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Der Vogt von Sylt

Theodor Mügge: Der Vogt von Sylt - Kapitel 10
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authorTheodor Mügge
titleDer Vogt von Sylt
publisherVerlag von Otto Hendel
correctorreuters@abc.de
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Neuntes Kapitel.

Eine ganze Woche lang hatte Lornsen sich nicht im Hause des Staatsrats sehen lassen, er war aufs eifrigste mit der Denkschrift beschäftigt; als sie jedoch vollendet war, empfing Hammersteen eine saubere Abschrift mit der Bitte, sie zu lesen und ein Urteil darüber zu fällen.

Am nächsten Tage erfolgte die Antwort. Der Staatsrat ersuchte Lornsen, zu ihm zu kommen und mittags der Gast der Familie zu sein, da er hoffe, ihm allerlei gute Dinge vorsetzen zu können.

Eine Wolke schwermütiger ernster Gedanken lagerte auf Lornsens Gesicht. Er hatte keine Nachricht von Lina erhalten, und viel zu stolz, um irgend einen Versuch zu machen, durch seine Annäherung auf ihre Entschlüsse einzuwirken, hatte er es vorgezogen, nichts zu thun, was zwingend für sie sein könnte. Die Worte des Barons, daß Lina einem untergeordneten Menschen sich niemals leichtsinnig verzetteln könne, hatten sich ihm wie in Erz eingegraben, denn keinen Augenblick zweifelte er daran, welche Bedeutung sie haben sollten. Er war überzeugt, daß der Baron die Scene im Garten gesehen hatte, daß er recht gut wußte, was zwischen ihm und Lina vorgefallen war; doch statt zürnend dazwischen zu treten, zog der staatskluge Vater es vor, in seiner Weise die Karten zu mischen.

»Sie soll nichts bereuen,« murmelte Jens zum tausendstenmal düster vor sich hin, als er vor der Thür des Barons stand; dann wischte er den Ernst von seiner Stirn, und als er bei einem der großen Wandspiegel vorüberging, lachte er über seine treffliche diplomatische Vervollkommnung, denn er sah in der That heiter und unbefangen aus, während sein Herz in heftigen Schlägen pochte.

Der große Wagen des Staatsrats stand angespannt im Hofe. Er war eben nach Hause gekommen und empfing Lornsen, den Hut in der Hand und in Uniform, oben an der Treppe.

»Mein lieber Lornsen,« rief er ihm entgegen, »herzlich erfreut, Sie zu begrüßen. Sie sehen mich noch mit Stern und bordiertem Rock; ich komme von Sr. Majestät. Gestern abend habe ich dem König Ihr Promemoria übergeben, er hat sich sogleich damit beschäftigt; Sie wissen, es ist seine Art, unermüdlich zu sein und trotz seines Alters bis tief in die Nacht hinein zu arbeiten und zu lesen. Es ist nun am besten, wenn ich Ihnen die eigenen Äußerungen des Königs wiederhole. ›Wie alt ist der Lornsen?‹ fragte er mich. ›Einige dreißig Jahre, Majestät.‹ ›Es muß viel Feuer und Leidenschaft in diesem Manne sein, aber er ist ein vortrefflicher Kopf, ein Mann von gediegenen Kenntnissen und großen Fähigkeiten. Die Arbeit ist ausgezeichnet, der Kronprinz soll sie lesen. Sagen Sie dem Lornsen, daß ich ihm danke und mich seiner erinnern werde. Wenn er etwas will, soll er zu mir kommen, es wird mir überhaupt angenehm sein, ihn zu sprechen. Sagen Sie ihm das.‹«

»Der König ist gnädig,« sagte Lornsen.

»Er ist gerecht,« versetzte Hammersteen; »Ihre Arbeit ist wirklich meisterhaft, scharf, klar und überzeugend – bis auf die Verteidigung Ihrer Ansichten vom Staatsrecht der beiden Herzogtümer,« fügte er lächelnd hinzu. »Das ist es, was Se. Majestät als Feuer und Leidenschaft bezeichnete, doch das wird sich geben. Die nächste Aufgabe ist nun die, den Kronprinzen zu interessieren; dazu aber wird eben jenes leidenschaftliche Feuer nicht wenig beitragen. Vor zwei Stunden hat er die Denkschrift erhalten und nun machen Sie sich darauf gefaßt, lieber Freund, gerufen zu werden. Sie sehen, alles ist jetzt wohl eingeleitet und im besten Gange des Gelingens. Sind Sie persönlich mit den Herrschaften bekannt, so legen magische Schlingen sich um Ihre Füße und tragen Sie empor zu den Göttertafeln, wo Nektar und Ambrosia bereit stehen.«

