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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 12
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
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Elftes Kapitel.

»Sie haben unverzeihliche Fehler gemacht, lieber Lornsen,« sagte der Staatsrat, als Jens am anderen Tage in sein Zimmer trat, »und hätten Sie die Blicke Ihrer Umgebung sehen können, Sie würden vor Schrecken erstarrt sein.«

»Ich begreife in Wahrheit jetzt noch nicht, welches Unglück ich eigentlich verschuldete,« erwiderte Lornsen.

»Heilige Unschuld!« rief Hammersteen lächelnd, »aber ich lasse es mir doch nicht nehmen, daß eine gewisse tugendhafte Schelmerei Sie dazu trieb. Lina meint zwar, es sei ganz einfach und ehrlich gemeint gewesen, allein ich glaube es nicht, denn so viel wußten Sie jedenfalls von den Verhältnissen, daß leidenschaftliche Hingebung zu schönen Frauen eine der ritterlichen Verirrungen des Kronprinzen einst war.«

»Die Norweger haben ihm dafür den Namen Schürzenkönig gegeben,« fiel Jens lustig ein.

»Sehen Sie wohl, Sie Schelm,« sprach der Staatsrat mit dem Finger drohend, »wie recht ich habe. Sie haben spekuliert mit Ihrer Sottise, ob mit voller Absicht oder den Zufall des Augenblicks benutzend, ist einerlei. Der König in seiner sittlichen Strenge läßt keine Gelegenheit vorüber, wo er ein derbes Wort sagen kann gegen Sinnlichkeit, Weiberliebe und Ausschweifungen, die ihm verhaßt sind. Die Zeit ist jedoch vorbei, wo solche Worte gut angewendet waren, aber die Erinnerungen bleiben fatal, und namentlich jetzt muß es dem Kronprinzen höchst unangenehm sein, irgend einen nachträglichen Denkzettel zu bekommen.«

»Es sollte mich tief betrüben,« erwiderte Jens, »wenn der Prinz denken könnte, daß eine Absicht mich verleitete, eine Sentenz auszusprechen, die in ihrer Allgemeinheit so wahr ist.«

»Seien Sie ruhig,« sprach Hammersteen, »der Prinz ist viel zu gnädig und großmütig, um nicht das Beste zu glauben und alles auf Rechnung des Zufalls zu setzen. Aber, mein junger Freund, Sie sehen beim ersten Schritte, wie glatt der Boden ist, auf welchem Sie sich bewegen, und wie leicht man darauf fallen kann. Es ist nicht genug, Geschichte zu studieren und viele Kenntnisse zu sammeln, man muß auch Verhältnisse und Menschen genau beurteilen und niemals eine Blöße geben.

Sie sind aber ein Glückskind,« fuhr er dann lachend fort. »Ihre gewagten Streiche fallen alle gut aus. Der König ist sehr mit Ihnen zufrieden. Sie sind mit Ihrer freimütigen Sicherheit ein Mann, der ihm gefällt. Heute morgen sprach er mit mir von dem jüngeren Bernstorff und meinte, Sie hätten etwas in ihrer ganzen Haltung und im festen Auftreten, was ihn an jenen erinnere. Sie wissen, Bernstorff ist sein Liebling gewesen, ihre Jugendzeit fällt zusammen. Benutzen Sie diesen Wink, mein lieber Freund, wer weiß, was alles geschehen kann; aber stellen Sie sich so, daß Ihr großmütiger und gnädiger Beschützer, der Kronprinz, dasselbe Wohlwollen teilt.«

Lornsen verbeugte sich. »Ich werde mir die Achtung des Prinzen zu erhalten streben,« sagte er dann.

