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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 11
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
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Zehntes Kapitel.

Seit dem Brande der Christiansburg wohnte der Hof in dem aristokratischen öden Teile der Friedrichsstadt, in geschmacklosen alten Palästen aus der Zeit Friedrichs des Fünften, immer aber doch etwas besser als in dem düsteren weitläufigen Schlosse, an dessen Steinen der größte Teil der dänischen Königsgeschichte klebt.

Der Kronprinz Christian Friedrich, Sohn jenes Erbprinzen Friedrich, den seine ränkevolle Mutter, die berüchtigte Königin Juliane, gern auf denselben Thron gesetzt hätte, den jetzt Friedrich der Sechste, der Sohn ihres rachgierig verfolgten Opfers, der unglücklichen Königin Mathilde, einnahm, bewohnte ein ziemlich bescheidenes Haus. Aber der Kronprinz bildete die fröhliche Seite des dänischen Hoflebens, denn was jung und hoffnungsvoll war, sammelte sich um ihn. Er war damals nahe an vierzig Jahre alt und hatte die wilden Tage der Jugend hinter sich. Seine Liebe zu schönen Frauen und lärmenden Gelagen hatte, seit er mit der Schwester des Herzogs von Augustenburg in zweiter Ehe vermählt war, der Liebe zu einer schönen Häuslichkeit Raum gegeben. Er liebte und unterstützte die Künste und die Künstler, er ehrte die Wissenschaft und ihre Jünger, er versammelte die hervorragendsten Gelehrten und Talente gern um sich, zog in seine Nähe, wer ihm gefiel, und eroberte die Herzen der Männer, wie er früher die der Weiber erobert hatte. Es war wahr, was der Staatsrat von ihm sagte, die Liebenswürdigkeit seiner Erscheinung und seines Wesens war hinreißend, und noch hatte sein abenteuerliches Auftreten in Norwegen, trotz des schmählichen Endes, so viel Gewicht, daß die Jugend von ihm eine ähnliche freie Verfassung für Dänemark erwartete, sobald er zur Regierung kommen würde.

Die Kronprinzessin Karoline galt infolge ihrer frommen Sanftmut und ihrer häuslichen Tugenden als Musterbild der Frauen. Damals war der Haß gegen die Augustenburger Prätendenten noch im Keimen. Das Erlöschen des Königsstammes der männlichen älteren Linie schwebte nur als Möglichkeit der Zukunft vor. Wenige dachten ernstlich daran; der Streit um die Erbfolge war weit mehr Sache der Gelehrten und der Zeitungsschreiber, wie Sache des Volks. Die Kronprinzessin erfreute sich daher einer bewundernden Liebe des Volkes, die weit später erst in einen unwürdigen Haß umschlug, weil sie Verwandte und Abstammung nicht verleugnen wollte.

Der Kronprinz empfing Lornsen in seinem Hause mit lächelnder Huld. Der schöne, stattliche Prinz, ohne allen Stolz seines hohen Ranges, führte ihn selbst seiner Gemahlin zu, welche mit wenigen Damen und Herren ihres Hofes den kleinen Kreis bildete, in welchen sich Lornsen versetzt sah. Die lebhaften und ungezwungenen Fragen, welche an ihn gerichtet wurden, die zuvorkommende Güte, welche ihn aufnahm und bemüht war, alle Steifheit der Formen möglichst abzuglätten, verbunden mit einer gewissen bürgerlichen Zutraulichkeit, ließen Lornsen vergessen, daß er an einem Hofe sei, wo Geburt und Titel bis dahin alles galten und wo der König, infolge des Königsgesetzes, der unumschränkteste Herr seiner Unterthanen war.

Die Unterhaltung wurde in deutscher Sprache geführt; Lornsen mußte erzählen und über Halligen, Marschen und Inseln der Friesen ausführlich berichten. Was er sagte, war den Zuhörern neu und interessant, der Prinz und die Prinzessin hörten mit Teilnahme zu, wohl oder übel mußte ihre Umgebung dem Beispiele folgen. Der junge Mann mit dem einnehmenden Gesicht, den leuchtenden blauen Augen und seiner bescheidenen aber festen Sicherheit konnte ihren geheimen Neid erregen. Das Wohlwollen des Kronprinzen und seiner Gemahlin war unverkennbar.

»Die Friesen müssen intelligent sein,« rief der Prinz endlich, »sie müssen aus ihrer Abgeschiedenheit heraustreten und bekannter werden. In Helgoland machen sie jetzt ein Seebad, das müßt ihr ihnen nachthun. Auf euren Inseln und Halligen giebt es noch andere wunderbare Dinge zu schauen; legt Seebäder an und eure Möwen und Seeschwalben werden goldene Flügel bekommen.«

»Ich habe Ähnliches schon ausgesprochen,« erwiderte Lornsen erfreut, »aber es fehlt in den Herzogtümern an Kommunikationsmitteln. Man thut zu wenig für uns, Königl. Hoheit, wir sind die Stiefkinder des Staates, wie man überall hören kann. Wenn Seebäder glücken sollen, müßte man uns unterstützen und statt in die Weite zu reisen, müßte es hohen Herren gefallen, jährlich ein paar Wochen in Föhr oder Sylt zu leben, um mit dem Glanze ihrer Namen uns Gäste hinzuziehen.«

»Das läßt sich hören,« gab der Prinz lebhaft zurück. »Ich habe Lust, es selbst zu versuchen, darin aber haben Sie recht, es muß mehr für die Herzogtümer geschehen. Ich liebe sie, es sind schöne, reiche Länder, und obwohl ich ein Däne bin, ganz ein Däne! so will ich die Wahrheit doch niemals verdunkeln.«

Lornsens Blicke waren voll Dank und Freude. Prinz Christian reichte ihm die Hand und sagte warm und gütig: »Sie haben mit Ihrer ausgezeichneten Darstellung der Verhältnisse mich wahrhaft erfreut. Sie haben offen gesprochen, wie es einem Manne von Herz und Kopf ziemt, das Vaterland bedarf solcher Männer. Was Sie sagen, ist mit gewichtigen Gründen unterstützt, mit historischen Belegen und Jahreszahlen, die sich nicht schlagen lassen. Verfälschen läßt sich so etwas nicht; die Geschichte giebt den Herzogtümern ein Staatsrecht, worauf sie bauen können. Aber auch darin haben Sie recht, Herr Lornsen: das geschriebene Recht thut es nicht allein, auch das vernünftige Recht der fortschreitenden Zeitideen verlangt Anerkennung. Man kann Überlebtes nicht festhalten, das Begrabene nicht lebendig machen wollen, man muß der Zivilisation der Menschheit Rechnung tragen und darf den Volkswillen nicht verachten.«

»Ich bin beglückt, solche Aussprüche von Ew. Königl. Hoheit zu hören,« sagte Jens.