Der Eindruck, welchen diese Mitteilungen auf Lornsen machten, war kein sichtbarer, dennoch aber war er bedeutend genug. Ein ehrgeiziges Feuer brannte tief in ihm und mischte sich mit seiner Liebe zu Lina. Er wußte, daß seine Kühnheit nur Verzeihung finden könnte, wenn er durch Rang und Stellung dazu berechtigt werde, und stolz und mutig wie er war, hob er den Kopf hoch empor, als der Staatsrat mit seinem feinen, beobachtenden Blicke ihn betrachtete.

»Ich bin zwar nicht gewöhnt,« sagte Lornsen, »auf den Parketts königlicher Gemächer zu gehen, allein ich hoffe, wenn ich die Ehre habe, den König oder den Prinzen zu sprechen, mich dessen würdig zu beweisen; sollte ich auch bei Hofleuten Gegenstand ihrer Bemerkungen werden.«

»Dafür sorgen Sie nicht,« rief Hammersteen lachend. »Sie sind etwas steif und gerade. Ihr Tritt ist fest, Ihre Sprache laut und tief, das alles kann den Vorzimmern nicht gefallen. Kümmern Sie sich aber nicht darum; Kammerlakaienmanieren sind für gewisse Geschöpfe Gewissenssache, doch auch die Könige wollen zuweilen mehr und sehen es gern, wenn man sie menschlich behandelt, wäre es auch nur des Hautgouts wegen, der den Appetit reizt. Der König ist ein einfacher Mann, reden Sie mit ihm von der Leber fort, ohne zu vergessen, wer er ist; der Prinz wird Ihnen selbst schon auf den rechten Weg helfen. Aber es ist merkwürdig, daß mir Lina fast dasselbe gesagt hat. Den betreßten Menschen, die ewig zu lächeln und sich zu bücken wissen, wird Lornsen nicht gefallen, sagte sie, doch bin ich überzeugt, daß der König sowohl wie der Prinz ihn mit Hochachtung entlassen und wiedersehen werden.«

»Diese gute Meinung werde ich nicht zu Schanden werden lassen,« erwiderte Jens.

»Sagen Sie ihr das selbst,« rief der Baron, »oder sagen Sie ihr nichts, gleichviel, Sie haben eine vertrauende Freundin an Lina, Herr Lornsen. Ja, was ich Ihnen neulich sagte, von einer Partie, das bleibt unter uns. Lina hat, wie alle Mädchen, ihre Launen. Sie hat dem armen Branden erklärt, es sei ihr unmöglich, jetzt schon seine Wünsche näher zu überlegen, und da ein Jahr bei ihm nicht viel ausmache – er ist zwei- oder dreiundvierzig, der arme Baron – so wollte sie sich und ihn prüfen. Was Waldemar betrifft, so ist die Sache ernsthafter. Er ist stürmischer, weil er jünger ist, und begehrlicher, weil er zu fürchten hat. Er soll erst Stellung gewinnen, der Kammerjunker behagt ihr nicht. Darin hat sie recht; ihr stolzer Sinn verlangt die Höhe des Lebens. Nun, Waldemar wird Kammerherr werden und dann irgend eine ehrenhafte Sendung oder Stellung erhalten. Wir werden heute mit beiden speisen, wahrhaftig, es ist hohe Zeit. Kommen Sie, lieber Lornsen, ich begleite Sie hinunter; wir werden, wie ich denke, die Gesellschaft schon beisammen finden.«

Die Freude, welche Lornsen empfand, belebte ihn im reichsten Maße. Sein Gesicht verlor den stillen, ernsten Ausdruck, seine Augen strahlten in dem Glück, das ihn erfüllte; er fühlte seinen Körper unter dieser Herrschaft aller Schwere enthoben und das Blut in seinen Adern brennen. So folgte er dem Baron in die Gesellschaftszimmer, wo man allerdings auf ihr Erscheinen schon wartete.

