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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 23
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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22

»Es tut mir leid, daß ich Sie hier in meine unfreundliche Wohnung gebracht habe«, sagte Leslie. »Aber – im Ernst, die meisten Dokumente und Beweise, die ich habe, liegen hier in meinem Schreibtisch.«

Dann lachte sie herzlich.

»Was haben Sie bloß wieder für einen Scherz mit uns vor?« fragte Mr. Coldwell argwöhnisch.

»Sie sehen alle so aus wie Chorsänger. Sie sitzen im Kreise umher und haben die Hände auf die Knie gelegt – und dabei ist es zwei Uhr nachts. Es ist alles so merkwürdig – aber ich will jetzt von vorn beginnen. Soll ich?

Sie wissen alle, daß ich von Anfang an ein großes Interesse an diesem Fall hatte. Zufällig fand ich ein Gedichtbuch in einem kleinen Farmhaus in Cumberland. Allmählich brachte ich immer mehr und schließlich alle Anhaltspunkte zusammen.

In Devonshire lebte eine Familie Druze.«

Kurz erzählte sie alles, was ihr der Geistliche berichtet und was sie durch ihre Nachforschungen entdeckt hatte.

»Annie Druze war in Wirklichkeit Anita Bellini, Alice lebte unter dem Namen Arthur Druze, und Martha, die jüngste der Schwestern, heiratete später Mr. Dawlish. Die drei Mädchen waren sehr gute Freundinnen, sie hatten schon in ihrer Kindheit eine Art Vertrag geschlossen, sieh gegenseitig durch dick und dünn zu helfen. Dieser Umstand ist wesentlich für ihre späteren Beziehungen. Annie ging als Kammerzofe außer Landes und machte Bekanntschaft mit dem armen Abkömmling einer alt-italienischen Adelsfamilie. Sie heiratete ihn auch. Martha wurde in einem Hospital ausgebildet und legte ihre Prüfung als Hebamme ab. Sie wurde hinzugezogen, um Peters Mutter nach der Geburt zu pflegen.

Alice, die mittlere, ging zu ihrer Schwester Annie nach Java, wo Prinz Bellini eine untergeordnete Stellung einnahm. Ich habe eine lange Aussprache mit Martha Druze gehabt. Sie erzählte mir, daß Alice nach einer Kostümierung zu Arthur Druze wurde. Eines Abends ging sie als Mann verkleidet auf einen Maskenball, und niemand vermutete, wer sie in Wirklichkeit war. Die vorteilhaften Möglichkeiten, die sich hieraus ergaben, hat wohl Anita zum erstenmal überschaut, denn es steht außer Frage, daß sie sich auch schon damals Erpressungen zuschulden kommen ließ. Es ist erwiesen, daß sie in Java von einem Regierungsbeamten große Summen erpreßte. Es gibt ein Aktenstück hierüber, eine Klage, die die englische Polizei schon in dem Jahr erhob, als Anita hierher zurückkehrte und die Frau eines ihrer Opfer Anzeige gegen sie erstattete. Aber Anita konnte es nicht lassen. Martha hat alles ausgesagt und verraten, um sieb, selbst zu retten. Sie gibt an, daß Anita auch Banknoten gefälscht hat, soweit sie weiß. Es ist jetzt auch klargestellt, daß Anita die Unterschrift Lord Everreeds auf jenem Scheck fälschte, indem sie sich Peters Abwesenheit zunutze machte. Sie schickte dann Druze hin, um den Scheck einzukassieren. Der Ertrag dieses Verbrechens wurde zwischen den beiden Schwestern geteilt. Ob sie dies nur aus reiner Bosheit tat, um Peter zu ruinieren, oder ob sie selbst in Not war, konnte ich bis jetzt noch nicht feststellen. Martha behauptet, daß das letzte der Fall sei, und schwört, daß sie damals nichts von der Fälschung erfahren habe. Ich habe darüber meine eigene Ansicht. Anita war schon mit Jane bekannt, bevor sie sich mit Peter verlobte. Aber sie interessierte sich erst nach ihrer Heirat und ihrer Rückkehr nach England für sie. Die Verhaftung Peters fiel zeitlich mit der Tatsache zusammen, daß Anita erfuhr, Lord Raytham, ein schwerreicher Mann, wolle Jane heiraten, die merkwürdigerweise verschwunden war. Anita vermutete die wahre Ursache, stellte Nachforschungen an und fand sie tatsächlich auf. Sie hörte von Janes Zustand und blieb bei ihr. Sie hatte die Absicht, sie zu einer Heirat mit Raytham zu überreden, um sie später als Lady Raytham erpressen zu können. Sie versuchte Jane einzureden, daß ihre Ehe nicht rechtmäßig sei, und hoffte, daß sie in ihrer Verzweiflung Bigamie begehen würde, so daß sie für den Rest ihres Lebens in Anitas Gewalt wäre. Aber Jane machte einen verzweifelten Versuch, ihre Ehe zu lösen. Sie zog nach Reno und beantragte die Scheidung – und die Scheidung wurde von dem Gericht tatsächlich ausgesprochen.«

