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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 13
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
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Zwölftes Kapitel.

Der Sommer war gekommen, es war der Sommer des Jahres 1830. Der Staatsrat hatte eine reizende Villa im Tiergarten bezogen, dicht am Meere, das seine klaren Wellen unter den Hügeln fortrollte, deren alte Buchen träumerisch sich darin abspiegelten. Hierher kam Lornsen so oft er konnte. In seinem Kabriolett fuhr er in einer Stunde hinaus, um die schönsten Tage seines Lebens mit Lina zu teilen. Niemand legte ihm ein Hindernis in den Weg. Er gehörte zur Familie, und diejenigen, welche näher auf sein Verhältnis blickten, zweifelten nicht daran, daß die schöne, reiche Erbin ihm einst ganz gehören werde. Die Dienstverhältnisse und Verbindungen des Kanzleirats waren von der Art, daß sie nicht weniger beneidet werden konnten. Er bezog ein gutes Gehalt und besaß das volle Vertrauen aller, die über und unter ihm standen. Seine Thätigkeit wurde ebenso geschätzt wie seine Einsicht und seine Erfahrungen. Die schwierigsten Sachen, von ihm bearbeitet und geordnet, gewannen bald Gestalt und Klarheit; die rasche Beförderung aller Geschäfte war nie so groß gewesen. Niemand wußte so wie er sich Vertrauen und Zuneigung zu erwerben, niemand war aber auch so durchgreifend streng und bestimmt gegen alle Mißgriffe und Fehler; doch die natürliche Heftigkeit seines Charakters hatte Mäßigung und Milde empfangen durch den erweiterten Blick, den er über Menschen und Leben gewann und durch die Liebe in seinem Herzen.

Mehr als einmal geschah, was der Staatsrat ihm vorausgesagt hatte. Der König ließ ihn rufen, unterhielt sich mit ihm über die Angelegenheiten der deutschen Provinzen und übertrug ihm Arbeiten, die er zur vollen Zufriedenheit ausführte. Die barsche Weise des alten Monarchen schüchterte Lornsen nicht ein, ihm mit aller Freimütigkeit oft zu widersprechen und sich nicht irre machen zu lassen, wenn seine Urteile kurzweg verworfen wurden. Es war gewöhnlich genug, daß der König ihn am nächsten Tage nochmals rufen ließ, um sich beistimmend zu äußern und ihn mit gnädigen Worten zu entlassen. Auch im Hause des Kronprinzen wurde der Kanzleirat nicht selten gesehen. Der Prinz hörte ihn gern, er fand in Lornsen eine Kraft, die ihn anzog; die Prinzessin aber interessierte sich für ihn nicht weniger, denn bei vielen Gelegenheiten sprach er mit voller Sachkenntnis und Entschiedenheit für die Erbansprüche und Rechte des Hauses Augustenburg, mitten unter Dänen, die endlich nichts zu erwidern wußten. Er hatte den Ruf eines etwas formlosen, aber ungemein redlichen, scharfen und dabei stolzen Mannes, auf dessen Urteil und Tüchtigkeit man sich verlassen konnte, und der ganz sicher einer hohen Stellung entgegenging.

Seine intime Verbindung mit dem alten Günstlinge und Ratgeber des Königs und was man von seiner Freundschaft zu dem schönen Fräulein sagte, trug jedenfalls mit dazu bei, ihn zu den Auserwählten zu rechnen. Lina war längst Gegenstand der Anfechtungen der Menge geworden, weil sie sich nicht darin verlor. Ihre Selbständigkeit, die geistige Überlegenheit ihres Charakters, ihre besonderen Neigungen und Abneigungen, ihre Spöttereien und ihre ungebundenen Äußerungen, welche oft so schonungslos freimütig waren, gaben Grund genug zu Klatschgeschichten aller Art. Man rächte sich damit für Zurückweisungen und fand es ganz passend, daß Lornsen der Gegenstand ihrer Gefühle geworden sei, um so lächerlicher aber, daß der gute simple Kammerherr Branden noch immer an seiner Seite den Triumphwagen ziehe, obwohl er mit Hohn abgespeist worden war.