Außer dem Kammerherrn und Waldemar waren einige andere Damen und Herren vorhanden, alte Freunde des Hauses, verwandte und vornehme Familien, unter denen der bürgerliche Lornsen, der Subalternbeamte in der deutschen Kanzlei, als ein Eindringling erschien, der durch eine seltsame Laune hierher versetzt worden war.

Es war bekannt genug, durch welchen Zufall er den Staatsrat kennen gelernt und welchen sogenannten Dienst er ihm und dem Fräulein erwiesen hatte. Daß der Baron dies großmütig zu vergelten suchte, fand man gerechtfertigt, daß der friesische Bauer aber auch heute im engen Familienkreise Eingang fand, schien denen, die darüber nachdachten, doch etwas weiter gegangen als notwendig.

Waldemar warf dem Eintretenden einen feindlichen Blick zu und setzte dann sein Gespräch mit einer jungen Gräfin fort, welche neben ihm stand. Lina befand sich ihm gegenüber mitten in dem Kreise der Gesellschaft, von dem Kammerherrn beschäftigt, der seine ganze Liebenswürdigkeit in Beschreibung seiner jüngsten Reise auf die ererbten Güter zu entwickeln suchte, wo alles italienisch war.

Der Staatsrat hielt Lornsen bei der Hand, und indem er seine Gäste begrüßte, führte er ihn mitten in die Gesellschaft.

»Endlich sieht man Sie wieder, Herr Lornsen,« sagte Lina, ihm entgegentretend. »Welche wichtige Arbeiten sind es denn, die Sie uns auf so lange Zeit entfremden können?«

»Niemand,« erwiderte Lornsen, »kann dies inniger bedauern als ich; ich hoffe jedoch für alle meine Verluste mich entschädigen zu dürfen.«

Da die Thüren des Speisesaales eben geöffnet wurden, reichte er Lina den Arm, und zum nicht geringen Ärger und grenzenlosen Erstaunen der Geladenen nahm er an ihrer Seite so ungezwungen Platz, als gehöre er an keine andere Stelle. Die Nachricht über Linas bevorstehende Verlobung hatte sich verbreitet, und dieser kleine gewählte Kreis glaubte, daß er bestimmt sei, Zeuge der ersten feierlichen Enthüllung des Familiengeheimnisses zu sein. Ob der Kammerherr, ob Waldemar der beglückte Bräutigam sein würde, war das zu lösende Rätsel; welch Entsetzen also und welche Täuschung, als der grobe, gemeine Mensch aus Sylt sich neben Lina pflanzte und keine Abweisung erfuhr. Es war jedoch mit Lornsen jedenfalls eine merkwürdige Veränderung vorgegangen. Sonst schweigsam und zurückgezogen, war er heute lebhaft und teilnehmend, höflich und galant. Sein Selbstgefühl war von irgend einer mächtigen Gewalt erweckt worden, er schien über Nacht ein vollendeter Mann der Salons geworden zu sein. Seine Bemerkungen waren treffend und gewandt, sein Einfallen in die Unterhaltungen hatte immer etwas Bestimmendes und erregte die Aufmerksamkeit. Was er erzählte, war weder leer noch gewöhnlich und die blühende anregende Sprache, der markige Ton seiner Stimme paßte zu dem stolzen Kopf und seiner breiten Stirn. Auch Lina bemerkte diese Veränderung seines Wesens, aber sie wußte sie zu deuten. Dann und wann ruhte ihr Blick eine Minute lang auf ihm und ihre Augen glänzten wie an jenem Morgen unter dem Hexenbaum. Sie sah alles, was sich an dem Tische regte: die Teilnahme an dem geistvollen, schönen Mann, das leise lächelnde Kopfnicken ihres Vaters, der Lornsen beobachtete, die Mißgunst, den Hochmut anderer, die Ungeduld und den Ärger des Kammerherrn, der gar nicht zu Wort kommen konnte, und die Blicke des Hasses und der Verachtung, welche Waldemar auf Lornsen schleuderte.

Das Diner dauerte lange, denn Hammersteen liebte die Freuden der Tafel und ließ gerade heute in diesem auserwählten Kreise seinen Koch das Trefflichste leisten. Ein Teil der Gesellschaft aber war immer noch in größter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, und selbst als man im Gartensalon den Kaffee nahm und sich das Ende des Tages nahte, hoffte man immer noch auf eine Überraschung, die nicht kommen wollte.

Hier endlich fand Lornsen Gelegenheit, mit Lina unbemerkt Worte zu wechseln.

