Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Mügge >

Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid4fd87b9d
created20070104
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel.

Der Staatsrat hatte inzwischen eine Unterredung mit Lornsen, die im Wagen begonnen hatte und in seinem Zimmer fortgesetzt wurde.

»Es war ein glückliches Zusammentreffen, daß ich Sie auf meinem Wege fand und mitnehmen konnte,« sagte er, »Sie werden gesucht und sollen Wichtiges hören.«

»An der Börse hat man soeben die Nachricht von der Revolution in Paris verbreitet,« sagte Lornsen.

»Nun?« fragte Hammersteen, »wie war die Wirkung?«

»Ein allgemeiner Jubel,« erwiderte Lornsen.

»O! die Narren,« rief der Staatsrat. »Es ist damit wie mit dem Honigkuchen der Offenbarung. Süß schmeckt er auf der Zunge, aber das Bauchgrimmen folgt hinterher. Der ganze künstliche Schuldenturm von Staatspapieren wird in Europa ins Wackeln geraten, und beim ersten Kanonenschuß wird er zusammenstürzen. Was sprach man weiter? Nie äußerte man sich über die nächsten Folgen für uns?«

»Man war überzeugt, daß die Wünsche und Rechtszusagen aller Völker jetzt endlich erfüllt werden müßten.«

»Das heißt,« fiel der alte Herr ein, »man spürte ein Verlangen, es den Franzosen nachzumachen. O ja, in Belgien werden sie es thun, vielleicht in Italien, und ganz gewiß wird man in Deutschland Mühe haben, die Ordnung aufrecht zu erhalten, bei uns aber hat es glücklicherweise nichts zu sagen.«

»Meinen Sie, daß man gar nichts thun wird?« fragte Lornsen.

»Nichts thun, als ein paar Schreier bei den Ohren nehmen,« rief Hammersteen, »und einige beruhigende Worte hinterher schicken. Das ist alles was nötig ist. Wir haben im Staatsrat heute die Sache nochmals beraten. Konsequenz und Energie, das sind die einzigen Mittel, um über den ersten Sturm fortzukommen. Es wird nicht an Anfechtungen fehlen, aber nur ein Beispiel gegeben, an wem es auch sei, so steht die Flut und verläuft sich.«

»Und wenn sie sich nicht verläuft?« fiel Lornsen ein.

»Seien Sie unbesorgt,« sagte der Staatsrat, »ich habe heute schon ähnliche Antworten widerlegt. Der Tag kann kommen, wo man nachgeben und etwas thun muß, aber noch ist er nicht da. Der König selbst hatte eine landständische schwache Minute, wenigstens hörte er auf den Vorschlag, Provinzialstände einzurichten nach preußischem Muster, das heißt ein Pflaster über eine Wunde decken, unter welchem der Eiter weiter frißt. Ich habe das Gefährliche eines solchen Quacksalbermittels dargethan und glaube, man denkt nicht mehr daran. Aber man hat Besorgnis vor Aufregung, besonders drüben in den deutschen Provinzen. Ich habe das bestritten und Ihr Zeugnis vorgeschlagen.«

»Mein Zeugnis?« rief Lornsen erstaunt.

»Sie kennen die Stimmung am besten,« fuhr Hammersteen fort. »Sie stehen, wie ich weiß, im fortgesetzten Briefwechsel mit Ihren Freunden in Kiel, in Schleswig und in Ihrer nächsten Heimat. Sie können daher dem Könige die genaueste Auskunft darüber geben, daß gar nichts zu besorgen ist.«

»Das kann ich in der That nicht geben.«

»Nicht?« rief der Staatsrat. »Ich will mich hängen lassen, wenn außer in den paar Städten im ganzen Lande ein Mensch eine Verfassung verlangt, oder von dem Erbfolgeunsinn etwas weiß.«

»So würden Sie unfehlbar gehängt werden,« erwiderte Lornsen trocken.