In der That war der Kammerherr noch derselbe dienstfertige und unterthänige Bewunderer Linas, der er früher gewesen. Er hatte sich nicht entschließen können, etwas daran zu ändern und war auf dem Landhause des Staatsrats um so mehr der tägliche Gast, da er dicht in der Nähe sich eine Wohnung gemietet hatte. Wenn Lornsen nicht da war, begleitete er das Fräulein auf weiten und nahen Spaziergängen, er brachte ihr die Neuigkeiten und die Zeitungen, jeder ihrer Wünsche war für ihn Befehl und allen ihren quälenden Launen und Einfällen unterzog er sich mit geduldiger Freudigkeit.

»O, Branden,« rief Lina oft, wenn er ganz ermattet irgend etwas erfüllt hatte, was sie ihm auferlegt, oder irgend ein hingeworfenes Verlangen von ihm vollzogen war, mochte es Geld, Mühen oder Selbstüberwindung kosten, »Sie sind der musterhafteste Mann, den ich je gesehen habe. Es ist ein Glück, in Ihrer Nähe zu sein und mit Ihnen zu leben.«

Der Kammerherr küßte ihre Hand und erwiderte, beglückt durch ihre Huld: »Meine teure Freundin, Sie sind und bleiben der Stern, dem ich folge. Es ist jetzt über alle Maßen langweilig im Lande, und längst wäre ich fort, wenn Sie mich nicht hielten.«

»Aber ich bin eine Undankbare,« rief Lina. »Während Sie bei mir sitzen, während Sie für mich sich opfern, mir die schönsten Geschichten und die pikantesten Anekdoten erzählen, denke ich oft an ganze andere Dinge, und habe wirklich den Anfang nicht gehört, dieweil Sie über das Ende lachen.«

»Das ist ein höchst lustiges Selbstgeständnis,« lachte Branden. »Aber Sie bereuen doch, Lina, nicht wahr?«

»Aufrichtig und wahr,« fiel sie ein, »und ich will mich bessern.«

»Ach!« rief Branden, »mit der Besserung steht es schlimm, so lange Ihr ganzes Denken einem gewissen, einzigen, beneidenswerten Glücklichen geweiht ist.«

»Lornsen,« sagte das Fräulein. »Ich habe ihn seit zwei Tagen nicht gesehen. Wissen Sie etwas von ihm?«

»Sehen Sie wohl,« drohte der Kammerherr, »darum sind Sie so zerstreut. Aber beruhigen Sie sich, er ist ganz wohl, ich habe ihn gestern abend gesehen.«

»Wo haben Sie ihn gesehen?«

»Im Königsgarten bei Schloß Rosenborg.«

»Wann war es?«

»O! es war schon dunkel geworden, ein köstlicher Abend.«

»War er allein? Sprachen Sie mit ihm?«

»Er war nicht allein. Es war jemand bei ihm, der mir Honeur macht.«

»Pfui, Branden! Wer war es?«

»Der Mensch, der Doktor Björning, von dem man jetzt ganz gewiß weiß, daß er der Verfasser aller der nichtswürdigen, aufregenden Artikel in Zeitungen und Winkelblättern ist, die so vielen Lärm machen. Ich begreife nicht, wie der Kanzleirat mit diesem verrufenen Subjekt zusammenkommt. Es kann ihm Schaden bringen, wenn es herauskommt.«

»Es gab eine Zeit,« sagte Lina lächelnd, »wo dieser Björning fast täglich in unser Haus kam, wo Waldemar, der ihn bei uns eingeführt hatte, sein Freund war, wo mein Vater ihm wohlwollte, wo der Kronprinz ihn zur Tafel zog und wo auch Sie, Branden, ihm gütig gesinnt waren,«

»Das alles hat der leichtsinnige Mensch verscherzt,« erwiderte der Kammerherr. »Es ist mir schon öfter eingefallen, daß seine kurze Blütezeit viel Ähnlichkeit mit Lornsen hat. Wäre er so klug gewesen wie unser liebenswürdiger Kanzleirat, wer weiß, was geschehen wäre.«

Er sah seine Begleiterin von der Seite an, Lina beachtete es nicht. Sie saß mit Branden auf einer Rasenbank im Schatten einer großen Buche, die den Rücken des Hügels krönte, an dessen Abhange die Villa lag, Terrassen voll schöner Gehege, Fruchtbäume und blühender Gewächse lagen vor ihnen, bunte Kieswege führten hinab; jenseits zog die Landstraße vorüber und über ihren Rand hin lag der strahlende Schild des Meeres mit seinen Segeln und Sonnennebeln, die um ferne Küsten flatterten.

