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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/wallacee/smaragd/smaragd.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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6

Mit ein paar Worten erklärte sie Mr. Coldwell den Tatbestand. Aber er war zu sehr bedrückt durch ihre Gegenwart, als daß er die volle Tragweite ihrer Mitteilungen verstanden hätte.

»Es wäre besser, wenn Sie in den Wagen stiegen, Leslie. Chauffeur, bringen Sie Miss Maughan –«

»Nein, ich will hierbleiben«, erwiderte sie mit leiser Stimme. »Ich bin wirklich nicht aufgeregt. Bitte rühren Sie diesen Mantel nicht an.«

Er hatte sich gerade gebückt, um den Mantel aufzuknöpfen, als sie sprach.

»Ich möchte den Toten erst noch einmal so in Augenschein nehmen«, erklärte sie.

Mr. Coldwell zögerte einen Augenblick und trat dann zur Seite. Leslie beugte sich über die Gestalt, schaute aber nicht in das bleiche Gesicht des Toten.

»Ich dachte es mir – der zweite Knopf ist im dritten Knopfloch. Der Mörder hat ihm den Mantel angezogen und ihn in der Eile falsch zugeknöpft. So, nun können Sie ihn öffnen.«

Mr. Coldwell schickte den Chauffeur fort, um Hilfe zu holen, und nahm dann seine Untersuchung wieder auf. Der Mann war aus kurzer Entfernung mitten durchs Herz geschossen worden. An der Weste konnte man noch deutlich die Brandspuren sehen, die von der Stichflamme des Schusses herrührten. Andere Verletzungen waren nicht zu entdecken. Die eine Seite des Mantels war graugelb von Staub und Straßenschmutz, als ob der Tote auf dem Boden entlanggezogen worden sei.

»Ich wünschte, Sie würden nicht –«

Mr. Coldwell sah sich hilflos um. Er hatte eine elektrische Handlampe aus dem Wagen genommen, bevor er ihn weggeschickt hatte. Sie stand nun auf dem Gehsteig, so daß ihre Strahlen die Gestalt fächerförmig beleuchteten.

»Würden Sie nicht lieber dort drüben auf mich warten?«

»Bitte, sorgen Sie sich doch nicht um mich, Mr. Coldwell.« Leslies Stimme klang ganz gefaßt, so daß er sich beruhigte. »Fürchten Sie nur ja nicht, daß ich ohnmächtig werde. Sie scheinen zu vergessen, daß fast alle Krankenpfleger Frauen sind. Und der Tod ist für mich nicht so schrecklich wie manche Äußerungen des Lebens. Kann ich Ihnen denn nicht behilflich sein? Ich habe noch eine kleine Taschenlampe in meiner Handtasche.«

Coldwell richtete sich auf und antwortete nicht gleich.

»Ich weiß nicht recht, ob ich Ihre Hilfe annehmen soll. Aber vielleicht können Sie die Straße einmal absuchen, ob irgendwelche Anhaltspunkte dafür zu finden sind, daß der Tote hierhergeschleift wurde. Auch in der Nähe können Sie sich umschauen.«

Leslie zog ihre kleine Lampe heraus, die trotz ihrer geringen Größe sehr helles Licht gab. Dann führte sie seine Instruktionen systematisch durch. Sie brauchte nicht weit zu gehen, bis sie die Spur gefunden hatte, die sie suchte – eine Spur, die von der Mitte des Fahrdamms auf den Gehsteig führte. Sie entdeckte auch kleine, rote Flecken, die noch naß waren, als sie sie mit dem Finger berührte.

Es war günstig für ihre Nachforschungen, daß diese Straße kaum vom Verkehr berührt wurde. Auf der anderen Seite fuhr ein Autobus vorbei, gleich darauf kam eine Limousine aus der Stadt, hinter der eine andere herfuhr. Die Chauffeure schienen interessiert zu sein, als sie einen Mann neben einer dunklen Gestalt knien sahen. Aber die Insassen der Wagen kümmerten sich nicht im mindesten darum.

