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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/wallacee/smaragd/smaragd.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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8

Es war zwei Uhr nachts, als ein Taxi in der Severall Street, Lambeth, hielt, und Leslie Maughan müde ausstieg. Der Detektiv, den sie telefonisch aufgefordert hatte, sie dort zu treffen, wartete an der Straßenecke und eilte auf sie zu.

»Sie wollen zu Mrs. Inglethornes Haus? Es liegt gegenüber.«

Er ging auf die andere Seite der Straße und klopfte an einer Haustür. Er mußte erst zwei- oder dreimal das Klopfen wiederholen, bevor ein Fenster geöffnet wurde.

»Wer ist da?« fragte Peter Dawlish.

Er hatte kaum die Frage gestellt, als er Leslie Maughan erkannte.

»Ich werde in einem Augenblick unten sein.«

Aber bevor er erschien, kam Mrs. Inglethorne selbst. Sie sprach mit zitternder Stimme und war den Tränen nahe, als sie den Detektiv sah.

»Was wollen Sie denn nun schon wieder? Es ist niemand hier im Haus außer dem jungen Mann, der bei mir zur Miete wohnt, und der hat nichts auf dem Kerbholz – ein Polizist selbst hat ihn hierher empfohlen.«

»Diese Dame ist von Scotland Yard und möchte Ihren Mieter sprechen, Mrs. Inglethorne«, erklärte der Detektiv beruhigend. »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.«

»Mir keine Sorgen machen. Ich muß mich abschinden und mir die Finger bis auf die Knochen abarbeiten, während mein armer, alter Mann im Gefängnis sitzt – und dabei ist er so unschuldig wie ein ungeborenes Kind –«

In diesem Augenblick trat Peter Dawlish zu ihnen.

»Möchten Sie mich sprechen?«

»Kommen Sie bitte heraus und setzen Sie sich ein paar Minuten in meinen Wagen.«

»Gerne.«

»Ich möchte Sie noch um einen anderen Gefallen bitten. Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich diesen Polizeibeamten aufforderte, in der Zwischenzeit Ihr Zimmer zu durchsuchen?«

Eine Sekunde lang war er bestürzt.

»Aber ganz gewiß nicht. Warum denn? Wird irgend etwas vermißt?«

»Nein.« Sie wandte sich an den Detektiv und gab ihm mit leiser Stimme Verhaltungsmaßregeln. Der Beamte ging an der erschrockenen Hauswirtin vorbei die Treppe hinauf.

»Nun kommen Sie in meinen Wagen, Sie werden sich hoffentlich nicht erkälten?«

Er lachte nervös.

»Ich bin so erhitzt vor gerechter Entrüstung, daß ich einen Eisberg zum Schmelzen bringen könnte.«

Er stieg hinter ihr in den Wagen und schloß die Tür.

»Nun, was wollen Sie von mir, Miss Maughan?«

Sie sah ihn von der Seite an. Das Licht, das den Taxameter beleuchtete, warf seinen Schein in das Innere des Wagens.

»Was haben Sie heute den ganzen Abend gemacht?«

»Von welchem Zeitpunkt ab wollen Sie es wissen?«

»Von acht Uhr ab.«

»Ich war zu Hause. Ich habe heute morgen Arbeit bekommen – Adressenschreiben. Seit sieben Uhr habe ich geschrieben bis wenige Minuten vor Ihrer Ankunft. Zweitausend Adressen sind schon fertig. Daraus können Sie sich wohl ein Bild machen, daß ich für nichts anderes Zeit hatte. Ich habe die Kuverts und die Adressenlisten erst um halb sieben Uhr bekommen. Aber warum fragen Sie denn – was ist geschehen?«

»Druze ist tot.«

»Tot?«

»Ermordet. Seine Leiche wurde am Barnes Common zwischen drei Viertel zwölf und Mitternacht gefunden.«

Er pfiff vor sich hin.

»Das ist eine böse Sache. Wie wurde er denn getötet?«

»Er ist aus kurzer Entfernung erschossen worden.«

Er schwieg einige Zeit.

»Da Sie meine wilden Drohungen gehört haben, ist es ja natürlich, daß Sie mich verdächtigen. Kommen Sie, bitte, mit nach oben und sehen Sie sich die Kuverts an. Mein Schlafzimmer ist der einzige anständige Raum im ganzen Hause.«

Sie zögerte erst, dann öffnete sie den Wagenschlag.

