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Der Vogt auf Mühlstein

Heinrich Hansjakob: Der Vogt auf Mühlstein - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Vogt auf Mühlstein
authorHeinrich Hansjakob
year1921
firstpub1895
publisherHerder
addressFreiburg i. Br.
titleDer Vogt auf Mühlstein
pages99
created20140622
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2.

Es kam der Herbst. Die Scheunen auf dem Hermeshof waren von unten bis oben angefüllt mit den Früchten der Erde. Auf den Höhen über dem Hof vergoldete die Sonne die gilbenden Buchenwälder des Hermesburen, während unten im Tal die Herbstnebel über die Matten sich lagerten.

Jetzt dachte der Bur daran, ehe es einwinterte auch wieder eine Frau auf den Hof zu bringen, aber eine stolze, junge, schöne, wie sie dem reichen Besitzer auf dem Hermeshof geziemte.

Die eben genannten Eigenschaften besaß weithin nur die Tochter des Vogts auf Mühlstein, und seit der Nordracher »Kirwe« hatte der Ulrich in Lindach die Magdalene endgültig als seine Braut erkoren. Er wußte nur zu gut, daß sie seit Jahr und Tag mit dem Öler-Hans gesungen hatte und gegangen war; aber das genierte ihn keinen Augenblick.

Er hatte als lediger, reicher Bauernsohn seinerzeit auch »Bekanntschaft gehabt« mit einer Taglöhnerstochter in Lindach und sie nicht geheiratet, ohne daß das »Maidle« sich grämte.

So was war ja schon oft vorgekommen ringsum in Berg und Tal, daß zwei »einander gern hatten«, wenn's aber auf Heiraten ging, auseinander kamen, weil man in der Regel »nach dem Hof« heiratet und nicht »nach der Liebe«.

Solange man jung und ledig ist in den Tälern und Bergen des nördlichen Schwarzwaldes, sucht man seinen »Gegenstand« mit dem Herzen; wenn es sich aber um die lebenslängliche Versorgung handelt, werden, wie schon oben angedeutet, Mann und Weib gesucht mit dem Verstand – das ist alte, bewährte Bauernpraxis.

Drum dachte sich der Hermesbur die Trennung des Hans und der Magdalene nicht so tragisch, sattelte am Mittag des 23 ersten Sonntags im Oktober 1784 seinen schönsten Gaul und ritt gen Mühlstein.

Es wäre durch seinen Wald hinauf am nächsten gewesen zum Vogt, aber dann hätte der Ulrich zu Fuß gehen müssen, und das hätte sich für einen Freier von seiner Sorte nicht gut geschickt. Deshalb machte er den weiten Umweg durch Zell über den HambeAbkürzung für Harmersbach. und die Schottenhöfe – zu Pferd.

Der Turmwächter am oberen Tor zu Zell wunderte sich, daß der Hermesbur einen seinem Hof so entgegengesetzten Weg ritt, und meinte: »Hermesbur, habt Ihr den Weg verfehlt? Da hinaus geht's nicht nach Lindach, und zum St. Galli-Märkt in Oberharmersbach ist es auch noch zu früh!«

»Ich hab' ein Geschäft in den Schottenhöfen«, erwiderte kurz der Ulrich und ritt zum Tor hinaus.

Aber der stattliche Freier hatte noch manche Frage zu bestehen; denn von Zell bis in den Hambe, wo das Hambächle von den Schottenhöfen herabrinnt, standen, wie heute noch, verschiedene Wirtshäuser an der Straße, und da es Sonntagnachmittag war, saßen in allen mehr oder weniger Reichstalbauern und Bekannte des Hermesburen.

Da rief es in allen Redensarten zu den Fenstern heraus: »Wohin, Hermesbur? Seid Ihr auf der Suche nach einer Hochzeiterin? Wollt Ihr nicht ankehren?«

Der Ulrich kam sich vor wie einer, der Spießruten laufen muß, trieb seinen Gaul immer schärfer an den Weinschenken vorbei und war herzlich froh, als er den »Adler« im Hambe und damit das letzte Wirtshaus und die letzten Zurufe hinter sich hatte.

Ein gar stilles, weltabgelegenes Tälchen führt vom »Adler« aufwärts zu den Schottenhöfen und weiter hinauf zum 24 Mühlstein. Nur selten trifft man von unten her ein Haus oder eine Mühle.

