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Der Vogt auf Mühlstein

Heinrich Hansjakob: Der Vogt auf Mühlstein - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Vogt auf Mühlstein
authorHeinrich Hansjakob
year1921
firstpub1895
publisherHerder
addressFreiburg i. Br.
titleDer Vogt auf Mühlstein
pages99
created20140622
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3.

Der verhängnisvolle Morgen auf dem Mühlstein brach an. Noch stand die Sonne hinter dem Kniebis, als das weibliche Gesinde auf dem Hof unter dem Strohdach heraustrat, um an die Arbeit zu gehen. Und heute gab's eine lustige Arbeit für die »Wibervölker«, es sollte Hanf gebrochen werden.

Es gehören zu diesem Geschäft sonnige Herbsttage. Wenn die Äpfel an den Bäumen sich rot färben, die Blätter im Buchenwald gelb, die Tannen hellgrün schimmern in den blassen Sonnenstrahlen, da geht's auf den Höfen des Schwarzwaldes ans Hanfbrechen.

Frisch und froh stehen da die Mägde und Töchter des Hofes in ihren kurzen blauen Zwilchröcken und den roten Kopftüchern an den buchenen »Knitschen« und zerschlagen mit kräftigen, entblößten Armen den Hanf zwischen den scharfgeschnittenen Hölzern.

Kommt ein »Mannsbild« des Wegs, so wird ihm schäkernd und lachend ein Hanfbündel auf den Rücken geschlagen, daß die »Häcksel« davonfliegen; denn er hat heute nichts in diesem Reiche der Damen zu tun.

Die Mädchen auf Mühlstein, unter ihnen die Magdalene, hatten eben erst die »Knitschen« auf einen freien Platz oberhalb des Hofes gestellt und die Hanfgarben dahingetragen, als die Bäuerin zum Morgengebet und zur Morgensuppe rief.

Der Bauer teilte nach der Mahlzeit die Arbeit unter die Buben und Knechte aus, und dann verließen »die Völker« die Stube, jedes aus dem an dem Türpfosten hängenden Weihwasserkesselchen sich besegnend. Als auch die Magdalene den anderen nachgehen wollte, sprach der Vogt: »Das Maidle bleibt da, ich habe ihm noch etwas zu sagen.«

38 Nachdem die Völker alle aus der Stube waren, stellte sich der Vater vors Maidle hin und eröffnete ihm: »Gestern war der Hermesbur hier und hat um dich angehalten. Ich habe ihm das Jawort gegeben und versprochen, am nächsten Sonntag mit dir hinunterzukommen nach Lindach ›zur Beschau‹.«

»Vater, ich kann nicht«, zitterte es aus dem Munde der Tochter, die den strengen Mann fürchtete.

»Du kannst nicht?« antwortete schon gereizt der Vogt. »Der Hermesbur ist der erste Bur weit und breit, sein Hof der schönste im Nordracher Tal. Da möcht' ich sehen, wo das Maidle wäre, das nicht mit Freuden auf solch einen Hof heiratete!«

»Vater«, entgegnete die Magdalene, »der Hermesbur ist ein rechter Mann und hat einen rechten Hof, aber ich kann nicht.«

»Du kannst nicht?« rief jetzt der Alte zornig. »Ich weiß, warum du nicht kannst – wegen der lumpigen Singerei mit dem Hans. Aber ich will dich lehren, daß du kannst. Der Vogt von Mühlstein gibt kein Jawort und hält es nicht. – Du kannst dich besinnen bis am Sonntag. Und jetzt geh an deine Arbeit.«

Die Magdalene ging schweigend der Türe zu, nahm tränenden Auges das Weihwasser und gesellte sich draußen zu den Mägden, die bereits »knitschten«, daß Berg und Tal davon erschallten, und wohl merkten, was in der Stube vorgegangen sein mochte.

Stumm und still, statt wie sonst lachend und singend, vollbrachte die Magdalene ihre Arbeit. Und noch nie, meinten die Mägde, sei es so langweilig gewesen auf Mühlstein beim Hanfbrechen als in jener Woche nach des Hermesburen Freiersritt.

