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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 8
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pfad/wallacee/smaragd/smaragd.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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7

»Woher wußten Sie, daß er tot ist?« fragte Leslie noch einmal. »Wer sagte Ihnen das?«

»Ich – ich habe es gehört.« Lady Raytham flüsterte nur noch.

»Wer hat es Ihnen gesagt? Niemand weiß darum außer Chefinspektor Coldwell und mir. Und ich bin direkt von dem Fundort der Leiche hierhergekommen. Ich verließ die Stelle erst vor drei Minuten.«

»Drei Minuten? Das kann ich nicht verstehen!« Als Jane erkannte, daß sie sich zum zweitenmal verraten hatte, zeigte sich Entsetzen in ihren Zügen.

»Ich wundere mich nicht, daß Sie erstaunt sind, Lady Raytham. Sie wissen doch, daß Barnes Common etwas mehr als drei Minuten von hier entfernt liegt?«

Jane sah sich um wie ein gehetztes Wild.

»Ich weiß, daß er tot ist«, sagte sie dann verzweifelt. Plötzlich faßte sie einen Entschluß, und Leslie bewunderte ihren Mut.

»Ich weiß, daß er tot ist, ja, ich weiß es. Gott mag wissen, wer ihn umgebracht hat. Aber ich fand ihn dort. Ich sah ihn, als mein Wagen vorbeifuhr – auf dem Gehsteig liegen. Irgendwie hatte ich eine Ahnung, daß er es sein mußte, und stieg aus. Daher weiß ich auch, daß er tot ist. Ich hätte die Sache gleich der Polizei melden sollen, aber ich erschrak so entsetzlich. Zuerst glaubte ich, daß ich ohnmächtig werden würde.«

»Wohin sind Sie denn gegangen, als Sie die Leiche fanden?«

Leslies ernste Blicke waren auf die Frau gerichtet.

»Zur Prinzessin Bellini – sie hat ein Haus in Wimbledon.«

»Aber Sie konnten sich doch noch gar nicht lange von ihr getrennt haben, als Sie sich entschlossen, ihr zu folgen.«

Lady Raytham biß sich auf die trockenen Lippen.

»Sie hatte etwas zurückgelassen – die Nacht war sehr angenehm – ich mußte Luft haben, so fuhr ich denn –«

»Wollen Sie sich nicht setzen?« fragte Leslie freundlich.

Lady Raytham sah aus, als ob sie im nächsten Augenblick umfallen würde. Sie nickte schwach und setzte sich dann in einen Lehnsessel. Es war eigentlich mehr ein Zusammensinken.

Leslie Maughan hatte Mitleid mit ihr, das war der Grund für ihre Aufforderung, aber es sprach auch noch etwas anderes mit. Sie hatte in Scotland Yard gelernt, niemals einen Gefangenen zu verhören, während er in gleicher Höhe mit einem stand. Sie hatte diesen Rat einmal von einem bedeutenden Staatsanwalt erhalten. »Sorgen Sie dafür, daß der Zeuge immer niedriger steht als Sie, und er wird Ihnen die Wahrheit sagen.«

Sie schaute jetzt auf die in sich zusammengesunkene Frau, deren Finger nervös mit der Armlehne spielten, und sie empfand tiefes Mitgefühl für sie.

»Sie sind nicht zur Prinzessin Bellini gegangen, Lady Raytham«, sagte sie dann liebenswürdig. »Sie haben sich nach Druze umgesehen – er hat Ihnen etwas genommen.«

Lady Raytham starrte sie an, ohne zu sprechen.

»Sie dachten, er wäre zur Prinzessin Bellini gegangen. Ist dies der Weg über Barnes Common?«

»Es ist – ein Weg – ja.«

»Dann haben Sie ihn dort liegen sehen und erkannt? Sie haben ihn im Licht Ihrer Scheinwerfer gesehen wie auch wir! Sie waren überhaupt nicht auf dem Weg nach Wimbledon, sondern Sie kamen von dort zurück. Ich habe die Schlußlichter Ihres Wagens gesehen.«

Lady Raytham atmete schnell.

»Woher wissen Sie das?«

»Sie hätten sonst den Toten nicht sehen können. Er lag auf dem linken Fußsteig, wenn Sie nach London zu fuhren, auf dem entgegengesetzten, wenn Sie von London kamen. Was für einen Wagen haben Sie?«

Lady Raytham sagte es ihr.

»Sie waren also bei der Prinzessin Bellini. Und was sagte sie Ihnen?«

»Sie war nicht zu Hause.«

Rein gefühlsmäßig erkannte Leslie Maughan, daß Jane jetzt die Wahrheit sprach.

»Dann kamen Sie zurück und fanden den Toten? Haben Sie ihn durchsucht?«

Jane nickte.

»Wonach haben Sie gesucht?«

Wieder biß sich die Frau auf die Lippen.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

Plötzlich schaute sich Leslie um. Geräuschlos ging sie über den Fußboden, drückte die Türklinke nieder und riß die Tür mit einer schnellen Bewegung auf. Mrs. Gurden wäre beinahe in das Zimmer gefallen.