Während der Ulrich siegesgewiß tief unten den schmalen Weg am Bächlein hin sein Rößlein trieb, saß die Magdalene auf der Höhe über dem Hofe ihres Vaters.

An Sonn- und Feiertag-Nachmittagen ist es für die Leute auf den abgelegenen Berghöfen ziemlich einsam. Ins Wirtshaus im Tal drunten ist es zu weit, und oft liegen auch die Nachbarhöfe zu weit ab. Darum geht zur Sommers- und Herbstzeit alles in die freie Natur; die Jugend singt und sinnt vom Berg ins Tal hinab, und der Bauer und die Bäuerin wandern an Feld und Wiese hin und schauen, »wie es wächst und gedeiht«.

So saß heute auch die Magdalene mit den Mägden droben über dem Vogtshof auf der »Haldeneck«, wo sie über Berge und Täler wegsah bis hinab zum Rheinstrom und wo es sich gut singen und gut sinnen ließ.

Es war an jenem Oktobertage besonders schön auf der Haldeneck. Die Blätter des großen Buchenwaldes, der vom Hermeshof bis zur Höhe zog, waren goldig, und die lichten Föhren des Waldes gen Nordrach hinunter glänzten wie verklärt in den milden Strahlen der Herbstsonne, und über der ganzen weiten Natur lag echter Sonntagsfriede.

Nur in dem »Dobel«, der vom Grafenberg heraufzieht, hielten die Raben eine Herbstversammlung, und ihr Gekrächze klang unheimlich in die sonstige Stille.

»Ich weiß nicht«, sprach zu des Bauern Tochter die Marianne, eine alte Magd, die schon auf dem Vogtshof gewesen, da die Magdalene auf die Welt kam – »das Geschrei der Vögel im Dobel drunten will mir gar nicht gefallen. Das bedeutet nichts Gutes. Als deine Großmutter krank lag, bin ich auch einmal 25 da oben gewesen an einem Sommertag, und die Vögel haben auch so wüst getan, und in jener Nacht ist sie gestorben.«

Sie hatte diese Worte kaum gesprochen, als vom Hof herauf der Hirtenbub gelaufen kam und, da er die »Wibervölker« erblickte, schon von weitem rief: »Magdalene, du sollst gleich heimkommen, der Hermesbur ist beim Vater und bei der Mutter!«

»Der kommt gewiß«, sagte hastig die Marianne, »und will beim Vater um dich anhalten, Magdalene. Diesmal bedeuten die Vögel Glück und nicht Unglück.«

»Herr Jeses!« rief erschrocken die Magdalene, »Unglück verkünden sie und nichts anderes«, und sie sprang wie ein gescheuchtes Reh in den Föhrenwald hinein und verschwand. –

Mitten im Walde, eine gute halbe Stunde vom Mühlstein entfernt, liegt in einer Mulde, Stollengrund genannt, der Stollenhof. Bis hierher eilte durch Dickicht und Tannengrün das Mädchen, von Angst und Schrecken gejagt. Die alte Bäuerin auf dem Stollenhof war seine »Göttle«Taufpatin.. Zu der flüchtete sie und klagte ihr Leid: Der Hermesbur sei auf Mühlstein und werde wohl um sie anhalten; sie wolle ihn aber nicht und lasse sich auch nicht sehen.

Und als die Alte staunte, ob sie denn ihr Glück verscherzen wolle, der Hermesbur habe den schönsten schuldenfreien Hof weit und breit und sei ein rechtschaffener Mann – da rief das aufgeregte Patenkind: »Und wenn er so reich wär' wie der Prälat im Kloster drunten und so brav wie der Einsiedler auf dem Josephsbergle bei Gengenbach, ich könnt' ihn nicht gern haben.«

»Dumm's Maidle«, sagte ruhig die Stollenbäuerin, »bei uns Landvolk heiratet man nicht nach dem Gernhaben. Ich hätte vor vierzig Jahren, als wir Hochzeit machten, den Knecht 26 auf dem Rautschhof auch lieber gehabt als den Bur im Stollengrund; aber ich hab' den Bur doch genommen und hab's nie bereut. Wenn man einmal geheiratet ist und zu sorgen und zu denken hat, so vergehen einem die Possen der Jugend von selbst. Und so wird's dir auch gehen. Sei also g'scheit und nimm den Hermesbur. Er ist zwar viel älter als du, aber das gibt die besten Ehen, wenn ein älterer Mann ein junges Maidle heiratet. Und das Sprichwort sagt: ›Beim a Alte isch man guat g'halte.‹«