»O!« sprach der Prinz lächelnd, »ich dächte, daß ich bewiesen hätte, wie ich den Ideen der Gegenwart nicht verschlossen bin, und selbst meine jetzige Zurückgezogenheit,« fügte er hinzu, indem er mit Lornsen durch die Zimmer ging, »hat Beweise dafür zu geben. Wir müssen auf die Zukunft hoffen, die manche Wünsche der Menschen erfüllt,« fuhr er nach einer Pause bedeutsam lächelnd fort, »bis dahin aber hoffe ich Sie oft zu sehen und von Ihnen zu hören. Sie haben recht gethan, hierher zu kommen, ich freue mich Ihrer Nähe und denke mich Ihres Rates und Ihrer Kenntnisse öfter zu bedienen. Der Staatsrat Hammersteen hätte mir nichts Lieberes bezeigen können, als mich in dieser Weise mit Ihnen bekannt zu machen. – Doch da kommt er selbst zur rechten Stunde,« rief er, sich zur Thür wendend, die eben aufgethan wurde und die ehrerbietig gebeugte Gestalt des Barons erblicken ließ, hinter welcher Lina stand, deren lächelnder Blick sogleich geheimen Gruß und Wink für den freudig überraschten Geliebten aussandte.

Nach den ersten Begrüßungen wandte sich der Prinz zu dem Fräulein und sagte in seiner ritterlichen Weise: »Sie haben Ihren kühnen Beschützer zuerst bei uns eingeführt, Ihnen besonders gebührt darum auch unser Dank. Sie wissen nicht, Herr Lornsen, welche bewundernde Freundin Sie sich erworben haben. Fräulein von Hammersteen erzählte uns nach ihrer Rückkehr das Erlebte, und als ein gewisser junger Herr ihrer Verwandtschaft nebst einigen anderen jungen und mutigen Kavalieren nicht allzu Großes und Erstaunliches darin erblicken wollten, führte sie Ihre Verteidigung mit so viel Geist und Schärfe, daß die Angreifer eine völlige Niederlage erlitten.«

»Ich verteidigte mich zunächst,« erwiderte Lina, »aber Ew. Königl. Hoheit weiß, daß selbst der abwesende Feind geschützt werden muß, um so mehr der Freund, wenn er für sich kein Zeugnis ablegen kann.«

»Ich beneide Sie, Herr Lornsen,« rief der Prinz, »aber ich glaube, daß Sie die Huld der Schönheit ebensowohl zu würdigen wissen, wie sie ritterlich verdient ward.«

»Wenigstens werde ich danach streben, mein Glück festzuhalten,« gab Jens zur Antwort, indem er Lina lächelnd anblickte.

Der Prinz folgte dem Blick und sein Gesicht nahm einen eigentümlichen, spöttelnden und doch gutmütigen Ausdruck an. – »Das Glück festhalten!« sagte er lachend, »ja, das ist die Aufgabe des Menschenlebens. Versuchen Sie es, Herr Lornsen, es ist des Versuches wert, und da das Glück mit dem Mutigen ist, an Mut und Kühnheit es Ihnen aber nicht fehlt, so läßt sich erwarten, daß Sie nicht vergebens wagen.«

Der Staatsrat kam vom Tische der Prinzessin zurück, Lina hatte sich dorthin begeben. »Nun, Baron Hammersteen,« rief ihm der Prinz entgegen, »Sie machen sich zum seltenen Gaste und folgen nur direkten Einladungen. Aber man hat mir gesagt, daß andere wichtige Dinge Sie beschäftigten.«

»Ich wüßte in der That keine solche Entschuldigung für Ew. Königl. Hoheit schmeichelhafte Erinnerung anzuführen,« erwiderte Hammersteen.

»Ich dächte,« fuhr Prinz Christian fort, indem er sich zu dem Staatsrat beugte, »es hätte mir jemand ins Ohr geflüstert, daß der Geheime Konferenz- und Staatsrat Baron Hammersteen in tiefsinnigen Untersuchungen über die Vorzüge des Kammerherrn Branden und des Kammerjunkers Holk seit einiger Zeit begriffen sei.«

»O!« sagte der Baron, sich verbeugend und die Augen scharf zusammenziehend, »man hätte Ew. Königl. Hoheit berichten können, daß diese Untersuchung längst vollkommen beendet wurde.«

»Und welches Resultat wurde daraus gewonnen?«

»Königl. Hoheit,« flüsterte Hammersteen mit seinem feinen Lächeln, »die meisten Untersuchungen bleiben resultatlos.«

Der Prinz warf einen schnellen Blick auf Lornsen, der sich einige Schritt entfernt hatte, und sagte mit lauter Stimme: »So ist es mit Hoffnungen und Entwürfen. Armer Branden! aber ich fange an zu glauben, daß es etwas giebt, was man Bestimmung heißt. Ein Ungefähr, eine Minute, ein Zufall, wie man es nennt, entscheidet, und wenn man erst dahin gelangt ist, nichts mehr zufällig zu finden, erkennt man ein Walten von Mächten an, die das Kleine groß, das Große klein machen, die seltsamsten Geschichten zustande bringen und die weisesten Menschen oft sehr blind und dumm machen. Haben Sie den König heute gesehen, Baron?«

Diese plötzliche Wendung des Gesprächs brachte Hammersteen aus seinem lächelnden Kopfnicken. – »Ich habe Se. Majestät heute früh sehr gnädig gefunden und bin dabei auch nach dem Schicksal der Denkschrift befragt worden, deren Verfasser die Ehre hat, zu Ew. Königl. Hoheit befohlen zu sein.«

