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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 15
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
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Vierzehntes Kapitel.

Der König war in Frederiksborg, dem reizenden Sommeraufenthalt in der Nähe der Hauptstadt, von dessen Hügel herab die Aussicht auf Meer und Land zu den schönsten gehört, die es giebt.

Als Lornsen die Terrasse hinaufstieg, sah er den alten Monarchen langsamen Schritts, die Hände auf den Rücken gelegt und den Kopf niedergebeugt, im Nachsinnen unter den Bäumen auf und nieder gehen.

In seinem einfachen Rocke sah er wie ein schlichter Bürger aus, der seine schlechten Geschäfte bedenkt und von Sorgen wie von der Hinfälligkeit seines Alters gebeugt, keinen Blick für die blühenden und prachtvollen Umgebungen seines Hauses hat. Die Schildwachen an den Ecken des Schlosses in ihren Bärenmützen, den leuchtenden roten Röcken und geschmacklosen blauen Hosen, standen wie Statuen starr und still und schauten den alten Herrn an, der das einzige lebende Wesen hier war, denn nirgends zeigte sich an Thüren oder Fenstern einer aus dem Troß, der Fürsten zu umgeben pflegt. Die Stille umher war lautlos, ein sanfter Windzug nur warf dürre Blätter auf den greisen König.

Als dieser Lornsens Schritte hörte, richtete er den Kopf empor und mit einem plötzlichen Ruck nahm er seine militärische Haltung und die richterliche strenge Miene an, welche er sich zu geben wußte.

»Nun,« sagte er, »da sind Sie ja! Wo waren Sie? Was wollen Sie? Wer hat Sie hierher berufen?«

»Wenn Ew. Majestät mir den Befehl nicht erteilt haben, in Frederiksborg zu erscheinen, so muß ein Irrtum obwalten,« erwiderte der Gefragte.

»Ich sage das nicht,« antwortete der König, »ich wollte Sie sehen, aber weit früher, vor fünf oder sechs Stunden. Sie scheinen die Pünktlichkeit nicht zu lieben, Herr Kanzleirat,« fuhr er in seiner barschen Weise fort, ohne eine Antwort abzuwarten; »Pünktlichkeit verlange ich von meinen Dienern. Es ist das Unglück der Fürsten, von nachlässigen Dienern umringt zu sein. Mein Tagewerk beginnt früh und endet spät. Wer um mich ist, von dem verlange ich, daß er meine Thätigkeit teile, jede Minute bereit sei. Das ist beschwerlich, ich gebe es zu. Es ist bequemer, seine Zeit sicher zu haben. Wer das will, muß bleiben wo er ist.« Er warf einen musternden Blick auf Lornsen und sagte dann milder: »Sie können arbeiten, ich weiß es, es fragt sich, ob Sie Lust haben, in meiner Nähe zu arbeiten. Ich setze voraus, daß Sie schon wissen, wessen ich bedarf. Haben Sie mit dem Staatsrat Hammersteen gesprochen?«

»Ja, Majestät.«

»Er hat Ihnen gesagt, daß ich einen Kabinettschef brauche, auf dessen Schultern die laufenden Geschäfte ruhen, dessen täglicher und stündlicher Vortrag nötig sein kann. Nun,« sagte er, und eine Art Lächeln, das seine faltigen Züge freundlicher machte, begleitete seine Worte, »Sie haben Schultern dazu, an Kraft fehlt es Ihnen nicht; es kommt auf den Willen an. Haben Sie den?«

»Da Ew. Majestät mir einen so ehrenden Beweis Ihres Vertrauens giebt,« erwiderte Lornsen, »wird mein redlicher Wille sich verdoppeln.«

»Wenn ich kein Vertrauen zu Ihnen hätte, würde ich Sie nicht wählen,« erwiderte der König. »Die Zeiten sind danach, um sich vorzusehen. Talente sind nicht selten, aber charakterfeste Männer um so mehr. Es wankt jetzt alles; Glaube und Vertrauen sind ankerlose Schiffe, das Heiligste und Höchste wird im Schlamme fanatischer Tollheit entehrt.«

Der warme und deutungsvolle Blick, welcher Lornsens Erwiderung war, wurde von dem König bemerkt. »Seien Sie ruhig,« sagte er. »Ich habe viel erlebt in den Jahren, die über mein Haupt hinweggegangen sind. Viele traurige Tage, viele kummervolle Nächte, viel Schlechtigkeit und Nichtswürdigkeit der Menschen; aber sie sind einmal so, es läßt sich daran nichts ändern. Man muß thun, was man kann, um zu retten, was zu retten ist, und sich nicht fortreißen lassen von dem, was recht ist und bleiben muß.«