Lina riß Gras und Blumen ab und wand sie in ihrer Hand zusammen, während der Kammerherr sie betrachtete, ihre wehenden Locken bemitleidete und das große Seidentuch festhielt, das der Wind fortführen wollte.

Plötzlich aber richtete sich Lina wieder auf und sagte zu Branden: »Was wurde denn aus den beiden Spaziergängern im Königsgarten?«

»Ich weiß es nicht,« gab dieser zur Antwort. »Sie führten ein lebhaftes Gespräch. Ohne Zweifel sind sie zuletzt nach Hause gegangen. Ich fuhr nach Frederiksborg, um beim König aufzuwarten.«

»Sehr gut,« rief das Fräulein spöttisch lächelnd. »Sie haben recht gethan, dem verfemten Bösewicht aus dem Wege zu gehen. Aber was denken Sie von Lornsen? Was spricht man von ihm? Man weiß doch in keinem Falle in Frederiksborg, daß er mit Björning einsame Spaziergänge macht?«

»Fürchten Sie nichts, ich sage kein Wort,« beteuerte der Kammerherr. »Der Kanzleirat muß jedoch gewarnt werden.«

»Das werde ich selbst thun.«

»Es wäre schade, wenn er Unvorsichtigkeiten beginge,« fuhr Branden fort. »Er steht in hoher Gnade, das wissen wir alle; aber sein Charakter ist durchaus fest und seine Grundsätze müssen Menschen, wie diesen Björning, verabscheuen.«

»Ohne Zweifel,« erwiderte das Fräulein, »ich erwarte von ihm, daß er ganz so darüber denkt wie ich selbst.«

»Er kann und darf nicht anders denken,« rief Branden, »wenn er sich erinnert, was er Ihnen schuldet.«

»Was er mir schuldet?« wiederholte sie. »O, nichts! Sie sprechen ein gefährliches Wort aus, vor dem seine stolze Seele mit Recht erbeben würde.«

»Bah!« sagte der Kammerherr lächelnd, »er muß wissen, was alle Welt weiß.«

»Und was weiß alle Welt?« fragte sie.

»Teuerste Lina,« sagte Branden, »Ihr edles Herz hat in der Tiefe gesucht.«

»Und ich habe eine Perle gefunden,« rief sie mit leuchtenden Augen.

»Ganz gewiß eine Perle, wenn auch in harter Schale; aber wenn diese Perle zum glänzenden Geschmeide gemacht wird, um eine Königin zu zieren, so muß sie doch nie vergessen, daß die Hand, die sie dazu erhob, sie auch von sich abthun und in die alte Dunkelheit werfen kann.«

»Ein prächtiges Bild, Branden,« rief Lina lachend. »Das haben Sie nicht erfunden; gestehen Sie es ein.«

»Es ist möglich, daß irgend etwas Ähnliches Waldemar neulich an mich geschrieben hat.«

»Sehr gütig von ihm und ohne Zweifel erzählen sich die feinen Leute dort« – sie deutete auf die ferne Stadt – »daß Lornsen das Wachs ist, das von mir oder meinem Vater geformt wird.«

»Teuerste Freundin,« sagte der Kammerherr erschrocken, »die Welt urteilt immer nach dem Schein. Man weiß, wie sehr Sie Lornsen begünstigen; man kennt auch den Einfluß des Staatsrats, Ein Mensch, der schnell aus der Dunkelheit hervorgegangen ist, der nichts hat –«

»Als seine Verdienste,« rief Lina dazwischen, »ist allerdings immer ein Gegenstand der Bosheit und der Gemeinheit. Man verleumdet Lornsen, man spottet über ihn und mich. Ich kann es ertragen, er auch; aber es ekelt mich an, diese Menschen zu sehen, die nicht wert sind, ihm die Schuhriemen zu lösen. Doch welche Thorheit! Niemals wird Lornsen sich demütigen. Ein stolzer Geist, wie der seine, muß überzeugt werden; und wenn das nicht geschehen kann, so fürchte ich –«

»Was fürchten Sie denn?« fragte Branden, als sie abbrach.