»Sind Sie so stark interessiert?« fragte Leslie liebenswürdig.

Die bestürzte Horcherin schnitt eine Grimasse und konnte kaum ihre Verlegenheit verbergen.

»Ich wollte gerade eintreten ... Wirklich, es ist sehr peinlich für mich. Mein Schnürsenkel löste sich, und ich bückte mich eben ... Ich weiß nicht, was Sie von mir denken, aber Sie müssen mir das wirklich glauben, Miss Maughan. Leute, die überall herumspionieren und horchen, sind doch schrecklich – nicht wahr, mein Liebling?«

»Derselben Meinung bin ich auch«, erwiderte Leslie trocken und zeigte die Treppe hinunter. »Es wäre besser, wenn Sie unten warteten, bis ich komme.«

Greta ging bestürzt die Treppe hinunter.

»Sie hat gelauscht?« fragte Lady Raytham mit plötzlicher Energie.

»Ich glaube nicht, daß sie schon lange dort war. Ich habe ein untrügliches Gefühl dafür, wenn mich jemand belauscht. Und gerade in dem Augenblick wurde es mir klar, daß jemand an der Tür ist ... Lady Raytham, wo haben Sie Ihr Smaragdhalsband?«

Wenn sie die Frau ins Gesicht geschlagen hätte, würde das keinen größeren Eindruck hervorgerufen haben. Lady Raytham sprang mit einem leisen Schrei auf und streckte die Hände aus, als ob sie irgendeine schreckliche Drohung von sich abwenden wollte, und ihr sonst so schönes Gesicht war eine Sekunde lang von dem Ausdruck heftigster Furcht entstellt.

»O Gott – warum fragen Sie das?«

»Wo haben Sie Ihre Halskette? Kann ich sie sehen?«

Jane überlegte einen Augenblick. Ihr Kinn war auf die Brust herabgesunken. Aber dann richtete sie sich langsam auf und schaute Leslie gerade in die Augen.

»Ich kann Ihnen die Kette zeigen, kommen Sie«, sagte sie leise.

Leslie folgte ihr in das Schlafzimmer, zu dem eine Tür auf der rechten Seite des Korridors führte.

Jane drehte die Lichter an, und dann gingen sie in eine Ecke des Raumes, wo an der Wand ein kleines Gemälde, offensichtlich ein echter Rembrandt, in einem vergoldeten Rahmen hing. Das Bild war eine sehr gute Kopie, weiter nichts. Als Jane Raytham den Rahmen an einer bestimmten Stelle berührte, öffnete er sich wie eine Tür, und dahinter zeigte sich ein kleiner, viereckiger Safe, der in die Wand eingelassen war. Lady Raytham schloß mit zitternder Hand auf, trotz ihrer sonst so großen Selbstbeherrschung konnte sie ihre Erregung nicht bemeistern. Sie nahm einen Schmuckkasten heraus, trug ihn zum Tisch, drückte an eine geheime Feder, und der Deckel sprang auf. Zu Leslies größter Verwunderung lag der ganze Smaragdschmuck vor ihr, es fehlte auch nicht der geringste Stein daran. Auch der viereckige große Anhänger war an seiner Stelle.

Leslie nahm das Kleinod auf und betrachtete es verwirrt. Dann öffnete sie ihre Handtasche, holte den Stein hervor, den sie in der Hand des toten Druze gefunden hatte, und hielt ihn daneben.

Die beiden Smaragde waren vollkommen gleich.

»Gibt es zwei solche Ketten?«

»Nein.«

»Ist dies das Schmuckstück, das Sie heute abend getragen haben?«

Jane nickte.

Ihre Augen blitzten, selbst in dieser schrecklichen Situation konnte sie ihre natürliche Neugierde nicht ganz unterdrücken.

»Woher haben Sie das?« fragte sie und zeigte auf den Stein, den Leslie aus der Tasche gezogen hatte.

»Wir fanden ihn in der Hand des toten Druze.«

Lady Raytham war aufs höchste erstaunt.

»Haben Sie – sonst nichts gefunden? Keinen anderen –« aber sie unterbrach sich schnell wieder.

»Nein, keinen anderen Teil der Halskette. Haben Sie danach gesucht?«

Leslie sah, wie sich der Gesichtsausdruck der Frau wieder änderte. Empfand sie Erleichterung? Janes Stimme klang jedenfalls gefaßter und weniger gequält.

»Nein, danach habe ich nicht gesucht ... Wer hat Druze eigentlich getötet?«

»Wer könnte es Ihrer Meinung nach sein?«

Sie standen sich schweigend einen Augenblick gegenüber und sahen sich an.

»Warum sollte ich jemand verdächtigen?«

Leslie Maughan spielte nun ihren zweiten Trumpf aus.