»Das ist ein gefährlicher Mann, dieser Lornsen,« sagte der Prinz Christian lächelnd. »Geistreich, gewandt und daher zugleich schlank und fein. Unsere Damen können sich in acht nehmen.«

»Es sind Kräfte in ihm, die, an der rechten Stelle verwendet, ebensoviel Gutes bewirken können wie sie Schaden anzustiften vermögen.«

Der Prinz lachte hell auf. »Ich fürchte, Baron,« sagte er, »daß Sie recht haben und jeder sich hüten muß.«

»Ich wiederhole nur,« erwiderte der Staatsrat, »was Se. Majestät nach dem Lesen der Denkschrift bemerkten. Ein Mann von solchen Kenntnissen, solcher Kühnheit und solcher Sinnesart könnte wohl einmal der Führer und Leiter einer unzufriedenen Partei werden, wenn man nicht das richtige Mittel anwendet, ihn auf immer davon abzutrennen,«

»Und dies Mittel besitzen Sie,« rief der Prinz, ihn lustig betrachtend. »Ja so, das ist die Sache. O! er wird niemals gefährlich werden, ich verbünde mich mit Ihnen dazu, Baron. – Aber was geschieht denn da?« fuhr er fort, sich gegen den Kreis der Prinzessin wendend. »Unser gezähmter Löwe streitet mit Ihrer Tochter und worüber?«

»Über die Vorzüge deutscher und dänischer Kunst und Litteratur, wenn ich nicht irre,« sagte der Staatsrat, »oder über ein ähnliches Thema. Es ist einer der gewöhnlichen Kämpfe in meinem Hause,« fügte er hinzu, »denn Lornsen ist ein ebenso entschiedener Vertreter aller deutschen Herrlichkeit im Reiche der Musen, wie Lina Dänemark als deren eigentliches Vaterland erklärt.«

Das Gespräch über Dichter und Künstler wurde wirklich mit größerer Lebendigkeit in der Nähe der Prinzessin geführt, als es sonst wohl Sitte in solchem Kreise ist. Lornsen war mit seinen Urteilen so ziemlich allein; aber die Prinzessin, selbst wohlbekannt mit den großen Dichtern und der neuen Litteratur, trat mit einigen Bemerkungen ihm von Zeit zu Zeit ermunternd bei. Ein großer Tisch an der Seite des Zimmers war mit einer bunten Zahl der verschiedensten Bücher in prächtigen Bänden bedeckt, um in müßigen Stunden zur Unterhaltung zu dienen. Lina deutete darauf und sagte: »Wenn man die Deutschen ein Volk von Schreibern nennt, so wird niemand etwas dagegen einzuwenden haben. Ich bin überzeugt, daß mindestens die Hälfte der Bücher dort deutsche Bücher sind. Diese Deutschen reimen, machen Verse, singen alles an, was in ihre Nähe kommt und schwärmen gleichmäßig verzückt über jede Sonne und jedes Gewürm. Aber ist ihr Bombast Dichtung? Und in welcher Sprache geschieht es?! Diese harten zischenden Töne sind nicht gemacht für feine Ohren. Ich behaupte, daß ein süßes, zarten Empfindungen geweihtes Lied weder von einem Deutschen gedichtet, noch weniger aber in deutscher Sprache wohllautend gesprochen werden kann.«

»Wir können sogleich den Versuch machen,« sagte die Prinzessin. »Ich habe heute neue Bücher erhalten, darunter sind Lieder von einem gewissen Heinrich Heine. Herr Lornsen wird die Güte haben, uns eines davon vorzutragen, wir werden ein unparteiisches Troubadourgericht bilden und Fräulein Hammersteen verurteilen, wenn unser Spruch gegen sie ausfällt.«

Die Prinzessin holte selbst das Buch und reichte es Lornsen. – »Ich finde viele dieser Lieder sehr schön,« sagte sie. »Es weht ein entzückender Wald- und Lenzduft darin; verteidigen Sie unsere hartgescholtene Sprache, Herr Lornsen.«

Lornsen nahm das Buch und schlug es auf. – »Ich will thun, was ich vermag,« sagte er, und er wußte, daß er so sicher sprechen konnte, denn er las vortrefflich. – Plötzlich aber erhob sich die ganze Gesellschaft. Die Thüren wurden weit aufgethan, ein alter Herr in hohen Stiefeln und Militärrock trat herein. Hinter ihm folgte der Kammerjunker von Holk.

»Der König!« flüsterten die Hofdamen erstaunt. – Lornsen ließ das Buch sinken, eben hatte er beginnen wollen.

Die dürre, gerade, soldatische Gestalt des Königs wie der lange Kopf mit dem ernsten, harten Gesicht hatten etwas Abstoßendes und dazu paßte seine Art zu sprechen. Rauh hervorgestoßene kurze Fragen und Bemerkungen, deren polternder Ton dem Ängstlichen Furcht einflößte, bildeten so gut wie er selbst einen grellen Gegensatz zu dem schönen, lächelnden und geschmeidigen Kronprinzen; dennoch aber hatte der alte König in seinen scharfen Augen und raschen Bewegungen etwas, das Vertrauen erwecken konnte.

Er hörte jeden, er arbeitete viel und bekümmerte sich gern um alles. Sein Gedächtnis war stark und man wußte viele kleine Züge zu erzählen, wo unter der polternden Hülle ein warm fühlendes Herz hervorgetreten war. Gewöhnliches Unrecht litt er nicht; wo es vorkam, konnten die Klagenden sicher sein, ein williges Ohr zu finden. Darüber vergaß der größte Teil, daß im Lande alles beim Alten blieb, die Finanzen schwer zerrüttet waren und daß der alte Monarch sich hartnäckig weigerte, den sich regenden Forderungen der Zeit irgend ein Zugeständnis zu machen.