»Ganz recht,« rief Hammersteen, »Sie können das auf doppelte Weise. Es giebt Menschen, die den Fürsten notwendig sind durch ihren Geist, ihre Erfahrungen, ihre Einweihung in die geheimsten Dienste des Staats, und welche Achtung gebieten, weil man sie fürchtet und sie braucht. Die zweite Art sind die sogenannten ehrlichen Männer, die man nicht zu fürchten nötig hat, deren Charakter aber, wie unbequem er auch zuweilen sein mag, Achtung erzwingt. Man muß beides vereinigen, klug und ohne Falsch sein, nur nicht eigensinnig, nicht starrköpfig, nicht so liebenswürdig offenherzig in Gegenwart eines Prinzen, der den Frauen mit solchem Feuer gehuldigt hat, und endlich nicht in Gegenwart vieler hohen Damen behaupten, daß alle Frauenliebe nichts sei, wo Grundsätze mit ihr in Konflikt geraten.«

»Das ist in diesem Augenblicke mehr als je meine Überzeugung,« sagte Jens,

»Bah!« rief der Staatsrat lachend, »alles kommt auf den Standpunkt an. Ein Held oder ein wahrer Diplomat wird um ein Weib sich freilich nicht herabwürdigen und verächtlich machen; überläßt sich ein gewöhnlicher Mensch dagegen seinen vorherrschenden Neigungen, so erfüllt er seinen Beruf und nichts ist alberner, als von einer Gans verlangen, sie solle ein Adler sein. Ein Mann von Geist aber, der die Höhen der Gesellschaft erklimmen will, muß mit allen Ziffern rechnen. Kann ihm Liebe helfen, so folge er dieser, opfere ihr, was er opfern kann, lasse sich von ihr erheben und frage nicht nach Grundsätzen.

Es fragt sich einzig nur, warum ich opfere und wofür ich opfere? Welche Wirkung es hat, welche Macht mir daraus erwächst? Lege man an große Dinge nur keinen kleinen spießbürgerlichen Maßstab der gewöhnlichen Moral. Der Geliebte einer Kaiserin werden, und dafür ausschweifen, ja selbst morden, wie Gregor Orlow, ist etwas anderes, als um ein glattes Gesicht ein gemeines Verbrechen zu begehen. Umstände thun alles, mein lieber Lornsen, darum um Himmels willen fort mit aller romantischen Schwärmerei, wo es gilt, klug und besonnen sein: und nun lassen Sie uns von etwas anderem reden, ich habe eine gute Nachricht für Sie.« Der Staatsrat nahm nach seiner Gewohnheit eine Prise, um die Aufmerksamkeit zu spannen, die Hand auf Lornsens Schulter legend: »Sie sind heute zum Bureauchef ernannt. Was sagen Sie? Es geht rasch, nicht wahr?«

Lornsen drückte stumm die ihm dargebotene Hand. »Ich weiß, welchen Dank ich Ihnen schulde,« erwiderte er.

»Natürlich,« fuhr Hammersteen fort, »kann der neue Herr Bureauchef nicht ohne Titel sein, der König hat daher heute zugleich Ihr Patent als Kanzleirat vollzogen. Ich habe es Ihnen eigentlich nicht sagen wollen,« rief er lachend, »um Lina damit zugleich zu überraschen, nun gehen Sie selbst und teilen Sie ihr mit, was geschehen ist. Aber erst noch eine Frage,« rief er, ihn am Knopfloch festhaltend. »Sie haben in kurzer Zeit erreicht, woran andere ihr ganzes Leben über zu thun haben. Bureauchef ist eine wichtige Stellung, noch ein Schritt, und Sie gehören zur hohen Bureaukratie. Nun, Herr Kanzleirat Lornsen, es ist doch wohl ein Unterschied zwischen dem Sonst und Jetzt, und Ihre Hoffnungen und Wünsche haben einen anderen Flug genommen als damals, wo wir Sie auf der Klippenspitze von Helgoland träumend fanden?«

»Gott weiß es, ja!« erwiderte Lornsen in großer Bewegung, »aber was ich wünschte und hoffte, steht fest und unverrückt vor mir, und wie ein Seemann im Sturme kühner wird, so hoffe ich jetzt um so gewisser auf Erfüllung.«

Hammersteen nickte ihm zu. Er schien noch etwas auf den Lippen zu haben, aber er brach ab und sagte nur: »Kühnheit paart sich mit Vorsicht und Geduld. Gehen Sie jetzt zu Lina und teilen Sie ihr mit, was Ihnen geschehen ist. Sie wird sich freuen und weitere Pläne mit Ihnen bauen; sorgen Sie dafür, lieber Freund, daß es keine Luftschlösser sind.«

