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Der Vogt auf Mühlstein

Heinrich Hansjakob: Der Vogt auf Mühlstein - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Vogt auf Mühlstein
authorHeinrich Hansjakob
year1921
firstpub1895
publisherHerder
addressFreiburg i. Br.
titleDer Vogt auf Mühlstein
pages99
created20140622
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.

In der Rautschmühle war es noch weit einsamer als in der Spinnstube auf Mühlstein, – denn der Hans war ganz allein mit seinen Träumen von vergangenen schönen Tagen. Kalt wie der Duft an den Tannenbäumen des »Rautschkopfs« und wie die Eiszapfen, die morgens an seinem Mühlrade glänzten, war es in seinem Innern. Ohne Sing und Sang ließ er am frühen Morgen seine Mühle an und bediente sie den Tag über. In freien Stunden lag er auf seinem Laubsack und dachte an die Zukunft.

Wie vor seinem Fensterlein der Schnee leise herabrieselte auf die schwarzen, schweigenden Tannen des Rautschkopfs, so senkte sich mehr und mehr tiefes Weh in die Seele des jungen Müllers, wenn er so darüber nachsann, wie es werden sollte nach dem Hochzeitstag der Magdalene. Denn was auf Mühlstein vorgegangen, wußte er alles. Allerlei Botschaften trafen sein Ohr, wenn er am Sonntag ins Dorf und in die Kirche kam.

In diesen langen Stunden der Tage von Martini bis Dreikönig reifte in ihm der Plan, den wir ihn am Hochzeitstag werden ausführen sehen – ein Plan voll Poesie und Hochherzigkeit, wie man ihn nicht erwarten sollte von einer »Schneeballe«, an den zu glauben uns aber die wohlverbürgte Verwirklichung zwingt. –

Alles, was sonst eine Freude war für das Maidle auf Mühlstein – das Hanfknitschen, die Erscheinung des HechlersSiehe »Wilde Kirschen« das Kapitel »Der Hosig«., der Beginn der Spinnzeit, wurde in diesem Jahre der Magdalene zum Schmerz. So auch die Ankunft der Näherin. Diese 57 kam vom »Katzenschrofen« herauf aus dem »Grün«, in der Mitte zwischen Ober- und Unterharmersbach. Sie war die beste Hochzeitsnäherin, weil sie auch sticken und die Flitterkronen für die Bräute machen konnte.

Die Künstlerin auf dem Katzenschrofen hatte bei den Klosterfrauen in Wittichen, droben im Wolfacher Tal, das Sticken gelernt, und selbst der Klosterschneider von Gengenbach ließ Stickereien von ihr ausführen; weshalb sie auch die »Klosternajere« genannt wurde.

Sie sagte gleich am ersten Tag zur Magdalene: »Ich komme fast auf alle Höfe, wo Maidle sind, wenn's auf Heiraten geht, aber eine so ›trurige Hochzitere‹ hab' ich noch keine gefunden. So trurig zu sein, wenn man auf einen so lustigen Hof kommt, paßt nicht zusammen.«

»Ich möcht' lieber sterben als heiraten«, antwortete das Maidle – und ging von der Näherin weg, die aber doch bald erfuhr, wie es auf Mühlstein stand.

Sie drang fortan nicht mehr in die Braut und tröstete sie beim Anprobieren, es werde schon besser kommen, wenn sie sich einmal längere Zeit vergessen habe. –

In der Adventszeit kamen am Freitagabend je zwei Kapuziner von Hasle herunter in das für sie hinter der Zeller Wallfahrtskirche hergerichtete Stüble. Am Samstag früh hielten sie um sechs Uhr das »Rorateamt«Ein besonderer Adventsgottesdienst in der katholischen Kirche. und hörten dann Beichte.

In dieses Rorateamt kamen damals die »Völker« von den entferntesten Höfen herab. Über schneeige Wege unter dem kalten Sternenhimmel wallten sie in der Nacht der Kapelle zu – auch die Mühlsteiner, und unter ihnen seit Jahren hellauf die 58 Magdalene. Wie ein Engelein vom Himmel hatte sie jeweils das alte Adventslied mitgesungen:

Fang an, mein' Seel', zu singen,
Sing, so viel dir möglich ist.
Von allen Bergen soll es klingen:
Komm zu uns, Herr Jesu Christ!

