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Der Vogt auf Mühlstein

Heinrich Hansjakob: Der Vogt auf Mühlstein - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Vogt auf Mühlstein
authorHeinrich Hansjakob
year1921
firstpub1895
publisherHerder
addressFreiburg i. Br.
titleDer Vogt auf Mühlstein
pages99
created20140622
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1.

Zwei Stunden unterhalb meiner Vaterstadt Hasle mündet in das Tal der Kinzig das des Harmersbachs, ein Waldtal, das fast bis zu seiner Mündung rechts und links hohe, langgestreckte Tannenberge begleiten, an deren Gehängen stolze Bauernhöfe zerstreut liegen.

Tal und Bach tragen ihren Namen von einem fränkischen Adeligen Hademar, in dessen Besitz einst beide gewesen sind.

Einer der höchstgelegenen Höfe auf der rechten Seite des Harmersbaches in der Mitte seines Tales ist das große Bauerngut »auf Mühlstein«. Ein enges Seitentälchen führt hinauf zu diesem Hof.

Mühlen gibt's dort oben keine, kaum so viel Rieselwasser von der nahen Bergspitze herab, daß Mensch und Vieh sich tränken können, auch keine Steine, die zu Mühlsteinen sich eignen. Wohl aber stand dort oben unfern des heutigen Hofes einst, wie das Volk jetzt noch erzählt, ein »Schloß«. Und in dem Schloß saß vor alten Zeiten ein alemannischer freier Mann, dem die leibeigen gewordenen Keltenbauern drunten im kleinen Tale dienstbar waren, und denen er wie seinen Stammesgenossen an der Malstätte, die ein großer Stein bezeichnete, Recht sprach. Ans dem Malstein haben die Bauern späterer Jahrhunderte den ihnen mundgerechteren »Mühlstein« gemacht.

Im 4. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung waren die Alemannen den Rhein hinaufgedrungen, hatten die Römer verjagt und die Kelten zu Knechten gemacht oder in die tiefsten Täler der Gebirge zurückgetrieben.

Soweit es schön war und fruchtbar, setzten sich die Eroberer selbst nieder. Und schön ist's im Kinzigtal und in seinem großen 2 Seitentale, dem Harmersbacher, erst recht schön aber oben auf dem Mühlstein.

Nicht gar lange saßen die Alemannen als Herren im Kinzigtal, als ein Stärkerer über sie kam in Gestalt fränkischer Herzoge.

Der Frankenherzog Arnulf, ein Enkel Pipins von Heristal, brachte um das Jahr 712 diesen Teil Alemanniens unter seine Herrschaft, und es mag von da ab ein fränkischer Edelmann auf jener Höhe gesessen sein und auf Mühlstein Recht gesprochen haben.

»Seine Enkelin«, so erzählt heute noch der kundige Bauer, »habe als die letzte ihres Geschlechts allein auf dem Schloß gewohnt. Dieses Edelfräulein habe eines Tages mit einem ›Spektive‹ ins Tal hinabgeschaut und drunten drei Bauernknechte auf einer grünen, grünen Wiese mähen sehen. Der mittlere von ihnen sei ein so schöner Bursche gewesen, daß sie ihn aufs Schloß kommen ließ und ihm ihre Güter, in sechs großen Bauernhöfen bestehend, schenkte.«

Deutsch wird das wohl heißen sollen: die Erbtochter des letzten fränkischen Herrn fand Gefallen an einem schönen, jungen Knecht und schenkte ihm ihr Herz und ihre Habe, indem sie ihn zu ihrem Mann und zum Burgherrn erkor.

»Der habe«, so sagt das Volk weiter, »bei seinem kinderlosen Ableben sein Besitztum dem Kloster Gengenbach hinterlassen, wo er Christ geworden sei.«

Geschichtlich wissen wir, daß der Sohn des Franken Arnulf, Herzog Ruthard, durch irische Glaubensboten, d. i. durch aus Schottland und Irland gekommene Benediktinermönche – die deshalb vielfach nur »Schotten« hießen – das Heidentum unter den Alemannen der Mortenau, wie damals noch der Gau hieß, auszurotten suchte.

3 Er gründete das Kloster Gengenbach für die genannten Mönche, und diese bekehrten wohl auch den frau- und kinderlosen Herrn auf Mühlstein, der dann sein Gut an dies Kloster vergabte.

Die sechs Höfe existieren heute noch und tragen heute noch den Namen »Schottenhöfe«.

Jenseits des Berges, auf dem die Burg stand, in südwestlicher Richtung, lagen im Nordracher Tal, in Lindach und am Bäumlisberg, noch fünf weitere Klosterhöfe. Diese elf Höfe zusammen bildeten das ganze spätere Mittelalter hindurch bis zur Klosteraufhebung im 19. Jahrhundert das einzige freie Mönchsgut in diesem Teile des Kinzigtales. Ringsum waren unmittelbar oder mittelbar reichsfreie Bauern.