Lornsen fand das Fräulein von Hammersteen in einem der schönen Bosketts, die sich an das Treibhaus des Gartens anschlossen. Man konnte fast unbemerkt und ungesehen dahin gelangen, und einige Minuten stand er und betrachtete durch das Geblätter das schöne, stolze und lächelnde Gesicht. Lina saß, den Kopf in die Hand gestützt und las in einem Buche. Er erkannte es sogleich, es waren dieselben Gedichte, welche er gestern gelesen hatte; plötzlich blickte sie auf, ein Geräusch hatte ihn verraten. Sie sah die Umrisse seiner Gestalt und winkte ihm drohende Grüße zu, indem sie mit dem süßesten Wohllaut ihrer klingenden Stimme die Verse, welche sie eben gelesen hatte, wiederholte.

Dabei streckte sie dem nahenden Freunde die Hände entgegen, die er mit seinen Küssen bedeckte und in der Seligkeit dieser Minute voll reinen Glücks verlor sich jener unmutige Schatten, den sein Gespräch mit dem Staatsrat hervorgerufen hatte.

»Ja, das ist schön,« rief Lina endlich, auf das Buch deutend, aus, »und heute will ich dir bekennen, teurer Jens, daß ihr Deutschen Dichter besitzt, die mit den größten aller Völker um den Lorbeer streiten dürfen; auch will ich dir bekennen, daß die rauhe deutsche Sprache in deinem Munde so herrlich klang wie ein Hymnus zur Feier einer großen Gottheit.«

»Das war es auch,« erwiderte Lornsen. »Ich feierte die große Liebesgöttin, die ihre Begeisterung in die Worte des Dichters legte.«

Sie sah in seine glänzenden Augen und strich das lockige Haar von seiner Stirn. »Ich habe immer geglaubt,« sagte sie dann lächelnd, »daß du einer der alten Kämpen seiest, wie sie die Sagen schildern, ein Kämpe, der ohne Helm und Harnisch sich auf Riesen und Drachen stürzt, ohne zu erbeben, aber der alte König hat doch recht, und mein Vater hat unrecht, oder beide haben unrecht und ich habe nicht recht.«

»Das heißt,« sagte Lornsen, sie anblickend, »du kannst an mir zweifeln?«

»Könnte ich es jetzt!« rief sie, »was wäre dann wahr an dir und mir? Du bist imstande, die Köpfe junger Leute zu berücken und das paßt nicht für den Staatsdienst, wie die alte Majestät grimmig behauptet. Mein armer Kopf ist so gläubig, daß er alles glaubt. Ich möchte zu dir beten wie zu einem Heiligen. Aber dann, Jens, kommt es mir vor, als wäre der Kämpe imstande, zum Berserker zu werden, der in wilder Raserei das Liebste, was sein ist, anfallen und töten könnte.«

»Das kannst du denken?« fragte er, und ein Strom von Liebe floß über sie hin.

»Es ist nichts,« fiel sie ein, »es sind Grillen, welke Blätter, die vom Baume fallen, damit die Früchte besser reifen. Du stolzer Frevler forderst Opfer vom Weibe, wenn es liebt, aber die Liebe kennt keine Opfer. Ich bringe dir, was ich zu geben habe, du giebst, was dafür gefordert wird. Ich gehöre nicht zu denen, die bescheiden in einer Hütte wohnen wollen, um glücklich zu sein, du weißt das; ich will den kühnen Mann, der mich erwirbt, unter den ersten sehen, die mit Ehrfurcht und Bewunderung genannt werden, und das ist unsere Aufgabe, teurer Jens, das sind die Opfer unserer Liebe. Sei stolz auf mich, meine Liebe will, daß die Welt sich mit deinem Ruhme fülle. Laß mich so stolz sein, daß keine Königin sich mit mir vergleichen kann.«

Sie legte die Hände um ihn, und ihre Augen strahlten von einem tiefen Feuer, ihr Lächeln war so kühn und beredt, daß Lornsen sie entzückt und begeistert an sich preßte. »O, meine Lina,« sagte er, »keine Schöpfung Gottes ist herrlicher als eine schöne geisterfüllte Frau, kein Menschenglück größer, als von ihr geliebt zu sein. Du sollst stolz sein auf deine Liebe, all mein Denken ist darauf gerichtet. Dein Vater fragte mich heute, ob es nicht ein guter Tausch sei, den ich gegen die stillen Heiden Schleswigs gemacht habe?