Mrs. Inglethorne war betroffen durch all diese Ereignisse. Sie stand am Fuß der Treppe, hatte einen alten Ulster über ihren Schlafrock geworfen und beobachtete die beiden, als sie ohne weitere Erklärung nach oben gingen.

»Ich habe nichts in dem Zimmer gefunden, Miss Maughan«, sagte der Detektiv, bevor er Peter zu sehen bekam. »Nichts außer diesen Sachen.« Er wies mit der Hand auf den Tisch, der mit kleinen Kuverts bedeckt war, die sorgfältig in einzelne Pakete zusammengebunden waren.

Leslie lächelte.

»Sie hätten mir nicht zu sagen brauchen, daß Sie hier gearbeitet haben, Mr. Dawlish. Man glaubt in einen Rauchsalon zu kommen.«

Der Zigarettenrauch füllte noch das Zimmer, obwohl die Fenster weit geöffnet waren. Die Schachtel, die sie ihm geschickt hatte, stand auf dem Tisch und war schon halb leer.

»Ich bin ein wenig verschwenderisch gewesen«, entschuldigte er sich. »Aber die Versuchung war zu groß.«

Der Detektiv zögerte noch an der Tür. Offensichtlich wußte er nicht, ob er Miss Maughan in dieser Umgebung allein lassen durfte.

»Ich danke Ihnen, ich werde in ein oder zwei Minuten nach unten kommen«, sagte sie und enthob ihn dadurch der Verantwortung für ihre Sicherheit.

Sie setzte sich auf das Fußende des Bettes und legte den Arm über den Bettrand. Dann schaute sie Peter an, der kaum wiederzuerkennen war. Er war nun glattrasiert, was ihm sehr gut stand. In seiner Haltung lag eine gewisse Spannkraft, die Leslie ganz neu war. Und obwohl er beinahe dreißig Jahre alt war und soviel erlebt hatte, sah er noch jung und frisch aus. Die Tatsache, daß sie soviel von seiner Vergangenheit wußte, viel mehr als er jemals ahnen konnte, machte die Nachforschungen für sie so interessant.

Eine heisere Stimme rief sie plötzlich von unten an.

»Würden Sie eine Tasse Tee trinken, Miss?«

Peter Dawlish sah Leslie lächelnd an.

»Sie kann wirklich guten Tee kochen«, sagte er leise.

»Ich würde gern eine Tasse nehmen«, erwiderte Leslie.

Peter ging leise die Treppe hinunter und gab der Wirtin den Auftrag.

»Ich möchte Elisabeth nicht gern aufwecken«, erklärte er. Nach einer Weile fügte er hinzu: »Sie sehen aber sehr müde aus.«

»Sie wollen sagen, daß ich einen schrecklichen Anblick biete«, meinte sie lächelnd. »Ich bin jetzt gerade nicht in der Stimmung, Komplimente mit Ihnen auszutauschen, sonst würde ich Ihnen zu der Veränderung gratulieren, die der Barbier durch seine Behandlung bei Ihnen hervorgezaubert hat – haben Sie eigentlich Druze gekannt?«

»Nicht besonders gut.«

»Sagen Sie mir alles, was Sie von ihm wissen.«

Er runzelte die Stirn und versuchte, sich an vergangene Dinge zu erinnern, die seinem Gedächtnis schon halb entfallen waren.

»Er erhielt die Stellung bei Lord Everreed, kurz nachdem ich meinen Posten dort angetreten hatte. Prinzessin Bellini, meine Tante, hatte ihn empfohlen –«

»Die Prinzessin hat ihn empfohlen?« fragte Leslie schnell. »Wie kam das? War er früher in ihren Diensten?«

»Ja. Er war jahrelang mit Tante Anita in Java. Ihr Mann nahm dort irgendeine untergeordnete Stellung auf einer Plantage ein. Er war, wie ich glaube, verhältnismäßig unbemittelt. Nach seinem Tod ging sie nach England, und Druze begleitete sie. In Java hatte sie sich den Luxus eines Hausmeisters leisten können – das Leben ist dort billig –, aber in England mußte sie ihn entlassen. Ich kann mich sogar dunkel an den Brief erinnern, den Sie an Lord Everreed schrieb und den ich beantworten mußte. Ich nenne sie ›Tante‹, obwohl sie nur eine Halbschwester meines Vaters ist und in Wirklichkeit keine Verwandtschaft zwischen uns besteht. Wie lange Druze in den Diensten von Lord Everreed stand, kann ich natürlich nicht sagen. Seit meiner Verurteilung ist diese Geschichte für mich beendet. Aber ein paar Jahre, nachdem ich ins Gefängnis gekommen war, hörte ich gerüchtweise – ich glaube durch einen Brief, den ein alter Diener von uns schrieb –, daß er in die Dienste Lady Raythams getreten sei.«

Leslie dachte eine Weile schweigend über das nach, was sie eben gehört hatte.

