserer Bekanntschaft citiert, und ich wiederhole ihn jetzt, wo wir vielleicht uns zum letztenmal sehen.

Es wäre kläglich,« rief er, indem er in Lornsens fieberhaft gerötetes Gesicht blickte, »aber es würde so sein. Sie gehen unter, mein Freund, wenn Sie auch jetzt nicht zur Besinnung kommen können. Zwanzig Jahre, ein ganzes Menschenalter, mögen leicht darüber verfließen, ehe in diesen stagnierenden Sumpf eine neue Bewegung kommt. Und was wird es dann sein? Was ist von diesem deutschen Volke zu hoffen, das, entartet wie es ist, ewig nur tote Kinder gebären kann. Nach einem Jahre, wenn Ihr Kerker sich öffnet, sind Sie vergessen. Gram, Zorn, der Kummer über ein verfehltes Streben, der Ekel über die Gemeinheit, die Sie umkriecht und zu Boden zieht, werden an Ihrem Leben nagen und dies vorzeitig enden. Wohin wollen Sie? Jede öffentliche, ehrende Stellung ist Ihnen abgeschnitten. Wollen Sie sich in dem Winkel von Sylt verbergen, dort ein Bauer werden, auf der Warft sitzen, Ihr Feld bauen und ein Weib nehmen? Unmöglich! Ihre unruhige, ehrgeizige Gemütsart und alle Ihre Erinnerungen lassen dies nicht zu. Sie würden vergehen in dem tötenden Bewußtsein Ihrer Verarmung an allem, was der höher organisirte Mensch bedarf. So bleibt Ihnen nichts als mit einem Sprunge dieser Misere zu entgehen.«

Er schwieg; Lornsen schien von dieser Schilderung betroffen und ergriffen. Es war, als empfände er die Wahrheit und kämpfe vergebens gegen ein Zugeständnis.

»Lieber Freund,« begann der Staatsrat von neuem, »mögen unsere Jugendträume philanthropisch ausfallen, der gereifte Mann muß einsehen, daß die Welt betrogen sein will. Richten Sie den Kopf auf, Lornsen. Das Leben ist kurz; man muß es sich angenehm und schön machen. Es giebt keine andere vernünftige Philosophie, als die Lehre des Epikur.«

»Und wenn die Völker einst diese Lehre recht begreifen werden?« rief Lornsen mit Bitterkeit. »Wenn Sie nicht mehr auf das Jenseits hoffen, sondern hier Ihren Anteil am Glück fordern?«

»Ah bah!« erwiderte Hammersteen, »meinen Sie, daß das jemals geschehen wird? Die Menschheit wird ewig glauben und ewig hoffen, denn sie wird ewig unmündig bleiben und Priester und Advokaten nötig haben. Wir, die Eingeweihten, sind darüber hinaus. Wir glauben an uns selbst und – schonen die Vorurteile, geben jedem das goldene Kalb, zu dem er beten kann. So sind wir frei, so allein wird man frei, mein Freund, und verachtet die Dummköpfe und die Narren.«

Der alte Staatsmann lächelte höhnisch, und seine grauen kalten Augen bohrten sich bedeutungsvoll in Lornsens krankes Gesicht.

»Lassen Sie sich nun sagen,« fuhr er dann fort, »daß der König in spätestens vierzehn Tagen hier sein wird. Vernichten kann er das Urteil des Obergerichts nicht, aber er kann es unschädlich machen. Setzen Sie sich hin, schreiben Sie an den König, entschuldigen Sie Ihre Übereilungen mit dem Eindruck der welterschütternden Begebenheiten und bitten Sie um Gnade.«

Bei diesen Worten färbte sich Lornsens Gesicht dunkelrot; die Adern an seiner Stirn schwollen auf, er zitterte vor Bewegung.

»Der König ist noch immer gütig gegen Sie gesinnt,« fuhr der Staatsrat, ruhig mit seiner Dose spielend, fort, als bemerkte er den Sturm gar nicht, den er erregt hatte. »Zeigen Sie ihm Reue, sagen Sie ihm, daß Sie Ihre Irrtümer eingesehen, daß Sie bestrebt sein würden, dies zu beweisen.«

»Ich – ich,« murmelte Lornsen mit erstickter Stimme.

»Dann geben Sie mir den Brief,« sagte Hammersteen. »Binnen drei Tagen sollen Sie frei sein, Ihr Gehalt vorläufig als Wartegeld beziehen; aber, mein Wort darauf, Sie sollen in kurzer Zeit auf den Platz berufen werden, der Ihnen gebührt.«

»Mein Platz,« rief Lornsen mit seiner Donnerstimme, indem er aufstand, »wäre der Schandpfahl, der Galgen, um mit dem Eisen des Henkers mich an der Stirn zu brandmarken, wenn ich so nichtswürdig sein könnte, Ihrem Rate zu folgen. Nie, niemals soll es geschehen! Was Sie mir vorschlagen, müßte mich auf ewig entehren.«

»Keine Thorheiten! Herr Lornsen,« fiel der Staatsrat stolz ein. »Was ich Ihnen rate, ist das Gegenteil aller Phantasterei, aber weit entfernt von Entehrung.«

»Es kann sein, daß ich elend sterben muß,« sagte Lornsen, indem er in der Mitte des Gefängnisses still stand und seine Augen strahlend aufhob, »aber dann werden kommende Geschlechter richten zwischen mir und meinen Feinden. Die Geschichte wird den Stab brechen über die Richter, die mich richteten und über die Männer des Unrechts und der Gewalt, denen nichts heilig ist, die mit Glauben, Liebe und Gott Handel treiben, um die Ketten der Völker fester zu schmieden. Gott aber läßt sich nicht spotten. Der Tag wird kommen, wo er Gericht hält, wo Wahrheit und Recht nicht zu Schanden werden!«

»So gehen Sie hin in Ihr Schicksal,« sprach Hammersteen, sich abwendend. »Sie sind ein Fanatiker, sind unverbesserlich und,« fuhr er, die Thür in die Hand nehmend, fort, »der Teilnahme nicht würdig, die hohe Personen bisher noch immer für Sie hegen. Adieu, Herr Lornsen! Denken Sie an mich. Dieser heroische Mut der Tugend wird in stumpfsinniger Verzweiflung enden.« Lornsen sank in den Stuhl zurück. Er fühlte einen hohen Triumph, aber auch den brennenden, lähmenden Schmerz seines ohnmächtigen Zorns und alle Qualen, die seiner warteten.

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