»Ich hab'«, fuhr die Göttle fort, »schon öfters gehört von den jungen Völkern auf unserem Hof, daß du mit des Öler-Joken Hans tanzest und singest. Aber vom Tanzen und Singen ist man nicht versorgt, sondern auf einem guten Hof, und zu einem Hof kommt der Hans seiner Lebtag nit.«

Die Magdalene hatte, mit den Bändern ihrer Sonntagsschürze spielend und vor sich niederschauend, die praktische Verstandespredigt der alten Bäuerin angehört. Jetzt schaute sie auf, und mit ihren dunkeln Augen die Büre fixierend, sprach die Sängerin: »Göttle, wenn Ihr so schwätzt, dann wißt Ihr nicht, was Liebe heißt, und habt es nie gewußt. Ich sag' Euch nur, ich kann den Hermesbur nicht heiraten, und wenn man mich zwingt, gibt's ein Unglück. Und Ihr und der Vater und die Mutter werden dann erst begreifen, daß die Liebe keine ›Posse‹ ist, wie Ihr meint.«

»Ich bin jetzt fünfundsechzig Jahre alt«, antwortete die Göttle, »und hab' viele junge Maidle im Tal gekannt. Die jungen Bürinnen auf dem Schnaitberg, auf dem Hasenberg und im Bärhag sind meine Göttlekinder gewesen; aber keine hat solche Komödie gemacht wie du und von Liebe geredet, wenn es sich ums Heiraten gehandelt hat. Aber auf dem Mühlstein ist immer etwas Besonderes gewesen. Dein Vater hat schon 27 oft gesagt, dort wachse der beste Buchweizen und der schönste Hanf. Und du bist eben scheint's auch besonders geartet und anders als die anderen Maidle.«

»Göttle«, erwiderte die Magdalene, »der Mühlstein ist der höchste Hof. Er ist dem Himmel und der Sonne näher als die anderen, darum gedeiht auch vieles besser als im Tal drunten und im waldigen Stollengrund. Und wenn ich als, wie heute, auf der Haldeneck über des Vaters Hof sitze und singe, Berge und Täler unter mir, so glaube ich oft, ich sei glücklicher und hätte mehr Recht als andere Maidle. Und drum will ich auch das Recht, nur einen zu heiraten, den ich von Herzen gern habe.

»Unsere alte Magd, die Marianne, hat mir oft erzählt von jenem Edelfräulein, das da oben wohnte und welches einem armen Knecht, der ihm gefiel, alles schenkte. Gewiß sind in jener Zeit auch vornehme Herren im Lande gewesen, die das Edelfräulein heiraten wollten; es hat aber den Knecht vorgezogen. Und so ist mir auch des Öler-Joken Hans ohne Haus und Hof lieber als der reiche Hermesbur.«

»Behüt' uns Gott!« rief die Alte, die Hände zusammenschlagend. »Jetzt will sich das Maidle gar mit einem Edelfräulein vergleichen, das macht, was es will! Nun, dein Vater wird dir schon den Meister zeigen. Ich aber will beten für dich, daß der ›böse Geist‹ von dir weiche.«

»Ja, Göttle«, sagte ruhig die Lene, »und ich will auch beten in der Wallfahrtskapelle der Mutter Gottes zur Ketten im Tal drunten, damit mich ein baldiger Tod erlöse von der Qual, wenn der Vater mich zwingt auf den Hermeshof.«

Die beiden waren allein in der Stube. Der Stollenbur war drunten im Dorf, er hatte mit dem Schmied zu reden, und die »Völker« waren drüben beim »Waldhans«, dessen Häuschen über dem Stollengrund im Walde stand.

28 Die Stollenbüre sah bald ein, daß sie ihr Göttlekind nicht bekehren könne, und da sie sonst eine gute Frau war und es ebensogut mit der Magdalene meinte, ließ sie mit ihrem Zureden und ihren Vorwürfen nach. Sie lud das Mädchen ein, mit ihr eine Milchsuppe – Kaffee gab es damals noch keinen – zu Abend zu essen und sich dann auf den Heimweg zu machen.

Die Magdalene wollte möglichst spät heimkommen, damit Vater und Mutter zur Ruhe wären und ersterer seinem Unmut über ihre Flucht nicht am Abend noch Luft machte.