»Nichts, nichts, lieber Branden,« lachte sie, »nur das eine fürchte ich: Lornsen wird bei weitem nicht so liebenswürdig werden, wie Sie es sind. Was gab es gestern in Frederiksborg? Erzählen Sie mir eine Hofgeschichte. Wie sah der König aus?«

»Se. Majestät,« erwiderte der Kammerherr, »war keineswegs in der besten Laune, Sie kennen seine Art, Fragen und Antworten auszuteilen.«

»Haben Sie auch eine bekommen?«

»Der König fragte mich, ob ich reisen würde. ›Vorderhand nicht, Majestät,‹ sagte ich, ›meine Geschäfte erlauben es nicht.‹ ›Ihre Geschäfte?‹ rief er, ›worin arbeiten Sie?‹ ›Majestät,‹ sagte ich, ›auf meinen Gütern ist vielerlei Unordnung, ich denke mit Rat und Hilfe verständiger Männer eine neue Ordnung der Dinge durchzusetzen.‹

›Bah!‹ rief er, in seiner Manier schnaubend, ›was wollen Sie? Unordnung abschaffen, neue Ordnung der Dinge durchsetzen? Was soll das heißen? Wollen Sie mir das sagen? Lassen Sie das bleiben, Kammerherr Branden. Suchen Sie Zerstreuung, wo es Ihnen beliebt, im Tiergarten oder bei interessanten Damen, aber bleiben Sie in Ihrem Fach; für Ordnung werde ich sorgen.‹«

»Sehr deutlich gesprochen,« lachte Lina, »und dennoch sehr rätselhaft.«

»Ich war starr vor Erstaunen,« sagte Branden, »und zog mich zurück, anderen ging es jedoch kaum besser. Jeder bekam irgend etwas zu hören, was ihm nicht lieb war, bis nach einer Stunde der König uns entließ, weil ein Ministerrat gehalten wurde.«

»Und was war der Grund dieser ungnädigen Donnerschläge auf die Köpfe der Allergetreuesten?«

»Niemand weiß es,« sagte Branden. »Es sollen verdrießliche Nachrichten eingelaufen sein. Der Minister des Auswärtigen ist bis in die Nacht beim König geblieben.«

»Und heute in aller Frühe ist mein Vater nach Frederiksborg gerufen worden. Wir haben etwas zu erwarten, Branden.«

»Was zu erwarten?«

»Irgend eine große That, welche die erschlaffte Menschheit ergreift, wie der Sturm das schlafende Meer. Eine Volksbewegung.«

»Nur keine Unruhen, keinen Lärm,« rief Branden erschrocken.

Lina deutete auf eine Staubwolke, welche in der Ferne sich erhob und einen rasch fahrenden Wagen einhüllte.

»Da kommt mein Vater,« sagte sie; »er wird uns sagen können, was es ist.«

»Und hoffentlich uns beruhigen,« fügte der Kammerherr hinzu. »Es wäre fürchterlich, zu denken, wenn die Tollheit so weit ginge, daß es Unheilstiftern, wie diesen Björning und Genossen gelänge –« hier brach er plötzlich ab, denn auf dem Wege, der den Hügel hinab ins Holz führte, hörte er den Schritt eines Mannes und sprachlos vor Erstaunen sah er den Doktor Björning dicht vor sich stehen.

»Wie, Herr Björning,« rief Lina, lebhaft aufstehend. »Sie allein?!«

»Ich allein,« erwiderte der Doktor, indem er den Hut abnahm und höflich grüßend näher trat.