Im Advent 1784 versagte ihr die Stimme. Sie ging nach dem letzten »Rorate« zum Pater Guardian in den Beichtstuhl und schüttete dem alten, erfahrenen Ordenspriester ihr Herz aus: wie der Vater sie zwinge, einen Mann zu heiraten, den sie nicht lieben könne, und wie er ihr mit Schlägen, ja selbst mit dem Tode gedroht, wenn sie sich noch länger geweigert hätte.

Pater Marzellin – so hieß der damalige Guardian – sagte ihr, der Vater habe ein schweres Unrecht begangen; eine Ehe unter dem Eindrucke der Gewalt geschlossen sei ungültig. Aber er riet dem Maidle, sich die Sache noch zu überlegen und ein kleineres Übel dem größeren vorzuziehen, falls der Vater zum Verbrecher an ihr würde bei der Weigerung. Schon manchmal habe es gute Ehen im Volke gegeben, wenn nicht Liebe, sondern bloß Achtung zwei verbunden hätte.

Daß der Pater ihr gesagt, eine gezwungene Ehe sei keine kirchlich gültige, das war dem Maidle ein Stern in der seitherigen Betrübnis, und wir werden sehen, wie sie diesen Lichtblick verwertete.

Haß trug sie keinen gegen den Hermesbur; aber die Achtung war auch nicht groß, weil er die Ursache ihrer Trennung vom Hans war und auf seiner Werbung bestand, trotzdem er wußte, daß sie ihn nicht wolle.

Sie unterließ es nicht, bei der Heimkehr der Mutter zu berichten, was der Guardian ihr gesagt habe. Die Mutter aber meinte, das dürfe man dem Vater nicht sagen, sonst würde er auf den Guardian erbost werden, und die Kapuziner erhielten 59 auf dem Hofe nichts mehr, wenn sie zum »Terminieren«Einsammeln von Almosen. auf Mühlstein kämen. –

Seit ihrer Adventsbeichte war die Magdalene ruhiger und gefaßter. Sie dachte über des Paters Zuspruch hin und her. Und wenn sie in stillen und einsamen Stunden auch immer noch sang:

Man läutet mir mit silbernen Glocken;
Ich aber will keinen als des Öler-Joken –

und wenn auch immer noch ihr Herz unentwegt dem Müllerburschen in der Rautschmühle gehörte, – so schaute sie doch nicht mehr so finster und verzweifelnd in die Zukunft. Ja es gab Momente, in denen selbst die Möglichkeit einer Achtungsheirat in ihrer Seele aufstieg. –

Der Advent nahte seinem Ende. Weihnachten kam, das liebliche Winterfest, und das »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden!« erklang auch in den Bergen und Tälern am Harmersbach.

Am Neujahr kamen Bettelkinder aus Zell auf die einzelnen Höfe und sangen ihre Dreikönigs- und Neujahrslieder und wünschten Gesundheit, Glück und Segen fürs kommende Jahr.

Weinend brachte ihnen dann das Maidle in der Schürze unter die Haustüre die üblichen Gaben an Obst, Bohnen und Speck. Sie dachte ans neue Jahr – an Leben und an Tod. Denn je näher die Zeit kam, da sie ihr Versprechen einlösen sollte, um so banger ward ihr wieder ums Herz, und um so mehr weilten ihre Gedanken in der Mühle am Nordracher Bächlein.

Hans, der Goldmensch, hatte ihr durch die Mariann' zum Neujahr alles Gute sagen und wünschen lassen, und sie möge, unbesorgt um ihn, dem Vater nachgeben.

