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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 16
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
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Fünfzehntes Kapitel.

Die folgenden Tage waren ungemein unruhig und lebendig in Kopenhagen, das mit Gerüchten aller Art erfüllt war. – Bald hieß es, der König wolle Vertrauensmänner berufen, die eine Verfassung ausarbeiten sollten, bald wieder, er wolle von nichts hören und habe diejenigen aufs härteste behandelt, welche eine Vorstellung gewagt hätten. – Der Kronprinz sollte für eine Äußerung übel angekommen sein, der Stadtrat sich geweigert haben, eine Petition an den König zu schicken. Die Polizei sei thätig, die Presse werde aufs schärfste bewacht, ein Artikel über Dänemarks Hoffnungen in einem gelesenen Blatte sei sogleich mit Beschlag belegt worden, der Verfasser werde verfolgt.

Lornsen hatte dem Staatsrat den ganzen Erfolg seines Gespräches mit dem Könige geschrieben und bei dem schließlichen Rate des Monarchen hinzugefügt, daß er ihn zu befolgen gedenke. – Ohne irgend eine Reflexion beizufügen oder eine Entschuldigung zu versuchen, schloß er den Brief mit seinem Danke für die vielfache Güte des Barons, und mit der Bitte, ihm diese nie ganz entziehen zu wollen. Es war ein möglichst förmlicher, wohlgesetzter Abschiedsbrief mit der vollsten Gewißheit geschrieben, daß es das letzte sei, was geschehen müsse. – Er atmete auf, als es vollbracht war. An Lina schrieb er kein Wort. Er nannte ihren Namen nicht, er erlaubte sich keine Andeutung, keine Klage, nicht die leiseste Erinnerung an das, was er verloren und was mit unabweisbarer Gewalt sich geltend machte. – Mit der Ruhe der Resignation überlegte er seine Entschlüsse und bekämpfte die Stürme seiner Seele, um jede Spur sorgfältig zu verbergen.

Er sandte den Brief ab und erhielt keine Antwort. Den ganzen nächsten Tag wartete er darauf in quälender Unruhe, und wie oft er sich auch sagte, daß eine Antwort überflüssig, und keine Antwort jedenfalls die bestimmteste Antwort sei, so empfand er doch nach und nach erst die ganze Größe seines Opfers. Er mochte in den einsamen Stunden der Nacht sich alles sagen, was er zu seinem Troste sagen konnte, unzähligemal sich zurufen, daß Lina ihn nie geliebt habe, daß er ein Spiel ihrer eitlen Träume und eines leichtfertigen Ehrgeizes gewesen sei, der sich darin gefallen, ihn der Welt und den Verhältnissen zum Trotz zu sich empor zu heben, um ihn von sich zu werfen, als er ihr Knecht nicht sein wollte. Der Zorn, den er dadurch in sich erregte, hielt nicht vor gegen den tiefen Schmerz um sein verlorenes Glück, um Jahre voll Hoffnungen, um eine Zukunft, die wie eine Nacht ohne Sterne auf seiner Seele lag.

Als es ganz finster war, ging er auf Seitenpfaden zu der Villa hinaus und setzte sich auf die Bank in dem kleinen Tempel auf der Höhe des Hügels, wo er so oft mit Lina gesessen hatte. Es war lautlos und düster weit umher. Dann und wann dröhnte es hohl vom Meere herauf, das in phosphorischem Leuchten seine matten Wellen gegen das Ufer warf. Endlich trat die untergehende Sichel des Mondes blutigrot unter schwarzen Wolken vor und zitterte über ein paar Fenster des Hauses. Seine Augen hefteten sich starr daran fest. Es war Linas Zimmer. Er sah die weißen, tief herabgelassenen Vorhänge, es war ihm, als höbe ihre Hand sie auf, als sähe ihr blasses, leidendes Gesicht ihn fragend und vorwurfsvoll an. Er sprang auf und streckte die Arme aus, aber seufzend ließ er sie sinken. Das Haus lag tot und still, keine Stimme rief seinen Namen.

Als er am Morgen in seine Wohnung trat, war sein erster suchender Blick auf einen Brief gerichtet, welcher auf dem Tische lag. Mit gieriger Hast griff er danach, doch neue Täuschung. Es war ein Brief aus Sylt, er erkannte auf der Stelle die Handschrift seiner Mutter.

Ein weiches und wehmutsvolles Gefühl erfaßte Lornsen, als er die besorgten Worte las und eine Sehnsucht, wie er sie nie gekannt, füllte sein ganzes Herz in diesem Augenblicke nach dem stillen Herde seines Vaters, nach der Laube von Schminkbohnen mit ihren kühlen, breiten Blättern, und nach den treuen Armen, die dort seiner warteten.