Sein Leben war eines gewesen, das die Liebe der Menschen durch Mitgefühl leicht aufwecken kann. – Der Sohn jener unglücklichen Mathilde, die im Kerker verschmachtete, war er den Plänen seiner Großmutter Juliane und ihres Sohnes, des Erbprinzen, glücklich entgangen. Mit Glück und Energie hatte er, achtzehn Jahre alt, sich von den Fesseln seiner Feinde befreit und die Regierung übernommen, die sein wahnsinniger Vater nicht zu führen vermochte. Er hatte manches Gute gethan, oder doch von Bernstorff, seinem berühmten Minister, thun lassen, die Preßfreiheit geschützt, welche Struensee geschaffen hatte; aber seine französische Politik, das unerschütterliche Vertrauen zu Napoleons Stern, hatten Verderben über Dänemark gebracht. Das Land verarmte, sein Handel wurde vernichtet, alle Quellen seines Wohlstandes versiegten, der Staatsbankerott brach aus, Norwegen ging verloren und nur, daß König Friedrich, als ein Bittender, bußfertig auf dem Fürstenkongreß in Wien erschien, schützte ihn vor größeren Verlusten.

Mit einem deutschen Herzogtum, mit Lauenburg in der Tasche, kam er zurück. Holstein war gerettet, Schleswig nicht in den deutschen Bund aufgenommen und von dem großen Raube der damaligen Zeit, welcher Deutschland allen gierig offenen Händen zuschnitt, war ihm wenigstens ein Bissen zugekommen, als Schadloshaltung für das verlorene Norwegen. Der deutsche Michel hatte die Kosten mit seinem Fell, wie immer, bezahlt, aber wenige dachten damals wie der edle Freiherr Stein, der mit der bittersten Heftigkeit sich über diese deutsche Schande aussprach.

So wurde König Friedrich alt, er war jetzt sechzig Jahre alt geworden, aber der Friede hatte doch einige Milderung der bösen Zeit mitgebracht. Handel und Verkehr hatten sich gehoben, man fühlte die harten Maßregeln, die Zwangsanleihen nicht allzusehr, durch welche die Finanzen wieder gebessert wurden, und wenigstens in Kopenhagen war man lustig und guter Dinge.

Der alte König mit dem grämlichen Gesicht und der polternden Stimme war mit Generationen in guten und bösen Tagen eng verbunden und neben ihm stand Hoffnung bietend ein prächtiger Thronfolger, der dem eitlen Sinn der Kopenhagener vortrefflich zusagte. – Den alten König aber konnte niemand ansehen, ohne allerlei zu denken, was zum Herzen sprach, und so ging es jetzt auch Lornsen, als er wenig Schritte vor ihm stand.

Es fiel ihm ein, was man sich erzählte, daß dieser grauhaarige Mann unendlichen häuslichen Gram erduldet hatte, und welche Stürme und Sorgen sein ganzes Leben über an ihm nagten. Er hatte sein eigenes Haus nicht vor dem Tritt des Mörders schützen können; alle seine Söhne waren auf seltsame Weise gestorben. Es gab schauerliche Gerüchte, wie dies geschehen sei und wer die Hand dabei im Spiele gehabt; Verbrechen der grauenvollsten Art, die niemand zu enthüllen wagte.

Plötzlich wandte sich der König zu ihm um, betrachtete Lornsen mit seinen anstarrenden Blicken und that dann einen Schritt auf ihn zu.

»Wer sind Sie?« fragte er,

»Mein Name ist Lornsen,« erwiderte Jens.

»Herr Lornsen,« sagte der Prinz, der herbeitrat, »welcher seit einiger Zeit in der deutschen Kanzlei arbeitet, und den ich Ew. Majestät Gnade besonders empfehle.«

»Ich habe von Ihnen gehört,« sprach der König, »und etwas gelesen, das mir wohlgefallen hat. Sie sind ein Friese aus Sylt?«

»Ja, Majestät.«

»Ihr Vater ist ein wackerer Mann, ich denke, der Sohn giebt ihm nichts nach. Was haben Sie da?«

»Ein Buch deutscher Gedichte, Sire.«

»Machen Sie Verse?« fragte der König in seiner rauhen, scharfen Art. »Sie haben Phantasie, wie ich glaube. Kühlen Sie die ab. Phantasie taugt nichts im Staatsdienst, sie verwirrt die Köpfe junger Leute.«

»Herr Lornsen ist unschuldig, Majestät,« begann die Prinzessin, als der König schwieg. »Es galt hier einen Wettstreit zwischen deutschen und dänischen Dichtern. Ich ersuchte Herrn Lornsen, ein deutsches Gedicht zu lesen, da Fräulein Hammersteen es übernommen hat, für Dänemark in den Streit zu gehen.«

Der König sah zu Lina hin, welche neben ihrem Vater stand und sich tief verneigte. »Es scheint also, daß Sie keine große Anhänglichkeit für Deutschland besitzen, Baronesse Hammersteen?«

»Wenigstens niemals so viel, Majestät, um je zu verleugnen, daß ich dänisch denke und empfinde.«

»Eine goldene Lehre!« rief der König, indem er die Prinzessin anblickte. »Deutsche Sympathien haben keinen Raum in Dänemark, man muß dänisch denken und empfinden. Ich zweifle nicht daran, Sie werden unter allen Umständen Dänin sein.«

»Gewiß, Majestät, ich glaube, es behaupten zu können.«

Der König nickte dem schönen Fräulein zu. »Aber der Wahrheit die Ehre,« sagte er. »Lesen Sie, ich werde zuhören. Was haben Sie da?« Er deutete auf ein weißes Blättchen, das Lina aus ihrem Notizbuche genommen hatte.

»Es ist ein Gedicht, Majestät.«

»Von wem?« fragte der König. »Von Oelenschläger?«

»Ich glaube,« erwiderte sie mit einem übermütigen Blick auf Lornsen, »daß wir unsere Heroen hier nicht nötig haben. Es ist dies ein kleines Gedicht von einem unbekannten Verfasser. Ich fand es jüngst unter Papieren und bewahrte es auf. Mit Ew. Majestät Erlaubnis werde ich diesen Erguß poetischer und zarter Gedanken dem richterlichen Ausspruch unterwerfen, obwohl es mir schwer werden wird, die Verse mit dem Feuer der Begeisterung zu sprechen, die den Verfasser beseelt haben muß, als er sie schrieb.«

»Lesen Sie,« sagte der König lächelnd.