60 Am Tage nach Neujahr – er fiel im Jahre 1785 auf einen Samstag –, am Sonntag, kam der Hochzeiter vom Hermeshof herauf, um mit dem Vogt den Tag der Hochzeit festzusetzen. Es ward ausgemacht, daß sie am 17. Januar stattfinde – am Tage des heiligen Antonius, des Namenspatrons des Vaters. Sie sollte in dem ersten Wirtshaus in Zell, im »Hirschen«, abgehalten und in allen Tälern des Reichs- und Klostergebietes an der Nordrach und am Harmersbach durch die »Hochzeitsläder« angesagt werden.

Ins Kloster wollte der Vogt gleich morgen selber reiten, dem Prälaten das Neujahr anwünschen und den Oberschaffner zur Hochzeit laden. Der Ulrich versprach, mit ihm zu reiten bis Gengenbach und allein weiter nach Straßburg, die Eheringe einzukaufen und noch etwas, das er dem Vater erst unterwegs verraten wolle.

Unter dem »Kleebad« trafen beide am folgenden Morgen zusammen, der eine auf dem Nordracher, der andere auf dem Harmersbacher Tal herreitend. Es war finster und kalt. Die Ruine Geroldseck schaute noch nicht ins Kinzigtal herüber, Nacht und Nebel verhüllten sie, als die zwei Bauern bei Biberach dieses Tal erreichten.

Jetzt fragte der Vogt, was der Ulrich in Straßburg schaffen wolle, wahrscheinlich Geld holen für geliefertes Holz oder seinen »Multum« zu einem langen Hochzeitsrock.

»Nein«, antwortete der Hermesbur, »Geld hab' ich wirklich keines zu gut in Straßburg, und Multum hab' ich am letzten Klausenmarkt in Hasle gekauft von den Freudenstädter Tuchern. Aber einen Hochzeitswagen will ich kaufen, den ersten, der ins Zeller Land kommt.

»Schon oft hab' ich die Straßburger mit ihren ›chars à banc‹ in die Nordracher Fabrik fahren sehen am Hof vorbei, 61 um Glas zu kaufen oder Farbe, und jedesmal hab' ich gedacht: So ein' Wagen zum Spazierenfahren könnt' der Hermesbur auch brauchen.

»Jetzt kommt die Hochzeit, und die erste Spazierfahrt soll zur Kirche sein.«

»Das ist allerdings was Neues«, meinte geschmeichelt der Vogt. »Der Reichsvogt in Harmersbach allein hat eine alte Kutsche, die der vorletzte Prälat ihm einmal geschenkt. Aber du, Ulrich, kannst das machen, der Hermeshof erträgt's. Doch eine Gefahr hat's, wenn die anderen Buren dies nachmachen. Denn sobald wir ›Mannsvölker‹ fahren und auf dem Wagen noch das Weib Platz hat, so werden eben die ›Wibervölker‹, die jetzt daheim bleiben, wenn wir zu Markt reiten, auch mit wollen. Das macht doppelte Zehrkosten, und die Weiber überwachen die Männer im Wirtshaus.«

Und wie der Vogt fürchtete, so kam es. Der Hermesbur war der erste Bur im mittleren Kinzigtal, der die Spazierfahrten anfing, und jetzt haben alle Buren ihre »Wägele« und neben sich die Frauen, wenn sie in die Städtle fahren. Aber dies hat auch sein Gutes; die Buren müssen früher heim, da die »Bürinnen« zum Aufbruch mahnen, wenn der Bur am besten Trinken ist.

Es gibt Ausnahmen von Kinzigtäler Buren, die heute noch allein auf den Markt fahren, wie ihre Ahnen allein geritten sind. Zu diesen gehören alle jene, welche ihre Weiber und deren Zorn, daß sie daheim bleiben müssen, nicht fürchten und ruhig am Abend eine Sturmflut auf dem Gehege weiblicher Zähne über sich ergehen lassen. Solch ein Held ist mein Freund, der Fürst Konrad auf der Eck; der fährt allein aus und allein heim; heim manchmal erst, wenn der Morgenstern hinter dem Kniebis heraufsteigt. –

62 Der Vogt und der Hermesbur trennten sich auf dem Marktplatz in Gengenbach, nachdem sie im »Adler« noch einen Schoppen getrunken und der erstere seinen Rappen eingestellt hatte. Der Vogt ging in die Klosterkirche, um einigen heiligen Messen anzuwohnen, denn zum Prälaten war's noch zu früh, – der Ulrich aber ritt im scharfen Trab talabwärts, Offenburg und dem Rhein zu.