»Meine Mutter!« murmelte er vor sich hin, »du hast es mir wohl gesagt. Sie sind falsch, diese Dänen, falsch in der Liebe, wie im Kriege heimtückisch und eitel. Ich wußte es und doch habe ich dir nicht glauben wollen.«

»Dein letzter Brief, Jens,« schrieb die Mutter, »hat uns gar wenig Freude gemacht. Es war so viel Mißmut und Unzufriedenheit mit dir selbst darin, daß Lorenz Leve, der ihn uns vorlas, bei einem Kopfschütteln blieb. – ›Gebt acht, Gevatter,‹ rief er, ›Jens ist ein großer Herr geworden, und kann ein noch größerer werden, aber es wird am Ende doch nichts daraus. Er ist nicht dazu gemacht, sich zu bücken, zu schmiegen und zu fügen, sich rot und weiß anzustreichen, wie ein echter Danebrogsmann und uns mit treten zu helfen, wie ein solcher es rechtschaffen thun muß. Es liegt ein Stein in seinem Wege; will's Gott nicht, daß er die Beine daran zerbricht.‹

Dein Vater sprach etwas dazu von Untiefen, auf welchen dein Schiff liege, und von Wellen, die dein Deck wegschlügen; aber, lieber Jens, ich weiß es besser, was dir fehlt. Es liegt bei dir im Herzen. Ich sehe es in jedem Worte, es ist etwas, was dich bange macht, du könntest allen Glauben und Mut zum Leben verlieren und meinen, es gäbe niemand mehr auf Erden, der an dir festhielte mit Liebe und Treue. Wenn es das ist, Jens, so komm zu uns, mein Sohn. Ein Mutterherz ist treuer, als man sich's denken kann, und da ist keiner hier, der nicht Liebe und Trost, klare Augen und reinen Sinn für dich hätte. Komm nach Sylt, mein geliebtes Kind. Es ist mir, als wärest du krank geworden bei den vornehmen Leuten, und müßtest gesund werden in unserer grünen Marsch aus Warft und Dünen. – Unser Vogt ist endlich gestorben. Vielleicht machen sie dich dazu. O! Jens, wenn ich das denke, pocht alles in mir vor Freude. Du, der Vogt von Sylt! Du, unser erster Mann im Lande, geehrt von allen, geliebt von deinen Mitbürgern. Was könnte da alles geschehen von dir zur Hilfe und Besserung. Wenn dich die Dänen in Kopenhagen zum Minister machten, oder meinetwegen gar zu ihrem Könige, es wäre mir wahrlich nicht halb so lieb, als wenn mein Jens Vogt von Sylt würde, und wiederkäme, um mit uns zu leben!«

»Ha!« rief Lornsen, indem er den Brief sinken ließ, »wäre es das, was übrig blieb von meinem Ehrgeiz, und dennoch – o! wie wahr, wie gut ist dieser Brief, wie treu heimelt mich jedes Wort an. Wohin könnte ich mich retten mit meinem wunden Herzen als zu dir, meine Mutter, in das Land meiner Väter, in das Land meiner Sehnsucht, dem ich alles opferte, was ich habe.«

In diesem Augenblick hörte er draußen einen Wagen rasch heranrollen und halten, und gleich darauf klopfte es an seine Thür.

»Herr Staatsrat!« sagte Lornsen überrascht.

»Ich komme selbst,« erwiderte Hammersteen, »um Ihnen, mein lieber Kanzleirat, für Ihr Schreiben zu danken.«

»Es war das letzte, was mir übrig blieb, nachdem ich gethan hatte, was ich meinen Grundsätzen, meiner Ehre und Pflicht nach thun mußte,« sprach Lornsen.

»Kein Wort mehr darüber, liebster Freund,« rief der Baron, ihm freundlich die Hände drückend. »Sie haben entschieden. Die Sache ist beendet. Man kann streiten und leiten, so lange die Verhandlungen offen sind, aber nichts ist thörichter, als gegen vollendete Thatsachen noch Einwendungen machen wollen. Ein fait accompli ist das Siegel unter jedes Dokument, es läßt sich nichts mehr dagegen sagen; die Folgen nimmt jeder auf seine eigene Rechnung. Aber,« fuhr er dann ebenso lächelnd fort, wie in den Tagen der besten Übereinstimmung, »Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht, ich muß meine aufrichtige Bewunderung zollen. Der König hat von Ihnen die stärksten Dinge gehört. Sie haben ihm gesagt, was wohl noch nie einer ihm gesagt hat; dennoch ist er Ihnen so gewogen wie je vorher. Er nannte Sie heute noch einen aufrichtigen, standhaften Mann von Geist und Charakter, wie es wenige giebt, der leider nur durch seinen Standpunkt nicht ferner hier zu gebrauchen sei. Benutzen Sie die Gnade Sr. Majestät und tragen Sie recht bald auf Versetzung nach Schleswig, Glückstadt oder Kiel an.«