Sie konnte sich nicht denken, daß die Marianne den ersten Zorn abgewandt hatte. Dieser alten Person kam – vom natürlichen, feinen Gefühl des Weibes geleitet – bei der Flucht der Magdalene gleich eine Ahnung, diese sei geflohen, weil sie den Hermesbur nicht wolle. Es kam ihr auch alsbald in Erinnerung, daß des Öler-Joken Hans die Magdalene schon öfters am Grafenberg herauf begleitet und sie, die Marianne, schon oft vom »schönen Singen« der beiden gehört hatte.

Auch ein einfältiges Weiblein ist in solchen Lagen weit schlauer und gefaßter als der gescheiteste Mann. So war auch der Plan der alten Magd alsbald fertig. Dem Hirtenbub, der als Postillon d'amour so schlechten Erfolg gehabt, bedeutete sie, nichts zu sagen von dem Verschwinden der Magdalene, den Bericht an »den Bur« aber ihr zu überlassen.

Sie wanderte nun mit dem Buben von der Haldeneck dem Hof zu, und hier angekommen, meldete sie dem Bur, »'s Maidle«Wenn auf einem Hof nur eine einzige Tochter ist, heißt sie in der Regel nur »'s Maidle«. sei den Nachmittag über mit ihr auf der Haldeneck gesessen und dann, wie schon oft, zur Göttle in den Stollengrund hinabgegangen und werde, wie gewöhnlich, zum Abend daheim sein.

29 Diese Botschaft traf den Vogt am Stubentisch, wo er mit dem Hermesbur bei Speck und Kirschenwasser saß. Die Bäuerin trug eben noch eine Platte voll »eingeschlagener Eier« auf.

Die drei waren bereits einig. Der Vogt hatte, als der Hermesbur gegen den Hof ritt, schon geahnt, was dieser wolle, und der Ulrich nach seiner Ankunft auch nicht lange hinter dem Berg gehalten. »Geschwätzwerk« und einleitende Redensarten sind nicht Mode bei rechten Bauern.

Ebensowenig ließ es der Vogt auf die Anfrage des Hermesburen, ob er seine Tochter »haben könne«, an kurzer, prompter Antwort fehlen.

Wenn zu sogenannten gebildeten und kultivierten Eltern ein Freier kommt, auf den sie schon längst gehofft und gewartet haben und der ihnen hochwillkommen ist, so bringen sie doch in der Regel noch allerlei verlogene Redensarten vor von Bedenkzeit und Überlegung. Auch müssen sie noch »das Herz« der Tochter fragen, selbst wenn sie wissen, daß diese hundertmal ja sagt und ebenso von Herzen froh ist, wie die Alten selbst, daß endlich einer gekommen, der Versorgung bietet.

Der Vogts-Toni antwortete ehrlich und kurz: »Hermesbur, ich kenne Euch und Euern Hof. Ich gebe meine Tochter nicht jedem, aber Ihr seid mir der rechte Mann, Ihr sollt sie haben.« Die Bäuerin wurde aus der Stubenkammer gerufen und ihr die Sache ebenfalls mitgeteilt. Auch sie gab ihren Beifall; alle drei reichten sich die Hände, und damit war's abgemacht.

Im ganzen Reichs- und Klostergebiet des Kinzigtales hätte sich keine Bauerntochter gefunden, die mit der Abmachung nicht höchlich einverstanden gewesen wäre. Drum war vom »Maidle« nur die Rede, um sie dem Freier vorzustellen und ihr die fertige Tatsache mitzuteilen.

30 Als die Marianne mit der Botschaft kam, das Maidle sei bei der Göttle, änderte das an der Sache selbstverständlich nichts. Der Vogt äußerte nur: »Das hat nichts zu sagen. Am nächsten Sonntag bring' ich die Lene hinunter auf den Hermeshof ›zur Beschau‹.

»Es wäre zwar unnötig«, fügte er hinzu, »Euern Hof zu beschauen, aber 's ist einmal so Mode, und das Maidle soll auch sehen, wo es hinkommt.«

All dessen war der Ulrich baß zufrieden. Der Vogt schlug ihm nun vor, sein Pferd durch einen Knecht hinabführen zu lassen bis zum »Adler« im Hambe, und dann wolle er ihn zu Fuß bis dorthin begleiten. Sie könnten so unterwegs noch über die Sache weiterreden.