Er weiß nicht, daß um dich allein ich sein folgsamer Schüler bin und mein Ehrgeiz seinen besten Sporn erhält.«

»Um mich allein?« fiel Lina fragend und im zweifelnden Tone ein.

»Es ist manches, was mich drückt und zwängt,« rief Lornsen unmutig, »was meinem Wesen aufs heftigste widerstrebt. Ich sehe mich in Bahnen gerissen, die ich zuletzt doch nicht verfolgen kann, und dann –«

»Dann wird mein Vater aufhören, dich auf die Höhe des Lebens zu leiten. Er wird dich aufgeben.«

»Und du?« fragte er, den Blick erhebend.

»Ich, Jens, welche Frage? Gewinne mich, wie du willst, ich bin dein.«

»Mein,« rief Lornsen, »ich zweifle nicht.«

»Eines vergiß nicht,« sagte sie, »daß mein Vater die Brücke ist, die dich trägt. Benutze sie so lange, bis fester Boden unter deinen Füßen ist. Er ist ein zu guter Rechenmeister und zu klug, um es sehr übel zu nehmen, wenn du dich von ihm emanzipierst. Seine Grundsätze sagen dir nicht zu, mir auch nicht; aber bei alledem lieben wir uns aufs innigste. So wird er auch dich lieben oder dich achten, dich bewundern oder fürchten, wenn du über seine Schulter fort auf seinen Nacken steigst. Suche dahin zu gelangen und mache dich frei; mache uns alle frei und laß eine neue Sonne über uns aufgehen.«

Sie betrachtete ihn mit stolzer Freudigkeit, »Du bist ja in Deutschland ein Ritter der Freiheit gewesen,« sagte sie, »du hast auf der Universität dafür geschwärmt, hier ist der Ort, wo männlicher Sinn und praktische That sich bewähren können. Dänemark sehnt sich nach Freiheit, es bedarf edler und entschlossener Männer, die es würdig machen, an die Spitze einer neuen Zeit zu treten.«

»Und ich,« sagte Lornsen lächelnd, »bin soeben zum Bureauchef und Kanzleirat befördert worden.«

»Vortrefflich!« rief das Fräulein, »ich wünsche dir und mir Glück. Mein Vater baut für uns, teurer Jens, es ist nicht schwer zu erraten, was er will, du mußt es dankbar anerkennen.«

»Hat er je mit dir von unserer Liebe gesprochen,' fragte Lornsen.

»Kein Wort,« sagte sie, »ein Diplomat spricht nicht, er handelt. So laß ihn denn handeln, Jens, auch wir wollen es thun. Laß ihn seine Minen bauen, den weisen Bergmann, es soll an Gegenminen nicht fehlen. Fort mit der finsteren Falte auf deiner Stirn und mit der Falte in deinem Herzen. Ich vertraue dir ja, ich sage dir, daß ich dich liebe und an dich glaube und daß ich dein sein will, so lange ich nicht sagen muß: mein Glaube und meine Liebe waren Täuschung, sie liegen zerbrochen vor meinen Füßen.«

»Das sollst du nie, das wirst du niemals können!« rief Lornsen, und er umfaßte sie mit zärtlicher Heftigkeit.