Schalkhaft suchten ihre Augen nach Waldemar, der hinter dem Stuhle der Prinzessin stand und sich bemühte, seinen Unwillen zu verbergen. Lornsen zweifelte nicht, daß Lina das Gedicht ihres verliebten Vetters in der Hand halte, und bei den ersten Zeilen wußte er es gewiss. Er fand es unrecht und hart, so zu spotten, wie sie es that; aber die Überschwänglichkeit der gewählten Bilder und Worte und die Überschwänglichkeit des Pathos, mit welchem sie es vortrug, reizten ihn zu einem Lächeln, das dem Kammerjunker nicht entging. Dieser schien zu ahnen, daß Lornsen das Gedicht kannte, daß er es gelesen hatte, daß ein Einverständnis hier stattfand, um ihn aufs grausamste zu quälen. Eine Hölle von Haß leuchtete aus dem langen Blick, den er auf den übermütigen Emporkömmling warf; seine Lippen zitterten, seine Augen irrten über den Kreis der Zuhörer, und als er des Königs ernsthaftes Gesicht lachen sah und alle die anderen Gesichter voller Belustigung über den komischen Vortrag, bis endlich ein allgemeines Gelächter den Schluß begleitete, hätte er Lina erwürgen mögen, während er pflichtmäßig mitlachte und Beifall klatschte.

»Gut vorgetragen,« rief der König, »Sie wissen der Narrheit Humor zu geben, Baronesse Hammersteen. Wenn der plattköpfige Bursche zugegen wäre, der diesen Unsinn aufs Papier brachte, er würde wenigstens eingestehen müssen, daß Sie alles thaten, um ihn erträglich zu machen. Aber mit dieser Faselei retten Sie den Sieg nicht. Wählen Sie etwas, das würdiger ist, ihn auszufechten.«

»Ich ziehe es vor, Majestät,« erwiderte Lina, »erst zu hören, was von der anderen Seite gegeben wird, und glaube kaum, daß es Besseres sein wird.«

Der König blickte Lornsen an, der in dem Buche blätterte und jetzt mit seiner vollen, klingenden Stimme zu lesen begann. Es waren die Harzlieder von Heine. Er las sie mit inniger Freude an dem Zauber dieser reizenden Idylle, deren geheimnisvolle Süße tief in sein eigenes Herz griff. Kein Laut unterbrach ihn, man hörte aufmerksam und ernsthaft zu. Der alte König neigte sein Ohr, ein wohlgefälliges, mildes Lächeln bezeugte seine Zufriedenheit.

»Lesen Sie weiter,« sagte er, als das erste Lied beendigt war, und Lornsen las die drei Gedichte, während der König ihn betrachtete und genau ansah, als er den letzten Vers mit erhöhter Stimme und einem Feuer vortrug, das Aufmerksamkeit erregen konnte.

»Aber ich, ich hab' erworben
Dich und alles, Schloß und Leut',
Pauken und Trompeten huld'gen
Meiner jungen Herrlichkeit.«

»Schön!« rief der König; »phantasievoll und reizend geträumt. Das ist ein Lied für ehrgeizige und glühende Herzen. Was sagen Sie dazu, Baronesse Hammersteen, sind Sie besiegt von dieser heißen Bilderpracht?«

»Nicht so leicht, Majestät,« erwiderte Lina. »Ich gebe nicht viel auf solche schwärmerische Träumereien.«

»Was kann ein Dichter weiter thun,« fiel der König ein. »Er bewegt die Herzen, er rührt und ergreift. Herr Lornsen da sah aus, als habe er wirklich die Prinzessin erworben und Schloß und Leute dazu. Aber lesen Sie noch ein Lied, wir können noch eins hören.«

Lornsen nahm das Buch wieder auf. Er las die Ilse und wieder kam ein tiefes Gefühl ihn an, das er nicht verbergen konnte.

»Das sind gefährliche Lieder, ein gefährlicher Mensch, dieser Dichter,« rief der König,

»Aber ein leichtfertiger Mensch,« sagte Lina, »Wenn seine Prinzessin Ilse nötig hatte, ihrem geliebten Kaiser die Ohren zuzuhalten, damit er nicht davonlaufe, wenn die Trompete klang, hat er jedenfalls die schlechtesten Vorstellungen von der Macht der Liebe.«

»Ah,« rief der König in seiner derb ironischen Weise, »Sie meinen mächtiger zu sein als die Prinzessin?«

»Ich sage nur, Majestät, daß mein Dichter niemals beim Klang der Trompete davon laufen würde.«

»Und Sie würden es sehr übel nehmen, wenn überhaupt ein Mann sich erkühnte, etwas zu wollen, was Sie nicht wollen?«

»Ich wage kein Urteil, Majestät, über Dinge, die ich nicht kenne, aber meine Meinung ist, daß es kein Opfer giebt, das ein Mann nicht der Geliebten bringen müßte.«

»Sehr stolz!« sagte der König aufstehend, »aber sehr richtig gedacht, wie Frauen denken. Was meinen Sie, Herr Lornsen, zu diesem Angriffe auf den Inhalt Ihres Buches da?«

»Ich meine,« erwiderte Lornsen lächelnd, »daß er zum Teil gerechtfertigt ist, soweit er nämlich den Kaiser Heinrich betrifft. Frauen mögen für ihre Liebe alles opfern, die Liebe ist ihr höchstes Lebensziel, bei dem Manne aber tritt die Ehre über die Liebe, und wenn ein Kaiser wirklich sich die Ohren zuhalten ließ, wenn die Ehre ihn rief, hat er nicht gehandelt, wie ein Mann handeln muß.«

»Recht gesprochen,« rief der König, indem er Lornsen freundlich zunickte. »Die Ehre ist es, die dem Manne immer Richtschnur sein soll. Das muß niemand vergessen, wer er auch sein mag. Ich achte den Mann auch nicht, der um Weiberliebe alles opfern und darüber alles vergessen kann.« Der Blick, den der alte Monarch dabei auf die Anwesenden richtete, war hinreichend, ein Schweigen hervorzubringen, das lange andauerte. Der König sprach fortgesetzt mit Lornsen, dessen Antworten ihm zu gefallen schienen, weil sie unbefangen und freimütig gegeben wurden. Er befragte ihn über seine Lebensverhältnisse und knüpfte andere Fragen über Handel, Gewerbe, Landeszustände der Inseln und Herzogtümer daran, die Lornsen wie in einem Examen mit statistischer Sachkenntnis und Zahlen beantwortete.