Der Wagen des Staatsrats Hammersteen hatte inzwischen das Landhaus erreicht und mitten in den aufgewirbelten Staubwolken erkannte Lina ihren Vater, der mit Lornsen, welcher neben ihm saß, ein lebhaftes Gespräch zu führen schien.

»Da ist er!« rief sie laut, indem sie einen Blick auf Björning warf.

»Wie ich vermutet habe,« erwiderte dieser.

»Sie haben gestern abend eine Unterredung im Königsgarten mit ihm gehabt. Was hat er Ihnen gesagt?«

»Dasselbe, was ich schon früher gehört habe.«

»Das heißt, er will nicht?« rief das Fräulein.

»Er ist so verrannt in seine deutschen Träumereien, daß nur ein letztes Mittel übrig bleibt.«

»Welches?« sagte Lina, aber sie fügte sogleich hinzu: »Ich selbst soll ihn bestimmen. Kammerherr Branden, Sie scheinen erstaunt zu sein, Herrn Björning hier zu sehen?«

Der Baron war in der That mehr als erstaunt. Er stand wie einer, der nicht weiß, was er zu thun hat; völlig unentschieden, ob es besser sei, davonzulaufen oder zu bleiben. Er verbeugte sich mit einem abwehrenden Lächeln: »Ich erstaune so leicht über nichts mehr,« sagte er, »obwohl ich allerdings lange nicht die Ehre hatte, den Herrn Doktor zu sehen.«

»Sie müssen wissen,« fiel Lina ein, »daß Kammerherr Branden Geist und Kenntnis achtet, wo er sie findet, daß er meine Achtung für Sie teilt, Herr Björning, daß er viel zu vorurteilsfrei ist, um Ihren politischen Charakter Ihnen zum Vorwurfe zu machen, und daß er keineswegs zu den abhängigen und engherzigen Menschen gehört, die kein Herz und kein Gefühl für Freiheit und Rechte und die idealen Güter ihres Volkes und Vaterlandes besitzen.«

Branden sah das Fräulein mit starren Augen an und begegnete ihrem unwiderstehlich einladenden Lächeln. »Gewiß,« sagte er stotternd, »ich liebe mein Vaterland und wünsche ihm alles Gute.«

»Dazu müssen sich alle Männer von Einsicht und Charakter verbinden,« fuhr das Fräulein fort. »Bleiben Sie hier bei unserem Freunde. Herr Björning, sprechen Sie aufrichtig mit ihm, sagen Sie ihm, was geschehen ist, denn die Stunde ist da, wo die, welche es redlich meinen, fest beisammen stehen müssen.«

»Um Gottes willen!« rief der Baron voller Entsetzen vor dem gefährlichen Alleinsein, »bleiben Sie hier, Fräulein Lina, und sagen Sie mir selbst, was geschehen ist.«

»Lesen Sie das,« erwiderte sie, indem sie ein Billet aus der Tasche zog und es dem Kammerherrn reichte. »Björning hat es mir gestern geschrieben. Sie finden darin die Ursache der Ministerversammlung und der Mißstimmung des Königs.«

»In Frankreich,« las der Kammerherr, »ist eine Revolution ausgebrochen. Der König ist entflohen, das Volk hat gesiegt, die Freiheit triumphiert. Sie wird ihren Weg durch Europa machen und überall die Fesseln der Völker brechen. Jetzt ist es Zeit, auch für Dänemark, den König zu zwingen, Wort zu halten, er wird es müssen, wenn wir einig sind.«

»Eine Revolution!« rief Branden, »und der König entflohen? Entsetzlich! Über alle Vorstellung gräßlich! Wo ist Fräulein Lina?« fuhr er fort, als er sie nicht mehr bemerkte.