Am Samstagabend sagte der Vogt nach dem Nachtessen, als Vater, Mutter und Kind allein waren: »Das Maidle geht von morgen an nicht mehr in die Kirche nach Nordrach; auch 39 wird drunten nicht mehr gesungen. Es soll fortan in die Kirche nach Zell, und morgen gehe ich auch mit, und ›nach der Kirche‹ geht's auf den Hermeshof zur Beschau.«

»Vater«, sprach jetzt abermals schüchtern die Magdalene, »ich kann nicht mitgehen auf den Hermeshof.«

»Und wenn du nicht kannst, so mußt du, so wahr ich der Vogt auf Mühlstein bin!« schrie der Alte. »Eher hänge ich dich an den nächstbesten Baum auf der Haldeneck droben, als daß du einen anderen Mann bekämest als den Ulrich Faißt auf dem Hermesberg.«

»Von heut an«, sprach er weiter, »kommst du mir nicht mehr unter die Augen, bis zu dem Tage, da du willst. Draußen in der Küche soll die Mutter dir dein Essen geben; mit mir darfst du nicht mehr am Tisch sitzen. Ich gebe dir noch vierzehn Tage Bedenkzeit, und dann fürchte das Schlimmste.«

Es kam der Sonntag. Alles ging vom Mühlstein Nordrach zu, nur das Maidle wandelte schweren Herzens auf der entgegengesetzten Seite talabwärts gen Zell, um dort in ungewohnter Weise den Pfarrgottesdienst mitzumachen. Auf dem Kirchplatz standen die Reichsburen von Unterharmersbach, in üblicher Art das »Zusammenläuten« abwartend. Unter ihnen war auch der Schreilesbur.

Der rief der Magdalene zu: »Grüß Gott, Hochzitere!« Dieser Gruß war ihr wie »ein Stich ins Herz«› und als hätte sie ihn nicht gehört, ging sie in die Kirche hinein.

So ein Sonntagmorgen im Reichsstädtchen Zell bot damals ein weit malerischeres Bild als heute, wo leider die alten Trachten der Bauern mehr und mehr im Schwinden begriffen sind. Zur Zeller Pfarrei gehörten eine große Anzahl von Weilern, Zinken und Gehöften in Berg und Tal, bewohnt von halben und ganzen Reichsburen. Die letzteren – die Bewohner von 40 Unterharmersbach – zeichneten sich vor den anderen aus durch ihre weithin leuchtenden roten Brusttücher (Westen) und ihre langen, rot gefütterten und dunkelblau gefärbten Flachsröcke, ihre Frauen durch die roten, breiten seidenen Maschen an den goldgestickten Kappen.

Die unter Zell stehenden Reichsburen waren dunkler gekleidet: lange schwarze Röcke, kurze Stiefel, Stumphosen aus Leder, und ihre Frauen trugen schwarze Maschen; alle Weibervölker aber kurzen schwarzen Schoben (Jacke) und darüber farbige Seidentücher.

Das Landvolk des Kinzigtales sorgt zur Sommers- und Herbstzeit an Sonn- und Feiertagen auch für Parfüm. Während aber der kultivierte Ladenjüngling, der Student oder der angehende Staatsdiener mit »Kölnisch' Wasser« sein Taschentuch und seine Rockzipfel tränkt, und die Damen und Dämlein der Städte »Wohlriechendes« auf Gläsern und Schachteln über sich ergießen und streuen, geht das Bauernvolk, Männer und Weiber, Buben und Maidle, am Sonntagmorgen in den Garten vor dem Hause und holt da von unseres Herrgotts Wohlgerüchen.

Mit Vorliebe werden zwei feine Sorten dieser Naturparfüms von den Landleuten des Kinzigtales gewählt – die Nelke und der Rosmarin; beide zeugen auch hier für den guten Geschmack des Volkes.

Mit einer Nelke hinter dem linken Ohr und einem Rosmarinzweig in der Hand marschieren die »Mannsvölker« des Kinzigtales zur Sommerszeit der Kirche zu, während die »Wibervölker« beide Pflanzen im Mieder tragen. So sah auch ich die Landleute noch in meiner Knabenzeit, und so ist's vielfach heute noch.

Unsere Magdalene hatte manchen Rosmarinzweig vom Mühlstein herab in die Nordracher Kirche getragen und ihn auf dem 41 Heimweg mit dem, welchen der Hans aus dem Obertal gebracht, vertauscht.

Heute war's ihr nicht ums Blumenbrechen gewesen, als sie den Hof verließ, um nach Zell zu gehen. Und die Mägde und die Töchter aus den unteren Schottenhöfen, die den Weg dahin regelmäßig machten, hatten sich schon unterwegs gewundert, daß »das Maidle vom Mühlstein« heute mit ihnen in die Kirche gehe und daß es keinen Strauß trage.

