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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 5
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pfad/wallacee/smaragd/smaragd.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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4

»Ich möchte diese Sache richtig verstehen«, sagte er dann langsam. »Wenn Druze getötet wird, so sollte es aus dem Grund sein, weil er keine Kinder liebt?«

Leslie Maughan nickte.

»Ich weiß, daß Sie Geheimnisse nicht leiden mögen – kein Mensch in Scotland Yard liebt Unklarheiten. Eines Tages werde ich Ihnen erklären, was ich damit sagen will. Können Sie sich daran erinnern, daß Sie mir im vorigen Sommer Urlaub gaben?«

Mr. Coldwell besann sich sehr gut darauf.

»Ich bin damals nach Cumberland gegangen, um ein wenig umherzustreifen. Um keinen Preis wollte ich daran erinnert werden, daß es eine Stelle in der Welt gibt, die Scotland Yard heißt, aber ich habe nun einmal diese Veranlagung, alles zu durchstöbern und zu erforschen. Eines Tages kam ich durch ein kleines Dorf und fand dort etwas, woraus ich schloß, daß Druze Kinder nicht leiden mag. Und eines Tages wird Peter Dawlish, wenn er es entdecken sollte, ihn deshalb umbringen!«

»Die Sache wird immer geheimnisvoller und rätselhafter«, brummte Coldwell. »Ich fürchte, Sie jagen einem Phantom nach. Das ist nun einmal das Mißgeschick aller begeisterten jungen Beamten – womit ich nicht behaupten will, daß Sie schon den Charakter eines Beamten haben.«

Leslie Maughan hatte ihre Karriere bei der Polizei als junge Stenotypistin begonnen. Ihr Vater war der bekannte und berühmte Vizepräsident Maughan, durch dessen Tatkraft und Scharfsinn viele dunkle Verbrechen aufgeklärt werden konnten. Bei seinem Tod hinterließ er seiner Tochter ein großes Vermögen, so daß sie sich nicht um ihren Lebensunterhalt zu kümmern brauchte. Aber sie hatte von ihrem Vater die Begabung und den Hang zum Detektivberuf ererbt und war von Stufe zu Stufe emporgestiegen, bis ihre Vorgesetzten, die einer Frau keine leitende Stellung im Polizeipräsidium Londons einräumen wollten, sie zur Assistentin eines der vier höchsten Beamten machten.

»Sie ist ganz ausgezeichnet, ich finde keine anderen Worte für sie«, sagte ihr Chef zu dem Polizeipräsidenten. »Und obgleich ich nicht der Ansicht bin, daß dies ein Frauenberuf ist, muß ich doch zugeben, daß ich niemals eine Dame kennengelernt habe, die sich besser für einen hervorragenden Posten in Scotland Yard eignete.«

»Welche besondere Fähigkeiten besitzt sie denn?« fragte der Polizeipräsident.

»Sie denkt schnell, und sie hat Glück«, war die Antwort.

*

Als Leslie am Abend zu ihrer Wohnung in Charing Cross Road zurückkehrte, mußte sie auch darüber nachdenken, daß sie eigentlich viel Glück hatte. Schon die Tatsache, daß sie ein so schönes Heim besaß, sprach dafür. Sie hatte einen langjährigen Mietvertrag für eine Wohnung über einem Kino zu einer Zeit abgeschlossen, als die Mietpreise noch sehr niedrig waren. Bei einer Weitervermietung hätte sie die doppelte Summe ihrer Miete als Abstand dafür bekommen können. Da ihre Wohnung aber wegen der zentralen Lage sehr günstig war, widerstand Leslie allen Versuchungen, umzuziehen, um dadurch einen pekuniären Vorteil zu erlangen.

Eine Seitentür führte zu ihren Wohnräumen. Kaum hatte sie die Haustür geschlossen, als sie von oben angerufen wurde.

»Sind Sie es, Miss Maughan?«

»Ja.«

Leslie hängte ihren Mantel in dem kleinen Flur unten auf und ging dann nach oben zu dem Mädchen, das sie auf dem Treppenabsatz erwartete. Lucretia Brown, ihr einziger Dienstbote, war groß und breitschulterig und hatte ein glattes, rundes, nicht unangenehmes Gesicht. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und betrachtete ihre Herrin vorwurfsvoll.

»Ich dachte schon, Sie wären –«, begann sie.