Die alemannisch-fränkische Burg ist längst vom Erdboden verschwunden. Nur die Namen »Schloßacker« und »Schloßbrunnen« erinnern heute noch an sie. Wo aber der Malstein einst gestanden, da ließen die Klosterherren von Gengenbach auch den Sitz ihrer Gerichtsbarkeit. Sie vereinigten ihre Klosterhöfe in eine Vogtei und machten den Bauer, der sich im Lauf der Zeit beim Malstein niedergelassen hatte, zu ihrem geborenen »Vogt auf Mühlstein«.

Unter dem Krummstab wohnten die elf Bauern weit besser als die stolzen Reichsfreien rings um sie herum. Sie ließen den Zehnten auf dem Felde liegen, wo das Kloster ihn holte, lieferten von jedem Hof jährlich einige Hühner ins Kloster und liehen dem Abte vierzehn Tage im Jahr ihre Pferde hinunter nach Gengenbach, damit er dort die Klostergüter bebauen lassen konnte. Und der »gnädige Herr« sandte ihnen jeweils ihre Gäule wohlgenährt, mit neuen Hufeisen und neuem Geschirr zurück.

Und was sie an barem Gelde dem Gotteshaus zu geben hatten, das zahlte ihnen, wie es sprichwörtlich war, »der 4 Verkauf eines alten Geißbocks an den Klostermetzger«, so wenig war es.

Für all das waren sie Herren auf ihren Höfen; in Feld und Wald gehörte aller Ertrag schuldenfrei ihnen. Und der Klostermetzger kaufte ihnen zudem alles feile Vieh fürs Kloster ab. Er nahm es, so erzählten mir die alten Bauern, wenn es nur noch laufen konnte. Den Preis machten Metzger und Bauern bei Speck und Kirschenwasser ab, und das Kloster bezahlte ihn.

Kam ein Klosterbauer hinab ins Stift, so war er Gast an der Tafel und brauchte im Städtle Gengenbach keinen Schoppen zu trinken, wenn er nicht wollte.

Das war die gute alte Zeit, von der an Winterabenden die alten Leute in den Schottenhöfen heute noch reden und Vergleiche ziehen mit der Jetztzeit und ihren Domänenverwaltungen und Steuereinnehmereien, Vergleiche, deren Einzelheiten ich weglasse, um die Poesie der alten Zeit nicht zu stören und noch weniger die Poesie dessen, was ich jetzt erzählen will.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts saß auf Mühlstein ein Vogt namens Anton Muser, ein Mann nach alter deutscher Art, groß und stark und rauh am Leibe und stark und rauh im Herzen, treu ergeben seinem Abte, ein Freund und Ratgeber seiner Mitbauern und ein besorgter, aber strenger Vater. Hart gegen sich selbst, mutete er auch anderen etwas zu. Unermüdlich in der Arbeit, war er hierin ein Vorbild den Seinigen und den übrigen Klosterbauern.

Wenn er nach Gengenbach geritten kam in seinen kurzen, schwarzen Lederhosen und seinen hohen Kalblederstiefeln, seinem langen, schwarzgefärbten und rotgefütterten Flachsrock, da speiste er mit dem Prälaten, und der Vogt von Mühlstein war bei den zwei letzten Äbten Jakob Trautwein und Bernhard Schwörer ein gerngesehener Mann.

5 Als ihm 1774 der Sturm in einer Herbstnacht sein Haus zerstörte, baute er es auf eigene Kosten so groß und massiv wieder auf, daß die andern Schottenhöfer glaubten, was er gesagt, er baue ein Schloß. Darum sieht man heute noch seinen Hof weithin leuchten, nicht bloß ob seiner Lage, sondern auch seiner Stattlichkeit halber. Die Planzeichnungen für die Zimmerleute hatte er selber so flott entworfen, daß fortan, wenn ein Bauer seiner Vogtei etwas zu bauen hatte, er den Vogt um einen Plan bat.

Er arbeitete im Felde für zwei Knechte, und die Leute sagten von ihm, er »zwinge« in einem Tage einen halben Morgen Feld allein.

Der Vogt hatte auf diese Art bald das schönste Haus, den bestbestellten Hof, das schönste Vieh und das meiste Geld in diesem kleinen Klosterstaat. Aber der »Vogts-Toni«, wie die Bauern ihn nannten, hatte noch etwas, und das war das Allerschönste – seine einzige Tochter neben vier Söhnen. Des Vogts Magdalene war das schönste Mädchen im ganzen Kloster- und Reichsgebiet ringsum.

Schöne Vögel singen in der Regel schlecht oder gar nicht, und bei den Menschenkindern findet man vielfach etwas Ähnliches. Die Mädchen, so am schönsten singen, sind meist körperlich häßlich, und die schönen können in der Regel nur krähen.

Des Vogts Magdalene war eine Ausnahme. Sie war bildschön und sang wunderschön. In jener guten alten Zeit wurde unter unserem Landvolk noch viel mehr gesungen als heutzutag. Es ist daran viel »die Kultur« schuld, die allerlei Lumperei ins Volk gebracht, so das viele, viele Wirtshaussitzen bei den »Mannsvölkern«, und die »Maschine«, welche die Spinnräder abgeschafft und die Spinn- und Singstuben der »Wibervölker« aus unseren Schwarzwaldhöfen vertrieben hat.