Die Maidle auf den Höfen »im Höllhaken« und »im Erbsengrund«, deren Väter am vergangenen Sonntag die Verlobung aus dem »Adler« heimgebracht hatten, meinten, das sei eine »b'sundere Hochzitere«, die Magdalene vom Mühlstein, daß sie ohne Strauß in die Kirche gehe. Wenn eine von ihnen auf den Hermeshof käme, würde sie zwei Sträuße aufstecken.

Es müsse aber, äußerten sie zu ihren Mitgängerinnen weiter, bald Ernst gelten mit dem Heiraten, weil die Magdalene jetzt schon die Kirche aufsuche, in die sie als Büre auf dem Hermeshof gehöre.

Stolz sei sie auch schon, weil sie ganz allein vor ihnen hergehe und keine Kameradschaft wolle auf dem Kirchweg.

Nach dem Gottesdienst ziehen die »Wibervölker«, ungestärkt durch leibliche Erfrischung, alsbald der Heimat zu, talein und bergauf. Sie haben noch das Mittagessen, welches »im Ofenloch« indes allein gegoren hat, zuzurichten und können hin und her gehen, ohne im Wirtshaus sich kräftigen zu müssen wie das starke Geschlecht der »Mannsvölker«.

Diese haben je nach der Lage ihrer Höfe bis heute auch ihre besonderen Wirtshäuser in Maria-Zell. Die zum oberen Tor hinaus müssen, die trinken ihren Schoppen im »Löwen« und im »Hirschen«, und das waren in jener Zeit vorzugsweise die Reichsburen erster Klasse auf dem Harmersbach, und die zum 42 unteren Tor hinauswandern, die Ober- und Unterentersbacher und die Lindacher, kehren im »Raben«, im »Adler« und in der »Sonne« ein.

Einzelne kaufen noch vor ihrem Heimgang Leder und Nägel, denn in der kommenden Woche erscheint der Schuhmacher auf dem Hof, oder sie brauchen Zeug zu einem neuen »Häs« (Anzug), weil der Schneider zu kommen versprochen hat.

So wanderten auch an jenem Sonntag die »Wibervölker« zuerst und die »Mannsvölker« zuletzt zu den Toren der Reichsstadt hinaus.

Die Magdalene war allein durchs obere Tor in die Vorstadt gegangen, aber zunächst nicht den Schottenhöfen zu. Draußen vor dem Städtle, rechts dem Talweg und am linken Ufer des Talbaches, liegt die Wallfahrtskapelle der Mutter Gottes zur KettenIn den Türkenkriegen hatte einst ein Schmiedgeselle aus dem Breisgau, der als Gefangener in der Türkei schmachtete, seine Zuflucht zur Mutter Gottes von Zell genommen. Am anderen Morgen lag er in der Nähe seines Heimatdorfes samt der Kette, an die er gefesselt war. Im Triumph führte ihn das Volk nach Zell, wo er die Kette der Mutter Gottes anhing. Seitdem heißt die Wallfahrt »Maria zur Ketten«.. Diesem Gnadenort lenkte das Maidle von Mühlstein seine Schritte zu, um Hilfe zu suchen bei Maria, der Trösterin der Betrübten.

Noch vor wenig Wochen, am Feste Mariä Himmelfahrt, zu dem alle Buren und Bürinnen und alle »Völker« im mittleren Kinzigtal strömten und bei dem die Harmersbacher Reichsburen mit ihren bewaffneten Rotten Spalier bildeten, war die Magdalene heiter und glücklich, einen »Kräuterbüschel« in der Hand, in diesem Heiligtum gewesen.

Der Guardian der Kapuziner von Hasle, Pater Marzellin, hatte gepredigt von den Leiden und der dadurch verdienten 43 Verherrlichung der Gebenedeiten unter den Weibern. In seiner Anwendung auf die Zuhörer und die Mühsale unseres Lebens hatte er davon gesprochen, daß wir Menschenkinder in diesem Tale der Zähren nicht lebten, um glücklich zu sein, sondern um zu leiden und zu dulden und dafür in einer besseren Welt den Lohn zu empfangen.

Das Maidle von Mühlstein hatte damals dem Pater Marzellin nicht geglaubt, daß wir hienieden unglücklich und elend seien; denn es war noch keine Stunde unglücklich und am letzten Himmelfahrtstage so lebensfroh gewesen wie die Berge und Täler und Blumen und Matten und Menschen, auf welche die Augustsonne rings um die Wallfahrtskirche ihre wärmsten Strahlen sandte.

