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Der Vogt auf Mühlstein

Heinrich Hansjakob: Der Vogt auf Mühlstein - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Vogt auf Mühlstein
authorHeinrich Hansjakob
year1921
firstpub1895
publisherHerder
addressFreiburg i. Br.
titleDer Vogt auf Mühlstein
pages99
created20140622
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7.

Das Hochzeitsmahl im »Hirschen« begann. An der »Ürde«, wie die offizielle Festtafel im Kinzigtal heißt, saßen mehr denn achtzig Buren und Bürinnen. Es war ein prächtig Bild, diese stattliche Schar Bauernvolks in seiner alten, bunten Tracht.

Nach dem ersten Gang ertönten die Klarinetten und Hörner der Musikanten und riefen zum ersten Tanz, den der Brautführer mit der Braut, heute der Vater mit der Tochter, tun sollte. Alles erhob sich und ging dem »Tanzboden« zu. Die Braut eröffnete mit dem harten Vater den Reigen, so wenig es ihr ums Tanzen war.

Nach dieser ersten Tour ging's wieder zum Mahle. Und so wechselten Tänze und Tafelgänge bis in den tiefen Nachmittag hinein.

Da ertönte auf einmal in das Geräusch der Messer und Gabeln auf der Stube neben dem Tanzboden fröhlicher Gesang. »Was ist das?« fragten sich aufschauend und zu essen aufhörend die Gäste am Hochzeitstisch.

Einer der Bauern, die dem Nebenzimmer zunächst saßen, erhob sich, trat unter die Türe des Nebengemachs und kam mit der Kunde zurück: »Es sind Sänger und Sängerinnen von Nordrach mit des Öler-Joken Hans.« Ja, es war der Hans mit dem alten Sängerbunde über den Berg herübergekommen zur Hochzeit.

Er hatte schon so oft mit der Magdalene anderen zur Hochzeit gesungen und wollte nun auch ihr singen, auch zum Zeichen, daß er ihr nicht zürne. So hatte er es in seiner Mühle längst geplant.

74 Kaum waren die ersten Töne in den Hochzeitssaal gedrungen, als die Hochzeiterin hell aufhorchte; sie wurde blaß, sie wurde rot. Da plötzlich schnellt sie auf von ihrem Sitze zwischen Vater und Ehemann und eilt der Stube zu, aus der die Stimmen hereindrangen.

Dort angekommen, sieht sie ihren Hans und die alten Kameraden und Kamerädinnen aus der glücklichen Zeit des Sanges und der Liebe. Sie setzt sich in ihrem ganzen Brautschmuck neben den Hans und singt mit – und zwar so schön wie noch nie.

Ihre Stimme voll weichen Schmelzes und tiefer Elegie dringt so ergreifend in den Saal zurück, den sie eben verlassen, daß das allgemeine Staunen bei ihrem Weggang vergessen wird und alles der Stube zudrängt, in der gesungen wurde.

Selbst der Ulrich und der harte Vogt folgten und schauten, was vorging. Die Braut saß neben dem Hans, hatte dessen Hand in der ihrigen und sang. Innere Aufregung malte sich auf ihren Zügen.

Hans, der mit seinem gutgemeinten Kommen das ganze Unglück angerichtet und die alte Flamme in dem Herzen des Mädchens in wilder Glut hatte auflodern machen, wurde von dieser ebenfalls ergriffen.

Nach einigen gemeinsamen Liedern erhob er sich und sang:

Dort drüben in jenem Tale,
Da treibt das Wasser ein Rad,
Das treibet nichts als Liebe
Vom Abend bis wieder an Tag.
Das Mühlenrad ist verbrochen,
Die Liebe hat ein End',
Und wenn zwei Nordracher scheiden,
Reichen sie einander die Händ'. 75

Ach Scheiden, ach, ach!
Wer hat doch das Scheiden erdacht?
Das hat mein jung-fröghlich Herze
Voll Freude so traurig gemacht.
Dies Liedlein, ach, ach!
Hat wohl ein Müller erdacht,
Den man von der Vogts Töchterlein
Vom Lieben zum Scheiden gebracht.