»Ich weiß alles,« sagte sie. »Deine Entschlüsse stehen auf deiner Stirn, und hier ist nichts vorgefallen, was dich beunruhigen könnte.«

»Ich bin ganz ruhig,« erwiderte er.

»Geheilt von Zweifeln?« fragte Lina lächelnd.

»Fest vertrauend auf deine Liebe und auf mich,« flüsterte er ihr zu.

Sie blickte freudig zu ihm auf. »Sei stolz,« sagte sie, »du verdienst es zu sein.«

»Um deinetwegen,« erwiderte Jens.

»Um des Adels wegen, zu dem du gehörst,« gab sie zur Antwort.

»Ich habe nicht gewußt,« sprach Waldemar, der näher getreten war und etwas davon gehört hatte, »daß die Friesen und Bauern auf Sylt auch ihren Adel haben.«

»Sie haben recht, Herr Graf,« erwiderte Lornsen. »Was man gewöhnlich Adel nennt, Familien mit behelmten Wappen und Namen, die im Turnierbuche stehen, kennt man bei uns nicht. So oft die Dänen uns solche Ritter als Landeshauptleute und Vögte brachten, wurden sie vertrieben und ihre Sitze zerstört. Die Friesen und Dithmarsen waren zu allen Zeilen die grimmigsten Feinde des Adels in Panzer und Wappenrock. Sie kennen die Geschichte gewiß genau genug, um zu wissen, wie wenig unterthänige Ehrfurcht unseren Bauern von jeher eigen war, und wie hartnäckig sie bei ihren Vorurteilen blieben, keinem adligen Herrn zu dienen und niemand über sich zu dulden.«

»Dann wundert es mich,« sagte Waldemar verächtlich, »wie ihre Nachkommen so aus der Art geschlagen sind, daß sie nach Dienst und Unterthänigkeit weit umhersuchen.«

»Glücklicherweise,« gab Lornsen lachend zur Antwort, »haben auch wir das Licht der Aufklärung erhalten. Die Welt, Herr Graf, ist so wunderlich umgewandelt, daß der Bauer kühn um das Höchste wirbt, und entsetzlich genug ist es, daß er zuweilen, wie im Schachspiel, selbst Könige matt setzt.«

»Man muß den Bauer nie so weit kommen lassen,« rief der junge Edelmann stolz. »Jeder bleibe, wohin er gehört.«

»Goldene Lehre!« erwiderte Lornsen. »Die Flachheit und Gemeinheit bleiben in ihrem Schlamm. Aber eines Bauern Kopf ist hart, und mit den Köpfen hat es eine eigene Bewandtnis.« Er sah ihn schalkhaft an. Waldemar versuchte es, nachzukommen.

»Welche Bewandtnis?« fragte er.

»Man kann ihnen nie ansehen, wie leer und hohl sie sind, bis man ordentlich angeklopft hat,« sagte der kecke Friese.

Der Zorn färbte Waldemars Stirn. Lina stand lächelnd neben ihm; er las etwas in ihren Blicken, was ihn mit Wut und Scham erfüllte. Plötzlich stand der Staatsrat auf, ein Diener hatte ihm einen Brief gebracht, den er erbrach, hineinblickte und mit sichtlicher Freude einsteckte.

»Ich muß unseren lieben Freunden doch zum Schluß des Tages eine Neuigkeit mitteilen, die sie gewiß gern und mit Anteil hören,« sagte er.

»Der Graf ist zum Kammerherrn ernannt und nun folgt die Verlobung,« flüsterten die Damen.

»Kammerherr Branden hat das Großkreuz vom Danebrog und ist Hofmarschall geworden. Sie werden sehen,« sprach ein anderer dem Baron ins Ohr.

»Ich bekomme soeben den Befehl des Kronprinzen,« fuhr der Staatsrat fort, »nach den eigenen Worten Sr. Königlichen Hoheit, den geistreichen und talentvollen Herrn Lornsen auf morgen abend einzuladen, zum Thee im Amalienborg-Palais zu erscheinen, da Se. Königliche Hoheit begierig sind, die persönliche Bekanntschaft eines so ausgezeichneten jungen Mannes zu machen.«

Voller Erstaunen blickten alle Lornsen an. Lina hatte ihm die Hand gereicht, ihre Augen strahlten verräterisch ein süßes Geheimnis aus.

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