Leslie folgte der Spur, deren Länge sie von dem Fundort der Leiche ab auf fünf bis sechs Meter schätzte. Auf der anderen Seite des Fußweges wuchsen Gras und Büsche in unregelmäßigen Zwischenräumen. Sie begann die nähere Umgebung abzusuchen, und hier wurden ihre Bemühungen belohnt, denn als sie um einen dichten, niedrigen Busch herumging, sah sie eine Anzahl von Gegenständen im Gras liegen. Zuerst hob sie eine Brieftasche auf, die geöffnet worden war, denn verschiedene Papiere und Schriftstücke lagen umher. Leslie sammelte sie schnell. Glücklicherweise war es windstill, so daß sie nicht fortgeweht worden waren. Dann fand sie eine braune Hülle und untersuchte sie.

Sie entdeckte ein Dampferbillett erster Klasse auf den Namen Anthony Druze von Southampton nach New York. Außerdem steckte noch ein neuer Paß darin. Der dritte Gegenstand war auch eine Brieftasche. Aus dem Geruch des Leders schloß sie, daß sie ganz neu war. Auch diese war geöffnet worden, und zwar in solcher Eile, daß die Gummischnur, die sie zusammenhielt, zerrissen war. Die hintere Klapptasche war mit Tausenddollarnoten vollgepfropft.

Leslie nahm die drei Dinge und ihren Inhalt auf und sah sich nach anderen Gegenständen um, konnte aber nichts mehr finden. Dann merkte sie sich den Platz ihres Fundes genau. Ein dichter Busch deckte die Stelle, so daß man sie von der Straße aus nicht sehen konnte.

Sie leuchtete den Boden sorgfältig mit ihrer Taschenlampe ab. Es war ein merkwürdiges, geflecktes Stück Rasen. An manchen Stellen waren die Grashalme bereift, an anderen naß und zusammengetreten. Der Boden war zu hart, um Fußspuren finden zu können. Aber auch ohne deren Hilfe konnte sie alles rekonstruieren, was sich hier vor weniger als einer Stunde abgespielt haben mußte. Jemand war hinter den Busch getreten, um den Inhalt der Taschen zu prüfen. Die Papiere waren alle herausgenommen, durchgesehen und fortgeworfen worden. Es lag kein Raubmord vor – die mit Geldscheinen gefüllte Brieftasche bewies das. Keinesfalls hatte ein Dieb, der den Toten liegen sah, diese Durchsuchung angestellt. Und ein normaler Bürger würde die Leiche nicht berührt haben. Es mußte jemand gewesen sein, der nach einem ganz bestimmten Gegenstand suchte.

Leslie ging mit ihren Funden zu Coldwell zurück, als gerade das Polizeiauto über die Eisenbahnbrücke heranfuhr. Ein Krankenwagen folgte. Sie berichtete ihm schnell über ihre Entdeckungen, und er war nicht im geringsten überrascht.

»Ich habe seine Taschen durchsucht, die meisten sind nach außen gekehrt.« Dann fragte er plötzlich ohne Übergang: »Wo ist Peter Dawlish?«

Sie starrte ihn an.

»Peter Dawlish? Was hat er denn mit dieser Sache zu tun?«

Dann erinnerte sie sich plötzlich an Peters Drohung und erkannte sofort, daß ein schwerer Verdacht auf ihn fallen mußte.

»Gestern hatte er noch keine Schußwaffe, und ich bezweifle, daß er inzwischen in den Besitz einer Pistole gelangt ist. Wenn Druze auf der Straße erschossen worden wäre, würde ich ihn vielleicht auch verdächtigen. Aber Peter Dawlish würde schwerlich einen Mann erschießen, ihn in einen Wagen legen und nach Barnes fahren.«

Coldwell nickte.

»Da haben Sie recht, Leslie. Aber unter allen Umständen müssen wir ihn vorladen und verhören. Druze weist drei Schußwunden auf, das ist doch ein merkwürdiger Umstand – außerdem gingen die Schüsse durchs Herz. Wir werden allerdings erst alles genau erfahren, wenn ihn der Gerichtsarzt untersucht hat. Aber ich glaube nicht, daß ich mich täusche. Haben Sie die Fußspuren gesehen?«

Er zeigte auf die glatte Graniteinfassung des Gehsteigs, und Leslie sah zum erstenmal die klaren Abdrücke eines nackten Fußes – deutlich waren die Ballen und die Zehen zu sehen.