»Sie haben natürlich wieder gedacht, ich wäre ermordet und in den Fluß geworfen worden«, erwiderte Leslie in guter Laune. »Das denken Sie ja immer, wenn ich nicht mit dem Glockenschlag heimkomme.«

»Ich traue dieser großen Stadt London nicht.«

Lucretia war wirklich ihr Name. Ihr Vater, ein Landarbeiter, hatte einmal in der Gemeindehalle einen Vortrag über die Borgias gehört. Er hatte zwar nicht viel davon verstanden, aber doch einen allgemeinen Eindruck bekommen, daß dieser historische Name irgendwie sehr wertvoll und schön sei.

»Ich habe London nie getraut, und ich werde es auch nicht tun. Haben Sie schon zu Abend gespeist, gnädiges Fräulein?«

»Ja, ich habe schon gegessen.« Leslie schaute rasch auf ihre Uhr.

»Ich erwarte einen Besuch – um halb elf wird ein Herr kommen. Wenn Sie ihm die Tür öffnen, sagen Sie also bitte nicht, daß ich fort sei und erst in drei Wochen wiederkäme.«

Lucretia schnitt ein Gesicht.

»Halb elf des Abends ist ein wenig spät für Herrenbesuch, Miss Maughan. Ist er denn ein Freund von Ihnen?«

Leslie hatte ihr die persönliche Teilnahme an ihren Angelegenheiten nicht abgewöhnen können, denn Lucretia nahm immerhin eine Vertrauensstellung bei ihr ein und hatte im Laufe der Zeit gewisse Vorrechte erlangt. Leslie war von ihrer frühesten Kindheit an von ihr betreut worden.

»Ist es jemand, den wir kennen? Vielleicht Mr. Coldwell?«

»Nein, es ist ein Mann, der eben aus dem Gefängnis entlassen wurde.«

Lucretia schloß die Augen und wurde fast ohnmächtig.

»Großer Gott!« stieß sie heiser vor. »Ich hätte niemals gedacht, daß ich das erleben würde, daß ein früherer Sträfling Sie nachts um halb elf besuchen darf. Ich glaube, es wäre gut, wenn ich einen Polizisten holte, damit er draußen vor der Tür aufpaßt und zu Hilfe kommt, wenn Ihnen der Kerl etwas tun will.«

»Ach, Lucretia, Sie sind viel zu ängstlich und brauchen immer gleich die Polizei«, erwiderte Leslie ernst. Lucretia schwieg, obgleich sie innerlich noch tief entrüstet war.

Es schlug halb elf von der Kirche St. Martins-in-the-Fields, als unten die Hausglocke ertönte. Lucretia kam ins Wohnzimmer, ihre Augen leuchteten vor Erregung.

»Das ist er«, rief sie aufgebracht.

»Nun ja, lassen Sie ihn doch herein!«

»Was auch geschehen mag – ich lehne jede Verantwortung dafür ab.«

Leslie zeigte nur zur Tür.

Der Fremde stieg die Treppe so leise in die Höhe, daß sie seine Schritte nicht hörte. Die Tür öffnete sich, und Lucretia erschien wieder.

»Der Herr ist da!« sagte sie laut, sah den Fremden ärgerlich an, ließ ihn hinein und schloß die Tür hinter ihm.

Peter Dawlish blieb am Eingang stehen, wo Lucretia ihn verlassen hatte. Er hatte seinen weichen Filzhut in den Händen, sah die junge Dame an und betrachtete dann den gemütlichen Raum. Ein schwaches Lächeln spielte auf seinem Gesicht. Sie sah nun deutlich, wie schlecht er gekleidet war. Er trug keinen Kragen, und seine Schuhe waren grau vor Schmutz. Sein alter, schlechtsitzender Anzug war befleckt und abgetragen.

»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich aussehe wie eine Vogelscheuche«, begann er, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte. »Als ich entlassen wurde, gab man mir einen schönen Anzug, der im Gefängnis gemacht war, aber er schien mir nicht geeignet, darin einer kritischen Welt wieder gegenüberzutreten, und ich tauschte ihn gegen diesen ein.«

Sie schob einen Stuhl an das Feuer.

»Nehmen Sie bitte Platz, Mr. Dawlish.«

»Mr. Dawlish – das klingt ja fürchterlich achtungsvoll.«

»Sie können rauchen, wenn Sie wollen«, sagte sie, als er sich bedächtig gesetzt hatte.

»Ich möchte schon, aber die Zutaten fehlen mir.«

Hastig öffnete sie eine Schublade, nahm eine Zigarettenschachtel heraus und reichte sie ihm.

