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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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3

Leslie Maughan ging mit raschen Schritten das Themseufer entlang. Der Abend war bitter kalt, und nicht einmal ihr warmer Nutriamantel konnte sie gegen den eisigen Nordwind schützen, der ihr entgegenwehte. Der Herr, der an ihrer Seite ging, war groß und breitschultrig. Er hatte den Gang eines Offiziers und schwenkte einen Schirm im Takt zu seinen Schritten.

»Das ist ein Selbstmörder – dort links«, sagte er ruhig, als ob er ein Fremdenführer wäre, der seine Begleiterin auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt aufmerksam machte.

Die junge Dame blieb stehen und schaute zurück.

»Glauben Sie das wirklich, Mr. Coldwell?«

Sie blickte auf die düstere Gestalt, die an dem Steingeländer der Brücke lehnte. Die Arme des Mannes ruhten auf den Granitsteinen, und er hatte den Kopf in die Hände gestützt. Er war hager und unterschied sich in keiner Weise von den Vagabunden, die sich hier nach Mitternacht herumtrieben und versuchten, ein wenig auf den Bänken zu schlafen, wenn die Polizeistreifen vorübergegangen waren.

»Es ist sehr wahrscheinlich. Wenn einer von diesen Brüdern so in den Fluß hinabstarrt, denkt er über einen neuen Weg nach, alte Rechnungen zu begleichen. Interessiert er Sie? Sie werden doch nicht etwa sentimental werden?«

Sie zögerte.

»Doch – ein wenig. Ich weiß nicht, ob es Mitgefühl oder nur weibliche Neugierde ist.«

Plötzlich verließ sie ihn und ging zu dem Mann zurück, der sie schon bemerkt und beobachtet haben mochte, denn er richtete sich schnell auf, als sie näher kam.

»Ganz herunter und zu Ende?« fragte sie.

Er lachte leise vor sich hin.

»Ganz herunter, aber noch lange nicht zu Ende.«

Sie hörte an seiner Stimme, daß er eine bessere Erziehung genossen hatte. Er sprach in dem leichten, vornehmen Ton, den die Studenten auf der Universität annehmen.

»Habe ich etwa Ihr Mitleid erregt? Das täte mir leid. Wenn Sie mir Geld anbieten, bringen Sie mich direkt in Verlegenheit. Sie können hier in dieser Gegend genügend arme Bettler finden, bei denen Ihre – Mildtätigkeit besser angebracht ist. Ich gebrauche dieses Wort in seiner reinsten Bedeutung.«

Sie sah ihm ins Gesicht. Ein kleiner Schnurrbart und ein unordentlicher Backenbart täuschten sie nicht darüber, daß er noch jung war. Chefinspektor Coldwell, der nun auch näher gekommen war, betrachtete ihn mit beruflichem Interesse.

»Möchten Sie wissen, woran ich im Augenblick wirklich dachte?« Seine Stimme klang fast scherzend. »Ich dachte an Mord. In dieser Stadt lebt ein Mensch, der mir das Leben sehr schwer gemacht hat. Und ich hatte gerade beschlossen, ihn bei der nächsten besten Gelegenheit aufzusuchen und ihm drei Kugeln aus meiner Pistole durchs Herz zu jagen, als Sie meine Mordpläne unterbrachen.«

Coldwell lachte vor sich hin.

»Ich glaube, ich kenne Sie – Sie sind Peter Dawlish.«

Der abgerissene Mann lüftete seinen Hut mit ironischer Höflichkeit.

»Da sieht man, wie berühmt man ist«, sagte er sarkastisch. »Sie sind Mr. Coldwell – das Erkennen ist gegenseitig. Und da ich mich nun hoffnungslos selbst belastet habe, nehme ich an, daß Sie den nächsten Polizisten anrufen, um mich zu verhaften und so vor allen Versuchungen zu bewahren.«

»Wann sind Sie aus dem Gefängnis gekommen?« fragte Coldwell.

Leslie hörte bestürzt zu. Noch vor einer Viertelstunde hatte sie über diesen Mann gesprochen, und sie hatte den ganzen Nachmittag an seinen Fall denken müssen. Ihn nun hier an diesem windigen Platz zu treffen, gerade ihn unter den Millionen Menschen in London, erschien ihr mehr als ein bloßer Zufall. Es war Schicksal.

»Mr. Dawlish, Sie werden es nicht glauben, wenn ich Ihnen jetzt sage, daß Sie gerade der Mann in London sind, dem ich gerne begegnen wollte. Ich habe erst heute erfahren, daß Sie entlassen sind. Könnten Sie mich noch heute abend besuchen?«

Peter lächelte.