»Dort geht sie die Terrasse hinab,« sagte Björning. »Bleiben Sie, Herr Kammerherr Branden, ich habe Ihnen ein Wort zu sagen.«

»Entschuldigen Sie mich,« sprach der arme Baron, sich losreißend. »Ich kann nicht bleiben. Diese Nachricht ist höchst wichtig, höchst gefährlich. Ich muß auf der Stelle in die Stadt.«

»Man hat die Nachricht länger als vierundzwanzig Stunden verheimlicht, um Maßregeln zu treffen, jetzt wird sie in Kopenhagen verbreitet sein, ehe Sie davon weiteren Gebrauch machen können. Es handelt sich allein darum, ob Sie, Herr Baron, und andere Männer von Namen und Vermögen, willens sind, diesen Augenblick zu benutzen, um uns eine Bürgschaft für unser Heil, für eine verfassungsmäßige Freiheit sichern zu helfen.«

»Ich fürchte,« sagte Branden, ängstlich sich umschauend, »daß alle Bemühungen nichts helfen. Der König ist nicht für die Konstitutionen gestimmt, alle Mittel würden nichts fruchten, Vorstellungen nur Gefahr bringen.«

»So muß er gezwungen werden zu thun, was seine Pflicht ist,« war die Antwort.

»Schweigen Sie,« rief der Kammerherr, aufs äußerste erschrocken, »es ist Hochverrat, was Sie da sagen. Ich will nichts gehört haben, aber ich habe nichts damit zu thun.«

»Zwang ist keineswegs Gewalt,« fiel Björning ein. »Das ganze Gewicht der öffentlichen Meinung kann bei einem Manne, wie König Friedrich, nicht ohne Folgen bleiben. Der König hat praktischen Verstand und redlichen Willen. Wenn er überzeugt werden kann, daß der Wille der Nation hinter den Bittenden steht, wird er nachgeben. Es kommt darauf an, es zu versuchen, ihm eine Darstellung der schreienden Übel zu machen, die auf dem Volke lasten; eine Denkschrift in seine Hände zu bringen, welche von einer Anzahl notabler Leute aller Stände unterzeichnet ist, und die ihm überreicht wird von einem reichen und vornehmen Herrn, von einem Herrn seines eigenen Hofes.«

»Sie meinen mich,« sagte Branden, von Grausen erfaßt.

»Allerdings, ja, ich meine Sie,« erwiderte Björning kalt.

»Niemals, es wäre unerhört!« erwiderte der Baron,

»Was wagen Sie dabei?« sprach der Versucher. »Sie wagen die Gnade des Monarchen, aber Sie gewinnen dafür die Liebe des Volkes. Wer kennt die Leiden nicht, welche uns drücken und wessen Stimme erhebt sich nicht gegen die Wunden, an welchen wir verbluten. Die edelsten und besten Männer, auch unter den Reichen, selbst unter dem Adel, haben längst die Überzeugung gewonnen, daß es so, wie es ist, nicht lange mehr fortgehen kann. Wir sind beide Dänen, Herr Baron, wir lieben beide Vaterland und Volk, wir dürfen uns keine Illusionen machen. Der Absolutismus kann vielleicht noch zehn oder zwanzig Jahre, wenn das Glück ihm günstig ist, weiter in den Tag hinein leben, dann aber wird sein Sturz um so fürchterlicher sein. Blicken Sie umher auf dies kleine Land, dessen Unglück es ist, daß es die Zeiten seiner Größe und Macht nicht vergessen kann. Der Absolutismus hat es heruntergebracht, aber noch immer ist in Dänemark die alte üppige, verschwenderisch sinnlose Wirtschaft, die nichts lernt und nichts vergißt. Unser Geld wird verwandt für eine unnütze Flotte, für unnütze Garden, unnütze Beamten, einen prächtigen Hofhalt, einen thörichten Luxus, für ein Heer von Menschen, die der Absolutismus ernährt, und für diese Hauptstadt, die alles verschlingt, was das Land aufbringt. Hier ist kein Haushalt, keine Ordnung, keine Kontrolle, kein Gesetz, einzig nur Willkür und Macht, Ist das aber ein Zustand, der denkenden Wesen genügen kann? Und hat der Adel vor allen anderen nicht die Pflicht, wenn er zurückdenkt an alte Zeiten und wenn er weiter denkt über seine Erhaltung, der Nation voranzuschreiten um sich und ihr die Rechte freier Staatsbürger zu sichern?«