6 Auch aus anderen Gründen ist unserem Landvolk das Singen vergangen. Der Bauersmann kämpft heute vielfach mit Schulden und bureaukratischen Plackereien, und wenn's dem Vater und der Mutter nicht »singerig« zumute ist, so mag die Jugend auch nicht singen.

Unsere Zeit hat zudem kein einziges anständiges Lied aus dem Herzen des Volkes hervorgebracht, während aus den vergangenen Jahrhunderten zahllose auf uns gekommen sind. Das Volk wird eben aus dem Naturkind immer mehr zum Kulturmenschen gemacht, und drum schwinden in ihm Natur, Poesie und Gesang.

Früher war das anders, besonders bei den Schottenhöfer Bauern und ihren reichsunmittelbaren Nachbarn in Nordrach und Harmersbach. Denen war's ums Singen. Keine Schulden und wenig oder gar keine Abgaben. Da lebte der Bauer noch »wie der Vogel im Hanfsamen«, hatte dazu, wie ein Vogel, wenig Bedürfnisse, und die konnte er nach Herzenslust stillen.

Wenn jene Bauern drunten in der Reichsstadt Zell im »Hirschen« oder im »Löwen« oder in ihren Walddörfern Nordrach und Harmersbach in den Wirtshäusern »zur Stube« eine Hochzeit hielten, da wurde nicht nur getrunken und gegessen und getanzt, sondern auch gesungen, besonders von den »Ledigen«. Und wenn des Vogts Magdalene dabei war, da scharte sich alles um sie, denn sie sang wie eine Nachtigall, und jung und alt hörte ihr bewunderungsvoll zu.

Zum schönen Singen, sagt der Bauer, müssen es aber zwei sein. Da lag drüben über dem Berg, auf dessen Morgenseite der Hof auf Mühlstein sich erhebt, ziemlich weit oben im Nordracher Tal, eine stille Strohhütte am Weg, der vom Obertal zu Dorf und Kirche Nordrach führt.

7 Ihr Besitzer hieß Jakob Öler vulgo Öler-Jok. Der hatte drei Söhne, alle drei gute Sänger, der beste aber war der Hans, auch sonst ein »netter Kerl« und ein braver, frischer Bursche. Wenn des Öler-Joken Hans mit Vogts Magdalene »in der Stube« zu Nordrach ein Duett sang, da wurde auch des rauhesten Bauern Herz bewegt. Und oftmals weinten die Leute vor Rührung über den schönen Zwiegesang.

Aber die zwei sangen nicht bloß andern Leuten, sondern auch sich selbst ins Herz hinein. Und zwischen dem Hans und der Magdalene schloß sich gar bald ein Herzensbund, der dem Gesang entsprossen war und den die Lieder immer wieder neu befestigten.

Der Mühlstein gehörte, wie alle Schottenhöfe, in die Pfarrei Zell. Seine Bewohner hatten aber näher nach Nordrach, darum gingen sie regelmäßig dort hinab in Kirche und Wirtshaus. So sahen sich der Hans und die Magdalene nicht nur an Hochzeits-, sondern auch an allen Sonn- und Festtagen. Und wenn der alte Vogt nicht um den Weg war, begleitete der Hans manchmal die Magdalene ein Stück weit bergauf gen Mühlstein.

Und lustig singend und jodelnd sandte er ihr noch weithin seine Grüße nach, wenn beide sich am »Stollengrund« verabschiedet hatten.

Die Mägde von Mühlstein, welche mit der Tochter in die Kirche gingen, hatten es der Vögtin längst verraten, warum die Magdalene immer etwas später und allein heimkehre.

Die Mutter hatte aber dem Vogt weiter nichts gesagt, weil Bauer und Bäuerin in jenen Tälern nicht viel einzuwenden haben, wenn die Tochter den oder jenen Burschen gerne sieht und bisweilen mit ihm tanzt und geht. Wenn's einmal Ernst gilt, das Mädchen zu verheiraten, so machen die Eltern den Hof aus, wo die Tochter hin soll, und die folgt in der Regel 8 ohne jedes Herzweh, und der verabschiedete Liebhaber und der auserwählte Bräutigam duellieren sich deswegen nicht.

Das Landvolk aus dem Schwarzwald ist in diesen Dingen. wie wir in den »Wilden Kirschen« schon erzählt, viel vernünftiger als das gebildete Publikum in den Städten mit seinem sogenannten Ehrgefühl und seinem sentimentalen Liebeskummer.

Flammt's aber einmal in einem Naturherzen auf, so ist es kein Strohfeuer, wie bei den blasierten Kulturmenschen, sondern ein verzehrendes Feuer, das tötet – aber nie und nimmermehr durch Selbstmord, wie es bei den sogenannten »besseren und gebildeteren« Ständen so oft der Fall ist.

So ging es dem Hans und der Magdalene, vorab aber der letzteren. Sie beide gehörten zu den Ausnahmen im Liebes- und Herzensleben des Landvolkes. Darum sollte ihre Liebe auch tragisch enden.