»Ich sehe,« sagte der König endlich lächelnd, »Sie sind wenigstens ebensogut in der Geschichte und den Staats- und Landesverhältnissen bewandert, wie Sie ein vortrefflicher Vorleser sind. Es läßt sich aber immer noch wahr machen, was die Poeten erdichten und erdenken, wenn man den Kopf auf der rechten Stelle hat.« Er nickte langsam Lornsen zu, und indem er sich zu dem Prinzen und der Prinzessin wandte, machte er mit der Rechten eine Abschiedsbewegung und entfernte sich.

Als er fort war, schien eine Last von den Herzen und ein Schloß von den Lippen zu fallen. Die Fröhlichkeit kehrte zurück, der Prinz war wieder liebenswürdig und gesprächig, Scherz und Heiterkeit verkürzten den Abend und spät erst entließ das fürstliche Paar den Kreis der Gäste. Lornsen wurde mit besonders gütigen Worten bedacht, Prinz Christian drückte ihm die Hand und sagte ihm nochmals, daß er ihn bald wiederzusehen hoffe.

Als der Staatsrat mit seinem Schützling im Vorsaale war, beugte er sich zu ihm und sagte ihm ins Ohr: »Böcke geschossen, entsetzliche Böcke! Kommen Sie morgen zu mir, wir wollen im Buche der Erkenntnis lesen.«

»Und ich,« flüsterte Lina, »habe ein besonderes Kapitel darin abzuhandeln. Ist es kein zu großes Opfer, Herr Lornsen, wenn ich Sie dazu auch auf morgen erwarte?«

Der schalkhafte Blick, welcher ihre Worte begleitete, versüßte den Spott. – Der Wagen rollte rasch fort, Jens sah ihm gedankenvoll nach.

Langsam ging er die öde Amalienstraße hinab, die Karossen der Hofleute donnerten an ihm vorüber. Die mit ihm in den Sälen des Prinzen beisammen gewesen und lächelnd unterthänig jedes Wort bewundert hatten, das er unbeachtet ließ, wiegten sich jetzt auf seidenen Kissen und bespöttelten den ungeschlachten Burschen, dessen grobe Sohlen zu seinen groben Sitten paßten.

Der Mond schien auf die hohen, düsteren, verschnörkelten Häuser und auf den Kopf der ungeschickten Reiterstatue Friedrichs des Fünften, der in seiner römischen Toga von dem dickbauchigen Pferde herab ihn finster anblickte.

In dem Augenblick, wo Lornsen stillstehend die Statue und die Lichteffeke betrachtete, legte jemand, der dicht an ihm vorüberging, die Hand auf seine Schulter und eine tiefe Stimme bot ihm einen guten Abend.

Er erkannte den Doktor Björning, der ihn lachend fragte, ob er im Mondschein Kunststudien vor diesem erhabenen Denkmal eines verkommenen Geschmacks machen wolle.

»Ich dachte darüber nach,« erwiderte Lornsen, »ob es nicht gerechter sei, daß diesem stillen friedlichen König, welcher Bauten und Gartenkünste trieb, ein Denkmal gesetzt worden ist, als Kriegshelden und sogenannten großen Fürsten, die mit dem Blute und dem Elende der Völker sich einen Namen in der Geschichte der Menschen erwarben.«

»Sie retten sich von den lebendigen Königen zu den toten,« lachte der Doktor, »und haben ganz eigentümliche Gedanken in dem Augenblick, wo Ihre Hände noch warm sind von dem gnädigen Druck eines gnädigen hohen Herrn.«

»Wer hat Sie davon benachrichtigt?« fragte Jens.

»Lieber Lornsen,« versetzte Björning lächelnd, »ich weiß genau, welche Künste man anwendet, um aus dem schleswigschen Freiheitsmann einen dänischen Geheimrat zu machen.«

»Sie wissen nichts, wenn Sie glauben, daß diese Künste glücken können,« sagte Lornsen stolz.

»Das heißt, Sie sind nicht aus dem Holze gemacht, aus welchem die getreuen, gefügigen Werkzeuge einer despotischen Regierung geschnitzt werden,« fiel der Doktor ein. »Sie gehören, wie Sie meinen, nicht zu denen, deren Ehrgeiz durch ein Amt, einen Titel, ein Band und ein gutes Stück Geld zu befriedigen ist. Ich glaube es auch; aber man hat einen anderen Kitt für Sie, eine andere Kette, die Sie sich selbst geschmiedet haben; doch davon nachher. Sie selbst, mein lieber Lornsen, haben sich in den süßen Traum gewiegt, daß Ihre thatkräftige Natur Wunder vollbringen, daß Sie mit dem Mosesstabe den Labequell für ein ganzes Voll aus dem harten Fels schlagen können. Sie werden sehen, daß Sie das nicht vermögen.«

»Ich weiß nicht, Herr Björning,« sagte Jens, »was Sie bewegt, mir als Prophet in später Nacht zu erscheinen.«

»Der Zufall thut es,« fiel der Doktor ein, »und mein aufrichtiger Wunsch, Sie vor Täuschungen zu bewahren. Sie haben auf Befehl des Königs eine Denkschrift verfertigt, die mit Freimut über die Lage und Rechte der Herzogtümer sich verbreitet. Sie sehen, ich weiß, was Ihnen heute die Ehre verschafft hat, beim Kronprinzen schmeichelhafte Worte zu hören. Auch der König hat sich günstig über Sie ausgesprochen, und wenn Sie wollen, ist Ihr Glück gemacht. Ja, noch mehr, Sie können in kurzer Zeit ein Ziel erreichen, das beneidenswert genannt werden muß, allein, wenn Sie glauben, Ihre Selbständigkeit bewahren zu können, wenn Sie mehr sein wollen als ein Werkzeug, das benutzt wird, um den Menschen zu dienen, die es gebrauchen, um zu haben, was ihnen selbst fehlt, so unterliegen Sie einem Wahne, dem viele schon unterlegen sind.«