Heute war das anders. Sie kniete nieder vor dem Gnadenbild, dachte an die Worte des Kapuziners und flehte weinend zur Mutter Gottes um Hilfe gegen des harten Vaters Willen oder um baldigen Tod. –

In den Höfen, an denen die Magdalene auf dem Heimweg vorüberzugehen hatte, saß alles beim Mittagessen; drum kam sie unbeschrien auf die Höhe. Unter des Vaters Hof stand von alters her ein Kruzifix. Sie blieb stehen, faltete die Hände und schaute stumm an dem »Mann der Schmerzen« hinauf. Tränen glänzten in ihren Augen. Sie sprachen mehr als ein Gebet.

Magdalene vor dem Kreuze

Die Herbstsonne sandte ihr mildes, friedliches Licht über Berg und Tal, tiefe Stille ringsum und hinab bis zum Talbach, und das unglückliche Maidle vom Mühlstein in seinem stillen Schmerz vor dem steinernen Feldkreuz – es hätte ein schönes Bild gegeben.

Daheim angekommen, fand sie ihr Mahl in der Küche, und sie aß es, wie seit dem Tag, da der Vater ihr den 44 gemeinsamen Tisch verboten, in Tränen, während die Mutter ihr predigte, vernünftig zu werden und den Vater nicht noch mehr zu reizen.

Dieser ging am Nachmittag, ziemlich ingrimmig, allein auf dem nächsten Weg durch den Wald hinab zum Hermesbur und teilte ihm mit, warum er ohne das Maidle komme, und versicherte ihn der baldigen Erfüllung seines Wunsches.

Der Ulrich bestand auf dieser Erfüllung, denn bereits überall in den zwei Tälern der Nordrach und des Harmersbaches war sein Brautritt bekannt geworden. Auch er glaubte mit dem Vogt, die Magdalene werde noch »gescheit werden« wie alle anderen, die bisher geheiratet. –

Und Hans, der Müller in der Rautschmühle? Er war am heutigen Sonntag, wie immer, in der Nordracher Kirche gewesen und hatte von der »Emporbühne«, auf der die ledigen Burschen Platz nahmen, vergeblich herabgeschaut ins Schiff der Kirche nach der Magdalene. Ihre Abwesenheit deutete er als ihr Einverständnis mit dem Besuch des Hermesburen am Nachmittag des vergangenen Sonntags. »Sie wolle«, sagte er sich, »von ihm nichts mehr wissen und spiele jetzt die Braut des reichen Buren. Er hätte das so schnell nicht erwartet; aber bei den Wibervölkern sei eben alles möglich.«

Verstimmt und in bitterer Resignation ging er nach dem Gottesdienst der Hütte seines Vaters zu. Er meinte, alle Leute sähen es ihm an, daß und warum er Weh im Herzen trage, und fürchtete ihren Spott.

Das Maidle auf Mühlstein aber war kein gewöhnliches »Wibervolk«. Vielleicht war es am Nachmittag des gleichen Sonntags, da der Hans schlimm über die Magdalene dachte, daß sie auf der Haldeneck jenes Lied dichtete und zum erstenmal sang, jenes Lied, das bis zur Stunde fortlebt bei den 45 Nachkommen ihres Vaters, deren einer mir es mitgeteilt, und das ich unverändert wiedergebe:

Auf dieser Welt gibt's keinen größern Schmerz,
Als nicht lieben dürfen, was liebt das Herz.

Zum Heiraten wollen sie mich zwingen,
Doch zur Liebe bin ich nicht zu bringen.

Sie sagen mir, meine Liebe sei ein Scherz;
Aber diese Liebe bricht mir noch das Herz.

Was ich versprochen, halt' ich fest und treu;
Will zeigen, daß kein Scherz es sei.

Meine Liebe habe ich längst vergeben
Und geb' sie einem nur in meinem Leben.

Man läutet mir mit silbernen Glocken;
Ich aber will keinen als des Öler-Joken.

Sie sang fortan dieses Lied täglich vor sich hin, so oft sie allein war. Und während der Hans in seiner Mühle in unliebsamen Gedanken sich erging, sang die Magdalene auf Mühlstein ihm das höchste Loblied. Aber sie sann auch noch auf anderes, – wie sie mit dem Hans zusammenkommen und ihm ihre Lage erzählen könnte.