Während beide bergab und das Tälchen der Schottenhöfe hinausschritten, teilte der Mühlsteiner dem Hermesbur mit, wie er »im Vermögen stehe«. Sein Hof sei schuldenfrei, beim Klosterschaffner in Gengenbach habe er zehntausend Gulden zum Verzinsen stehen, und der Adlerwirt im Hambe habe auch noch tausend Gulden von ihm. Er werde dem Maidle tausend Gulden bar, einen Hausrat und dreihundert Ellen Leinwand mitgeben.

Der Ulrich beichtete alsdann auch dem zukünftigen Schwiegervater, daß er außer seinem großen, schuldenfreien Hof noch siebentausend Gulden Kapital auf der »Papiere« (Papierfabrik) in Zell und auf der Fabrik in Nordrach stehen habe und die Magdalene jedenfalls bei ihm »ungesorgtes Brot« esse. Es wäre ihm aber lieb, wenn die Hochzeit in Bälde stattfände, noch vor Eintritt in die Adventszeit; denn er wolle eine »lustige Hochzeit« haben, und man solle in den Tälern und auf den Bergen wissen und merken, daß der Hermesbur des Klostervogts Tochter heirate.

31 Unter diesen und ähnlichen Reden kamen die zwei Klosterbauern hinab ins Reichstal Harmersbach, in dessen Mitte der »Adler« stand.

Es war noch an der Zeit, zwischen Tag und Dunkel, und es saßen die dem »Adler« zunächstwohnenden Bauern noch beim Wein und Kartenspiel: der Schreilesbur, der Herrenbur, die Bauern auf dem Hippersbach und Kürnbach. Unter den letzteren der Lunzenbur Gabriel Breig, damals noch in seiner Glanzperiode als Bauernkönig.

Er hatte heute einen guten Tag und schimpfte nicht über die »Herren«. Nur als der Klostervogt eintrat mit seinem zukünftigen Schwiegersohn, konnte er sich nicht enthalten, dem Vogt das Glas entgegenstreckend zuzurufen:

»Grüß Gott, Muser-Toni! Du bisch bigott der einzig Herr in unseren Tälern, vor dem ich noch Respekt habe. Die anderen sind luter Schnidersg'selle!«

Die Gesinnungsgenossen Breigs, lauter echte Reichsbauern und keine halben wie die Nordracher, stimmten laut lachend zu.

»Heut gibt's noch einen Extratrunk«, rief der Schreilesbur. »Denn ich wett', der Hermesbur isch als Hochziter auf dem Mühlstein gsi (gewesen). Drum isch er so stramm do vorbeig'ritten.«

»Kannst recht haben«, schmunzelte der Ulrich. »Und 's kommt jetzt auch auf ein paar Maß nicht an.«

Da gab's erst Leben in der Stube. Alle gratulierten dem Vogt und dem Hermesbur und freuten sich, wieder einmal »eine rechte Hochzit« mitmachen zu können.

»Aber«, warnte der Vogt boshaft, »ihr Harmersbacher dürft nur zur Morgensupp' auf den Mühlstein kommen, von der Hochzit in Zell werdet ihr wegbleiben müssen. Der Gabriel zum vorweg, aber auch die anderen, weil ihr dabei waret, als 32 die Harmersbacher die Stadt überfallen und den Breig geholt haben.«

»Was?« rief der Bauernkönig. »Ich und die Unterharmersbacher gehen schon lange wieder nach Zell. Wir sind jeden Sonntag dort in unserer Pfarrkirche, wo wir hingehören. Und wenn die Zeller uns die Kirche verwehren wollten, käme der Prälat hinter sie, denn der ist doch ihr Hauptherr, der setzt ihnen den Schultheißen und den Pfarrer.

»Die Zeller sind aber auch sonst schon lange wieder froh, daß wir Talburen kommen und ihre Bratwürste und Wecken essen und ihren Wein trinken. Also wir kommen zur Hochzit. Zum ›Schäpelhirschen‹Eine Art Polterabend; siehe in meinen »Wilden Kirschen« das Kapitel »Der Hosig«. schicken wir unsere ›Völker‹, und zur Morgensupp' werden wir ›Hambacher Buren‹ auf Mühlstein sein und dann mit hineinreiten nach Zell. Die Zeller sollen auch wieder einmal sehen, was eine rechte Bauernhochzit heißt, und daß wir ›Bure‹ andere Kerle sind als die armseligen Reichsbürgerle an ihren Backtrögen, Hobelbänken und Webstühlen.«