»Ich werde dem König heute noch ein Gesuch einreichen.«

»Sehr gut,« sagte Hammersteen, »aber es ist für den Augenblick nichts leer, was für Sie paßte. Der König hat sich Bericht erstatten lassen. Sie sehen, er hat selbst schon daran gedacht, Ihren Wünschen zuvorzukommen.«

»Ich will den edlen Freunden, die für mein künftiges Wohl so besorgt sind, die fernere Mühe sparen,« erwiderte Jens lächelnd. »Der Vogt von Sylt ist gestorben, ich wünsche sein Nachfolger zu werden.«

Hammersteen sah ihn erstaunt an. »Der Vogt von Sylt ist tot,« sagte er, »aber das ist eine Subalternstelle von geringer Bedeutung. Was wollen Sie damit? Der König denkt daran, Sie als Etatsrat in die schleswig-holsteinische Regierung zu bringen, als Oberregierungsrat Ihnen einen nützlichen und wichtigen Wirkungskreis zu verleihen, und wahrlich, ich sollte denken, ein Mann, der um seines Vaterlandes Rechte so viel gethan hat, würde lieber in der Landesregierung Platz nehmen, als in dem öden Winkel bei Bauern und Fischern sitzen.«

»Dennoch ziehe ich dies vor,« erwiderte Lornsen. »Als Vogt von Sylt bin ich der Erste auf der Insel und kann mit Rat und That wenigstens im bescheidenen Kreise meinem Volke beistehen. Als Mitglied des Regierungskollegiums kann ich nichts als Befehle vollziehen, und wie Sie am besten wissen, Herr Staatsrat, kann die Regierung eben nichts thun, was in Kopenhagen nicht vorher wohl überlegt und approbiert worden ist.«

»Sie sind reich an überraschenden Entschlüssen,« lachte Hammersteen. »Es wird auffallen, daß ein Mann wie Sie, der heute im Kabinett sitzen könnte, wenn er gewollt hätte, so bescheiden in seinem Ehrgeize ist, um Vogt von Sylt werden zu wollen. Es ist etwas von Römertugend darin. Man könnte denken, es hieße auch bei Ihnen, lieber in Massilia der Erste als in Rom der Zweite! – Nun, wie Sie wollen, man wird Ihre Bitte nicht abschlagen, aber jedenfalls werden Sie gut thun, auch in Sylt immer mit einem Auge nach Kopenhagen zu sehen, da Sie überzeugt sein können, daß Sie hier ein zu gutes Andenken hinterlassen, um vergessen zu werden.«

Er sprach die letzten Worte scharf betont aus und nickte Lornsen leicht zu. – »Ich danke Ihnen, Herr Staatsrat, für diesen freundlichen Rat.«

»Jedenfalls kommen Sie bedeutend besser fort wie unser armer Branden,« sprach der Baron weiter. »Der gute Kammerherr hat sich, Gott weiß von welcher Tarantel gestochen, verleiten lassen, dem König eine Denkschrift zu übergeben, ganz im Sinne des jungen Dänemark, voll unsinniger Forderungen. Sie soll vortrefflich geschrieben sein, stilistisch ein Meisterstück. Es ist schade, daß der König sie in seiner ersten Heftigkeit zerrissen und dem unglücklichen Branden vor die Füße geworfen hat.«

»Der Kammerherr hätte sie dort nicht liegen lassen sollen,« sagte Lornsen.