»Was Sie Wahn nennen,« erwiderte Lornsen, »ist für mich nicht vorhanden. Ich habe weder etwas zu bereuen, noch werde ich mich je zum käuflichen Werkzeug erniedrigen lassen.«

»Die Sache ist einfach,« sagte Björning, der Lornsens Arm genommen hatte und mit ihm weiterging. »Man gebraucht Ihre Kenntnisse und Ihr Talent und öffnet Ihnen dafür den Weg zu Ruhm und Ehren. Sie sind in kurzer Zeit der erste Angestellte im Bureau geworden, nächstens werden Sie Bureauchef sein und dann ist vom Kanzleirat noch ein Schritt zum Konferenzrat, zum Ritter des Danebrog und zum geadelten Mitglied des Geheimrats. Dann, Herr Lornsen, öffnen sich vor Ihnen ebensowohl die Arme des Ruhms und aller Ehren, die Fürsten geben können, wie die Arme der Liebe. Fragen Sie sich, ob Sie das eine haben können ohne das andere. Sie meinen, mit Ihrem Sinne für Wahrheit, mit Ihrer Begeisterung für die Rechte Ihres Volksstammes und mit der Freiheitsliebe, die Ihr Herz erfüllt, in die Zukunft eingreifen zu können; ich sage Ihnen, daß Sie nichts können, als sich unterwerfen und den Gönnern dienen, auf deren Armen Sie emporgehoben wurden.«

»Ich glaube nicht,« sprach Jens dagegen, »daß diejenigen, welche Sie meine Gönner nennen, etwas von mir begehren werden, was meiner Ehre zu nahe tritt. Ich glaube sogar, daß viele sich täuschen, die auf der Höhe des Lebens nur Arglist und verstockte Verblendung wittern. Man muß darin nicht zu weit gehen, Herr Björning. Das Rechte und Vernünftige macht sich Bahn, selbst durch die Mauern der Königspaläste; wenn aber wahr wäre, was Sie da sagen, so weiß ich von mir selbst, daß ich nichts zu fürchten habe.«

»Nun, ich sehe,« rief Björning sarkastisch lachend, »Sie haben Fortschritte gemacht, die ich nicht vermutete. Der liebenswürdige Kronprinz hat Ihnen die Hand gedrückt und mit einem kleinen Seufzer gesagt, daß er der Mann der Zeit sei, und daß kein Mensch daran zweifeln könne, wie sein Herz für Volk und Freiheit schlage, wenn man nur nach Norwegen zurückblicke. Wissen Sie, Herr Lornsen, was die Völker zumeist zu fürchten haben? Schwache und wankelmütige Fürsten. Besser, ein kräftiger Tyrann als ein Spielwerk des Augenblicks, der alles will und darum nichts schafft und vollbringt.«

»Um so nötiger sind ihm treue und wahrhafte Ratgeber,« sagte Lornsen unmutig, »und um so besser vielleicht, daß der König selbst sich ein so kräftiges Alter bewahrt hat.«

»Hoffen Sie auf den auch?« fragte Björning spottend. »Er hat den altdänischen Despotismus des Königsgesetzes und die unantastbare Weisheit von Jugend auf eingesogen, die hier beinahe zwei Jahrhunderte lang, ohne Widerstand zu finden, gewaltet haben. Vor 1660 tyrannisierte der Reichsrat dies Volk, von da an bis jetzt wurde es erlöst durch den väterlichen Herrscherwillen der Könige, die dem Käfige des Adels entflohen waren. Ein solcher König, der gar nicht begreift, wie er seine Macht mit ungeratenen Kindern teilen könnte, deren Insolenz sich untersteht, nach seinen Rechten zu greifen, ist dieser alte Friedrich auch. Er ist ein düsterer, verknöcherter Geist; eine Art Korporal, der nach dem Exerzierreglement lebt und was nicht darin steht, als nicht existierend betrachtet; aber dennoch haben Sie recht, für Ihre Sache mehr von ihm zu hoffen als von dem ewig lächelnden, höflichen Prinzen. Dieser alte polternde König hat Dänemark ruiniert, allein in guter Absicht und mit dem redlichsten Willen, das beste zu thun. Immer waren die Ereignisse mächtiger als er, und wie sein Unglück rührend ist, so ist die beschränkte Ehrlichkeit seines Charakters eine gewisse Bürgschaft gegen offenes Unrecht. Er wird nimmermehr zugeben, daß die deutschen Herzogtümer dänisch werden. Das jetzige Geschrei von der Inkorporation Schleswigs prallt an seiner Überzeugung ab, aber ebensowenig wird er jemals darein willigen, daß seine Länder, diesseits oder jenseits des Belts, die Verfassung freier Völker bekommen, die sie zu fordern haben.«

»Mit dem Kronprinzen verhält es sich anders,« fuhr er nach einem augenblicklichen Schweigen fort, indem er Lornsen prüfend anblickte. »Er müßte von den Umständen sehr begünstigt sein, oder die Stunde wird ihn finden, wo er die dänische Verfassung so freundlich lächelnd unterzeichnet, als wenn die guten Bürger von Kopenhagen ihm ein Diplom zur Ernennung eines Bürgermeisters vorlegen.«

»Mit dieser Gewißheit kann man zufrieden sein,« fiel Jens ein.

»O!« rief Björning lachend, »man wird ihm Norwegen nie vergessen; aber sehen Sie sich um, Herr Lornsen, und fragen Sie sich, was kommen muß. Ehe es zu einer norwegischen Freiheit hier kommt, zu jener demokratischen Freiheit, die von keinen Standesrechten weiß, und keine Lügen duldet, wird mancher heiße Tag kommen. Dänemark mit seinem mächtigen, geplagten Bauernstand und seiner feurig drängenden Jugend wird allen Widerstand endlich überwinden, was aber die Herzogtümer betrifft, so werden sie zwar frei werden wie wir, aber sie werden Dänen werden müssen.«

»Wir wollen es abwarten,« sagte Lornsen kalt.