»O, Possen!« rief Hammersteen, »denken Sie kaltblütig nach und Sie werden finden, daß ich recht habe. Es giebt kein Volk, das von den sogenannten idealen Gütern unserer Freiheitsschwindler das geringste wollte. Ein Volk will sich satt essen, will Arbeit haben, will Geld verdienen, um Geld auszugeben und leben zu können. Geht es ihm materiell gut, so fragt es viel nach Preßfreiheit, Vertretung, Rechnungslegung, Steuerbewilligung und was man sonst ihm als Paradies vormalt.«

»Aber es wird nicht zum materiellen Wohl, zu sparsamen Ausgaben und reichen Einnahmen, zur freien Benutzung seiner Kräfte gelangen, so lange es keine Kammer erwählter Vertreter und Öffentlichkeit besitzt, so lange es nicht seine Steuern und Lasten selbst bestimmt und seine Gesetze selbst macht.«

»Darüber sind Sie also wirklich noch nicht hinaus,« rief der Staatsrat lachend. »Ja, die Bauern drüben in Norwegen, die ihrem sogenannten Könige sogar das unbedingte Veto genommen und den Adel aufgehoben haben, sie mögen allenfalls mit plumpen Fäusten ihren Bauernstaat wie einen Bauernhof regieren, unsere Gliederung der Gesellschaft und der Verhältnisse läßt das nicht zu. Wir haben König, Hof, Heer, Beamten, Adel, Baronien, Männer und Familien mit großem Grundbesitz; wir haben historische Grundlagen und ein Volk, das an absoluten Regierungswillen gewöhnt ist.«

»In den Herzogtümern,« erwiderte Lornsen, »besitzt der Adel den kleinsten Teil des Landes. Der Bauer ist frei und wohlhabend.«

»Aber er schiert sich den Henker darum, ob er verfassungsmäßig wohlhabend ist, oder ob er von Kopenhagen aus mild und einsichtig regiert, sein Korn und sein Vieh verkaufen und sein Geld in die Tasche stecken kann. Hören Sie mich an, Lornsen, Sie können jetzt alles gewinnen, was Sie wollen. Der König denkt daran, Sie in sein Kabinett zu berufen. Er braucht einen Kabinettsrat, der sein ganzes Vertrauen hat. Wie wichtig dieser Platz ist, habe ich nicht auszuführen: es kann nichts Bedeutendes geschehen, was nicht durch Ihre Hände ginge.«

»Wenn der König mich in seine Nähe ruft,« sagte Lornsen, »so werde ich sein Vertrauen rechtfertigen.«

»Das werden Sie ganz gewiß,« antwortete Hammersteen, »und dem Geheimen Kabinettsrat Sr. Majestät steht die glänzendste Zukunft offen. Ich und meine Freunde, wir haben Sie vorgeschlagen und des Königs Absichten gefördert. Wollen Sie aber in jene wichtige Stellung gelangen, so lassen Sie sich durch den aufregenden Augenblick nicht etwa zu einer Thorheit fortreißen, die alles verderben würde.

Sie müssen sich jetzt entscheiden,« fuhr er fort, »jetzt und für immer. In Kiel giebt es einen Kreis von Advokaten, Professoren und unruhigen Köpfen aller Art, die, wie uns berichtet worden ist, eine Versammlung abgehalten haben, in welcher viel gelärmt und geschrien wurde. Man nannte dabei auch Ihren Namen, Lornsen, nannte Sie einen Patrioten, auf den man sich verlassen könne, einen echten deutschen Mann, einen energischen Verteidiger der Rechte des Vaterlandes, der die dänische ungerechte und übermütige Gewaltherrschaft hasse und verachte. Sie haben Briefe an Freunde geschrieben, in welchen Sie nicht vorsichtig gewesen sind. Sie sehen, wie diese sogenannten Freunde Ihre vertrauten Mitteilungen ausbeuten.«

»Ich habe nichts geschrieben, was ich nicht offen vertreten könnte,« fiel Lornsen ein.