Ehe die Woche zu Ende, war sie auch mit diesem Gedanken im reinen und die alte, gute Marianne als Helfershelferin gewonnen. Und als am kommenden Sonntag der Hans wieder über den Kirchplatz durch das Gedränge sich hindurchdrücken wollte, »zupfte« ihn jemand an seinem »Schoben«. Es war die alte Marianne. Sie bedeutete ihm, mit ihr hinter die Kirche zu kommen.

Zwischen modernden Grabkreuzen, die an der Kirchenmauer lehnten, sagte sie hastig: »Hans, einen schönen Gruß von der Magdalene, und du sollst heute nachmittag um fünf Uhr in den 46 Wald kommen im Stollengrund, oberhalb des Stollenhofs. Da wirst du das Maidle treffen.«

Hans wollte, freudig überrascht, noch mehr wissen; aber die Alte beschwichtigte ihn mit den Worten: »Hinter der Kirch', auf dem Gottesacker, schwätzt man nicht weiter von solchen Sachen. Ich hätte dir an dem Platz gar nichts gesagt, aber ich fürchtete, die Leute hätten es gesehen, wenn wir vor der Kirche, vor dem Wirtshaus oder auf der Straße miteinander geredet, und wenn der Vogt dahinter käm', müßt' ich zum Hof hinaus. Du wirst's erwarten können bis heute nachmittag, und jetzt ›Behüt' Gott‹, und komm g'wiß, sonst ist mir das Maidle bös. Und es ist wirklich übel genug dran, ich will's nicht auch noch kränken.«

Sie huschte hinter der Kirche hervor und eilte talab dem Grafenberg und Mühlstein zu. Der Hans wanderte stillvergnügt, aber nachdenklich talauf. Die Mariann' hatte ihm in ihren letzten Worten genug gesagt.

Seine Naturseele fühlte es doch auch, wie wohl es tue, von einer anderen Seele, die einem nahe stand, nicht vergessen und verraten zu sein.

Doch schmeckte ihm das Mittagessen heute nicht. Selbst dem Vater Öler-Jok, der sich sonst um das Tun und Treiben seiner Buben wenig kümmerte, wenn sie nur an der Arbeit ihre Pflicht taten, fiel es heute auf, daß der Hans »etwas Besonderes im Schilde führen müsse«.

Unter dem Vorgeben, er müsse in der Rautschmühle was nachsehen für morgen, machte Hans sich am Nachmittag von seinen Brüdern und des Vaters Hütte los. Hinter der Mühle führte der Weg dem Stollengrund zu, und schon um vier Uhr stand der Hans an der bezeichneten Stelle im dichten Tannenwald.

Die Stunde bis fünf Uhr dauerte ihm und seinem pochenden Herzen eine Ewigkeit in dem stillen Wald. Nur der Hahn 47 drunten im Stollenhof krähte bisweilen herauf, und der Hirtenbub, der über ihm im Reutfeld die Schafe hütete, sandte von Zeit zu Zeit einen einsamen »Juchzer« den Wald herunter.

Endlich rauschte es unter den Tannen, vom Mühlstein und von der »Flacken«Die »Flacken« heißt ein bebautes Bergfeld zwischen Wäldern oberhalb Nordrach; als ob die Kultur hier aufflackern wollte, um gleich wieder vom Walde erstickt zu werden. Nur gen Mühlstein hinüber bleibt's waldlos. her. Hans ging dem Rauschen entgegen, und bald sah er die schlanke Gestalt der Magdalene eilenden Schrittes auf sich zukommen.

Sie reichte ihm die rechte Hand und fing laut an zu weinen. Dann erzählte sie schluchzend alles, was sie in den vergangenen vierzehn Tagen erlebt, wie der Vater sie dem Hermesbur versprochen und sie erklärt habe, ihn nicht zu wollen, wie hart sie seitdem behandelt werde, wie sie täglich ihr Brot in Tränen in der Küche essen müsse. und wie sie lieber sterben wolle, als mit einem anderen Mann zu leben denn mit ihm, dem Hans.