»Aber ein paar Maß müßt ihr zwei jetzt zahlen. Seitdem ich im Gefängnis in Zell auf Langeweile getrunken habe, bin ich meineidig durstig geworden.«

»Du hast halt immer ein böses Maul, Breig«, erwiderte der Vogt, »aber ein KaibSchlauer, gewandter Mensch. bist du doch. Also es bleibt dabei, ihr Hambacher reitet mit auf dem Kirchgang. Und jetzt, Adlerwirt, Wi her für die durstigen Reichsburen.«

Der Mond schaute schon ziemlich lange über den Nillwald ins Harmersbacher Tal, als die Bauern sich trennten. Der Vogt ging mit seinem Knecht, der des Hermesburen Gaul 33 herabgeführt und tapfer mitgetrunken hatte, spät durch die Schottenhöfe hinauf dem Mühlstein zu.

Dort hatte sich indes auch eine Unterredung zwischen der Bäuerin und der alten Marianne abgespielt. Diese war gleich nach dem Weggang der beiden Bauern wieder in die Stube gekommen und hatte der Mutter den wahren Vorgang auf der Haldeneck erzählt und die Flucht der Magdalene begründet mit dem Hinweis auf des Öler-Joken Hans.

Der Vögtin ging jetzt »ein Licht auf«. Sie hatte ja schon vor Jahr und Tag von den jungen »Völkern« gehört, daß der Hans mit der Magdalene singe und tanze, aber diesem Bericht wenig acht gegeben und, wie wir oben schon erwähnt, es nicht der Mühe wert gehalten, den Vogt auf Dinge aufmerksam zu machen, die im Kinzigtal noch nie einer ernsten Heirat Hindernisse bereitet hatten.

Sie hoffte alles von des Vaters Ernst und beschloß, diesem am Abend noch, gleich nach seiner Heimkehr, Kenntnis zu geben von des Maidles Flucht von der Haldeneck und von deren Ursache.

Die Marianne aber sandte sie der Magdalene entgegen, dem Stollengrund zu, damit diese bei der Heimkehr sich nicht mehr sehen lasse und den Sturm auf morgen erwarte.

Mitten im Wald traf die Alte das Mädchen, teilte ihm mit, wie sie den Vater schlau beschwichtigt und nur der Mutter alles erzählt habe. Sie redete ihm auch zu, doch keine Närrin zu sein und durch Neinsagen den reichen Hermesbur auszuschlagen und des Vaters Zorn heraufzubeschwören. Sie sei ja »sein Augapfel«, seine einzige Tochter, und diese wohlversorgt zu sehen, seines Alters Trost.

»Mein Vater«, sprach aufgeregt das Maidle, »hat gut reden. Er muß ja den Hermesbur nicht heiraten, er sieht nur auf den Hof; ich aber kann mit keinem Mann leben, den ich nicht mag. 34 Das hab' ich der Göttle schon gesagt, die geradeso geschwätzt hat wie du.«

Die Marianne schwieg. Sie hatte schon oft gesagt: »Unser Maidle ist wie ein Edelfräule«, und getraute sich demgemäß aus Respekt vor der Magdalene nicht weiter zu widersprechen.

Auf Mühlstein angekommen, schlichen beide in die Kammer, in der die Tochter des Hauses mit den Mägden schlief.

Es war totenstill auf dem Hof, als der Vogt heimkam. Selbst der Hund schwieg, denn er kannte den Herrn von weitem am Schritt und an der Stimme. Man hörte nur den Brunnen unter dem großen Strohdach des Hofes eintönig seine Wasser in den Trog rollen.

Alles schien in tiefem Schlaf. Doch zwei Seelen wachten im Hause, die Mutter und die Tochter. Die erstere wollte, wenn der Bauer heimkäme, ihm noch beichten, was sie versäumt – des Maidles Neigung zum Öler-Hans. Sie wollte es heute noch tun, um einerseits ihr Gewissen zu entlasten, das ihr Vorwürfe machte über ihr Schweigen, und um anderseits den Vater zu unterrichten, falls das Maidle am Morgen widerspenstig wäre.

Warum die Magdalene keine Ruhe fand, brauchen wir nicht zu erklären. Wie ein Blitzstrahl war der Hermesbur in ihr Singen, Hoffen und Träumen hineingeritten, da er am verflossenen Nachmittag auf seinem Braunen dem Mühlstein zutrabte.