»Ich will es glauben,« erwiderte Hammersteen, »aber damit heilen Sie auf keinen Fall das Mißtrauen, das von mancher Seite sich hier schon gegen Sie regt. Man hat Sie auch mit unseren Wühlern und Umstürzlern in Verkehr gefunden, – man glaubt es wenigstens, ich glaube es nicht; denn ich müßte mich sehr irren, oder Sie haben für Einflüsterungen, die von dort her kommen, kein Ohr.«

»Gewiß nicht,« erwiderte Lornsen.

»So zeigen Sie jetzt offen allen den falschen Freunden und Versuchern, daß sie nichts weiter von Ihnen zu erwarten haben. Der König wird Sie heute noch rufen lassen, übernehmen Sie das neue ehrenvolle Amt mit einer Erklärung, die Sie gleich ganz feststellen wird. Raten Sie ihm ab, irgend etwas an dem bisherigen System zu ändern, stellen Sie ihm die Gefahren eines ersten Schrittes vor und seien Sie überzeugt,« fügte er mit einem feinen Lächeln hinzu, »daß Sie dadurch auf keinen Fall in seiner Gnade etwas einbüßen werden.«

Lornsen hatte bis dahin ruhig den Staatsrat angehört, jetzt sagte er mit Festigkeit: »Wenn der König meinen Rat hören will, so werde ich reden, ohne Rücksicht, ob ich dadurch seine Gnade erwerbe oder einbüße. In meinem Bureau geht es mich nichts an, wie der König beraten wird, ich kann schlechten Rat nur bedauern und offenem Unrecht, so viel ich vermag, mich entgegenstellen; soll ich jedoch selbst teilnehmen an der Regierungsweise, so kann mein Rat nur nach meinen Überzeugungen ausfallen.«

»Die doch keineswegs Überzeugungen der Beschränktheit sein können,« rief Hammersteen aufgeregt. »Was können Sie, ohne einen Selbstmord zu begehen, anderes raten, was nicht der Rat und die Überzeugung der Männer wäre, die gezeigt haben, wie sehr sie Ihre wahren Freunde sind.«

»Ich kann dem König nur raten, der Unzufriedenheit ein Ziel zu setzen,« erwiderte Lornsen. »Dem Volke zu geben, was ihm langst gebührt: eine Verfassung! Ich kann ihm nur raten, den gärenden und zerstörenden Elementen, die über Dänemark hinstürzen werden, dadurch zuvorzukommen, daß er die rechtmäßigen Forderungen seiner Unterthanen erfüllt.«

»Das wollen Sie?« fragte Hammersteen. »Nun, bedenken Sie einmal, wenn der König wirklich Reichsstände beriefe, würde er sie nach Kopenhagen berufen? Die deutschen Provinzen würden ihre Abgeordneten hierher schicken müssen, sie würden einen Reichskörper bilden und in die dänische Gesamtmonarchie fallen.«

»Der König von Dänemark ist unser Herzog,« erwiderte Lornsen. »Wir haben rechtlich mit den Dänen nichts gemein als dasselbe Staatshaupt.«

»Also ein eigener schleswig-holsteinischer Reichstag, eine eigene Verfassung, eigene Finanzverwaltung, eigene Gesetzmacherei, ein eigenes Heer, womöglich auch eine eigene Flotte. Ein vollständiges Nebenreich wollt ihr bilden, wie Norwegen zu Schweden?«

»Auch das ist unmöglich,« sagte Lornsen, »denn wenn der Mannesstamm des Königs ausstirbt, müssen wir uns ganz von Dänemark trennen.«

»Und das wollen Sie dem König vorschlagen?« rief der Staatsrat lachend.