Es schlug eben die Mittagsstunde auf dem Münsterturm, als der Hermesbur durch das Metzgertor in die Franzosenstadt einritt, wo er wohl bekannt war. Er hatte schon manchen Holzwagen mit vier Rossen zum Tor hineingeführt und manchen Fünflivrestaler hinaufgetragen ins Kinzigtal, seitdem er Bur war auf dem Hermeshof.

»Enfin, oü (auch) z' Stroßburi!« begrüßte ihn sein alter Geschäftsfreund, der Holzhändler Hug in der Brantgasse, als der Hermesbur bei ihm eintrat.

»Was gilt 's Holz in der NordereNordrach., henn'r ebbsHabt Ihr etwas. feil, Hermesbur?« fragte der Straßburger, ehe der Ulrich etwas anderes als sein »Guten Tag« gesagt hatte.

»Ich hab' nichts feil, Hug!« fing jetzt der Bur an, »aber Ihr sollt mir einen Gefallen tun und helfen ein schönes Wägele kaufen zum Spazierenfahren, so wie Ihr und die anderen Straßburger Herren als haben, wenn Ihr zu uns hinauffahrt.«

»Jetz word's guet«, rief der Holzhändler lachend, »wänn d' Bure Wäjele koüfe zum Spazierefahren. Aber mir (wir) Stroßburjer gänn (geben) euch au z' viel Gäld 's ganz Johr. Aber annewag (dennoch) freut's mi, Hermesbur, wänn Ihr a schön's Wäjele koüft und heimfahrt wie a rachter Stroßburjer.«

63 Als der Brantgäßler gar hörte, es solle den Hochzeitswagen geben für den Hermesbur, da war er doppelt bereit zur Beihilfe.

»Enfin, jez gämm'r (gehen wir) zum Monsieur Walch in der Rappengaß, c'est le premier Wäjelemacher. Der Hermesbur muoß a ganz fins Charabänkle ha.«

Zwei Stunden später fuhr der Ulrich mit einem feinen zweiräderigen Charabänkle über die Rheinbrücke. Sein Brauner, der noch nie in zwei so hohen »Landen« gegangen war und so leicht hatte ziehen dürfen, stürmte wie besessen dem Kinzigtale zu. Der Hermesbur aber hatte ein kindliches Vergnügen an seinem Wagen und an seiner Fahrt.

In Gengenbach traf er, verabredetermaßen, den Vogt nicht mehr. Der hatte dem Prälaten seine Wünsche dargebracht und ihn ehrenhalber zuerst auch zur Hochzeit geladen und dann den Oberschaffner. Der »gnädige Herr« dankte für die Einladung, versprach aber, der Oberschaffner werde unbedingt zur Hochzeit kommen, und zur Morgensuppe wolle er, der Prälat, ein Fäßchen guten Klosterwein auf Mühlstein senden.

Darauf war der Muser-Toni fröhlich von dannen geritten und schon wieder zu Haus, ehe der Ulrich durch Gengenbach sauste.

Von Straßburg bis auf seinen Hof hatte der Hermesbur kaum vier Stunden gebraucht, so war der Braune dahingerast in dem ungewohnten Gespann, das der Bur sorgsam, als wäre es ein Lebkuchen, in seiner Tenne unterbrachte, um es am Hochzeitsmorgen den Blicken der erstaunten Mitbauern vorzuführen.

Und er erreichte seinen Zweck. Noch Ende des 19. Jahrhunderts lebten Bauern, die es wußten und mir erzählten, daß der Hermesbur das erste Wägele ins Tal gebracht und am Hochzeitstag mit der Vogtstochter von Mühlstein zum ersten Male gezeigt habe. 64

 

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