»Die Einladungen kommen schneller und zahlreicher als ich dachte«, sagte er halb zu sich selbst. »Vor zehn Minuten erhielt ich erst eine Aufforderung, zu einer Herberge der Heilsarmee mitzukommen. Glauben Sie mir –«

»Mr. Dawlish« – Leslie sprach sehr ruhig, aber sehr deutlich –, »Sie bemitleiden sich selbst, nicht wahr?«

Sie sah nicht, daß er rot wurde.

»Ja, Sie haben recht«, erwiderte er rauh. »Aber ein Mann in meiner Lage ist berechtigt –«

»Dazu hat ein Mann unter keinen Umständen ein Recht. Hier ist meine Karte.«

Sie hatte ihre Handtasche geöffnet, und er nahm die Karte aus ihrer Hand. Er mußte sie dicht an die Augen halten, um in dem schlechten Licht einer entfernten Straßenlaterne lesen zu können.

»Wollen Sie mich um halb elf aufsuchen? Ich werde Ihnen kein Geld anbieten, ich will Ihnen auch keine Arbeit verschaffen wie Holz zerkleinern oder Abfallpapier sortieren – ich möchte aus einem viel wichtigeren Grund mit Ihnen sprechen.«

Er las Name und Adresse aufs neue und runzelte die Stirn.

»Ja – nun gut – wenn Sie es wünschen.«

Er wurde plötzlich merkwürdig verlegen und ungemütlich. Sie erkannte sofort den Umschwung in seinem Verhalten und in seinem Ton.

»Es tut mir leid, daß ich wie eine Vogelscheuche aussehe – das macht Ihnen wohl nichts aus?«

»Nein«, entgegnete sie und hielt ihm die Hand hin.

Er zögerte eine Sekunde, dann schlug er ein. Sie fühlte, wie hart seine Hand war, und es überkam sie ein schmerzliches Gefühl, als sie daran dachte, was diese Schwielen bedeuteten. Im nächsten Augenblick war sie wieder an der Seite Mr. Coldwells, der auf sie gewartet hatte. Peter Dawlish sah ihnen nach, bis sie außer Sicht waren, dann wandte er sich nachdenklich um und ging langsam nach Blackfriars zu.

»Ich weiß ja, wie klein die Welt ist«, begann Coldwell, der noch immer seinen zusammengerollten Regenschirm umherwirbelte. »Aber ich wußte noch nicht, daß das auch für London zutrifft. Peter! Es sind Jahre vergangen, seitdem ich ihn das letztemal gesehen habe. Vor fünf Jahren war er ein Nichtsnutz.«

»Glauben Sie wirklich, daß er die Fälschung begangen hat?«

»Ein Schwurgericht seiner Landsleute hat ihn verurteilt«, erwiderte Mr. Coldwell vorsichtig, »und Schwurgerichte haben im allgemeinen recht. Nach allem, was ich weiß, brauchte er das Geld. Sein Vater war ein alter Geizhals, und man kann nicht auf großem Fuß leben und hübsche junge Damen nach New York begleiten, wenn man nur zweihundertfünfzig Pfund im Jahr verdient. Er hat die Sache auch zu dumm angestellt. Wenn er nicht ausgerechnet damals drei Monate Urlaub genommen hätte, wäre der Betrug nie entdeckt worden.«

»Wer war sie denn?« fragte Leslie.

»Ich weiß es nicht. Die Polizei hat vergeblich versucht, die Frau ausfindig zu machen. Peter hat ausgesagt, daß sie eine Statistin von der Pariser Oper gewesen sei. Er war gerade nicht sehr stolz darüber.«

Leslie seufzte.

»Alles Böse kommt von den Frauen«, sagte sie.

»Je nachdem«, meinte Mr. Coldwell und drehte an seinem grauen Schnurrbart.

In der Nähe des düsteren Eingangs von Scotland Yard blieb er stehen und stellte sich breit vor sie hin.

»Vielleicht werden Sie jetzt nicht mehr so geheimnisvoll tun und mir sagen, warum Sie sich so außerordentlich für Peter Dawlish interessieren, daß Sie in den letzten drei Tagen nur von ihm gesprochen haben?«

Sie schaute ihm fest in die Augen.

»Weil ich weiß, warum Peter Dawlish morden und wen er umbringen will.«

»Selbstverständlich Druze, das kann das kleinste Kind vermuten. Und er wird ihn ermorden, weil er davon überzeugt ist, daß Druzes Zeugenaussage ihn ins Gefängnis gebracht hat.«

In Leslies Lächeln lag selbstbewußte Überlegenheit.

»Sie irren – Druze wird sterben, weil er Kinder nicht liebt!«

Mr. Coldwell starrte sie nur verwundert an.

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