»Ohne Zweifel. Ich werde ihm raten, mit einem entschiedenen Schritt auf dem Wege der Wahrheit und des Rechts allem Unglück der Zukunft ein Ziel zu setzen.«

»Die Hitze ist doch jetzt nicht so groß,« sagte der alte Herr, seine Stirn anfassend, »aber wahrhaftig, man möchte behaupten, daß wir in den Hundstagen lebten. Sie haben den Kopf verloren, Lornsen, Sie sprechen, als säßen Sie in Kiel oder in Sylt und schwärmten dort mit den guten friesischen Fischern, ohne je einen Fuß nach Kopenhagen gesetzt zu haben.«

»Weil ich ihn nach Kopenhagen gesetzt habe, bin ich um so mehr zu der Einsicht gelangt, daß unsere Rechte unantastbar sind.«

»Hören Sie, Lornsen,« rief Hammersteen, »wenn Sie mir sagten, Sie wären ein Genosse Björnings und unserer skandinavischen Unionsschwärmer, so könnte ich einen Verstand darin finden, denn es läßt sich eine Zukunft dabei denken; allein die Herzogtümer abreißen von Dänemark, deutschtümlich schwärmen, Dänemark teilen und nichts hinter sich haben, als ein Staub gewordenes Pergament und einen Haufen schwatzender Advokaten, das ist eine Tollheit, die ich nicht begreife.«

»Sie begreifen es nicht, weil Sie überhaupt von den Rechten eines Volkes und von der geistigen Macht eines Volksbewußtseins nichts wissen wollen,« erwiderte Lornsen stolz.

»Wenn Sie kindlich gläubig genug sein könnten, davon etwas zu hoffen und sich dafür zu opfern,« sagte Hammersteen, vor ihm stehen bleibend, »so will ich Ihnen Ihr Schicksal verkünden. Der Haufen Träumer da drüben, der sich mit Deutschland und Selbstständigkeit benebelt, wird zerstäuben, sobald hier ein Finger aufgehoben wird. In Deutschland weiß man nichts von Schleswig und Holstein, Deutschland selbst ist ein toter Brei, ein Sumpf, in dem sich nichts regt; aber wenn man auch etwas wüßte, wenn man selbst ein hohles Demagogengeschrei erhöbe, der Bundestag würde bald ein Pflaster dafür finden. Hofft auf alles in der Welt, nur nicht auf das deutsche Volk, das mit der Laterne gesucht werden muß.

Wenn ihr Franzosen oder Engländer wäret, ja, dann wäre es eine andere Sache. Was wollt ihr aber von einer Nation, wie diese da, die seit tausend Jahren ihr Nationalbewußtsein verloren hat! – Sie schwatzen, die guten Deutschen; Worte drechseln, das ist ihre Sache. Sie sind zu allem zu benutzen, wozu man willige Diener braucht; es ist eine Freude, sie zu regieren: aber zum selbstthätigen, kühnen, festen Handeln sind sie nicht geschaffen. Wagten sie es, das geringste zu thun, was uns hier nicht gefiele, ich wette mein Leben, Lornsen, Ihre Patrioten da drüben, Ihre deutschen Richter und Oberrichter, würden mit unterthänigster Bereitwilligkeit Sie verurteilen. Und nun blicken Sie hierher, Lornsen. – Hier bietet sich Ihnen alles, was ein Mann, der über die stumpfsinnige Masse hervorragt, begehren kann. Ehren, Stellung, Macht, Gold und – Linas Hand,« sagte er, seine eigene Hand ausstreckend. – »Ich biete Ihnen diese, schlagen Sie ein und geben Sie dafür die deutschen und schleswig-holsteinischen patriotischen Phantasien auf, die zum letztenmal Sie umnebelt haben.«

»Halt! ehe du antwortest,« rief Lina, die einige Minuten schon hinter dem Vorhang der Thür stand. – »Ich glaube, lieber Papa, daß, wo es sich um meine Hand handelt, ich jedenfalls gehört werden muß.«

