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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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21

Mrs. Donald Dawlish machte selten am Tage einen Besuch. Wenn ihr großer Rolls-Royce-Wagen am Berkeley Square auftauchte, war es ein besonderes Ereignis. Aber um elf Uhr nachts ...

»Wie, Mrs. Dawlish?« fragte Jane verwundert, als der Diener ihr die Nachricht brachte.

Sie hatte diese Frau seit zwei Jahren nicht gesehen. Ihr Verhalten war in letzter Zeit sogar direkt feindlich gewesen.

»Führen Sie die Dame bitte herauf.«

Margaret Dawlish schritt in den Raum und strich sich mit der Hand ihre weißen Haare glatt. Sie trug ein schwarzes Kleid, das ihr besser stand als irgendeine andere Farbe, und auf ihrer Brust prangte ein Diamartstern, der ein wenig zu groß war.

»Sie sind sicher erstaunt, daß ich zu dieser Stunde noch komme.« Sie legte ihren Schal auf den Diwan, ging zum Kamin und wärmte ihre Hände am Feuer.

»Ja, ich bin erstaunt«, sagte Jane und wartete, was kommen würde. Nur eine Katastrophe konnte Peters Mutter zu einem solchen Schritt veranlassen.

»Ich bin Ihnen eine gute Freundin gewesen, Jane – in vergangenen Tagen«, begann sie und wartete auf eine Bestätigung. Aber Jane schwieg. »Es hat Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten wegen des Testaments meines verstorbenen Mannes gegeben«, fuhr sie fort. »Ich habe heute abend einen Brief von seinem Rechtsanwalt bekommen, in dem er mich auffordert, ihm alle möglichen Informationen zu geben, auf die ich nicht vorbereitet bin. Das Testament wurde vor sechs Jahren beglaubigt, sie können jetzt nichts mehr anfangen, aber sie nörgeln dauernd, und ich bin dieser Sache müde. Es ist möglich, daß die Rechtsanwälte in Peters Auftrag handeln, aber ich bezweifle es. Peter kann auf alle Fälle dieses Vorgehen gegen mich unterbinden.«

Es war das erstemal, daß Jane Raytham etwas von Schwierigkeiten in Verbindung mit dem Testament des verstorbenen Mr. Dawlish hörte. Aber die Bitte, die an sie gestellt werden sollte, konnte sie nicht ohne Widerspruch hingehen lassen.

»Ich weiß nichts von der Sache. Peter muß natürlich handeln, wie er es für gut hält. Ich habe keinen Einfluß auf ihn.«

»Sie haben großen Einfluß«, sagte Mrs. Dawlish mit Nachdruck. »Peter hat alles über das Kind herausbekommen, vermutlich wissen Sie das.«

Jane nickte.

»Er ist begierig, sein Kind zu bekommen und –«

Sie schaute in die grauen Augen und hielt plötzlich inne.

»Auch ich möchte es finden«, sagte Jane Raytham leise.

Mrs. Dawlish war sehr überrascht.

»Sie auch? Ich dachte nicht, daß Sie die Veranlagung haben, sich über solche Dinge Sorgen zu machen. Nun, das ist von meinem Standpunkt aus um so besser. Ich kann Ihnen das Kind geben. Sagen Sie Peter nur, daß ich Ihnen das Kind ausliefern und ihm eine große Rente aussetzen werde, wenn es ihm gelingt, die Rechtsanwälte daran zu hindern, weiter gegen mich vorzugehen.«

»Wie, Sie können mir das Kind zurückgeben? Sie wissen, wo es ist?« fragte Jane mit zitternder Stimme.

»Ja, ich weiß es. Es war kein Junge, Jane.«

Jane Raytham schrak zurück, als ob sie ins Gesicht geschlagen worden wäre.

»Es war kein Junge – es war ein Mädchen? Und Sie hatten mir doch versprochen –«

»Es hat jetzt keinen Sinn, über Versprechen und Ereignisse zu reden, die Jahre zurückliegen«, sagte Margaret Dawlish kühl. »Ich spreche von der Gegenwart. Ja, es war ein Mädchen. Druze brachte sie zu meinem früheren Dienstmädchen – Marthas Dienstmädchen.«

Jane starrte sie sprachlos vor Erstaunen an.

»Was – Sie sind Martha?«

Mrs. Dawlish nickte.