In diesem Augenblick erscholl ein lautes Hohngelächter und trennte die beiden Liebenden. – Lornsen hielt Linas Hand fest und blieb neben ihr sitzen. Langsam wandte er sich um, er wußte, was er sehen würde. – An einen Baum gelehnt stand der Kammerjunker, die eine Hand in sein weißes Gilet gesteckt, mit der anderen den Hut schwenkend: »Bravo!« rief er, »Bravissimo und da capo! wenn ich bitten darf. – Aus welcher rührenden Komödie ist die Scene, welche meine schöne Cousine hier aufführt?! –«

»Vetter Waldemar, mein teurer Waldemar,« sagte Lina mit größter Ruhe, »komm näher, hier ist noch ein Sessel, nimm ihn und höre auf, so geistreich zu lachen. Dein Geschrei möchte uns Zuschauer herbeiziehen, die wir nicht mögen.«

»Ich habe Grund, zu glauben,« erwiderte der Kammerjunker, »daß ich selbst zu diesen Zuschauern gehöre, inzwischen befolge ich deinen Befehl und wiederhole meine Frage,«

Er nahm den Sessel und indem er einen Blick auf die beiden Hände warf, welche noch immer sich festhielten, sagte er, sein Glas ins Auge klemmend: »Ich meine beinahe gewiß zu sein, daß Sie die Rettungsscene auf dem Meere darzustellen suchten, Herr Lornsen, und unter dem Eindruck der Begeisterung irgend eines seemännischen Getränkes vergessen haben, daß auf dem Lande einige andere Schicklichkeitsgesetze gelten.«

»Herr Kammerjunker,« erwiderte Lornsen, »Ihre Anrede beweist mir, daß Schicklichkeitsgesetze Ihnen überhaupt unbekannte Dinge sind.«

»Still, mein Freund,« fiel Lina ein, »ich denke, daß ich die zunächst Beteiligte bin, welche die Fragen meines höflichen Vetters zu beantworten hat. Nicht alle Leute sind Poeten, lieber Waldemar, und lieben die Komödie so, wie es bei dir der Fall ist. Herr Lornsen ist ein einfacher, etwas rauher Mann, der deine schönen Eigenschaften witziger Ironie und hofmännischer Pointen nicht ganz zu würdigen weiß, um so besser ist dies bei mir der Fall.«

»Ich kenne deine Güte und deine zarten Rücksichten für mich,« erwiderte Waldemar; »aber zur Sache, meine schöne Cousine. Es ist interessant zu hören, wo dies Possenspiel, das dein Übermut mit diesem armen Herrn Lornsen sich erlaubt, eigentlich zu bedeuten hat.«

»Was kann es bedeuten, Waldemar?« rief das Fräulein, »was hast du denn gesehen?«

»Zum Henker!« rief der Kammerjunker, »was ich gesehen habe? Kammerherr Branden! kommen Sie hinter dem Gebüsch da hervor. Sie sind besser imstande als ich, mit einigen italienischen Bildern es wiederzugeben. Es war ein allerliebstes Genrebild, ein Galeriestück, auf Ehre! unbezahlbar, besonders für Sie, Branden; zur Verherrlichung Ihres Freundes aus Sylt müssen Sie es malen lassen.«

Der Kammerherr stand in seinem Versteck still, aber Lina wandte sich lachend um und bog die Zweige zurück. »Also ein Überfall, eine wohlberechnete Überraschung. Das danke ich dir, teurer Waldemar, und gehe eine Wette ein, du hast eine schlaflose Nacht gebraucht, um mir die Freude zu machen, dich und den Kammerherrn hier zu sehen. Nur herein, Herr Baron. Welche Ritterlichkeit von allen Seiten; aber Diplomaten und Heroen müssen in allen Künsten erfahren sein und keine Mittel scheuen, um hinter Geheimnisse zu kommen.«

»Ich wage zu glauben,« sagte Branden hereintretend und verlegen lächelnd, »daß von keinem Geheimnis hier die Rede ist. Guten Tag, Herr Lornsen, Sie haben gestern den höchsten Herrschaften ungemein gefallen; ich bin heute vielfach nach Ihnen befragt worden. Se. Majestät hat in gnädigster Weise sich über Sie geäußert.«

»Herr Lornsen,« fiel Lina ein, »hat die besten Beweise dafür, er ist zum Chef des Bureauwesens der Kanzlei und zum Kanzleirat ernannt worden.«

»Prächtig!« rief Branden, »diese Nachricht macht mir wahrhafte Freude. Ich hoffe, Sie recht bald bei mir zu sehen, Herr Kanzleirat, und bedauere nur in diesem Augenblick, Sie verlassen zu müssen.«