Er hatte während des Singens die Hand der Magdalene wieder ergriffen, die, glänzende Perlen in den Augen, sich erhob und vor Vater, Mutter und Mann und allen Lindachern und Schottenhöfern und allen Nordrachern und anderen »Völkern« ihr eigenes Lied, das außer ihr noch niemand gehört – zu singen anhob. Und da sie die letzten Worte gesungen:

Man läutet mir mit silbernen Glocken;
Ich aber lieb' keinen als des Öler-Joken –

da glaubte man nicht bei einer Hochzeit, sondern auf einem Kirchhof zu sein, so weinten die Menschen. Selbst den harten Vater durchzitterte zum erstenmal im Leben eine Ahnung von der Macht der Liebe, und beim Ulrich war aller Unmut über das Weggehen der Braut gewichen. Wehmütig und verlegen stand er da, als ob es ihn reute, die zwei getrennt zu haben. –

Der Winterabend dunkelte bereits zu den Fenstern herein, wo die Liebe so mächtig strahlte und wo Menschen weinten, während sie sonst lachen.

Und manch eines von denen, die dabei waren, hat die Szene nie vergessen all sein Lebtag, und tatsächlich haben sie noch nach vielen Jahren im Tale und auf den Bergen erzählt von dem Weinen bei des Hermesburen Hochzeit, und wie ergreifend die Magdalene gesungen habe.

Aber sie erzählten auch vom braven Hans, wie er, ehe der Vogt einschritt, zur Magdalene sprach: »Magdalene, du bist 76 jetzt vor Gott und der Welt die Frau des Hermesburen. Gehe jetzt mit deinem Mann. Ich wünsch' dir Glück und Segen. Ich sorge dafür, daß dein Vater und der Hermesbur nichts mehr über mich zu klagen haben und es dir leichter wird, auf dem Hermeshof zu leben. Behüt' dich Gott.«

Er gab der Weinenden die Hand und schied mit seinen Brüdern und Kameraden. Viele Augen schauten in Tränen dem braven Burschen nach.

Die Hochzeit war gestört, niemand wollte mehr essen, trinken und tanzen. Und da es Abend geworden, schickten die meisten sich an zur Heimkehr.

In starrem Schmerz stand die Hochzeiterin allein noch in der Singstube, und erst auf das Mahnen der Mutter und der »Göttle« ließ sie sich bewegen, wieder in den Hochzeitssaal zurückzukommen. Ihre Aufregung war einer unheimlichen Ruhe gewichen, die selbst der Vogt nicht zu stören wagte.

Der Ulrich bat sie nach einiger Zeit, mit ihm heimzufahren. Sie reichte trocken und kalt den wenigen noch Anwesenden die Hand und fuhr mit ihrem Manne zum unteren Tor hinaus.

Der Bäumlisberger und der Grafenberger ritten langsam mit einigen anderen Buren hinterdrein und besprachen den Vorfall. »Das gibt keine gute Ehe«, meinte zum Schluß der Bäumlisberger, »das Maidle hat den Kopf noch zu voll von dem Hans.«

»Ich wollt' ihr die Possen schon aus dem Kopf treiben«, sprach der Grafenberger, »wenn sie mein wäre. Ich würde sie gehörig durchhauen.« –

Eine Stunde vor ihnen hatte der Hans das Nordracher Tal, auch Lindach und den Hermeshof passiert. Still war er von dem Hochzeitsfeste neben seinen Mitsängern und -sängerinnen wieder dem Nordracher Tale zugeschritten. Drüben angelangt, 77 gingen die einen bald da, die anderen bald dort einem Gehöfte, als ihrem Heim, zu. Jedem gab der Hans warm die Hand und sprach: »Behüt' dich Gott!« statt des üblichen »Gute Nacht«.

»Du wirst doch nicht verreisen wollen«, rief sein Kamerad, der Säger-Toni am Grafenberg, daß du heute ›Behüt' Gott‹ sagst?«

»'s könnt sein«, gab der Hans zurück. »Wenn du am Sonntag in die Kirch' kommst, hörst vielleicht eine Neuigkeit.«

Der Toni lachte und meinte, es werde dem Hans schon wieder ein anderer Kopf wachsen, bis der Sonntag käme.

Hans schwieg und ging mit seinen Brüdern Hansmichel und Jakob übers Dorf hinaus der väterlichen Hütte am Bache zu. Vater und Mutter waren schon zur Ruhe gegangen. Es war totenstill ums Haus in der öden Winterlandschaft. Aber hell leuchtete der Schnee in Berg und Tal, denn der Mond stand in vollem Glanz über dem »Täschenkopf« und warf einen milden Schimmer selbst durch das Fensterlein der Kammer, die der »Buben« Nachtherberge war.

Hansmichel und Jok legten sich alsbald zur Ruhe, nachdem sie ihr »Sonntagshäs« in den Trögen versorgt hatten. Der Hans aber ging angekleidet über seinen Trog und fing an auszupacken. Beim Mondschein merkten die Brüder, daß er sich rüste, wie einer, der fort will.