Manches Jahr war ins Tal gegangen, seitdem des Öler-Joken Hans und des Vogts Magdalene als die besten Sänger galten, und seitdem der Hans das Mädchen an Sonntagen nach dem Kirchgang begleitete am Grafenberg hinaus gen Mühlstein.

Wenn sie auch bisweilen vom Heiraten redeten, so wurde es ihnen doch angst und bange bei diesem Thema, denn wohin sollten sie heiraten? Der alte Öler-Jok hatte drei Buben, und der Hans war der »mittlere«, also ohne Aussichten, das kleine Gut des Vaters zu bekommen, und auf Mühlstein waren Buben genug, da kam die Herrschaft an kein »Maidle«. Und als Knecht und Magd zu heiraten, das ging nicht. Es war damals noch nicht Mode, daß Leute heirateten, die kein eigenes Heim hatten.

Alle Höfe und Taglöhnergütchen ringsum waren in festen Händen und hatten sichere Erben. Zu kaufen gab es also auch nichts.

Hofgut Mühlstein

9 Oft sprachen sie im Walde, den der Heimweg der Magdalene durchzog, von der Hoffnungslosigkeit ihrer Liebe, die gerade wegen dieser Hoffnungslosigkeit immer stärker wurde. Und wenn der Hans bisweilen meinte, sie, die Magdalene, werde als Tochter des Vogts und als das schönste Mädchen im Kirchspiel schon »Hochziter« genug finden, und es werde Tag und Stunde kommen, wo sie ihn verlassen müsse, ihn, den Sohn des Kleinbauern am Talbach, er wolle aber dann nicht »vor ihr Glück stehen« und gerne zurücktreten, – so wollte der guten Magdalene das Herz brechen vor Weh.

So kam der Sommer des Jahres 1784 und mit ihm, wie alljährlich, die Zeit der Kirchweihen.

Bis zur Stunde haben die ehemaligen freien Reichsbauern im Harmersbacher und im Nordracher Tal und mit ihnen die Klosterbauern in den Schottenhöfen, in Lindach und Bäumlisberg ihre eigenen Kirchweihen und damit eine Reihe von festlichen Tagen.

Am zweiten Sonntag im August findet die Kirchweih in Entersbach statt, am letzten die in Nordrach, am ersten Sonntag im September in Oberharmersbach und am zweiten die in Unterharmersbach.

Da kommen die verwandten und bekannten Bauern aus all den Bergen und Tälern sich gegenseitig zu Gast auf die Höfe, wo herrliches Essen und Trinken, alles in Hülle und Fülle, aufgetragen wird; eine Reihe von Gängen, von der Nudelsupp' bis zum Kalbsbraten und vom Apfelmost bis zum Zeller Roten.

Weil gegenseitig eingeladen wird, so haben die meisten Bauern auf diese Art viermal im Jahr Kirchweih.

Und während die älteren Leute auf den einzelnen Höfen tafeln und gegen Abend erst ins Wirtshaus kommen, beginnt bei der Jugend der Tanz schon am hellen Nachmittag.

10 So war auch 1784 am letzten Sonntag im August die Kirchweih zu Ehren des heiligen Udalrich in Nordrach.

Man konnte da wohl fragen: Wer zählte die Völker alle, die hier zusammenkamen? Wie wir aus den »Wilden Kirschen« wissen, nennt der Kinzigtäler Bauer seine Dienstboten seine »Völker«. Und zahlreiche Völker wohnten im Nordracher Tal auf Kühlmorgen, auf dem Schrofen, auf dem Hasen- und Grafenberg, auf Schnaitberg, Rabenfels, Mühlstein, auf der Flacken, auf dem Helgenbühl, im Wolfs-, Lichter- und Stollengrund, im Bärhag und in der Rautsch. Sie zogen, diese Völker und mit ihnen die Söhne und Töchter der Bauern, an jenem Tage aus all diesen Bergen, Weilern und Höfen nach Nordrach in die »Stube« zum Tanz. Später rückten die reichsfreien Bauern nach.

Da die Nachbarn auf anderen Kirchspielen, wie schon gesagt, auch erschienen, so kamen zur Udalrichskirchweih nach Nordrach namentlich auch die Bauern, welche an der unteren Nordrach wohnten und nach Zell ins Kirchspiel gehörten, so die von Lindach, Bäumlisberg, Neuhausen und »unter den Eichen«.

Von diesen war der angesehenste der »Hermesbur«Hermesbauern, Hermeshöfe und Hermeswälder gibt es im Kinzigtal eine größere Anzahl in verschiedenen Gebirgstälern. Das Wort hängt wohl mit Harm in Harmersbach zusammen und waren diese Güter einst, wie bereits erwähnt, im Besitz eines Hademar oder Heriman. von Lindach, Ulrich Faißt. Sein Hof lag auf einem Hügel unweit der Talstraße in Lindach und zeigte schon äußerlich durch Lage und Bauart, daß da der reichste Bauer des unteren Tales wohne. Seine Waldungen erstreckten sich hinauf bis zum Mühlstein, und drunten an der Nordrach verarbeitete eine stattliche Säge seine Hölzer für Straßburg, und eine lustige Mühle mahlte das Mehl für den Bauer und seine vielen »Völker«.