»Danke schön.« Er nahm eine Zigarette und runzelte die Stirn. »Es ist doch zu merkwürdig.«

»Was finden Sie denn merkwürdig?«

»Gerade diese Sorte Zigaretten pflegte ich in früheren Tagen zu rauchen. Ich habe sie mir direkt von Kairo kommen lassen. Hier in London konnte man sie nicht kaufen, wenigstens damals nicht, als ich – mich zurückzog. Aber sehen Sie, ich bemitleide mich schon wieder. Und dabei hasse ich das doch so sehr. Es war mir selbst etwas ganz Neues, als ich entdeckte, daß ich in dieser Beziehung jetzt auch zur großen Masse gehöre.«

Er steckte die Zigarette an und rauchte sie mit großem Genuß.

»Ah, das ist wundervoll.«

»Haben Sie schon gegessen?«

Er nickte.

»Wie ein Sybarit. In einem kleinen Restaurant in der Blackfriars Road. Das ganze Abendbrot hat nur einen halben Shilling gekostet. Das war sehr verschwenderisch, aber ich fühlte, daß ich eine Stärkung brauchte, bevor ich mich dieser Prüfung hier unterzog.«

»Haben Sie keine Wohnung?«

»Nein.«

Er spielte mit seinen langen, schmalen Fingern, und sie bemerkte mit Genugtuung, daß seine Hände tadellos sauber waren. Wieder schien er ihre Gedanken zu erraten, denn er sah auf seine Hände herunter.

»Ich wüßte nicht, was ich Ihnen mitteilen könnte, wenn Sie irgendwelche Informationen von mir wünschen. Wenn Sie ein männlicher Beamter von Scotland Yard wären, hätte ich Ihre Einladung einfach abgelehnt. Aber ein weiblicher Polizeibeamter ist etwas Eigenartiges. Ich habe natürlich schon mehrere im Dienst gesehen – kleine, wohlbeleibte Frauen mit niedrigen Helmen. Aber sie sollen ja ganz brauchbar sein.«

Er sah, daß sie selbst nicht rauchte und erwähnte es auch.

»Ich rauche nur selten. Würden Sie es mir übelnehmen, wenn ich ganz offen zu Ihnen spräche?« sagte sie dann ernster.

»Je offener Sie mit mir sprechen, desto lieber ist es mir.«

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und blies eine Rauchwolke zur Decke empor.

»Sie haben natürlich kein Geld?«

Er schüttelte den Kopf.

»Das bedeutet also, daß Sie sich nachts auf der Straße herumtreiben müssen?«

»Ich habe mich schon daran gewöhnt. Es wäre auch ganz interessant, wenn man nur nicht so schrecklich müde wäre. Ich bekam etwas Taschengeld, als ich das Gefängnis verließ. Ich kam damit nicht ganz eine Woche aus, ich fürchte, ich bin etwas unvorsichtig damit umgegangen. Man kann tagsüber in verlassenen, versteckten Parkecken ganz gut schlafen, besonders an warmen, sonnigen Tagen. Und für regnerische Nächte kenne ich ein Gerätehaus in einer Gärtnerei. Es kann sich allerdings nicht mit den Luxuswohnungen für Hochzeitsreisende im Ritz-Carlton messen, aber es ist immerhin ganz annehmbar. Ich habe letzte Nacht mit einem früheren Infanterie-Obersten und einem Rechtsanwalt dort geschlafen, der mit mir zusammen in derselben Abteilung in Dartmoor war.«

Sie sah ihn fest an.

»Diese Nacht werden Sie aber besser schlafen«, sagte sie in ihrem ruhigen, gleichmütigen Ton, »und morgen werden Sie sich einen besseren Anzug kaufen und einen Besuch bei Ihrer Mutter machen.«

Er zog die Augenbrauen hoch und betrachtete sie ein wenig belustigt.

»Ich wußte allerdings nicht, daß Sie auch in meine Familiengeheimnisse eingedrungen sind. Warum sollte ich das denn tun, Miss Maughan? Es wäre Geldverschwendung, einen neuen Anzug zu kaufen. Auf meine Mutter würde ein luxuriöses Äußere nicht den geringsten Eindruck machen. Sie würde höchstens annehmen, daß ich einen anderen gutmütigen Herrn gefunden hätte. Alle derartigen Dinge würden sehr viel Geld kosten, und ich glaube, es ist ganz gut, daß ich Ihnen, bevor wir uns weiter unterhalten, ausdrücklich sage, daß ich unter keinen Umständen die Absicht habe, Geld von Ihnen anzunehmen – unter gar keinem Vorwand.«

Er fühlte sich in ihrer Gegenwart irgendwie bedrückt und verlegen. Später erinnerte er sich stets daran, daß es ihm bei den beiden ersten Begegnungen mit dieser merkwürdigen jungen Dame bald kalt und bald heiß geworden war, wenn sie zu ihm sprach.