»Wann wurden Sie verhaftet?«

»Vor siebeneinhalb Jahren.«

»So haben Sie also Ihre volle Strafe hinter sich?«

»Ja. Ich bin nicht wegen guter Führung entlassen, ich war ein sehr aufsässiger Gefangener, ich glaube, die meisten Gefangenen sind aufsässig, die unschuldig eingesperrt werden. Aber warum stellen Sie diese Fragen?«

»Ich habe Grund, anzunehmen, daß die Prinzessin glaubt, Sie wären nur fünf Jahre im Gefängnis gewesen – aber darauf kommt es ja schließlich nicht an. Sie ist wohl in einem Alter, in dem sie ... Aber das gehört alles nicht hierher. Erzählen Sie mir lieber noch etwas mehr.«

»Sie sehen aber so müde aus«, sagte er lächelnd. In diesem Augenblick kam eine merkwürdige kleine Gestalt ins Zimmer.

Es war schwer zu sagen, wie alt das Mädchen war. Leslie schätzte sie auf ungefähr sechs Jahre, obwohl sie für dieses Alter schon ziemlich groß war. Sie war sehr hager, und ihre kleinen Hände, mit denen sie vorsichtig eine Tasse Tee trug, waren so mager, daß die Knochen unter der Haut hervortraten. Ihr durchsichtiges Gesicht zeigte aber trotzdem eine eigenartige Schönheit, und Leslie betrachtete sie erstaunt. Das Mädchen sah sie aus großen, dunklen Augen an und senkte dann den Blick.

»Hier ist der Tee«, sagte sie bescheiden.

Leslie nahm behutsam die Tasse aus der Hand des Kindes und stellte sie auf den Tisch.

»Wie heißt du denn?« fragte sie. Aber als sie ihre Hand auf den blonden Kopf legen wollte, zuckte die Kleine zurück.

»Das ist Belinda«, sagte Peter lächelnd.

Das Kind trug einen zerrissenen alten Regenmantel über einem Nachthemd aus rotem Flanell, das aber durch vieles Waschen schon ganz verblaßt aussah. Die kleinen, schmalen Hände waren gefaltet.

»Ich bin Mrs. Inglethornes kleines Mädchen«, sagte sie leise. »Ich heiße Elisabeth – nicht Belinda.«

Sie sah Peter schnell an und ließ dann ihre Blicke wieder sinken. Der Ernst ihrer Worte und der süße Ton ihrer Stimme setzten Leslie Maughan in Erstaunen, und für einen Augenblick vergaß sie ihre Müdigkeit.

»Würdest du nicht zu mir kommen und mir etwas erzählen?«

Das Kind schaute nach der Tür.«

»Die Mutter wartet auf mich –«

»Sprich doch zu der Dame!«

Offenbar hatte Mrs. Inglethorne, die unten am Fuß der Treppe lauschte, gute Ohren. Das Kind zuckte zusammen, schaute sich ängstlich um und ging dann schüchtern zu Leslie.

»Was machst du denn eigentlich?« fragte Leslie. »Gehst du schon zur Schule?«

Elisabeth nickte.

»Ich denke fast immer an meinen Vater.«

Leslie erinnerte sich daran, daß der Vater im Gefängnis saß.

»Ich habe sein Bild in einem Buch – er ist sehr schön – immer sehr schön.«

Das Kind nickte ernst.

»In einem Buch? Was ist denn das für ein Buch?«

Eine Stimme von der Tür her antwortete für Elisabeth. Mrs. Inglethorne mußte die Treppe heraufgekommen sein, um besser hören zu können.