11 Wenn der Hermesbur nach Gengenbach oder Offenburg geritten kam, so fand er bei allen Wirten eine höflichere Aufnahme als viele seiner Standesgenossen, eben weil er der reiche Hermesbur von Lindach war.

Zur Zeit, da er nach Nordrach hinaufritt zur Kirchweih, war er Witwer, aber ein rüstiger, schöner Mann trotz seiner dreiundfünfzig Jahre. Sein Weib hatte im vergangenen Frühjahr das Zeitliche gesegnet, und im Tal sprach man bereits wieder vom Hochzeitmachen auf dem Hermesberg, und bald die, bald jene Tochter des Landes ward als Braut genannt, und die guten Freunde des Hermesburen fragten ihn bei jedem Schoppen, den er auswärts trank, ob er »noch keine habe«.

So saß am Kirchweihtag zu Nordrach der Ulrich vom Hermeshof in der »Stube« und neben ihm seine zwei Gutsnachbarn, die Bauern vom Bäumlisberg und Grafenberg, der letztere ein Nordracher Reichsbauer. Droben im zweiten Stock war der Tanzsaal und die Trinkstube der jungen »Völker«.

Zu allen Fenstern drang ihr Jubel herab und herein zu den Bauern. Da auf einmal ward es oben still, und aus der Stille klang ein Duett. »Der Öler-Hans singt wieder mit des Vogts Magdalene«, meinte der Bäumlisberger. Und alles lauschte, die oben im Tanzsaal und die unten in der Stube.

Als der Gesang geendet hatte und das Lärmen und Sprechen wieder weiterging, stieß der Bauer vom Grafenberg mit dem Hermesbur an und sprach: »Ulrich, wenn ich dich wär' und eine Hochzeiterin suchte, müßte mir des Vogts Magdalene bald singen auf dem Hermeshof.«

»Das mein' ich auch«, fiel der vom Bäumlisberg ein, »auf den schönsten Hof in der Klostervogtei Mühlstein gehört auch das schönste Maidle.«

12 Der Hermesbur schmunzelte vor sich hin und sprach: »Des wär' der dümmst' Streich noch lange nicht, wenn der Hermesbur beim Vogt um seine Tochter anhalten tät'. 's ist gerade acht Tag', da hab' ich's selber denkt.

»Der Klostermetzger von Gengenbach war bei mir auf dem Hof. Er hat ein fettes Stück gesucht. Sie haben nächstens des Prälaten WahltagDer jährlich wiederkehrende Wahltag des Abtes ist in Klöstern ein Festtag. Der damalige Abt hieß Jakob Trautwein. im Kloster. Von mir ist der Metzger durch meinen Wald hinauf zum Vogt, um ihm vom Klosterschaffner etwas auszurichten. Weil es gerade Sonntagnachmittag war, hab' ich ihn begleitet auf Mühlstein.

»Auf der Höhe unter den Tannenbäumen saß des Vogts Tochter mit den Mägden, und die Maidle sangen wie die Engel im Himmel. Da ist mir auch der Gedanke gekommen: Des Vogts Maidle gäb' eine für dich.

»Der Klostermetzger sprach auch davon und wollte gleich mit dem Vogt ›anbinden‹. Ich hab's ihm aber noch verwiesen. Ihr zwei seid also nicht die ersten mit dem Heiratsplan.«

»Aber«, rief vom Tisch nebenan der Bauer von der unteren Rautsch, welcher die Sache mit angehört, »des Vogts Lene geht und singt ja schon Jahr und Tag mit des Öler-Joken Hans, und die zwei sollt' man beisammenlassen!«

»Zwischen des Öler-Joken Hans und dem Hermesbur«, entgegnete der Grafenberger, »ist ein Unterschied wie zwischen dem Kaiser in Wien und dem Nachtwächter in Zell. Und wenn der Hermesbur die Lene will, kann der Hans zur Hochzeit kommen und zuschauen, wie der Ulrich sie heimführt.«

Eben hatte sich die Türe von der Straße her geöffnet, und der Vogt von Mühlstein war in seiner ganzen Größe 13 eingetreten. Er war droben im Bärhag im »Anker« gewesen und wollte jetzt noch einen Schoppen in der »Stube« mitnehmen, ehe er den Berg hinanschritt; denn zum Reiten, was sonst allgemein Übung war in jenen Zeiten unter den Bauern des Kinzigtales, war der Weg zu schlecht und zu steil.

»Wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt«, rief ihm der Bäumlisberger zu. »Grad' haben wir von Euch gesprochen, Vogt, und jetzt steht Ihr da.«

»Wenn's nur was Gutes war«, meinte der Klostervogt und setzte sich zu den Kollegen.