»Soll ich Ihnen einen Namen nennen?« fragte sie. »Peter Dawlish!«

Lady Raytham warf den Kopf in den Nacken, als ob sie einen großen Schmerz fühlte.

»Peter Dawlish?« rief sie. »Peter Dawlish! Es ist vollkommener Wahnsinn, zu denken, daß Peter Dawlish –«

Plötzlich taumelte sie vornüber, und Leslie hatte gerade noch Zeit, sie in ihren Armen aufzufangen, als sie ohnmächtig wurde. Im nächsten Augenblick hatte Leslie die Klingel gedrückt und die Tür aufgemacht. Der Diener kam eilig nach oben.

»Öffnen Sie eins der Fenster und bringen Sie dann einen Kognak!«

Der Mann schaute auf die blasse Frau, die auf dem weichen Teppich lag.

»Ist Mylady krank?« fragte er.

»Stellen Sie jetzt keine unnützen Fragen, sondern öffnen Sie schnell das Fenster!«

Gleich darauf strömte frische Luft herein.

»Nun rasch den Kognak!«

Schon bevor der Diener zurückkam, schlug Jane Raytham die Augen wieder auf und schaute fragend in das Gesicht, das sich über sie beugte.

»Was ist geschehen – mir ist schwach geworden, ach, ich bin so wenig gefaßt.«

Mit Leslies Hilfe erhob sie sich unsicher.

»Es wäre besser, wenn ich Ihren Schmuckkasten wieder in den Safe zurückstellte. Oder sind Sie selbst dazu in der Lage?«

»Es kommt nicht darauf an«, erwiderte Jane gleichgültig.

In diesem Augenblick wurde es Leslie Maughan klar, warum Anthony Druze ermordet worden war.

Sie legte ihren Arm um Jane Raytham und geleitete sie zurück in das Wohnzimmer. Dann bestand sie darauf, daß sie sich auf dem Diwan niederlegte, schob ihr ein Kissen unter den Kopf und legte eine schwerseidene Decke, die über einer Stuhllehne hing, über ihre Füße.

»Sie sind sehr gut zu mir«, murmelte Lady Raytham, »und ich hasse Sie doch so sehr.«

»Das habe ich längst vermutet«, erwiderte Leslie lächelnd. »Und doch sollten Sie das nicht tun, denn ich bin niemals böse gegen Sie gewesen.«

Jane schüttelte bestätigend den Kopf.

»Ich habe den Verdacht nicht ausgesprochen – diese Tatsache wird Sie sicher beruhigen –, ich habe niemals daran gedacht, daß Sie Druze erschossen haben könnten.«

Sie brauchte kein Gedankenleser zu sein, um zu erkennen, daß auch Lady Raytham niemals an diese Möglichkeit gedacht hatte.

»Ich?!« sagte sie ungläubig. »Aber das ist doch ganz absurd! Warum sollte ich ihn denn erschießen? Das ist doch ganz unmöglich – es ist unmöglich, daß jemand auf einen derartigen Gedanken kommt!« Und obwohl Leslie sie zurückzuhalten suchte, richtete sie sich auf. »Das denken Sie doch nicht in Wirklichkeit?«

Sie erhob sich und schaute Leslie Maughan ins Gesicht. Ihre Hand umspannte krampfhaft das Handgelenk des jungen Mädchens.

»Das denken Sie doch nicht? Ich haßte Druze! Ich haßte ihn, so sehr ich nur konnte!« Bei diesen Worten stampfte sie vor Wut mit dem Fuß auf. »Sie wissen nicht, was es für mich bedeutete, jeden Morgen sein Gesicht sehen zu müssen und immer seine Gegenwart um mich zu dulden! Ich mußte mich zusammennehmen, daß ich nicht in seiner Gegenwart zitterte, wenn er mit ironischer Unterwürfigkeit immer sagte: ›Ja, Mylady‹ und ›Nein, Mylady‹. Es kostete all meine Selbstbeherrschung, daß ich bei Tisch meinem Mann ruhig gegenübersaß und so tat, als ob ich diese schreckliche Maskerade nicht sähe.«

Sie hielt inne, erschöpft von ihrer eigenen Heftigkeit.

Leslie wartete, bis sie sich wieder beruhigt hatte.

»In welchem Verhältnis stand Anthony Druze zu Ihnen?«

Lady Raytham starrte sie an.

»Zu mir? – Sie meinen ... was wollen Sie damit sagen?«

Plötzlich brach sie, ganz im Widerspruch zu ihrer Lage, in ein Gelächter aus – es war schrecklich, sie so zu sehen.

»Oh, Sie Närrin – Sie kleine Närrin! Können Sie denn das nicht ahnen? Wissen Sie es denn nicht?«

Plötzlich eilte sie aus dem Zimmer. Leslie hörte, wie sie die Tür ihres Schlafzimmers zuschlug und den Schlüssel umdrehte, und sie wußte, daß diese Unterredung beendet war.

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