»Ihr Stolz, der es ablehnt, von einer Dame Geld anzunehmen, ist sicher bewunderungswürdig.« Ihr kühler, sarkastischer Ton demütigte ihn. »Auf diese Art und Weise will ein Mann, wenn auch unbewußt, seine Überlegenheit einer Frau gegenüber zum Ausdruck bringen – das ist gerade nicht sehr schmeichelhaft für eine Dame, aber die Männer müssen sich dabei unglaublich großartig vorkommen! Darf ich noch eine andere Frage an Sie richten, Mr. Peter Dawlish? Wollen Sie denn ganz in dem Schlamm der Großstadt versinken? Wollen Sie Ihr ganzes Leben in gemeinen Herbergen und Obdachlosenhäusern zubringen und später einmal in einem Armengrab beerdigt werden?«

»Ich weiß nicht recht, warum Sie mir das alles sagen.«

Sie fühlte, daß sie ihn gereizt und aufgebracht hatte, aber heimlich freute sie sich über die Wirkung ihrer Worte.

»Ich würde natürlich alles tun, um Arbeit zu bekommen. Ich hatte eventuell die Absicht, außer Landes zu gehen.«

»Natürlich. Sie wollten in eine unserer Kolonien gehen. Das ist eine der allerverbreitetsten Täuschungen, daß Leute ohne Entschlossenheit und Ehrgeiz glauben, plötzlich durch ein Wunder diese hervorragenden Eigenschaften zu erhalten, wenn sie in Quebec oder Sydney oder sonstwo an Land gehen.«

Er mußte nun trotz alledem lachen.

»Sie haben wirklich die beste Anlage, einen Mann zu ärgern.«

»Meinen Sie?« fragte sie lächelnd. »Ich werde Ihnen jetzt auch genau sagen, was ich beabsichtige, Mr. Dawlish. Wenn Sie ein Darlehen ablehnen, so bedeutet das, daß Sie sich vollkommen wohl fühlen bei dem Gedanken, niemals wieder so viel Geld zu verdienen, um eine solche Summe zurückzuzahlen. Sie gehören damit zu den Leuten, die sich anstellen, um in den Armenhäusern ihr Essen zu erbetteln, zu den Pennbrüdern, die nachts auf Parkbänken schlafen und öffentlichen Wohlfahrtseinrichtungen zur Last fallen.«

Sie sah, daß ihre Worte getroffen hatten, und sprach rasch weiter.

»Aber natürlich tun Sie das nicht. Sie sind aus dem Gefängnis herausgekommen mit Groll und Haß im Herzen gegen die Mitwelt, und man kann Sie schwerlich deswegen tadeln. Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß Sie einer der wenigen unschuldigen Menschen sind, die ins Gefängnis nach Dartmoor kamen.«

Er sah sie merkwürdig an.

»Sie glauben also, daß ich unschuldig verurteilt worden bin?«

»Dessen bin ich ganz sicher.« Plötzlich fragte sie: »Haben Sie eine Waffe bei sich?«

Er lachte laut.

»Die Summe, die dazu gehört, eine Browning-Pistole zu kaufen, würde ausreichen, zwei Wochen davon zu leben. Nein, ich trage wirklich nichts Gefährlicheres bei mir als eine Zahnbürste.«

Die Schublade, aus der sie die Zigaretten genommen hatte, stand noch offen, und sie holte einen kleinen schwarzen Geldkasten daraus hervor.

»Wir werden ganz geschäftsmäßig vorgehen. Dort auf dem Schreibtisch liegen Füllfeder und Papier. Schreiben Sie mir einen Schuldschein über zwanzig Pfund. Nehmen Sie aber keinen Cent von mir, wenn Sie im Innersten davon überzeugt sind, daß Sie mir das Geld niemals zurückzahlen können. Das heißt, wenn Sie annehmen, daß ein junger Mann von acht- oder neunundzwanzig Jahren, oder wie alt Sie auch immer sein mögen, nicht mehr in die Lage kommen sollte, außer seinem Lebensunterhalt noch so viel zu erwerben, daß er das Geld in ein oder zwei Jahren zurückgeben könnte. Und diese kleine Wohltat, wie Sie es nennen –«