»Vom Besten haben wir geschwätzt«, antwortete der Bäumlisberger, der heute, am Kirchweihtag, einen Schoppen mehr genommen hatte, »vom Heiraten Eurer Tochter.«

»Meine Magdalene«, erwiderte der Alte vom Berg, »ist mir nicht billig feil. Da muß schon ein rechter Bur kommen, bis ich ja sage.«

»Der recht' Bur sitzt neben Euch«, rückte der Bäumlisberger heraus, »der Hermesbur, der wird wohl recht sein. Was meint Ihr, Vogt? Und von dem haben wir eben diskurriert.«

Das gesunde Gesicht des verratenen Hochzeiters wurde röter als gewöhnlich, und noch ehe der Mühlsteiner geantwortet, rief er: »Vogt, der Bäumlisberger hat ›Kirwewi‹ im Kopf und schwätzt mehr, als er weiß und soll.«

Der Vogt, ein ernster Mann, der schon merkte, wo der Hase lief, meinte kurz und gut: »Im Wirtshaus verhandle ich mein Maidle nit. Wer etwas will, soll auf meinen Hof kommen. Und damit basta. Wir reden jetzt von etwas anderem.«

So schloß der erste Angriff auf den Hans und die Magdalene, und wenn nicht beide eben wieder ihren Zwiegesang in die untere Stube gesandt hätten, wäre nicht weiter von ihnen gesprochen worden. So aber konnte der angeheiterte 14 Bäumlisberger es sich nicht versagen, ihr Lob zu singen mit den Worten: »Die zwei singen schöner als die Nachtigallen«; worauf der Vogt zurückgab: »Laßt sie singen, solang sie jung und ledig sind, 's wird ihnen später von selbst vergehen.«

Es sollte ihnen in der Tat bald vergehen. –

Der Vogt erzählte nun, wie er auf nächsten Donnerstag nach Gengenbach geladen sei vom Oberschaffner, um am Wahltag zu gratulieren, was er gerne tue, denn der jetzige Prälat wäre ein Freund seiner Untertanen, weil er ein guter Haushälter sei und keine großen Ansprüche an seine Bauern mache.

»Ich ginge auch mit zum Gratulieren«, seufzte der Grafenberger, »aber nur wegen der Einladung zum Mittagessen; denn da gibt's jedenfalls vom besten Bermersbacher und Durbacher, und das tät' einem durstigen Talbürle auch einmal gut.«

»Ja«, rief der Bur auf der Rautsch, »und ich wollt' auch, wir Nordracher wären Klosterburen statt Reichsburen zweiter Klass'. Die Harmersbacher drüben, das sind rechte ›Kerle‹, die stehen direkt unter dem Kaiser; aber zwischen uns Nordrachern und Entersbachern und unserem Kaiser steht der Schultheiß von Zell, und jeder Zeller Wirt und Metzger meint, sie im Städtle wären unsere Herren. Und doch leben sie von uns und nicht wir von ihnen.

»Die Klosterburen haben doch noch einen rechten Herrn zwischen sich und dem Kaiser, der ladet seine Vögte zum Essen und Trinken ein, und jeder Bur, wenn er im Kloster was zu tun hat, bekommt seinen Schoppen und sein Stück Fleisch in der Klosterküch' oder am Klostertisch.

»Und Respekt vor den Gengenbacher Prälaten! Der Abt AugustinAugustin Müller, Abt von 1699 bis 1720. – mein Großvater hat es oft erzählt – hat den 15 Nordrachern helfen wollen, daß sie loskämen von Zell und rechte Reichsburen würden. Daß es nicht dazu kam, daran war die Gutmütigkeit und Dummheit der Bauern selber schuld.

»Und erst der Abt Benedikt, welcher in der Nordracher Fabrik vor einigen Jahren gestorben ist! Was hat der Mann an Verkehr ins Tal gebracht durch seine Glas-, Arsenik- und Pottaschefabrikation! Kommen nicht jeden Tag Fuhrwerke selbst von Paris her und holen von der neuen Farbe in der Fabrik hinten?«Der geniale Abt Benedikt Rischer von Gengenbach hatte in der Mitte des 18. Jahrhunderts die alte Glasfabrik des Klosters von Mooswald herunter in den äußersten Winkel des Nordracher Tales verlegt und eine Kobaltfabrik zur Herstellung der berühmten blauen Farbe, die unter dem Namen Smalte bekannt ist, neu gegründet. Auch Arsenik und Pottasche ließ er herstellen.

Das Kloster kam durch diese Unternehmungen in ziemliche Schulden. Die Mönche, denen der Abt auch sonst als ein strenger Herr vorkam, murrten. Da legte der große Mann seine Abtswürde nieder, zog sich in seine Fabrik zurück, neben der er ein Kirchlein gebaut hatte, und starb hier.

Das Kloster aber nahm nachmals aus seiner Gründung schweres Geld ein. Es war die alte Geschichte von großen und kleinen Geistern!