»Ich meine, er war sehr froh, als er wieder in freier Luft war,« rief der Staatsrat. »Er wird seine Freiheit jetzt im reichen Maße genießen können. Der König hat ihm den Kammerherrschlüssel abnehmen lassen und ihm befohlen, wo es ihm beliebe, weitere Studien über Dänemarks Staatsleben zu machen, nur nicht in Kopenhagen und in Seeland. So ist er denn im Begriff, heute abend auf seine Güter nach Fühnen abzureisen und wird Lina begleiten, die mit einer achtbaren Gesellschafterin, unserer würdigen Cousine Alfeld, ebenfalls auf einige Zeit sich ländlich dort erholen wird. Der gute Branden,« rief er, als Lornsen schwieg, »Sie wissen, wie sehr er Linas Schatten ist. Es ist für ihn der größte Trost, in ihrer Gesellschaft zu bleiben, und passendere Charaktere kann es nicht geben. Beide von denselben Ideen erfüllt, beide so harmonisch durch Gemüt und Geist verbunden. Ich hoffe, wenn ich in einigen Monaten sie aufsuche, ein höchst glückliches und einsiedlerisches Pärchen zu finden.«

»Ein höchst glückliches Pärchen,« wiederholte Lornsen, indem er alle Bewegung bezwang. »Ich zweifle nicht daran.«

»Lieber Freund,« rief Hammersteen, »glauben Sie mir, Weiber, die sozusagen ohne Unterröcke geboren wurden, sogenannte emanzipierte Frauen mit freigeistiger Verachtung aller gegebenen Verhältnisse sind am glücklichsten, wenn ihre geistreichen Capricen unterthänige Bewunderer finden. Branden mit seiner liebenswürdigen Dienstfertigkeit paßt dazu ohne Zweifel weit besser, wie Männer, die sogenannte Grundsätze haben. Harte Steine mahlen schlecht, das ist ein alter Volksspruch. Schließen wir diese philosophische Betrachtung. Ich freue mich, Sie so entschieden und mit mir übereinstimmend zu finden. Lina reist heute abend; es würde uns allen gewiß wohlthuend sein, wenn Sie mit uns speisen wollten, und bis zum letzten Augenblick überzeugt blieben, wie glücklich wir sind, Sie unseren Freund zu nennen.«

Eine jähe Röte färbte Lornsens blasses Gesicht, »So weit,« sprach er mit einem heftigen Zucken, das seine Hand aus Hammersteens Hand zog, »geht meine Resignation nicht, Herr Staatsrat. Sie haben klug und richtig gerechnet; alles, was Sie wünschten, hat sich erfüllt. Das Ende ist da, muten Sie mir nicht zu, auf meine Kosten Ihre Meisterschaft noch weiter verherrlichen zu helfen.«

»Was hat man für Not,« sagte Hammersteen, den Kopf schüttelnd, »um der Wahrheit die Ehre zu geben. Aber wie Sie wollen, lieber Lornsen, ganz wie Sie wollen; Ihr Andenken wird uns darum nicht minder teuer sein. Nur eines noch. Reißen Sie aus Ihrem Gedächtnis einen ganz unwürdigen falschen Verdacht, den Verdacht, als wäre meine aufrichtige Zuneigung zu Ihnen und was mit besonderen Absichten zusammenhing, nicht völlig ehrlich gemeint gewesen.«

»O gewiß,« fiel Lornsen ein, »es war ehrlich gemeint, und dennoch, Herr Staatsrat, dennoch haben Sie zu jeder Stunde gewußt, daß Sie fordern würden, was ich weit von mir schleudern mußte, sollte mein Leben auch daran zerbrechen.«

Lornsens Augen sprühten Zorn und Verachtung auf den Baron, der mit Kaltblütigkeit eine seiner größten Prisen nahm und dann lächelnd ausrief: »Tu l'as voulu, George Dandin! Erhitzen wir uns nicht, lieber Kanzleirat. Es ist nichts widerwärtiger als Worte machen, die keine Bedeutung haben. Eines will ich Ihnen noch sagen. Der König ist sehr erfreut, daß Sie alle Ansinnen des närrischen Björning von sich gewiesen haben. Sie wissen doch, daß der Mensch in dieser Nacht verhaftet worden ist?«

»Das weiß ich in der That nicht,« sagte Lornsen.

»Man wird ihm den Prozeß machen. Er hat abscheuliche Wühlereien getrieben, sogar einige sonst höchst anständige Personen verleitet, die fatale Denkschrift zu unterzeichnen, und aufrührerische Artikel in Zeitungen geschrieben. Alles in der Welt mag man thun, nur nicht schreiben, nicht drucken lassen. Preßprozesse und Hochverratsprozesse sind die Hexenprozesse unserer nächsten Zukunft; man muß jeden vernünftigen Menschen raten, sich davor zu hüten.«