»Die Scheidung – wurde wirklich ausgesprochen?« unterbrach Janes erregte Stimme Leslies Erzählung. Ihre Worte klängen fast wie ein Schrei. »Die Scheidung wurde doch nicht ausgesprochen – sie wurde abgelehnt!«

»Sie wurde wirklich ausgesprochen, und das Urteil wurde rechtsgültig. Ich habe ein Telegramm von dem Gerichtssekretär erhalten, in dem die Tatsache bestätigt wird. Es kam gestern abend an.

Anita tat natürlich alles, uni die Scheidung zu hintertreiben. Denn wenn Jane wirklich geschieden worden wäre, so hätte sie außer dem Kind ja keine Handhabe gegen sie gehabt. Das Kind wurde infolgedessen von ihrer Schwester fortgebracht und Mrs. Inglethorne übergeben, die vier Jahre lang in Marthas Diensten stand. Als Anita herausfand, daß die Scheidung durchgehen würde, überredete sie Jane, den Gerichtssaal zu verlassen, während der Richter das Urteil verlas. Ihr Wagen stand vor der Tür des Gerichtsgebäudes, und hier wartete Jane auf das Urteil. Als Anita zu ihr zurückkehrte und mit ihr fortfuhr, log sie ihr vor, daß die Scheidung abgelehnt sei. Jane heiratete Lord Raytham also in dem Glauben, daß sie sich der Bigamie schuldig machte, obwohl sie sich selbst damit beruhigte, daß ihre erste Ehe in irgendeiner Art durch einen Formfehler ungültig sei.

Seit sieben Jahren hat Jane Raytham den Erpressern unerhörte Summen gezahlt. Sie nahm an, daß der Mann, der das Kind in Pflege genommen hatte, dahintersteckte. In Wirklichkeit zahlte sie an Anita Bellini und ihre Schwester.

Als Janes Niederkunft in Appledore nahe bevorstand, wurde Martha zugezogen. Erst viel später erfuhr Jane, daß diese Krankenschwester mit Mrs. Dawlish identisch war, die Peter so haßte und fürchtete. Damals begannen die Qualen für Jane, die erst vor einer Woche endeten. Dann wurde Druze, wie ich sie noch nennen will, plötzlich nervös. Ich glaube, daß ich hierfür verantwortlich bin. Meine Nachforschungen über die zwanzigtausend Pfund, die Jane von ihrer Bank abgehoben hatte, und die Anzeigen, die nach Scotland Yard gelangten, setzten sie derartig in Furcht, daß sie sich entschloß, nach Übersee zu gehen. Sie versuchte noch, soviel Geld als möglich zusammenzuraffen, bevor sie das Land verließ.