»Die menschliche Vernunft,« erwiderte Lornsen, »kann niemals so zu Schanden werden, um nicht endlich immer den Sieg über das Unwahre und Unrechte zu erlangen.«

»Bah!« rief der König, »was giebt sich nicht alles als Vernunft aus. Fragt jeden Narren und jeden schlechten Kerl, er wird seine Streiche vernünftig nennen. Die Ritter der Vernunft sind es eben, die alle Unvernunft aushecken, die Köpfe verwirren und Unheil über die Welt bringen. Sie wissen doch, was soeben die Vernünftigen in Frankreich gethan haben, oder wissen Sie es nicht?«

»Ich weiß es, Majestät, aber ehe es dahin kam, hätten die, welchen Gewalt und Macht gegeben ist, bedenken sollen, was sie thaten. Ein Volk läßt sich nicht zu einer Revolution hinreißen, wenn es durch langes Unrecht nicht dazu gedrängt wird. Die Schuld liegt nicht an ihm, sie fällt denen zur Last, welche ihm sein Recht vorenthalten, Gesetze und Eidschwüre brechen und die warnende Stimme überhören, die nach uraltem Glauben Gottes Stimme ist. Die Stimme des Volkes, der öffentlichen Meinung!«

»Öffentliche Meinung!« wiederholte der König, der den Sprecher durchdringend anblickte. »Was ist öffentliche Meinung? Ein Unding, ein Spielball aller Intriguen und Ränke. Sie sind jung. Als ich jung war, glaubte ich auch an die Wahrheit und Weisheit der öffentlichen Meinung, ich habe erfahren, wie es mit ihr steht. Sie ist meine Bundesgenossin gewesen, als die Engländer Kopenhagen verbrannten, als Hunger und Armut das Volk heimsuchten. Jetzt geht es ihm gut, aber die öffentliche Meinung hat mich aufgegeben. Glauben Sie nicht, daß ich nicht weiß, wie man über mich denkt, daß ich die Angriffe nicht kenne, die täglich auf mich gemacht werden; daß ich nichts von den unruhigen Köpfen erfahre, die meine Rechte und mich selbst anzutasten suchen.«

»Nicht Sie selbst, Majestät,« sagte Lornsen. »Jedermann ehrt den edlen Charakter des Königs, nur das Regierungssystem wird angegriffen.«

»Thorheit!« rief der König rauh und heftig. »Ich bin ein unbeschränkter Monarch, ohne verantwortliche Diener. Das Regierungssystem bin ich! Was dagegen gesagt wird, wird gegen mich gesagt. Reden Sie, ich will es haben, was denken Sie von dem Regierungssystem, das von der öffentlichen Meinung angegriffen wird? Ich habe niemals Unrecht geduldet; ich habe Gerechtigkeit geübt und werde sie üben. Aber meine Rechte werde ich festhalten; Schwindler und Volksbeglücker, wer sie auch sein mögen, sollen sie mir nicht nehmen.«

»Majestät,« erwiderte Lornsen ruhig, »die Menschheit läßt sich in ihrem Entwicklungsgange nicht aufhalten, und was damit nicht mehr in Einklang zu bringen ist, muß der Zeit und ihren Forderungen weichen. Wird es gewaltsam den Menschen aufgedrungen, so wird der Sturz auch gewaltsam sein. Man kann Leichen schmücken und schminken, aber Leben kann man ihnen nicht einhauchen. Die mächtigen Gebieter der Erde haben den Kampf gegen die bewegenden Ideen versucht, mit allen Waffen haben sie einfache Wahrheiten bekämpft, welche von der Menschheit als solche erkannt wurden, aber oft noch ehe sie starben, mußten sie bekennen, daß es unmöglich sei, auch nur einen Gedanken zu besiegen.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte der König lebhaft.