»Bleiben Sie,« rief das Fräulein in befehlendem Tone, »jetzt dürfen Sie uns nicht verlassen, Kammerherr Branden. Mein Vetter Waldemar hat sich auf Sie berufen, so sagen Sie uns denn, was Sie in Ihrem Versteck bemerkt haben?«

»Mein Gott! ich habe nichts bemerkt,« sagte Branden. »Eine Badinage, ein kleines unschuldiges Intermezzo. Ich habe in Italien unzähligemal gesehen, daß Fürstinnen und Herzoginnen von einfachen Bauernburschen bekränzt wurden.«

»Aber die gemeinen Burschen umarmten sie nicht und bedeckten sie nicht mit Küssen,« rief der Kammerjunker.

»Also das hast du gesehen,« rief Lina im Tone der Verwunderung. »So wäre es denn wahr, ich hätte mich so weit vergessen können. Reden Sie, Kammerherr Branden; können Sie beschwören, daß Sie es gesehen haben?«

»Ich bin in der That in der Lage, wenn es gefordert würde, beinahe einen Eid darauf leisten zu können,« murmelte Branden, »aber ich würde es allerdings nur als Scherz betrachten.«

»Ich scherze nie mit meinen Umarmungen,« fiel Lina ein, »und da auch Waldemar es behauptet, kann ich nur eines annehmen.«

»Was soll die längere Verhöhnung,« rief der Kammerjunker heftig, »hier ist von keiner Täuschung die Rede.«

»Ich kann nur annehmen,« sagte Lina, indem sie den Arm um Lornsen legte, »daß ich dich wirklich innig und wahrhaft liebe, denn niemand ist auf Erden, der sich rühmen könnte, von mir geküßt und mit Liebesnamen genannt zu sein. – Nun weißt du es, Waldemar, und nun geh' und erzähle es deinen Genossen. Kammerherr Branden wird dir vielleicht beistehen. Es ist eine köstliche Neuigkeit, sie wird Aufsehen machen. Versäume nicht, der erste zu sein, der sie in den Hofkreis trägt; du kannst dadurch befördert werden.«

»Sie ist wahnsinnig,« rief der Kammerjunker, indem er von dem Sessel aufsprang, die Hände zusammenschlug und mit Blicken voll Besorgnis Lina betrachtete. »Aber Sie,« fuhr er fort, indem er sich zu Lornsen wandte, »Sie, der sich in diese edle Familie drängte, um Schmach über sie zu bringen, Sie allein tragen die Verantwortung und sollen Rechenschaft dafür geben.«

Lornsen machte sich sanft von Lina frei und sagte ruhig zu dem drohenden Junker: »Ich weiß nicht, welche Rechenschaft Sie von mir fordern können, ich weiß selbst nicht, wodurch ich Sie beleidigt habe. Der einzige, dem hier Rechenschaft zusteht, ist Linas Vater; ich werde keinen Augenblick säumen, mich vor sein Gericht zu stellen.«

»Er wird Sie behandeln, wie Sie es verdienen,« rief Waldemar; »aber mir, als einem Verwandten dieses Hauses steht es zu, vorderhand unser aller Ehre zu sichern. Entfernen Sie sich auf der Stelle, Lina kann keine Gemeinschaft mit einem Menschen haben, dessen nichtswürdige Künste allein einen so tiefen Fall über sie bringen konnten.«

»Herr Kammerjunker,« sagte Lornsen, einen Schritt näher tretend, während die Adern auf seiner Stirn schwollen, »ich bin gewohnt, Sie zu bemitleiden, aber auch die Langmut mit den Ungezogenheiten eines Kindes hat seine Grenzen. Dort ist Ihr Weg, gehen Sie, was Sie weiter thun wollen, werde ich erwarten.«

Es lag etwas Furchteinflößendes in dem tiefen Ton seiner Stimme und in der kalten Ruhe, die er behauptete. Der hohe kräftige Mann stand nachlässig vor dem wütenden Gegner, der die Hände geballt hatte und nicht wußte, was er beginnen sollte. Der Kammerherr hielt ihn am Arm fest, und flüsterte ihm leise Worte zu.