»Ich habe nichts dergleichen gesagt.«

»Aber Sie haben es gedacht«, entgegnete sie ruhig. »Es ist sehr wenig höflich, einer Dame zu widersprechen. Mr. Dawlish, ich stelle Sie jetzt auf die Probe. Wenn Sie denken, daß es für immer mit Ihnen aus ist, dann ist dieser Vorfall jetzt beendet – und es scheint mir so, daß es tatsächlich mit Ihnen aus ist.«

Sie sah ihn mit halbgeschlossenen Augen an und nickte langsam. »Sie meinen also, daß ich nicht mehr wert bin, gerettet zu werden?« entgegnete er und stand auf. »Nun gut, ich will Ihre Herausforderung annehmen.«

Er nahm den Füllhalter, schrieb einige Worte auf einen Bogen Papier und überreichte ihn Leslie.

»Hier ist der Schein, geben Sie mir die zwanzig Pfund.«

Er fühlte sich sonderbar belustigt, aber er ärgerte sich auch, am meisten jedoch über sich selbst, daß er überhaupt ärgerlich sein konnte.

Wenn ihm jemand beim Betreten dieses Zimmers gesagt hätte, daß er von dieser jungen Dame ein Darlehen annehmen würde, hätte er über eine solche Vermutung laut gelacht. Und nun stand er doch hier in ihrer Wohnung, zählte feierlich die Banknoten, die sie ihm aushändigte, und steckte sie ohne die leisesten Gewissensbisse in die Tasche. Aber er hatte die ganze Zeit an Leslie Maughan denken müssen, seit er sie getroffen hatte.

»Ich denke, ich werde mich jetzt selbst besser kennenlernen. Ich war früher ein Schwächling, und durch die lange Gefängnishaft bin ich nicht besser geworden. Nein, nein, ich will damit nicht sagen, daß es eine Schwäche von mir ist, dieses Geld anzunehmen, es wäre vielmehr eine Schwäche gewesen, es zurückzuweisen. Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar.«

Sie reichte ihm die Hand.

»Wo werden Sie wohnen?«

»Ich weiß es noch nicht, aber Sie werden von mir hören. Bitte, machen Sie sich meinetwegen keine weiteren Sorgen. Wenn ich wirklich keine Stelle finden sollte, dann bin ich auch nicht mehr wert, daß man mir hilft. Warum tun Sie eigentlich dies alles für mich? Man lernt Polizeibeamte gewöhnlich nicht von dieser Seite kennen.«

»Die Polizei hilft, wo sie nur immer kann – das sollten Sie wissen«, entgegnete sie ruhig. »Aber ich gebe zu, daß dies eine rein persönliche Angelegenheit ist. Sie sind ein Teil eines großen Experimentes, das ich mache. Es ist nicht mein Frauenherz, sondern mein wissenschaftlich geschulter Verstand, der mir diese Handlungsweise vorschreibt.« Plötzlich änderte sie das Thema. »Ich wünschte nur, Mr. Dawlish, Sie würden sich rasieren lassen, Sie sehen zu sehr nach einem musikalischen Genie aus. Es kleidet Sie wirklich nicht.«

Er mußte immer noch vor sich hinlachen, als Lucretia die Haustür mit unnötiger Heftigkeit hinter ihm schloß.

Er kannte ein kleines Hotel, wo er diese Nacht verbringen konnte. Es lag in Lambeth, ganz in der Nähe des Waterloo-Bahnhofes.

Er ging mit schnellen Schritten die Charing Cross Road hinunter und kam dann auf den ›Strand‹, der zu dieser Stunde noch von Autos belebt war, denn die Theater schlössen gerade. Plötzlich glaubte er, seine Mutter in eine Limousine einsteigen zu sehen. Eine zweite Dame folgte ihr. Ja, das war Margaret Dawlish, und die Dame mit den grauen Haaren war Tante Anita. Er konnte jetzt verächtlich über sie lächeln, und die Gewißheit, daß er das konnte, erfüllte ihn mit Genugtuung. Wären sie ihm früher an diesem Abend begegnet, so hätte er sich verhöhnt gefühlt und hätte sich selbst bemitleidet. Und er war doch fest entschlossen, gegen solche Gemütsstimmungen tapfer anzukämpfen.

Er wandte sich ab, damit sie ihn beim Vorüberfahren nicht erkennen sollten, und ging die Villiers Street hinunter. Dann stieg er die Stufen zu der Hungerford-Brücke hinauf. Es waren nicht die zwanzig Pfund in seiner Tasche, die ihn fröhlicher stimmten und seine Schritte beflügelten, es war etwas von dem energischen Charakter Leslie Maughans auf ihn übergegangen, etwas von ihrem Lebensmut und ihrem gesunden Selbstgefühl war auch in ihm erwacht.