»Daß die absolute fürstliche Gewalt in unserer Zeit ebenso vergebens die notwendigen Reformen aufzuhalten vermag, als die katholische Kirche es vermochte, der Reformation Stillstand zu gebieten.«

»Ei so!« rief der König, »Sie sind also, was man einen Mann der Bewegung nennt?«

»Ja, Majestät,« erwiderte Lornsen fest, »ich habe meine Überzeugung niemals verleugnet; in dieser Stunde aber um so weniger, da es darauf ankommt, das Vertrauen, welches Sie mir bezeigen, in keiner Weise zu mißbrauchen.«

»Ich soll wissen, woran ich mit Ihnen bin,« sagte der König. »Nun, das ist ehrlich und aufrichtig wie ein Deutscher.« Er nickte dem Kanzleirat zu. »Ein Däne hätte es nicht gethan, aber reden Sie, was wollen Sie? Was haben Sie mir zu sagen?«

Dieser Aufforderung gehorchte Lornsen. Er sagte dem Könige alles, was er dachte. Er sprach einfach und warm, klar und bestimmt, wie ein Mann, der nichts zu verlieren hat und der nichts fürchtet. Das harte, faltige Gesicht des Königs veränderte sich zuweilen, dann und wann warf er einen seiner starren stolzen Blicke auf den kühnen Sprecher, und seine Gestalt straffte sich, er warf den Kopf in den Nacken und stampfte mit dem Fuße fest auf. Aber nach einigen Augenblicken beruhigte er sich und die Hände auf den Rücken gelegt, flog ein bitteres Lächeln durch seine Züge. »Fahren Sie fort!« rief er, als Lornsen eine Pause machte, »ich will jetzt alles hören, alles! verschweigen Sie mir nichts.«

»Majestät,« sagte Lornsen, »ich habe weniges noch hinzuzufügen. Der Drang nach konstitutioneller gesicherter Freiheit, nach den Rechten eines freien Volkes ist nicht mehr zu unterdrücken. Es ist nicht wahr, wenn man Ihnen sagt, daß eine Handvoll unruhiger Köpfe nur still gemacht zu werden braucht, um Ordnung und Zufriedenheit zu schaffen. Wahre Ordnung und Zufriedenheit kann keine absolute Regierung, und wäre auch an ihrer Spitze ein so gütiger und väterlich gesinnter Monarch wie Ew. Majestät, bei einem denkenden Volke herstellen. Hier aber sind es alle denkenden Männer, die Kraft und die Blüte der Nation, es ist das Volk, Sire, das von Ihnen sein Recht fordert.«

»Sein Recht!« rief der König. »Wo ist sein Recht? Wo steht es geschrieben? Sie sagen mir Dinge, die von allen meinen Räten Lügen gestraft werden, Hammersteen an der Spitze.«

»So ist es, Majestät,« gab Lornsen zur Antwort, »aber diese Räte stehen dem Volke gegenüber. Sie sind nicht aus ihm hervorgegangen, und eben darin besteht der Bruch mit der Zeit, daß sie ihr Trotz zu bieten wagen: daß sie im Volke nichts sehen als eine gehorchende, zum Gehorsam geborene Masse, die höchstens das Recht hat, sich satt zu essen, und deren Treiber und Herren nur dafür sorgen müssen, daß die Krippen nicht ganz leer werden.«

»Abgeschmackt!« fiel der König, heftig den Kopf schüttelnd, ein. »Hüten Sie sich, Herr, Sie sprechen Beleidigungen aus. Wollen Sie gemeinsame Sache machen mit den Leuten, die von norwegischer Konstitution träumen, von Skandinavien und Republik?«

»Ich bin weder Däne noch Republikaner,« sagte Lornsen.

»Nicht!« rief der König. »Auf welchem Boden stehen Sie denn? Ach, ich weiß, Sie gehören zu den Kieler Rechtsverdrehern, die in mir nur ihren Herzog erblicken können.«

»Von Rechtsverletzung,« sprach Lornsen, den König fest anschauend, »kann da nicht die Rede sein, wo die Geschichte ihr bestimmtes Zeugnis ablegt. Ich glaube nicht zu irren, daß Ew. Majestät selbst von der Wahrheit dessen, was von uns behauptet und gefordert wird, überzeugt ist.«

»Also fordert man auch!« fuhr der König gereizt fort. »Die Herzogtümer sind zufrieden. Sie wissen nichts von Forderungen. Hammersteen hat mir gesagt, daß Sie selbst am besten bezeugen würden, daß das Volk keinen Anteil nehme an den Wühlereien der Kieler Advokaten und dem Erbschaftsstreit, den sie angezettelt haben.«