Dieser war ebenso glücklich über des Maidles Treue als vernünftig in dem, was er zu ihr jetzt sprach. »Magdalene«, meinte er, »als ich dich am letzten Sonntag in der Kirche nicht gesehen, glaubte ich, du hättest mich, deinen alten Sing- und Tanzkameraden, leichten Herzens mit dem Hermesbur vertauscht. Daß du mich nicht vergessen, tut mir wohl, und daß du so viel um meinetwillen leidest, mir weh. Aber schau – wie ich schon früher gesagt, wir zwei können nie zusammenkommen. Ich hab' nichts Eigenes und kann auch nichts kaufen. Dein Vater gibt nie sein Jawort, – und wenn wir ihm zum Trotz beieinander bleiben, geht er zum Reichsschultheißen nach Zell und dann heißt's: ›Man steckt des Öler-Joken Hans einmal ein paar Jahre unter die Soldaten, und unterdessen wird ihm sein Herumziehen mit ehrbaren Bauerntöchtern schon vergehen.‹

48 »Drum, Magdalene, ist's wohl am besten, wir scheiden, ehe sie uns mit Gewalt trennen. Bleib mir gut, wie ich dir, bis zum letzten Stündlein.

»Ich will dafür sorgen«, sprach er bewegt weiter, »daß du mich nicht immer wieder unter den Augen hast, und dann wirst du mit der Zeit dich mehr vergessen und in die Heirat schicken – und eine angesehene Bäuerin geben auf dem Hermeshof.«

»Hans«, schluchzte das Maidle, »ich kann nicht, – und wenn du mich gern hättest, könntest du nicht so reden. Du brichst mir vollends das Herz.«

»Du wirst es noch erleben, wie gern ich dich habe«, erwiderte der Hans; »aber wie es vor Gott und der Welt recht ist, können wir nie zusammen leben, und zusammen sterben dürfen wir nicht. Und daß dein Vater dich fort und fort quäle und martere um meinetwillen, täte mir weher, als wenn ich dich als Bäuerin auf dem Hermeshof sehen müßte.«

»Wenn ich auf den Hermeshof muß«, antwortete die Magdalene, »dann kannst du mich bald besuchen drunten ›unter den Eichen‹ – auf dem Zeller Gottesacker.«

Sie griff bei diesen Worten nach Hansens beiden Händen und fing aufs neue bitterlich zu weinen an. Hans weinte mit ihr.

Abschied im Walde

Der Abendwind rauschte in den Tannenwipfeln und warf kalte Oktoberluft durch die Zweige. Der Hirtenbub auf dem Reutfeld fuhr jauchzend dem Stollenhof zu, nicht ahnend, daß unfern von ihm zwei Unglückliche weinten. –

Es dunkelte stark im Tannenwald. Vereinzelt ertönte der unheimliche Ruf der Nachtvögel. Hans mahnte das Maidle zur Heimkehr und zur Befolgung seines Rates: »'s ist Zeit für dich, Mühlstein zuzugehen; es wird finster im Wald. Ich begleite dich noch bis zur ›Flacken‹; dann bist du auf dem Wald heraus, und ich gehe den ›Dobel‹ hinunter.«

49 Hand in Hand, stumm und still, gingen sie waldaufwärts. In der einen Hand trug die Magdalene ihr »Fazzinettli«Taschentuch, von dem italienischen fazzoletto, weil Italiener als Hausierer die ersten Taschentücher auf den Schwarzwald brachten. und trocknete von Zeit zu Zeit ihre Tränen.

Auf der Flacken fand der Abschied statt. Das Maidle konnte nichts mehr sagen vor Weinen, als der Hans sprach: »Behüt' dich Gott und folge mir. Es wird mir leichter ums Herz, wenn du dem Vater nachgibst, als wenn ich dich in täglicher Not und Plag weiß. Behüt' dich Gott, und wenn wir auch nicht mehr zusammen gehen und zusammen singen und nie mehr zusammen sein dürfen, wollen wir uns doch nicht vergessen.«

Nach diesen Worten ging der Hans rasch dem Dobel zu. Das Maidle kämpfte vergebens mit der versagenden Stimme, und mit dem Strom von Tränen wurde das Fazzinettli auch nicht mehr fertig. Sie nahm die Schürze vor ihr weinendes Gesicht, setzte sich nieder, wo sie stand, und ließ ihren Tränen den Lauf.

Als sie wieder aus der Schürze aufblickte, war der Hans im Dobel verschwunden. Es nachtete auch auf der lichten Flacken. Langsam schritt Magdalene der Haldeneck zu. Über den Vogtshof erklang es bald darauf leise mit weinerlicher, zitternder Stimme:

Man läutet mir mit silbernen Glocken;
Ich aber will keinen als des Öler-Joken.

Das Maidle hatte sich auf der Haldeneck vollends ausgeweint, und ihr Lied war ihr Trost. 50

 

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