»Der alte König Friedrich hat schlaue Diener genug,« fuhr Björning fort, »die ihm täglich sagen, der Streit über Nationalität und Trennung sei gut, die Uneinigkeit ganz vortrefflich. Mit dem einen Teile halte man den anderen in Schach und habe damit den schönsten Ableiter für alle verwegenen Forderungen. Leider ist es so, Herr Lornsen; leider hassen sich die, die sich lieben sollten, und dieser unnatürliche Haß wird sich steigern, endlich vielleicht bis zu Blut und Mord, bis zum rasenden Fanatismus des Rassenkrieges, zur Freude des Absolutismus, dem kein Schauspiel lieber sein kann.«

»Darum,« sprach Lornsen erregt, »ist es nötig, beizeiten gerecht zu sein.«

»Was nennen Sie Gerechtigkeit,« rief Björning, »Dänemark wird niemals Schleswig von sich lassen; Dänemark will nicht! – Vereinigt euch mit uns, reicht uns die Hände, wir wollen einen anderen festeren Bund schließen als jene elende Inkorporation, die nichts ist als der Deckmantel für die Sünden und Verbrechen vergangener Jahrhunderte.«

»Dänen werden?« sagte Lornsen mit erhöhter Stimme, »niemals!«

»Niemals?!« wiederholte Björning, »das sagt kein Mann des Volks, kein Mann der Freiheit. Trennt sich das Glück der Menschen nach der Sprache, schneidet es sich ab mit dem Dorfe, wo ein anderer Stamm wohnt? Nein, Glück und Wohlsein hängen ab von Gesetzen und Einrichtungen, von verbürgter Freiheit und gleichmäßigen Rechten aller, die demselben Staate angehören. Ein gemeinsames Vaterland weiß nichts von Sprachgrenzen, es kennt nur gleiche und freie Bürger, und warum wollt ihr dies nicht mit uns sein? Warum wollt ihr mit eurem Hasse uns und euch selbst verderben?«

»Weil ihr uns dahin gebracht habt durch Druck und Unrecht,« erwiderte Lornsen, »weil es unser Recht ist, Deutsche zu sein und zu bleiben, weil tausend feste Fäden des Lebens uns mit unserem wahren Vaterlande verbinden.«

»Sehen Sie nach Frankreich hin,« sagte der Däne. »Es besitzt seine deutschen Provinzen seit länger als einem Jahrhundert. Alle die alten festen Fäden sind zerrissen, und gerade diese Deutschen sind die besten Franzosen geworden.«

»Mag es sein, wie Sie sagen,« versetzte Jens; »dann aber liegt es daran, daß diese Provinzen gewaltthätig erobert wurden zu einer Zeit, wo des Volkes Wille nichts war. Jetzt aber fühlen sie sich wohler, weil es ihnen besser geht bei den Fremden wie im eigenen Hause.«

»Und dies gütige Schicksal sollt auch ihr empfangen,« fiel Björning ein, »auch ihr sollt euch wohler fühlen bei uns und mit uns, wie in dem zerrissenen Deutschland, daß man nicht weiß, wo man es suchen soll.«

»Unter der Last seines Unglücks,« sagte Lornsen stolz, »bleibt es dennoch das große, mächtige Volk. Was kann uns Dänemark geben, was wir nicht selbst erwerben könnten?! Ihr wollt uns frei machen, wir werden frei sein. Ihr gehört nicht zu uns, wir wollen nichts von euch. Nichts als unser Recht verlangen wir, nichts als Unrecht haben wir erduldet. Wahre jeder dies und gebe heraus, was ihm nicht gebührt, dann wollen wir gern zusammengehen und kein Haß wird uns länger trennen.«

Sie waren auf den großen Neumarkt gekommen und standen dort still.

»Hören Sie ein letztes Wort von einem Freunde, der Sie achtet,« sagte Björning. »Sie jagen Phantomen nach, unter den Fingern werden diese Ihnen entschwinden. – Glauben Sie, daß Lina –«

»Herr Björning!« sagte Lornsen zurücktretend.

»Es ist gut, daß ich Ihnen den Namen des Fräulein von Hammersteen nenne,« fuhr jener fort, »sie ist bestimmend in Ihr Leben getreten. Eines aber will ich Ihnen bemerken: es giebt keine stolzere Dänin als diese junge, schöne Dame; kein kühneres Herz voll Vaterlandsliebe und keine andere Sicherheit es zu gewinnen, als auf dem Wege, den ich Ihnen gezeigt habe.«

»Fräulein von Hammersteen steht fernab von Ihrem Wege, wie ich denke,« erwiderte Jens.

»Nicht so weit, wie es scheint,« gab Björning zur Antwort. »Sie teilt nicht die Gesinnungen ihres Vaters. Ihr freier Geist nimmt einen anderen Flug. Ich glaube, Herr Lornsen, daß der Konferenzrat bewogen werden kann, einen ausgezeichneten Kopf, der sich von ihm leiten läßt und ihm getreulich dient, mit der Hand seiner Tochter zu belohnen, vorausgesetzt, daß sich alles so macht, wie er wünscht; ich glaube aber nicht, daß Lina sich zwingen läßt, einen Mann zu nehmen, selbst wenn sie ihn liebte, der nicht wie sie und nicht alles für sie opfern mag.«

»Opfer! Wer hat Ihnen das gesagt?« rief Lornsen erschreckend, als er diese Worte hörte.

»Wollen Sie mich begleiten,« sagte Björning. »Ich führe Sie in einen Kreis gleichgesinnter Freunde. Sie sollen manche Aufschlüsse bekommen.«

»Ich kann nicht mit Ihnen gehen, ich kann nicht wollen, was Sie wollen,« erwiderte Lornsen nach einem kurzen Bedenken.

»Dann leben Sie wohl, Herr Staatsrat Lornsen,« rief Björning, indem er sich entfernte. »Vielleicht kommt die Stunde bald, wo Sie anders denken werden.«

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