Sie fesselte ihn. Sie war mehr als schön im gewöhnlichen Sinne. Aus ihren Zügen sprach eine natürliche Klugheit, die er noch niemals in dem Gesicht einer anderen Frau entdeckt hatte. Es kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß ihm kluge Frauen immer mißfallen hatten. Er liebte Frauen, die einen sanften, weiblichen Charakter hatten und nicht zu gescheit waren. Aber dieses begabte und hübsche Mädchen faszinierte ihn.

Leslie Maughan besaß genügend Autorität, um ihn stets in der nötigen Distanz zu halten, und doch war sie so außerordentlich freundlich und liebenswürdig gegen ihn, so gütig wie eine vernünftige ältere Schwester, obwohl sie in Wirklichkeit mehrere Jahre jünger als er sein mußte. Manchmal war er sich schon wie ein alter Mann vorgekommen – aber nach dieser Begegnung mit Leslie Maughan fühlte er sich so fröhlich wie ein Kind.

Er war jetzt auf der Mitte der Brücke angekommen, und die ganze Schönheit des Ufers breitete sich vor ihm aus. Eine Unzahl von Lichtern spiegelte sich in den schwarzdunklen Wassern der Themse. Auf der Südseite war ein Turm mit prachtvoller Lichtreklame geschmückt. Peter war heiter und zufrieden, als er all diesen Glanz in sich aufnahm. Aber plötzlich überkam ihn ein sonderbar unheimliches Gefühl, das er sich selbst nicht erklären konnte. Instinktiv drehte er sich um. Es gingen viele Menschen über die Brücke; unmittelbar hinter ihm her, kaum zehn Schritte entfernt, kamen drei kleine Leute, die sich Schulter an Schulter nebeneinander bewegten. Sie machten die merkwürdig hohen Schritte, die Peter schon früher an Orientalen bemerkt hatte – es war fast ein gewisses Stolzieren. Sie sprachen nicht miteinander, wie es Freunde gewöhnlich tun, die zusammen nach Hause gehen, und dieses Schweigen war es, das Peter so beunruhigte. Jahrelanger Gefängnisaufenthalt war gerade keine Nervenkur für einen Mann von Peter Dawlishs Temperament.

Er eilte die Stufen auf der anderen Seite hinunter und befand sich in einer wenig erleuchteten, düsteren Straße. Von hier führte ein kürzerer Weg zur York Road, in deren Nähe das Hotel lag. Er kam durch eine einsame Straße mit kleinen Häusern, die man nicht gerade als Hintergasse, aber auch kaum als anständig bezeichnen konnte.

Als er sich umwandte, sah er, daß die drei Männer ihm noch folgten. Sie bewegten sich geräuschlos wie auf Gummisohlen. Peter ging quer über die Straße, und sie kamen etwas näher an ihn heran.

Er überlegte sich, ob es nicht besser sei, zurückzugehen und die Leute an sich vorbeizulassen. Gerade hatte er diesen Entschluß gefaßt, als etwas über seinen Kopf fiel. Er hob schnell die Hand, um die dünne Leine aufzufangen, aber es war schon zu spät. Die Schlinge zog sich um seine Kehle zusammen, zwei gewandte kleine Gestalten sprangen auf ihn zu – im nächsten Augenblick lag er auf dem Boden und kämpfte um sein Leben. Er bekam keine Luft mehr, sein Kopf schmerzte, das Blut staute sich in seinem Gehirn. Mit den Händen versuchte er noch krampfhaft, die Schlinge zu lockern, dann wurde er bewußtlos. Nach einer Ewigkeit fühlte er, daß ihn jemand aufhob und gegen eine Mauer lehnte. Ein helles Licht traf sein Gesicht.

Unwillkürlich faßte Peter an seinen Hals. Die Leine war entfernt, aber er konnte noch den tiefen Einschnitt fühlen, den sie hinterlassen hatte.

»Was war denn hier los?« fragte eine rauhe Stimme.

Peter schaute auf und sah einen Polizisten vor sich stehen.

»Wie fühlen Sie sich jetzt? Soll ich einen Krankenwagen bestellen? Ich kann Sie gleich in ein Hospital bringen.«

Peter zitterte an allen Gliedern, als er sich aufrichtete.