»Der Staatsrat hat sich geirrt in mir sowohl wie in den Verhältnissen,« erwiderte Lornsen. »In den deutschen Bewohnern der Herzogtümer ist nichts so lebhaft als das Nationalgefühl, das deutsche Gefühl, nicht zum dänischen Staate zu gehören.«

»Wozu sonst?« fuhr der König auf. »Und Sie denken ebenso, Sie haben dasselbe Gefühl?«

»Ja, Majestät, weil es Recht und Pflicht ist, es zu haben.«

»Bah!« rief der König, »es kann niemand so fühlen, der das Wohl des Staates bedenkt.«

»Das wahre Wohl des Staates,« sagte Lornsen, »fordert, daß, wie Ew. Majestät sagt: Recht Recht bleibe! Sie, Sire, sind als höchster Richter berufen, alle Ihre Unterthanen in gleichem Maße darin zu schützen.

Die Herzogtümer haben das höchste Vertrauen zu ihrem gnädigen und gerechten Fürsten,« fuhr er fort, als der König keine Antwort gab. »Ja, Sire, Sie werden die Wahrheit nicht untergehen lassen, damit der Tag nicht kommen möge, wo wir selbst uns vor unseren Feinden schützen müssen.«

»Bah!« rief der König, lebhaft zurücktretend. »Was wollt ihr? Was könnt ihr wollen?«

»Eine Verfassung, Majestät, welche unsere Selbständigkeit verbürgt; die Sicherheit, nicht länger als dänische Provinzen betrachtet und danach behandelt zu werden, welche, wenn es Gott so gefällt, daß Ew. Majestät Mannesstamm aussterben sollte, uns die Trennung von Dänemark in friedlicher Weise erleichtert.«

Der König geriet bei diesen letzten Worten in eine Bewegung, die mehr seine Bestürzung als seinen Zorn ausdrückte. »Das wagen Sie mir zu sagen?« sprach er heftig. »Trennung! Während jeder Däne von mir Verschmelzung fordert!«

»Es ist nicht unsere Schuld,« erwiderte Lornsen ruhig, »die Dänen haben es so gewollt. Hätte man unser Recht niemals angetastet, hätte man uns gehalten, was feierlich beschworen wurde, wir würden nie in die Lage geraten sein, als Dänen betrachtet zu werden. Majestät, Sie haben ein Herz für das Rechte und Gerechte, Sie schützen die Bedrängten und halten die Ehre für das höchste Gut jedes Menschen.«

»Schweigen Sie!« rief der König mit dem Fuß stampfend, »und gehen Sie.« Er wendete sich um und that selbst einige Schritte, dann kehrte er plötzlich zurück. »Was Sie als Begehren der Herzogtümer aussprechen, ist unmöglich zu erfüllen,« sagte er streng, aber mit würdiger Ruhe. »Ich kann es nicht und keiner meiner Nachfolger kann es. Was auch in alten Zeiten geschehen sein mag, in alten Pergamenten steht, es ist unfruchtbar darüber zu streiten. Die Wahrheit ist, daß Dänemark nicht bestehen kann ohne die Herzogtümer, die es seit Jahrhunderten als sein Eigentum betrachtet und sich nicht nehmen lassen wird. So lange ich lebe, soll nichts geändert werden, das ist alles, was ich versprechen kann.«

»Und die Zukunft, Majestät, fordert sie keine Rechenschaft von Ihnen?«

»Herr Kanzleirat Lornsen,« sagte der König, den Kopf aufwerfend, »als Kabinettsrat kann ich Sie nicht gebrauchen, aber einen guten Rat will ich Ihnen geben: Kopenhagen ist kein Ort für Sie, gehen Sie nach Schleswig zurück. Wenn dort ein Platz für Sie offen ist, den Sie wünschen, so melden Sie sich, ich will Ihnen nicht entgegen sein.«

»Ich danke Ew. Majestät für diese Gnade,« erwiderte Lornsen, »sie entspricht allem, was ich jetzt noch wünschen kann.«

»So leben Sie wohl,« sprach der König. »Es thut mir leid um Sie, Sie sind ein guter Kopf, aber wie ich immer gedacht habe, zu höheren Stellen unbrauchbar, zu überspannt, phantastisch, unklar. Sie haben vieles verscherzt, hüten Sie sich, nicht alles zu verlieren.«

»Alles, Majestät, wenn es sein muß, nur das Recht und die Ehre nicht.«

Der König winkte mit der Hand. Lornsen ging die Terrasse hinab; er blickte ihm ernsthaft nach.

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