»Kein Aufsehen, lieber Holk, um Himmels willen kommen Sie; wollen Sie einen Faustkampf beginnen? Er schlägt Sie zu Boden, so groß und stark Sie sind; er hat mehr Kräfte als drei gewöhnliche Menschen.«

Lina hatte sich in den Sessel zurückgelehnt. Sie nahm das Buch vom Tischchen und blätterte darin, als hätte sie den ganzen Lärm vergessen,

»Da ist etwas für dich, Waldemar,« rief sie lachend:

»Es reißt von der Wand die Büchse
Der gnädige Herr Baron
Und flucht dazu wie ein Landsknecht,
Und endlich läuft er davon.

Thu mir den Gefallen und mach es ihnen nach. Meine Nerven sind zwar keineswegs zu Ohnmachten geneigt, aber ich würde dich bitten, zu bedenken, wie unpoetisch du aussiehst und wie wenig lohnend die Rolle ist, in der du deinem Rufe als Lion des Tages ernstlichen Schaden zufügen kannst.«

»Ich verachte deinen Spott!« erwiderte Waldemar. »Nicht von der Stelle werde ich gehen, bis dein Vater hier erscheint.«

»Da ist er,« sagte Lina, »ganz nach deinem Wunsche. Lieber Papa, betrachte nicht länger deine Blumen, sondern eile und beruhige unseren tapferen, ritterlichen Vetter.«

Der Staatsrat trat aus dem Gewächshause und mit dem freundlichsten Lächeln nickte er Waldemar zu. »Guten Tag, Kammerherr Branden,« rief er, »und du, Waldemar, es ist mir außerordentlich lieb, dich hier zu finden. Ein wundervoller Vormittag. Nichts Schöneres wie eine Herbstreise, wenn unsere Buchenwälder jung grünen und das Meer die tiefe Bläue des Himmels wiederspiegelt. Es ist unangenehm, wenn man gerade zu solcher Zeit reisen soll. Ich bedauere dich, Waldemar. In meinem Alter weiß man am besten, was es heißt, fort in die weite Welt; allein es ist einmal so, jeder Mensch muß seinem Schicksale folgen. Du bist gekommen, von deiner Cousine Abschied zu nehmen.«

»Ich verstehe Sie nicht ganz,« sagte der Kammerjunker erstaunt.

»Du weißt es noch nicht?« fragte Hammersteen; »wahrhaftig, du kennst dein Glück noch nicht, wie es scheint, du bist der Gesandtschaft in Wien attachiert und mußt noch heute fort. Es thut uns allen gewiß sehr weh, dich zu verlieren, Lina, mir, unserem ganzen Freundeskreise. Unser einziger Trost wird Herr Lornsen sein, den du ohne Zweifel so hoch achtest, wie ich es thue, und der mir so lieb und wert ist wie ein eigener Sohn. Kammerherr Branden, Sie wissen doch, daß Herr Lornsen zum Kanzleirat und Bureauchef ernannt worden ist?«

»Ich habe dem Herrn Kanzleirat schon meine aufrichtigen Glückwünsche gesagt und wiederhole sie,« rief der dienstfertige Baron. »Ich glaube, Herr Lornsen weiß, wie sehr ich sein Freund bin und was ich immer von ihm gehofft habe.«

»Dem Mann von Talent stehen alle Thüren offen,« fiel der Staatsrat ein; »er darf kühn wagen, was die Gewöhnlichkeit nicht wagen darf. In kurzer Zeit wird Herr Lornsen auf einem Platze stehen, wo er mit den Ersten wetteifern kann – doch genug davon, und nur so viel: alles was mein ist, gehört Ihnen, mein teurer Freund, ich weiß nichts, was ich Ihnen abschlagen könnte, das ist eine Erklärung, die ich mit Freuden hier wiederhole.« Er blickte den Kammerjunker und Branden mit einem seiner scharfen Blicke an, während er Lornsen die Hand drückte und Lina zunickte.