»Es geht ganz gut«, sagte er etwas unsicher. »Wer waren diese Leute?«

»Ich weiß es nicht. Sie kamen am Ende der Straße an mir vorbei. Es waren sonderbare, kleine Männer mit flachen Nasen und fast affenartigen Gesichtern. Und dann sah ich, wie sie hinter Ihnen her waren, und folgte ihnen. Ich glaube, ich habe Ihr Leben gerettet, junger Mann.«

»Ja, Sie haben mich gerettet.« Peter befühlte seine Kehle.

»Gelaufen sind die Kerle! Ich habe noch niemals einen Menschen so schnell rennen sehen. Hatten Sie denn einen Streit mit ihnen?«

»Nein, ich habe sie in meinem Leben noch nicht gesehen.«

»Hm!« Der Beamte schaute ihn etwas verwundert an. »Ich möchte bloß wissen, wer sie waren. Sie sprachen so ein merkwürdiges Kauderwelsch, das ich nicht verstehen konnte. Ich habe nur ein Wort behalten, vielleicht waren es auch zwei – Orang-Pander oder Bander.«

»Orang Blanga?« fragte Peter schnell und pfiff vor sich hin.

»Dann kennen Sie die Leute also doch?«

»Nein, durchaus nicht, ich vermute nur, welcher Nationalität sie sind – es werden Javaner gewesen sein.«

Der Polizeibeamte wollte ihn nicht gern allein lassen.

»Wo wollen Sie jetzt hingehen?«

»Ich will versuchen, noch eine Unterkunft zu finden.«

Er war noch sehr schwach, denn als er den ersten Schritt tat, drehte sich die Straße und der Polizist um ihn, und wenn der Beamte ihn nicht am Arm gepackt hätte, wäre er hingefallen.

»Wenn ich Sie so allein lasse, werden Sie noch aufgegriffen, weil man annimmt, daß Sie zuviel getrunken haben«, meinte der Mann gutmütig. »Sie wollen eine Unterkunft haben? Warten Sie einmal, ich habe doch irgendwo hier in der Nähe einen Zettel hängen sehen, daß ein Zimmer frei ist.«

Er drehte seine elektrische Taschenlampe an, ging langsam die Straße entlang und leuchtete die Fenster ab. Plötzlich blieb er stehen.

»Hier ist ein Zimmer frei, ich wußte es doch.«

Peter ging langsam und vorsichtig zu ihm hin. Das Licht der Lampe fiel auf ein kleines Plakat an einem Fenster.

›Zimmer an einen anständigen jungen Mann zu vergeben.‹

»Wollen Sie sich hier einquartieren?«

Peter nickte, und der Polizist klopfte leise an die Tür. Es dauerte aber einige Zeit, bis ein schwerer Schritt im Gang hörbar wurde.

»Wer ist dort?« fragte dann eine heisere Stimme.

»Haben Sie keine Angst«, sagte der Beamte. »Ich bin ein Polizist, und hier ist ein Herr, der ein Zimmer sucht.«

Die Tür wurde aufgeschlossen und öffnete sich ein wenig.

»Ich habe zwar ein Zimmer zu vermieten, das stimmt – aber es ist doch ein wenig spät, nicht wahr?«

Der Beamte stieß einen Ruf des Erstaunens aus.

»Sehen Sie einmal an, Sie sind doch Mrs. Inglethorne!«

»Ja, das bin ich«, gab die Frau ärgerlich zu. »Sie von der Polizei kennen mich ja, Sie haben mir schon viel zuleide getan. Mein guter Mann, der so unschuldig wie ein ungeborenes Kind ist, und meinen Mieter, den netten, jungen Mann – beide haben Sie verhaftet!«

Sie betrachtete Peter in dem Schein der elektrischen Taschenlampe. Sie hatte ein aufgedunsenes, rotes Gesicht, einen großen Mund und kleine, zusammengekniffene Augen, war untersetzt und dick. Gekleidet war sie in einen Schlafrock aus rotem Flanell.

»Ich kann Sie nicht aufnehmen, wenn Sie kein Geld haben ich bin früher schon ein paarmal hereingefallen.«

Peter griff in die Tasche, zog eine Pfundnote heraus und zeigte sie ihr.

»Nun gut, kommen Sie herein«, sagte sie mürrisch.

Peter dankte dem Polizisten für seine Hilfe und folgte dann der Frau in den engen, übelriechenden Gang.

Das Schicksal spielte Peter Dawlish einen sonderbaren Streich, als es ihn in das unordentliche Heim von Mrs. Inglethorne führte.