»Martha Druze?«

»Martha Dawlish. Ich kann auf diesen Namen Anspruch erheben, nicht einmal Peter kann ihn mir nehmen. Ich heiratete den alten Dawlish zwei Wochen, nachdem seine Frau im Kindbett gestorben war. Anita hat ihn dazu gebracht, wenn Sie nun doch einmal die Wahrheit wissen wollen. Sie hätte ihn selbst geheiratet, aber damals war Bellini noch am Leben. Ich war ihre Lieblingsschwester, und es war immer ihre Absicht gewesen, mich gut zu verheiraten. Ich weiß nicht, in welchem Verhältnis sie zu meinem Mann stand, und ich kümmerte mich auch nicht darum. Aber sie war in jenen Tagen eine schöne, faszinierende Frau, bevor sie sich selbst vernachlässigte. Auf jeden Fall hatte sie genug Einfluß, um ihn zu veranlassen, mich zu heiraten.«

Jane bedeckte ihre Augen mit den Händen, als ob sie versuchte, den Dunst und Nebel wegzuwischen, der ihren klaren Blick verdunkelte.

»Sie sind Martha?« sagte sie dann wieder, »Ich wußte wohl, daß Sie eine Krankenschwester waren. Wie ist es denn dann mit Peter?«

»Peter ist nicht mein Sohn – wenn Sie das wissen wollen. Ich bestand darauf, daß es ihm nie gesagt werden sollte. Ich fühlte, daß es meine Stellung und meine Autorität schwächen würde. Mr. Dawlish war leicht zu behandeln und versprach es mir. Hätte Peter nur ein wenig Verstand gehabt, so hätte er das wissen können. Er brauchte ja nur seinen Geburtsschein einzusehen und mit meiner Heiratsurkunde zu vergleichen, um alles zu erfahren. Jane, wollen sie mir helfen, was Peter anbetrifft? Ich will nicht kleinlich sein mit der Summe.«

Jane schüttelte hilflos den Kopf.

»Ich wüßte nicht, was ich tun könnte, ich kann meine Gedanken im Augenblick nicht sammeln ... Nur eins weiß ich – ich möchte mein Kind haben – meine Tochter!«

Über die harten Züge von Mrs. Dawlish flog ein Lächeln.

»Sehnt sich denn sonst niemand nach dem Kind?« fragte sie bedeutungsvoll. »Hat Peter keine Rechte an das Mädchen? Daran haben Sie wohl noch gar nicht gedacht?«

»Doch«, entgegnete Jane mit leiser Stimme. »Aber ich kenne Peter. Und ob das Kind bei mir ist oder bei ihm – es wird uns beiden gehören. Wir schreiten einen Abhang hinunter, der sich immer tiefer senkt. Gott weiß, wann, wie und wo wir enden werden. Ich war so schlecht, wie nur eine Frau sein kann, ich habe Bigamie begangen – unterbrechen Sie mich nicht –, mein Mann muß es wissen. Ich glaube, es wird ihm nicht so nahegehen wie mir – er wird vielleicht froh sein, mich loszuwerden. Aber das alles kann ich ertragen, wenn ich nur mein Kind habe. Ich will alles tun, was in meinen Kräften steht«, fuhr sie schnell fort, als sie ihre Fassung wiedererlangte. »Wenn es Peter nicht verletzt – ich habe ihn schon zu tief gekränkt. Aber er hat einen zu festen Charakter, als daß ihn das noch verletzen könnte. Ich kann ihn heute abend nicht mehr sehen, aber ich werde ihm noch heute schreiben, daß ich ihn morgen sprechen möchte und dann –«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und ein Mann mit verbundenem Kopf trat ein. Zuerst erkannte sie ihn nicht.

»Peter!« rief sie dann mit zitternder Stimme.

Er führte ein kleines Mädchen in einem abgetragenen und verschossenen Mantel an der Hand. Das Kind trug keinen Hut, die goldenen Locken fielen lose herab. Jane Raytham schaute in dieses schöne Gesicht, sah in die klaren Augen, die sie verwundert anschauten. Sie öffnete ihre Lippen, aber sie konnte kein Wort hervorbringen.

»Wer ist dies, Peter?« fragte sie endlich mit einer fast fremden Stimme.

»Das ist Elisabeth«, sagte Peter freundlich. »Elisabeth« – er beugte sich nieder und blickte in die Augen des Kindes – »Elisabeth, dies ist deine Mutter!«

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