Er nahm seinen Hut und sagte dann: »So leben Sie wohl, mein werter Kanzleirat. Vogt von Sylt werden Sie ganz gewiß, wenn es wirklich Ihr Ernst damit ist. Bedenken Sie es aber noch einmal und halt! daß ich es nicht vergesse: Se. Königl. Hoheit der Kronprinz hat mir aufgetragen, Sie zu ersuchen, ihm heute noch einen Besuch zu machen. Es wird Ihnen gewiß von Nutzen sein, wenn Sie diesem Befehle recht pünktlich nachkommen. Se. Königliche Hoheit ist Ihr großer Gönner und Sie wissen ja, welche edlen Gefühle ihm eigen sind. Wenn Sie die lieben, schönen Halligen besuchen, erinnern Sie sich unserer romantischen Reisebekanntschaft. Vortreffliche Waldschnepfen! ich habe sie nie wieder so zart gegessen, und unvergleichliche Seezungen. Wir suchen Sie sicher bald einmal auf, teurer Freund, interessieren Sie den Kronprinzen doch ja für das Seebad in Sylt oder Föhr.«

So ging er, von Lornsen geleitete, die Treppe hinab und mit den lautesten und öffentlichsten Zeichen seiner Freundschaft stieg er in den Wagen und fuhr davon.

Am Abend erschien Lornsen bei dem Prinzen, der ihn mit zuvorkommender Güte empfing. Er führte ihn in sein Arbeitskabinett und sagte mit warmen Zeichen der Teilnahme: »Ich weiß alles, aber ich billige nicht alles. Warum wollen Sie uns verlassen, warum wollen Sie Ihre Stellung aufgeben?«

»Gnädigster Herr,« erwiderte der Gefragte, »ich habe alle Verbindungsfäden verloren, die mich hier halten könnten.«

»Sie haben diese selbst zerschnitten,« sprach der Prinz, »aber geben Sie nicht alles auf. Wenn Fräulein Hammersteen Sie nicht mehr halten kann, vielleicht kann ich es. Bleiben Sie in meiner Nähe, es wird mir lieb sein, Sie hier zu sehen, und hoffen Sie auf die Zukunft. Sie wird uns Mittel geben, vielleicht selbst die Wunde in Ihrem Herzen zu heilen.«

»Ich glaube, Königliche Hoheit,« sagte Lornsen, »daß, wenn ich es wagen darf, von meinem Herzen zu sprechen, dies eine so furchtbare Erfahrung gemacht hat, daß seine Heilung unmöglich ist.«

»O, glauben Sie das nicht,« rief der Prinz lächelnd. »Ich weiß, wie Sie von Weiberliebe denken. Sie werden Ihren Kampf mit getäuschten Empfindungen kämpfen und mit gerechtem Stolze sich darüber erheben. Liebe ist ein Rausch; dem einen vergeht er rasch, dem anderen langsam und schwer, aber darüber hinaus kommen wir alle. Sie werden eine andere finden, die ihre Liebe nicht verklausuliert und etwa gar, wie diese stolze Spröde, eine Staatsangelegenheit daraus macht. Ich will keine bitteren Gefühle bei Ihnen aufregen,« fügte er abbrechend hinzu, »allein so pikant es sein mag, von einer schönen Dame allein bevorzugt zu werden, die ihre Liebe vergeistigt und materiell auflöst, es ist mit diesen platonischen Schönen kein irdisches Verhältnis zu knüpfen. Sie sind wie die kalten Seejungfrauen nur da, um heiße Herzen in ihre Flut zu locken, und wer ihnen nicht folgen will, wird verlassen und betrogen.«

»Und kann nie wieder lieben,« murmelte Lornsen vor sich hin.

»Glauben Sie mir,« sagte Prinz Christian, »daß ich seit langer Zeit Sie bedauert habe. Sie missen doch, daß Fräulein Hammersteen nach Fühnen reist, oder schon fort ist?«

»Ich habe es gehört.«

»Und daß der liebenswürdige Branden sie begleitet?«

»Auch das habe ich gehört.«

»Sie hat ihn zum Märtyrer gemacht,« lachte der Prinz, »sie wird ihm die Dornenkrone aufsetzen. Trauern Sie nicht zu sehr darum, lieber Lornsen; in der Entsagung muß man tolerant sein.«

Als Lornsen schwieg, fuhr er fort: »Der alte Staatsrat ist ein wahrer Tausendkünstler. Ich bin vollkommen überzeugt, daß er seit langer Zeit genau wußte, was geschehen würde. Er hatte die Karten so klug in seiner Hand, daß kein Trumpf verloren gehen konnte. Er hat es dem König selbst gesagt, in welchen gefährlichen Verbindungen seine Tochter steckte, und ihre Verbannung bewirkt, um sie Branden mit auf die Reise zu geben.«