»Ich glaube gar«, rief der Hansmichel, etwas angetrunken und auch sonst ein rauher Kerl, ihm zu, »du willst fort wegen dem dumme Wibervolk, der junge Hermesbüre?«

»Ja«, gab Hans zurück, »ich gehe heut nacht noch fort. Und wenn du mir noch einmal von einem dummen Wibervolk schwätzest, so lang' ich dir eine zum Abschied.«

»Michel«, mahnte jetzt der Jok', »schwätz kein dumm's Zeug. Die Magdalene ist ein schön's, brav's Maidle. Aber der Hans 78 kriegt es jetzt doch nimmer, und du bist nit gescheit, Hans, wenn du deswegen fort willst.«

»Laß ihn nur laufen, wo er will«, meinte der Hansmichel; »er kommt von selber wieder.«

Hans hatte indes seine sieben Sachen zusammengedrückt in einen großen Zwerchsack, den die Brüder, mit Proviant gefüllt, jeweils mitgenommen, wenn sie im Wald am Rautschkopf Holz gemacht hatten.

Er nahm den Sack auf die Schulter, seinen Weißdornstock in die Hand und sprach zum Abschied: »Ich lass' Vater und Mutter grüßen. Sie sollen es mir nit übelnehmen, daß ich so fortgehe, aber ich kann nit anders.«

»Ja, b'hüt Gott uff zwei Tag«, rief der Hansmichel. »Du wirst bald wieder daheim si, und Vater und Mutter können sich gut trösten!«

Der Hans war, ehe diese Worte verklungen, schon draußen in der Winternacht.

Er ging zunächst hinauf in seine Mühle, wo er noch ein Paar Stiefel zu holen hatte, zündete mit seiner trüben Mühlenlaterne noch überall herum und nahm Abschied vom Rad, vom Mahlgang und vom kleinen Müllerstüble – dann schritt er talab. Am Vaterhaus warf er noch einen wehmütigen Blick hinauf und ging rasch durch die kalte Mondnacht hin.

Hie und da gab ein Hund Laut, der die Schritte des nächtlichen Wanderers auf dem klirrenden Schnee von ferne hörte. Sonst war alles still.

An der Dorfkirche, aus der das »ewig Licht« rot herausglühte in die weiße Mondnacht, blieb er stehen, faltete die Hände, betete ein Vaterunser und Ave Maria, machte über sich das heilige Kreuzzeichen und sprach: »In Gottes Namen will ich fort.«

79 An der Sägmühle beim Grafenberg ging er vorüber, ohne dem Säger-Toni zu klopfen; er hatte ihm ja schon »Behüt' Gott« gesagt. –

In einer kleinen halben Stunde von der Dorfkirche weg befand sich Hans auf der Straße da, wo am Berg gegenüber der Hermeshof lag. Es mochte um die zehnte Abendstunde sein. Er blieb stehen und schaute hinauf zum Haus, in das vor wenig Stunden die Magdalene als das Weib eines anderen eingezogen war, eine Tatsache, die ihn jetzt in die weite Welt hinaustrieb, hinaustrieb, weil er zeigen wollte, zu welchem Opfer seine Liebe bereit wäre.

Es war ihm weh ums Herz und wohl zugleich, weh beim Gedanken, daß die Magdalene dort drüben einem anderen gehöre zeitlebens, und wohl, wenn er dachte, wie groß er dastehen würde vor den Augen der jungen Hermesbürin, wenn sie erführe, was er getan, um ihres Friedens willen.

Der gute Hans hatte nicht Seelenkunde genug, um zu bedenken, daß er damit ebensowenig Erfolg haben würde als mit seinem Singen bei der Hochzeit – sonst hätte er erkennen müssen, daß seine Tat das Gegenteil bewirken würde von dem, was er damit wollte.

Er stand lange auf der Straße und mochte wohl auch an das Volkslied denken, das er so manchmal im fröhlichen Kreise gesungen:

Nun Adieu, beschlossen,
Die Heirat ist gemacht.
Daß von dir muß scheiden,
Das bringt mir groß Leiden;
Adieu, zu tausendmal,
Adieu zur guten Nacht. –

Der Wächter vom unteren Tor zu Zell rief eben die elfte Stunde, als der Hans am Weichbilde des Städtchens hinschritt, hinaus ins mondbeglänzte, winterliche Kinzigtal. 80

 

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