Linas plötzliches Eintreten schien ihrem Vater nicht angenehm zu sein. »Es handelt sich um etwas,« sagte er lächelnd, »was schon vergeben ist und wobei du deine Stimme vielleicht eher abgegeben hast, als es nötig war. Ich würde es daher für sehr wünschenswert erachten, wenn du so gut sein wolltest, eine andere Zeit zu wählen, die besser für dich und uns paßt.«

Trotz dieser Gegenrede ließ sich das Fräulein aber nicht abhalten, auf Lornsen zuzueilen und ihre Arme, als wollte sie sich und ihn schützen, um ihn zu legen. Ihr edles Gesicht rötete sich und ihre glänzenden Augen hingen an ihm fest mit überwältigender Kraft und Willenskühnheit.

»Ist es wahr,« fragte sie, nach ihrem Vater sich hinwendend, »daß in Frankreich das Volk einen wortbrüchigen Fürsten vom Thron gestoßen und die Fahne der Freiheit aufgepflanzt hat?«

»Still,« rief der Staatsrat lachend, »still, du verwegene Jakobinerin! Wären wir in Paris, sie setzte, so wahr ich lebe, die rote Mütze auf und ließe sich von dem alten Lafayette einsegnen. Ich will deine erhitzte Phantasie aber ein wenig abkühlen, mein Töchterchen. Die Franzosen sind verständige Leute. Statt des verjagten Königs nahmen sie sich gleich einen anderen und trugen ihn auf ihren Schultern über die Barrikaden. Die ältere Linie hat der jüngeren Platz gemacht, das Prinzip der Legitimität ist gerettet, die Charte bleibt eben die Charte, nur – soll sie von jetzt an eine Wahrheit sein,« fügte er mit seinem feinen Lächeln hinzu.

»Das heißt,« erwiderte Lina, »du setzest voraus, der neue König wird da anfangen, wo es der alte gelassen hat, und es um kein Haar besser machen.«

»Vielleicht macht er es noch schlimmer,« rief Hammersteen, die Hände reibend, »ja, ich zweifle kaum daran, denn er wird den Kabinetten gegenüber seinen Ursprung vergessen machen und sie versöhnen müssen.«

»Dann wird sein Ende sein, daß ihm dasselbe geschieht, wie dem, den er verdrängte.«

»Was du sagst, meine kleine Prophetin!« lachte der Baron, »aber wirklich, wir haben keine Zeit, dich als Kassandra zu bewundern. Herr Lornsen muß fort in die Stadt, mein Wagen steht zu seiner Disposition. Er wird zu Hause eine Botschaft des Königs finden, der er augenblicklich Folge leisten muß. Nehmen Sie Abschied, Lornsen, und kommen Sie, wenn es irgend angeht, heute abend noch zu uns heraus. Ich hoffe, Lina wird nichts dagegen haben, wenn der Geheime Kabinettsrat Lornsen uns besucht, sollte auch der Mond längst über dem Öresund stehen.«

»Du willst zum König, mein geliebter Freund?« fragte Lina mit einem langen, festen Blick auf Lornsen.

»Ja,« erwiderte er.

»Du wirst nicht als Geheimer Kabinettsrat wiederkommen,« fuhr sie fort.

»Was soll das heißen, Lina,« fiel Hammersteen ein. »Was willst du denn, du ehrgeiziges Mädchen? Steht der Geheime Kabinettsrat Lornsen dir noch nicht hoch genug, um ihm die Hand zu reichen?«

»Meine Hand gehört ihm auch ohne den Titel, Papa, der ihn auf immer vielleicht von meinem Herzen trennen würde.«

»Ich schreibe Ihnen ein Billet an den Präsidenten von Stemann,« sagte der Baron, »und bitte Sie, es mitzunehmen, Lornsen. Sie werden also zehn Minuten Zeit haben, um anzuhören, was Lina Ihnen zu sagen hat. Seien Sie aber dann bereit, keinen Augenblick länger zu säumen und du, Lina, fasse dich kurz und denke, daß Lornsen jedenfalls Tage genug haben wird, die er dir ganz widmen kann.«