»Das ist ein schändlicher Plan!« rief Lornsen heftig. »Mich überhäuft er dafür mit öffentlichen Beweisen seiner unveränderlichen Gönnerschaft.«

»Um der Welt zu beweisen, daß er nie die Absicht hatte, mehr aus Ihnen zu machen als einen ergebenen Klienten,« sprach der Prinz. »Halten Sie sich gut mit ihm; ich muß eingestehen, daß seine Gönnerschaft Ihnen jetzt weit mehr nützen kann, als die meine, aber – die Zeiten können sich ändern.«

Mit einem bedeutungsvollen Blicke drückte er Lornsens Hand und sagte leiser: »Sie werden vielleicht auch gehört haben, daß der König sehr ungnädig meine Äußerung aufgenommen hat, es sei wünschenswert, jetzt aus der Erstarrung aufzuwachen, und etwas zu thun, was allgemein als notwendig anerkannt werde.«

»Man erzählt sich davon,« erwiderte Lornsen.

»Erzählt man sich davon?« wiederholte der Prinz lebhaft. »O gewiß! es ist nicht meine Schuld, wenn man nicht mehr erzählt. Darum, bleiben Sie hier, Lornsen. Es ist mir Bedürfnis, fähige, edle und talentvolle Männer, wahre Vaterlandsfreunde um mich zu sammeln, die mich unterstützen können.«

»Ist es Ihre Absicht, gnädigster Herr, mir irgend eine Stellung in Ihrer Nähe zu geben?« fragte Lornsen.

Der Prinz schien diese Frage zu erwarten. »Ich verstehe,« sagte er, »was Sie andeuten. Man will Sie von hier fortschaffen, aber ich hoffe imstande zu sein, Sie Ihrem Wirkungskreise zu erhalten. Sie offen so zu mir zu stellen, wie ich möchte, geht nicht wohl an.«

»Darf ich fragen, was Sie abhält?« sprach Lornsen, als der Prinz schwieg.

»Sie wissen,« fuhr dieser lächelnd fort, »wie viele Augen sich auf mich richten. Ihre Grundsätze sind bekannt, Ihre letzten Schicksale werden nicht verborgen bleiben. Wenn Sie aus dem Staatsdienst treten, um sich mir zu nähern, bin ich Ihr Mitschuldiger. Gewiß, lieber Lornsen, ich will es sein und bin es zum Teil, allein, Sie wissen ebensogut, daß ich viele, sehr viele Rücksichten zu nehmen habe.«

Lornsen stand stumm vor dem Prinzen, auf den er seine Augen heftete, als wollte er in seinem Herzen lesen. – »Glauben Sie mir,« sagte der Prinz, »ich empfinde mit Ihnen. Sie haben mich von den Rechten der Herzogtümer überzeugt. Sie haben die Stimme der Wahrheit in mir geweckt, die niemals erlöschen wird. Ich werde kein Unrecht zulassen, kein Recht verletzen, auch wenn die blinde Leidenschaft mich drängen sollte.«

»Sie können vieles, Königliche Hoheit,« erwiderte Lornsen, »wenn Sie der standhafte Freund des Rechts sein wollen. In den Herzogtümern heben sich Herzen und Hände dem edlen Prinzen entgegen, dem Norwegen seine Verfassung verdankt.«

»Aber nur jetzt nicht,« rief der Prinz lebhaft. »Nur keine Übereilung. Wenden Sie allen Ihren Einfluß in Kiel an, daß nicht etwa dort laut und öffentlich auf mich gebaut wird. Sie wissen, wie man jede meiner Äußerungen bewacht; nichts könnte mehr schaden, als mich in den Streit ziehen.«

»Gnädigster Herr,« erwiderte Lornsen, »warum wollen Sie Ihre Überzeugungen verleugnen? Es wäre Wahnsinn, zu fordern, daß Sie für uns thun sollten, was Sie für Norwegen gethan; allein Ihr freimütiges Wort kann dem Recht eine Stärke verleihen, die den Übermut beizeiten bändigt und zur Versöhnung hilft.«

»Sie irren vollständig,« fiel der Prinz ein. »Ich kann nichts thun, was mich nicht bloßstellen würde. Sie gehen zu weit, Herr Lornsen, viel zu weit. Ich bin Ihnen dankbar für Ihre gute Meinung. Die Zuneigung der Herzogtümer freut und rührt mich, ich werde sie verdienen, aber – die Verhältnisse kann ich nicht ändern, zu meinem größten Bedauern nicht ändern.«

»Mein armes Vaterland!« sagte Lornsen düster niederblickend.