»Achten Sie bitte nicht darauf, was sie sagt, mein Fräulein. Sie ist nicht ganz richtig im Kopf. Wenn sie irgendein hübsches Bild in einem Buch sieht, so sagt sie, es sei ihr Vater. Einmal hat sie sogar den König von England dafür gehalten, ein andermal einen Lord. Wenn ich dann an ihren armen Vater denke, der sich die Finger bis auf die Knochen abgearbeitet hat und dann eingesperrt wurde, obwohl er so unschuldig wie ein ungeborenes Kind ist, so ist das sehr hart für mich.«

Elisabeth war nun ganz schweigsam geworden. Ihre großen Augen waren ängstlich zusammengekniffen, als sie sich jetzt zur Tür wandte. Leslie sah, daß sie sich sehr vor der Frau fürchtete, und empfand Mitleid mit ihr. Sie streichelte ihr Haar, und diesmal fuhr das Mädchen nicht erschrocken zurück.

»Ich werde dir hübsche Bilder schicken, darin kannst du deine Papas und Onkels und alle möglichen Dinge finden.«

Leslie beugte sich nieder, küßte das Kind, legte ihren Arm um die erbärmlich dünnen Schultern und führte sie dann zur Tür. Auf dem Flur stand die schlampig aussehende Mrs. Inglethorne, lächelte und machte unterwürfige Verbeugungen, weil sich Miss Maughan so leutselig gegen die Kleine gezeigt hatte.

»Ich interessiere mich sehr für Elisabeth«, sagte Leslie und sah die Frau ernst an. »Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich manchmal vorspreche und sehe, wie es ihr geht?«

Mrs. Inglethorne schnitt eine schreckliche Grimasse, die ihre Dankbarkeit ausdrücken sollte.

»Wieviel Kinder haben Sie?«

»Fünf, mein Fräulein.« Die Frau schaute sie neugierig an, denn sie begegnete zum erstenmal in ihrem Leben einem weiblichen Beamten der Polizei, die sie doch so sehr haßte.

»Wie, in diesem kleinen Haus beherbergen Sie fünf Kinder?« Leslie runzelte die Stirn. »Wo haben Sie sie denn alle?«

Mrs. Inglethorne war nicht wohl zumute.

»Die Kleinen schlafen in der Küche. Nur die beiden Mädchen schlafen mit mir im Zimmer.«

»Ich würde mir gern einmal Ihre Küche ansehen.«

»Es ist ein wenig spät – und Sie würden sie aufwecken«, sagte Mrs. Inglethorne zögernd.

Aber Leslie ließ sich nicht abweisen, widerstrebend ging die Frau die Treppe hinunter. Leslie folgte ihr. Die Küche lag auf der Rückseite des Hauses, man kam durch einen engen Gang dorthin. Es war ein ärmlich möblierter Raum, der kaum drei Meter lang und drei Meter breit war. Es war kalt hier, und in dem trüben Licht der Deckenlampe sah Leslie nicht drei, sondern vier kleine, zusammengekauerte Gestalten. Das eine Kind, das noch nicht drei Jahre alt sein konnte, schlief in einer Seifenkiste, die auf dem Boden stand. Ein staubiger, alter Bettvorleger lag darüber, der einfach zurechtgeschnitten war, so daß er die Größe der Kiste hatte. Zwei Kinder lagen unter dem Tisch, in einen alten Soldatenmantel eingehüllt. Das vierte entdeckte Leslie in einer Ecke unter einem Mehlsack. Es schlief so ruhig, daß man hätte annehmen können, es sei tot. Es war ein Mädchen von elf Jahren, blondhaarig, mit hageren, scharfen Gesichtszügen. Als das Licht der Lampe auf sein Gesicht fiel, zitterte es und bewegte sich unruhig.

»Eine Frau, die fünf Kinder ernähren muß, hat es nicht leicht«, klagte Mrs. Inglethorne. »Aber ich würde mich nicht um die Welt von ihnen trennen. Und es ist auch sonst ganz warm in der Küche, wenn wir abends den Herd heizen.«

Leslie trat aus dem kleinen, traurigen Raum heraus. Sie fühlte sich krank und elend. Sie hatte schon viel Armut gesehen. Diese unglücklichen Kleinen waren vielleicht ebenso gut oder schlecht daran wie tausend andere Kinder in der großen Millionenstadt.

Peter wartete draußen auf sie.