»Ist das wahr?« rief Lina bewegt, als ihr Vater sich entfernte. »Sag mir, Jens, ob es so ist?«

Lornsen beugte sich zu ihr nieder, seine Lippen zuckten wie im leidenschaftlichen Schmerz, sein flammendes Auge lief über ihre Züge hin, als wollte er ihr Bild sich unvergeßlich einprägen, und seine Arme schlangen sich so fest um sie, als stände eine finstere Macht an seiner Seite, die ihm die Geliebte entreißen wollte. »Mein Leben,« rief er, »dies armselige Leben, ich kann es nicht denken ohne dich. Du hast mir oft gesagt, Lina, daß du an mich glaubst. In dieser Stunde fordere ich deinen Glauben.«

»Was willst du thun?« erwiderte sie. »Setze dich zu mir und nimm meine Hände. Sieh mir ins Auge und sage mir, was du über dein und mein Schicksal beschlossen hast.«

»Ich werde dem König die volle Wahrheit sagen, wenn er diese fordert.«

»Du wirst sprechen, wie es einem Manne geziemt,« gab sie zur Antwort, »aber du mußt sprechen, wie es dem geziemt, der eine große Zukunft vor sich hat.« – Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie dann fort: »Ich weiß, daß Björning dir gestern zuerst mitteilte, welche Nachrichten aus der Fremde eingetroffen waren und was wir davon zu hoffen haben. Die Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen ist allgemein; in allen Teilen des Volkes lebt das Verlangen, das zu haben, was andere Völker besitzen, ohne besser, edler und aufgeklärter zu sein als wir.«

»Wir werden diese Güter erwerben,« erwiderte Lornsen, »doch nicht auf dem Wege, den Björning gehen will.«

»Und warum denn nicht?« rief das Fräulein von Hammersteen. »Wir haben nie über diesen Weg gesprochen, aber du weißt, daß ich nicht zu den Frauen gehöre, welche taub sind für alles, was über den beschränkten Kreis ihres Lebens und ihrer Vorurteile geht. Björning ist eine Zeitlang mein Lehrer gewesen, seine Gedanken haben mit ihrer Wahrheit mich erfüllt; er ist mein Freund geblieben, als er verfolgt und gelästert wurde. Wir haben Briefe gewechselt und uns zuweilen gesehen. Ich habe ihn heute noch gesehen und er hat mir zu meinem Schmerze gesagt, daß seine Aufforderungen von dir zurückgewiesen wurden.«

»Er fordert Unmögliches von mir,« erwiderte Lornsen. »Ich soll nicht allein selbst alles abschwören und verleugnen, was ich für wahr und recht halte, ich soll mein Vaterland verraten, meine Freunde zu Dänen machen.«

»Dein Vaterland ist Dänemark,« sagte Lina, »und eine Dänin ist es, die dich liebt.«

»Ich hoffe,« sprach Lornsen, ihre Hände fester fassend, »daß deine Liebe höher steht als der Gedanke, ich müsse ein Däne sein.« Er blickte stolz und bittend in ihr Gesicht. »Ein Schleier liegt auf deinen Augen.« sagte er, »o Lina! laß es nicht dunkel werden zwischen uns. Du sollst stolz sein auf mich, ich habe es dir geschworen. Als ein freier Mann will ich zu dem König sprechen, ohne Menschenfurcht, ein Diener der Wahrheit und des Rechts. Wenn ich wiederkomme, werde ich zu denen gehören, über welche der Stab gebrochen ist, nur du sollst ihn nicht brechen, du allein nicht unter allen.«

»Was willst du thun,« rief Lina, »hüte dich vor jedem falschen Schritte. Du darfst mit meinem Vater nicht brechen, ehe du nicht sicher bist, ohne ihn fest zu stehen. Der Weg ins Kabinett ist dir offen, wage nichts, was ihn dir verschließen könnte.«