»Warten Sie die Zeit ab,« fuhr der Prinz tröstend fort, »und warnen Sie ja vor allen Äußerungen, die ich abweisen müßte.«

»Königliche Hoheit,« sagte Lornsen, »ich hoffe selbst diese zu hintertreiben.«

»Sie wollen also wirklich zurückkehren?«

»Ich habe nur noch das eine warme Gefühl in mir, meinem Vaterlande nützlich zu sein und meinen Mitbürgern treu zur Seite zu stehen.«

»Es ist mir schmerzlich,« sagte der Prinz nach einer kleinen Pause, »Sie sollten es nicht thun, Sie sollten wenigstens alles wohl bedenken.«

»Ich glaube es bedacht zu haben.«

»Nun,« rief Prinz Christian, ihm freundlich die Hände reichend, »Sie werden jedenfalls die Überzeugung mitnehmen, daß ich Ihr Freund bin, daß das Wohl der Herzogtümer mir am Herzen liegt und daß ich helfen und fördern werde, so viel ich immer vermag.«

»Das heißt: nichts!« murmelte Lornsen in sich hinein, indem er sich verbeugte.

Abends spät, als er das Haus des Prinzen verließ, ging er einsam an den Wällen hin, die bittere Wahrheit in seinem Herzen, daß er nichts mehr zu hoffen habe. Der wohlwollende Thronfolger mit seinem ewigen Lächeln, seinem Achselzucken und Bedauern, befestigte seinen Entschluß, Kopenhagen zu verlassen, so schnell er konnte. Er verglich diesen hoffnungsvollen Prinzen mit dem alten strengen, heftigen König und sagte dann finster vor sich hin: »O, Björning hat nur zu recht. Schöne Reden wird er halten, und wie er früher den Weibern leichtsinnige Liebesschwüre geschworen und gebrochen hat, so wird er später uns seine Gelöbnisse brechen. Wehe dem Volke, das auf nichts zu bauen hat, als auf das Wort eines Fürsten. Worte sind Wind, wenn die Macht nicht da ist, die das Halten erzwingen kann. Glauben und vertrauen darf man nur, wenn man Mittel hat, die Täuschung zu strafen.«

Bei diesen Worten stand er still und blickte über eine Gartenmauer fort in einen düsteren, mit Bäumen besetzten Raum. Es war der Garten des Staatsrats, der hier endete. In der Ferne, zwischen den Zweigen und Blättern drang Lichtschein aus dem Hause zu ihm hin und seine Blicke hefteten sich gedankenvoll an das zuckende Flimmern.

Nach einigen Minuten schien ihm ein plötzlicher Entschluß zu kommen. Schnell und gewandt sprang er über die Mauer und ging durch die einsamen Wege dem Hause zu. Bald hatte er den Platz erreicht, in dessen Mitte der gewaltige Baum stand, der ihn zuerst in überreicher Seligkeit in Linas Armen gesehen hatte.

»Und was,« rief er mit lauter, schmerzlicher Stimme, seine abgebrochenen Betrachtungen aufnehmend, »was habe ich für Mittel, mein verratenes Vertrauen zu rächen? – Nichts als ein verödetes Herz und den Stolz der Verachtung.«

In diesem Augenblick hörte er ein Rauschen unter dem dunklen Kreis des Baumes. Der Schatten einer Gestalt bewegte sich auf der Bank an dem alten Stamme und Linas klare Stimme durchzitterte den überraschten Mann.

»Du bist es, Lornsen,« sagte sie. »Ich wußte es wohl, du mußtest kommen, um Abschied zu nehmen von diesem Orte, der dir so heilig ist wie mir.« Sie trat mit leisen Schritten bis an den Rand des Weges, wo Lornsen stand und reichte ihm die Hand. Der Abendstern trat funkelnd unter Wolken hervor und warf einen bläulichen Schimmer über ihr Gesicht. Lornsen erkannte, daß sie Reisekleider trug. Ein weißer Schleier hüllte ihren Kopf ein, er glaubte in die großen dunklen Augen zu sehen, die ihn stolz und kühn betrachteten.

»Setze dich einen Augenblick zu mir auf diese Bank,« sagte Lina. »Hier haben wir gesessen in den schönsten und reinsten Hoffnungen unseres Glückes, hier mag die letzte Minute vergehen. – Du erinnerst dich,« fuhr sie mit einem leisen Zittern ihrer Stimme fort, »daß mein Vater uns Unglück prophezeite, als er uns vor dem Baume der Nornen warnte. Alles ist eingetroffen.«

»Aber nicht dieser fühllose Baum, sondern wir alle tragen die Schuld,« erwiderte er.