»So isch's«, fiel der Grafenberger ein. »Und das Allerschönste ist noch, daß der Prälat von Gengenbach doch eigentlich der Herr der Zeller und Nordracher Reichsfreiheit ist. Denn der Prälat setzt den Reichsschultheißen in Zell frank und frei, und die Zeller müssen es sich gefallen lassen. Die Harmersbacher Buren allein sind ›Kerle‹, die haben doch auch noch etwas zu sagen, wenn's auf Wählen ihres Reichsvogts geht!«

»Stubenwirt«, rief jetzt der Hermesbur, »zwei Maß Roten auf meine Rechnung, weil die Reichsburen uns Klosterburen auch noch was gelten lassen!«

»Gebt acht, ihr Reichsburen von Zeller Gnaden«, sprach sarkastisch und trocken der Klostervogt, »daß euch zwei die Zeller 16 nicht einmal abfangen wie den Gabriel Breig in Harmersbach, wenn ihr so wenig Respekt vor der Reichsstadt und so vielen vor dem Kloster habt.«

»Ja die«, höhnte der Grafenberger, »die fangen keinen Bur meh', seitdem die Hambacher Buren ihnen die Tor' eingeschlagen und den Breig herausgeholt habenÜber den »Bauernkönig« Breig siehe »Der letzte Reichsvogt« in »Schneeballen« I..

»Und i sag's noch amol, der Rautschbur hat recht. Die Zeller sind nichts als Schneider, Schuhmacher, Wirte und Krämer, die von den Buren leben; wir Buren aber, die alle schöne Höfe, Geld und Gut haben, sollen im Reich nur etwas gelten unter der Zeller Firma. Drum wollt' ich viel lieber Klosterbur als Reichsbur si.«

Bei diesen Worten ergriff er das Glas und stieß mit dem Vogt und dem Hermesbur und dem Bäumlisberger an und rief: »G'sundheit, ihr Klosterburen und der Prälat von Gengenbach sollen leben!«

»Ja«, sagte der Bäumlisberger stichelnd, »sie sollen leben, aber auch die zukünftige Hochzeiterin vom Hermesbur daneben.«

Ein Blick vom Vogt, mit dem er zuerst anstieß, genügte, um den Stichler von weiteren Anzüglichkeiten abzuhalten. –

Die Stiege zum Tanzboden mündete in die Stube, in der die Bauern saßen, und eben kamen, wie üblich, in einer Tanzpause die Spielleute herunter, um den nichttanzenden älteren Leuten eins aufzuspielen und dafür ein Trinkgeld zu verdienen. Sie gingen dabei von Tisch zu Tisch und machten jeder Tischgesellschaft ein besonderes Stück.

Als sie bei unseren Bauern gespielt hatten und im Begriff waren, wieder auf den Tanzboden zurückzukehren, rief der 17 Hermesbur: »Schickt eure Sänger einmal herunter, sie sollen uns auch etwas singen. Sagt nur, der Vogt von Mühlstein sei da und wolle sie auch hören!«

»Meinetwegen«, sprach der Vogt, »sie sollen kommen. Weil es heute Kirchweih ist, kann man sich auch etwas mehr gefallen lassen. Ich bin sonst kein großer Freund von dem Gesing und Gejodel.«

Der Wunsch von Magdalenens Vater bestimmte den Sängerbund, alsbald herabzukommen, obwohl er sonst keine Kunstreisen, wie die Musikanten, unternahm. Sie rückten an: die Magdalene und ihre Kamerädinnen und des Öler-Joken Buben mit ihren Freunden, stellten sich in der Mitte der großen Stube auf und sangen jene alten Volkslieder, die heute längst vergessen sind:

»Von Toggenburg Graf Heinrich kam«, »Schön Ulrich wollt' spazieren gehn«, »Graf Friedrich wollte wiben«, und jenes herrliche Lied, das da anhebt:

Es stand eine Lind' im tiefen Tal,
Wohl oben breit und unten schmal.

Diese Lieder wurden in Kompanie vorgetragen; aber jetzt gaben der Hans und die Lene jedes auch ein Solo zum besten. Der Hans sang lustig und keck:

Wenn alle Wässerlein fließen,
Soll man trinken.
Wenn ich mei'm Schatz nit rufen darf, ju ja, rufen darf,
So tu' ich ihm winken.

Winken mit den Augen
Und winken mit dem Fuß,
's ist eine in der Stuben, ju ja, Stuben,
Und die mir werden muß.

Warum soll sie mir nicht werden,
Denn ich seh' sie gern. 18
Sie hat zwei blaue Äugelein, ju ja, Äugelein,
Sie glänzen wie zwei Stern'.

Hatte er in schönem Bariton gesungen, so fing jetzt die Magdalene mit ihrer Silberstimme elegisch zu singen an:

Ach Gott, was müssen die leiden,
Die sich lieben und müssen meiden!

Und dürfen's auch niemand sagen,
Was Leids sie im Herzen tragn.

Ach Rosen rot, ach Blümlein weiß,
Du bist meines Herzens Paradeis.

Mein Herz, das hat dich auserkoren
Von allen Männern hochgeboren.

Dich hab' ich mir nun auserwählt,
Kein Schönrer mir im Herzen g'fällt.

Mein'n jungen Leib würd' ich verlieren,
Wenn ich einen andern für dich sollt' küren.