Aber noch eine Seele schlief nicht in jener Nacht. Es war der Hans. Tief unten im Tal, unter dem Stollengrund, unweit von des Öler-Joken Strohhütte, stand und steht heute noch eine Mühle. Sie gehörte zu den Rautschhöfen und mahlte für die Bauern, die auf den Höhen ringsum saßen.

Der Hans fungierte zeitweilig, d. h. wenn das Bächlein Wasser hatte und die wenigen, aber begüterten Bauern Mehl brauchten, als »Mühlarzt«. Dies tat er auch an jenem 35 Oktobertag. Die Ernte, selbst der Hafer, war eingeheimst, und es drängte alles nach Mehl, aber der Bach hatte, wie alljährlich um diese Zeit, wenig Wasser.

Wenn's dann einmal einen Tag tüchtig geregnet hat und die Wässerlein von den Bergen und auf den Wiesentälern herabsickern, werden schnell die Mühlen »angelassen«, und es wird gemahlen Tag und Nacht, solange die Wässerlein fließen.

Da gibt's kein Warten. Und so hatte unser Hans auch am Sonntagnachmittag seine einsame Mühle laufen lassen und mußte und wollte die Nacht »durchmahlen«.

Er hatte eben – es war gegen zehn Uhr – wieder frisch »aufgeschüttet« und wollte sich auf seinen Laubsack legen im Stüblein ob dem Mahlgang, bis das Glöcklein ihn wecken und ihm den »Leerlauf« ankündigen würde, als ihm draußen eine Stimme zurief: »So, Hans, bist auch noch am G'schäft?«

Der Mond war hinter dem waldigen Rautschkopf über der Mühle aufgegangen, und Hans konnte den Rufer auf dem Weg leicht erkennen. Es war der »Rumme« (Roman), der Oberknecht auf dem unteren Rautschhof, sein Freund und Mitsänger.

Ehe er ihn fragen konnte, woher so spät – rief ihm der Rumme wieder zu: »Hans, jetzt ist's ausgesungen mit des Vogts Magdalene. Der Hermesbur ist heute auf Mühlstein geritten und hat um sie angehalten. Sein Knecht, der Isidor, ist den Abend im Dorf oben gewesen und hat mir's gesagt. Hab' mit ihm in der ›Stube‹ einen Schoppen getrunken.«

Menschen auf dem Volke, Naturkinder, Schneeballen, haben in der Regel gute Nerven, sind nicht so empfindsam wie die Kulturmenschen und geraten darum bei Ereignissen und Mitteilungen, die das Gemüt bewegen, nicht leicht auf der Fassung.

So ging es zuerst auch dem Hans, dem die Neuigkeit des Rumme zudem nicht ganz neu war.

36 »Ich wünsch' dem Hermesbur Glück«, rief er bitter auf das mondhelle Sträßchen hinunter. »Er wird wohl nicht umsonst anhalten beim Vogt. Der Hermesbur hat einen schönen Hof, und da wird's nicht fehlen. Ich hab' schon vor ein paar Wochen von der Sach' gehört durch den Toni, den Sägerknecht am Grafenberg. Aber die Magdalene dauert mich.«

»Und du dauerst mich auch«, meinte der Rumme, »denn das wär' a Maidle für dich gsi. Schon wegen eurem schönen Singen hättet ihr zwei zusammengehört.«

»Es haben schon viele zusammen gesungen«, erwiderte kurz der junge Müller, »und sind nicht zusammengekommen. Doch jetzt gute Nacht, Rumme, komm gut heim.«

»Gute Nacht, Hans; ich käm' noch ein wenig zu dir hinauf, und wir hätten eins gesungen – einen Schnaps wirst auch noch haben –, aber 's wird dir heute nimmer singerig sein.«

Nach diesen Worten ging der Rumme der Rautsch zu.

Der Hans schloß sein Fensterlein und legte sich auf seinen Laubsack. Es war ihm in der Tat nicht mehr singerig zumute; aber auch der Schlaf war fort, fort für die ganze Nacht. Das Mühlenglöcklein brauchte ihn nicht zu wecken, und als in der Frühe der Hirtenbub vom Hof herabkam und ihm das Frühstück brachte, Kartoffelsuppe und Bibeliskäs, da hatte der arme Hans noch »kein Aug' voll« geschlafen. Das Weh war mit jeder Stunde der Nacht heftiger geworden. 37

 

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