»Wir, Lornsen!« sagte Lina. »Es ist mild von dir, wir zu sagen.«

»Gott weiß es,« gab er zur Antwort, »daß es gleichgültig ist, wem wir die Schuld zuweisen. Wir haben es so gewollt, wir müssen es tragen.«

»Und wir werden es tragen,« erwiderte sie. »Du gehst nach Schleswig zurück?«

»Ja,« sprach er kalt.

»Nach Sylt, wie mein Vater sagt?«

»Ich denke, es ist so.«

»Du thust nicht recht,« sagte Lina. »Ich fürchte für dich, mein teurer Freund.«

»Du fürchtest für mich?« rief er mit der tiefen Bitterkeit seiner Gefühle. »Deine Furcht kommt zu spät.«

»Glaubst du,« erwiderte sie, »daß ich jemals aufhören könnte, deine Wege mit meinen Gedanken zu begleiten? Daß ich aufhören könnte, dein Glück zu wünschen und dich da zu sehen, wohin du gehörst.«

»Ich drücke dem Fräulein von Hammersteen meinen Dank aus,« antwortete Lornsen kalt, »und bitte sie, dasselbe von mir zu glauben.«

»Nein, Jens,« rief sie mit stolzer Heftigkeit, »so wollen wir nicht scheiden. Du hast einst zu mir gesagt, daß alles fallen und enden könnte, nur die Erinnerung nicht, daß du mich geliebt. Ich habe dir diese Liebe zu deinen Füßen geboten, du hast sie zurückgewiesen, du hast mich verlassen.«

Lornsen antwortete nicht. Stumm und still saßen sie unter dem düsteren Baume, der mit seinen schwarzen Schatten sie umspann. »So laß uns scheiden,« sagte er endlich. »Einst wird die Stunde kommen, wo du Antwort finden wirst auf deine Klagen. Sei glücklich, das ist mein letzter Wunsch, und bereue nie!«

»Reue,« sagte sie, »ist das Erbteil der Schwäche. Ich weiß, du hast keinen Raum dafür, Jens. Dein stolzes Herz wird bis zur letzten Stunde unversöhnt bleiben im Gefühle dessen, was du Recht und Ehre nennst.«

»So ist es,« sprach er.

»Dann folge der Ehre, die dich treibt, aber gehe nicht nach Sylt in die Dunkelheit eines armseligen Lebens. – Du bist nicht dafür geschaffen; das Unglück wird sich an deine Fersen heften, wenn du vergessen kannst, wer du bist. Der Mann, den ich liebte, den ich für den Edelsten und Ersten achtete, kann nicht in einem Winkel verkümmern.«

»Ha!« rief Lornsen heftig, indem er aufstand, »auch jetzt noch ist dieser Rest von Teilnahme also nichts als Trug, nichts als Eitelkeit, nichts als Hochmut. – Weil sie lachen werden über den Bauernvogt von Sylt, den das stolze Fräulein einst geliebt hat, darum soll er ihm Ehre machen, um ihr frevelhaftes Spiel zu rechtfertigen. Ohne Sorge, mein gnädiges Fräulein, Sie sollen gerechtfertigt werden. Was von meinem Leben übrig ist, wird Ihnen keine Schande bringen. Mein Name wird dem Rechte und der Ehre voranleuchten; er wird, wenn Sie die Zeitungen lesen, Ihnen Freude machen, und in der Stille einsamer Stunden, auf Hofbällen oder in den Armen Ihres zärtlichen Gemahls, werden Sie ohne Scham an die Verirrung Ihrer Jugend denken können.«

Er ging über den Platz fort, mit langsamen, stolzen Schritten. Kein Wort rief ihn zurück, kein Laut wurde gehört. Nach einer langen Zeit kam ein Mann mit einem Doppelleuchter, dessen Lichte Glaskugeln schützten, vom Hause her. »Lina, wo sind Sie denn?« fragte er laut, die Leuchte erhebend.

»Hier, lieber Branden,« erwiderte das Fräulein.

»Teuerste Lina, wie können Sie hier in der Nacht sich einsam langweilen und mich vergebens suchen lassen?«

»Zum letztenmal, Branden,« erwiderte sie, »Sie haben recht, es ist undankbar, ich bin dafür gestraft worden. Von jetzt an sollen Sie mit mir zufrieden sein.«

Der Baron küßte entzückt ihre Hand. »Selige Hoffnung!« rief er, »so kommen Sie, der Wagen wartet. Mögen alle Verbannten so glücklich sein wie ich.«

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