Ach Gott! Sollt' mir mein Herz nicht brechen,
Dich lieb haben und nimmer sprechen?

Das weiß schon längst der liebe Gott,
Herzliche Lieb' treibt keinen Spott.

Treu' und Glauben muß man halten fein,
Drum, bleibt mir hold und vergiß nicht mein.

Gesang in der »Stube« am Kirchweihtag

Als ahnte die Magdalene, was ihr und dem Hans bevorstand, so sehr paßte das alte Volkslied auf ihre Zukunft, und sie sang es wie das Schwanenlied ihrer ungetrübten Liebe, so innig und so tiefgefühlt, daß selbst der harte Vogt mit einer 19 Träne kämpfte. Der weinselige Bäumlisberger aber weinte wie ein Kind.

Der Hermesbur, der wohl merkte, daß das Lied der Magdalene nicht auf ihn »gespitzt« sei, wollte den »Protzen« zeigen, warf zwei Kronentaler auf den Tisch und sprach: »Das ist für die schönen Lieder, die ihr gesungen habt.«

Da trat der Hans vor an den Tisch und schob die Taler dem reichen Bauern wieder zu mit den Worten: »Hermesbur, wir singen nicht ums Geld, sondern zu unserem Vergnügen. Und wenn Euch unsere Lieder eine Freude gemacht haben, freut's uns auch; aber Geld nehmen wir keins.«

»Des Öler-Joken Buben sind stolz«. meinte der Ulrich vom Hermesberg; »sie verschmähen selbst die Kronentaler.«

»Ja«, rief jetzt die Sängerin Magdalene dem Hermesbur hinüber, »der Hans hat recht, wir sind keine Schnurranten und Musikanten, die ums Geld spielen und singen. Wir danken Euch, Hermesbur, aber bezahlen lassen wir uns nicht.«

»So, dann wirst du wenigstens einmal mit mir trinken«, entgegnete sauer lächelnd der Ulrich und streckte der schönen Vogtstochter sein Glas hin. Die Magdalene nahm das Glas, stieß mit dem Vater und den anderen Bauern an und trank dem Hermesbur wie üblich »Gesundheit« zu.

Eine weitere Maß Roten, die der Ulrich noch bestellte, trank der Sängerbund stehend mit den »Buren«Ich erinnere an das, was ich in den »Wilden Kirschen« schon gesagt, daß Bur (Bauer) im Kinzigtal stets einen Hofbesitzer bedeutet. und machte sich dann wieder hinauf auf den Tanzboden. Der Hermesbur schaute der Magdalene nach und dachte bei sich: »Die singt doch noch auf meinem Hof, und wenn sie nit singt, so schreit (weint) sie.«

20 Sein Entschluß, um sie zu freien, war gefaßt. –

Spät am Abend – der Vogt war schon längst zu Fuß den Berg hinauf der Heimat zu – ritten die drei Talbauern von der »Stube« in Nordrach weg: der Hermesbur, der vom Bäumlisberg und der Bur am Grafenberg.

Vor der Sägemühle des letzteren war der Scheideweg, der den Grafenberger links, den Bäumlisberger rechts zu seinem Hofe führte, während der Hermesbur noch ein Stück weiter die Talstraße hinab gen Lindach zu reiten hatte. Beim Abschied riefen die zwei anderen dem Ulrich noch nach: »Komm gut heim und geh bald Mühlstein zu, damit wir zur Hochzeit kommen können!«

»Es pressiert nit so«, erwiderte der Hermesbur. »Zuerst will ich meinen Haber und mein Öhmd noch in die Scheuer bringen. Und wenn dann einmal die Nebel ins Tal kommen, will ich Zeit nehmen zum Heiraten. Guat Nacht!«

Noch eine Weile hörte man die Hufe der Rosse, und dann ward's still im nächtlichen Tale bei der Mühle unter dem Grafenberg.

Aus der Mühle aber lauschte eine dunkle Gestalt noch in die Nacht hinein. Es war der Sägerknecht des Grafenbergers, der, früher als die übrige Jugend vom Kirchweihtanz heimgegangen, eben sich in seiner Holzkabine niederlegen wollte, als er die drei Bauern daherreiten und sprechen hörte. Er erkannte alle drei an der Stimme und vernahm den Wunsch der zwei bei der Mühle seitwärts Reitenden an den Lindacher: »Geh bald Mühlstein zu, damit wir zur Hochzeit kommen können.«

Der Sägerknecht, ein Kamerad des Sängers Hans, murmelte für sich hin: »So, jetzt weiß ich, wo's hinaus will. Das muß ich dem Hans sagen.«

21 Am nächsten Sonntag erfuhr der Hans durch den Säger-Toni vom Grafenberg, daß seine Ahnung, von der Magdalene einst lassen zu müssen, sich zu erfüllen drohte. Er schwieg aber, der brave Bursche. Er wollte dem Mädchen nicht das Herz schwer machen, bevor der Streich fiel, und lustig sangen und tanzten beide noch an den kommenden Kirchweihtagen in Ober- und Unterharmersbach. 22

 

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