»Ich darf Sie nicht länger hören,« rief Branden; »ich würde es keine Minute lang gethan haben, wenn ich gewußt hätte, welche Dinge Sie mir zumuten,«

»Sie haben es allein darum gethan,« erwiderte Björning, »weil es Ihnen geheißen wurde; geheißen von einer Dame, deren Wünsche für Sie Gesetze sind. Nun wohl, Baron Branden, gehen Sie, ich lasse Ihren Arm los, aber wenn je Ihnen das Glück günstig war, Linas Hand und Herz zu erwerben, so ist es jetzt der Fall, wo Sie beides zurückstoßen.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte der Kammerherr stehen bleibend.

»Lornsen,« sprach Björning, »ist aufgefordert worden, unserer Sache sich anzuschließen, alle meine Gründe haben nichts gefruchtet. Sein eigensinniger deutscher Kopf begreift nicht, daß er sich fügen muß, wenn er nicht aufgegeben und zurückgewiesen werden soll. Fräulein Hammersteen wird selbst jetzt den Versuch machen, er wird erfolglos bleiben.«

»Er will nicht? Er wird nachgeben!« sagte Branden.

»Er wird nicht nachgeben.«

»Aber sie ist bezaubert,« rief der Baron, »sie liebt den Menschen und vergißt alles darüber.«

»Sie liebt ihn nicht,« erwiderte Björning kalt. »Sie liebt den edlen hohen Geist, der sich ihr ebenbürtig erweist. Zweifeln Sie nicht, der Zauber zerbricht in dem Augenblick, wo dieser Lornsen beweist, daß er Linas Liebe unwürdig ist, und dieser Augenblick ist da, lassen Sie ihn nicht unbenutzt vorübergehen.«

Der Kammerherr war in größter Unruhe. Er starrte vor sich hin und lächelte. Ein heroischer Mut kam über ihn, der vom plötzlichen Bangen wieder vernichtet wurde. Seine Hoffnungen erwachten und stürzten die Zweifel nieder. Er haßte Lornsen, wie schwache Menschen hassen, die so lange Ärger und Unmut verbergen, bis die Gelegenheit günstig ist. – »Glauben Sie wirklich,« sagte er, »daß Lornsen jetzt noch scheitern könnte?«

»Dort unten,« erwiderte Björning, »wird sein Schicksal entschieden, wir können es ruhig abwarten. Er wird mit dem Staatsrat zerfallen, und mit Lina. Was der Vater von ihm begehrt, findet ohne Zweifel bei ihm denselben Widerstand. Der Emporkömmling sinkt in sein Nichts zurück. Es ist schade um ihn, aber er ist ein beschränkter Kopf ohne höhere Gedanken. Ein Mensch, der untergehen wird, weil er Tollheiten träumt und sich auf einen Punkt gestellt hat, wie ein Seiltänzer auf die Spitze eines Kirchturms.«

»Und was meinen Sie, was ich thun soll?« fragte der Kammerherr.

»Um an das Ziel Ihrer Wünsche zu kommen,« erwiderte Björning, »haben Sie nichts nötig, als sich der Sache Ihres Volkes offen anzunehmen. Hier ist eine Denkschrift, für den König bestimmt. Sie ist in würdiger und ehrerbietiger Sprache abgefaßt, klar und bündig, aber nichts darin, was nicht jeder Mann von Ehre und Vaterlandsliebe unterschreiben könnte. Setzen Sie Ihren Namen darunter und legen Sie sie in die Hände des Königs.« – Mit einem widerstrebenden Zucken nahm Branden das Papier. »Ich bin überzeugt, daß Sie alles billigen werden,« fuhr Björning fort, »wenn Sie wissen, daß Lina diese Schrift kennt und zum Teil mit entworfen hat. Sprechen Sie mit ihr, sie wird Ihre Entschlüsse befestigen. Der Preis Ihrer Unterschrift wird nicht zweifelhaft sein.«

»Ich will unterschreiben!« rief der Baron, und mit einer energischen Bewegung steckte er die Schrift ein.

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