Mr. Coldwell steckte die drei Päckchen, die Leslie gefunden hatte, in die Tasche seines Mantels.

»Fahren Sie sofort zu Lady Raytham und erzählen Sie ihr, was sich zugetragen hat. Nehmen Sie dies mit sich, und verlieren Sie es um Gottes willen nicht!«

Er gab ihr den viereckigen Smaragd, und sie ließ ihn in ihre Handtasche gleiten.

»Wenn es der Anhänger zu der Kette ist, wie Sie sagen, so versuchen Sie herauszubringen, was aus dem anderen Halsschmuck geworden ist.«

Er half ihr in den Wagen, und sie war froh, daß sie nun fortkommen konnte, denn jetzt waren viele Polizisten an der Stelle erschienen. Auch die neugierige Menschenmenge hatte sich angesammelt, die sich ja früher oder später an dem Schauplatz jeder solchen Tragödie einfindet.

Die Fenster waren vollkommen dunkel, als sie vor dem Haus in Berkeley Square ankam. Sie benützte nicht die elektrische Klingel, sondern setzte den schweren Türklopfer in Bewegung und nach kurzer Zeit öffnete ihr ein Diener. Er war sehr zuvorkommend, schien aber ein wenig aufgeregt und nervös zu sein. »Wollen Sie Mylady sprechen? Sie ist oben mit Mrs. Gurden. Sehen Sie, dort kommt die Dame gerade.«

Greta kam die Treppe herunter. Sie trug ein Gesellschaftskleid von jener besonderen Art, die sie so sehr liebte. Sie schneiderte selbst und nahm sich die neuesten Pariser Modelle zum Vorbild, aber sie wählte gewöhnlich nicht den richtigen Stoff. Man konnte allerdings nicht gleich erkennen, daß sie ihre Kleider selbst machte.

Leslie schaute in das geschminkte Gesicht mit den dunklen, starren Augen und konnte auf den ersten Blick erkennen, daß Greta Gurden sehr erregt war.

»Ach, meine Liebe, kommen Sie doch hinauf zu Lady Raytham. Sie sind doch Miss Maughan? Ich freue mich, daß Sie gekommen sind. Druze ist ein fürchterlicher Kerl.« Sie streckte ihre Hand pathetisch aus und Leslie sah, daß sie zitterte. »Sie glauben nicht, wie froh ich bin, daß Sie gekommen sind.«

Ihre Augenlider hoben und senkten sich mit großer Schnelligkeit. Zu anderer Zeit wäre Leslie sicher darüber belustigt gewesen.

»Was hat Druze denn angestellt?« fragte sie.

»Wollen Sie nicht hinaufkommen?« bat Greta. »Lady Raytham kann Ihnen alles viel besser berichten als ich, sie weiß alles so vernünftig und anschaulich zu erzählen. Druze war einfach gemein, er hat eine fürchterliche Szene gemacht und ist dann plötzlich weggegangen. Es ist ganz schrecklich, wie sich solche Dienstboten vergessen können. Ich glaube, das kommt nur vom Krieg –«

Eine kühle, klare Stimme von oben unterbrach ihren Redeschwall.

»Bitten Sie doch Miss Maughan, heraufzukommen. Ich möchte gern – allein mit ihr sprechen.«

Leslie stieg die Treppe hinauf, und als sie den ersten Absatz erreicht hatte, sah sie, daß die Tür zum Wohnzimmer offenstand. Die Treppe war nicht beleuchtet, nur das Licht, das durch die offene Tür fiel, verbreitete mäßige Helligkeit.