»Nun,« rief er dann lächelnd, »was gab es denn hier für Streit? Was war es, Waldemar, was hattest du zu rügen?«

Der Kammerjunker murmelte einige unverständliche Worte, die wie unbedeutender Vorfall oder Scherz klangen.

»Ein Nichts also, wie gewöhnlich,« sagte Hammersteen; »indes auch das Unbedeutende kann übel ausgelegt werden. Auf ein Wort, Waldemar; empfiehl dich deiner Cousine, wir sehen dich noch zum Abschiede, und Sie, Kammerherr Branden, kommen Sie mit uns, ich will Ihnen ein paar prachtvolle Myrten zeigen, die in Italien nicht schöner wachsen können. Lina wird in der heißen Luft hier nicht langer ausdauern wollen, sie wird uns im Hause erwarten, den Herrn Kanzleirat aber lassen wir auf einige Minuten allein, um darüber nachzudenken, wie er sein neues Amt mit Würde und Überlegung anzutreten hat.«

Der lächelnden Bestimmtheit, mit welcher der Staatsrat seine Befehle austeilte, war nicht zu widerstehen. Lina stand auf und indem sie sich vor ihrem Vater auf den Zehen erhob und seine Wangen mit beiden Händen streichelte, rief sie fröhlich: »Sehr gütig und sehr weise, lieber Papa, besonders was den Herrn Kanzleirat betrifft, der die Einsamkeit gewiß nötig hat.«

Der alte Herr folgte ihr mit seinen Begleitern und Lornsen sah ihn den Baumweg langsam hinaufgehen, während er unruhig und bedrängt zurückblieb. Die widerstrebendesten Empfindungen kämpften in ihm, sein Kopf war voll verworrener Gedanken, sein Herz voll heißer Gefühle. »Ich will aus dieser peinlichen Lage,« rief er sich zu, »so kann es nicht bleiben mit mir. Und wenn ich das Netz, in dem ich liege, zerrissen habe, was dann?« flüsterte er mit wehmütiger Stimme. »O Lina! welche Opfer bringe ich dir, daß ich es dulde unter diesen Dänen und ihren Intriguen auszuhalten und mein innerstes Wesen abzuleugnen.«

Endlich kam der Staatsrat zurück. Lornsen ging ihm entgegen und redete ihn an. »Ich glaube,« sagte er, »daß ich es nötig habe, Ihnen ein offenes Bekenntnis abzulegen.«

»Um Himmels willen!« rief Hammersteen, »nur keine Offenheit und keine Bekenntnisse. Alles zu seiner Zeit, lieber Freund, für jetzt aber haben wir Besseres zu thun, als dergleichen zu nichts nützende Dinge vorzunehmen. Sie scheinen hier eine Scene mit Lina gehabt zu haben, der eine Überraschung gefolgt ist. Nun, Waldemar reist und Branden wird schweigen, auch habe ich Mittel, ihm die Geschwätzigkeit zu vergelten. Sie haben Neigung zu Lina und dürfen auf Gegenneigung rechnen. Sie sind jung, Lina auch und ich habe nichts dagegen. Doch kein Wort weiter, Herr Kanzleirat, ich denke, wir kennen uns gegenseitig und wissen genau, was nötig ist, um uns endlich zu verständigen. Mein Haus ist Ihnen offen, meine Absichten sind Ihnen bekannt. Aber keine Unbesonnenheit, keine Übereilung. Sie werden sich erinnern, was ich Ihnen einst über diesen Punkt mitteilte. Ich schenke Ihnen das vollste Vertrauen.«

»Und ich,« erwiderte Lornsen, »werde dies niemals mißbrauchen.«

»So sind wir einig,« sagte der Staatsrat. »Die Zeit wird alles erfüllen: das Vorzeitige ist das Fatale. Keine Scene wie die heutige mehr. Ich weiß nichts davon und will nichts wissen, aber Ihr Wort und Ihre Hand darauf, so – und nun lassen Sie uns zu Lina gehen und ein frohes Glas leeren auf den Herrn Kanzleirat und auf die Zukunft.« – Er nahm ihn beim Arm und führte ihn scherzend fort.

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