»So willst du also,« sagte Lornsen, »daß ich heucheln, lügen und mich fügen soll, um die Schlange zu sein, die, im Busen erwärmt, ihren Beschützer sticht.«

»Du wirst bald genug Gelegenheit haben, jeden Schein von dir zu werfen,« erwiderte sie. »Wenn aus Kopenhagen, aus den Inseln, aus Jütland und aus den Herzogtümern, von allen Seiten Forderungen einlaufen, dann ist es Zeit, ein Diener der Wahrheit und des Rechts zu sein. Du hast des Königs Ohr dann für dich: täglich in seiner Nähe wird es dir leicht sein, ihm Erkenntnis zu verschaffen. Er schätzt dich und wird dir vertrauen. Bestimme deine Freunde zum Handeln. Wenn du mich liebst, Jens, wenn ich dir vertrauen soll, wie du es forderst, so zeige mir jetzt, daß ich mich nicht getäuscht habe.«

»Und worin,« sagte er mit einem bitteren Ausdruck der Stimme, »könntest du dich getäuscht fühlen?«

»In der Größe deiner Gesinnung,« erwiderte sie. »Du mußt ein Opfer bringen, wenn es ein Opfer genannt werden kann. Ich muß dich vor dir selbst schützen, vor engen Vorurteilen, an denen du zu Grunde gehen willst. Du bist ein freiheitsliebender, edler Mann, aber tief in deiner Seele wurzelt ein Gedanke, der alle Freiheit zerstört. Ich will dich groß und mächtig an der Spitze eines Volkes sehen, das dich als seinen Helden verehrt, du willst dies Volk zerteilen, zerreißen und vernichten. Was jeder Däne als Schmach und Schande betrachtet, das scheint dir Pflicht und Recht zu sein. Du schlägst an deine Brust und rufst: Ich bin ein Deutscher! und in den geheimen Winkeln deines Herzens ruft es nach: Ich hasse diese Dänen!«

»O nein,« erwiderte Lornsen, »ich hasse sie nicht. Nur Gerechtigkeit will ich, nur Recht!«

»Handelt es sich nicht um das höchste Recht der Menschheit?« sagte Lina. »O, mein geliebter Jens, in meinen Armen findest du alles wieder. Ein Vaterland, Liebe, Treue, gläubige Verehrung. Als deine Magd will ich dir dienen; was geschehen mag, was Menschen Böses über dich bringen können, ich will es mit dir tragen. Arm und ausgestoßen will ich an deiner Seite stehen; fliehen will ich mit dir durch die weite Welt, wenn sie dich verfolgen, und wenn alle dich verlassen, ich will ausharren bis zum letzten Tage.«

In zitternder Aufregung preßte sie den Kopf an seine Brust und von dem Polster niedersinkend, sank sie zu seinen Füßen. Aber schon im nächsten Augenblick erhob sie sich, beschämt über diese Schwäche, und mit der Hand ihre Locken von der Stirn streichend, fuhr sie mit fester Stimme fort: »Das ist es, Jens, was ich von dir fordere. Wie Julia Romeo zurief: Schwör' deinen Namen ab, heiß' nicht mehr Montague, heiße Capulet, so rufe ich dir zu: Für einen leeren Traum, für einen Namen, der du selbst nicht bist, nimm mich und alles, was ich geben kann!«

»Und meine Ehre!« rief Jens erglühend. »Du erinnerst dich an Julia und vergißt, daß sie um Romeos Liebesschwur keine Capulet mehr sein wollte. Doch genug,« fuhr er fort, »du kannst und darfst nicht etwas von mir fordern, was ich nicht gewähren kann, ohne den ewigen Bruch mit mir selbst. Dein Vater glaubt nicht an Grundsätze, er berechnet, was man Gewissen und Ehre nennt, nach Möglichkeiten und Verhältnissen, du aber mit dem edlen Willen, mit deiner kühnen freien Seele, stehst höher. Du kannst keine schmachvolle Erniedrigung von dem Manne verlangen, den du liebst. Du würdest ihn verachten müssen, wenn er schwach genug wäre, sich zu unterwerfen.«

»Du willst nicht?« fragte sie, heftig seinen Arm fassend.