Sie trat in den Raum und schloß die Tür hinter sich. Lady Raytham stand hinter einem Tischchen in der Nähe des Kamins. Sie trug ein einfaches, dunkles Kleid ohne irgendwelche Verzierungen, und Leslies schnelle Augen entdeckten sofort, daß auch die hellen, fleischfarbenen Seidenstrümpfe durch dunkle ersetzt waren, die mehr zu der Farbe ihres Kleides paßten. Leslies Interesse weilte aber nur einen Augenblick bei diesen äußeren Details der Kleidung, denn wie sehr hatte sich Jane Raythams Gesicht in der Zwischenzeit verändert! Sie hatte sich geschminkt, das zarte Rot ihrer Wangen war nicht natürlich. Auch die Lippen hatte sie rot gefärbt. Aber der Blick ihrer Augen strafte all diese künstlichen Hilfsmittel Lügen. Sie schienen eingesunken zu sein und waren von großen, dunklen Ringen umgeben, die selbst die sorgfältigste Behandlung mit Puder nicht ganz verwischen konnte.

»Bringen Sie mir irgendwelche Neuigkeiten?« fragte sie in einem gezwungenen Ton. Es war nicht Lady Raythams Art, so zu sprechen. »Ich habe vor ungefähr einer Stunde an Sie telefoniert, aber unglücklicherweise konnte ich Sie nicht zu Hause erreichen. Alles in allem wäre es mir lieb, wenn sich eine Beamtin mit der Aufklärung dieses Falles befassen würde.«

»Hat Druze etwas gestohlen?« fragte Leslie geradezu. Zu ihrer größten Verwunderung schüttelte Lady Raytham den Kopf.

»Nein, ich vermisse nichts, ich glaube auch nicht, daß er stehlen würde. Er könnte es natürlich getan haben, aber über diesen Punkt werde ich Ihnen morgen mehr erzählen können. Er war sehr beleidigend gegen mich und verließ seinen Dienst plötzlich.«

»Sind Sie heute abend ausgefahren?«

»Ja, ich habe mit Prinzessin Anita Bellini außerhalb gespeist. Wir hatten die Absicht, später noch ins Theater zu gehen, aber ich hatte Kopfschmerzen und entschloß mich, nach Hause zurückzugehen.«

»Um wieviel Uhr kamen Sie heim?«

Jane Raytham schaute zur Decke empor.

»Es kann halb zehn gewesen sein – wahrscheinlich ein wenig früher. Ich speiste in einem kleinen Restaurant, das die Prinzessin sehr gut kennt –«

»Und dann kamen Sie zurück und speisten noch einmal«, sagte Leslie bestimmt. »Der Tisch steht ja noch draußen – mit zwei Gedecken, soweit ich in dem Halbdunkel sehen konnte.«

Einen Augenblick lang war Lady Raytham verwirrt und hob ihre Hand zum Mund.

»Ach so«, erwiderte sie verlegen. »Meine Freundin, Mrs. Gurden, kam später noch, und – wir haben ihr noch etwas zu essen gegeben.«

»Ich wünschte, Sie würden offen mit mir sprechen, Lady Raytham. In Wirklichkeit haben Sie überhaupt nicht auswärts gespeist – oder wollen Sie das doch behaupten?«

Zum zweitenmal gab Jane nicht sofort eine Antwort.

»Ich weiß nicht mehr recht, was ich getan habe.« Ihre Stimme ließ erkennen, daß Verzweiflung und unterdrückter Zorn in ihr kämpften. »Sein Betragen hat mir jede Erinnerung genommen. Oh, wenn ich das doch schon früher gewußt hätte, wenn ich es nur gewußt hätte!«

Sie bedeckte ihre Augen mit den Händen, und Leslie hörte ihr Schluchzen.

»Was hat er denn zu Ihnen gesagt, bevor er fortging?« fragte sie unerbittlich.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen – es war zu schrecklich – zu schrecklich!«

Leslie hatte diese günstige Gelegenheit abgewartet, um zum Angriff überzugehen.

»Er ist in unseren Händen – sollen wir ihn hierherbringen?«

Lady Raytham nahm die Hand von den Augen, trat einen Schritt zurück und stieß einen leisen Schrei aus.

»Sie wollen ihn hierherbringen?« fragte sie heiser. »Mein Gott, doch nicht hierher! Er muß doch in eine Leichen...« Sie unterbrach sich selbst, aber es war zu spät.

»Woher wußten Sie, daß er tot ist?« fragte Leslie ernst.

Unter der Schminke verfärbte sich Lady Raytham.

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