Jane gab ihr die Smaragdkette, und mit dieser ging Druze zu ihrer Schwester. Es gab eine kleine Auseinandersetzung über die Teilung der Beute. Anita, die stärkere von beiden, riß die Kette aus der Hand ihrer Schwester. Sie hatte aber nicht erwartet, daß Druze, die getrunken hatte und sehr erregt war, eine Pistole bei sich trug. In dem Kampf, der folgte, wurde Druze erschossen, aber sie hielt noch im Tod den viereckigen Smaragd in der Hand, den Anhänger des herrlichen Halsschmuckes der Lady Raytham. Ich kann mir nur vorstellen, daß Anita so außer sich vor Schmerz und Trauer war, daß sie keine Nachforschungen danach anstellte. In ihrem ersten Schrecken brachte sie die Leiche in ihrem Wagen fort und fuhr sie zu jener einsamen Straße, wo sie sie liegenließ. Aber neue Verdachtmomente kamen fast jeden Tag ans Licht. Mrs. Inglethorne berichtete die Anwesenheit Peters in ihrem Hause und sein Interesse an dem Kind. Anita bildete sich ein, daß er vermutete, wer Elisabeth sei, und daß seine Einquartierung in der Severall Street von vornherein beabsichtigt worden war. Sie holte deshalb das kleine Mädchen nach Wimbledon und konzentrierte ihre ganze Energie auf meine Ermordung, denn in mir sah sie ihre Hauptfeindin – und ich glaube, sie hatte damit recht.

Und nun bin ich am Ende«, schloß sie schlicht.

Mr. Coldwell erhob sich steif und streckte sich.

»Ich gehe jetzt heim und lege mich schlafen. Die kleinen gelben Javaner werden Sie jetzt nicht mehr beunruhigen, und ich denke, ich kann Sie wieder mit Lucretia hier lassen, ohne daß Ihnen etwas zustößt. Ich weiß zwar nicht, wie vor Gericht alles noch kommen wird oder wer noch in den Fall hineingezogen wird – aber das sind kleine Unannehmlichkeiten, die Sie auch noch überwinden werden.«

Jane wußte, daß er sie damit meinte, und lächelte.

»Ich werde alles überwinden, und ich fühle mich auch stark genug dazu, wenn ich nur die Gewißheit habe, daß mein Kind ab und zu bei mir sein wird.«

Sie ging auf Peter zu und reichte ihm die Hand.

»Ich weiß nicht, ob ich froh sein soll – über die Scheidung. Aber ich glaube, ich bin es, und ich hoffe, daß auch du es bist.«

Sie sah zu Leslie hinüber, die ihre Papiere auf dem Tisch ordnete, und sprach die nächsten Worte ganz leise.

»Glaubst du, daß auch sonst noch jemand froh darüber ist?«

»Ich hoffe es.«

Zum ersten- und zum letztenmal fühlte Jane Raytham ein kleines Stechen in der Herzgegend, das einige Ähnlichkeit mit Eifersucht hatte – aber es war bald vorüber.

»Besuche mich morgen. Wir wollen alles miteinander besprechen – was unsere Familie angeht.«

Schließlich waren nur noch Peter und Leslie zurückgeblieben. Außer ihnen war allerdings auch noch Lucretia da, die geräuschvoll das Geschirr in der Küche abwusch. Sie hatte die Tür halb offenstehen lassen, um ihre Herrin ganz genau überwachen zu können.

»Nun?« fragte Leslie. »Es ist doch alles noch gut geworden. Habe ich Ihnen erzählt, was Mrs. Dawlish beabsichtigt?«

Er nickte.

»Sie können sie natürlich anklagen, daß sie eine Fälschung begangen hat, aber ich glaube, es war mehr Anitas Werk. Es ist viel besser, wenn Sie ihr gestatten, daß sie Ihnen das Vermögen Ihres Vaters durch eine Schenkung Übermacht. Dadurch werden Sie ein sehr reicher Mann. Was werden Sie nun mit dem großen Vermögen beginnen? Werden Sie ein schönes Haus in der Park Lane kaufen?«

»Würden Sie denn gern ein Haus in der Park Lane haben?«

»Mir ist jedes Haus recht, Peter«; erwiderte sie ruhig.

Lucretia, die durch die Tür hereinschaute, sah, wie sich der braune Lockenkopf ihrer Herrin an Peters abgetragenen Rock lehnte, und wie sich Peter niederbeugte, um sie zu küssen.

Lucretia brummte.

»Mein Gott!« sagte sie zu sich selbst. »Diese Frauen!«

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