»Ich werde jetzt nach Hause gehen, ich bin wirklich sehr müde. Wahrscheinlich werden Sie morgen von Mr. Coldwell oder einem anderen Beamten von Scotland Yard verhört werden. Das beste wäre wohl, wenn Sie selbst zur Polizeidirektion gehen und mit ihm sprechen würden. Haben Sie eigentlich Ihre Mutter gesehen, seitdem Sie wieder auf freiem Fuß sind?« fragte sie dann plötzlich.

»Meine Mutter hat mir in nicht mißzuverstehender Weise ihren Willen kundgetan. Wir standen uns niemals sehr nahe, wenn ich so sagen darf, und vielleicht ist es jetzt etwas zu spät, zu einer gegenseitigen Verständigung zu kommen.«

Leslie schaute auf den Fußboden und zog den Mund zusammen.

»Das wundert mich«, sagte sie und gab ihm die Hand. »Gute Nacht, Peter Dawlish.«

Er ergriff ihre Hand und hielt sie einen Augenblick.

»Sie sind wirklich prachtvoll. Ich sehe das Leben jetzt mit ganz anderen Augen an.«

Leslie mußte noch einen Besuch machen. Chefinspektor Coldwell hatte versprochen, in Scotland Yard auf sie zu warten, bis sie mit ihrem Bericht zurückkehrte. Er trank gerade Kaffee im Vorzimmer, als sie ankam, und sie erzählte ihm kurz das Resultat ihrer Unterredung.

»Ich habe niemals geglaubt, daß Peter in die Sache verwickelt sei. Was weiß er denn von Druze?«

Er hörte aufmerksam zu, bis sie mit ihrem Bericht zu Ende war.

»Es ist doch merkwürdig, daß alle Fäden bei dieser Geschichte wieder auf die Prinzessin Bellini zurückführen. Ja, ich werde mit Peter sprechen. Ich schicke ihm morgen früh ein Telegramm«, sagte er gähnend. »Jetzt ist es aber Zeit, daß wir zur Ruhe kommen. Ich werde Sie noch nach Hause bringen.«

Ihr Wagen wartete. Obwohl sie keine Begleitung nötig hatte, machte er doch geltend, daß er fast denselben Heimweg wie sie hätte.

»Ich weiß nicht, was wir mit Lady Raytham anfangen werden. Sie haben aber sicher noch eine Menge entdeckt, wovon Sie mir nichts erzählten.«

»Keine Menge, nur ein wenig«, gab sie zu.

Mr. Coldwell strich über sein Haar.

»Dieses Wenige ist gewöhnlich kritisch. Aber ich will Sie nicht entmutigen. Behalten Sie Ihr Geheimnis ruhig für sich – ein wenig Romantik bei der Polizeiarbeit hat die wunderbare Eigenschaft, die Spannkraft zu erhöhen.«

Der Wagen fuhr über den verlassenen Trafalgar Square und hielt ein paar Sekunden später vor Leslies Wohnung.

»Vermutlich wissen Sie alles, was man nur wissen kann, über den Fall«, meinte er mit leichter Ironie, als er ihr aus dem Wagen half. »Und ich armer, alter, grauhaariger Beamter tappe wie ein Blinder im Nebel.«

»Ich weiß wahrscheinlich ziemlich viel«, gestand sie mit einem müden Lächeln.

Coldwell war belustigt.

»Dieser Egoismus der Frauen! Hier steht nun die Detektivin, hat alle Anhaltspunkte gesammelt und wartet nur darauf, sie im gegebenen Moment zu veröffentlichen, damit dann das ganze Polizeipräsidium hilflos dasteht! Sie wissen wohl auch alles über Druze?«

»Ich weiß allerhand von ihm.«

»Nun, dann ist es ja gut.«

Sie hatte ihre Haustür aufgeschlossen, und er wartete nur noch, bis sie in den Gang getreten war, bevor er seinen Trumpf ausspielte.

»Wollen Sie mir versprechen, zu Hause zu bleiben, keine weiteren Nachforschungen anzustellen und jetzt sofort zu Bett zu gehen, wenn ich Ihnen etwas erzähle?«

»Ich verspreche es feierlich.«

Er legte seine Hand auf die Türklinke.

»Arthur oder Anthony Druze, wie er genannt wurde, war eine Frau!«

Er warf die Tür zu, und bevor sie sich von ihrem Erstaunen erholen konnte, hörte sie schon, daß sein Wagen davonfuhr.

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