Sie knipste das Licht an und führte ihn auf einer kurzen Treppe mit hohen Stufen in das obere Stockwerk.

»Hier ist das Zimmer.«

Er trat hinter ihr in einen Raum, der nach der Straße zu lag und der beste in dem kleinen Hause war.

Zu seinem größten Erstaunen war er gut eingerichtet. Ein neues Bett stand darin, die Wände waren erst kürzlich neu tapeziert worden, und die beiden billigen Drucke, die den Schmuck des Zimmers bildeten, waren noch in gutem Zustand.

»Hier wohnte mein letzter Mieter, er hat das Zimmer selbst möbliert«, erklärte Mrs. Inglethorne schnell. »Er war wirklich ein netter Mann, der beste und liebenswürdigste, den ich kennengelernt habe.«

»Ist er wieder ausgezogen?«

Sie schaute ihn argwöhnisch von der Seite an, als ob sie dächte, er sei bereits genau über das Schicksal dieses Mannes informiert.

»Man hat ihm fünf Jahre aufgebrummt, weil er in ein Haus in Blackheath eingebrochen hatte. Mein Mann sitzt eine siebenjährige Strafe ab, und es gab wirklich keinen ehrlicheren Menschen als ihn.«

Ein merkwürdiges Zusammentreffen, dachte Peter Dawlish, daß er, der erst kürzlich aus dem traurigen Gefängnis in Dartmoor entlassen worden war, das leere Zimmer eines Mannes beziehen sollte, der eben im Gefängnis vielleicht seinen Platz eingenommen hatte. Er saß womöglich in derselben Zelle, im Flügel B, wo er auch untergebracht gewesen war.

»Zahlen Sie mir – acht Shilling an. Ich werde Ihnen die Pfundnote wechseln und den Rest morgen früh herausgeben.«

Mrs. Inglethorne streckte die Hand aus. In dem hellen Licht der Deckenlampe sah sie noch unvorteilhafter und abstoßender aus.

Aus gewissen Anzeichen schloß er, daß sie trank. Sie nahm das Geld, das er ihr reichte, zog eine Kommodenschublade auf und nahm zwei frische Laken heraus, mit denen sie das Bett bezog. Offenbar war der frühere Mieter an verhältnismäßig großen Luxus gewöhnt, denn die Bettücher waren aus feinstem Leinen. Später entdeckte Peter auch, daß die Kissen und das Plumeau mit besten Daunen gefüllt waren. Das Bett selbst war sehr kostbar und gehörte zu den teuersten, die man in der Tottenham Court Road kaufen konnte.

»Er hat sich nur das Beste angeschafft«, sagte Mrs. Inglethorne, als sie eine Pause in ihrer Beschäftigung machte, um von ihrem abwesenden Mieter zu erzählen.

Gleich darauf ging sie aus dem Zimmer und ließ einen schwachen Geruch nach Schnaps zurück. Peter entkleidete sich langsam und freute sich auf die Nachtruhe, denn seit einer Woche hatte er in keinem Bett gelegen.

Das Lager war angenehm und weich – zu weich. Obwohl er verzweifelt müde war, warf er sich von einer Seite auf die andere und versuchte vergeblich, einzuschlafen. Er hatte etwa zwei Stunden so gelegen, bis er ein wenig einschlummerte. Aber plötzlich wachte er wieder auf.

Ein schriller Schrei hatte ihn geweckt. Er setzte sich aufrecht im Bett und lauschte. Wieder drang dieser unheimliche Laut von unten herauf. Er hielt ihn für das Geschrei einer Katze, denn keine menschliche Kehle schien solche Töne hervorbringen zu können.

Er stand auf, ging zur Tür, öffnete sie und lauschte ins Treppenhaus. Plötzlich erschrak er, denn er hörte das Schluchzen und angstvolle Rufen eines Kindes.

»Ich will zu meinem Vater! Ich will zu meinen Vater!«

Dann hörte er die heisere Stimme von Mrs. Inglethorne. Sie schien eben aus dem Schlaf aufgefahren zu sein.

»Willst du wohl den Mund halten, du verdammtes Ding? Wenn ich erst aufstehen muß, drehe ich dir das Genick um!«

Als alles ruhig geworden war, ging Peter wieder zu Bett. Aber erst als draußen die Haustüren von Leuten geöffnet wurden, die früh morgens zur Arbeit gingen, fiel er in einen unruhigen Schlaf. In seinen Träumen hörte er immer noch den Schrei des Kindes: »Ich will zu meinem Vater! Ich will zu meinem Vater!«

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