»Ich will nicht!« sagte er tief und stark.

Eine Minute lang standen beide sich gegenüber, bis das glühende Rot, das Linas Gesicht bedeckte, verblich und sich in tödliche Blässe verwandelte. Die Aufregung verschwand aus ihren Zügen und eine Ruhe trat darin hervor, die erstarrend auf Lornsen wirkte.

»Gütiger Gott!« rief er tief erschüttert. »Lina, welche Qual muß ich ertragen. Sprich es nicht aus, was ich in deinen Augen lese.«

»Nichts,« sagte sie, »als was du wissen mußt. Mein Glaube wankt und meine Liebe folgt ihm nach. Geh und erfülle unser Geschick, aber wisse, du entscheidest es für immer.«

»Halt ein!« rief Lornsen, »du weißt nicht, was du willst.«

»Trennung, Jens,« sagte sie laut und stark, »ewige Trennung! mit allen ihren Schrecken steht sie vor mir.«

Langsam zog Lornsen die Hand zurück. Ein ungeheurer Schmerz machte den starken Mann beben, dann richtete er sich auf und sagte: »Ich habe es kommen sehen, schwarz und gewiß wie die Gewitterwolke, die der Schiffer nahen sieht, und dennoch konnte ich glauben, ich würde ihr entrinnen.«

»Glaubst du,« sagte sie mit einem leisen Beben der Stimme, »daß es möglich ist, dem Schiffbruch zu entgehen, wie wir ihm entgangen sind, als deine Hand mich dem Untergange entriß?«

»Wo Liebe und Glaube wanken und fallen, was bleibt da noch zu hoffen?« erwiderte er.

»Besinne dich! Giebt es kein Mittel?« rief Lina. »Ist er wahr, Jens? Muß es so sein? Mein Gott! ist die Brücke zwischen uns abgebrochen und jenseits kein Engel der Versöhnung mehr?«

»Lebe wohl,« sprach Lornsen, und wie er sich auf ihre Hand beugte, fielen zwei Thränen darauf, die glühend brannten.

»Hier ist das Billet, Lornsen,« sagte der Staatsrat, wieder hereintretend, »und nun eilen Sie. Fahren Sie bei dem Justizminister heran und geben Sie ihm das selbst; es ist gut, wenn Sie mit ihm sprechen, seine Winke werden Ihnen vorteilhaft sein. Niemand kann Ihnen von größerem Nutzen werden als dieser alte erfahrene Staatsmann, dem Sie sich zunächst anschließen müssen.«

»Ich werde Ihren Auftrag erfüllen,« versetzte Lornsen, seinen Hut nehmend.

»Vorwärts denn,« lachte Hammersteen. »Sie werden mit Sehnsucht hier erwartet werden, mein lieber Kabinettsrat. Heute abend, wenn Sie wieder bei uns sind – Lina, was meinst du, Kind, wenn ein seliger Verlobungsabend ganz in der Stille gefeiert würde?«

»Frage Lornsen, Papa,« sagte Lina, indem sie sich umwandte und hinausging.

»So sind sie alle,« rief der Staatsrat. »Wenn es Ernst wird, laufen sie davon. Nun fort, lieber Freund, ich hoffe, Sie wissen, was Sie thun müssen?«

»Seien Sie unbesorgt,« erwiderte Lornsen, »ich weiß es genau.« Nach wenigen Minuten fuhr der Wagen im Galopp davon. An Brandens Arm stieg Lina die Terrassen hinauf.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.